Chemnitz

Chemnitz Busbahnhof (Bild: Kolossos, CC-BY-SA 3.0)

Nächster Halt: Ungewiss

In Chemnitz steht ein bedeutendes Zeugnis der Ostmoderne vor seinem 50-jährigen Jubiläum und gleichzeitig einer ungewissen Zukunft. Der Omnibusbahnhof der Stadt wurde 1968 als Experimentalbau der Deutschen Bauakademie fertiggestellt und sorgte international für Aufsehen. 2018 soll hier der letzte Bus abfahren: Der traditionelle Standort wird aufgegeben und der Busbahnhof an eine andere Stelle verlegt. Die Stadt sieht vor, das denkmalgeschützte Dach des Busbahnhofs zu demontieren und anderswo erneut aufzubauen.

Der Verkehrsbau im damaligen Karl-Marx-Stadt galt zur Eröffnung als eine der modernsten Anlagen Europas. Das rund 1200 Quadratmeter große Dach des Busbahnhofs, das nur von Stahlseilen und schlanken Pylonen gehalten wird, war nicht nur in der DDR ein Hingucker. Das Areal soll nach der Schließung des Busbahnhofs der TU Chemnitz Entfaltungsmöglichkeiten bieten, deren Zentralbibliothek bald in das nahe gelegene Gebäude der Aktienspinnerei ziehen wird. Nach Informationen der Freien Presse bezweifeln Experten jedoch, dass eine Demontage der Dachkonstruktion möglich ist, ohne sie zu zerstören. Eine entsprechende Genehmigung der Denkmalschutzbehörden steht jedenfalls noch aus. (jr, 15.7.17)

Chemnitz, Busbahnhof (Bild: Kolossos, CC BY SA 3.0)

Chemnitz, Haus der Körperkultur (Bild: Youtube-Still)

Neue Nutzung im Haus für Körperkultur

15 Jahre Leerstand und zunehmender Vandalismus setzten dem einstigen „Haus für Körperkultur“ im Chemnitzer Stadtteil Rabenstein arg zu. Nun werden im denkmalgeschützten Bau Eigentumswohnungen errichtet. Entsprechende Pläne gibt es schon länger, doch langsam scheint Schwung in das Projekt zu kommen: Auf Immobilienseiten sind mittlerweile detaillierte Anzeigen geschaltet, die Straße vorm Portal des Gebäudes ist aufgrund der Baustelle bereits bis voraussichtlich 2018 gesperrt.

Die Neoklassizistische Erholungsanlage am Pelzmühlenteich, bestehend aus dem Kulturpalast und dem Haus der Köperkultur als Gegenstück, wurde 1949 bis 51 auf Initiative der Sowjets und der Wismut AG errichtet. Ausführende Architekten waren Kurt Ritter, Adam Burger und Joachim Rackwitz. Der Kulturpalast in Chemnitz war im Übrigen der erste seiner Art in der DDR. Das Haus für Körperkultur wurde 1967 der Stadt übergeben, die es als „Sport- und Freizeitcenter Siegmar“ bis 2002 nutzte. Sinkende Besucherzahlen und schon damals hoher Sanierungsbedarf waren Anlass für die Schließung. (db, 29.5.17)

Chemnitz, Haus der Körperkultur (Bild: Youtube-Still)

Kehrt „Brunnen der Jugend“ zurück?

Chemnitz, Brunnen der Jugend des Sozialismus (Bild: historische Postkarte)
Chemnitz, Brunnen der Jugend des Sozialismus (Bild: historische Postkarte)

Der „Brunnen der Jugend im Sozialismus“ war in der Inneren Klosterstraße der damals noch so genannten „Karl-Marx-Stadt“ unübersehbar. Allein schon durch seine Größe (ein 17 x 4 Meter großes Wasserbecken mit einer zentralen Emaille-Wand) und ebenso durch seine intensiven Farben (alle) – schuf der Künstler mit dem klangvollen Namen Ronald Paris 1974 einen prägenden Punkt im öffentlichen Raum.

Nach der Wende wurde die Anlage entfernt und Elemente davon im Keller des Tiefbauamts eingelagert. Heute stehen an seiner Stelle Bronze-Pinguine (2004, Peter Kallfels). Doch der alte Brunnen könnte zurückkehren, zumindest wenn es nach dem Willen von Linke und Grünen geht. Vor zehn Jahren hatte der örtliche Bürgerverein schon einmal einen Anlauf genommen, damals ohne Erfolg – die Verwaltung lehnte ab, aus „finanziellen Gründen“. Im August 2016 zeigte man sich offener für eine Wiederherstellung der Brunnenanlage. Die Kosten wurden auf 60.000 bis 90.000 Euro geschätzt. Als mögliche Standorte wurden gehandelt: neben dem Schulzentrum Sport, an der Käthe-Kollwitz-Straße hinter der Industrie- und Handelskammer oder auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs. Eine Online-Petition will im Februar 2016 die Rückkehr des Jugend-Brunnens an ihren ursprüngliche Ort in die Klosterstraße verhindern, da er nun die dortigen Pinguine vertreiben würde. (kb, 8.8.16/2.2.17)

Moderne 2.0

Ingenieur, Zahnräder betrachtend, Chemnitz, 1951 (Foto: Seidel, Bild: Bundesarchiv Bild 183-12173-0001, CC BY SA 3.0)
Spaß sieht für jeden anders aus: Ingenieur, Zahnräder betrachtend, Chemnitz, 1951 (Foto: Seidel, Bild: Bundesarchiv Bild 183-12173-0001, CC BY SA 3.0)

„Wie sollten wir die Essenz der Moderne wahrnehmen?“ Dieser großen Frage stellt man sich in Chemnitz ganz praktisch und schaut während des Workshops „Moderne 2.0“ vom 10. bis zum 11. September 2016 auf die beiden Berufsgruppen, welche die Moderne besonders geprägt haben: Zum einen gibt es den Ingenieur, der in seinem Wesen strukturiert, orientiert an Anforderungen, oft gemessen an der Effizienz seines erstellten Produktes. Zum anderen ist da der Künstler, befreit vom richtig oder falsch, vom Nachweis seiner Behauptungen, oft bewertet nach der Ästhetik seines Werks.

Dem Chemnitzer Workshop, der sich selbst als „interdisziplinärer Experimentalraum für Künstler und Ingenieure“ versteht, geht es um den Dialog und Austausch dieser so unterschiedlichen Denk- und Arbeitsweisen. Die Präsentation der Ergebnisse, Beobachtungen und Erkenntnisse des Workshops erfolgen auf dem “RAW Festival“ im Rahmen der 7. Tage der Industriekultur vom 23. bis 25. September 2016 im ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerk Chemnitz. Es sind ca. 16 Workshop-Plätze zu vergeben, die Teilnahme ist kostenfrei, Interessierte werden gebeten sich mit ein paar Informationen (Name, Alter, Beruf, was reizt an diesem Workshop und was ist das Werkzeug?) zu bewerben bei: Bettina Hofmann, 0371/690 68-16hofmann@cwe-chemnitz.de. (kb, 20.6.16)

Streit um den Stadionturm Chemnitz

Chemnitz, Stadionturm um 1950, historische Postkarte, Urh. unbek.
Als das Sportforum noch Ernst-Thälmann-Stadion hieß: Der Chemnitzer Kommandoturm um 1950 (historische Postkarte, Urh. unbek.)

Die Stadt Chemnitz verfällt zusehends, und es scheint, als wolle die Stadtpolitik ihren Teil dazu beitragen: Selbst Bauten, deren Erhalt genug Unterstützer finden dürften, werden zum Abbruch freigegeben. Bald könnte es den denkmalgeschützten, 1938 eingeweihten Kommandoturm des Sportforums erwischen.

Die CDU/FDP-Fraktion hatte in der Haushaltdebatte Anfang März zwar gefordert, eine Dreiviertelmillion Euro für die Bausicherung des Turms freizugeben. Mit den Stimmen der rot-rot-grünen Mehrheit wurde der Antrag aber abgelehnt. 21 Stadträte hatten für die Turmsicherung, 29 dagegen gestimmt. Somit stehen die Zeichen auf Abriss. Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig nennt das NS-Bauwerk „Führerturm“ und erwähnt stets die finstere Entstehungszeit. Dazu ist der Bereich um den Turm abgesperrt, die Fassade eingerüstet und mit Netzen verhüllt – positive Stimmung für den Erhalt verbreiten sieht anders aus. Besiegelt ist das Ende indes noch nicht: Die zuständige Denkmalbehörde in Dresden muss befragt werden, und hier scheint wenig Bereitschaft vorzuherrschen. Wenn die Stadt den Abriss beantrage, werde er umgehend abgelehnt, erklärte Michael Kirsten vom Landesamt für Denkmalpflege auf Anfrage der Freien Presse Chemnitz. Er wertet den Turm als „historisches Zeugnis, wenngleich aus einer dunklen Epoche. Aber auch diese Zeugen gehören zur Geschichte“. (db, 14.3.16)

ICOMOS: Offener Brief für Chemnitz

Chemnitz, Viadukt (Bild: GravitatOff, CC BY-SA 2.0)
Die Bahn will das einstige Wahrzeichen des modernen Chemnitz abreißen (Bild: GravitatOff, CC BY SA 2.0)

Das Bahnviadukt Chemnitz ist „ein herausragendes Zeugnis der Technik und Industriegeschichte“ – zu diesem Schluss kommen ICOMOS, BHU und TICCIH am 22. Februar 2016 in ihrem Offenen Brief. Sie sind in Sorge um das zwischen 1901 und 1904 errichtete Brückenbauwerk, von denen es in Sachsen nur noch wenige gibt. Anfang des Jahres hatten die Bahn AG und das Eisenbahnamt beim Freistaat Pläne für den Abbruch sämtlicher Eisenbahnüberführungen entlang des Chemnitzer Bahnbogens vorgestellt – darunter auch das Viadukt an der Annaberger Straße, das einem Neubau des Darmstädter Ingenieurbüros Krebs + Kiefer weichen soll.

Zu Jahresbeginn konkretisierten sich die Abrisspläne. Im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens bei der Landesdirektion Sachsen konnten Behörden, Verbände und Bürger noch bis zum 26. Februar 2016 Widerspruch gegen die Pläne einreichen Unter www.stadtforum-chemnitz.de wurde zum Erhalt des Viadukts aufgerufen, das einst Symbol für das moderne Chemnitz war und etliche Postkarten zierte. Mit dem Offenen Brief haben nun auch die führenden Denkmalschutzverbände ihre Meinung unmissverständlich dargelegt. Sie verweisen auf positive Vorbilder wie die Sanierung der Brücke über den Nord-Ostseekanal. Und erinnern daran, dass die Bahn als bundeseigenes Unternehmen „gegenüber den historischen Bauwerken eine besondere Verantwortung“ trage. (db/kb, 26.2.16)

Chemnitz: Diskussion um Busbahnhof

Chemnitz, Bus-Bahnhof, 1968 (Bild: Bundesarchiv Bild 183 G0108 0203 001, Foto: Wolfgang Thieme)
1968 gelobt als der „modernste Omnibus-Bahnhof der DDR“: der Busbahnhof in Chemnitz (Bild: Bundesarchiv Bild 183 G0108 0203 001, Foto: Wolfgang Thieme)

Zur Eröffnung galt er 1968 als „der modernste Omnibus-Bahnhof der DDR“, heute wird über die Zukunft des Chemnitzer Busbahnhofs diskutiert. Für rund sieben Millionen Mark überspannte das Pylonen-Hängedach, ein Experimentalbau der Deutschen Bauakademie, ein ehrgeiziges Nutzungsprogramm: „zwölf Abfahrtsbahnsteige, einen sechzig Meter langen Ankunftsbahnsteig sowie eine freitragende Wartehalle, in der Kassenschalter, Telefonzellen, Gepäckautomaten und Verkaufsstände“ für täglich 30.000 Fahrgäste.

Bald, so meldet die MoPo, steht der Busbahnhof jedoch ohne Funktion da, denn die Stadt will den Verkehrsknotenpunkt verlegen. „Danach“, so die MoPo weiter, „bleibt die bekannte Umsteige-Anlage an der Straße der Nationen aber stehen, denn das Pylonen-Hängedach steht unter Denkmalschutz – genauso wie Klapperbrunnen und Grünfläche nebenan.“ Diese würden in das hier neu entstehende Gelände der TU eingebunden. Die Initiative „Stadtbild Chemnitz“ hingegen äußert den Verdacht, dass doch alte Pläne – unter Niederlegung des Busbahnhofs – ausgeführt werden, die gerade erst nach Einspruch der Denkmalpflege gestoppt worden waren. Wie geht es also weiter für den denkmalgeschützten Omnibusbahnhof? (kb, 27.5.15)

Denkmalpreis für Eisenbahnfreunde

Sächsisches Eisenbahnmuseum Chemnit, Schnelzugdampflokomotive (Biild: gravitat-OFF)
Schnellzugdampflokomotive vor dem Sächsischen Eisenbahnmuseum Chemnitz (Bild: gravitat-OFF)

Am Bahnhof Chemnitz-Hilbersdorf wurde seit 1900 der Güterverkehr abgewickelt. Doch nach der Wende sah es düster aus für die denkmalgeschützte Anlage. Nur mit Hilfe der  Eisenbahnfreunde „Richard Hartmann“ Chemnitz kann man heute wieder ein spannendes Stück moderne Eisenbahngeschichte erleben: ein Befehlsstellwerk, ein Maschinenhaus mit drei historischen Anlagen, einen Leonardsatz-Generator, ein Spannwerk mit drei Spanntürmen und eine 350 m langen Gleisstrecke. Für ihr vorbildliches Engagement erhalten die Eisenbahnfreunde nun den Preis für Denkmalschutz.

Gerade hat das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz alle Preisträger bekanntgegeben. Am 27. Oktober 2014 werden in Aachen ausgezeichnet: Michael Bräuer (Rostock), das Archäologische Spessart Projekt e. V., Bauhütte und Förderverein an St. Katharinen e.V. (Hamburg), Pastor Heinz Dieter Freese (Sassenburg/Niedersachsen), der „Verein Rettung Schloss Blankenburg e. V.“ (Sachsen-Anhalt), die Journalistin Silke Klose Klatte (Hessischer Rundfunk), der Journalist Helge Drafz (Westdeutscher Rundfunk), die Journalistin Michaela Gericke (Rundfunk Berlin-Brandenburg) und der freie Journalist Carsten Müller. Wir gratulieren! (mb, 20.8.14)

FACHBEITRAG: Chemnitz, Brühl

von Sylvia Necker (Heft 15/2)

Abb. 1 Der Brühlboulevard in einer lauen Augustnacht, 2013 (Bild: S. Necker)
Der Brühlboulevard in Chemnitz, das zwischen 1953 und 1991 Karl-Marx-Stadt hieß, in einer lauen Augustnacht, 2013 (Bild: S. Necker)

Die ganze Straße ist leer und die Hitze des Augusttages im Jahr 2013 ist im Asphalt des Brühl-Boulevards noch gespeichert. Auf der Suche nach dem „Sächsischen Hof“, einst eine der besten Adressen und hervorragende Gaststätte auf dem Chemnitzer Brühlboulevard, springt der Autorin die nächtliche Tristesse des ehemaligen Hotspots der DDR-Bezirksstadt an. Die Pergola mit dem Schriftzug ist nicht mehr beleuchtet. Einzig die extra für die Fußgängerzone „Brühl“ entworfenen und in der Folge in der gesamten DDR aufgestellten Straßenlampen erstrahlen die Nacht und zeugen vom Ruhm des Brühlboulevards in Chemnitz.

 

Frühe Fußgängerzone in der „Zone“

Die legendäre Mokka-Bar auf dem Sachsenplatz in Leipzig (Bild: Bundesarchiv Bild 183-J0610-0016-001, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Kluge)
Die legendäre Mokka-Bar auf dem Sachsenplatz in Leipzig (Bild: Bundesarchiv Bild 183-J0610-0016-001, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Kluge)

Der Brühl war die berühmteste und beliebteste Fußgängerzone in Karl-Marx-Stadt (seit 1953 trug die Stadt diesen Namen), nicht jedoch die erste. Zu den frühesten „Fußgängerbereichen“ – wie der Fachterminus der DDR-Planungsbehörden hieß – gehört der Rosenhof: eine 1961 angelegte autofreie Straße zwischen neu errichteten Plattenbauten im süd-westlichen Stadtzentrum von Karl-Marx-Stadt. Highlight waren der gartengestalterisch durchdachte Freiraum mit Beeten, Wasserspielen und Stadtmöblierungen sowie die Tanzbar „Kosmos“.

Auch in anderen DDR-Städten entwickelte sich ein autofreier urbaner innerstädtischer Raum, der zum Flanieren und Einkaufen einladen sollte. In Rostock entstand 1968 – nach Verlegung der Straßenbahn in die parallel liegende Lange Straße – eine Fußgängerzone in der Kröpeliner Straße. Zur gleichen Zeit gestaltete die Stadt Leipzig die gesamte Innenstadt um: Sie schuf mit dem Sachsenplatz und den Anrainerstraßen ebenfalls ein Fußgänger-Areal, das heute komplett „rückgebaut“ wurde und in seiner ursprünglichen städtebaulichen Form nicht mehr besteht.

 

Konzentration aufs Zentrum

Das Zentrum von Karl-Marx-Stadt am 31. März 1977 (Bild: Bundesarchiv Bild 183-S0331-0020, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Thieme)
Das Zentrum von Karl-Marx-Stadt am 31. März 1977 (Bild: Bundesarchiv Bild 183-S0331-0020, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Thieme)

Bevor der „Brühl“ in das Bewusstsein der DDR-Planer rückte, hatte zunächst das neue Stadtzentrum Vorrang. 1959 beschloss das Politbüro des ZK der SED die Leitlinien des Wiederaufbaus in Karl-Marx-Stadt. Sie orientierten sich an den 1950 verabschiedeten „16 Grundsätzen des Städtebaus der DDR“. Demnach sollte das Zentrum den Kern der Stadt bilden, in dem „die wichtigsten politischen, administrativen und kulturellen Stätten“ angesiedelt werden sollten. Die „Straße der Nationen“ – als Magistrale und Aufmarschstraße – erschloss das Stadtzentrum in nordsüdlicher Richtung.

Am zentralen Platz sollten eine Stadthalle, ein Hotel und ein Parteigebäude die wichtigsten Funktionen der Stadt repräsentieren. Die Entwürfe änderten sich in den 1960er Jahren gewaltig – u. a. durch die Planungskonkurrenz von der SED-Bezirksleitung, der städtischen Bauverwaltung und den zentralen Institutionen in Berlin. Erst unter dem 1964 neu berufenenen Stadtbaudirektor Karl Joachim Beuchel, der zehn Jahre später zum „Stadtarchitekten“ ernannt wurde, konnte das zentrale Ensemble umgesetzt werden. Ein städtebaulicher wie politischer Höhepunkt für die wichtigste sächsische Industriestadt war die Einweihung des Karl-Marx-Monuments 1971.

 

„Stadtsanierung“ am Brühl

Alt und Neu – Titelblatt der Imagebroschüre „Brühl – Geschichte eines Wohngebietes in Karl-Marx-Stadt“, 1980 herausgegeben vom Rat der Stadt Karl-Marx-Stadt
Alt und Neu – Titelblatt der Imagebroschüre „Brühl – Geschichte eines Wohngebietes in Karl-Marx-Stadt“, 1980 herausgegeben vom Rat der Stadt Karl-Marx-Stadt

Wie in westdeutschen Großstädten wandelte sich auch in der DDR in den 1970er Jahren die Mentalität der Planer und Bewohner. Das Europäische Denkmalschutzjahr 1975 hatte für die negativen Folgen der städtebaulichen (Nachkriegs-)Moderne sensibilisiert und ein Umdenken angestoßen. Stadtverwaltungen und Bürgerinitiativen diskutierten, Altbausubstanz über eine „behutsame Stadtsanierung“ wiederherzustellen. In der DDR kam verschärfend der – damals immer noch tiefgreifende – Wohnungsmangel hinzu, den die Wohnungsbauinitiative Honeckers seit 1973 zu bekämpfen suchte.

In Karl-Marx-Stadt sollte vor allem die Großsiedlung „Fritz Heckert“ – pro Baugebiet war ein Fußgängerbereich mit ausdifferenzierter Freiraumplanung vorgesehen – den Wohnungsmarkt sichtbar entlasten. Doch das prognostizierte Wachstum der Stadt für die kommenden Jahrzehnte war so hoch, dass sich eine Planungsgruppe unter dem Stadtarchitekten Beuchel bildete. Für die alten innerstädtischen Arbeiterviertel „Brühl“ und am „Sonnenberg“, die bislang nicht in die Wiederaufbauplanungen einbezogen waren, wurden städtebauliche Lösungen entwickelt. Die „Rekonstruktion“ und „Modernisierung“ der beiden Viertel gehörten zu den Pilotprojekten der DDR-Stadtsanierung.

 

Das Glück liegt in der Straße

Die ersten Planungen für die Modernisierung des Brühls begannen 1971. Lange Zeit galt das Arbeiterviertel als „ausgewohnt“ und stand auf den Abrisslisten der Stadt. Jetzt sollte neben Wohnraum auch ein Fußgängerboulevard entstehen. Nördlich des Stadtzentrums gelegen, sollte hier ein neuer Anziehungspunkt in Karl-Marx-Stadt geschaffen werden. Als Vorbild galt die Fußgängerzone „Váci utca“ in Budapest. Allerdings zeigten sich die Planer nach ihrer Exkursion nach Ungarn enttäuscht: Die dortige Fußgängerzone zeichnete sich lediglich durch einen neuen Plattenbelag aus.

Eingangssituation des Brühlboulevards, Juni 1989 (Bild: Bundesarchiv Bild 183-1989-0623-15, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Thieme)
Karl-Marx-Stadt: Eingangssituation des Brühlboulevards im Juni 1989 (Bild: Bundesarchiv Bild 183-1989-0623-15, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Thieme)

Für den Brühl entwickelten die DDR-Planer dann schon wesentlich differenziertere Gestaltungsmerkmale: Zum einen bekam der Brühl ein „Icon“, ein vom Grafiker gestalteten Logo, das die Besucher an der Kurt-Fischer-Straße weithin sichtbar begrüßte. Zum anderen entwickelten die Planer unter der Leitung des Stadtarchitekten Beuchel ein grell buntes Farbkonzept für den 680 Meter langen Brühlboulevard. In drei Bauabschnitten sollten ca. 2.600 Wohneinheiten entstehen, wovon allerdings bis 1982 nur knapp 1.000 Wohnungen umgesetzt werden konnten. In den Erdgeschossflächen entstanden 70 Läden mit 2.400 m2 Verkaufsfläche. Die Wohnungen am Brühl waren durch ihre Fernwärme- und Warmwasserversorgung besonders beliebt und lagen – als Altbauten und eben nicht als Neubauten – zusätzlich in einer innerstädtischen, urbanen Umgebung, wie sie in der DDR selten war.

Die genau kalkulierte Nutzungsmischung von Wohnen, Kleingewerbe, Ateliers, Handel, Dienstleistung und Gastronomie schuf urbanes Flair, das die meisten westdeutschen Fußgängerzonen durch die Ausgliederung von Wohnraum aus den Innenstädten verloren hatten. Der Freiraum des Brühls war mit Plastiken, modellierten Sitzbuchten und Terrassen, Wasserspielen und Begrünung eine wahre Gestaltungsorgie. Im positiven Sinne, denn kaum ein öffentlicher Raum von Karl-Marx-Stadt war so beliebt. Insofern wird der Brühl im kollektiven Gedächtnis der Chemnitzer als glückliche Straße mit Konsummöglichkeiten, Kneipen und Aufenthaltsqualitäten erinnert. „Da bekam man wirklich alles!“ war die häufigste Antwort auf die Frage, was den Brühl so besonders machte.

 

Konsumtempel am Stadtrand

Chemnitz, Eingang zum "Brühlboulevard" (Bild: S. Necker)
Chemnitz, am Eingang zum „Brühlboulevard“ (Bild: S. Necker)

Gleich zwei große Einkaufszentren am Rand der Stadt ließen den Brühl in den ersten Wendejahren bis 1992 verwaisen. Die Fußgängerzone war nun kein Magnet mehr – weder zum Wohnen noch zum Einkaufen oder für einen Kneipenbesuch. Viele Bewohner zogen weg und Chemnitz wurde zu einer der am schnellsten schrumpfenden Städte Ostdeutschlands. Zusätzliche Konkurrenz schuf die Stadt, als sie das alte DDR-Zentrum umgestaltete und zwei Warenhäuser ansiedelte. Der Niedergang des Brühls war damit besiegelt, seit Mitte der 1990er stand hier ein Großteil der Wohnungen leer.

Erst Mitte der ersten Dekade im neuen Jahrtausend geriet der Brühl wieder in den Blick städtischer Entwicklungspolitik. Mit einem Stadt- und Ortteilentwicklungsprogramm schuf man den „Brühlfond“, aus dem bis heute Maßnahmen finanziert werden. In den letzten Jahren gelang es, Wohnungen an private Investoren zu verkaufen und wieder zu vermieten. Jedoch fehlen bislang Gewerbetreibende, die das urbane Flair der Fußgängerzone wiederbeleben könnten. Und eine weitere Idee steckt für den Brühl im Moment fest: Aus der leerstehenden Aktienspinnerei des 19. Jahrhunderts könnte ein Wissenschaftsquartier mit Zentralbibliothek und Fakultäten der Technischen Universität entwickelt werden.

 

Fazit

Bleibt der Brühlboulevard ein Erinnerungsort der DDR? Das von der Stadt installierte „Brühlbüro“ setzt alles daran, die Erinnerungen nicht verblassen zu lassen und eine neue Perspektive am Brühl zu schaffen. Dazu hat die Stadt das Büro Albert Speer und Partner (AS&P) eingeladen, einen Masterplan zu entwickeln, der seit 2012 vorliegt. Doch ist es mit Maßnahmen nicht getan, welche die Immobilienwirtschaft ankurbeln und Gewerbetreibende ansiedeln sollen. Viel wichtiger wäre es, sich jenseits dieses angewandten Städtebaus den großen theoretischen Fragen des urbanen Freiraums zu widmen und eine Vision für die Zukunft unserer öffentlichen Räume zu entwickeln. Vielleicht haben die Fußgängerzonen – und allen voran der Brühl – dann eine Chance auf eine Neuerfindung.

 

Literatur

Beuchel, Karl Joachim, Modernisierung und Umgestaltung des Arbeiterwohngebietes „Brühl“ in Karl-Marx-Stadt, in: Architektur in der DDR 1980, 10, S. 594-601.

Beuchel, Karl Joachim, Die Stadt mit dem Monument. Zur Baugeschichte 1945-1990 (Aus dem Stadtarchiv Chemnitz 9), Chemnitz 2006.

Saitz, Hermann H., Stadt und Verkehr. Verkehrsgerechte Stadt oder stadtgerechter Verkehr?, Berlin 1979.

Dank an den Geschichtsverein Chemnitz und Karl Joachim Beuchel, die der Autorin Material verfügbar machten und für Gespräche zur Verfügung standen.

 

Rundgang

Flanieren Sie mit Sylvia Necker durch Karl-Marx-Stadt, bis es wieder zu Chemnitz wurde.