Design

Das Bauhaus leuchtet

Wir feiern ja im Moment das Bauhaus. Permanent. Aber jetzt können Sie daraus ganz praktischen Nutzen ziehen. Vor wenigen Monaten ließen sich die Designer Niklas Jessen und Julia Mülling von den klaren Formen und Farben der 100-jährigen Stilrevolution zu etwas Neuem inspirieren (ein bisschen spielten vielleicht auch Erinnerungen an ihre Kinderzimmerlampe aus den 1980er Jahren mit hinein): „Junit Record“ ist ihre „modulare Pendelleuchte“. Dafür werden acht verschiedenen Elemente aus Eschenholz gedrechselt und in einer deutschen Werkstatt liebevoll lackiert.

Einige Module behalten ihre natürliche Oberfläche, andere werden in je eine klare Farbe getaucht. Das Herzstück bildet das „großes milchige Leuchtmittel“ (Milchglas LED, 6 Watt, 2700 K, dimmbar), das – so der Hersteller – warmes und diffuses Licht abstrahlt. Zum Abschluss kann sich der Käufer noch eine von acht verschiedenen Kabelfarben aussuchen. Das Ganze ist nicht ganz billig, aber preisgekrönt (German Design Award 2017 ‚Special Mention‘) und kann online mit einem „Konfigurator“ individuell zusammengestellt werden. Wem das zu viel Entscheidungsfreiheit ist, der kann eine von fünf „exklusiven kuratierten Versionen“ (was man heutzutage so alles kuratieren kann) anklicken. Oskar Schlemmer jedenfalls hätte seine helle Freude daran gehabt. (kb, 2.9.17)

Foto: schneid.de

Leipzig, Sachsenplatz, 1980 (Bild: Dietmar Rabich, Wikimedia Commons, "Leipzig, Sachsenplatz -- 1980 -- 14", CC BY SA 4.0)

10 Jahre ohne: „Mein Leipzig lob‘ ich mir …“

Nach zehn Jahren Wartezeit soll es in diesem Herbst endlich soweit sein: Leipzig bekommt sein Wahrzeichen wieder! Das berühmte Goethe-Zitat, entnommen aus einem der Stadt nicht ganz so freundlich gesinnten Faust-Passus („Mein Leipzig lob‘ ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute“, gesprochen von einer dem geistlichen Getränk zugewandten Figur namens „Frosch“ im Auerbacher Keller), prangte seit 1967 über einem ostmodernen Wohnblock am Brühl. Gegenüber dem Hauptbahnhof wurden so, mit einem viersprachigen „Willkommen“, Gäste der Messestadt begrüßt.

2007 hatte man den Plattenbau abgerissen und an seine Stelle ein neues Einkaufszentrum gesetzt. Der denkmalgeschützte Schriftzug wurde zerlegt und ins Depot verbracht – mit ungewisser Zukunft. Jahrelang stritt man vor Gericht über die weitere Montage. Die Betreiber des angrenzenden Hotels hatten eine zu hohe „Lichtintensität“ gefürchtet, so dass die Eigentümer der „Brühl-Arkade“ (mit dem besagten Hotel) gegen den Wiederaufbau der Neonwerbung klagten. Erst vor wenigen Monaten einigten sie die neuen Besitzer mit der Stadt auf einen Kompromiss (die zum Hotel gewandte Seite wird um 22.00 Uhr ausgeschaltet). Nun muss die monumentale Lichtreklame noch restauriert werden, dann können sich die Gäste der Stadt mit einem – tourismusfähig umgedeuteten – Goethezitat gegrüßt fühlen. (kb, 19.8.17)

Leipzig, Sachsenplatz, 1980 (Bild: Dietmar Rabich, Wikimedia Commons, „Leipzig, Sachsenplatz — 1980 — 14″, CC BY SA 4.0)

Das neue Heft ist da: Mettigel

In so mancher Küche mit Sitzecke vergeht einem der Appetit – zu steril, zu deutsch-gemütlich oder einfach ein wenig zu farbstark. In der Architekturmoderne wurde der Ort des Zubereitens und Verzehrens zur stilistischen Spielwiese, aber in seltenen Glücksfällen auch zum Herz und Glanzpunkt eines Gebäudes. Ob Einbauküche, Kantine oder Eisdiele – in jedem Fall spiegeln diese Räume des Ernährens und Genießens unser sich wandelndes Bild von Arbeit und Freizeit, von Beziehung und Familie. Diesen besonderen Orten widmet mR nun ein eigenes Themenheft „Mettigel“ (Redaktion: Karin Berkemann).

Mit von der Partie sind der Gastrokritiker Jürgen Dollase, der Ostmodernist Mark Escherich, die Hajek-Expertin Chris Gerbing, der Denkmalschützer Stefan Timpe, der Küchenfachmann Christos Vittoratos und einige Time-Life-Kochbücher. Sie können die einzelne Beiträge rechts über die Seitenleiste anklicken oder das ganze Heft am Stück hier unten als pdf online blättern, durchsuchen oder downloaden. Und am Ende jedes Beitrags wartet ein Rezept zum Nachkochen auf Sie! (db/kb/jr, 14.8.17)

Titelmotiv: ziemlich rote Küche (Bildquelle: leider unbekannt)

Wassilychair, Bild: Spyrosdrakopoulos, CC-BY-SA 4.0

Handwerk am Bauhaus

Kunst, Handwerk oder Kunstgewerbe? Keine dieser Kategorien trifft eindeutig auf die historische Tätigkeit der Bauhaus-Werkstätten in Dessau zu. In der Tischlerei, Metallwerkstatt und Weberei der Kunstschule suchten ihre Akteure ebenso nach idealen Prototypen für die industrielle Produktion, wie sie einzigartige künstlerische Artefakte fertigten. Auf eine einheitliche Position konnten sie sich nicht einigen. Die Ausstellung „Handwerk wird modern. Vom Herstellen am Bauhaus“ widmet sich dem Themenkomplex am historischen Schauplatz: der Weberei im Dessauer Bauhausgebäude. Sie stellt das Handwerk des Bauhaus dabei auch aktuellen Designpositionen gegenüber.

Manche der Erzeugnisse der Bauhaus-Werkstätten avancierten vom handwerklich gefertigten Prototyp zum industriell gefertigten Bestseller, andere blieben gestalterisches Experiment. Neben diesen eigentlichen Produkten stehen auch die Werkzeuge und Maschinen im Fokus der Ausstellung. Auch hier bewegte sich das Bauhaus zwischen klassischem Handwerk und Mechanisierung: So war etwa die Metallwerkstatt mit modernen Drehmaschinen und Drückbänken aus den Junkers-Werken ausgestattet, dennoch blieb auch die Gefäßherstellung an den Silberschmiedebänken bestehen. Die Ausstellung ist bis zum 7. Januar 2018 zu sehen. (jr, 13.7.17)

Wassilychair im Bauhaus (Bild: Wassilychair, Bild: Spyrosdrakopoulos, CC BY SA 4.0)

Neue Stühle für Haus Schminke

Nichts gegen moderne Architektur (das wäre hier auch das falsche Format), aber man kann sie nicht immer nur stehend ertragen. Manchmal hilft eine halbe Stunde Sitzen dem Kunstgenuss ganz erheblich auf die Beine. Im sächsischen Löbau können Besucher von Haus Schminke dies nun ganz stilecht tun, denn wie man in diesen Tagen stolz vermeldete: „Unsere neuen Stühle sind da!“ Es handelt sich um ein Modell im Stil von Roland Rainer, der in den 1930er Jahren in der Berliner „Freitagsgruppe“ auch mit Hans Scharoun in Kontakt stand. Letzterer hatte die geschwungene Architekturikone Haus Schminke 1933 für eine Nudelfabrikanten entworfen.

Die neuen „gleichen und stilechten“ Stühle aus den frühen 1960ern sind gedacht für die Seminare, Workshops, Konzerte und Empfänge im umfangreichen Kulturprogramm der von einer Stiftung bespielten modernen Villa. Geliefert wurden die Sitzgelegenheiten vom Leipziger Händler „Kulturmöbel“, der sich auf DDR-Möbel und -Wohnaccessoires der 1950er, 1960er und 1970er Jahre spezialisiert hat. Zu seinen Kunden zählen neben designverliebten Einzeltätern verdientermaßen auch Inkunabeln wie Haus Schminke. Nicht zu vergessen: Man kann in Haus Schminke auch übernachten (wer die Betten geliefert hat, entzieht sich allerdings unserer Kenntnis). (kb, 12.6.17)

Löbau, Haus Schminke (Bild: Lingen Huang, CC BY-SA 3.0 bzw. Facebook-Account Haus Schminke)

BRUTALIST_MODERNIST_CONCREETE_POMO (Bild: ebay)

Gesinnungsfragen

Brutalismus ist Mode. Haben wir mitbekommen. Aber wie immer ist die Sache dann doch etwas komplizierter. Welcher Neigungsgruppe gehören Sie denn genau an? Sind Sie ein Brutalist, ein Modernist – oder gar ein PoMo-Anhänger? Wenn Sie Fragen dieser Art leid sind und Ihre Gesinnung offen an Ihrer trendigen Retro-Jeansjacke zeigen wollen, haben Sie jetzt mit farbenfrohen Buttons Gelegenheit dazu: Via ebay werden Anstecker mit den folgenden Aufschriften feilgeboten: Brutalist, Modernist, PoMo (more ist less), Concrete.

Sie können sich nicht entscheiden? Da hätten wir etwas vorbereitet: Wussten Sie schon als Kind, dass Sie als Banker in einem der schicken stahl-glas-glänzenden Hochhäuser in Frankfurt/New York/Signapur arbeiten werden? (Modernist!) Haben Sie schon im Familienurlaub mit der Plaste-Schippe heftig nach den anderen Kindern geschlagen, die Ihre astreine mausgraue Sandburg mit Muscheln verunstalten wollten? (Brutalist!) Sie tragen Kleider mit (jetzt ganz stark sein) Blumenmustern und posten Einhornbilder auf Facebook? (PoMo!) Sie können sich immer noch nicht entscheiden? (Concrete! Damit machen Sie nichts verkehrt.) Jetzt wissen Sie, was Sie im Herzen tragen. Was Sie auf Ihrer Jeansjacke daraus machen, liegt ganz bei Ihnen. Wir haben hier auch noch anderes zu tun. (kb, 1.6.17)

Foto: ebay

Tapete "Metroland Harvest Orange" (Bild: minimoderns.org)

Metroland

Tapete? Genau mit solchem Luxus hat doch der ganze Zivilisationsmist angefangen. Wem aber weder die Felle an der Höhlenwand noch der nackte Beton genug Wohlfühlatmosphäre vermitteln, der findet online eine reiche Auswahl architekturhaltiger Motive. Die Plattform „minimoderns.com“ bietet jetzt neue Wandpapiere an: Unter dem Titel „Metroland“ laufen allerlei Häuser in allerlei Farben über den Rapport.

Dieses Mal hat man sich auf Häuser der 1930er Jahre konzentriert, die – wie der Händler betont – im Sonnenaufgang eines verschlafenen Sonntagmorgens aufleuchten. Orange halt. Selbst die Produktion macht unseren Planeten ein wenig glücklicher: wasserbasierte Farben auf nachhaltig erwirtschaftetem Holz (von vermutlich eh schon suizidal veranlagten Bäumen), „made in the U. K. by nice people“. Wer gar nicht genug davon bekommt, kan in diesen Mustern auch noch Küchen- und Wohnaccessoires erwerben. Alle Bestellmaße und -informationen finden Sie online oder können die Tapetenverkäufer auch anmailen unter: info@minimoderns.com. (kb, 18.5.17)

Monobloc (Bild: Jürgen Lindemann, Vitra Design Museum)

Der Welt liebste Sitzgelegenheit

Wo der … nun ja, das Hinterteil der Welt gelegen ist, ist eine oft diskutierte und kaum zu beantwortende Frage. Wo sich das mondiale Gesäß niederlassen würde, scheint dagegen klar. Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein widmet sich mit dem Monobloc der am weitesten verbreiteten Sitzgelegenheit der Welt. Der 1972 von Henry Massonnet 1972 als „Fauteuil 300“ entworfene Plastikstuhl findet sich ebenso in deutschen Kleingartenkolonien wie afrikanischen Straßencafés oder an den Stränden der Ägäis. Als schlichtes und erschwingliches Massenprodukt ist er fest im weltweiten kollektiven Gedächtnis verankert, ohne als Designobjekt besondere Prominenz zu beanspruchen.

Die Idee des Monoblocs, also des aus einem einzigen Stück Material gefertigten Stuhls, faszinierte bereits die Gestalter der 1920er Jahre. Während man seinerzeit noch mit verformbaren Metallblechen oder Schichtholz experimentierte, ermöglichte es die aufkommende Kunststofftechnologie ab den 1950er Jahren, Stühle in Guss- oder Pressverfahren in einem einzigen Produktionsschritt zu fertigen. Neben der Geschichte des Monoblocs widmet sich die Ausstellung auch seiner Rezeption und Weiterentwicklung durch andere Designer  wie Fernando und Humberto Campana oder Martino Gamper. Die Schau ist bis zum 9.7.2017 zu sehen. (jr, 30.4.17)

Monobloc (Bild: Jürgen Lindemann, Vitra Design Museum)

Seiten des Wohnens

"Schöner Wohnen", Titel vom August 1968 (Foto: Schöner Wohnen)
„Schöner Wohnen“, Titel vom August 1968 (Foto: Schöner Wohnen)

Mal gehörte das Wohnen zum politischen Ausdruck (weil schließlich alles Politik war), mal diente sie der bürgerlichen Selbstdarstellung, mal dem privaten Rückzug. Doch in jeder Phase des modernen Wohnstils war die Möblierung ein beliebtes Thema für die bebilderte Presse: Von „Schöner Wohnen“ bis zu „Landlust“, illustrierte Zeitschriften verbreiteten die jeweils ideale Form des Wohnens. Hier ging es, über Schlagworte wie „gute“ und „stilvolle“ Raumgestaltung hinaus, auch immer um die Gestaltung von Beziehungsräumen.

Das Forschungsfeld „wohnen+/-ausstellen“ in Kooperation des Instituts für Kunstwissenschaft – Filmwissenschaft – Kunstpädagogik der Universität Bremen mit dem Mariann Steegmann Institut. Kunst & Gender (Leitung: Irene Nierhaus, Kathrin Heinz) lädt daher vom 12. bis 13. Mai 2017 zum Workshop „Seiten des Wohnens: Bild, Text, Serie“ nach Bremen (Universität Bremen, SFG: Raum 2020, Enrique-Schmidt-Str. 7, 28359 Bremen). Die Vorträge reichen von Themen wie „Schöner wohnen wollen (sollen) – Eine Analyse der Titelblätter von 1980 bis 1999“ (Anna-Katharina Riedel) über „Das Eigenheim zwischen 1924 und 1970. Eine Analyse der idealisierten Häuser in den Kundenzeitschriften der Bausparkassen“ (Maja Lorbek) bis zu „Der gesellschaftliche Entwurf des Wohnens in der Architekturphotographie von Hans Scharoun“ (Waltraud Indrist). Die Teilnahme ist kostenlos, um Anmeldung wird bis zum 2. Mai 2017 gebeten unter: Rosanna Umbach, 0421/21869712, rosanna.umbach@msi.uni-bremen.de, www.mariann-steegmann-institut.de. (kb, 15.4.17)

Brutalismus im Rheinland

Bonn, Rosenmontagszug, 1961 (Bild: Bundesarchiv B 145, Bild F009738-0011, CC BY SA 3.0)
Die Architekturmoderne hat im Rheinland schon viel überstehen müssen – jetzt kümmert sich endlich eine neue Initiative um ihren Schutz (Bonn, Rosenmontagszug, 1961, Bild: Bundesarchiv B 145, Bild F009738-0011, CC BY SA 3.0)

Im internationalen Vergleich hat das Rheinland bei einigen Dingen die (rote) Nase vorne. Sieht man von den kostümlastigen Aktivitäten dieser Tage ab, dann entdeckt am Rhein gerade eines seiner ganzjährigen Alleinstellungsmerkmale: die Architektur der späteren Nachkriegsjahrzehnte, als der Brutalismus unterm dem Siegel der „Materialehrlichkeit“ den rohen Beton inszenierte. Und während es die 1950er Jahre inzwischen erfolgreich durch den kollektiven Geschmacksfilter geschafft haben, kämpfen die Bauten der 1960er und 1970er Jahre noch immer um ihre Chance. Dazu will ihnen die neue Initiative „Brutalismus im Rheinland“ verhelfen.

Im Haus der Architektur Köln stellt sich die Initiative „Brutalismus im Rheinland“ am 14. März von 19 bis 20 Uhr im Kölner Haus der Architektur (hdak, Josef-Haubrich-Hof, 50676 Köln) vor. Zu den Gästen werden gehören: Eckhard Heck, Tobias Flessenkemper, Markus Graf und Anke von Heyl (Initiative Brutalismus im Rheinland), Oliver Elser (Deutsches Architekturmuseum, #sosbrutalismus, Frankfurt) und Dr. Martin Bredenbeck (Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, Köln) sowie weitere Vertreter aus Architektur und Denkmalpflege. Die Moderation übernimmt der Kunsthistoriker Dr. Ulrich Krings. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. (kb, 27.2.17)