Ostmoderne

Adria modern

In den 1960er und 1970er Jahren war die östliche Adria (nicht nur) für die Österreicher ein beliebtes Urlaubsziel. Doch haben sich im Breitentourismus längst andere „Destinationen“ in den Vordergrund geschoben. Was bleibt, sind die baulichen Hinterlassenschaften dieser Wirtschaftswunder-Reisewelle. Am 28. Mai erzählt Iris Meder in ihrem Vortrag „Adria modern“ um 19 Uhr im Wiener Ateliertheater von der Moderne an der Küste Ex-Jugoslawiens. Es geht ihr um die Spuren einer mittlerweile verbluteten, aber einmal höchst lebendigen Architekturlandschaft, die sich selbst aus der proletarische Ideologie heraus begründete.

Die moderne Architektur der Ostadria geriet daher unverwechselbar: Bis heute sind grundsächlich alle Küstenabschnitte öffentlich zugänglich. Bauten entlang der Küste und außerhalb größerer Städte sollten die umgebenden Pinienwälder nicht überragen. Zudem gab es, teils in Kooperation mit internationalen Experten und UN-Projekten, übergreifende raumplanerische Leitkonzepte. All dies trug zum Ausbau der Adriaküste entlang der Nord-Süd-„Magistrale“ in Tito-Jugoslawien bei. Der Vortrag bietet eine virtuelle Reise entlang der Küste und über die Inseln: zu touristischen Objekten ebenso wie Infrastruktur-, Service- und Wohnbauten, zu Schulen, Post- und Gemeindeämtern, Kaufhäusern, Sanatorien, Kinder- und Arbeiterferienheimen, Gesundheitszentren, Wohnsiedlungen, Sporthallen, Kulturheimen und antifaschistischen Mahnmalen. Tickets für die Veranstaltung (12/8 Euro) können reserviert werden unter: office@ateliertheater.net. (kb, 22.5.17)

Titelmotiv der Veranstaltung (Bild: via Facebook)

Buzludzha (Bild: Mark Ahsmann, CC BY SA 4.0)

Von der Idee eines „sozialistischen Erbes“

Die Geschichte des Denkmalschutzes versteht sich heute rückblickend als Produkt der westlichen Moderne – und lässt dabei die sozialistische Welt weit außen vor. Doch nach 1945 war der Umgang mit dem kulturellen Erbe auch in den sozialistischen Staaten – von China, den UdSSR, des Ostblocks bis zu Asien, Lateinamerika und Afrika – ein identitätsstiftender Faktor. In der aktuellen Forschung bleibt Beitrag der Experten aus diesem Teil der Welt zumeist unbeachtet. Diesem Mangel will jetzt eine Tagung abhelfen.

Für die Konferenz „State Socialism, Heritage Experts and Internationalism in Heritage. Heritage Protection after 1945“, die vom 21. bis 22. November 2017 in Exeter stattfinden soll, werden bis zum 20. Juni noch Themenvorschläge gesucht. Mögliche Schwerpunkte könnten sein: das erwachende Interesse am baulichen Erbe in der sozialistischen Welt nach 1945, die transnationale und transkulturelle Verbreitung der Idee des Kulturerbes über den Eisernen Vorhang hinweg, die Rolle sozialistischer Experten im internationalen Diskurs, die Rolle internationaler Institutionen wie UNESCO, ICOMOS, ICCROM oder UIA, die Rolle des Kalten Kriegs, nationaler Traditionen, und internationaler Kooperationen bei der Entwicklung der Idee eines „sozialistischen Erbes“. Willkommen sind Abstracts (300-500 Worte) mit einem begleitenden Kurz-CV unter der Adresse: Natalie Taylor, N.H.Taylor@exeter.ac.uk. Ausgewählten Teilnehmer werden bis zum 20. Juli 2017 benachrichtigt. (kb, 5.5.17)

Buzludzha (Bild: Mark Ahsmann, CC BY SA 4.0)

Berlin, Haus der Statistik (Bild: D-okin, CC BY SA 3.0)

Hoffnung fürs Haus der Statistik

Berlin bereitet derzeit eine große Immobilientausch-Aktion vor. Gemäß des neuen Hauptstadtvertrags, der im Mai unterzeichnet werden soll, überträgt der Bund die Eigentümerschaft verschiedener Liegenschaften an das Land. Im Gegenzug sollen unter anderem das Grundstück der Akademie der Künste und der Martin-Gropius-Bau an den Bund übergehen. Berlin könnte mit dem Vertragsabschluss nach Informationen der Berliner Zeitung auch die Schlüssel für das Haus der Statistik am Alexanderplatz erhalten. Dem abrissbedrohten Bauwerk würde das den Kragen retten: Im Koalitionsvertrag von SPD, Linkspartei und den Grünen wurde vereinbart, das Haus der Statistik zum „Ort für Verwaltung sowie Kultur, Bildung, Soziales und Wohnen“ zu entwickeln.

Das Haus der Statistik wurde in den Jahren 1968 bis 1970 nach Plänen des Architektenkollektiv Manfred Hörner, Peter Senf und Joachim Härter errichtet. Der markante, 11-stöckige Plattenbau war ein wichtiger Bestandteil der städtebaulichen Umgestaltung des Ostberliner Zentrums. Er beherbergte die statistische Zentralverwaltung der DDR sowie einige Abteilungen der Stasi. Nach der friedlichen Revolution wurde es zum Dienstsitz des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, seit 2008 steht das Hochhaus leer und verfällt zusehends. (jr, 4.5.17)

Berlin, Haus der Statistik (Bild: D-okin, CC BY SA 3.0)

Löhma-Munschwitz, ehem. Kneipp-Sanatorium (Bild: NoRud, CC BY-SA 4.0)

Keine Zukunft fürs Sanatorium

Seit 21 Jahren steht es leer, nun scheinen die Tage des Sanatoriums in Leutenberg-Löhma gezählt. Die Thüringer Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) als Eigentümerin des 1958-60 errichteten Gebäudekomplexes hielt diesen lange, auf eine Neunutzung hoffend, in Schuss. Es gab auch Interessenten: So einen Herrn aus einem westlichen Nachbarland, der bei einer Versteigerung den Zuschlag erhielt, leider aber den Kaufpreis zu zahlen vergaß. Der Kaufvertrag wurde „rückabgewickelt“. Seit Wasser- und Stromversorgung des abgelegenen Gebäudes gekappt wurden, sind die Hürden für potenzielle Nutzer immens: Rund eine halbe Million Euro würde es kosten, das Areal wieder an die Energie- und Wasserversorgung anzuschließen. Dagegen wirkt der noch immer aufgerufene Kaufpreis von 65.000 Euro bescheiden.

Der Grund, warum jahrelang in die Instandhaltung investiert wurde: Im Abrissfall wäre das Grundstück nicht zu verwerten, nach heutiger Gesetzeslage dürfte hier nicht mehr gebaut werden. Nachdem immer wieder Interessenten abrückten, scheint die LEG aufgegeben zu haben: Mittlerweile verfällt der Bau, der noch über etliche Ausstattungsdetails der 1950er Jahre verfügt, zusehends. Nun lässt man eine Kostenschätzung für zwei Varianten erstellen: entweder Teilabriss bis auf die Grundmauern oder Total-Beräumung. Wenn nicht noch plötzlich jemand sein Portemonnaie öffnet, sind die Tage des Ostmoderne-Baus gezählt. (db, 21.4.17)

Löhma, Kneipp-Sanatorium (Bild: NoRud, CC BY SA 4.0)

Josep Renau, Entwurf zum Erfurter Wandbild (Detail), 1982, Mischtechnik auf Holz (Bild: © Stadtverwaltung Erfurt/D. Urban)

Die Rückkehr eines Wandbilds

Überall fallen künstlerische Zeugnisse der Ostmoderne. Überall? Nein, Erfurt … Bis zum Sommer 2017 lässt die Stadt das 6 x 28 Meter große Glaskeramik-Wandmosaik „Die Beziehung des Menschen zu Natur und Technik“ von Josep Renau (1907-82) restaurieren. Der bis 1976 in der DDR ansässige spanische Künstler schuf das monumentale Werk für das ehemalige Kultur- und Freizeitzentrum in Erfurt. Seine Beauftragung zog sich von 1975 bis 1980 hin, die Einweihung erfolgte 1984.

2008 wurde das Wandbild am Moskauer Platz in Erfurt unter Denkmalschutz gestellt. Als das leerstehende Kultur-und Freizeitzentrum abgerissen werden sollte, wurde das monumentale Kunstwerk 2012 abgenommen und eingelagert. Nun kehrt es, in einer konzertierten Aktion von Stadt, Kulturdirektion, Wüstenrot Stiftung, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie und „bürgerschaftlichem Engagement“, an seinen alten Ort zurück. Zu diesem Anlass werden aktuell im Grafikkabinett des Angermuseums (Anger 18, 99084 Erfurt) Studien, Entwürfe, Fotodokumente und der maßstäbliche Karton zum Wandbild präsentiert. Die Ausstellung „Josep Renau und sein Erfurter Wandbild“ ist noch bis zum 28. Mai 2017 zu sehen. (kb, 18.4.17)

Titelmotiv: Josep Renau, Entwurf zum Erfurter Wandbild (Detail), 1982, Mischtechnik auf Holz (Bild: © Stadtverwaltung Erfurt/D. Urban)

Dresden, Kulturpalast, nach 1970 (Foto: Richard Peter, Bild: Deutsche Fotothek df ld 0003137 001, CC BY SA 3.0)

Dresden: Ausstellung zum Kulturpalast

In Dresden läuft der Countdown zur Eröffnung des sanierten Kulturpalasts. Am 28. April ist es soweit: Mit Klängen von Schostakowitsch, Felix Mendelssohn Bartholdy, Franz Schubert und Beethoven soll der neue Konzertsaal des Baus eingeweiht werden. Wer so lange nicht mehr warten kann, dem sei die Ausstellung „Der Dresdner Kulturpalast. Architektur als Auftrag“ im Stadtmuseum Dresden ans Herz gelegt. Sie wird bereits eine Woche vorher, am Freitag, dem 21. April um 19 Uhr eröffnet.

Der Kulturpalast war und ist einer der umstrittensten Bauten der Dresdner Nachkriegsmoderne. Erkannten die einen in dem nach Plänen von Leopold Wiel gebauten und 1969 eröffneten Bauwerk eine Perle ostmoderner Architektur, schmähten es andere als Symbol der SED-Diktatur und forderten den Abriss. Die Ausstellung rekonstruiert die (Bau)geschichte des „Kulti“. In Modellen und Plänen widmet sie sich neben dem Bauwerk selbst auch den nicht realisierten Konkurrenzplanungen, den Kunstwerken am und im Palast sowie dem jüngst vollendeten Umbau. Begleitend erscheint ein Set von acht bebilderten Leseplakaten mit Hintergrundinformationen sowie ein Architekturführer zu sieben ausgewählten Bauten der Dresdner Nachkriegsmoderne. Das Museum bietet dazu entsprechende Stadtrundgänge an, die auch nach der Ausstellung fortgeführt werden sollen. Sie ist bis zum 17. September zu sehen. (jr, 17.4.17)

Titelmotiv: Dresden, Kulturpalast, nach 1970 (Foto: Richard Peter, Bild: Deutsche Fotothek df ld 0003137 001, CC BY SA 3.0)

Gera?

Gera-Lusan: "Die Birkenstraße blieb"
Für moderneREGIONAL ging Christoph Liepach, einer der Podiumsteilnehmer der Veranstaltung, im Herbst schon einmal auf Spurensuche in Gera-Lusan (Foto: privat)

Noch in den 1920er Jahren eine der wohlhabendsten Städte Deutschlands, wurde Gera in der DDR zur sozialistischen Bezirksstadt umgebaut und erprobte nach der Wiedervereinigung einen Neuanfang. Zwischen Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Relevanzverlust sucht die Stadt nach Anknüpfungspunkten, um ihre eigene Identität wieder zu erlangen. Ob und wie das gehen kann, soll am 6. Mai auf der Tagung „Gera? Hier ist Gera!“ ebendort (Gedenk- und Begegnungsstätte im Torhaus der politischen Haftanstalt, Amthordurchgang 9, 07545 Gera) diskutiert werden.

Der Programmpunkt „Gera als sozialistische Großstadt. Architektur und Städtebaupolitik“ untersucht daher, wie sich der ostmoderne Stadt-Umbau zum industriellen Platten-Bauen entwickelte. Im Spannungsfeld zwischen Erhalt und Abriss soll gefragt werden: Wie will Gera zukünftig mit dem sozialistischen Bauerbe umgehen? Kay Richter (Architekturhistoriker, Perleberg) ist als „Impulsgeber geladen, im Anschluss diskutieren Christoph Liepach (Designer und Buchautor über Gera-Lusan, Leipzig), Dr. Hans-Georg Tiedt (Stadtarchitekt der Stadt Gera 1972-89) und Juliane Richter (Kunsthistorikerin, Leipzig) unter der Moderation von Dr. Mark Escherich (Bauhaus-Universität Weimar). Wer noch zögern sollte, dem verheißen die Veranstalter: „Der Eintritt ist frei. Getränke und Speisen stehen zur Verfügung. Die Programmpunkte können auch einzeln besucht werden!“ (kb, 16.4.17)