Mannheim

Kunsthalle Mannheim (Bild © Kunsthalle Mannheim, Lukac Diehl)

Architektur fürs Museum

In Mannheim können sich Kunstliebhaber auf eine anregende Weihnachtszeit freuen. Hier lädt der Neubau der Kunsthalle zum Antrittsbesuch, der am 18. Dezember nach einer Bauzeit von zweieinhalb Jahren fristgerecht übergeben wird. Die Ausstellungsfläche des Museums hat sich damit vervielfacht, für Kunstausstellungen ergeben sich ganz neue Möglichkeiten. Ein Wermutstropfen ist der damit verbundene Abriss des sog. Mitzlaff-Baus. Das Schicksal des 1983 als Erweiterung der Kunsthalle eröffneten Bauwerks wurde 2012 besiegelt: In der Frage Sanierung oder Neubau entschied man sich damals für die Ausschreibung eines Architektenwettbewerbs, aus dem der Entwurf für das nun fertiggestellte Museum als Sieger hervorging.

Die Arbeit des Büros Gerkan, Marg und Partner (gmp) orientiert sich stark an den örtlichen Gegebenheiten. So greift sie Mannheims Spezifikum als „Quadratestadt“ auf, die in der Anlage der historischen Altstadt begründet liegt. Als „Stadt in der Stadt“ setzt sich der Bau aus verschienden Häusern zusammen, die durch Brücken, Terrassen und Galerien miteinander verbunden sind. Die Orientierung soll dabei ähnlich logisch erfolgen wie beim  planerischen Vorbild Mannheim. Durch die großzügigen Fensterflächen ist die Stadt den Besuchern außerdem permanent präsent. (jr, 17.12.17)

Mannheim, Neubau Kunsthalle (Bild: © Kunsthalle Mannheim, Lukac Diehl)

Mannheim, Nationaltheater, 2005 (Bild: Andreas Praefcke, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Mannheim: Sanieren oder neu bauen?

Gut, man hätte einen der großen Namen haben können: Ludwig Mies van der Rohe, Rudolf Schwarz und Hans Scharoun nahmen am Wettbewerb um den Mannheimer Theaterneubau teil. Unter dem Vorsitz von Hans Schwippert bat das Preisgericht Mies van der Rohe und Schwarz, ihre Vorschläge zu überarbeiten. Als diese ablehnten, ging der Auftrag an Gerhard Weber. Nach seinen Plänen wurde das Nationaltheater bis 1957 am Goetheplatz umgesetzt. Der markante Bau zeigt seine Schauseite nach Süden als langgestreckten Riegel, während die untergeordnete Westfassade tempelartig ausfiel. Zwei kubische Dachaufbauten markieren die damaligen Funktionen: Oper und Schauspiel (das Jugendtheater kam später hinzu) mit einem gemeinsamen Foyer.

Nun steht die Sanierung an, die – wie schon in anderen Städten zuvor – die Neubaudiskussion nach sich zieht. Die 185 Millionen Euro erwarteten Kosten seien zu hoch, dann könne man doch gleich etwas technisch und ästhetisch Moderneres ins Auge fassen. Andere sehen im nachkriegsmodernen Theater ein funktional gekonntes Zeugnis demokratischer Baukultur. Und ein Neubau werde auf 330 Millionen Euro geschätzt … Das zum Theaterkomplex gehörige Werkhaus der Nachkriegszeit wurde 2008 bereits durch einen Neubau ersetzt. Ob sich die Debatte um ein neues Theater als Sommerlochfüllung entpuppt oder länger andauern wird, bleibt abzuwarten. (kb, 21.8.17)

Mannheim, Nationaltheater, Westseite (Bild: Andreas Praefcke, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Trinitatiskirche wird „EinTanzHaus“

In wenigen Wochen ist es soweit: Die neue Nutzung der Mannheimer Trintiatiskirche startet in ihre dreimonatige Testphase. Der Weg zu dieser Lösung war ein langer. 1959 hatte man den moderne Betonbau nach Entwürfen von Helmut Striffler im Stadtzentrum eingeweiht. Die farbigen Betonglasfenstern des Künstler Emil Kiess, die fast die gesamte Wandfläche einnehmen, prägen das Innere bis heute. Doch 2005 wurde der Gottesdienstraum stufenweise geschlossen und an den Gesamtkirchenverband abgegeben. Erste Überlegungen scheiterten, hier einen Ballett-Proberaums des örtlichen Nationaltheaters einzurichten. Striffler kämpfte bis zu seinem Tod im Jahr 2015 öffentlichkeitswirksam für den Erhalt der Kirche – möglichst in ihrer angestammten Nutzung.

2015 lobte man einen Ideenwettbewerb zur Nachnutzung aus, 2016 entschied die Jury aus 28 Konzepten zugunsten des „EinTanzHauses“. Die Initiative, die mindestens drei Jahre auch öffentliche Fördermittel erhalten soll, versteht sich als kulturelle Plattform: Tanzraum und -schule, Aufführungs- und Begegnungsstätte im multikulturellen Quartier. Nach den Plänen des Büros „Eben Architektur“ sollen der Altarraum mit Kanzel und Taufbecken  – reversibel – überbaut, die von Striffler entworfenen Bänke zur Zuschauertribüne gruppiert und die Bühne in der Raummitte aufgeschlagen werden. Ab dem 30. September geht es los mit Aufführungen vom „La_Trottier Dance Collective“ und Kursen von Yoga bis Breakdance. (kb, 31.7.17)

Mannheim, Trinitatiskirche, Simulation der Umnutzung für Tanzzwecke (Bild: Eben Architektur Frankfurt am Main/Mannheim)

Manöver um die Multihalle

Mannheim, Multihalle (Bild: Immanuel Giel, PD)
Fachleute ringen um die Multihalle (Bild: Immanuel Giel, PD)

Wie schwer sich ein Luftschloss festbinden lässt, mussten an diesem Wochenende die Experten in der Multihalle feststellen. Sie trafen sich zum internen Workshop, dessen Ergebnisse öffentlich vorgestellt wurden. Die 1975 errichtete Halle gilt als eines der frühen Meisterwerke von Frei Otto. Doch eine Sanierung ist inzwischen unaufschiebbar …

2011 wurde das Baudenkmal für Besucherverkehr geschlossen, 2016 dachte der Gemeinderat laut über Abriss nach. Vor Kurzem gründeten die Stadt und die Architektenkammer Baden-Württemberg „Multihalle e. V.“, um Spenden zum Bauerhalt zu sammeln und eben jenen Expertenworkshop auszurichten. Dieser offerierte für den – zunächst temporär zur Bundesgartenschau geplanten – „fliegenden Bau“ keine Generallösung. Diskutiert wurde z. B. eine Einbindung in die 2023 nach Mannheim kommende BuGa. Man solle nicht dämmen, lieber schrittweise sanieren, mit kleineren Veranstaltungen experimentieren und, so Prof. Volkmar Bleicher (TH Stuttgart), „künftige Nutzungen dem Raumklima anpassen, nicht umgekehrt.“ Der Architekturkritiker Falk Jäger taxierte auf „monumentum“ die Zukunftschancen des einstigen „Wunders von Mannheim“: „Erst kürzlich wurde die lange Jahre gesperrte Halle entrümpelt und durchgefegt; seitdem ist sie wieder einigermaßen vorzeigbar und für Inspektionen zugänglich. Der Gemeinderatsbeschluss [mit der „Option“ Abriss] steht zwar noch, aber die Hoffnung auf das zweite Wunder ist nicht unbegründet.“ (kb, 7.4.17)

Robert-Häusser-Schau in Mannheim

Robert Häusser: Tuilerien, 19553 (Foto: Robert Häusser, Bild: Prince House Gallery)
Robert Häusser: Tuilerien, 1953 (Foto: Robert Häusser, Bild: Prince House Gallery)

„September 1954: Mit 5 Westmark in der Tasche, der alten Rollei und dem klapprigen Motorrad und das, was wir auf dem Leib hatten, kamen wir in Mannheim an: Ostflüchtlinge, Habenichtse. Alles war hier anders, alles war uns neu“. Mit seinen prägnanten Schwarzweiß-Fotografien erzählte Robert Häusser (1924-2013) über Jahrzehnte eine deutsche Geschichte. Seine Motive zeigen seine Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus, dem Krieg, seiner Flucht und seinen späteren Reisen. 2002 stiftete Häusser sein Lebenswerk 2002 für die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen. Dort wird seither das Robert-Häusser-Archiv im Forum Internationale Photographie (FIP) gepflegt. Das breitgefächerte Werk Häussers umfasst mit über 64.000 Arbeiten eine 60jährige Schaffensphase.

Nach den Kriegsjahren lebte der gebürtige Stuttgarter als Landwirt in der damaligen sowjetischen Besatzungszone in der Mark Brandenburg, von wo er 1952 nach Mannheim floh. Hier unterhielt er bis Anfang der 1970er Jahre ein  Werbestudio, um sich anschließend nur noch freier künstlerischer Arbeit zu widmen. 1995 erhielt er den „Internationalen Preis für Fotografie“ der schwedischen „Erna and Viktor Hasselblad-Foundation“. Den privaten Häusser-Nachlass vermarktet aktuell die Prince House Gallery, so dass sie in in ihren neuen Mannheimer Räumen (Turley Straße 8) aktuell eine Auswahl von Häusser-Fotografien zeigen kann – begleitet von weiteren Leihgaben aus dem FIP. (kb, 23.10.16)

Frei Ottos Multihalle in Gefahr?

Mannheim, Multihalle (Bild: Hubert Berberich (HubiB), CC BY 3.0)
Gerühmt als „Wunder von Mannheim“: die Multihalle aus dem Jahr 1975 (Bild: Hubert Berberich (HubiB), CC BY 3.0)

„Wunder von Mannheim“, „Meilenstein der Architektur“, „größte freitragende Holzgitterschalenkonstruktion der Welt“ – bis heute reizt die Mannheimer Multihalle, die der Pritzker-Preis-Träger Frei Otto mit dem Architekturbüro Carlfried Mutschler 1975 verwirklichte, zu Superlativen. Bis heute, denn in diesen Tagen geistern Worte wie „marode“, „bedroht“ oder „Abriss“ durch die Presse.

Einig ist man sich, dass dieses einmalige und seit 1998 denkmalgeschützte Bauwerk saniert werden muss, denn seit 2008 wird die durch Feuchtigkeit geschädigte Konstruktion gestützt und seit 2011 für den Besucherverkehr geschlossen. Entwickelt wurde die Grundidee für das Ingenieurbaukunstwerk für einen 1970 ausgeschriebenen Wettbewerb, eigentlich als temporäres Bauwerk zur Bundesgartenschau 1975. Glücklicherweise blieb die Halle als beliebter Anziehungspunkt im Herzogenriedpark erhalten. Doch nun sieht sich der Mannheimer Gemeinderat nicht in der Lage, die geschätzten Sanierungskosten von knapp 12 Millionen zu schultern und denkt laut über Abriss nach – sollte sich keine externe Finanzierung auftun. Der Bund Deutscher Architekten (BDA) machte sich bereits für den Erhalt stark und empfahl die Halle gar für die UNESCO. Denn, wie es Ursula Baus in der Deutschen Bauzeitung schon 2015 auf den Punkt brachte: „Es gilt, das ‚Wunder von Mannheim‘ zu retten“. (kb, 12.6.16)

Hagen Stier, "Villa im Tessin", Ambrì/Gütenbach 2017 (limitierte Fotoedition)

märklinMODERNE-Countdown: Halbzeit!

Noch 22 Tage läuft der Countdown für unsere Crowdfunding-Aktion „märklinMODERNE – der Film zur Ausstellung“: Rund die Hälfte der Zeit ist rum, rund die Hälfte des Geldes (1. Fundingziel) ist drin. Deshalb haben wir vor allem ein herzliches „Danke“ zu sagen für die vielen Helfer und Unterstützer, für die lieben Nachrichten und Benefizaktionen. Die Meilensteine der letzten beiden Wochen haben wir für Euch hier zusammengestellt. Und, nur zur Erinnerung: Um den Film auch wirklich umsetzen zu können, brauchen wir natürlich mindestens noch die andere Hälfte des Geldes! Ihr bekommt dafür sehr gutes Karma und sehr attraktive „Dankeschöns“

 

Signierte Baukunst

Einen guten Architekten erkennt man an der markanten Unterschrift. Demnach hat der Baumeister Leopold Messmer nichts zu befürchten. Nicht nur sehr geduldig, sondern auch äußerst kundig signierte der 89-Jährige heute alle 25 Bausätze der „Villa im Tessin“, die uns zuvor von der Firma Faller gespendet worden waren. Messmer hatte die Villa, nach einem Schweizer Vorbild der Brüder Guscetti, 1961/63 im Schwarzwald errichtet und parallel die Entwicklung des Modellbausatzes begleitet. Nach der Signierstunde – die Unterschrift kam direkt auf den Karton – hat uns die Firma Faller alle 25 Bausätze noch einmal original-verschweißt (wie geil ist das denn!). Unser beliebtestes „Dankeschön“!

 

Limitierte Fotokunst

Bei unserer gemeinsamen Tour durch Schwarzwald und Tessin durften wir ihn schon bei der Arbeit bewundern: Wenn es um ein gutes Motiv geht, dann scheut der Hamburger Architekturfotograf Hagen Stier keine Mühen – notfalls auch mit der Trittleiter hinter dem ganz hohen Stativ. Für unsere Crowdfunding-Aktion unterstützt er uns exklusiv mit einem besonderen Kunstgriff: zwei Villen zum Preis von einer. Er hat zwei Motive – einmal das Tessiner Vorbild (Br. Guscetti, 1958), einmal den Gütenbacher Nachfolger (L. Messmer, 1961/63) – in einem Lichtbild zusammengefasst. Und das gibt es bei uns signiert und limitiert als hochwertigen Druck als neues „Dankeschön“.

 

Essen und Schrauben

Gleich zweimal wurden wir von ganz unerwartet schöner Seite unterstützt: Da sind einmal die netten Leute vom Freiburger Turmcafé, die uns nicht nur klaglos alles (wirklich alles von oben bis unten) für unsere Ausstellung haben fotografieren lassen. Wir haben hier nicht nur lecker Essen bekommen. Sie haben uns auch einen Essensgutschein im Wert von 50 Euro als „Dankeschön“ anvertraut. Und da wären die Oldtimerschrauber, die mit den Modelleisenbahnern etwas gemeinsam haben: Es muss gut aussehen und am besten auch noch gut rollen. So unterstützte uns an diesem Wochenende eine wackere Truppe Oldtimerfreunde: Trotz reichlich Wind und Sch*wetter hatten sie auf der Verterama-Messe in Mannheim einen kleinen Benefizstand für unsere Crowdfunding-Aktion „märklinMODERNE“ aufgeschlagen. Der Erlös ging direkt als Spende in unsere Aktion. Weiter so! Auch kleine Beträge helfen (große natürlich auch)! (db/kb, 8.10.17)

Titelmotiv: Hagen Stier, Ambrì/Gütenbach 2017 (limitierte Fotoedition)

 

Drei Klicks und fertig

Auf vielfachen Wunsch hier unser kurzer Wegweiser zum Erwerb der Dankeschöns. Das Ganze ist nicht kompliziert und für Dich ohne finanzielles Risiko. Die Kollegen des – leider gescheiterten – Crowdfunding-Projekts „Rettet die älteste Videothek der Welt“ haben es in einem feinen kurzen Erklärvideo zusammengestellt. So geht das auch bei uns:

  • Drei Klicks und fertig: Du klickst auf Dein gewünschtes Dankeschön, dann auf den grünen Button „Auswählen“, weiter wie beim Online-Shoppen (den Betrag für „Unterstütze Startnext“ kannst Du regulieren, auch auf 0), ganz unten den Button „Jetzt zahlungspflichtig unterstützen“ – fertig!
  • Für Dich ohne finanzielles Risiko: Deine Spende wird erst/nur abgebucht, wenn das Projekt am Ende (31. Oktober) erfolgreich ist.
  • Wenn das Projekt am Ende (31. Oktober) nicht erfolgreich sein sollte: Dann kostet es Dich nix. Deine Spende wird dann nicht abgebucht. (Solltest Du „Vorkasse“ als Bezahlmethode gewählt haben, bekommst Du dann Dein Geld direkt über die Plattform Startnext zurück.)
  • Wenn das Projekt am Ende (31. Oktober) erfolgreich ist: Dann hörst Du von uns, Deine Spende wird über Startnext abgebucht und wir schicken Dir Dein Dankeschön.
  • Da geht noch was: Alle Infos zum Nachlesen, alle Dankeschöns zum Mitmachen und Weiterempfehlen …

Andere Räume?

AUSZEICHNUNG: Mannheim-Käfertal, Philippuskirche (Foto © Wüstenrot Stiftung)ftung
Eine der beiden Auszeichnungen erhielt die evangelische Philippuskirche (1963 Wolfgang Handreck, Umbau durch Veit Ruser und Partner, Karlsruhe) in Mannheim-Käfertal (Foto © Wüstenrot Stiftung)

„Was man nicht nützt, ist eine schwere Last.“ Goethe, natürlich, womit sonst könnte man eine deutsche Preisverleihung würdiger eröffnen. Die Kunsthistorikerin Kerstin Wittmann-Englert tat dies aus gutem Grund, denn aus ihrer Sicht haben wir – so der bekanntere Anfang des Faustzitats – etwas von unseren Vätern ererbt, das wir erst erwerben müssen, um es wirklich zu besitzen. Es geht um Kirchenbauten, die offensichtlich historischen ebenso wie die nachkriegsmodernen. Ausgelobt hatte die Wüstenrot Stiftung einen Wettbewerb für die besten Projekte, wie man eben jene Kirchen in die Zukunft führen und erhalten könne. Und Letztere sieht (vor allem für die Räume der Nachkriegsmoderne) bundesweit nicht rosig aus

 

Problemlöser

AUSZEICHNUNG: Osnabrück, Hl. Familie (Bild: © Wüstenrot Stiftung)
Nach Osnabrück ging die zweite Auszeichnung für die Umgestaltung der Osnabrücker Kirche Hl. Familie (1961, E. A. Kroeber/H. Rickmann) durch das Münsteraner Büro Klodwig & Partner Architekten zum Kolumbarium (Bild: © Wüstenrot Stiftung)

Die Gründe der Misere sind bekannt: weniger Mitglieder, weniger Geld, gleichbleibend viele Kirchenbauten. Doch sieht die Wüstenrot Stiftung hier eher „Herausforderung und Chance“, ließe sich dieser Schatz doch für Kirche und Kommune gleichermaßen heben. Die Resonanz auf den Wettbewerb gibt den Initiatoren Recht, gingen doch stolze 291 Bewerbungen aus dem gesamten Bundesgebiet ein, davon wurden insgesamt neun prämiert, darunter mehrheitlich Nachkriegskirchen. Die Preise überreichte die Wüstenrot Stiftung am 27. April im Stuttgarter Hospitalhof, selbst ein Vorzeigebau für Kirche in der Stadt. Den Auftakt bildete am Nachmittag ein Kolloquium, das mit Vor- und Impulsbeiträgen sowie einem anschließenden Podium das Thema grundsätzlich einkreiste.

Denn, so einig sich alle waren, dass die Kirchen eine gute Zukunft verdienen, so unterschiedlich fielen die Positionen aus, was dieses „gut“ bedeutet. Da zeigte Reinhard Miermeister, Landesbaudirektor der Evangelischen Kirche in Westfalen, viele behutsame Nutzungsöffnungen mit kirchengemeindlichem Schwerpunkt. Und im Kopf und in der Diskussion blieb doch der eine Umbau zum Restaurant (Bielefeld, Glück und Seligkeit). Geht das, Essen, Tanzen, Modenschauen in einer Kirche? Für Wittmann-Englert, die stellvertretend für die Fachjury vortragend zur Preisverleihung überleitete, geht es in den meisten Fällen nicht. Denn Kirchen seien – mit dem Philosophen Michel Foucault gesprochen – Heterotopien. „Andersorte“, welche die Schwelle zu einem Raum inszenieren, der den Blick zur Transzendenz hin lenkt.

 

Das böse A

Kehl-Goldschauer, Maria - Hilfe der Christen (Bild: Stefan Strumbel, CC BY SA 3.0, OTRS 2011062010011098)
Eine Anerkennung wurde für die Umgestaltung der Kirche Maria – Hilfe der Christen (1963) in Kehl-Goldscheuer mit dem Künstler Stefan Strumbel ausgesprochen (Bild: Stefan Strumbel, CC BY SA 3.0, OTRS 2011062010011098)

Steht und fällt Kirche aber mit dieser Heterotopie, dann wird es bei einer Umnutzung schwierig (Entschuldigung: herausfordernd und chancenreich). Bleibt dann nur die Alternative „Andersort“ oder Abriss? Ist es doch häufig eben jener „sakrale Mehrwert“, der einen Kirchenbau für einen Käufer oder Neu-Nutzer interessant macht. Die Wüstenrot Stiftung und ihre Fachjury jedenfalls prämierten bewusst solche Projekte, die Kirchen als öffentliche Räume stärken und ihre vorhandenen architektonischen Qualitäten noch unterstreichen. Daher wurde auch nicht „nur“ die jeweilige Gemeinde ausgezeichnet, sondern immer auch der Architekt mit dazu bedacht und auf die Bühne gebeten.

Was bleibt? Glückliche Preisträger, die zu Recht bestärkt und beschenkt nach Hause zogen, wohlwollende Gäste, die sich mit freuten und mit dachten, und engagierte Fachleute, die sich mit immer neuem Herzblut in eine Fragerunde warfen, die sie seit den 1980er Jahren in wechselnder Besetzung führen – wohl wissend, dass auch sie keine endgültige Antwort finden sollten. Und natürlich eine Wanderausstellung, die rund 20 vorbildhafte Einsendungen aus dem Wettbewerb bundesweit herumzeigen will. Auf dass die guten Beispiele Früchte tragen! (kb, 27.4.16)

PORTRÄT: Gute Bausünden

von Turit Fröbe (16/1)

Siegen, Bausünde (Bild: Turit Fröbe)
SIEGEN: Liebevoll durchgestaltet wurde dieser Restaurant-Annex in Siegen an einer steil abschüssigen Straße. Auf Fußgängerniveau erscheint das Objekt als nahezu geschlossener Monolith – in den oberen Etagen öffnet es sich mit unregelmäßig angeordneten Plattformen und einem auskragenden Erker. Das System der Außenlaternen wird zum Ornament der Komposition (Bild: Turit Fröbe)

Originelle, gut gemachte Bausünden, die von Ambitioniertheit, Mut und Fantasie zeugen, sind leider viel seltener, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Die große Mehrheit der Bausünden ist austauschbar, langweilig und macht aus unseren Städten Einheitsbrei. Diese „schlechten Bausünden“ werden in der Regel übersehen, weil sie als einzelnes Objekt kaum Anstoß erregen. Sie sind unsichtbar und gefährlich.

Meist entzündet sich der Volkszorn an gut gemachten Bausünden. Sie sind sichtbar und gefährdet! Diese jedoch vor der Abrissbirne zu schützen lohnt sich, da diese Sünden durchaus Potential für ihre Städte besitzen. Infolge ihrer Expressivität haben sie eine starke Bildqualität, die für Wiedererkennbarkeit und Orientierung sorgt, was, angesichts der kontinuierlich zunehmenden schlechten Bausünden, immer wichtiger wird.

Bei genauerer Betrachtung entfalten diese geschmähten Objekte außerdem eine überraschende ureigene Schönheit und einen ganz eigenwilligen Charme. Dabei zeigt sich, dass Bausünde nicht gleich Bausünde ist, sondern dass die Objekte ganz unterschiedliche Qualitäten und Entstehungsgeschichten aufweisen. So manche Bausünde ist einfach nur aus der Mode gekommen und erfreute sich in der Erbauungszeit möglicherweise sogar einmal gewisser Beliebtheit. Andere waren von vornherein vielleicht etwas verunglückt aber gut gemeint; ein sehr großer Anteil von gut gemachten Bausünden wurde erst nachträglich in den Stand der Bausünde erhoben durch Anbau, Umbau, Überformung, Dekoration oder sonst was. Die Spielarten sind so individuell wie die Bausünden selbst.

 

Kleine Parade der Bausünden (Bilder: Turit Fröbe)

Arnsberg: Verloren im postmodernen GebirgeARNSBERG: Das Beispiel zeigt, wie sich einer aus der Mode gekommene Gründerzeitfassaden elegant ein modernes Antlitz geben lässt. Man hake sie rechts und links beherzt unter und gebe ihr eine neue Frisur, überforme ganz oder zumindest zum Teil die Erdgeschosszone …
PADERBORN: Spiegelglas Ihres VertrauensPADERBORN: Dieses verspiegelte 70er-Jahre-Ufo in Paderborn reagiert nicht nur auf den urbanen Kontext, sondern nimmt ihn förmlich in die eigene Komposition auf.
HANNOVER: Parkplatz mit Ost-, äh WestblickHANNOVER: Die Bauaufgabe, die den Architekten in der Nachkriegszeit die größten gestalterischen Freiräume offerierte, war zweifellos das Parkhaus.
Bielefeld, Parkhaus (Bild: Turit Fröbe)BIELEFELD: Der Fantasie der Parkhausplaner waren kaum Grenzen gesetzt. Zumindest in westdeutschen Städten sind sie ein relativ zuverlässiger Garant für gut gemachte, ausdrucksstarke Bausünden.
LÜNEBURG: Traum aller DenkmalpflegerLÜNEBURG: Feine Fahrzeugbunker finden sich auch in Städten mit ansonsten intakter historischer Innenstadtbebauung. So in Lüneburg, wo ein Parkhaus an eines der Wahrzeichen der Stadt geklebt wurde. Klar, so ein Wasserturm wirkt aus der Ferne und wird nicht unbedingt im Stadtraum aufgesucht.
POTSDAM: Such den Wasserturm...POTSDAM: Im Vergleich zum Potsdamer Wasserturm, um den der Hauptbahnhof herumgewuchert ist, hat der Lüneburger Turm jedoch viel Raum, um zu atmen.
MANNHEIM: Postmoderner Barock im Hightech-Kleid?MANNHEIM: Auch die Postmoderne war eine Hochphase guter Bausünden. Das Mannheimer Stadthaus widerlegt, dass diese Architekturen entweder postmodern oder hightech sein mussten – aber nicht beides. Hier kreuzte man den griechischen Tempel mit Barockschloss und Centre Pompidou.
BRAUNSCHWEIG: Karstadt, gut behütetBRAUNSCHWEIG: Wie fließend die Grenze zwischen guter Architektur und guter Bausünde ist, zeigt Gottfried Böhm, der zu Recht jahrzehntelang Deutschlands einziger Pritzker-Preisträger war. Seine Architekturen sind fantasievoll, expressiv und daher sehr anfällig für das Prädikat „Bausünde“. Aus seiner Feder stammt die wohl schönste Karstadt-Filiale.
MANNHEIM: Geben Sie sich die KugelMANNHEIM: Auch der Bibliotheksbau in Mannheim mit den überraschenden monumentalen Sandstein-Kugeln in den Schaufenstern, der sich jeglicher Einordnung entzieht, ist ein Werk Gottfried Böhms. Er hat sich niemals selbst zitiert, sondern für jeden Standort eine ganz eigene Eigenwilligkeit erfunden!