Design

Tapete "Metroland Harvest Orange" (Bild: minimoderns.org)

Metroland

Tapete? Genau mit solchem Luxus hat doch der ganze Zivilisationsmist angefangen. Wem aber weder die Felle an der Höhlenwand noch der nackte Beton genug Wohlfühlatmosphäre vermitteln, der findet online eine reiche Auswahl architekturhaltiger Motive. Die Plattform „minimoderns.com“ bietet jetzt neue Wandpapiere an: Unter dem Titel „Metroland“ laufen allerlei Häuser in allerlei Farben über den Rapport.

Dieses Mal hat man sich auf Häuser der 1930er Jahre konzentriert, die – wie der Händler betont – im Sonnenaufgang eines verschlafenen Sonntagmorgens aufleuchten. Orange halt. Selbst die Produktion macht unseren Planeten ein wenig glücklicher: wasserbasierte Farben auf nachhaltig erwirtschaftetem Holz (von vermutlich eh schon suizidal veranlagten Bäumen), „made in the U. K. by nice people“. Wer gar nicht genug davon bekommt, kan in diesen Mustern auch noch Küchen- und Wohnaccessoires erwerben. Alle Bestellmaße und -informationen finden Sie online oder können die Tapetenverkäufer auch anmailen unter: info@minimoderns.com. (kb, 18.5.17)

Monobloc (Bild: Jürgen Lindemann, Vitra Design Museum)

Der Welt liebste Sitzgelegenheit

Wo der … nun ja, das Hinterteil der Welt gelegen ist, ist eine oft diskutierte und kaum zu beantwortende Frage. Wo sich das mondiale Gesäß niederlassen würde, scheint dagegen klar. Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein widmet sich mit dem Monobloc der am weitesten verbreiteten Sitzgelegenheit der Welt. Der 1972 von Henry Massonnet 1972 als „Fauteuil 300“ entworfene Plastikstuhl findet sich ebenso in deutschen Kleingartenkolonien wie afrikanischen Straßencafés oder an den Stränden der Ägäis. Als schlichtes und erschwingliches Massenprodukt ist er fest im weltweiten kollektiven Gedächtnis verankert, ohne als Designobjekt besondere Prominenz zu beanspruchen.

Die Idee des Monoblocs, also des aus einem einzigen Stück Material gefertigten Stuhls, faszinierte bereits die Gestalter der 1920er Jahre. Während man seinerzeit noch mit verformbaren Metallblechen oder Schichtholz experimentierte, ermöglichte es die aufkommende Kunststofftechnologie ab den 1950er Jahren, Stühle in Guss- oder Pressverfahren in einem einzigen Produktionsschritt zu fertigen. Neben der Geschichte des Monoblocs widmet sich die Ausstellung auch seiner Rezeption und Weiterentwicklung durch andere Designer  wie Fernando und Humberto Campana oder Martino Gamper. Die Schau ist bis zum 9.7.2017 zu sehen. (jr, 30.4.17)

Monobloc (Bild: Jürgen Lindemann, Vitra Design Museum)

Seiten des Wohnens

"Schöner Wohnen", Titel vom August 1968 (Foto: Schöner Wohnen)
„Schöner Wohnen“, Titel vom August 1968 (Foto: Schöner Wohnen)

Mal gehörte das Wohnen zum politischen Ausdruck (weil schließlich alles Politik war), mal diente sie der bürgerlichen Selbstdarstellung, mal dem privaten Rückzug. Doch in jeder Phase des modernen Wohnstils war die Möblierung ein beliebtes Thema für die bebilderte Presse: Von „Schöner Wohnen“ bis zu „Landlust“, illustrierte Zeitschriften verbreiteten die jeweils ideale Form des Wohnens. Hier ging es, über Schlagworte wie „gute“ und „stilvolle“ Raumgestaltung hinaus, auch immer um die Gestaltung von Beziehungsräumen.

Das Forschungsfeld „wohnen+/-ausstellen“ in Kooperation des Instituts für Kunstwissenschaft – Filmwissenschaft – Kunstpädagogik der Universität Bremen mit dem Mariann Steegmann Institut. Kunst & Gender (Leitung: Irene Nierhaus, Kathrin Heinz) lädt daher vom 12. bis 13. Mai 2017 zum Workshop „Seiten des Wohnens: Bild, Text, Serie“ nach Bremen (Universität Bremen, SFG: Raum 2020, Enrique-Schmidt-Str. 7, 28359 Bremen). Die Vorträge reichen von Themen wie „Schöner wohnen wollen (sollen) – Eine Analyse der Titelblätter von 1980 bis 1999“ (Anna-Katharina Riedel) über „Das Eigenheim zwischen 1924 und 1970. Eine Analyse der idealisierten Häuser in den Kundenzeitschriften der Bausparkassen“ (Maja Lorbek) bis zu „Der gesellschaftliche Entwurf des Wohnens in der Architekturphotographie von Hans Scharoun“ (Waltraud Indrist). Die Teilnahme ist kostenlos, um Anmeldung wird bis zum 2. Mai 2017 gebeten unter: Rosanna Umbach, 0421/21869712, rosanna.umbach@msi.uni-bremen.de, www.mariann-steegmann-institut.de. (kb, 15.4.17)

Brutalismus im Rheinland

Bonn, Rosenmontagszug, 1961 (Bild: Bundesarchiv B 145, Bild F009738-0011, CC BY SA 3.0)
Die Architekturmoderne hat im Rheinland schon viel überstehen müssen – jetzt kümmert sich endlich eine neue Initiative um ihren Schutz (Bonn, Rosenmontagszug, 1961, Bild: Bundesarchiv B 145, Bild F009738-0011, CC BY SA 3.0)

Im internationalen Vergleich hat das Rheinland bei einigen Dingen die (rote) Nase vorne. Sieht man von den kostümlastigen Aktivitäten dieser Tage ab, dann entdeckt am Rhein gerade eines seiner ganzjährigen Alleinstellungsmerkmale: die Architektur der späteren Nachkriegsjahrzehnte, als der Brutalismus unterm dem Siegel der „Materialehrlichkeit“ den rohen Beton inszenierte. Und während es die 1950er Jahre inzwischen erfolgreich durch den kollektiven Geschmacksfilter geschafft haben, kämpfen die Bauten der 1960er und 1970er Jahre noch immer um ihre Chance. Dazu will ihnen die neue Initiative „Brutalismus im Rheinland“ verhelfen.

Im Haus der Architektur Köln stellt sich die Initiative „Brutalismus im Rheinland“ am 14. März von 19 bis 20 Uhr im Kölner Haus der Architektur (hdak, Josef-Haubrich-Hof, 50676 Köln) vor. Zu den Gästen werden gehören: Eckhard Heck, Tobias Flessenkemper, Markus Graf und Anke von Heyl (Initiative Brutalismus im Rheinland), Oliver Elser (Deutsches Architekturmuseum, #sosbrutalismus, Frankfurt) und Dr. Martin Bredenbeck (Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, Köln) sowie weitere Vertreter aus Architektur und Denkmalpflege. Die Moderation übernimmt der Kunsthistoriker Dr. Ulrich Krings. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. (kb, 27.2.17)

Schnatterinchen liest

"Schnatterinchens Puppenecke" (Motiv der Leipziger Ausstellung)
„Schnatterinchens Puppenecke“ (Motiv der Leipziger Ausstellung)

Am 1. Juni 1949 (Internationaler Kindertag) gegründet, wuchs der KinderbuchVerlag Berlin unter Leitung von Günther Schmidt schnell zum zentralen Organ dieses Genres heran. Durch die Zusammenarbeit mit namenhaften Illustratoren gewannen die Veröffentlichungen regelmäßig Preise als „Schönste Bücher der DDR“. Insgesamt prägte der Verlag 44 Editionsformen, vom Taschen- bis zum Maxibuch.

Eine der bekanntesten Reihen waren Illustrierte Geschichten in einem dünnen Hard-Cover-Buchformat von 27 x 18,5 Zentimeter. Die Leipziger Ausstellung „Schnatterinchens Puppenecke“ versteht sich als Streifzug durch die bis 1990 gedruckte Edition. Für durchschnittliche 5,40 M wurden die unterschiedlichsten Kinderwelten reich illustriert. Eine minimalistische Typografiegestaltung und wiederkehrenden Illustrationsstile verliehen den Büchern einen hohen Wiedererkennungswert. Vom 19. März bis zum 1. April 2017 ist die Präsentation im „N‘OSTALGIE-Museum“ Leipzig (Nikolaistraße 28) zu sehen. (kb, 23.2.17)

Cuckoo Blocks

Cuckoo Block (Bild: Copyright guidozimmermann-art.com)
Cuckoo Block (Bild: Copyright guidozimmermann-art.com)

Ungezählte Japaner können nicht irren: Die Kuckucksuhr ist so typisch deutsch wie Sauerkraut und Schmuddelwetter. Zu diesem Archetyp der Schwarzwalduhr hat der Frankfurter „Graffitist und Maler“ Guido Zimmermann (AtelierFrankfurt, Schwedlerstraße 1–5, 60314 Frankfurt am Main, info@guidozimmermann-art.com“, 0177/6456168) eine weitere, wohl nicht minder deutsche Variante hinzugefügt, die „Cuckoo Blocks“. Für ihn bilden sie „eine zeitgemäße Sicht auf das urbane Wohnen“. Er montiert das traditionelle Uhrwerk mit Kuckuck in Hüllen, die dem gerade historisch werdenden Plattenbau nachempfunden sind.

Damit möchte Zimmermann zwei spannungsreiche Symbole in Beziehung setzen: die Kuckucksuhr als Zeichen des Mittelschicht-Wohlstands und den Plattenbau, der allzu gerne mit sozialen Brennpunkten gleichgesetzt wird. Damit kehrt Zimmermann zurück zu den Wurzeln des modernen Betonbaus: So entstand z. B. das Londoner Glenkerry House (1979, Ernö Goldfinger) einst für den Durchschnittsbürger, heute bietet es hippes, kaum bezahlbares Wohnen. Seine Serie der Kuckucksuhren hat Zimmermann um Nistkästen für heimische Singvögel erweitert. Der Prototyp, das Modell eines Sozialbaus aus Catania/Sizilien, wurde bereits zügig von einem Meisenpaar besiedelt. Vielleicht waren es die kleinen Satelliten-Schüsseln, welche die neuen Mieter überzeugt haben … (kb, 21.2.17)

Der obskure Charme des großen Plans

EVOL, Der Blaue Engel (Günter & Christiane F.) 2015, Spraypaint on multipurpose plastic bag M1/10, 65 x 45 cm (80 x 60 cm framed)
Evol, Der Blaue Engel (Günter & Christiane F.), 2015, Spraypaint on multipurpose plastic bag M1/10, 65 x 45 cm (80 x 60 cm framed)

Es geht um die Architektur der 1960er und frühen 1970er Jahre, eine Zeit der brutalistischen Ästhetik von Sichtbeton und der metabolistischen Großentwürfe. Architekturdenker wie Le Corbusier wollten die „alte Stadt“ auslöschen und die neue, die „Strahlenden Stadt“ mit einem Raster von Hochhäusern überziehen. Auch in monumentalen Trabantenstädten wie dem Berliner Märkischen Viertel oder der Gropiusstadt wurden neue Formen des sozialen Miteinanders entwickelt und Urbanität als bewohnbare Skulptur gedacht. Durch das Verschwinden der Moderne aus unserer Umwelt löst sich auch ihr einstiges utopisches Versprechen auf.

Die Gruppenausstellung „Der obskure Charme des großen Plans“ (Gastkurator: Alekos Hofstetter) findet Antworten – mit Arbeiten der Künstler Matias Bechtold, Evol, Alekos Hofstetter, Peter K. Koch und Oliver van den Berg. Im Begleitprogramm sind zwei Vorträge vorgesehen: 11. März, 18 Uhr, „Böcklin in Minsk“, Wolfgang Kil; 17. März, 19 Uhr, „Die Verräumlichung der Zukunft“, Dr. Michael Ostheimer. Die Vernissage findet am 9. Februar von 19 bis 22 Uhr statt. Im Anschluss ist die Ausstellung in der Galerie „LAGE EGAL – RAUM FÜR AKTUELLE KUNST“ (Danziger Str. 145, 10407 Berlin) zu sehen bis zum 17. März (Ausstellungspause vom 16. Februar bis 3. März). (kb, 8.2.17)