Chemnitz

Chemnitz Busbahnhof (Bild: Kolossos, CC-BY-SA 3.0)

Nächster Halt: Ungewiss

In Chemnitz steht ein bedeutendes Zeugnis der Ostmoderne vor seinem 50-jährigen Jubiläum und gleichzeitig einer ungewissen Zukunft. Der Omnibusbahnhof der Stadt wurde 1968 als Experimentalbau der Deutschen Bauakademie fertiggestellt und sorgte international für Aufsehen. 2018 soll hier der letzte Bus abfahren: Der traditionelle Standort wird aufgegeben und der Busbahnhof an eine andere Stelle verlegt. Die Stadt sieht vor, das denkmalgeschützte Dach des Busbahnhofs zu demontieren und anderswo erneut aufzubauen.

Der Verkehrsbau im damaligen Karl-Marx-Stadt galt zur Eröffnung als eine der modernsten Anlagen Europas. Das rund 1200 Quadratmeter große Dach des Busbahnhofs, das nur von Stahlseilen und schlanken Pylonen gehalten wird, war nicht nur in der DDR ein Hingucker. Das Areal soll nach der Schließung des Busbahnhofs der TU Chemnitz Entfaltungsmöglichkeiten bieten, deren Zentralbibliothek bald in das nahe gelegene Gebäude der Aktienspinnerei ziehen wird. Nach Informationen der Freien Presse bezweifeln Experten jedoch, dass eine Demontage der Dachkonstruktion möglich ist, ohne sie zu zerstören. Eine entsprechende Genehmigung der Denkmalschutzbehörden steht jedenfalls noch aus. (jr, 15.7.17)

Chemnitz, Busbahnhof (Bild: Kolossos, CC BY SA 3.0)

Chemnitz, Haus der Körperkultur (Bild: Youtube-Still)

Neue Nutzung im Haus für Körperkultur

15 Jahre Leerstand und zunehmender Vandalismus setzten dem einstigen „Haus für Körperkultur“ im Chemnitzer Stadtteil Rabenstein arg zu. Nun werden im denkmalgeschützten Bau Eigentumswohnungen errichtet. Entsprechende Pläne gibt es schon länger, doch langsam scheint Schwung in das Projekt zu kommen: Auf Immobilienseiten sind mittlerweile detaillierte Anzeigen geschaltet, die Straße vorm Portal des Gebäudes ist aufgrund der Baustelle bereits bis voraussichtlich 2018 gesperrt.

Die Neoklassizistische Erholungsanlage am Pelzmühlenteich, bestehend aus dem Kulturpalast und dem Haus der Köperkultur als Gegenstück, wurde 1949 bis 51 auf Initiative der Sowjets und der Wismut AG errichtet. Ausführende Architekten waren Kurt Ritter, Adam Burger und Joachim Rackwitz. Der Kulturpalast in Chemnitz war im Übrigen der erste seiner Art in der DDR. Das Haus für Körperkultur wurde 1967 der Stadt übergeben, die es als „Sport- und Freizeitcenter Siegmar“ bis 2002 nutzte. Sinkende Besucherzahlen und schon damals hoher Sanierungsbedarf waren Anlass für die Schließung. (db, 29.5.17)

Chemnitz, Haus der Körperkultur (Bild: Youtube-Still)

Kehrt „Brunnen der Jugend“ zurück?

Chemnitz, Brunnen der Jugend des Sozialismus (Bild: historische Postkarte)
Chemnitz, Brunnen der Jugend des Sozialismus (Bild: historische Postkarte)

Der „Brunnen der Jugend im Sozialismus“ war in der Inneren Klosterstraße der damals noch so genannten „Karl-Marx-Stadt“ unübersehbar. Allein schon durch seine Größe (ein 17 x 4 Meter großes Wasserbecken mit einer zentralen Emaille-Wand) und ebenso durch seine intensiven Farben (alle) – schuf der Künstler mit dem klangvollen Namen Ronald Paris 1974 einen prägenden Punkt im öffentlichen Raum.

Nach der Wende wurde die Anlage entfernt und Elemente davon im Keller des Tiefbauamts eingelagert. Heute stehen an seiner Stelle Bronze-Pinguine (2004, Peter Kallfels). Doch der alte Brunnen könnte zurückkehren, zumindest wenn es nach dem Willen von Linke und Grünen geht. Vor zehn Jahren hatte der örtliche Bürgerverein schon einmal einen Anlauf genommen, damals ohne Erfolg – die Verwaltung lehnte ab, aus „finanziellen Gründen“. Im August 2016 zeigte man sich offener für eine Wiederherstellung der Brunnenanlage. Die Kosten wurden auf 60.000 bis 90.000 Euro geschätzt. Als mögliche Standorte wurden gehandelt: neben dem Schulzentrum Sport, an der Käthe-Kollwitz-Straße hinter der Industrie- und Handelskammer oder auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs. Eine Online-Petition will im Februar 2016 die Rückkehr des Jugend-Brunnens an ihren ursprüngliche Ort in die Klosterstraße verhindern, da er nun die dortigen Pinguine vertreiben würde. (kb, 8.8.16/2.2.17)

Moderne 2.0

Ingenieur, Zahnräder betrachtend, Chemnitz, 1951 (Foto: Seidel, Bild: Bundesarchiv Bild 183-12173-0001, CC BY SA 3.0)
Spaß sieht für jeden anders aus: Ingenieur, Zahnräder betrachtend, Chemnitz, 1951 (Foto: Seidel, Bild: Bundesarchiv Bild 183-12173-0001, CC BY SA 3.0)

„Wie sollten wir die Essenz der Moderne wahrnehmen?“ Dieser großen Frage stellt man sich in Chemnitz ganz praktisch und schaut während des Workshops „Moderne 2.0“ vom 10. bis zum 11. September 2016 auf die beiden Berufsgruppen, welche die Moderne besonders geprägt haben: Zum einen gibt es den Ingenieur, der in seinem Wesen strukturiert, orientiert an Anforderungen, oft gemessen an der Effizienz seines erstellten Produktes. Zum anderen ist da der Künstler, befreit vom richtig oder falsch, vom Nachweis seiner Behauptungen, oft bewertet nach der Ästhetik seines Werks.

Dem Chemnitzer Workshop, der sich selbst als „interdisziplinärer Experimentalraum für Künstler und Ingenieure“ versteht, geht es um den Dialog und Austausch dieser so unterschiedlichen Denk- und Arbeitsweisen. Die Präsentation der Ergebnisse, Beobachtungen und Erkenntnisse des Workshops erfolgen auf dem “RAW Festival“ im Rahmen der 7. Tage der Industriekultur vom 23. bis 25. September 2016 im ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerk Chemnitz. Es sind ca. 16 Workshop-Plätze zu vergeben, die Teilnahme ist kostenfrei, Interessierte werden gebeten sich mit ein paar Informationen (Name, Alter, Beruf, was reizt an diesem Workshop und was ist das Werkzeug?) zu bewerben bei: Bettina Hofmann, 0371/690 68-16hofmann@cwe-chemnitz.de. (kb, 20.6.16)

Streit um den Stadionturm Chemnitz

Chemnitz, Stadionturm um 1950, historische Postkarte, Urh. unbek.
Als das Sportforum noch Ernst-Thälmann-Stadion hieß: Der Chemnitzer Kommandoturm um 1950 (historische Postkarte, Urh. unbek.)

Die Stadt Chemnitz verfällt zusehends, und es scheint, als wolle die Stadtpolitik ihren Teil dazu beitragen: Selbst Bauten, deren Erhalt genug Unterstützer finden dürften, werden zum Abbruch freigegeben. Bald könnte es den denkmalgeschützten, 1938 eingeweihten Kommandoturm des Sportforums erwischen.

Die CDU/FDP-Fraktion hatte in der Haushaltdebatte Anfang März zwar gefordert, eine Dreiviertelmillion Euro für die Bausicherung des Turms freizugeben. Mit den Stimmen der rot-rot-grünen Mehrheit wurde der Antrag aber abgelehnt. 21 Stadträte hatten für die Turmsicherung, 29 dagegen gestimmt. Somit stehen die Zeichen auf Abriss. Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig nennt das NS-Bauwerk „Führerturm“ und erwähnt stets die finstere Entstehungszeit. Dazu ist der Bereich um den Turm abgesperrt, die Fassade eingerüstet und mit Netzen verhüllt – positive Stimmung für den Erhalt verbreiten sieht anders aus. Besiegelt ist das Ende indes noch nicht: Die zuständige Denkmalbehörde in Dresden muss befragt werden, und hier scheint wenig Bereitschaft vorzuherrschen. Wenn die Stadt den Abriss beantrage, werde er umgehend abgelehnt, erklärte Michael Kirsten vom Landesamt für Denkmalpflege auf Anfrage der Freien Presse Chemnitz. Er wertet den Turm als „historisches Zeugnis, wenngleich aus einer dunklen Epoche. Aber auch diese Zeugen gehören zur Geschichte“. (db, 14.3.16)