Schlagwort: Österreich

Wien, Stadt des Kindes (Bild: PD)

Die Stadt des Kindes

In Wien feierte man 1968 zum 50. Mal den Jahrestag der Gründung der Republik Österreich. Die Stadt beschenkte sich selbst mit einem Architekturwettbewerb, der an die große sozialpolitische Tradition der Metropole anknüpfte. Das Ergebnis war die Stadt des Kindes, ein großangelegter Wohnkomplex nach Entwurf Anton Schweighofers, der sozialpädagogisch und architektonisch eine moderne Alternative zu den konventionellen Kinder- und Jugendheimen der Stadt aufzeigen sollte. Das Konzept konnte sich nicht durchsetzen: 2002 wurde die Stadt des Kindes geschlossen und großteils abgerissen. Eine Ausstellung im Architekturzentrum Wien beleuchtet bis zum 28. Mai ihre kurze Geschichte.

Statt in einem geschlossenen Heim sollten die Bewohner der Stadt des Kindes in familienähnlichen Wohngruppen leben und in die stätische Gesellschaft integriert werden. Auf den ca. 48.000 Quadratmetern des Komplexes standen Freizeiteinrichtungen wie Hallenbad, Turnsaal, Theater und Keramikwerkstatt zur Verfügung. Sie waren auch für die Bewohner des umgebenden Stadtteils zugänglich, so dass die Stadt des Kindes zum lokalen Zentrum avancierte. Im Jahr 2002 schloss die Stadt Wien sämtliche Heime, um die betreuten Kinder anonym und über die Stadt verteilt unterzubringen. Trotz ihres integrativen Ansatzes war auch die Stadt des Kindes von der Schließung betroffen. (jr, 24.4.18)

Wien, Stadt des Kindes (Bild: PD)

Parlament Wien (Bild: Gryffindor, CC BY SA 3.0)

Wien: Plenarsaal wird saniert

Das Wiener Parlamentsgebäude verbindet man im Allgemeinen nicht mit der Nachkriegsmoderne. Der historistische Bau, der Ende des 19. Jahrhunderts nach Plänen Theophil von Hansens errichtet wurde, rekurriert in seinen Formen viel mehr auf die k. u. k. Monarchie als auf die zweite Republik. Eine Ausnahme bildet der Plenarsaal: 1956 wurde er für den Nationalrat in nüchtern-funktionaler Manier ausgestaltet und fungiert im Inneren des Parlamentspalasts als nachkriegsmodernes Gegenstück. Am 13. Juli tagte der österreichische Nationalrat hier zum letzten Mal, in den nächsten drei Jahren wird das Parlament umfassend saniert.

Der historische Plenarsaal war mit seinen 500 Plätzen für das Parlament der Bundesrepublik, das gerade einmal 165 Abgeordnete vereinte, viel zu groß. Stattdessen baute man den kleineren, im Krieg zerstörten Herrenhaussitzungssaal nach Plänen der Architekten Max Fellerer und Eugen Wörle neu auf und gestaltete ihn als mustergültiges Parlament der 1950er. Mit der Sanierung wird der Plenarsaal erneut grundlegend umgestaltet, die Sitzordnung wird neu organisiert, der gesamte Raum barrierefrei. Erhalten bleibt der stählerne Bundesadler, der auch während der gesamten Sanierungsarbeiten im Gebäude verbleibt. Am provisorischen Tagungsort des Parlaments in der Hofburg wird er durch eine Replik vertreten. (jr, 23.7.17)

Plenarsaal, Wien (Bild: Gryffindor, CC BY SA 3.0)

„Basch, Johann und Fritz, Die 4 im Jeep reichen sich die Hände“, 14. September 1955, Oberösterreichische Nachrichten (Bild: Archiv Brüder Basch, A 2342, Umschlag 26)

War of Pictures

Die Geschichte der österreichischen Besatzungszeit ist bereits häufig geschrieben worden, wobei die Bilder dieser Ära zumeist als illustratives Beiwerk dienten. In einer Tagung sollen nun erstmals die Pressefotos selbst im Mittelpunkt stehen. Ebenso geht es um ihre Publikationszusammenhänge und die Bildautoren, die österreichischen Pressefotografen. Die Konferenz „War of pictures 1945 – 1955. Pressefotografie und Bildkultur im befreiten/besetzten Österreich“, eine Tagung des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, wird vom 4. bis 6. Oktober an der Universität Wien (Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Währinger Straße 29, 1090 Wien) stattfinden.

Ziel der Tagung ist es, die Politik der Bilder im besetzten Nachkriegsösterreich am Schnittpunkt von Zeit- und Mediengeschichte zu untersuchen. Als Diskussionsgrundlage werden die Forschungsergebnisse des vom FWF (Austrian Science Fund) geförderten Forschungsprojektes „War of Pictures. Austrian Press Photography 1945-1955“ präsentiert. Gemeinsam mit internationalen Experten werden die Bilderzählungen der Ära diskutiert. Daneben sollen die „Herausbildung von Bildikonen der 2. Republik und die Instrumentalisierung von Bildern im Kalten Krieg“ ausgelotet werden. Um Anmeldung wird gebeten: warofpictures.comm@univie.ac.at. (kb, 16.7.17)

„Basch, Johann und Fritz, Die 4 im Jeep reichen sich die Hände“, 14. September 1955, Oberösterreichische Nachrichten (Bild: Archiv Brüder Basch, A 2342, Umschlag 26)

Wien Radiokulturhaus (Bild: Thomas Ledl, CC-BY-SA 4.0)

Das Schwarze Wien

Das sogenannte Rote Wien ist heute als historisches soziales Wohnbauprogramm weltbekannt. In den Jahren 1918 bis 1934 wurde die österreichische Hauptstadt durchgehend sozialdemokratisch regiert. Die SPÖ initiierte einen beispiellosen öffentlichen Wohnungsbau, der die Stadt mit eindrücklichen Projekten wie dem Karl-Marx-Hof oder dem George-Washington-Hof prägte. Als die österreichische Republik 1934 dem austrofaschistischen Ständestaat weichen musste, versuchten die neuen Machthaber, das Rote Wien zu marginalisieren. Eine jüngst erschienene Monografie untersucht die architektonische Planung des Austrofaschismus für die Hauptstadt.

In den vier Jahren seines Bestehens fokussierte der Ständestaat den Straßen- und Brückenbau für ein großangelegtes Arbeitsbeschaffungsprogramm. Wien sollte zu einer verkehrsgerechten repräsentativen Metropole ausgebaut werden. Eine prominente Rolle kam dabei dem international renommierte Architekten Clemens Holzmeister zu. Er plante im Auftrag des Ständestaates unter anderem das Funkhaus in der Argentinierstraße, das letztlich der einzige fertiggestellte Monumentalbau des Regimes blieb. Die Wohnhöfe des Roten Wiens wurden mit Kirchenbauten verdichtet, um die Bewohne zu rekatholisieren. Das urbane Proletariat sollte außerdem durch ländliche Stadtrandsiedlungen an die Landwirtschaft herangeführt werden. Das „Schwarze Wien“ wurde 1938 durch den Einmarsch der Wehrmacht und den „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland beendet. (jr, 12.5.17)

Suttner, Andreas, Das Schwarze Wien. Bautätigkeit im Ständestaat 1934-1938, Böhlau, Wien u.a. 2017, 288 S, ISBN 978-3-205-20292-9.

Clemens Holzmeister: Funkhaus Wien (Bild: Thomas Ledl, CC BY SA 4.0)

Telefonzellen im Sommerloch?

Wien-Essling, Telefonzelle in der Esslinger Hauptstraße, 1979 (Bild: TARS631, gemeinfrei)
Was der Wiener – hier ein Blick in die Esslinger Hauptstraße – so brauchte, fand er 1979 auf einem Fleck: einen Abfalleimer, eine Tramhaltestelle und eine Telefonzelle (Bild: TARS631, gemeinfrei, 1979)

Heute ist jeder jederzeit per Handy erreichbar – vorausgesetzt er hat Empfang und der Akku spielt mit. Die Alternative, das gute alte Telefonhäuschen, macht sich zunehmend rar. In Österreich wollte man dem Sterben der „öffentlichen Sprechstellen“ entgegenwirken und verpflichtete die heute mehrheitlich privatwirtschaftlich getragene A1 Telekom per „Universaldienstverordnung“ (UDV) dazu, die Zahl der Stationen von 1999 beizubehalten.

In den letzten Monaten jedoch verdichtet sich für viele Österreicher der Eindruck, dass sich die Telefonzellen zunehmend rar machen. Um dem gefühlten Schwund auf den Grund zu gehen, stellten die österreichischen Medien eigene Recherchen an. Grundsätzlich ist die „Regulierungsbehörde“ dafür zuständig, die Einhaltung der UDV zu überwachen. Nur scheint niemand zu wissen (oder es laut sagen zu wollen), wo und wie viele Telefonzellen es 1999 gab bzw. es heute noch gibt. A1 Telekom spricht von ungefähr 14.000 Standorten, aber ihre genaue Lage sei laut Regulierungsbehörde ein „Betriebsgeheimnis“. Es fehlt also der exakte Maßstab, um einen Schwund zu beweisen. Wie praktisch. Bleibt wohl nur, jede verbliebene Sprechstelle mit Wehmut zu grüßen und zu Hause den Handyakku aufzuladen. (kb, 25.9.16)