Fenster

Stadthaus Krefeld (ehemals Verwaltungsgebäude Verseidag, Egon Eiermann, 1951-53) (Foto: LVR-ADR, Thomas Ströter, 2007)

Eiermann in Gefahr: Stadthaus Krefeld

von Frank Schmitz

Es klang so vielversprechend: Das Krefelder Stadthaus – in den 1950er Jahren nach Plänen von Egon Eiermann errichtet – soll nach jahrelangem Leerstand denkmalgerecht saniert werden. Medienwirksam angekündigt wurde die Instandsetzung als „Nationales Projekt des Städtebaus 2017“ im vergangenen Sommer von Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD), verbunden mit einer Förderzusage des Bundes. Der Krefelder Baudezernent Martin Linne zeigte sich glücklich über diese Perspektive, mit der die „architektonische und nationale Bedeutung des Eiermann-Baus in Krefeld“ unterstrichen werde. Doch nun droht ausgerechnet den für die Erscheinung des Baudenkmals so wesentlichen und von Eiermann eigens entworfenen Fenstern, dass sie durch neue, energieeffizientere ersetzt werden. Der Preis dafür wäre ein erheblicher Substanzverlust.

 

Eiermann statt Mies van der Rohe

Errichtet wurde das heutige, kommunale Verwaltungsgebäude für die Krefelder Textilfirma Vereinigte Seidenwebereien AG (Verseidag). Nachdem sich Pläne für ein Bürohaus nach Entwürfen von Ludwig Mies van der Rohe 1938 nicht verwirklichen ließen, schuf Egon Eiermann 1951-53 einen langgstreckten Bauteil mit Flachdach und gerasterter Fassade. Ergänzt wurde dieser dreieinhalbgeschossige Riegel durch ein 1954-56 entstandenes Lagerhochhaus, beide Bauten sind durch einen gläsernen Trakt miteinander verbunden. Eiermann knüpfte dabei an eine ähnliche Volumengliederung des Bauhausgebäudes (1925-26) von Walter Gropius in Dessau an und zeigte sich doch auf der Höhe der Zeit: Etwa gleichzeitig mit dem Krefelder Verwaltungsbau errichtete Alvar Aalto das Rathaus im dänischen Rødovre (1956 fertiggestellt) ebenfalls als langgestreckten, flachgedeckten Baukörper mit asymmetrisch platziertem Eingang, der durch ein Vordach auf schlanken Stützen markiert ist. Die in Krefeld ganz wesentlich entwickelte Formensprache führte Eiermann in dem mit Sep Ruf gemeinsam entworfenen Deutschen Pavillon für die Weltausstellung 1958 in Brüssel prominent weiter: Auch hier sind orthogonal zueinander gesetzte Bauteile durch – jetzt offene – Verbindungsgänge zusammengefügt.

Die Fassaden des 1979-81 zum städtischen Verwaltungsgebäude umgebauten Krefelder Ensembles zeigen sich weitestgehend im Ursprungszustand: In das strenge Betonraster des flachen Bauteils sind die etwa quadratischen Fenster eingefügt, die insgesamt die Hälfte der Fassadenfläche ausmachen. Die Stahlfenster hatte Eiermann in engem schriftlichen und zeichnerischen Dialog gemeinsam mit der Firma Fenestra-Crittall A. G. entwickelt. Dies ergaben Recherchen des Bauforschers Daniel Lohmann, die er jüngst im Rahmen des „25. Kölner Gesprächs zu Architektur und Denkmalpflege“ vorstellte. Die Liste der Architekten, die ihre Bauten mit den Fenstern des Düsseldorfer Herstellers ausstatteten, liest sich wie ein Who ist Who der Moderne: von Erich Mendelsohn über Walter Gropius bis zu J. J. P. Oud. So hatte Fenestra-Crittall bereits die nahegelegenen Fabrikbauten der Verseidag ausgestattet, die in den 1930er Jahren nach Entwürfen Ludwig Mies van der Rohes entstanden. Mies hatte auch für die Krefelder Villen der VerseidagDirektoren Hermann Lange und Josef Esters 1928-30 Fenstra-Crittall-Fenster verwendet. Die beiden Häuser werden demnächst aus den Mitteln eben desselben Fonds „Nationales Projekt des Städtebaus“ sorgsam wiederhergestellt, aus dem jetzt Gelder für das Krefelder Stadthaus bereitstehen.

 

Schwingflügel und andere Raffinessen

Eiermann hatte für das Gebäude der Verseidag weiß gestrichene Fenster mit größerem Schwingflügel und je zwei kleineren Drehflügeln entworfen. Besonderes Augenmerk richtete er auf die Beschläge, Schließmechanismen, hölzerne Rollläden mitsamt Führungsschienen und den genau austarierten Anschluss an die jeweils benachbarten Bauteile. Vor allem mit ihren schlanken Profilen knüpfen die Fenster an das helle Betonraster der Fassade und das feine Lineament der Mosaikfliesen in den Brüstungsfeldern an. Die Raffinesse der mechanischen Details – etwa der Schwingflügelfenster – ist ein subtiler Verweis auf die feinmechanischen Webstühle der Verseidag-Stoffherstellung und scheint wie ein Symbol für die rational organisierten Produktionsabläufe. Zeitgenössisch erregten gerade die Fenster besondere Aufmerksamkeit: So wurden Entwürfe für das Verseidag-Gebäude noch vor Fertigstellung im Aprilheft 1951 der Zeitschrift „Baukunst und Werkform“ publiziert, ergänzt durch detaillierte Konstruktionszeichnungen der Fenster.

Wie sorgfältig die Fenster entworfen und ausgeführt wurden, verdeutlicht der trotz mangelnder Pflege gute Erhaltungszustand. Dies lässt eine Ertüchtigung sinnvoll und machbar scheinen: Ein Musterfenster wurde unter den Augen der zuständigen Denkmalpfleger bereits wiederhergestellt. Neue Fenster hingegen, mit denen die Originalsubstanz unwiederbringlich zerstört würde, hätten mit den zwangsläufig veränderten Profilquerschnitten auch Auswirkungen auf das Erscheinungsbild des Gebäudes. Dabei wäre es nicht das erste Mal, dass die erhoffte Einsparung an Heizkosten vergleichsweise gering ausfällt und stattdessen anderweitige Folgeschäden auftreten, die sich etwa aus einer veränderten Raumklimatisierung durch neue, allzu luftdicht schließende Fenster ergeben.

 

Irreparabel?

Der drohende Verlust an originaler Bausubstanz schmerzt umso mehr, als es sich bei dem Krefelder Stadthaus um eines der seltenen Eiermann-Projekte im Rheinland handelt – zusammen mit dem Bonner UN-Hochhaus, das 1966-69 als Bürohochhaus des Bundestags („Langer Eugen“) entstand. Mit Blick auf das Europäische Kulturerbejahr 2018 wäre eine irreparable Störung des Krefelder Stadthauses als einem hervorragend erhaltenen Denkmal niederrheinischer Industriegeschichte ein fatales Signal. (24.11.17)

Titelmotiv: Stadthaus Krefeld (ehemals Verwaltungsgebäude Verseidag, Egon Eiermann, 1951-53) (Foto: LVR-ADR, Thomas Ströter, 2007)