Ostmoderne

Alles Platte?

Die Bauten der Ostmoderne sind in die Jahre gekommen, und die Frage steht an, ob sie erhaltenswert sind. Damit stellen sie die Denkmalpflege vor Entscheidungen: Was ist charakteristisch für die Zeit der DDR? Gibt es Bauten, die unabhängig von den vorherrschenden zentralistischen Strukturen typisch für den Norden oder aussagekräftig für das Bauen an der Küste sind? Diesen Fragen widmete sich die Tagung „Alles Platte oder was? Architektur im Norden der DDR als kulturelles Erbe“, die vom 20. bis 22. Oktober 2016 in Rostock stattfand.

Auf dieser Grundlage erschien nun im Christian Link Verlag „Alles Platte?“. Deren Beiträge beschäftigen sich mit „neogotischen“ Plattenbauten, den Beton-Schalentragwerken von Ulrich Müther und dem Kulturhaus Mestlin. Aber auch Hafen- und Industrieanlagen, eine Trauerhalle, Feriensiedlungen und Kirchenneubauten sowie die Sperranlagen an der innerdeutschen Grenze werden thematisiert. Beteiligt sind als Autoren Jörg Kirchner, Peter Writschan, Brigitte Raschke, Alexander Schacht, Roman Hillmann, Kirsten Angermann, Jessica Hänsel, Daniela Spiegel, Tanja Seeböck, Jens Amelung, Stefan Stadtherr Wolter, Jana Frank, Knut Wiek, Claudia Stauß, Gottreich Albrecht und Annette Jawi, Uta Jahnke und Maik Buttler. (kb, 15.2.18)

Berlin, Mauerdreieck Liesenstraße/Gartenstraße, 1980 (Bild: Alexander Buschorn, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Berlin: Vergessener Mauerabschnitt entdeckt

Die Berliner Mauer wurde „nie“ beabsichtigt, gebaut, besprüht, durchlöchert und zuletzt – in Scheiben geschnitten – auf neureiche russische Vorgärten verteilt. Was in Berlin blieb, wurde als Zeitzeugnis umso wertvoller. Das dortige Landesdenkmalamt hat nun einen vergessenen Mauerabschnitt wiederentdeckt und gesichert. Am S-Bahnhof Schönholz wurde während der deutsch-deutschen Teilung eine alte Ziegelmauer als Teil der „Berliner Mauer“ verwendet. Zuvor trennte sie Parzellen an der Pankower Buddestraße vom benachbarten Bahnhof ab und sollte (ergänzt, erhöht und mit Sperrelementen versehen) Fluchtversuche verhindern. Damit liegt der 80 Meter lange Mauerabschnitt keine 200 Meter vom Fluchttunnel am Pankower Friedhof, durch den (bis zu seiner Entdeckung) rund 100 DDR-Bürger in den Westen gelangten.

Das Mauerstück dokumentiert, wie in der ersten Zeit des Mauerbaus vorhandene Strukturen für die schnelle Absperrung genutzt wurden. Auch an der Bernauer Straße dienten anfangs die Reste von Mietshäusern der Grenzbefestigung. Diese Bauphase ist sonst an keiner Stelle mehr in Berlin derartig authentisch überliefert. Deshalb wurde nun die Unterschutzstellung dieses besonderen Mauerabschnitts eingeleitet. Dr. Klaus Leder, Senator für Kultur und Europa, erklärte, die Regierungskoalition habe „sich vorgenommen, erhaltene Mauerreste verstärkt zu schützen.“ (kb, 6.2.18)

Eines der 1980 unübersehbaren Mauerabschnitte an der Liesen-/Gartenstraße (Bild: Alexander Buschorn, GFDL oder CC BY SA 3.0) – Bilder vom wiederentdeckten Mauerabschnitt in Pakow gibt es hier

Pionierlager Artek, Speisesaal Olive, 1964 (Bildquelle: Polianski, A. T., Artek, Moskau 1966)

Tourismus nach Plan

Die Konferenz „Tourismus nach Plan“ will vom 8. bis 10. November in Lüneburg den Tourismus in das östliche Europa nach 1945 untersuchen. Aufgrund der politischen Situation im Kalten Krieg kam eine besondere Art des kontrollierten Reisens zustande, die seit den 1950er Jahren eine stetig anwachsende Bedeutung für die Kontakte zwischen Ost- und Westeuropa hatte. Die Tagung will Erfahrungen, Adaptionen und Ordnungen als Themen von Tourismus analysieren und zueinander in Beziehung setzen: Wodurch wurde ihre Erfahrung geprägt? Was war für sie konstitutiv? Und wie wurden sie weitertransportiert, sei es in Form von Erzählungen, Fotoalben oder anderen Sammlungen?

Der „touristischen Blick“ (J. Urry) beeinflusst aber auch die Wahrnehmung des Landes durch seine Einwohner. Lokale Verwaltungen, Fremdenverkehrsämter oder Reiseunternehmen passten sich dem in der Regel an. Dabei wurden bestehende Orte, Landschaften oder Gebäude und in neue Bedeutungskontexte adaptiert. Willkommen sind Themenvorschläge (auf Deutsch oder Englisch) mit einem maximal halbseitigen Abstract und einem kurzen CV bis zum 19. März 2018 unter: PD Dr. David Feest, d.feest@ikgn.de. (kb, 4.2.18)

Pionierlager Artek, Speisesaal Olive, 1964 (Bildquelle: Polianski, A. T., Artek, Moskau 1966)

Bitterfeld_Kulturpalast (Bild Joeb07, CC By SA 3.0)

Bitterfeld: Kulturpalast vor dem Aus

In Bitterfeld droht einem bedeutenden Zeugnis der DDR-Architektur der Abriss. Der Kulturpalast aus dem Jahr 1954, der seinerzeit einer der größten Bühnen des Landes Platz bot, könnte bald der Vergangenheit angehören. Da sich seit 2015 kein Mieter mehr für den sozialistisch-klassizistischen Prestigebau findet, will der derzeitige Eigentümer nicht weiter für die laufenden Unterhaltskosten des Gebäudes aufkommen. Auch die Stadt ist angesichts leerer Kassen nicht bereit, in die Bresche zu springen. Trotz Initiativen für den Erhalt ist der Palast daher akut abrissbedroht.

Der Bau ist nicht nur architektonisch interessant, sondern auch kulturhistorisch bedeutend. Als die SED-Führung in den 1960er Jahren versuchte, eine eigenständige „Nationalkultur“ der DDR zu etablieren, entwickelten Künstler und Funktionäre hier den sogenannten „Bitterfelder Weg“. Ziel war eine enge Verknüpfung von Laien- und professionierten Künstlern, die Partei gab dazu die Parole „Greif zur Feder, Kumpel, die sozialistische deutsche Nationalkultur braucht dich!“ aus. Da sich der Erfolg der Kampagne in Grenzen hielt, wurde sie wenige Jahre später wieder aufgegeben. (jr, 1.2.18)

Bitterfeld, Kulturpalast (Bild: Joeb07, CC BY SA 3.0)

Edvard Ravnika, Ljublijana, Platz der Revolution (heute Platz der Republik), 1960-74 (Bild: Valentin Jeck/Museum of Modern Art, New York, 2016)

A Concrete Utopia

Der frühe Vogel kann uns mal – obwohl, bei Überseereisen kann er äußerst nerven- und portemonnaieschonend sein. So lohnte es sich, jetzt schon den nächsten New-York-Trip zu planen, denn hier wartet ab dem 15. Juli diesen Jahres eine sehenswerte Beton-Schau. Mit „Toward a Concrete Utopia“ bietet das dortige Museum of Modern Art (Moma) einen Rundumblick auf die moderne Architektur im Jugoslawien der Jahre 1948 bis 1980. Zwischen dem kapitalistischen Westen und dem sozialistischen Osten unterlagen die Architekten Jugoslawiens widersprüchlichen Wünschen und Anforderungen. Es entstanden Bauten vom eleganten Wolkenkratzer im Internationalen Stil bis zum schweren sozialistischen Brutalismus.

Die Ausstellung folgt diesem weiten Bogen von großangelegten stadtplanerischen Entwürfen über Alltagsarchitektur bis zu zeichenhaften Monumenten. Gezeigt werden mehr als 400 Zeichnungen, Modelle, Fotografien und Filme aus öffentlichen Archiven, Familiennachlässen und regionalen Museen. Mit dabei sind Architekten wie Bogdan Bogdanović, Juraj Neidhardt, Svetlana Kana Radević, Edvard Ravnikar, Vjenceslav Richter und Milica Šterić oder Gebäude von der Weißen Moschee im ländlichen Bosnien bis zu den expressiven Häuserblöcken in „Neu Belgrad“. Wer dann doch noch etwas mehr Planungsvorlauf braucht, der kann sich bis zum 13. Januar 2019 Zeit nehmen, dann schließt die Moma-Ausstellung. (kb, 31.1.18)

Edvard Ravnika, Ljublijana, Platz der Revolution (heute Platz der Republik), 1960-74 (Bild: Valentin Jeck/Museum of Modern Art, New York, 2016)