Brutalismus

Edvard Ravnika, Ljublijana, Platz der Revolution (heute Platz der Republik), 1960-74 (Bild: Valentin Jeck/Museum of Modern Art, New York, 2016)

A Concrete Utopia

Der frühe Vogel kann uns mal – obwohl, bei Überseereisen kann er äußerst nerven- und portemonnaieschonend sein. So lohnte es sich, jetzt schon den nächsten New-York-Trip zu planen, denn hier wartet ab dem 15. Juli diesen Jahres eine sehenswerte Beton-Schau. Mit „Toward a Concrete Utopia“ bietet das dortige Museum of Modern Art (Moma) einen Rundumblick auf die moderne Architektur im Jugoslawien der Jahre 1948 bis 1980. Zwischen dem kapitalistischen Westen und dem sozialistischen Osten unterlagen die Architekten Jugoslawiens widersprüchlichen Wünschen und Anforderungen. Es entstanden Bauten vom eleganten Wolkenkratzer im Internationalen Stil bis zum schweren sozialistischen Brutalismus.

Die Ausstellung folgt diesem weiten Bogen von großangelegten stadtplanerischen Entwürfen über Alltagsarchitektur bis zu zeichenhaften Monumenten. Gezeigt werden mehr als 400 Zeichnungen, Modelle, Fotografien und Filme aus öffentlichen Archiven, Familiennachlässen und regionalen Museen. Mit dabei sind Architekten wie Bogdan Bogdanović, Juraj Neidhardt, Svetlana Kana Radević, Edvard Ravnikar, Vjenceslav Richter und Milica Šterić oder Gebäude von der Weißen Moschee im ländlichen Bosnien bis zu den expressiven Häuserblöcken in „Neu Belgrad“. Wer dann doch noch etwas mehr Planungsvorlauf braucht, der kann sich bis zum 13. Januar 2019 Zeit nehmen, dann schließt die Moma-Ausstellung. (kb, 31.1.18)

Edvard Ravnika, Ljublijana, Platz der Revolution (heute Platz der Republik), 1960-74 (Bild: Valentin Jeck/Museum of Modern Art, New York, 2016)

Altes Hertiegebäude Neustadt (Bild: PD)

Neustart in Neustadt

Der Brutalismus ist ja derzeit in aller Munde: nicht nur, dass das DAM in Frankfurt den Betonmonstern eine eigene Sonderausstellung widmet. Diverse Medien rufen seit der Eröffnung zur Revision des Baustils auf, in Hipsterkreisen ist er längst Kult. Nun hat auch Neustadt an der Weinstraße sein Herz für Brutalismus (wieder)entdeckt. Kürzlich wurde bekannt, dass das ehemalige Hertiegebäude in der Innenstadt erhalten bleibt und 2019 erneut seine Pforten öffnen soll – zuletzt residierte dort Karstadt, seit 2009 stand der Bau leer und war akut abrissbedroht.

Die Immobilie steht beispielhaft für den Einzug des Brutalismus in die deutschen Innenstädte der Nachkriegszeit. Der stattliche Betonkoloss reckt sein Parkdeck am Neustädter Kartoffelmarkt in die Höhe, vis-à-vis mit der Stiftskirche, dem historischen Wahrzeichen der Stadt. Wie vielen Kollegen in anderen Städten, etwa dem Betonbau des historischen Museum am Frankfurter Römer, drohte auch dem Hertiegebäude in den 2000ern der Abriss. Diese Pläne sind nun vom Tisch: ein Investor plant die Revitalisierung des Betonklotzes, künftig sollen auf den drei Verkaufsetagen verschiedene Einzelhändler Platz finden. Die Architektur soll dabei modifiziert und nach Informationen des Focus durch einen Aluminiumschleier mit den umliegenden Fachwerkbauten versöhnt werden. (jr, 24.11.17)

Altes Hertiegebäude Neustadt (Bild: PD)

Hannover-Linden, Ihme-Zentrum im Bau, 1973 (Bild: Manfred Kohrs/Rolf Kohrs, CC BY SA 3.0)

Hannover brutal

Rohe Betonwände, gigantische Gebäudekomplexe, schlechter Ruf – die Architektur des Brutalismus wurde lange Jahre stigmatisiert und in ihrer Originalität und ihrer Bedeutung in Bezug auf das historische Erbe verkannt. Doch seit einigen Jahren erfreut sich der Baustil bei Architektur-, Design- und Kunstfans wieder größerer Aufmerksamkeit. Manch einer sagt dem Brutalismus sogar eine große Zukunft voraus, wie den Altbauten früher. Auch in der Landeshauptstadt Hannover fasziniert heute deswegen immer mehr Menschen. Die Veranstaltung „Brutalismus – Wiederentdeckung einer verkannten Architektur“ findet am 7. Januar 2018 von 16 bis 18 Uhr im Ihme-Zentrum Hannover (Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, Am Ihmeplatz 7e 2. Etage, 30449 Hannover) statt. Der Veranstalter, die Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, wird hierfür unterstützt durch den Bund Deutscher Architekten BDA, Bezirksgruppe Hannover.

Der Vortragende Professor Ekkehard Bollmann, Architekt und Zeitzeuge, erklärt in einem Vortrag, wie der Brutalismus in den wilden und ereignisreichen 1960er-Jahren entwickelt wurde, einer Zeit der gesellschaftlichen Utopien und Experimente, warum er für eine fortschrittliche Gesellschaft steht und wie es gelingt, aus geschmähten Betonklötzen die Leuchttürme zu machen, die sie sein könnten. Etwas Geld vom Bund steht für die Leuchtturmförderung jedenfalls schon bereit. (kb, 19.11.17)

Hannover-Linden, Ihme-Zentrum im Bau, 1973 (Bild: Manfred Kohrs/Rolf Kohrs, CC BY SA 3.0)

Brutalist Architecture Christmas Cards (Bild: dollydagger.com)

Mit brutalistischen Grüßen

Grau und Weiß gehen erfahrungsgemäß gut zusammen, Beton und Schnee damit vermutlich auch. Diesen Vorteil nutzt der Online-Anbieter „dollydagger“ für ein Set von sechs brutalistischen Architektur-Weihnachtskarten im Format A 6. Je zweimal sind darin drei Motive enthalten – allesamt geschmackvoll stilisiert unter Schneeflocken und vor einem adventlich stimmenden Hintergrund.

Die Architekturmotive zeigen drei Londoner Ikonen des grauen Stils: das Barbican (Wohnanlage und Kulturzentrum, 1960er bis frühe 1980er Jahre, Chamberlin, Powell und Bon), das Glenkerry House (1971, Ernö Goldfinger) und den Welbeck Street Car Park (1970, Michael Blampied und Partner). Die Fotografien stammen von Nick Miners und wurden von „Dollydagger“ grafisch bearbeitet. Der Anbieter sieht in seinem Kartenset die ideale Adventsgabe für Architekten, Architekturfans und Brutalisten. (kb, 7.11.17)

Kartenmotive (Bild: dollydagger.com)

Frankfurt, Abriss des Historischen Museums, 2010 (Bild: Hagen Stier)

Was vom Brutalismus übrig blieb

Frankfurt steht im November ganz im Zeichen des grauen Kunststeins: Schon vor der – in ihrer Eröffnung auf den 8. November (19 Uhr) verschobenen – Ausstellung „SOS BRUTALISMUS“ von Deutschem Architekturmuseum (DAM) und Wüstenrot Stiftung kann man im Thema vorglühen: Am 1. November bietet das DAM die Vortragsveranstaltung „STADTplus – Die Stadt + Der Beton“ (ab 19 Uhr, Vortrag und Führung, nach dem 30-minütigen Vortrag ist das DAM bis 21 Uhr geöffnet).

Thema ist „Was vom Brutalismus übrig blieb“, was ja nicht wirklich viel ist: Der AfE-Turm auf dem Campus Bockenheim, das Technische Rathaus und das Historische Museum wurden abgerissen. Vortragende sind für moderneREGIONAL der Journalist Daniel Bartetzko und die Kunsthistorikerin/Theologin Karin Berkemann. Und wer das Ganze noch im Bücherschrank sein Eigen nennen möchte, kann ab Anfang November den bei Park Books erschienenen Ausstellungskatalog „SOS BRUTALISMUS“ erwerben, der „erstmals die brutalistische Architektur der 1950er bis 1970er Jahre im weltweiten Überblick“ darbieten will. (jr, 28.10.17)

Frankfurt, Abriss des Historischen Museums, 2010 (Foto: Hagen Stier)