Deutsches Architekturmuseum

Faller-Bausatz "Villa im Tessin" (Bild: faller.de)

moderneREGIONAL baut eine Villa im Tessin

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten Edwin und Hermann Faller in Gütenbach ein Produkt, das bald in keinem Hobbykeller fehlen durfte: „Häuschen“-Bausätze für die Modelleisenbahn. Im Schweiz-Urlaub waren die Brüder von einem futuristischen Bungalow derart begeistert, dass sie sich daheim im Schwarzwald ein ähnliches Haus errichten ließen. 1961 nahmen sie dann den Bausatz „Villa im Tessin“ in ihr Programm auf, der zum Klassiker werden sollte. Im Wahljahr 1972 überschrieb der Plakatkünstler Klaus Staeck das Foto eines Appartementhauses mit: „Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen“. Damit spiegelt ein kleines Stück Plastik mehrere Jahrzehnte bundesdeutscher (Architektur-)Geschichte.

Die Wanderausstellung „märklinMODERNE“ zeigt an diesem und anderen Beispielen, wie die „große“ Architektur den Weg in den Modellbau fand – und umgekehrt. Im Sommer 2018 starten wir im Deutschen Architekturmuseum (DAM) Frankfurt und in der Architekturgalerie am Weißenhof Stuttgart. Für den „Film zur Ausstellung“ reist Otto Schweitzer von Berlin bis ins Tessin, zu Modellbaufreunden wie dem Architekturkritiker Falk Jaeger und dem Plakatkünstler Klaus Staeck. So werden nicht nur die (Modell-)Häuser, sondern auch die mit ihnen verbundenen Menschen und ihre Geschichten sichtbar. Um den Film finanzieren zu können, brauchen wir eure Unterstützung: Besucht unsere Crowdfunding-Aktion mit attraktiven „Dankeschöns“ und werdet Teil von „märklinMODERNE“: www.startnext.com/maerklinmoderne/. (db/kb/jr, 15.9.17)

Send us a postcard

Das DAM (Deutsches Architekturmuseum) wünscht sich Post von Ihnen. Mit dem Aufruf „Send us a postcard from your brutiful holidays“ bittet die Aktion „SOSBrutalism“, eine Initiative mit dem Magazin uncube, um Postkarten mit bruatlistischen Motiven an die folgende Adresse: Deutsches Architekturmuseum / SOS-Team Elser / Hedderichstr 108 / 60596 Frankfurt / GERMANY. Motive dürften Sie – zwischen Mallorca-Bettenburg und bildungsbürgerlichem Kirchenbesuch – sicher zu Hauf finden. Und ein paar jahrzehntealte Postkarten, die solche Schönheiten noch stolz als Neuheiten präsentierten.

Damit können Sie sich auch die Wartezeit auf die anstehende Frankfurter Brutalismus-Ausstellung versüßen (wir werden noch ausführlicher berichten), die für den wiederentdeckten Baustil der Jahre zwischen 1953 und 1979 eine Lanze brechen will. Vorlaufend sammelt die Projektseite www.SOSBrutalism.org mittlerweile weltweit mehr als 1.000 Bauten dieser Gattung. Zu den regionalen Schwerpunkten zählen Israel, Japan, Südamerika, selbstverständlich Großbritannien, die USA, aber auch viele westdeutsche Kirchenbauten. Die Präsentation „SOS BRUTALISMUS – Rettet die Betonmonster!“ , ein Projekt mit der Wüstenrot Stiftung, wird vom 7. Oktober bis zum 25. Februar 2018 in Frankfurt zu sehen sein, die Eröffnung wird am 6. Oktober 2017 um 19.00 Uhr gefeiert. (kb, 10.8.17)

Neuer Wohnen

Dresden, Freiberger Straße mit Citroen DS (Bild: Deutsche Fotothek, CC BY SA 3.0, 1962. Richard Peter)
Zwischen Effizienz und Eleganz: der europäische Wohnungsbau, hier ein Beispiel aus Dresden (Bild: Deutsche Fotothek, CC BY SA 3.0, 1962. Richard Peter)

Zwischen 1945 und 1970 entstanden die meisten europäischen Wohnungen. Die Gründe liegen im Wiederaufbau nach den Kriegszerstörungen und in den folgenden Wirtschaftswunderjahren. In diesen Jahren mussten der Staat oder staatlich geförderte Institutionen einer wachsenden Wohnungsnot entgegentreten und wollten zugleich ihre jeweiligen (wohn-)politischen Ideale verwirklichen. Die Tagung „Die Erneuerung des Wohnens“ – veranstaltet vom Deutschen Architekturmuseum (DAM), dem Fachgebiet Entwerfen und Wohnungsbau der TU Darmstadt sowie der Wüstenrot Stiftung – thematisiert daher vom 24. bis zum 15. November 2016 im Frankfurter DAM den geförderten europäischen Geschosswohnungsbau.

Im Mittelpunkt der Tagung steht daher die Frage, wie eine grundlegende Erneuerung des Wohnens und deren architektonische Umsetzung gelingen konnte. In einer begleitenden Ausstellung werden erstmals die Resultate des Forschungsseminars „Wohnen in Europa“ von Studierenden der Architektur der TU Darmstadt vorgestellt. Gezeigt werden rund siebzig architektonisch herausragende und international wenig bekannte Geschosswohnbauten aus Brüssel, Zagreb, Köln, Oslo, Porto, Lyon und Athen. Im Vergleich der Projekte wird der Balanceakt zwischen internationalen Idealen und partikularistischen Bestrebungen einzelner Städte und Architektengruppen sichtbar. Der Besuch der Tagung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt ist kostenfrei, die Ausstellung ist dort noch bis zum 5. Dezember zu sehen. (kb, 19.11.16)

„Es ist noch nicht zu spät“

Mattersburg, Kulturzentrum (Bild: Johann Gallis, 2015)
Das Deutsche Architekturmuseum setzt sich für den Erhalt ein: das Kulturzentrum Mattersburg (Bild: Johann Gallis, 2015)

„Das Kulturzentrum Mattersburg gilt als Hauptwerk des Architekten Herwig Udo Graf“, so würdigt Oliver Elser, Kurator am Deutschen Architekturmuseum Frankfurt, die 1976 eingeweihte betonplastische Anlage, die ursprünglich eine Sporthalle, eine Zentralhauptschule und ein Kulturzentrum mit Foyer, Restaurant, Volkshochschule, Seminarräumen, Literaturhaus, Verwaltungsräumen, Zentrum für politische Bildung (mit Übernachtungsgelegenheiten), Jugendclub, Freibühne und Sauna mit Liegebecken umfasste.

Doch, und damit kommt Elser zum Anlass seiner Stellungnahme vom 20. Juni 2016: „Der Betonbrutalismus ist vielerorts in Gefahr. Daher sollten die verbliebenen Beispiele besonders gepflegt werden.“ Denn für das Kulturzentrum Mattersburg sah es 2016 überraschend nach Abriss aus. Der Bau sei nicht energieeffizient, ein Neubau wirtschaftlicher. Es regte sich Widerstand, die Kommune lenkte scheinbar ein und schrieb einen Architektenwettbewerb aus. Den gewann das Büro HOLODECK architects, das nur 20% des Bestands erhalten und den Veranstaltungssaal zu Büro- und Seminarräumen umgestalten will. Für Elser keinen Ausweg: „Lediglich den Mehrzwecksaal zu erhalten erscheint jedoch zu wenig. Es ist, als würde man eine Kirche abreißen und ließe anstandshalber den Kirchturm stehen. Das Verbleibende wird musealisiert, ein Torso ohne Gliedmaßen.“ Und verbleibt mit einem hoffnungsmachenden „Es ist noch nicht zu spät.“ (kb, 11.7.16)

Architektur in Krieg und Frieden

Das Auditorium im DAM mit den Stühlen nach Entwurf von Oswald Mathias Ungers (Bild: Warbug, dontworry, CC-BY-SA 3.0)
Das Auditorium im DAM mit den Stühlen nach Entwurf von Oswald Mathias Ungers (Bild: Warbug, dontworry, CC-BY-SA 3.0)

Nach fast zwanzig Jahren verabschiedet sich Wolfgang Voigt vom Deutschen Architekturmuseum. Seit 1997 war er als stellvertretender Direktor des DAM tätig und an zahlreichen wegweisenden Ausstellungen des Hauses beteiligt. Zur Verabschiedung veranstaltet das Museum am 15. Januar 2016 ein Symposium mit dem Namen „Architektur in Krieg und Frieden“. Die Veranstaltung beginnt um 16 Uhr. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung nicht erforderlich.

Neben einem Vortrag von Wolfgang Voigt selbst stehen  verschiedene Themenbeiträge auf dem Programm. Ita Heinze-Greenberg spricht zu Erich Mendelsohns Europavision 1931-1934, Wolfgang Pehnt beleuchtet unter dem Titel“Die Haltung der Zurückhaltung“ die Außenansicht auf deutsche Nachkriegsarchitektur. Hartmut Frank geht „Orthodoxie und Häresie in der modernen Architekturgeschichte“ nach, Jean Louis Cohen von der New York University beleuchtet in seinem Vortrag „Architektur in Uniform“ Planungen und Bauten, die im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg entstanden. (jr, 22.12.15)

HIMMELSTÜRMEND

Die Bankenhochhäuser sind prägend für das moderne Frankfurt (Bild: DAM,© Klaus Helbig)
Die Bankenhochhäuser sind prägend für das moderne Frankfurt (Bild: DAM,© Klaus Helbig)

Die Wolkenkratzer und Bankentürme sind heute ein elementarer Bestandteil der urbanen Identität der Stadt Frankfurt am Main. In keiner anderen deutschen Stadt finden sich mehr solcher Bauwerke, die Rangliste der 10 höchsten Gebäude Deutschlands kann die Mainmetropole im Alleingang füllen. Eine Ausstellung  nimmt nun unter dem Titel „HIMMELSTÜRMEND. Hochhausstadt Frankfurt“ die Dynamik der architektonischen Entwicklung am Main nach 1945 in den Blick. Sie ist bis zum 19. April 2015 im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt zu sehen.

Die Entstehung von Frankfurts Hochhausidentität ist historisch im engen Zeitraum der letzten 60 Jahre anzusiedeln. Die Ausstellung lässt nicht nur die Stilrichtungen Nachkriegs- und Postmoderne in Gestalt exemplarisch vorgestellter Bauwerke aufeinandertreffen. Sie zeichnet auch städtebauliche Entwicklungen, Debatten und Kontroversen nach. Dazu gehören der Wiederaufbau des kriegszerstörten Frankfurt ebenso wie der „Häuserkampf“ im studentenbewegten Stadtteil Westend oder der Neubau der Europäischen Zentralbank. Mit letztgenanntem Projekt sowie der bundesweit beachteten Sprengung des AfE-Turms schlägt die Ausstellung den Bogen in die Gegenwart. Begleitend ist die Publikation „Hochhausstadt Frankfurt. Bauten und Visionen seit 1945“ erschienen. (jr, 22.11.14)

„Vollkommen abgedrehter Komplex“

INTERVIEW: Mit Peter Cachola Schmal in Offenbach

 

Offenbach_Gothaer-Haus_Bild_D_Bartetko_und_J_Reinsberg (4)
Die Verhältnisse auf den Kopf stellen: DAM-Direktor Peter Cachola Schmal im Gothaer-Haus in Offenbach (Bild: D. Bartetzko)

Berliner Straße 175, ein Tag im Juli: Drei Männer drücken sich mit kindlicher Begeisterung auf Feuerwehr-Umläufen herum, fotografieren ihre Spiegelbilder in der Glasfassade und erfreuen sich an leberwurstfarbenen Kieselplatten im Treppenhaus. Das Kopfkino läuft auf Hochtouren. Was könnte man in den vier Geschäfts- und Büroetagen einrichten, wie das darüber thronende Wohnhochhaus beleben? Ein urbaner Spielplatz für Menschen mit Visionen: Julius Reinsberg und Daniel Bartetzko treffen Peter Cachola Schmal, den Direktor des Deutschen Architektur Museum (DAM) im 1977 eröffneten Gothaer-Haus in Offenbach am Main.

„In der jetzigen Form wird es dieses Gebäude in zehn Jahren wohl nicht mehr geben“, sagt Schmal. Auch Offenbach leidet darunter, dass die ungeliebten Spätsiebziger-Kuben entweder saniert werden müssen oder schon zur Unkenntlichkeit gedämmt wurden. Kurzfristig dürfte sich kein Investor finden, der einen Sinn für diesen Großbau mit Spiegelglasfassade hat. Das Gothaer-Haus steht bald zum Verkauf.

Offenbach_Gothaer-Haus_Bild_D_Bartetko_und_J_Reinsberg (5)
Stadt im Spiegel: In den Siebzigern bot Offenbach bessere Hochhäuser als Frankfurt (Bild: D. Bartetzko)

„Weiß jemand, wer der Architekt dieses vollkommen abgedrehten Komplexes ist?“ fragt der DAM-Direktor 2013 via Facebook. Seit einem Jahr wohnt er in Offenbach und fährt täglich am Spiegelturm vorbei. Wochen später führt er Interessierte für die Initiative Offenbach loves U durchs Gebäude. Den „abgedrehten Komplex“ auf spitzwinkligem Grundstück entwarfen die Darmstädter Martin Müller (1921-1993) und Peter Opitz (*1938). Zwar wurde der einstige Versicherungssitz 1977 eingeweiht, doch stammen die Pläne von 1972. Damit zählt er zu den frühen Vertretern jener multifunktionalen Großbauten, die damals als zukunftsweisend galten.

Peter Cachola Schmal: Das Gebäude ist ein Kind seiner Zeit: braunes Spiegelglas, Trapezblech, Edelstahl, Marmorplatten, die skulpturale Form. Dazu die Einheit von Wohnen, Einkaufen und Arbeiten plus Tiefgarage und Parkdeck: Das ist urban gedacht, sehr edel ausgestattet und an diesem Platz spektakulär.

Offenbach, Gothaer Haus, Seitenansicht (Bild: D. Bartetzko/J. Reinsberg)
„Seiner Zeit um Haaresbreite voraus“, bescheinigt Schmal dem Gothaer-Haus (Bild: D. Bartetzko/J. Reinsberg)

moderneREGIONAL: Und warum begeistern wir uns heute für diesen Bau? Ist es der Charme des Schrägen oder ist es sein Konzept?

PCS: Letztlich beides. Wir befinden uns hier zwischen Moderne und Postmoderne, ein Teil der phantastischen Bewegung der 1970er. Klare Strukturen wie die Fensterbänder oder die Rasterfassade des Parkdecks stehen im Kontrast zum kunstvoll zerklüfteten Wohnhaus – das erinnert etwa an die japanischen Metabolisten um Kenzo Tange, Kiyonori Kikutake und Kisho Kurokawa. Das Nutzungskonzept folgt einem wieder aktuellen Anspruch: weg von der Trennung von Wohnen und Arbeiten. Die Entmischung wurde gerade in den Siebzigern ja gefördert und hat manche Innenstädte veröden lassen.

mR: Also ist dieser Bau sogar moderner als gedacht?

PCS: Begrünte Dachflächen, für jeden Mieter ein Platz in der Tiefgarage, schlichte und luxuriöse Wohnungen beieinander – das war seiner Zeit um Haaresbreite voraus. Zugegeben, was uns vordergründig begeistert, ist das Unzeitgemäße: Spiegelglas statt klobiger Fassadendämmung. Eine wilde skulpturale Komposition von Einzelteilen statt eines klaren stereometrischen Baukörpers. Und die verwendeten Bronzetöne der Fassaden treffen nicht nur den damaligen Geschmack, sondern auch unseren bald wieder. Leider wurde das dunkle Wellblech überstrichen, aber ernsthaft in die Bausubstanz eingegriffen hat man bis heute nicht.

Offenbach, Gothaer Haus (Bild: D. Bartetzko/Julius Reinsberg)
Heute wieder zu 75 % ausgelastet (Bild: J. Reinsberg)

2001 war das elfgeschossige Gothaer-Haus noch zu 30 % genutzt. Eine neue Hausverwaltung hat das Gebäude durch hohes Engagement nun wieder zu 75 % vermietet, unliebsame Nutzer sind verschwunden: Der frühere Kinderspielplatz auf der Terrasse im 5. Stock war zeitweise Drogenumschlagsplatz. Die Büroetagen beherbergten etliche Scheinfirmen.

mR: Die Betriebs- und Instandhaltungskosten eines derartigen Großbaus sind hoch. Und der Sanierungsbedarf kündigt sich an einigen Ecken an. Ist das eine Sackgasse?

PCS: Wir stehen zwar nicht in einer Ruine, aber man sieht den Handlungsbedarf. Das könnte auch erklären, warum sich die Denkmalpflege noch zurückhält. Es ist ein Dilemma: Eine Unterschutzstellung wird Kaufinteressenten abschrecken. Gleichwohl drohen dem Amt Kosten, wenn es eine Sanierung fördern müsste. Momentan kann man hoffen, dass der Status Quo erhalten bleibt: Es wird nicht saniert, aber der Verfall gebremst. Solange das Grundstück noch nicht so viel wert ist, ist der Bau nicht bedroht. Er steht ja nicht auf der Frankfurter Zeil, wo selbst die Zeilgalerie von 1992 möglicherweise abgerissen wird.

mR: Und wäre das Gothaer-Haus für Sie ein Baudenkmal?

PCS: Definitiv. Unter Denkmalschutz stellen bedeutet ja, ein besonders typisches Bauwerk zu retten, nicht ein besonders gefälliges.

Offenbach, Gothaer Haus (Bild: J. Reinsberg)
Blick ins Ungewisse (Bild: J. Reinsberg)

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, sagte Altkanzler Helmut Schmidt einmal. Die Anwesenden, die vor ihrem geistigen Auge Künstlerateliers in Praxisräumen und wucherndes Grün auf kahlen Flachdächern sehen, fühlen sich gesund – und bestätigt: Die Frankfurter Rundschau schrieb 1977: „Hier wurde ein wertbeständiges Haus für 100 Jahre nach dem Grundsatz der Solidität für eine gemischte, möglichst vielseitig verwertbare Nutzung bestellt.“ 21 Millionen D-Mark kostete der Bau, heute dürfte er günstiger zu haben sein. Wer greift zu?

Das Gespräch führten Daniel Bartetzko und Julius Reinsberg  (Heft 14/2).

 

Zur Person Peter Cachola Schmal

Peter Cachola Schmahl auf dem Gothaer Haus in Offenbach (Bild: D. Bartetzko/J. Reinsberg) Peter Cachola Schmal, geboren 1960, studierte Architektur in Darmstadt. Nachdem er 1989 für Behnisch + Partner tätig war, arbeitete er von 1990-1993 als angestellter Architekt bei Eisenbach + Partner. Von 1992 bis 1997 war Schmal wiss. Mitarbeiter an der TU Darmstadt, lehrte im Anschluss bis 2000 an der FH Frankfurt. Für das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt ist Schmal seit 2000 als Kurator, seit 2006 als Direktor tätig.

 

 

Ein Rundgang durch das Gothaer-Haus

 

Frankfurt, Deutsches Architekturmuseum, Auditorium (Bild: privat)

Sitzen mit Wolfgang Voigt

Nicht genug, dass das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt moderne Architekturgeschichte ausstellt – es ist auch selbst Ort moderner Architekturgeschichte. Bis 1984 leitete Oswald Mathias Ungers den Umbau einer historischen Villa zum vielbeachteten Gesamtkunstwerk. Im Herzen dieses erneuerten Innenlebens findet sich das Auditorium, der Vortrags- und Veranstaltungsraum des Museums. Und hier, genau hier auf den von Ungers entworfenen Stühlen, sprach moderneREGIONAL mit Wolfgang Voigt, dem langjährigen stellvertretenden Direktor des DAM.

mR: Herr Voigt, Hand aufs Herz: Sitzt man auf Ungers Stühlen bequem?

Wolfgang Voigt: Dazu fällt mir ein schönes Zitat von Heinrich Klotz ein, dem Gründungsdirektor des DAM. Er hat als Bauherr auch diese Stühle bestellt. Als er sie zum ersten Mal als Prototypen sah, hat er in sein Tagebuch geschrieben: „Sie sind nicht eigentlich bequem, aber doch sehr schön.“ Das bezeichnet genau den Konflikt, den wir hier haben. Ich habe in meinen 18 ½ Jahren hier am Museum einige Klage über die Stühle gehört. Das ist so etwas wie der Running Gag des Hauses. Man kann darauf aber durchaus gut sitzen, wenn man den Rücken fest an die Lehne presst und gerade sitzt. Dann gibt es keine Rückenschmerzen, ich würde sogar sagen, dass es gesund ist. Aber es ist natürlich keine relaxte Haltung, ganz klar. Aber apropos Bequemlichkeit: Es gibt auch von anderen berühmten Designern und Architekten Stühle, die nicht bequem sind, weil sie Formalismen darstellen. Anlässlich der Werkbundausstellung von 1914 gab es eine hübsche Karikatur: „Van de Velde schuf den individuellen Stuhl, Muthesius die Stuhltype und Schreinermeister Heese den Stuhl zum Sitzen“. Oder denken Sie an Gerrit Rietveld und seinen Red and Blue Chair. Der huldigt der Farbe, dem Rechteck, dem rechten Winkel und dem rohen Material. Stehen Sie aus diesem Stuhl erst einmal wieder auf – das ist nicht angenehm!

mR: Was zeichnet das Auditorium des DAM aus?

W. Voigt: Das Auditorium ist ein geradezu ikonischer Raum. Ich erinnere mich gut an die Feier im Jahr 2004 anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Hauses. Ungers lebte damals noch und war gekommen, ebenso Charles Jencks, der große Autor der Architekturpostmoderne. In seiner Rede sagte er den bemerkenswerten Satz: „This is a church of architecture.“ Das trifft es! Das sind Stühle zur Andacht. Wenn man sie zu einer Reihe zusammenstellt, ist es fast eine Kirchenbank. Das Auditorium ist keine Wellnessoase. (lacht) Wenn wir aber Besucher aus Asien und Nordamerika haben, kommen die wenigsten, weil sie eine bestimmte Ausstellung sehen wollen. Sie wollen das Museum sehen. Sie interessiert das berühmte Haus im Haus. Und natürlich auch das Auditorium. Also auch, wenn diese Räume reiner Formalismus sind und nicht funktional, sind sie das große Kapital des Museums.

mR: Also ein gelungener Entwurf?

W. Voigt: Sicherlich gelungen. Aber man bringt ein Opfer.

mR: Wenn es nicht die Bequemlichkeit ist, was macht den Reiz der Stühle aus? 

W. Voigt: Hier steht die Form vor der Funktion, das ist klar. Es handelt sich um extremen Formalismus. Aber schauen wir den Stuhl näher an. Wir sehen ein Liniengerüst aus schwarzen, dicken Holzstäben mit vier Beinen. An diesem Stuhl ist nichts geschraubt, es gibt kein Metallteil. Es ist alles handwerklich verzapft. Das ist übrigens ein Grund, dass diese Stühle hier seit 33 Jahren stehen und kein einziger Ermüdungserscheinungen aufweist. Der ganze Stuhl ist 94 cm hoch. Die Sitzhöhe beträgt 47 cm, die Lehne ebenso: zwei gestapelte Quadrate. Die Breite weicht etwas ab, was man mit bloßem Auge nicht erkennt, das verleiht dem ganzen etwas mehr Erdung. Die Lehne ist wie ein Fensterkreuz, wieder aufgeteilt in vier Quadrate mit weißer Kunstlederfüllung. Alles an den Stühlen huldigt dem Quadrat, wie überhaupt vieles, wenn nicht alles in diesem Museum. Nun gibt es Architekten, die fragen: „Was hatte der Ungers eigentlich?“ Der rechte Winkel hat zwar seine Berechtigung in der Architektur und macht im Planen und Anfertigen von Entwürfen Sinn. Das Rechteck, bei dem vorher das Verhältnis von Seite und Länge nicht festgelegt ist, ist dafür wie geschaffen. Das Quadrat legt dagegen so viel fest, dass nicht viele Möglichkeiten bleiben. Aber genau das faszinierte Ungers. Ich denke, er wollte zeigen, dass die Architektur Regeln braucht. Das auszudrücken, hat er geschafft.

mR: Was ist Ihr Sitzrekord?

W. Voigt: Ich habe die Stunden nicht gezählt, aber hier durchaus schon ganze Tage zugebracht. Danach braucht man einige Zeit, um wieder zu sich zu kommen. Wir haben der Bequemlichkeit aber eine Konzession gemacht, indem wir schwarze Kissen auf die Sitzfläche legen, die zumindest etwas mehr Komfort bieten.

mR: Sie selbst haben einen der Auditoriumsstühle in Ihrer Wohnung – was hat es damit auf sich? 

W. Voigt: Ich habe hier die Architekturgeschichte vertreten. Das Museum hat mir mit dem Stuhl ein sehr schönes Abschiedsgeschenk gemacht – oder eigentlich eine lebenslange Dauerleihgabe an mich, ich habe einen entsprechenden Vertrag unterschrieben. Leute wie ich haben viele Bücher und leider immer mehr Dinge als Platz dafür. Ich muss gestehen: Derzeit ist der Stuhl bei mir eine Bücherablage.

 mR: Liegt das an der Konkurrenz bei Ihnen zu Hause? 

W. Voigt: Ja, ich habe den Grand Repos Sessel von Jean Prouve. Das ist der Entwurf von 1932, den man auch den Katapultstuhl nennt. Er ist in sich beweglich und man kann sich in eine schöne und unerwartet bequeme Ruheposition gleiten lassen.

Das Gespräch führte Julius Reinsberg.

 

Dr.-Ing. habil. Wolfgang Voigt, * 1950, Studium der Architektur in Hannover, verschiedene wissenschaftliche und redaktionelle Tätigkeiten und Lehraufträge, von 1997 bis 2015 stellvertretender Direktor des DAM, seit 2016 tätig als freier Architekturhistoriker, stellvertretender Sprecher der Föderation deutscher Architektursammlungen und stellvertretender Vorsitzender der ernst-may-gesellschaft.