Brutalismus

Hannover-Linden, Ihme-Zentrum im Bau, 1973 (Bild: Manfred Kohrs/Rolf Kohrs, CC BY SA 3.0)

Hannover brutal

Rohe Betonwände, gigantische Gebäudekomplexe, schlechter Ruf – die Architektur des Brutalismus wurde lange Jahre stigmatisiert und in ihrer Originalität und ihrer Bedeutung in Bezug auf das historische Erbe verkannt. Doch seit einigen Jahren erfreut sich der Baustil bei Architektur-, Design- und Kunstfans wieder größerer Aufmerksamkeit. Manch einer sagt dem Brutalismus sogar eine große Zukunft voraus, wie den Altbauten früher. Auch in der Landeshauptstadt Hannover fasziniert heute deswegen immer mehr Menschen. Die Veranstaltung „Brutalismus – Wiederentdeckung einer verkannten Architektur“ findet am 7. Januar 2018 von 16 bis 18 Uhr im Ihme-Zentrum Hannover (Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, Am Ihmeplatz 7e 2. Etage, 30449 Hannover) statt. Der Veranstalter, die Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, wird hierfür unterstützt durch den Bund Deutscher Architekten BDA, Bezirksgruppe Hannover.

Der Vortragende Professor Ekkehard Bollmann, Architekt und Zeitzeuge, erklärt in einem Vortrag, wie der Brutalismus in den wilden und ereignisreichen 1960er-Jahren entwickelt wurde, einer Zeit der gesellschaftlichen Utopien und Experimente, warum er für eine fortschrittliche Gesellschaft steht und wie es gelingt, aus geschmähten Betonklötzen die Leuchttürme zu machen, die sie sein könnten. Etwas Geld vom Bund steht für die Leuchtturmförderung jedenfalls schon bereit. (kb, 19.11.17)

Hannover-Linden, Ihme-Zentrum im Bau, 1973 (Bild: Manfred Kohrs/Rolf Kohrs, CC BY SA 3.0)

Brutalist Architecture Christmas Cards (Bild: dollydagger.com)

Mit brutalistischen Grüßen

Grau und Weiß gehen erfahrungsgemäß gut zusammen, Beton und Schnee damit vermutlich auch. Diesen Vorteil nutzt der Online-Anbieter „dollydagger“ für ein Set von sechs brutalistischen Architektur-Weihnachtskarten im Format A 6. Je zweimal sind darin drei Motive enthalten – allesamt geschmackvoll stilisiert unter Schneeflocken und vor einem adventlich stimmenden Hintergrund.

Die Architekturmotive zeigen drei Londoner Ikonen des grauen Stils: das Barbican (Wohnanlage und Kulturzentrum, 1960er bis frühe 1980er Jahre, Chamberlin, Powell und Bon), das Glenkerry House (1971, Ernö Goldfinger) und den Welbeck Street Car Park (1970, Michael Blampied und Partner). Die Fotografien stammen von Nick Miners und wurden von „Dollydagger“ grafisch bearbeitet. Der Anbieter sieht in seinem Kartenset die ideale Adventsgabe für Architekten, Architekturfans und Brutalisten. (kb, 7.11.17)

Kartenmotive (Bild: dollydagger.com)

Frankfurt, Abriss des Historischen Museums, 2010 (Bild: Hagen Stier)

Was vom Brutalismus übrig blieb

Frankfurt steht im November ganz im Zeichen des grauen Kunststeins: Schon vor der – in ihrer Eröffnung auf den 8. November (19 Uhr) verschobenen – Ausstellung „SOS BRUTALISMUS“ von Deutschem Architekturmuseum (DAM) und Wüstenrot Stiftung kann man im Thema vorglühen: Am 1. November bietet das DAM die Vortragsveranstaltung „STADTplus – Die Stadt + Der Beton“ (ab 19 Uhr, Vortrag und Führung, nach dem 30-minütigen Vortrag ist das DAM bis 21 Uhr geöffnet).

Thema ist „Was vom Brutalismus übrig blieb“, was ja nicht wirklich viel ist: Der AfE-Turm auf dem Campus Bockenheim, das Technische Rathaus und das Historische Museum wurden abgerissen. Vortragende sind für moderneREGIONAL der Journalist Daniel Bartetzko und die Kunsthistorikerin/Theologin Karin Berkemann. Und wer das Ganze noch im Bücherschrank sein Eigen nennen möchte, kann ab Anfang November den bei Park Books erschienenen Ausstellungskatalog „SOS BRUTALISMUS“ erwerben, der „erstmals die brutalistische Architektur der 1950er bis 1970er Jahre im weltweiten Überblick“ darbieten will. (jr, 28.10.17)

Frankfurt, Abriss des Historischen Museums, 2010 (Foto: Hagen Stier)

Sidney, Sirius-Building (Bild: Eastberliner, CC BY SA 3.0)

Sydney: Sirius doch nicht gelistet

Vor Appartement 74 des Sirius-Buidings – wo zuvor „One Way! Jesus“ zur Umkehr mahnte – wurde 2014 ein rot leuchtendes SOS angebracht. Damit sollte die Gefährdung des brutalistischen Baukunstwerks sichtbar werden, dem Fachleute Bezüge zum japanischen Metabolismus nachsagen. Errichtet wurde der Bau in Sydney von 1978 bis 1980 nach Entwürfen des Architekten Theo (Tao) Gofers. Als herausragendes Beispiel des australischen Brutalismus wurde Sirius auf in die Listen des National Trust of Australia (NSW) und des Australian Institute of Architects (NSW). Auch die Initiative „SOS Brutalism“ des Deutschen Architekturmuseums listete und lobte das Gebäude.

Doch das zuständige Umweltministerium nahm das Sirius nicht wie erhofft ins State Heritage Register auf. Denn, so die Argumentation, der finanzielle Mehrwert durch den Verkauf sei höher zu werten als der kulturelle – wolle man doch neue Wohnungen für bedürftige Familien schaffen. Zwischenzeitlich verließen die meisten Bewohner die Anlage, doch einige bäumten sich auf gegen den drohenden Abriss: Noch im Juli votierte der „Land and Environment Court“ für eine Unterschutzstellung. Gestern jedoch zerstörte der Daily Telegraph mit seinem Beitrag alle aufkeimenden Hoffnungen: Der „Minister for the Environment and Heritage“ Gabrielle Upton habe klargestellt, dass Sirius definitiv nicht als Kulturerbe gelistet und damit auch nicht geschützt wird. (kb, 26.10.17)

Sydney, Sirius-Building (Bild: Eastberliner, CC BY SA 3.0)

Gregor Zoyzola: Postpyramide (Bild: Breidenbachsudios)

Der Herbst wird brutalistisch

SOS Brutalismus – unter diesem Label ruft das Deutsche Architekturmuseum seit einiger Zeit zur „Rettung der Betonmonster“ auf. Am 9. November öffnet die gleichnamige Ausstellung in Frankfurt ihre Tore. Doch nicht nur das DAM widmet sich der lange geschmähten Bauform: Brutalismus ist derzeit einfach hip. Freunde der Bauform können ihren Kalender nun um ein weiteres Event bereichern: die breidenbachstudios in Heidelberg zeigen im Oktober in der Ausstellung Concrete Imagination Werke des Fotografen Gregor Zoyzoyla, die ikonische Bauten des Brutalismus in den Blick nehmen.

Zoyzoyla portätiert die monumentalen Betonkolösse aus Blickwinkeln, die sowohl die erschlagende Größe als auch die kleinteilige, fast elegante Fassadengestaltung einfangen. Die Fotografien blicken aus distanziert-respektvoller Perspektive auf die Betonmonster und öffnen den Blick für deren spezifische Ästhetik. Die Ausstellung ist Teil des Festivals OFF Foto 2017, das rund 70 Ausstellungen in der Metropolregion Rhein-Neckar umfasst. Freunde des Brutalismus sollten die Fahrt nach Heidelberg bald ins Auge fassen: Die Fotoausstellung ist nur vom 14. bis zum 20. Oktober zu sehen. (jr, 5.9.17)

Postpyramide, Hamburg (Bild: Gregor Zoyzoyla)

Send us a postcard

Das DAM (Deutsches Architekturmuseum) wünscht sich Post von Ihnen. Mit dem Aufruf „Send us a postcard from your brutiful holidays“ bittet die Aktion „SOSBrutalism“, eine Initiative mit dem Magazin uncube, um Postkarten mit bruatlistischen Motiven an die folgende Adresse: Deutsches Architekturmuseum / SOS-Team Elser / Hedderichstr 108 / 60596 Frankfurt / GERMANY. Motive dürften Sie – zwischen Mallorca-Bettenburg und bildungsbürgerlichem Kirchenbesuch – sicher zu Hauf finden. Und ein paar jahrzehntealte Postkarten, die solche Schönheiten noch stolz als Neuheiten präsentierten.

Damit können Sie sich auch die Wartezeit auf die anstehende Frankfurter Brutalismus-Ausstellung versüßen (wir werden noch ausführlicher berichten), die für den wiederentdeckten Baustil der Jahre zwischen 1953 und 1979 eine Lanze brechen will. Vorlaufend sammelt die Projektseite www.SOSBrutalism.org mittlerweile weltweit mehr als 1.000 Bauten dieser Gattung. Zu den regionalen Schwerpunkten zählen Israel, Japan, Südamerika, selbstverständlich Großbritannien, die USA, aber auch viele westdeutsche Kirchenbauten. Die Präsentation „SOS BRUTALISMUS – Rettet die Betonmonster!“ , ein Projekt mit der Wüstenrot Stiftung, wird vom 7. Oktober bis zum 25. Februar 2018 in Frankfurt zu sehen sein, die Eröffnung wird am 6. Oktober 2017 um 19.00 Uhr gefeiert. (kb, 10.8.17)

Hauptfeuerwache Aachen (Bild: (C) Stadt Aachen)

Aachen: Hauptfeuerwache saniert

In Aachen wurden kürzlich die Sanierungsarbeiten an der Hauptfeuerwache beendet. Seit 2015 wurde der denkmalgeschützte Bau modernisiert und den neuesten Erfordernissen angepasst. Sowohl der städtische Denkmalschutz als auch der Aachener Feuerwehrchef sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Die Feuerwache wurde in den 1960er Jahren für 75 Feuerwehrleute konzipiert, künftig wird sie 200 Mann Platz bieten. Ab dem 7. August soll sie voll einsatzbereit sein.

Der Bau entstand in den Jahren 1961 bis 1964 nach Plänen Rudolf Steinbachs, der zu dieser Zeit an der RWTH Aachen lehrte. Seit 2013 steht das brutalistische Gebäude unter Denkmalschutz. In den letzten beiden Jahren wurde es nicht nur umfassend saniert, sondern durch eine Veränderung des Grundrisses auch funktional angepasst. Auch die Fassadengestaltung hat sich leicht verändert: So bietet sich dem Passanten künftig durch gläserne Tore ein unverstellter Blick auf den Fuhrpark der Feuerwehr. (jr, 2.8.17)

Aachen, Hauptfeuerwache (Bild: © Stadt Aachen)

Wroclaw, BrutalEast (Bild: Zupagrafika)

Papier-Brutalismus

Ein Brutalismus-Wohnblock, der zu 100 Prozent biologisch abbaubar ist? Klingt komisch – ist aber so. Denn er ist aus Papier und kann in den heimischen vier Wänden sowohl gebaut als auch aufgestellt werden. Die polnischen Bastelbogen-Künstler von ZUPAGRAFIKA bieten eine breite Palette solcher Papier-Brutalismen an: Im Programm sind etwa moderne Schönheiten aus London und Paris. Ebenso kann man sich in den Grundformen und Primärfarben des Konstruktivismus seine eigene „Avantgarde-Siedlung“ zusammenbasteln.

Nun gibt es auch sieben grandiose Beton-Burgen des ehemaligen Ostblocks zu kaufen. Unter anderem der von 1967 bis 1975 entstandene „Manhattan“-Wohnkomlex in Wroclaw/Breslau (Jadwiga Grabowska) und das Haus der Sowjets in Kaliningrad. Wenn Sie also anhaltendes Regenwetter aus dem Freibad in den heimischen Bastelkeller zwingt, haben Sie hoffentlich vorgesorgt. An uns hat es dann jedenfalls nicht gelegen! (db, 30.7.17)

Breslau, Hochhaus-Bastelbogen (Foto: Copyright Zupagrafika)

Sofia, 1300 Jahre Bulgarien (Bild: Save the Monument)

Sofia: Rettet die Betonskulptur!

In Bulgarien geht es einem Stück sozialistischer Erinnerungskultur an den Kragen. Das monumentale Denkmal „1300 Jahre Bulgarien“ soll abgerissen werden, die ersten Arbeiten haben bereits begonnen. Die Skulptur aus ineinander verschränkten Betonelementen ist bis zu 31 Meter hoch und wurde der Öffentlichkeit zum Jubiläumsjahr 1981 übergeben. Die bulgarische Initiative „Save the Monument“ hofft, den Abriss in letzter Sekunde noch stoppen zu können und sucht nun internationale Unterstützer.

Das Monument ist Teil des Ensembles um den Nationalen Kulturpalast, der ebenfalls anlässlich der 1300-Jahrfeier Bulgariens im Zentrum Sofias errichtet wurde. Das ostmoderne Bauwerk wird derzeit saniert, worunter absurderweise auch der Abriss des Denkmals gerechnet wird. Anlass ist die erste EU-Ratspräsidentschaft Bulgariens im Jahr 2018, der der Kulturpalast eine repräsentative Bühne bieten soll. Da die Skulptur zu Zeiten der Volksrepublik Bulgariens entstand, wird sie mit dem damaligen Regime verknüpft, obwohl sie sich in ihrer Abstraktion deutlich von der realsozialistischen Monumentalpropaganda unterscheidet. Die ineinander verschränkten Betonblöcke des Denkmals wurden von Valentin Startchev entworfen und sollen Geschichte, Gegenwart und Zukunft Bulgariens darstellen. (jr, 19.7.17)

Sovia, Denkmal „1300 Jahre Bulgarien“ (Bild: Save the Monument)

Marl, ehemalige Hauptschule (Bild: Thorsten Arendt/Ruhrmoderne)

100 Stunden Brutalismus in Marl

100 Stunden Brutalismus in vier Tagen? Doch, irgendwie wird das funktionieren: Von 27. bis zum 30. Juli bietet die Initiative Ruhrmoderne ein ambitioniertes Programm rund um „großartige und fatale Beispiele“ des Brutalismus im nördlichen Ruhrgebiet an. Zu den Ausgewählten zählen neu geschaffene Städte und Stadtzentren, experimentelle Wohnstrukturen und weitere geglückte wie gescheiterte Planungen. Als Unterkunft für die Teilnehmer dient das „Hotel Ruhrmoderne“ – die ehemalige Hauptschule von Günter Marschall (1967). Seit 2009 steht sie leer, auch wenn sie zwischenzeitlich zum – nie genutzten – Erstaufnahmelager umgestaltet wurde. Für vier Tage (bitte rechnen: das macht 96 Stunden) kehrt nun wieder Leben ein.

Die Exkursionen der Veranstaltung führen zu weiteren Bauten in Marl sowie durch die Neue Stadt Wulfen, in der unter anderem das grandios gescheiterte Habiflex (noch) steht. Und da die Fahrrad-Metropole Münster nahe ist, wird dort per Pedale die aktuell laufende Kunstschau „Skulpturen Projekte“ erkundet. Ergänzend gibt es Vorträge und Diskussionen sowie das Symposium „Brutiful Life“ zur Moderne der 60er und 70er Jahre mit Theo Deutinger, Inke Arns, Georg Elben, Constantin Alexander und Oliver Elser. Alle Veranstaltungen können auch einzeln wahrgenommen werden. Das „Hotel Ruhrmoderne“ ist kostenfrei, die Teilnahme insgesamt kostet 100 Euro (60 Euro für Studenten). Die Anmeldung läuft bis 23. Juli, Obacht: begrenzte Teilnehmerzahl! (db, 11.7.17)

Das „Hotel Ruhrmoderne“ (Bild: Thorsten Arendt/Veranstalter)