Hamburg

Bremen-Lehe, Andreaskirche (Bild: mapio)

„Gotteshaus mit Flügeln“

Es gibt sie schon, die stolzen Gemeinden, die das junge Baujahr ihrer Gottesdienststätte nicht mit einem „praktisch ist sie ja“ entschuldigen. Zum diesjährigen „Tag des offenen Denkmals“ (TofD) stehen vermehrt auch moderne Kirchenbauten auf dem Programm. In Bremen-Lehe, um ein Beispiel herauszugreifen, wird die Führung (10. September, 15.00 Uhr durch Pastor Martin Warnecke) durch die Andreaskirche (1968, O. Ahlers) angepriesen mit: „Gotteshaus mit Flügeln“, mit „schwebender Dachkonstruktion“ und „elegantem Campanile“ (geöffnet nach (Kinder-)Gottesdienst 12 bis 16 Uhr).

Auch außerhalb von Bremen lohnt der Blick ins TofD-Programm: In München wurde eine Gaststätte mit Biergarten 1919 zur Himmelfahrtskirche (spätere Um-/Wiederaufbauten) umgestaltet (Kidlerstraße 15, 81371 München Sendling, geöffnet 9 bis 20 Uhr, 10 Uhr Gottesdienst, 11 Uhr Kirchenkaffee, 12 Uhr Führung). In Köln, inmitten einer historischen Parkanlage, wird die 1964 vom Taizé-Bruder Eric Sassure gestaltete Erzengel-Michael-Kirche geöffnet (Sürther Straße 169, 50999 Köln Rodenkirchen, Führungen 12, 14 und 16 Uhr). Oder Sie besuchen in Hamburg eine andere Moderne, die Kirche des Heiligen Prokopij, die 1965 im „altrussischen Stil“ entstand (Hagenbeckstraße 10, 20357 Hamburg Eimsbüttel Stellingen, geöffnet 9./10. September 14 bis 16 Uhr, Führungen an beiden Tagen 14.30 und 15.30 Uhr). Oder Sie setzen in Berlin mit der Kirche St. Judas Thaddäus (1959) auf einen Altmeister der Moderne (Bäumerplan 1-5, 12101 Berlin-Tempelhof-Schöneberg geöffnet 9.30 bis 10.30, 12 bis 13 und 17 bis 19 Uhr, Kirchenführungen 16 und 18 Uhr, Orgelführung 17.30 Uhr, dazwischen liturgische, musikalische und kulinarische Angebote). Oder … (kb, 1.9.17)

Bremen-Lehe, Andreaskirche (Bild: mapio)

Hamburg, Verholung der V7E 3363 im Jahr 2016 (Bild: fieldstaffhbd, Youtube-Still)

TofD: In Hamburg ist der Zug abgefahren

Es geht hier ausnahmsweise um die angenehmeren Ereignisse der hanseatischen Denkmalpflege: Zum „Tag des offenen Denkmals“ (TofD) zeigen gleich zwei Veranstaltungen die kulturhistorischen Seiten des Öffentlichen Nahverkehrs. Im Einsatz von 1956 bis 1976, findet sich der Straßenbahntriebwagen V7E 3363 zwar nicht in der Denkmalliste, kann aber – so die Veranstalter – als Hamburger Kulturgut gelten und am 9. September von 10 bis 18 Uhr besichtigt werden (Krohnskamp 31, REWE-Parkplatz, 22301 Hamburg Nord Winterhude). Nachdem die Straßenbahn 40 Jahre ungeschützt im Wald stand, hat 2016 seine Aufarbeitung begonnen. Gezeigt werden die Schaffnerausrüstung und Dienstkleidung, Funktionen wie Schaltung, Klingel, Fahrscheinausgabe sowie die Stromentnahme mit Rolle, Stange sowie Leinenfänger.

Etwas genauer müssen die Teilnehmer der Führung „Der Zug ist abgefahren. Stresemannstraße“ (Treffpunkt: Ecke Harkortstraße, 22769 Hamburg Altona Nord, Beginn: 10. September 2017, 15 Uhr) hinschauen. Wo heute das neue Quartier Mitte Altona entsteht, lagen seit Mitte des 19. Jh. ausgedehnte Bahnanlagen. Die Geschichte des Geländes weist viele Stationen auf, die auf die jeweiligen Machtverhältnisse hindeuten. Gerd Riehm, Autor des Buches „Wie kann man hier bloß wohnen?“ führt durch die Gegend seiner Kindheit. Die Bahn, Anwohner, die Nationalsozialisten, Güterarbeiter, Stadtplaner, Investoren und viele andere haben ihre Spuren hinterlassen, die es zu entdecken gilt. kb, 25.8.17)

Hamburg, Verholung der V7E 3363 im Jahr 2016 (Bild: fieldstaffhbd, Youtube-Still)

Hamburg, Rathausmarkt, 2010 (Bild: easy4444, CC BY SA 3.0)

Hamburg: Was wird aus den Glasarkaden?

Dass es in Hamburg ständig regnet, ist üble süddeutsche Propaganda. Aber für die Tage, in denen erhöhte Luftfeuchtigkeit aus Hanseaten Schutzsuchende macht, für eben diese Tage sind die Pavillons auf dem Rathausmarkt von unschätzbarem Wert. Die Wartezeit bis zum nächsten Regenloch kann man sich hier gleich mit einem Fisch- oder Franzbrötchen vertreiben. Von 1980 bis 1982 hatte das Planungsbüro Nickels, Ohrt und Partner die postmodern geschwungenen Glasarkaden an den Platzrand gesetzt, darunter wurden Kioske angesiedelt. Mit ihren filigranen, grün gestrichenen Metallkonstruktionen schlagen die Pavillons einen versöhnlichen Bogen zu den allgegenwärtigen Kupferdächern.

Doch marode seien sie, heißt es, dieser Tage ist gar von Einsturzgefahr die Rede. Bei den Fraktionen des Senats ist schon seit Längerem der Gestaltungswille erwacht: Eine Tourist-Information könne man im Bestand unterbringen. Und die Bushaltestellen neu ordnen. Oder gleich alles ganz neu machen. Dabei dürfte die Kulturbehörde ein Wörtchen mitreden, denn die Pavillonbauten stehen unter Denkmalschutz. Gegenüber dem Hamburger Abendblatt begründete Enno Isermann, Sprecher der Kulturbehörde: „Die Glasarkaden […] gehören in Hamburgs Innenstadt zu den ersten Beispielen der postmodernen Stadtarchitektur.“ Darin seien sie vergleichbar mit dem Hanse-Viertel oder den Überdachungen auf dem östlichen Hauptbahnhofsvorplatz. (kb, 27.6.17)

Hamburg, Glasarkaden am Rathausmarkt (Bild: easy4444, CC BY SA 3.0)

Hannover-Stöcken, Corvinuskirche, Entwurf eines Gemeindezentrums, Roderich Schröder, 1956 (Bild: Roderich Schröder (Archiv Roderich Schröder), FAL)

2 x zum Abriss freigeben

Es geht seit sechs Jahren hin und her in Hannover-Stöcken: 2011 hatte das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege (NLD) die Corvinuskirche (Roderich Schröder, 1962) unter Schutz gestellt. 2012 wurde der Bau entwidmet und ein Abriss erwogen. Das Verwaltungsgericht Hannover kam zum Schluss: Das NLD hätte nicht allein die Corvinuskirche, sondern zuvor alle niedersächsischen Nachkriegskirchen bewerten müssen. 2014 bekräftigte das Oberverwaltungsgericht Lüneburg hingegen den Denkmalstatus der Corvinuskirche. 2016 stellten Landeskirche und -denkmalpflege gemeinsam Pläne vor, Gemeinderäume in die Kirche einzubauen. Mitte Juni 2017 meldete die Landeskirche, das Ministeriums für Wissenschaft und Kunst habe den Abriss freigegeben, da ein Erhalt unzumutbar sei. Die Gemeinde denkt laut über ein neues Zentrum nach.

Ähnliches wurde dieser Tage in Hamburg-Langenfelde bekannt. Die 1961 eingeweihte evangelische Kirche „Zum Guten Hirten“ (Horst Sandtmann/Friedhelm Grundmann) ist, wie das Hamburger Abendblatt meldete, nach dem Beschluss des Hamburgischen Oberverwaltungsgerichts kein Denkmal. 2006 wurde der Bau auf die Denkmalliste gesetzt, ab 2011 dauerten die juristischen Auseinandersetzungen an. Der Rest scheint bekannt: Die Gemeinde erwägt den Abriss für den Neubau eines „Multifunktionsgebäudes“. Der Kulturbehörde stünde noch der Gang zum Leipziger Bundesverwaltungsgericht frei – vielleicht folgt ja zumindest in Langenfelde auf das „hin“ noch ein abrissverhinderndes „her“. (kb, 22.6.17)

Hannover-Stöcken, Corvinuskirche, Entwurf eines Gemeindezentrums, Roderich Schröder, 1956 (Bild: Roderich Schröder (Archiv Roderich Schröder), FAL)

Hamburg-Jenfeld, Der Gute Hirte, 2011 (Bild: Ajepbah, CC BY SA 3.0)

„Nicht förderfähig“

Wer in der Schulzeit einen der unheilverheißenden „Blauen Briefe“ erhielt, kann sich vielleicht in die Situation einiger Pastorinnen und Pastoren in und um Hamburg in diesem Sommer hineinversetzen. Nachdem die Kirchenkreise Hamburg Ost und Hamburg West/Südholstein mehrere Monate ihren Baubestand gesichtet haben, sind 44 Kirchen durch das Raster der Förderfähigkeit gefallen. Konkret bedeutet diese Nachricht für die Gemeinden, dass der jeweilige Kirchenkreis den besagten Predigtstätten kein Geld mehr für den Bauunterhalt zuteilen wird. Propst Hans-Jürgen Buhl erklärte das Prozedere gegenüber dem Hamburger Abendblatt: „Wir als Kirchenkreis schließen keine Kirche. Dies kann nur die betreffende Gemeinde als Gesellschaft öffentlich-rechtlichen Rechts.“

Zu den 44 benannten Kirchenräumen zählen vorwiegend Bauten des 20. Jahrhunderts: von der Heilandskirche (1928, Emil Heynen, Ausstattung u. a. Richard Kuöhl) in Uhlenhorst über St. Michael (1955, Gerhard Langmaack, Ausstattung u. a. Claus Wallner) in Bergedorf bis zur Auferstehungskirche (1968, Friedhelm Grundmann) in Braak. Einige Gemeinden kämpfen öffentlich für eine „Umkategorisierung“, andere hoffen, die notwendigen Baumittel aus eigener Kraft auftreiben zu können. Die Gemeinde „Der Gute Hirte“ in Hamburg-Jenfeld erklärt dieser Tage auf ihrer Homepage: „Wir schließen noch lange nicht. Erst wenn es zu vielen einerlei oder egal ist.“ (kb, 9.6.17)

Hamburg-Jenfeld, Der Gute Hirte (1971, Horst Sandtmann/Friedhelm Grundmann) (Bild: Ajepbah, CC BY SA 3.0)

Hamburg, Postpyramide (Bild: Postpyramide)

Hamburg: Instawalk zur Postpyramide

Schon länger steht fest, dass es der als Postpyramide bekannt gewordenen Oberpostdirektion in Hamburgs City Nord 2017 an den Kragen geht. 2016 kaufte ein Investoren-Joint-Venture das Gebäude und plant an seiner Stelle nun einen neuen Wohn- und Büroturm. Das umgebende Viertel wird damit von der ursprünglichen Konzeption als reine Bürostadt weggeführt. Die City Nord entstand seit den 1960er Jahren als Reaktion auf die steigende Nachfrage nach Büroflächen in der Hansestadt. Oberbaudirektor Werner Hebebrand hatte sich von Projekten in den USA inspirieren lassen, wo solche „Commercial Parks“ keine Seltenheit waren. In den Folgejahren entstanden auf dem Areal repräsentative Firmensitze, darunter architektonische Highlights wie die von Arne Jacobsen entworfene HEW-Zentrale (heute Vatenfall). Auch die Postpyramide galt damals als Vorzeigeprojekt.

Wenn der Bau selbst schon nicht mehr zu retten sein wird, soll er am 15. Mai doch zumindest noch einmal im Bild festgehalten werden. Bei einem Instawalk (gemeinsam Fotos machen, auf die Plattform Instagram hochladen) trifft man sich am 15. Mai 2017 um 13 Uhr am Ausgang der U 1 (Sengelmannstraße). Der Fotorundgang soll auch an der Vatenfall-Zentrale vorbeiführen. Also auf nach Hamburg, Handy gezückt und zumindest virtuell dem Bagger ein Schnippchen schlagen! (kb, 13.5.17)

Titelmotiv: Hamburg, Postpyramide (Bild: instagram, via Anika Meier)

Hamburg, Elbphilharmonie, 2017 (Bild: Matthias Süßen, CC BY SA 4.0)

Von der Speicherstadt zur Elbphilharmonie

Was Hamburg Berlin voraus hat? Mal abgesehen von Meerblick, Fischbrötchen und Humor? Hier ist man mit einer Dauerbaustelle tatsächlich fertig geworden. Im letzten Jahr konnte die Elbphilharmonie als Bekrönung eines historischen Speicherbaus eingeweiht werden. Wer von dieser modernen Seite der Hansestadt noch mehr sehen und lesen will, hat jetzt Gelegenheit dazu. In diesen Tage erscheint bei Dölling und Galitz die aktualisierte und erweiterte Neuauflage des Buchs „Von der Speicherstadt bis zur Elbphilharmonie. Hundert Jahre Stadtgeschichte Hamburg“.

Seit der ersten Auflage von 2009 hat sich an der Elbe baulich viel verändert, dem der Architekturhistoriker Gert Kähler mit seiner Neuauflage Rechnung tragen will. Dabei spannt er einen weiten Bogen vom Jahr 1909, als der Architekt Fritz Schumacher den Städtebau der Hansestadt modernisierte, bis in das Baugeschehen der jüngsten Jahre. Die Elbphilharmonie, zugleich Covermotiv der Publikation, erhält nun ein komplettes Kapitel. Ebenso umreißt der Band die neuesten Entwicklungen beim Wohnungsbau und die Problematik der Privatisierung des öffentlichen Raums. (kb, 2.5.17)

Kähler, Gert, Von der Speicherstadt bis zur Elbphilharmonie. Hundert Jahre Stadtgeschichte Hamburg (Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs 24), 248 Seiten, Dölling und Galitz, Hamburg 2017, Neuauflage, 160 Farbabbildungen, ISBN 978-3-937904-87-0.

Rote Liste Hamburg

Hamburg, Abriss Elisabethgehölz 5-7, 2015, (Bild: Peter Vogt)
Hamburg, Elisabethgehölz 5-7: 1998 saniert, 2015 abgerissen … (Bild: Peter Vogt)

Die Abrissfreudigkeit in den deutschen Großstädten hat ein Ausmaß erreicht, das wieder an die 1960er erinnert. Augenfällig wird es, wenn all die gefährdeten oder bereits abgerissenen Gebäude in einer bebilderten Liste aufgeführt sind. So wie etwa in der „Roten Liste Hamburg“, die sich den zur Disposition stehenden Bauwerken, unabhängig von deren etwaigen Denkmalwert, widmet.

Ob derartige Webseiten die Verantwortlichen nachdenklich machen, sei dahingestellt. Doch vielleicht öffnen sie gleichgültigen Mitbürgern die Augen dafür, dass so manches unscheinbare Häuschen und auch so mancher vermeintliche  Betonklotz vielleicht mehr architektonische Qualität mitbringt, als das, was ein seiner Stelle entstehen soll. Die Rote Liste hat das Ziel, von Umbau und Überformung bedrohte wertvolle, prägende Orte sichtbar zu machen. Etwa, um eine Diskussion anzuregen, welche Orte auch abseits klassischer Denkmal-Kriterien geschützt werden sollten. Denn nicht nur die Denkmäler, sondern ihre Einbettung stehen für den Charakter eines ganzen Stadtviertels. Die Macher der Rote Liste richten sich dabei ausdrücklich nicht gegen Veränderung – möchten aber sensibilisieren, diese Veränderung behutsam anzugehen und genau abzuwägen, an welchen Orten sich vielleicht die Seele der Stadt festmacht. Vielleicht wäre eine derartige Rote Liste in jeder größeren Stadt hilfreich … (db, 15.2.17)

Soziale Stadtentwicklung Hamburg

Hamburg, City-Hof (Bild: ahjepbah, CC BY-SA 3.0)
Noch ein Anlauf zur Rettung: Hamburg, City-Hof (Bild: ahjepbah, CC BY SA 3.0)

Rund 130 Teilnehmer kamen im Januar in Hamburg zusammen, um unter dem Motto „Soziale Stadtentwicklung rund um den Hauptbahnhof – Bevor der Zug abgefahren ist!“ zu diskutieren. Vertreter des Bündnisses wie von sozialen Einrichtungen wie Caritasverband, dem Straßenmagazin „Hinz & Kunzt“ sowie Denkmalrat, fux e. G. und Mieterverein Hamburg machten deutlich, wie wichtig öffentliche Gebäude für soziale Einrichtungen in der City und insbesondere die vier Hochhäuser des Cityhofs am Klosterwall sind.

Die Forderungen des Bündnisses: Kein Verkauf des städtischen Geländes. Kein Abriss des Cityhofs. Umnutzung der ehemaligen Hörgeschädigten-Schule und des City-Hofs vorrangig für soziale Zwecke. In den kommenden Monaten soll noch einmal eine Kampagne zum Thema gestartet werden. Dafür wird zu einer Aktionsberatung am Donnerstag, den 23. Februar um 18.30 Uhr, in die HafenCity Universität (Überseeallee 16, 20457 Hamburg), eingeladen. Geplant ist, Aktionsvorschläge für die Kampagne zu diskutieren und vorzubereiten – verbunden mit der Aufforderung an den Senat, Abstand von Verkaufs- und Abrissplänen. Zum „Bündnis Soziale Stadtentwicklung rund um den Hauptbahnhof“ zählen unter anderem: City-Hof e.V.; Einwohnerverein St. Georg von 1987 e.V.; Stadtteilinitiative Münzviertel; Gängeviertel e.V.; AStA der HafenCity Universität Hamburg; Berufsverband bildender Künstlerinnen und Künstler Hamburg e.V.; fux eG; Netzwerk „Recht auf Stadt“ Hamburg. Pressekontakt: Marco Alexander Hosemann (City-Hof e.V.), info@city-hof.org, 0172/5850666; Michael Joho (Einwohnerverein St. Georg), MichaJoho@aol.com, 0160/91481027. (db, 11.2.17)

Ein Appell für die Hochhauskapelle

Hamburg-Innenstadt, Kapelle im ehemaligen Haus der Kirche (I. und F. Spengelin, 1970) (Bild: K. Berkemann)
Hamburg-Innenstadt, Kapelle im ehemaligen Haus der Kirche (I. und F. Spengelin, 1970) (Bild: K. Berkemann)

Es gibt kaum ein traurigeres Bild als einen leerstehenden Kirchenraum, noch dazu, wenn es ein guter ist. In Hamburg findet sich ein solcher – noch – im ehemaligen Haus der Kirche. Neben das Allianz-Haus (B. Hermkes, 1971) im glas- und metallglänzenden internationalen Stil hatte das Architektenpaar Ingeborg und Friedrich Spengelin 1970 als herbe Waschbetonschönheit das Verwaltungsgebäude der damals noch selbständigen Hamburger Landeskirche gesetzt. Im Erdgeschoss birgt der aufgegebene, danach vorübergehend als Flüchtlingsunterkunft genutzte Bau eine Kapelle. Die Wände in kargem Naturstein, die Decke in gestocktem Beton, zeigt der Andachtsraum nicht nur vorerst zurückgebliebene Stücke wie Altar, Taufe, Wandkreuz, Ambo und Türknauf, sondern auch viele durchdachte Details wie den Hand-Glockenzug oder den sich hinauf zum Mahnmal St. Nikolai grabenden zweiten Zugang.

Gleich dem ganzen Eckgrundstück geht es bald an den Kragen, denn der Kirchenkreis plant ein neues Verwaltungsgebäude und anstelle des Allianz-Hauses ist ein Büro-Ensemble (Caruso St. John) vorgesehen. Nicht weniger als ein „neues Quartier“ soll sich zwischen Rathaus und Alt-Nikolai an der historischen Parzellierung orientieren – auf Kosten der Nachkriegsmoderne. In der aktuellen Ausgabe des Deutschen Architektenblatts nennt Frank Pieter Hesse, ehemaliger Leiter des Hamburger Denkmalschutzamts, die Kapelle ein „sakrales Kleinod“ und spricht sich deutlich für deren Erhalt aus. (kb, 7.11.16)