Fotografie

Gregor Zoyzola: Postpyramide (Bild: Breidenbachsudios)

Der Herbst wird brutalistisch

SOS Brutalismus – unter diesem Label ruft das Deutsche Architekturmuseum seit einiger Zeit zur „Rettung der Betonmonster“ auf. Am 9. November öffnet die gleichnamige Ausstellung in Frankfurt ihre Tore. Doch nicht nur das DAM widmet sich der lange geschmähten Bauform: Brutalismus ist derzeit einfach hip. Freunde der Bauform können ihren Kalender nun um ein weiteres Event bereichern: die breidenbachstudios in Heidelberg zeigen im Oktober in der Ausstellung Concrete Imagination Werke des Fotografen Gregor Zoyzoyla, die ikonische Bauten des Brutalismus in den Blick nehmen.

Zoyzoyla portätiert die monumentalen Betonkolösse aus Blickwinkeln, die sowohl die erschlagende Größe als auch die kleinteilige, fast elegante Fassadengestaltung einfangen. Die Fotografien blicken aus distanziert-respektvoller Perspektive auf die Betonmonster und öffnen den Blick für deren spezifische Ästhetik. Die Ausstellung ist Teil des Festivals OFF Foto 2017, das rund 70 Ausstellungen in der Metropolregion Rhein-Neckar umfasst. Freunde des Brutalismus sollten die Fahrt nach Heidelberg bald ins Auge fassen: Die Fotoausstellung ist nur vom 14. bis zum 20. Oktober zu sehen. (jr, 5.9.17)

Postpyramide, Hamburg (Bild: Gregor Zoyzoyla)

Arno Fischer, Berlin, Gasometer, Ost-Berlin, 1962 (Copyright: Arno Fischer, Ostkreuz)

Sibylle – Die Fotografen

„Sibylle“ war DIE Frauenzeitschrift der DDR. Benannt nach ihrer Gründerin Sibylle Boden-Gerstner, erschien sie ab 1956 sechsmal im Jahr in einer Auflage von 200.000 Exemplaren. Die Modefotografie sollte eine soziale, dem Menschen zugewandte Perspektive präsentieren, zeigten einen eher dokumentarischen Stil. Maßgeblich für die Fotografien waren in den frühen 1960er Jahren Arno Fischer, Günter Rössler, Elisabeth Meinke und Roger Melis, Ende der 1960er Jahre kamen Michael Weidt und Sibylle Bergemann hinzu. In den 1970er Jahren folgten Wolfgang Wandelt, Rudolf Schäfer, Ute Mahler, Werner Mahler und in den 1980er Jahren Ulrich Wüst, Hans Praefke und Sven Marquardt.

Über ihrer 200 Werke werden aktuell in den Opelvillen in Rüsselsheim gezeigt. Sie spiegeln den utopischen Anspruch der Zeitschrift auch in den abgebildeten Orten: Die Modelle stehen als „normale“, arbeitende Frau vor Industriestandorten in Berlin oder Bitterfeld. Mit den Jahren entwickelte sich die Modefotografie so zur seltenen Nische für unkonventionelle, experimentelle, teils auch provozierende Aufnahmen. Die Ausstellung „Sibylle – Die Fotografen“ ist noch bis zum 26. November 2017 in den Rüsselsheimer Opelvillen (Ludwig-Dörfler-Allee 9, 65428 Rüsselsheim) zu sehen, begleitend ist bei Hartmann Books ein Katalog erschienen. (kb, 3.9.17)

Arno Fischer, Gasometer, Ost-Berlin, 1962 (Copyright: Arno Fischer, Ostkreuz)

Der Bildhauer Hans Uhlmann (Foto: Fritsch Eschen, vor 1964, Bild: Galerie Haas, Berlin, CC BY SA 4.0)

Der unbekannte Fritz Eschen

Fritz Eschen (1900-1964) begann 1928 als freiberuflicher Bildjournalist zu arbeiten. Aus einem liberal-jüdischen Elternhaus stammend, kam er in Berlin mühelos in Kontakt zu Künstler- und Politiker-Kreisen. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft wurde er 1933 aus dem Reichsverband der Deutschen Presse ausgeschlossen, konnte aber mit Unterstützung u. a. von Associated Press zunächst weiterarbeiten. Doch schon 1936 war er darauf angewiesen, als Dozent für Fotografie an einer jüdischen Bildungsstätte zu arbeiten. Seine Heirat mit Lipsy Thumm, eine „privilegierten Mischehe“, schützte ihn nicht vor Zwangsarbeit. Nach 1945 nahm er die Arbeit unmittelbar wieder auf.

Um offene Fragen zum Werk von Fritz Eschen zu klären, lobt die Berlinische Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur das – seit 2014 zu je wechselnden Themen der Fotografiegeschichte vergebene – Thomas-Friedrich-Stipendium aus. Das Stipendium vom 1. Januar bis 31. Dezember 2018 umfasst 8.000 Euro und einen Sachkostenbudget von bis zu 2.500 Euro. Am Ende ist ein wissenschaftlicher Aufsatz von ca. 30 Seiten zu verfassen, für den als Honorar 4.500 Euro gezahlt werden. Erwünscht sind ein abgeschlossenes Hochschulstudium der Kunstgeschichte oder eine vergleichbare Qualifikation. Vollständige schriftliche Bewerbungsunterlagen mit Schriftenverzeichnis und einer Textprobe im Original werden bis zum 31. August 2017 erbeten an: Berlinische Galerie, Personalservice, Stichwort: Thomas Friedrich-Stipendium, Alte Jakobstraße 124-128, 10969 Berlin. (kb, 20.6.14)

Hans Uhlmann (Foto: Fritsch Eschen, vor 1964, Bild: Galerie Haas, Berlin, CC BY SA 4.0)

Was macht die Kunst in Frankfurt/Oder?

Es ist nicht neu, hat aber leider noch nicht ganz den Weg gefunden aus den Herzen der Ostmodernisten in die Köpfe der Entscheider: Kunstobjekte der DDR-Zeit verschwinden im großen Stil aus dem öffentlichen Raum und landen im besten Fall im städtischen Depot. Sie aus diesem unfreiwilligen Winterschlaf wieder hervorzuholen, hat sich die Ausstellung „Was macht die Kunst?“ in Frankfurt/Oder vorgenommen. In Zusammenarbeit mit dem Kultureigenbetrieb der Stadt werden so für einige Zeit wieder Kunstwerke sichtbar, die sonst aktuell nicht der Öffentlichkeit zugänglich sind. Die Objektschau ist Teil einer kleinen Bestandsaufnahme noch vorhandener Kunst im öffentlichen Raum – mit Fotografien von Martin Maleschka.

Dass gerade Frankfurt Oder über einen reichen Schatz baugebundener Kunst verfügte, verdankte man u. a. dem Status als Bezirkshauptstadt mit ihren vielen ostmodernen Neubauten . Der Ausstellungsort selbst bildet einen solchen authentischen Rahmen für die Präsentation: Das zuletzt als Mensa der Viadrina genutzte Nebengebäude des Audimax ist Teil der ehemaligen Bezirksparteischule. In den letzten Jahren nicht mehr zugänglich, bergen die Räume eine großflächige Hinterglasmalerei, die sich in die Ausstellung einreihen wird. Die Vernissage findet am 2. Juli um 18 Uhr statt, im Anschluss ist die Präsentation bis zum 13. August 2017 zu sehen. (kb, 8.6.17)

Frankfurt/Oder, ehemalige Bezirksparteischule, Hinterglasmalerei (Foto: Martin Maleschka) 

STAEDELxTRINKHALLE (Bild: Städel, Frankfurt am Main)

#STAEDELxTRINKHALLE

DDR Moderne Cottbus

Cottbus (Foto: Martin Maleschka)
Cottbus und seine Ostmoderne, gesehen durch das Auge des Architekten und Fotografen Martin Maleschka (Foto: Martin Maleschka)

Unter der Schirmherrschaft von Frau Ministerin Dr. Martina Münch öffnet die Cottbuser SPD (Mühlenstraße 17) ihre Geschäftsräume für den Architekten und Fotografen Martin Maleschka. 2005 griff der gebürtige Eisenhüttenstädter zur Kamera und begann das festzuhalten, was im Verschwinden begriffen war – Wohnbauten, Gesellschaftsbauten und Kunst am Bau der DDR. Was als Hobby neben dem Architekturstudium begann, wurde zu Profession und Kunst.

Diese Ausstellung „DDR Moderne Cottbus“ ist ein Plädoyer für den Erhalt der Architektur und baugebundenen Kunst der DDR-Zeit in Cottbus. Gezeigt werden etwa 25 Fotografien in schwarzweiß, die Maleschka in den vergangenen Jahren gemacht habe sowie (s)eine künstlerische Umsetzung des ehemaligen Krebs-Wandbilds des Cottbuser Künstlers Horst Ring (am Giebel der Wohnhausscheibe Görlitzer Straße) mit dem Dämmstoff Styrodur. Die Ausstellungseröffnung wird am 12. April um 18.00 Uhr in der Geschäftsstelle der SPD gefeiert. Im Anschluss ist die Ausstellung zu den Öffnungszeiten der Geschäftsstelle zu bis zum 26. April zu sehen, der Eintritt ist kostenfrei. (kb, 8.4.17)

Nürnbergs 50er

Plaerrer-Hochhaus (Bild: Claus Baierwaldes)
Das Plaerrer-Hochhaus war auch von innen ein Hingucker (Bild: Claus Baierwaldes)

Nürnberg hatte nach dem Krieg ein ramponiertes Image. Die Nazis hatten der „Stadt der Reichsparteitage“ mit dem riesigen Aufmarschgelände und seiner weltweiten Rezeption nachhaltig ihren Stempel aufgedrückt. Vielleicht wurde die Nachkriegsmoderne daher hier von manchem besonders euphorisch begrüßt, 1953 ließen sich etwa die Nürnberger Stadtwerke mit dem modernen Plärrerhochhaus das höchste Gebäude Bayerns errichten. Die Fotoausstellung „Architektur der 1950er Jahre in Nürnberg. Fotografien von Claus Baierwaldes“ im Museum Industriekultur widmet sich diesem und weiteren Kleinoden der Nachkriegsmoderne.

Besonders eng verbunden sind Nürnbergs 50er mit dem Namen Sep Ruf. Mit der Akademie der Bildenden Künste, der Bayerischen Staatsbank und dem Neubau des Germanischen Nationalmuseums errichtete der Architekt hier Bauten von überregionaler Bekanntheit. Neben diesen bedeutenden Gebäuden nehmen die Fotografien Claus Baierwaldes auch die unbekannte Nachkriegsmoderne in den Blick. Darunter zählen verspielt-elegante Kleinbauten wie Tankstellen, Kioske oder Pavillons ebenso wie betont sachliche Schulen und öffentliche Verwaltungsgebäude. Die Ausstellung ist bis zum 30. April 2017 zu sehen. (jr, 6.4.17)

Die Schönheit des Alltäglichen

Was macht eine Stadt aus? Eine neue Publikation bietet eine vielseitige Antwort, zumindest für eine deutsche Großstadt. Unter dem Titel „Berlin – die Schönheit des Alltäglichen“ ist aktuell im Jovis-Verlag ein Stadtführer der anderen Art: Er führt nicht zu den bekannten Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt, sondern lenkt den Blick auf die Alltagsästhetik der Stadtlandschaft.

Der Herausgeber Frank Peter Jäger beschreibt gemeinsam mit Co-Autoren wie Verena Pfeiffer-Kloss oder Carsten Horn (um nur einige wenige zu nennen) die Details der von Zeit und Geschichte geprägten Bauten und Materialien: die Gestaltungsphasen der U-Bahn-Interieurs, die strenge Klarheit der Berliner Straßen und das Mietshaus als kleinste Einheit des Urbanen, dessen scheinbar uniformer Typus sich aus der Nähe als erstaunlich vielseitig erweist. Die Beiträge des Buches widmen sich diesen Alltagsarchitekturen, die letztlich die Identität und das Gesicht der Stadt prägen und die es zu bewahren gilt. Zahlreiche Fotografien entführen in die Bilderwelt Berlins und ermuntern dazu, das Phänomen des städtischen Raums und seiner Zeitschichten auf eigene Faust zu erkunden. (kb, 19.3.17)

Jäger, Frank Peter (Hg.). Berlin – Die Schönheit des Alltäglichen. Urbane Textur einer Großstadt, Jovis-Verlag, Berlin 2017, Hardcover, 17 x 24 cm, 192 Seiten, ISBN 978-3-86859-380-8.

Politiken des Formats seit 1960

New River, Gorge Bridge, 1972, aufgenommen mit einer Polaroid-Kamera, digital kopiert mit Adobe Photoshop (Bild: Teaberryeagle, GFDL oder CC BY SA 3.0)
Treffen sich ein Analog und ein Digital: die „New River Gorge Bridge“ in West-Virginia, aufgenommen 1972 mit der Polaroid-Kamera, später digital bearbeitet (Bild: Teaberryeagle, GFDL oder CC BY SA 3.0)

„Format“ meint heute zumeist die Form eines (digitalen) Datenträgers oder einer medialen Darstellung. Dabei wurde lateinische „formare“ für „bilden, gestalten“ bereits im 17. Jahrhundert im Buchdruck angewendet. Im 19. Jahrhunderts nutzte die noch junge Kunstgeschichte den Begriff z. B. als Maß für die Wirkung auf den Betrachter. Heute blicken Experten vor allem auf die Netzwerkbildung im digitalen Raum. Daher fragt der Workshop „Bilder trimmen. Politiken des Formats seit 1960“, der vom 13. bis zum 14. Oktober 2017 in Bern (Institut für Kunstgeschichte) stattfindet: Wie veränderte das seit den 1960er Jahren vermehrte Aufeinandertreffen von Künsten und Bildtechnologien die Standards der Bilderzeugung und -verbreitung?

Denn vor allem in den Nachkriegsjahrzehnten beschäftigten sich die Künste mit den neuen Technologien: ob Fernsehen, Video, Telekommunikation oder den Vorformen digitaler Praktiken. Nachwuchswissenschaftler werden eingeladen, Themenvorschläge für den Workshop einzubringen. Schwerpunkte könnten sein: Bildformat als Bedeutungsgröße; Editing und Retusche; Datenbanken, Plattformen und Archive; antiquierte Formate; Materialität der Technologie; Produktivität des Formatbegriffs. Die Vorschläge (max. 500 Wörtern, ein CV) für Vorträge (25-30 Minuten) können bis zum 30. April 2017 eingesendet werden an: yvonne.schweizer@ikg.unibe.ch und magdalena.nieslony@ikg.uni-stuttgart.de. (kb, 16.3.17)

„Ein Kännchen Kaffee bitte!“

Tobias Kern: Café Jansen, Köln (Foto: Tobias Kern/VG Bild-Kunst, Bonn)
Tobias Kern: Café Jansen, Köln (Foto: Tobias Kern/VG Bild-Kunst, Bonn)

Mit seiner Fotoserie „Ein Kännchen Kaffee bitte!“, die im März in Düsseldorf ausgestellt wird, porträtiert der Kölner Fotograf Tobias Kern die bundesdeutsche Kaffeehaus-Kultur, wie sie in den Wirtschaftswunderzeiten von den 1950er Jahren bis in die 1970er Jahre aufblühte. Kern versteht seine Dokumentation dieses speziellen Bau- und Gastronomietypus als Spiegelbild einer wohlsortierten, gutsituierten Bürgerlichkeit.

Gezeigt werden  traditionsreiche Cafés im idealtypischen Zustand: als menschenleere Räume mit dem entsprechenden Mobiliar und Dekor. Als gelernter Architekturfotograf zielt Kern darauf ab, die Atmosphäre dieser besonderen Räume einzufangen. Viele der porträtierten Cafés erscheinen merkwürdig streng, strahlen wenig Kaffeeklatsch-Atmosphäre aus. Tobias Kern folgt dem Gesetz der Serie, wie es von Bernd und Hilla Becher entwickelt wurde: Alle Orte werden aus vergleichbarer Perspektive, mit gleicher Motivwahl und mit parallelem Bildaufbau abgelichtet. Jedes Haus entfaltet dabei seine spezielle gestalterische Sprache, die jedes der gastronomischen Angebote einzigartig macht. Die Vernissage wird am 7. März 2017 um 18.30 Uhr im Haus der Architekten (Zollhof 1, 40221 Düsseldorf-Medienhafen) begangen. Im Anschluss ist die Ausstellung „Ein Kännchen Kaffee bitte! – Konditorei-Cafés der 50er bis 70er Jahre“ dort bis zum 31. März 2017 zu sehen, der Eintritt ist frei. (kb, 7.3.17)