Fassade

Berlin, DGB-Haus, 2017 (Bild: Uli Borgert)

„Eine Stätte freien Menschentums“

„Ein besonderes Haus, eine Stätte freien und unerschrockenen Menschentums“, mit diesen Worten soll der oberste Gewerkschaftler Ludwig Rosenberg das Berliner DGB-Haus eröffnet haben. Am 5. Mai 1964 wurde der damals 6 Millionen DM teure Bau im Stadtteil Schöneberg an der Ecke Kleist- und Keithstraße feierlich an seine neuen Nutzer übergeben. Eigentlich hatte die Düsseldorfer Zentrale des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) den Wunsch der Berliner nach einem eigenen Verwaltungsgebäude schon abgelehnt. Doch in den frühen 1960er Jahren wuchs dem Plan mit dem Mauerbau eine politische Dimension zu. Nun entschied man sich mit voller Emphase dafür, dem Kommunismus in Berlin ein „Bollwerk“ des freien Gewerkschaftlertums direkt vor Augen (bzw. die Nase) zu stellen.

 

Neun Geschosse Aluminiumfassade

Das Hamburger Architekturbüros Wunsch & Mollenhauer hatte den neungeschossigen Stahlskelettbau von 1962 bis 1964 mit einer hochmodernen Aluminium-Vorhangfassade versehen. Besonders die drei „Eck-Balkone“ markierten das neue Gewerkschaftshaus stolz zur Ecke Kleiststraße/An der Urania. Noch dazu erhielt der Bau einen aufgeständerten zweigeschossigen Nebentrakt und ein eingeschossiges „Jugendzentrum“. Wohl in den 1980er Jahren wurde das Äußere stark verändert, womit die Fassade viel von ihrer modernen Klarheit einbüßte. So findet sich der DGB-Bau auch nicht auf der Denkmalliste der Stadt.

 

Eine gute Investition?

Doch leid tut es einem schon, wenn man vom bevorstehenden Abriss des DGB-Hauses hört. Stattdessen erhielt das Büro Ortner & Ortner nach einem Wettbewerb den Zuschlag, unweit des Wittenberger Platzes einen neuen Gewerkschaftssitz zu errichten. Dieser soll ab „den frühen 2020er Jahren“ als Zentrale nicht allein die berlin-brandenburgischen Mitarbeiter, sondern auch die bundesweit zuständige Belegschaft aufnehmen. Die sind aktuell noch am Hackeschen Markt untergebracht – der Neubau soll Miete sparen und zugleich im boomenden Berlin eine gute Kapitalanlage bieten. So zumindest die Argumentation für den Neubau, der zwischen 60 und 80 Millionen Euro kosten soll. Der Abriss der dann ehemaligen DGB-Zentrale wird für 2018 angekündigt. Die dort bislang untergebrachten Gewerkschaftler sollen vorübergehend in ein Ausweichquartier ziehen.

 

Dass es auch anders geht …

Dass es auch anders geht, zeigt der Umgang mit einem anderen Werk aus dem Büro Wunsch & Mollenhauer: In Düsseldorf wurde das 1968 eingeweihte Hans-Böckler-Haus unter Denkmalschutz gestellt. Von 2011 bis 2012 sanierte man die stilvollen Gewerkschaftsscheiben „im laufenden Betrieb“ – mit viele Rücksicht auf die prägende moderne Fassade. In Berlin geht man einen anderen Weg. Und dass an der Berliner Kreuzung Kleiststraße/Martin-Luther-Straße/Tauentzienstraße/An der Urania/Lietzenburger Straße nach den 1999 veröffentlichten Planungen mit weiteren Eingriffen in den Nachkriegsbestand zu rechnen ist, lässt städtebaulich nicht unbedingt hoffen. (kb, 13.7.17)

 

Literatur und Quellen

Der DGB in Düsseldorf, in: Bauwelt 1964, 24, S. 677.

In Berlin Schöneberg …, in: Die Quelle 15, 1964, 6, S. 276.

Weber, Klaus K. u. a. (Bearb.), Berlin und seine Bauten. Teil IX. Industriebauten Bürohäuser, Berlin u. a. 1971, S. 212.

Reif für den Abriss. Der Deutsche Gewerkschaftsbund trennt sich von seinem Berliner Sitz und baut neu. Das Gebäude in Schöneberg soll in ein paar Jahren bezugsfertig sein, in: Der Tagesspiegel 22. Mai 2017.

Frese, Alfons, Neues Haus für den DGB. An der Stelle des Berliner Domizils in der Nähe des KaDeWe entsteht die Bundeszentrale, in: Der Tagesspiegel 5. Juli 2017.

Frankfurt am Main, ehemalige VCI-Zentrale (Bild: Pielok Marquardt, Offenbach am Main)

Zweimal Bürofassade

von Daniel Bartetzko (17/2)

Eine energetische Ertüchtigung muss bei Bauten der Nachkriegsmoderne nicht zwangsläufig die Ästhetik ruinieren. Zwei gelungene Beispiele fürs „Revitalisieren“ von Bürohäusern der Wirtschaftswunderzeit, nur eines davon denkmalgeschützt, finden sich in Frankfurt/Main; beide ausgeführt durch das Büro Pielok Marquardt aus Offenbach.

 

Verkaufskontor der Farbwerke Hoechst

Seit Ende der 1990er Jahre unter Schutz steht das ehemalige Verkaufskontor der Farbwerke Hoechst im Stadtteil Sachsenhausen. Es wurde nach Plänen der Architekten Max Meid und Helmut Romeick 1955/56 errichtet und 1968 erweitert. Das Büro Meid & Romeick zeichnet für etliche Frankfurter Nachkriegsbauten verantwortlich, so für das Parkhaus Hauptwache (1956) und das Hochhaus der Schweizer National (1963/64) am Mainufer. Auch das Konrad-Adenauer-Haus in Bonn (1971, abgerissen 2003) war ihr Entwurf.

Für die Hoechst AG entstand ein gestreckter viergeschossiger Betonskelettbau mit Travertin-verkleideter Fassade, gerastert durch Fensterbänder und braunrote Verblendriemchen in deren Brüstungsfeldern. Den Haupteingang überfasst ein weit auskragendes, geknicktes Flugdach. In den 1980ern ersetzte man die ursprünglichen Metall- durch Kunststofffenster. Weitere Umbauten folgten 1997, als die Pensionskasse der fusionierten Hoechst AG die Immobilie zur Vermietung feilbot. Mit Auszug der letzten Mieter 2011 war eine Grundsanierung unumgänglich. Zwar unterliegt der Bau dank des Denkmalstatus nicht der Energieeinsparverordnung (EnEV), eine Vermietung an solvente gewerbliche Nutzer wäre aber aufgrund der hohen Energiekosten kaum mehr möglich gewesen.

 

Pielok Marquardt baut rück

Pielok Marquardt, die 2005 bereits das Schweizer-National-Hochhaus sanierten, gelang beim zweijährigen Umbau ein Kunststück: die Anmutung des Gebäudes zu erhalten und trotz starker Eingriffe in die Substanz mit dem Denkmalamt zu kooperieren. Das Kontorhaus wurde entkernt und, unter Beibehaltung der ohnehin wenigen bauzeitlichen Details im Inneren, geradezu rekonstruiert: Die neu aufgebrachte Travertin-Fassade erhielt eine zehn Zentimeter starke, hinterlüftete Wärmedämmung. Die Ziegelriemchen der Brüstungsfelder sind auf der neuen Dämmung verklebt. Insgesamt ist die Fassade um elf Zentimeter gewachsen. Ihre vollständige Rekonstruktion ermöglichte es jedoch, dies nahezu unmerklich auszuführen. Ein Sonnenschutz wurde in die neuen Metallfenster gelegt, welche in ihrer Anmutung wieder nahe am 1958er-Original liegen.

Zudem wurden im gesamten Gebäude Heiz-Kühldecken installiert. Sie reduzierten die Raumhöhe um wenige Zentimeter, machten aber die raumgreifenden Heizkörper obsolet. Die einzig gemauerten, tragenden Wände eines langen Flurs wurden zugunsten einer flexiblen Büroaufteilung in Pfeiler/Durchbrüche aufgelöst. Es entstanden pro Geschoss zwei Nutzungseinheiten, die frei einteil- und möblierbar sind. Dominierende Bestandteile im Inneren sind die teils originalen, teils rekonstruierten schwarzen Granittreppen samt Geländer. Sie lassen nie vergessen, dass man sich in einem fast 60 Jahre alten Bau befindet. 2016 wurde das Projekt beim Hessischen Denkmalschutzpreis mit einem Sonderpreis ausgezeichnet. Die Begründung: „Trotz des erheblichen Verlusts an originaler Bausubstanz ist die Sanierung (ein) positives Beispiel für die energetische Modernisierung eines vergleichsweise jungen Baudenkmals.“

 

Sanierung der VCI-Zentrale

Es geht auch ohne Denkmalschutz: Manchmal genügen ein Bauherr mit (ästhetischem) Anspruch und ein Architekt mit Sinn für Nachkriegsmoderne, um ein Gebäude zu revitalisieren wie gleichwohl zu retten. Das 1954/55 gebaute Scheibenhochhaus des Verbands der chemischen Industrie (VCI) in der Mainzer Landstraße ist ein Beispiel hierfür. Ursprünglich kleidete den Bau eine durch Lisenen gegliederte Steinfassade. In den 1980er Jahren erhielt die VCI-Zentrale eine entstellende Blechverkleidung und einen wuchtigen Dachaufbau. Seit 1997 arbeiten Pielok Marquardt für den VCI, die just vollendete Sanierung des Hochhauses entstand aus der Situation, nach einem möglichen Abriss nicht mehr in gleichem Umfang bauen zu dürfen: Das Gebäude ragt über die Fluchtlinie hinaus und übertrifft die Nachbarbebauung um etliche Geschosse.

Auch der VCI wurde entkernt, nur das bereits sanierte Erdgeschoss blieb unangetastet. Nun ziert den Bau eine zweischalige Fassade mit zentraler Lüftung, orientiert an der Tragstruktur des Gebäudes. Vor den Fenstern befinden sich hochrechteckige Prallscheiben, über ihnen im Inneren an der Decke jeweils Luftleitplatten, die zur Klimatisierung der Büros beitragen. Zudem wurden die Böden wie beim Hoechst-Gebäude gedoppelt, bei nur drei Meter Raumhöhe ein sensibles Unterfangen. Auch die Raumaufteilung ist heute komplett verändert, sodass Tageslicht quer durch die Etagen scheinen kann. Die Verblendung der Außenhülle mit Jura-Kalk kommt der einstigen Gestaltung nahe, das neu gebaute Obergeschoss schließt heute wieder mit einem Flugdach ab. Hier oben befindet sich die 1997 erneuerte Kantine, deren Interieur während der Sanierung eingelagert und wiederverwendet und ergänzt wurde.