Ostmoderne

Löhma-Munschwitz, ehem. Kneipp-Sanatorium (Bild: NoRud, CC BY-SA 4.0)

Keine Zukunft fürs Sanatorium

Seit 21 Jahren steht es leer, nun scheinen die Tage des Sanatoriums in Leutenberg-Löhma gezählt. Die Thüringer Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) als Eigentümerin des 1958-60 errichteten Gebäudekomplexes hielt diesen lange, auf eine Neunutzung hoffend, in Schuss. Es gab auch Interessenten: So einen Herrn aus einem westlichen Nachbarland, der bei einer Versteigerung den Zuschlag erhielt, leider aber den Kaufpreis zu zahlen vergaß. Der Kaufvertrag wurde „rückabgewickelt“. Seit Wasser- und Stromversorgung des abgelegenen Gebäudes gekappt wurden, sind die Hürden für potenzielle Nutzer immens: Rund eine halbe Million Euro würde es kosten, das Areal wieder an die Energie- und Wasserversorgung anzuschließen. Dagegen wirkt der noch immer aufgerufene Kaufpreis von 65.000 Euro bescheiden.

Der Grund, warum jahrelang in die Instandhaltung investiert wurde: Im Abrissfall wäre das Grundstück nicht zu verwerten, nach heutiger Gesetzeslage dürfte hier nicht mehr gebaut werden. Nachdem immer wieder Interessenten abrückten, scheint die LEG aufgegeben zu haben: Mittlerweile verfällt der Bau, der noch über etliche Ausstattungsdetails der 1950er Jahre verfügt, zusehends. Nun lässt man eine Kostenschätzung für zwei Varianten erstellen: entweder Teilabriss bis auf die Grundmauern oder Total-Beräumung. Wenn nicht noch plötzlich jemand sein Portemonnaie öffnet, sind die Tage des Ostmoderne-Baus gezählt. (db, 21.4.17)

Löhma, Kneipp-Sanatorium (Bild: NoRud, CC BY SA 4.0)

Josep Renau, Entwurf zum Erfurter Wandbild (Detail), 1982, Mischtechnik auf Holz (Bild: © Stadtverwaltung Erfurt/D. Urban)

Die Rückkehr eines Wandbilds

Überall fallen künstlerische Zeugnisse der Ostmoderne. Überall? Nein, Erfurt … Bis zum Sommer 2017 lässt die Stadt das 6 x 28 Meter große Glaskeramik-Wandmosaik „Die Beziehung des Menschen zu Natur und Technik“ von Josep Renau (1907-82) restaurieren. Der bis 1976 in der DDR ansässige spanische Künstler schuf das monumentale Werk für das ehemalige Kultur- und Freizeitzentrum in Erfurt. Seine Beauftragung zog sich von 1975 bis 1980 hin, die Einweihung erfolgte 1984.

2008 wurde das Wandbild am Moskauer Platz in Erfurt unter Denkmalschutz gestellt. Als das leerstehende Kultur-und Freizeitzentrum abgerissen werden sollte, wurde das monumentale Kunstwerk 2012 abgenommen und eingelagert. Nun kehrt es, in einer konzertierten Aktion von Stadt, Kulturdirektion, Wüstenrot Stiftung, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie und „bürgerschaftlichem Engagement“, an seinen alten Ort zurück. Zu diesem Anlass werden aktuell im Grafikkabinett des Angermuseums (Anger 18, 99084 Erfurt) Studien, Entwürfe, Fotodokumente und der maßstäbliche Karton zum Wandbild präsentiert. Die Ausstellung „Josep Renau und sein Erfurter Wandbild“ ist noch bis zum 28. Mai 2017 zu sehen. (kb, 18.4.17)

Titelmotiv: Josep Renau, Entwurf zum Erfurter Wandbild (Detail), 1982, Mischtechnik auf Holz (Bild: © Stadtverwaltung Erfurt/D. Urban)

Dresden, Kulturpalast, nach 1970 (Foto: Richard Peter, Bild: Deutsche Fotothek df ld 0003137 001, CC BY SA 3.0)

Dresden: Ausstellung zum Kulturpalast

In Dresden läuft der Countdown zur Eröffnung des sanierten Kulturpalasts. Am 28. April ist es soweit: Mit Klängen von Schostakowitsch, Felix Mendelssohn Bartholdy, Franz Schubert und Beethoven soll der neue Konzertsaal des Baus eingeweiht werden. Wer so lange nicht mehr warten kann, dem sei die Ausstellung „Der Dresdner Kulturpalast. Architektur als Auftrag“ im Stadtmuseum Dresden ans Herz gelegt. Sie wird bereits eine Woche vorher, am Freitag, dem 21. April um 19 Uhr eröffnet.

Der Kulturpalast war und ist einer der umstrittensten Bauten der Dresdner Nachkriegsmoderne. Erkannten die einen in dem nach Plänen von Leopold Wiel gebauten und 1969 eröffneten Bauwerk eine Perle ostmoderner Architektur, schmähten es andere als Symbol der SED-Diktatur und forderten den Abriss. Die Ausstellung rekonstruiert die (Bau)geschichte des „Kulti“. In Modellen und Plänen widmet sie sich neben dem Bauwerk selbst auch den nicht realisierten Konkurrenzplanungen, den Kunstwerken am und im Palast sowie dem jüngst vollendeten Umbau. Begleitend erscheint ein Set von acht bebilderten Leseplakaten mit Hintergrundinformationen sowie ein Architekturführer zu sieben ausgewählten Bauten der Dresdner Nachkriegsmoderne. Das Museum bietet dazu entsprechende Stadtrundgänge an, die auch nach der Ausstellung fortgeführt werden sollen. Sie ist bis zum 17. September zu sehen. (jr, 17.4.17)

Titelmotiv: Dresden, Kulturpalast, nach 1970 (Foto: Richard Peter, Bild: Deutsche Fotothek df ld 0003137 001, CC BY SA 3.0)

Gera?

Gera-Lusan: "Die Birkenstraße blieb"
Für moderneREGIONAL ging Christoph Liepach, einer der Podiumsteilnehmer der Veranstaltung, im Herbst schon einmal auf Spurensuche in Gera-Lusan (Foto: privat)

Noch in den 1920er Jahren eine der wohlhabendsten Städte Deutschlands, wurde Gera in der DDR zur sozialistischen Bezirksstadt umgebaut und erprobte nach der Wiedervereinigung einen Neuanfang. Zwischen Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Relevanzverlust sucht die Stadt nach Anknüpfungspunkten, um ihre eigene Identität wieder zu erlangen. Ob und wie das gehen kann, soll am 6. Mai auf der Tagung „Gera? Hier ist Gera!“ ebendort (Gedenk- und Begegnungsstätte im Torhaus der politischen Haftanstalt, Amthordurchgang 9, 07545 Gera) diskutiert werden.

Der Programmpunkt „Gera als sozialistische Großstadt. Architektur und Städtebaupolitik“ untersucht daher, wie sich der ostmoderne Stadt-Umbau zum industriellen Platten-Bauen entwickelte. Im Spannungsfeld zwischen Erhalt und Abriss soll gefragt werden: Wie will Gera zukünftig mit dem sozialistischen Bauerbe umgehen? Kay Richter (Architekturhistoriker, Perleberg) ist als „Impulsgeber geladen, im Anschluss diskutieren Christoph Liepach (Designer und Buchautor über Gera-Lusan, Leipzig), Dr. Hans-Georg Tiedt (Stadtarchitekt der Stadt Gera 1972-89) und Juliane Richter (Kunsthistorikerin, Leipzig) unter der Moderation von Dr. Mark Escherich (Bauhaus-Universität Weimar). Wer noch zögern sollte, dem verheißen die Veranstalter: „Der Eintritt ist frei. Getränke und Speisen stehen zur Verfügung. Die Programmpunkte können auch einzeln besucht werden!“ (kb, 16.4.17)

DDR Moderne Cottbus

Cottbus (Foto: Martin Maleschka)
Cottbus und seine Ostmoderne, gesehen durch das Auge des Architekten und Fotografen Martin Maleschka (Foto: Martin Maleschka)

Unter der Schirmherrschaft von Frau Ministerin Dr. Martina Münch öffnet die Cottbuser SPD (Mühlenstraße 17) ihre Geschäftsräume für den Architekten und Fotografen Martin Maleschka. 2005 griff der gebürtige Eisenhüttenstädter zur Kamera und begann das festzuhalten, was im Verschwinden begriffen war – Wohnbauten, Gesellschaftsbauten und Kunst am Bau der DDR. Was als Hobby neben dem Architekturstudium begann, wurde zu Profession und Kunst.

Diese Ausstellung „DDR Moderne Cottbus“ ist ein Plädoyer für den Erhalt der Architektur und baugebundenen Kunst der DDR-Zeit in Cottbus. Gezeigt werden etwa 25 Fotografien in schwarzweiß, die Maleschka in den vergangenen Jahren gemacht habe sowie (s)eine künstlerische Umsetzung des ehemaligen Krebs-Wandbilds des Cottbuser Künstlers Horst Ring (am Giebel der Wohnhausscheibe Görlitzer Straße) mit dem Dämmstoff Styrodur. Die Ausstellungseröffnung wird am 12. April um 18.00 Uhr in der Geschäftsstelle der SPD gefeiert. Im Anschluss ist die Ausstellung zu den Öffnungszeiten der Geschäftsstelle zu bis zum 26. April zu sehen, der Eintritt ist kostenfrei. (kb, 8.4.17)

Ebay vs. Denkmalpflege?

Plattenbaumodule im Angebot (Bild: ebay.de)
Bald sehr kostbar? „Unverfälschte“ Plattenbaumodule im Angebot (Bild: ebay-kleinanzeigen.de)

In diesen Tagen kursiert via Facebook eine Ebay-Kleinanzeige der ostmodernen Art: „Betonplatten vom DDR Plattenbau zum Haus- Garagen o. Hallenbau“ zu verkaufen. Im sächsischen Plauen warten 81 Seitenteile und 26 Deckenplatten auf einen neuen Besitzer. (Ein Kran kann gegen Aufpreis organisiert werden.)

Durch den medialen Nachhall auf das eigentlich schon länger bestehende Angebot sind nun auch Fachleute auf den Betonfund aufmerksam geworden. Kevin Schachtschnabel, Heimatforscher und seinerzeit Bauingenieur bei VEB Hochbauprojektierung Plauen, schlug bei moderneREGIONAL Alarm: „Heute können Sie das gar nicht mehr in dieser Qualität fabrizieren“, fehlten doch inzwischen Produktionsstraßen und Know-how. Daher müsse man frühzeitig Plattenbau-Ersatzteile sichern, wie es sich seit den 1980er Jahren etwa im Fachwerkbau bewährt hat. Schachtschnabel denkt mit Engagierten über die Gründung einer Initiative nach, um einen „Ausverkauf“ ostmoderner Kulturzeugnisse zu verhindern. Die Pressestelle der sächsischen Denkmalpflege äußerte sich gegenüber moderneREGIONAL verhalten: Mit der Demontage und Einlagerung bereits geschützter Systembauten habe man (sh. Dresden) leider schon Erfahrung. Aber ob hier der Status eines „mobilen Denkmals“ begründbar sei? Das Schicksal des sächsischen Plattendepots scheint also weiter ungewiss. Bis dahin bleibt es wohl der effektivste Weg, die bereits „zusammengesetzten“ Plattenbauten in Ehren zu halten … (kb, 1.4.17)

Fotoband: Berlin. City Ost

Seine fotografischen Spaziergänge führten ihn immer wieder ins Ostberliner Zentrum: Der 2016 verstorbenen Berliner Fotografen und Journalisten Günter Blutke dokumentierte die tiefgreifende Neugestaltung der „Hauptstadt der DDR“ in den 1960er und 1970er Jahren. Blutke, geboren 1934, war ausgebildeter Journalist, Fotograf und promovierter Kulturwissenschaftler. In der DDR hat er zuletzt als Journalist und Bildreporter bei der Neuen Berliner Illustrierten gearbeitet, später war er als Fotograf und Autor im Bereich Natur/Umwelt tätig.

Der 2016 im be.bra-Verlag erschienene Bildband „Berlin. City Ost“ erzählt in inzwischen historischen Fotografien einiges über das Lebensgefühl und den Alltag der Menschen in diesem Teil der Stadt. Darüber hinaus transportieren Blutkes Lichtbilder ein prägendes Stück Architektur- und Städtebaugeschichte der deutschen Moderne. Sollte die „City Ost“ damals doch auch als Vorzeigeprojekt dienen, um der DDR zur langersehnten internationalen Anerkennung zu verhelfen. (kb, 24.3.17)

Blutke, Günter, Berlin. City Ost. Zwischen Strausberger Platz und Brandenburger Tor, be.bra-Verlag, Berlin 2016, gebunden, 124 Seiten, 95 Fotografien, ISBN: 978-3-8148-0221-3.