Design

Kissen mit brutalistischen Motiven (Bild: redbubble.com)

Kuschelbrutalismus

Aktuell üben die Medien ja fleißig das „(Beton-)Monsterstreicheln“ (marlowes, C. Holl). Zu Recht, finden wir. Nur, wer seine Finger in der Öffentlichkeit versonnen über den grauen Kunststein gleiten lässt, wird immer noch schräg angesehen. (Baumumarmer haben es da traditionell leichter.) Wenn Sie Ihrem Hobby aber weiter frönen wollen, haben wir eine sichere Alternative: Verlegen Sie das Brutalismuskuscheln doch in die eigenen vier Wände. Über das Online-Portal „redbubble.com“ können Sie sich dafür die passenden Kissen mit brutalistischen Motiven nach Hause bestellen.

Es handelt sich, so der Anbieter, um „beidseitig bedruckte Kissen für ein noch schöneres Zimmer“. Die Textilien werden als „Print on Demand“ auf einem 100%-Polyester-Bezug mit Innenkissen (optional) gedruckt. Der versteckte Reißverschluss soll das Ganze noch angenehmer und pflegeleichter gestalten. Der Anbieter „Brumhaus“ hat verschiedene stilisierte Motive der englischen Moderne im Portfolio. Unser Kissen-Lieblingsmotiv: Trellick Tower. Erhältlich in quadratischer Grundform mit einer Kantenlänge von 40 bis zu 90 cm, je nach Größe geeignet von Bett bis zu Boden. (kb, 21.11.17)

Kissen mit brutalistischen Motiven (Bild: redbubble.com)

Ettore Scottsass, Tafelausfsatz "ES14" (Bild: alessi.com)

A Sottsass each day …

Worte wie „Tafelaufsatz“, „Lindenholz“ und „nummerierte Stückzahl“ müssen das Herz eines jeden designaffinen Postmodernisten höher schlagen lassen. Alessi kommt diesem Bedürfnis nach und legt einen Klassiker genau 999 mal neu auf: den Tafelaufsatz (unnützes Ding für zum andere unnütze Dinge drauflegen) „ES14“ von Ettore Sottsass (1917-2007). Der gebürtige Österreicher verstand sich selbst als „Anti-Designer“. Er reüssierte mit humorvoll überbordenden Entwürfen für Firmen wie Olivetti oder Bonacina, entwarf Möbel für Möbelkollektionen für Poltrona Frau und schreckte auch vor architekturnahen Projekten wie Bushaltestellen nicht zurück.

In diesem Jahr wäre der vielseitige Gestalter 100 Jahre alt geworden, der sein Werk so treffend charakterisierte: „Fast alle Objekte, die ich entwerfe, haben einen Sockel und berühren den Boden nicht direkt. Sobald man ein Objekt auf einen Sockel stellt, wird das Objekt sofort wichtig und fester: es wird zu einem kleinen Denkmal“. Stimmt. Die Firma Alessi huldigt Sottsass, indem sie den vortrefflichsten aller Sockel für Äpfel (und andere Schönheiten) in der Valle Strona in teilhandwerklicher (?) Arbeit produzieren lässt. Das hier ruft sehr laut „Weihnachtsgeschenk“. (kb, 11.11.17)

Ettore Sottsass, ES14 (Bild: alessi.com)

Brutalist Architecture Christmas Cards (Bild: dollydagger.com)

Mit brutalistischen Grüßen

Grau und Weiß gehen erfahrungsgemäß gut zusammen, Beton und Schnee damit vermutlich auch. Diesen Vorteil nutzt der Online-Anbieter „dollydagger“ für ein Set von sechs brutalistischen Architektur-Weihnachtskarten im Format A 6. Je zweimal sind darin drei Motive enthalten – allesamt geschmackvoll stilisiert unter Schneeflocken und vor einem adventlich stimmenden Hintergrund.

Die Architekturmotive zeigen drei Londoner Ikonen des grauen Stils: das Barbican (Wohnanlage und Kulturzentrum, 1960er bis frühe 1980er Jahre, Chamberlin, Powell und Bon), das Glenkerry House (1971, Ernö Goldfinger) und den Welbeck Street Car Park (1970, Michael Blampied und Partner). Die Fotografien stammen von Nick Miners und wurden von „Dollydagger“ grafisch bearbeitet. Der Anbieter sieht in seinem Kartenset die ideale Adventsgabe für Architekten, Architekturfans und Brutalisten. (kb, 7.11.17)

Kartenmotive (Bild: dollydagger.com)

Internationale Automode vor dem Ostberliner Kino International (Bild: Bundesarchiv, Bild 183-C0808-0006-002, Spremberg, Joachim, CC-BY-SA 3.0

Die Deutschen und ihre Autos

Die Kult-Autos VW Käfer und Trabant sind motorisierte Erinnerungsorte der deutschen Moderne. Nichts bewegt die Deutschen, ihre Gefühle und Mobilität, so wie das Auto. Es steht für Freiheit und Dynamik, für Status, Lebensstil und Macht. Mit der Wahl von Automarke, Modell und Ausstattung drücken Käufer ihre Persönlichkeit, Sehnsüchte, Lebensumstände und häufig auch den Umfang ihres Geldbeutels aus. Werbe- und Marketingstrategen investieren Millionen, um ihr Produkt emotional aufzuladen.

Der „Deutschen liebstes Kind“ bleibt auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor: Hunderttausende Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt von der Autoindustrie ab. Gleichzeitig schmälern Umweltbelastung, verstopfte Autobahnen und Innenstädte zunehmend die Freude am Fahren. Car-Sharing, autonomes Fahren und Elektromotoren weisen auf drastische Veränderungen der Autowelt hin: Ist das Ende der Autolust absehbar? Die Ausstellung „Geliebt. Gebraucht. Gehasst. Die Deutschen und ihre Autos“ im Bonner Haus der Geschichte macht mit ausgewählten Fahrzeugen, Medien, Plakaten, Fotos und Dokumenten die Faszination des Autos deutlich. Sie zeigt die soziale und kulturelle Bedeutung des Autos in Deutschland vor dem Hintergrund wirtschaftlicher und politischer Rahmenbedingungen. Die Präsentation ist noch bis zum 21. Januar 2018 zu sehen, begleitend ist im Sandstein Verlag eine gleichnamige Publikation erschienen. (kb, 25.10.17)

Internationale Automode vor dem Ostberliner Kino International (Bild: Bundesarchiv, Bild 183-C0808-0006-002, Spremberg, Joachim, CC BY-SA 3.0

Unbekannt (© Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Foto: Armin Herrmann)

FOTO | ALBUM

Mit der Ausstellung „FOTO | ALBUM“ präsentiert das „Werkbundarchiv – Museum der Dinge“ erstmals in größerem Umfang seine sonst unsichtbare Sammlung: private und anonyme Fotografie und Fotoalben aus einem ganzen Jahrhundert. In drei Kapiteln zeigt die Sonderausstellung im ersten Teil Hunderte von Einzelfotos, gruppiert nach immer wiederkehrenden Motiven. In einem zweiten Teil werden zahlreiche Fotoalben präsentiert und auf ihre besonderen Erzählformen hin untersucht. Zuletzt wird anhand von dinglichen Foto-Objekten eine Sicht auf Fotografie als materielle Kultur eröffnet. Ergänzt wird die Ausstellung durch künstlerische Perspektiven sowie einen Blick auf den aktuellen Bedeutungswandel im Zeitalter digitaler Bilderflut.

Das Fotoalbum – Kulturtechnik und Ordnungsprinzip zugleich – erschafft und deutet (Familien-)Geschichte und damit die eigene Identität durch das Arrangieren von Bildern mit Text und auch mündlicher Erzählung. Was erinnert werden soll, bestimmt diese kulturelle Praxis des Anlegens von Alben genauso wie das, was sie verschweigen. Die Ausstellung „FOTO | ALBUM. Private und anonyme Fotografie aus der Sammlung des Werkbundarchiv – Museum der Dinge“ wird am 19. Oktober 2017 um 19 Uhr im Berliner „Museum der Dinge“ (Oranienstraße 25, 10999 Berlin) eröffnet. Im Anschluss ist die Präsentation bis zum 26. Februar 2018 zu sehen. (kb, 10.10.17)

Unbekannt (© Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Foto: Armin Herrmann)

Portland, Supermarkt (Bild: lyzadanger, CC BY SA 2.0)

Der erste Supermarkt

Wie das so ist mit den Superlativen, irgendwer war immer früher. Da gab es schon 1949 diesen „Blauen Laden“ in Augsburg, bei dem die Selbstbedienung angepriesen wurde. Und die Amerikaner, die haben das Prinzip ja quasi schon auf der Mayflower erfunden. Doch in Köln-Ehrenfeld, wo der Unternehmer Herbert Eklöh am 26. September 1957 seinen „Laden“ in der Rheinlandhalle eröffnete, soll die Sache mit dem Supermarkt zum ersten Mal auf bundesdeutschen Boden so richtig groß aufgezogen worden sein: 200 Quadratmeter Verkaufsfläche, 200 Parkplätze, 160 Regalmeter, 60 Meter Kühltheken.

Was in der DDR bescheidener Kaufhalle heißen sollte, traf im amerikaorientierten Westen einen Nerv. Die Ladenbesitzer verkauften das Weniger an Service als Mehr an Freiheit, versprachen den Wirtschaftswunderkunden mehr Auswahl bei weniger Zeitaufwand. Der Kölner Supermarktpionier Eklöh eröffnete bereits 1938 einen größeren Selbstbedienungsladen in Osnabrück, der sich allerdings – mag es am Zeitpunkt oder am Standort gelegen haben – nicht hatte durchsetzen können. Von Köln aus jedoch bediente und befeuerte Eklöh, Konsul von Mexiko, klug den Trend. Seine Filiale auf Kuba verkaute er zum rechten Zeitpunkt noch an die Amerikaner. Seine 24 deutschen Supermärkte gab er an ein Konsortium (Horten, Hertie, Kaufhof, Karstadt) – und saß dort fortan im Aufsichtsrat. (kb, 5.10.17)

Portland, Supermarkt (Bild: lyzadanger, CC BY SA 2.0)

 

Das Bauhaus leuchtet

Wir feiern ja im Moment das Bauhaus. Permanent. Aber jetzt können Sie daraus ganz praktischen Nutzen ziehen. Vor wenigen Monaten ließen sich die Designer Niklas Jessen und Julia Mülling von den klaren Formen und Farben der 100-jährigen Stilrevolution zu etwas Neuem inspirieren (ein bisschen spielten vielleicht auch Erinnerungen an ihre Kinderzimmerlampe aus den 1980er Jahren mit hinein): „Junit Record“ ist ihre „modulare Pendelleuchte“. Dafür werden acht verschiedenen Elemente aus Eschenholz gedrechselt und in einer deutschen Werkstatt liebevoll lackiert.

Einige Module behalten ihre natürliche Oberfläche, andere werden in je eine klare Farbe getaucht. Das Herzstück bildet das „großes milchige Leuchtmittel“ (Milchglas LED, 6 Watt, 2700 K, dimmbar), das – so der Hersteller – warmes und diffuses Licht abstrahlt. Zum Abschluss kann sich der Käufer noch eine von acht verschiedenen Kabelfarben aussuchen. Das Ganze ist nicht ganz billig, aber preisgekrönt (German Design Award 2017 ‚Special Mention‘) und kann online mit einem „Konfigurator“ individuell zusammengestellt werden. Wem das zu viel Entscheidungsfreiheit ist, der kann eine von fünf „exklusiven kuratierten Versionen“ (was man heutzutage so alles kuratieren kann) anklicken. Oskar Schlemmer jedenfalls hätte seine helle Freude daran gehabt. (kb, 2.9.17)

Foto: schneid.de

Leipzig, Sachsenplatz, 1980 (Bild: Dietmar Rabich, Wikimedia Commons, "Leipzig, Sachsenplatz -- 1980 -- 14", CC BY SA 4.0)

10 Jahre ohne: „Mein Leipzig lob‘ ich mir …“

Nach zehn Jahren Wartezeit soll es in diesem Herbst endlich soweit sein: Leipzig bekommt sein Wahrzeichen wieder! Das berühmte Goethe-Zitat, entnommen aus einem der Stadt nicht ganz so freundlich gesinnten Faust-Passus („Mein Leipzig lob‘ ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute“, gesprochen von einer dem geistlichen Getränk zugewandten Figur namens „Frosch“ im Auerbacher Keller), prangte seit 1967 über einem ostmodernen Wohnblock am Brühl. Gegenüber dem Hauptbahnhof wurden so, mit einem viersprachigen „Willkommen“, Gäste der Messestadt begrüßt.

2007 hatte man den Plattenbau abgerissen und an seine Stelle ein neues Einkaufszentrum gesetzt. Der denkmalgeschützte Schriftzug wurde zerlegt und ins Depot verbracht – mit ungewisser Zukunft. Jahrelang stritt man vor Gericht über die weitere Montage. Die Betreiber des angrenzenden Hotels hatten eine zu hohe „Lichtintensität“ gefürchtet, so dass die Eigentümer der „Brühl-Arkade“ (mit dem besagten Hotel) gegen den Wiederaufbau der Neonwerbung klagten. Erst vor wenigen Monaten einigten sie die neuen Besitzer mit der Stadt auf einen Kompromiss (die zum Hotel gewandte Seite wird um 22.00 Uhr ausgeschaltet). Nun muss die monumentale Lichtreklame noch restauriert werden, dann können sich die Gäste der Stadt mit einem – tourismusfähig umgedeuteten – Goethezitat gegrüßt fühlen. (kb, 19.8.17)

Leipzig, Sachsenplatz, 1980 (Bild: Dietmar Rabich, Wikimedia Commons, „Leipzig, Sachsenplatz — 1980 — 14″, CC BY SA 4.0)

Das neue Heft ist da: Mettigel

In so mancher Küche mit Sitzecke vergeht einem der Appetit – zu steril, zu deutsch-gemütlich oder einfach ein wenig zu farbstark. In der Architekturmoderne wurde der Ort des Zubereitens und Verzehrens zur stilistischen Spielwiese, aber in seltenen Glücksfällen auch zum Herz und Glanzpunkt eines Gebäudes. Ob Einbauküche, Kantine oder Eisdiele – in jedem Fall spiegeln diese Räume des Ernährens und Genießens unser sich wandelndes Bild von Arbeit und Freizeit, von Beziehung und Familie. Diesen besonderen Orten widmet mR nun ein eigenes Themenheft „Mettigel“ (Redaktion: Karin Berkemann).

Mit von der Partie sind der Gastrokritiker Jürgen Dollase, der Ostmodernist Mark Escherich, die Hajek-Expertin Chris Gerbing, der Denkmalschützer Stefan Timpe, der Küchenfachmann Christos Vittoratos und einige Time-Life-Kochbücher. Sie können die einzelne Beiträge rechts über die Seitenleiste anklicken oder das ganze Heft am Stück hier unten als pdf online blättern, durchsuchen oder downloaden. Und am Ende jedes Beitrags wartet ein Rezept zum Nachkochen auf Sie! (db/kb/jr, 14.8.17)

Titelmotiv: ziemlich rote Küche (Bildquelle: leider unbekannt)

Wassilychair, Bild: Spyrosdrakopoulos, CC-BY-SA 4.0

Handwerk am Bauhaus

Kunst, Handwerk oder Kunstgewerbe? Keine dieser Kategorien trifft eindeutig auf die historische Tätigkeit der Bauhaus-Werkstätten in Dessau zu. In der Tischlerei, Metallwerkstatt und Weberei der Kunstschule suchten ihre Akteure ebenso nach idealen Prototypen für die industrielle Produktion, wie sie einzigartige künstlerische Artefakte fertigten. Auf eine einheitliche Position konnten sie sich nicht einigen. Die Ausstellung „Handwerk wird modern. Vom Herstellen am Bauhaus“ widmet sich dem Themenkomplex am historischen Schauplatz: der Weberei im Dessauer Bauhausgebäude. Sie stellt das Handwerk des Bauhaus dabei auch aktuellen Designpositionen gegenüber.

Manche der Erzeugnisse der Bauhaus-Werkstätten avancierten vom handwerklich gefertigten Prototyp zum industriell gefertigten Bestseller, andere blieben gestalterisches Experiment. Neben diesen eigentlichen Produkten stehen auch die Werkzeuge und Maschinen im Fokus der Ausstellung. Auch hier bewegte sich das Bauhaus zwischen klassischem Handwerk und Mechanisierung: So war etwa die Metallwerkstatt mit modernen Drehmaschinen und Drückbänken aus den Junkers-Werken ausgestattet, dennoch blieb auch die Gefäßherstellung an den Silberschmiedebänken bestehen. Die Ausstellung ist bis zum 7. Januar 2018 zu sehen. (jr, 13.7.17)

Wassilychair im Bauhaus (Bild: Wassilychair, Bild: Spyrosdrakopoulos, CC BY SA 4.0)