Frankfurt

Frankfurt, Abriss des Historischen Museums, 2010 (Bild: Hagen Stier)

Was vom Brutalismus übrig blieb

Frankfurt steht im November ganz im Zeichen des grauen Kunststeins: Schon vor der – in ihrer Eröffnung auf den 8. November (19 Uhr) verschobenen – Ausstellung „SOS BRUTALISMUS“ von Deutschem Architekturmuseum (DAM) und Wüstenrot Stiftung kann man im Thema vorglühen: Am 1. November bietet das DAM die Vortragsveranstaltung „STADTplus – Die Stadt + Der Beton“ (ab 19 Uhr, Vortrag und Führung, nach dem 30-minütigen Vortrag ist das DAM bis 21 Uhr geöffnet).

Thema ist „Was vom Brutalismus übrig blieb“, was ja nicht wirklich viel ist: Der AfE-Turm auf dem Campus Bockenheim, das Technische Rathaus und das Historische Museum wurden abgerissen. Vortragende sind für moderneREGIONAL der Journalist Daniel Bartetzko und die Kunsthistorikerin/Theologin Karin Berkemann. Und wer das Ganze noch im Bücherschrank sein Eigen nennen möchte, kann ab Anfang November den bei Park Books erschienenen Ausstellungskatalog „SOS BRUTALISMUS“ erwerben, der „erstmals die brutalistische Architektur der 1950er bis 1970er Jahre im weltweiten Überblick“ darbieten will. (jr, 28.10.17)

Frankfurt, Abriss des Historischen Museums, 2010 (Foto: Hagen Stier)

Seff Weidl, Skulptur "Einigkeit" in der Gartenstadt Vahr, Bremen, 1959 (Bild: Hamburgisches Architekturarchiv)

Ernst May und die Skulptur

Der Architekten Ernst May fühlte sich ein Leben lang eng mit der Bildhauerei verbunden. Nach eigener Aussage wäre er selbst gerne bildender Künstler geworden, entschied sich dann jedoch für das Bauen. Während der Zeit des Neuen Frankfurt tauschte sich May stets mit zeitgenössischen Bildhauern aus, darunter Richard Scheibe und Josef Hartwig. In den 1950er Jahren folgten Bernhard Heiliger und Seff Weidl. Weidls monumentale Bronzeskulpturen etwa gehörten unauflöslich zu den städtebaulichen Ensembles, die Ernst May für die Neue Heimat realisierte.

Diesem fruchtbaren Zusammenspiel widmet sich vom 15. Oktober 2017 bis zum 1. April 2018 eine – vom Berliner Architekten Florian Seidel kuratierte – Ausstellung im Frankfurter ernst-may-haus. Thema ist die Wechselwirkungen zwischen Ernst Mays Architektur und der Bildhauerei, angefangen bei seinem Frühwerk, seinen Arbeiten in Frankfurt am Main, bis hin zu seinen Arbeiten der Nachkriegszeit. Die Vernissage wird am 14. Oktober 2017 um 18 Uhr im ernst-may-haus (Im Burgfeld 136, 60439 Frankfurt) gefeiert. (db, 8.10.17)

Seff Weidl, Skulptur „Einigkeit“ in der Gartenstadt Vahr, Bremen, 1959
(Bild: Hamburgisches Architekturarchiv)

Faller-Bausatz "Villa im Tessin" (Bild: faller.de)

moderneREGIONAL baut eine Villa im Tessin

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten Edwin und Hermann Faller in Gütenbach ein Produkt, das bald in keinem Hobbykeller fehlen durfte: „Häuschen“-Bausätze für die Modelleisenbahn. Im Schweiz-Urlaub waren die Brüder von einem futuristischen Bungalow derart begeistert, dass sie sich daheim im Schwarzwald ein ähnliches Haus errichten ließen. 1961 nahmen sie dann den Bausatz „Villa im Tessin“ in ihr Programm auf, der zum Klassiker werden sollte. Im Wahljahr 1972 überschrieb der Plakatkünstler Klaus Staeck das Foto eines Appartementhauses mit: „Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen“. Damit spiegelt ein kleines Stück Plastik mehrere Jahrzehnte bundesdeutscher (Architektur-)Geschichte.

Die Wanderausstellung „märklinMODERNE“ zeigt an diesem und anderen Beispielen, wie die „große“ Architektur den Weg in den Modellbau fand – und umgekehrt. Im Sommer 2018 starten wir im Deutschen Architekturmuseum (DAM) Frankfurt und in der Architekturgalerie am Weißenhof Stuttgart. Für den „Film zur Ausstellung“ reist Otto Schweitzer von Berlin bis ins Tessin, zu Modellbaufreunden wie dem Architekturkritiker Falk Jaeger und dem Plakatkünstler Klaus Staeck. So werden nicht nur die (Modell-)Häuser, sondern auch die mit ihnen verbundenen Menschen und ihre Geschichten sichtbar. Um den Film finanzieren zu können, brauchen wir eure Unterstützung: Besucht unsere Crowdfunding-Aktion mit attraktiven „Dankeschöns“ und werdet Teil von „märklinMODERNE“: www.startnext.com/maerklinmoderne/. (db/kb/jr, 15.9.17)

Frankfurt/M., Ökohaus (Bild: 25asd, CC0)

25 Jahre Ökohaus Frankfurt

Die Postmoderne hatte 1992 ihren Zenit bereits überschritten. Doch das Ökohaus Frankfurt, das in jenem Jahr eröffnet wurde, geht in seiner Architektursprache ohnehin weiter: Neben den üblichen weiß lackierten Stahlträgern und den dekonstruktivistisch kollidierenden Rundungen, Schrägen, geraden Flächen sowie den durch jeder Menge Sprossen unterteilten Glasflächen gibt es bemooste Wände. Und Bäume im vierten Stock. Einen Teich im Eingangsbereich. Wein an der Fassade und Heidegras auf dem Dach … Die Planungen für diesen ökologischen Traum starteten bereits Ende der 1980er, 1990-92 wurde das experimentelle Haus im Stadtteil Bockenheim auf einem ehemaligen Schrottplatzgelände errichtet.

Verantwortlich zeichnete das Büro Eble + Sambeth, das mit den Nutzern das Konzept der „Arche“, wie der Kultur- und Gewerbebau eigentlich heißt, erarbeitete. Nachhaltiges Bauen war das Hauptziel – unter den Erstbeziehern waren die Frankfurter Grünen, mehrere Ärzte, Verlage, das Magazin „Öko-Test“ und die Druckerei der „taz“, deren Abluft bis 2012 zum Heizen des Gebäudes verwendet wurde (nein, wir machen jetzt keinen Witz über „Presse und heiße Luft“). Finanziert hat das Ökohaus ausgerechnet die Commerzbank. Sie tauschte das Gelände samt Neubau gegen das Haus Mainzer Landstraße 147, in dem einst der Kommunistische Bund Westdeutschland residierte. Diese linke Geschichte fand ihr Ende in einer grünen Oase: moderneREGIONAL gratuliert! (db, 14.9.17)

Frankfurt-Bockenheim: Ökohaus (Bild: 25asd, CC0)

Frankfurt am Main, IBM-Haus (Bild: Thomas Mies, Frankfurt am Main)

IBM-Haus Frankfurt wird abgerissen

Gerade erst wurde das Werk des Architekturbüros Apel, Beckert & Becker (ABB) in einer Fotoausstellung im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt gewürdigt, da fällt eines ihrer Gebäude: Die ehemalige IBM-Verwaltung 6, von 1961 bis 1963 erbaut und seit rund 20 Jahren nicht mehr genutzt, macht einer Wohnanlage Platz. Bereits vor zwei Jahren fielen die Flachbauten auf dem Gelände, das Hochhaus überdauerte die Zeit wohl nur, da die Tiefgarage im Untergeschoss noch bis vor Kurzem genutzt wurde.

Der Bau mit den charakteristischen Fensterstreifen und der Waschbetonfassade war bis 1986 IBM-Sitz und wurde zeitgleich mit dem direkt gegenüber liegenden Hotel Interconti (ebenfalls von ABB) errichtet. Unter Denkmalschutz stand er nicht, den Abbruch aller auf dem Grundstück befindlichen Gebäude will der Investor Ende 2017 abgeschlossen haben. Unter dem Namen „The Inbetween“ sollen nun 160 Wohnungen und ein Boardinghaus mit 50 Appartements entstehen, bis Anfang 2019 soll das Projekt fertiggestellt sein. Warum das funktionalistische IBM-Haus, das sich für Appartements bestens geeignet hätte, nicht einbezogen wird, erschließt sich beim Blick auf die Visualisierung des Neubaus: einer beigen, kistenförmigen Blockrandbebauung mit Klinker-Sockelgeschoss. Willkommen in der „Stadtreparatur“ … (db, 15.8.17)

Frankfurt am Main, IBM-Haus (Bilder: Thomas Mies, Frankfurt/flickr, miez!)

Frankfurt/Main, Zeil 88 (Bild: D. Bartetzko)

Umbau auf der Zeil

Es mag keine reine Schönheit gewesen sein, doch es hat unzweifelhaft Abwechslung und Charakter in die architektonisch stets im Umbruch befindliche Frankfurter Zeil gebracht. Das Eckhaus Schäfergasse 2/Zeil 88 ist ein Konglomerat verschiedenster Zeiten und Stile: Im Erdgeschoss stecken die Reste eines Gründerzeit-Baus, darüber thronen stilvolle 1950er – Ende der 1970er verkleidet in rotbraunen Terrazzo-Platten und durch goldeloxierte Alufenster veredelt. Einer der Reize des hinreißend geschmacksunsicheren Hauses war es bisher, dass man stets rätseln konnte, wann es gebaut wurde – lustigerweise lag man mit seinen Vermutungen nie wirklich daneben …

Bald dürfte es damit vorbei sein. Die Modekette Pimkie, seit Jahren Betreiber des Ladengeschäfts, baut in großem Stil um. Seit einigen Wochen ist das Haus eingerüstet und gibt dort, wo es bereits entkernt ist, seine Zeitschichten für einen kurzen Moment frei: gelbe Sandsteinornamente, bunte Mosaikfliesen, dazu offenbar aus Trümmerschutt wiederverwendete, rußgeschwärzte Ziegelsteine – bald verschwindet all dies unter einer 20-Zentimeter-Dämmung. Ob die Terrazzofassade bleibt, lässt sich noch nicht sagen. Das Bauschild, das eine Umgestaltung des Dachgeschosses und den Rückbau der Vordächer verkündet, verheißt nichts Gutes. Wir nehmen Wetten an, ob die zu erwartende Travertinfassade hellbeige, mittelbraun, umbra, dunkelbeige oder eierschalenfarben wird. Wie der Bau bis vor wenigen Monaten aussah, finden Sie hier. (db, 19.5.17)

Frankfurt, Zeil 88 im Umbau (Bild: D. Bartetzko)

Adieu Garagenhof …

Frankfurt a.M., Kölner Straße (Bild: Daniel Bartetzko)
Die Gentrifizierung ist am linken Bildrand gestartet und wird demnächst die Mitte erreichen. (Bild: Daniel Bartetzko)

Eine ehemalige Tankstelle aus den 1950ern, dahinter ein Garagenhof, der teils noch aus den 1930er Jahren stammt – das Ganze auch noch in pittoresk-romantischem Verfallsstadium: Schöner kann kein Hinterhof-Klischee erfüllt werden. Das Gebäudeensemble zwischen Kölner und Emser Straße im Frankfurter Stadtteil Gallus war nicht umsonst mehrfach Kulisse für Fernsehkrimis wie „Ein Fall für zwei“ und „Tatort“. Und wie dieses angeschrummelte Idyll bis 2017 nahezu unberührt überdauern konnte, gehört zu den urbanen Rätseln der Hessenmetropole. Aber nun ist es damit auch vorbei: Die Bagger sind angerückt und schaffen Platz für ein Eigentumswohnungs-Projekt mit dem klangvollen Namen „The Link“.

So unfreiwillig klischeehaft der Garagenhof irgendwann war, so klischeehaft gerät auch die aktuelle Situation: Das Areal gehört schon seit einigen Jahren nicht mehr zum Gallus, sondern heißt jetzt „Europaviertel“. Und als wolle man den Begriff Gentrifizierung besonders anschaulich erklären, mussten Kleingewerbetreibende und Moped-Bastler ihr Idyll zugunsten eines Investoren-Projekts mit modisch-überkandideltem Namen verlassen. Das, was an Stelle der raren historischen Kfz-Anlage entsteht, wäre angesichts seiner Gewöhnlichkeit eigentlich auch keinen „Link“ wert. Die entstehende Gebrauchsarchitektur macht den Verlust einer charmanten Schmuddelecke nur noch bedauerlicher … (db, 3.4.17)

ABB im DAM

Frankfurt/Main, Berliner Straße 27 (Bild Roland Meinecke, CC BY-SA 2.0)
Frankfurt/Main, Berliner Straße (1956): Otto Apels Hommage an Le Corbusier (Bild: Roland Meinecke, CC BY SA 2.0)

Die Architektur von Otto Apel, insbesondere die Projekte des 1961 gemeinsam mit  Hannsgeorg Beckert und Gilbert Becker gegründeten Büros ABB, prägen die Innenstadt von Frankfurt am Main. Die Städtischen Bühnen (1963), der Gebäuderiegel der Deutschen Bundesbank (1972), das Hotel Interconti (1963) und das Dresdner-Bank-Hochhaus (1980) stehen noch immer als unübersehbare Symbole ihrer architektonischen Ära – und das in einer Stadt, in der Gebäude sonst oft keine 40 Jahre überdauern.

Von 18. März bis 14. Mai widmet sich nun das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt diesem Oevre in der Ausstellung „Bühnen, Banken, Flugzeughallen – Frankfurter Projekte von Otto Apel / ABB Architekten“. Das DAM hat das Archiv des Büros in seine Sammlung übernommen und präsentiert die Bauten der 1950er bis 1970er Jahre in über 500 historischen Aufnahmen des Fotografen Ulfert Beckert, dem Bruder von Hannsgeorg Beckert. Ergänzt werden sie durch neue Fotografien des Künstlers Eike Laeuen. Zwei prominent besetzte Veranstaltungen begleiten die Schau: „Das Gesamtkunstwerk Dresdner Bank“ am 20. April sowie „ABB sanieren“ am 27. April, beide jeweils um 19 Uhr im Auditorium des DAM. (db, 1.3.17)

Frankfurter Stadionhotel wird saniert

Frankfurt; Stadionhotel Januar 2017 (Bild:Daniel Bartetzko)
Im Stadionhotel sollen demnächst Flugbegleiter residieren. (Bild: Daniel Bartetzko)

Im Stadionhotel Frankfurt heißt es seit nunmehr 15 Jahren „Zimmer frei“: Der Vertrag mit den letzten Pächtern endete 2001, seitdem steht der 1925 als Entree des Frankfurter Stadionbads errichtete, gemäßigt moderne Bau leer. Er war ursprünglich Teil der in den 1920ern errichteten Sportanlagen im Stadtwald, bestehend u.a. aus Radrennbahn, Schwimmbad, Wintersporthalle und Fußballstadion (heute: Commerzbank-Arena).

Ursprünglich war die Liegewiese des Stadionbads über die Terasse des Stadionhotels erreichbar. Hiervon ist schon lange nichts mehr zu sehen, mehrere Umgestaltungen – zuletzt in den 1990ern – rückten das Hotelrestaurant von Schwimmbad ab. Der Denkmalschutz bewahrte es wohl vor dem Abriss, denn in Nachbarschaft der ab 2002 hochgezogenen, hypermodernen Commerzbank-Arena (anstelle des einstigen Waldstadions) mutet das Zwanziger-Jahre-Ensemble wie ein beim Plattmachen übersehenes Relikt an. Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau hat sich der Sportdezernent Markus Frank (CDU) nun allerdings positiv zur Zukunft des Stadionhotels geäußert. Es solle „revitalisiert“ werden, die Stadt stehe mit zwei Investoren in Verhandlung, die den Betrieb wieder aufnehmen dürften: Wohl nicht wie einst als öffentliches Gästehaus, sondern als Unterkunft für Flugbegleiter und -Kapitäne, die im Standby-Dienst am nahe gelegenen Frankfurter Flughafen arbeiten. Frank beziffert die Sanierungskosten auf rund 1,5 Millionen Euro, die Gebäudesubstanz sei noch immer intakt. (db, 4.2.16)

Goodbye, Kaiserlei!

Offenbach am Main, Kaiserleikreisel (BIld: Julius Reinsberg)
Offenbach am Main, Kaiserleikreisel (BIld: Julius Reinsberg)

In Offenbach geht es dem Kaiserleikreisel an den Kragen. Mit einem Durchmesser von 250 Metern war er zu seiner Fertigstellung 1965 der größte Kreisverkehr Europas. Er liegt an der westlichen Grenze der Stadt und stellt ein zentrales Nadelöhr auf dem Weg zum Nachbarn Frankfurt sowie die Anschlussstelle zur Autobahn A 661 dar. In Zukunft soll eine Doppelkreuzung die Aufgaben des Verkehrsknotenpunkts übernehmen, den täglich 65 000 Autos passieren. Offenbach und Frankfurt versprechen sich von dem Projekt einen Zugewinn an Bauland an der gemeinsamen Grenze sowie eine Entflechtung des Nah- und Fernverkehrs.

Die Planungen für den Kaiserleikreisel datieren ins Jahr 1957 zurück. Zum damaligen Zeitpunkt lag das Baugelände noch auf der grünen Wiese und auch die Autobahn 661 sowie die zugehörige Kaiserleibrücke waren noch in der Konzeptionsphase. Die Teilstücke des Kreisels wurden dann in den 1960er Jahre sukzessive fertiggestellt und dem Verkehr übergeben. Bei Autofahrern war der Verkehrsknoten schon bald als Unfallschwerpunkt der Stadt berüchtigt. Und doch: mit dem Kaiserleikreisel verliert Offenbach auch ein Stück historischer Identität. Das infrastrukturelle Großprojekt war nicht nur ein Verkehrsknoten, sondern auch ein ostentativ inszeniertes Symbol der verkehrsgerechten Stadtplanung der 1960er Jahre, das jahrzehntelang die Besucher der Stadt Offenbach begrüßte. (jr, 25.1.17)