Kirchbaumoderne

Roes, Schwanenkirche, 2014 (Bild: RomkeHoekstra, CC BY SA 4.0)

Trier: Dombaumeister gestorben

Wer im 20. Jahrhundert moderne Kirchen baute, noch dazu katholische Kirchen, der konnte sich vor dem Kölner Architekten Dominikus Böhm nicht oft und nicht tief genug verbeugen. Karl Peter Böhr (* 1925) erwies Böhm, seinem „Lehrmeister“, in der Voreifel seine Reverenz. In Roes baute der Trierer Architekt kurz nach dem Krieg die sog. Schwanenkirche in der schönsten Böhm’schen Expressionistengotik. Damit ersetzte er 1952 einen mittelalterlichen Vorgängerbau. Doch auch unmissverständlich nachkriegsmoderne Kirchen – von der Zeltkonstruktion über den Brutalismusbau bis zur Postmoderne – wurden nach seinen Entwürfen errichtet: z. B. St. Simeon  (1966), St. Agritius (1971) oder die Maria-Hilf-Kapelle (1990), alle drei in Trier.

1987/88 erhielt Karl Peter Böhr den Titel des Dombaumeisters. Zuletzt wurde ihm die Ehre zuteil, das traditionsreiche Apostelgrab in der Trierer Basilika St. Matthias neu zu gestalten. Wie Mitte Mai bekannt wurde, starb Böhr am 27. April im Alter von 91 Jahren. Das Requiem für den Verstorbenen wurde am 19. Mai in Trier in St. Matthias begangen. Die Frage, wie sein bauliches Erbe überdauern wird, ist gerade hochaktuell: Seine betonbrutalistische Kirche St. Simeon in Trier-West soll zum Kunstmagazin des Bistums umfunktioniert werden. (kb, 24.5.17)

Roes, Schwanenkirche, 2014 (Bild: RomkeHoekstra, CC BY SA 4.0)

Berlin, St. Judas Thaddäus, 2012 (Bild: BruderGerwin, CC BY SA 3.0)

Berlin: Vorsicht, frisch saniert!

Nach 16 Monaten und 1,5 Millionen (von der Wüstenrot Stiftung getragenen) Euro kann die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche nun stolz vermelden: Die Kapelle (1963, Egon Eiermann) ist frisch betonsaniert und wieder geöffnet – wenn auch noch nicht für den freien Besucherverkehr, dafür fehlen momentan die Ehrenamtlichen. Behoben wurden Umwelt- und Witterungsschäden vor allem an den Betonwaben. Ein Forschungsprojekt hatte vorlaufend die Wirkung der Restaurierungsarbeiten für diese denkmalgeschützte Inkunabel der Nachkriegsmoderne (mit jährlich immerhin 1,3 Millionen Besuchern) ausgelotet. In Kürze stehen die Sanierung das Podium und des modernen Glockenträgers an.

Auch die Kirche St. Judas Thaddäus (1959, Reinhard Hofbauer) in Berlin-Tempelhof kann einen entsprechenden Erfolg vorweisen: Der 40 Meter hohe Turm mit dem markanten betonplastischen Kreuz wurde „grundsaniert“. In einem neuartigen, in Abstimmung mit der Landesdenkmalpflege vom Ingenieur Marco Götze entwickelten Verfahren erhielt die Stahlbetonkonstruktion eine neue Deckschicht: Der Spritzbeton (das allein wäre für Betonsanierer eher schon traditionelles Handwerk) wurde auf ein Carbongewebe aufgetragen. Gegenüber der Berliner Woche verwies Götze auf die Vorteile des ungewöhnlich leichten und zugfesten Materials: „Damit spart man immens an Rohstoffressourcen und Gewicht.“

Berlin, St. Judas Thaddäus, der Turmstumpf im Jahr 2012 – noch mit Muster-/Probeflächen für die inzwischen vollzogene Sanierung – Bilder vom Ergebnis finden Sie online hier (Bild: BruderGerwin, CC BY SA 3.0)

Volkenroda, Christuspavillon, 2010 (Bild: Till Knobloch, CC BY SA 3.0)

500 Kirchen. 500 Ideen.

Manche hängen (aus gutem Grund) Teesiebe in die Fenster, manchen öffnen ihre Türen für Radfahrer: Um seine Kirche unterhalten zu können, muss man sich (nicht nur) in Thüringen schon etwas einfallen lassen. Auf der Projekthomepage „StadtLand: Kirche“ versammelt eine virtuelle Karte über 800 Kirchenbauten, darunter auch einzelne moderne Exemplare von der Christuskirche in Pottiga (1929) bis zum Christuspavillon (2000/01) im Kloster Volkenroda. Sie alle gehören zur Aktion „500 Kirchen 500 Ideen. Querdenker für Thüringen 2017″. Pünktlich zum Reformationsjahr, mit Blick auf die anstehende Internationale Bauausstellung (IBA), suchte die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland „Neu-, Um- und eben auch Querdenker“.

Gesucht waren Nutzungsideen für den großen Kirchenbestand. Ob Post-, Markt- oder Gartenkirche, 2016 hatte man per Aufruf gute Ideen gesammelt. Die Ergebnisse werden jetzt vom 13. Mai bis 19. November in der gleichnamigen Ausstellung in der Erfurter Kaufmannskirche (Am Anger) präsentiert. Angekündigt werden eine Medieninstallation und ein „Ideengenerator“. Begleitend zur Ausstellung findet ein umfangreiches Rahmenprogramm statt, bestehend aus einem Kolloquium, drei Salongesprächen, fünf Touren und zwei internationalen Werkstätten. Aus der Fülle der Ideen sollen bis zu fünf IBA Kandidaten nominiert und bis zum IBA Finale 2023 baulich umgesetzt werden. Die Austellung ist täglich von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. (kb, 3.5.17)

Volkenroda, Christuspavillon (Bild: Till Knobloch, CC BY SA 3.0)

Berlin, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, 2005 (Bild: Johann H. Addicks, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Mehr Licht!

Der geneigte Leser wird sich erinnern. „Mit Licht kann man bauen“, so lautet die zentrale These einer Neuerscheinung. Die beiden Herausgeber, der Theologe Thomas Erne (EKD-Institut für Kirchenbau, Marburg) und der Kunsthistoriker Ralf Liptau (Universität der Künste Berlin), kamen darin zu dem Schluss: Bar jedweder historischer Stilzitate hatte der moderne Kirchenbau gar keine andere Wahl, als mit Hilfe des Lichts einen profanen zu einem sakralen Raum zu formen.

Den Buchtitel ziert ein Detail der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die Egon Eiermann mit dem Glaskünstler Gabriel Loire 1961 in mystisches Blau tauchte. Anknüpfend an einen ersten Studientag im Oktober 2015 ist nun eine Fortsetzung geplant: Der „Studientag II: Licht – Material und Idee im Kirchenbau der Moderne“ findet am 27. April 2017 in Berlin auf der Orgelempore der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche (Breitscheidplatz) statt. Pfarrer Martin Germer (Berlin) führ ein in das „Licht in den beiden Kirchenräumen der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche“, Anna Minta (Linz) referiert über „Licht und Schatten. Ideologien und Utopien in der Architektur der Moderne“ und nicht zuletzt spricht Ralf Liptau (Berlin) über „Licht im Kirchenbau der Nachkriegsmoderne“. (kb, 17.4.17)

Titelmotiv: Berlin, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (Bild: Johann H. Addicks, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Lichte Kirchenbauten

„Mit Licht kann man bauen“, so die These einer neuen Publikation zum Thema Kirche. Den beiden Herausgebern – dem Theologen Thomas Erne (EKD-Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart an der Philipps-Universität Marburg) und dem Kunsthistoriker Ralf Liptau (Universität der Künste Berlin) – geht es um die vielfältigen Formen, mit denen Kirchenbauer durch Licht eine besondere Atmosphäre schufen.

Dem moderne Kirchenbau, der sich ganz vom histori(sti)schen Schmuck freimachen wollte, blieb damit das Licht als elementares Gestaltungsmittel: Erst die Lenkung des natürlichen (und die Inszenierung des künstlichen) Lichts kennzeichnete demnach einen Raum als einen liturgischen. Licht bilde daher, so die Publikation, „eine wesentliche Idee“ und ein „raumprägendes Material im Kirchenbau des 20. Jahrhunderts“. Der im Jonas Verlag erschienene Band umfasst Beiträge aus der Kunst- und Architekturgeschichte, Designtheorie und Theologie. (kb, 31.3.17)

Liptau, Ralf/Erne, Thomas (Hg.), Licht. Material und Idee im Kirchenbau der Moderne (KBI/Kirchbauinstitut Marburg 11), Jonas Verlag, Marburg 2017, 144 Seiten, Klappbroschur, 20 x 20 cm, ISBN: 978-3-89445-533-0.

Moderne Moscheen

Nidda/Hessen, Bait-ul-Aman-Moschee (Bild: Ceddyfresse, CC0)
Nidda/Hessen, Bait-ul-Aman-Moschee (Bild: Ceddyfresse, CC0)

Das Spektrum reicht von der kaum als solchen erkennbaren Hinterhofmoschee über charmante Vorstadtmoschee mit Baumarkt-Minarett bis zu zeichenhaften Großprojekten wie der Kölner DITIB-Zentralmoschee. Dieser aufregenden Baugattung widmet sich der Berliner Kunsthistoriker und Journalist Christian Welzbacher in seinem neuen Buch „Europas Moscheen. Islamische Architektur im Aufbruch“.

Darin stellt er Fragen wie: Sind Kuppel und Minarett, die in die europäischen Vorstädte entrückt werden, Symbole der Desintegration? Oder hat sich in den letzten Jahrzehnten ein eigenständiger, zeitgemäß-europäischer Moscheenbau etabliert? Kann etwa das Islamische Forum in der oberbayerischen Kleinstadt Penzberg als allgemeingültiges Zeichen der Emanzipation gedeutet werden? Mit seinem Essayband verknüpft Welzbach so breitgefächerte Themen wie Baukunst und Gesellschaft, Politik und Form, Repräsentation und Symbolik. Es stellt Projekte und Protagonisten, Diskurse und Zusammenhänge vor und fordert auch Beteiligung ein. Denn die neuen europäischen Moscheen zeigen auf unmissverständliche Weise, dass sich nicht nur die Architektur, sondern auch die Gesellschaft im Aufbruch befindet. (kb, 11.3.17)

Welzbacher, Christian, Europas Moscheen. Islamische Architektur im Aufbruch, Deutscher Kunstverlag, Berlin 2017, ca. 128 Seiten, 50 Abbildungen, 15 x 20 cm, Klappenbroschur, ISBN: 978-3-422-07391-3.

Potsdam rekonstruiert sich wieder

Potsdam, Gewölbebogen der Heilig-Kreuz-Kapelle, rekonstruiert im Frühjahr 2005 (Bild: Florian S., CC BY SA 3.0, 2006)
2005 errichteten die Potsdamer Wiederaufbau-Befürworter symbolisch einen Bogen der Heilig-Kreuz-Kapelle (Bild: Florian S., CC BY SA 3.0)

Der Fortsetzungsroman „Potsdam rekonstruiert sich“ hat das nächste Kapitel aufgeschlagen. Wie immer geht es um die Grundsatzfrage, wem die Stadt gehört, welche Geschichte man da wiederauferstehen lassen will und wer das Ganze bezahlen soll. Ein Bürgerbegehren gegen den geplanten Abriss der ostmodernen Bauten Staudenhof, Fachhochschule (FH) und Mercure-Hotel (Inter-Hotel) hatte 2016 zwar die notwendige Stimmenzahl übererfüllt. Die Stadt jedoch konterte formaljuristisch (man habe zu unklar formuliert), so dass der Fall am Donnerstag vor dem Verwaltungsgericht entschieden wurde – zugunsten der Stadt.

Der langdiskutiere Wiederaufbau der barocken Garnisonskirche (der Turm wurde 1968 von DDR-Seite gesprengt) wird zeitgleich konkreter: Der Bund bestätigte nun offiziell, 12 Millionen Euro für diesen Zweck bereitzustellen. Zuvor hatten EKD und Landeskirche zinslose Darlehen für das (liberalisierte) Projekt zugesagt. Im Herbst sollen die Bauarbeiten beginnen, voraussichtlich mit einem abgespeckten Turm ohne Glockenspiel. Dort, wo die Rekonstruktivisten das Kirchenschiff sehen, steht (noch?) das ostmoderne Rechenzentrum. Dessen kreativ-künstlerische Nutzung könnte sich verlängern – vielleicht (übergangsweise?) neben dem Turm. Am 12. März gründet sich auf dem Alten Markt ab 11 Uhr das neue Bündnis „Stadtmitte für alle“ mit vertrauten Forderungen: Rechenzentrum, Staudenhof und FH erhalten, keine weiteren Rekonstruktionen. (kb, 6.3.17)