Paderborn

Essen-Überruhr, St. Suitbert, 2008 (Bild: Wiki05, PD)

Rettet Ökumene die Lehmbrock-Kirche?

Kaum sind die Reformationsfeierlichkeiten überstanden, klingt es im Kirchenbau nach Annäherung. Am Paderborner Flughafen (haben wir nachrecherchiert, gibt es tatsächlich) wurde gerade ein neuer ökumenischer „Raum der Stille“ eingeweiht. Er ist gleichermaßen gedacht für Protestanten, Katholiken und Syrisch-Orthodoxe, für Fluggäste, Mitarbeiter und Besucher. In der Essener Pfarrei St. Josef Ruhhalbinsel geht es aktuell nicht um neue Räume, sondern um den Abschied von alten. Der Zeitplan zum „Pfarreienentwicklungsprozess (PEP)“ sah, beim Start durch eine Koordinierungsgruppe 2015, ein Votum für den 5. November 2017 vor. Alles soll dann im Dezember 2017 ans Bistum gegeben, 2018 gemeinsam in handelnde Schritte übersetzt werden.

Das „Sonntagsblatt“ der Gemeinde schrieb, nach einer vielgestuften Diskussion, zum erwarteten PEP-Votum: „Fest steht bis dato lediglich, dass die Kirche Herz Jesu in Burgaltendorf und das Gemeindeheim St. Josef in Kupferdreh noch lange über den Pfarreihaushalt finanziert werden sollen.“ Gestern meldete Radio Essen dann konkreter: „Die Pfarrei […] will einige ihrer Kirchen und Gemeindezentren zusammen mit der evangelischen Kirche betreiben.“ Für die fünf zur Disposition stehenden Kirche (in Überruhr, Byfang und Burgaltendorf) bestehe erst akuter Handlungsbedarf, wenn eine umfangreichere Sanierung anstehe. Unter diesen Fragezeichen findet sich die 1966 von Josef Lehmbrock mit dem Statiker Stefan Polónyi kunstvoll gefaltete Kirche St. Suitbert. (kb, 10.11.17)

Essen-Überruhr, St. Suitbert (Bild: Wiki05, PD)

Köln, Hochhäuser Deutschlandfunk und Deutsche Welle (Bild: Copyright Raimond Spekking, CC BY SA 3.0, via wikimedia commons)

Mit den Riesen auf Augenhöhe

Das Projekt „Mit den Riesen auf Augenhöhe“ porträtiert zehn Großbauten der 1960er und 1970er Jahre in Nordrhein-Westfalen. Gemeinsam ist den „Riesen“, dass sie in den vergangenen Jahren in der öffentlichen Diskussion standen und teilweise sogar vom Abriss bedroht waren. Heute verkörpern sie eine euphorische Epoche und zeigen oftmals architektonische Qualitäten. Im ersten Schritt des Projekts haben Alexandra Apfelbaum, Gudrun Escher und Yasemin Utku die aktuellen öffentlichen Debatten und historisches Material ausgewertet. Die Ergebnisse können als Studie gratis heruntergeladen werden.

Daran knüpft im Herbst 2017 die Reihe „Mit den Riesen auf Augenhöhe“ an. An den einzelnen Veranstaltungsorten werden die Besonderheiten des jeweiligen Bauwerks in Besichtigung und Diskussion erfahrbar. (Die Teilnahme ist jeweils kostenlos, genauere Informationen zu Zeit und Ort sowie die Anmeldung erfolgen über die örtlichen Volkshochschulen). Als Termine sind angesetzt: am 18. September in Duisburg, am 27. September in Dortmund, am 4. Oktober in Bochum, am 11. Oktober in Bonn, am 18. Oktober in Aachen, am 25. Oktober in Dortmund, am 1. November in Paderborn, am 8. November in Essen, am 15. November in Marl, am 22. November in Köln und am 29. November in Gronau. (kb, 17.8.17)

Köln, Hochhäuser Deutschlandfunk und Deutsche Welle (Bild: Copyright Raimond Spekking, CC BY SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Paderborn: Stellwerk soll fallen

Senne-Bahn, Zug der NWB im Bahnhof Hövelhof (Bild: ludger1961, GFDL oder CC BY SA 3.0)
Mehr neue Technik, weniger alte (Bahn-)Bauten: Entlang der Senne-Bahn wird modernisiert (Bild: ludger1961, GFDL oder CC BY SA 3.0) – und das Paderborner Stellwerk, das deshalb bald abgerissen werden soll, sehen Sie HIER

Noch wacht der „Kleine Hermann“ in Paderborn über das Stellwerk. Im Schatten eines Gründerzeit-Eckhauses, den eine „Kopie“ des Hermannschlacht-Denkmals bekrönt, schiebt sich das markante Stellwerk in die Detmolder Straße. Es regulierte einen Bahnübergang der Sennestrecke zwischen Bielefeld und Paderborn, die aktuell modernisiert wird. Und mit der neuen Technik soll auch das „alte“ Bauwerk aus der Nachkriegszeit fallen. „Für das alte Stellwerk gibt es nach dem Rückbau der Innenanlagen keine weitere Verwendung, sodass anschließend ein Abriss erfolgen wird“, erklärte ein Vertreter der Bahn gegenüber der „Paderborn am Sonntag“.

Einer möglichen privaten Nutzung des funktionslos gewordenen Stellwerks erteilt der Bahnsprecher eine klare Absage: Dafür bräuchte es einen eigenen Zugang zum Gebäude – und der sei „wegen der Zuwegung von der Gleisseite aus“ nicht zugelassen. Vor Ort formiert sich Widerstand gegen den angekündigten Abriss: Der Verein „Historisches Paderborn“ sieht mit dem Stellwerk – nach dem Lokschuppen an der Abtsbrede – ein weiteres „Stück Baukultur, das sang und klanglos aus dem Stadtbild“ zu verschwinden droht. Eine private Zuwegung zum Stellwerk sei sehr wohl möglich, man will noch einmal das Gespräch mit der Bahn suchen. (kb, 29.4.15)

Modernisierung und Wiederaufbau

"Berliner helfen beim Aufbau" (Bild: Bundesarchiv Bild-Nr. 183-S93492, Foto: Rudolph, 1948)
„Berliner helfen beim Aufbau“ (Bild: Bundesarchiv Bild-Nr. 183-S93492, Foto: Rudolph, 1950)

Wiederaufbau – ein Begriff, der für den Städtebau der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht greift. Vielmehr ging es um „einen langfristigen Prozeß der Modernisierung von Stätten“, so zumindest die These des Experten-Workshops „Zweifache Transformation: Städtebau zwischen Modernisierung und Wiederaufbau (1880–1960)“ vom 21. bis zum 22. November 2014. Veranstalter ist die Universität Paderborn (Warburger Str. 100, 33098 Paderborn, Raum: B3.231), hier die Fakultät für Kulturwissenschaften, dem Historischen Institut.

Der Blick geht von der „Entdeckung der Altstadt“ um 1900 über die Konzepte des Neuen Bauens in den 1920er Jahren bis zu den ideologischen Umgestaltungen der 1930er Jahre. Nach 1945 knüpften viele Akteure an die alten Planungen an – ein bislang häufig wenig beachteter Tatbestand. Daher geht es der Konferenz weniger um die Brüche, als vielmehr um die Kontinuitäten in dieser Entwicklung. In den Vorträgen werden, neben Überblicksthemen, die Städte Braunschweig, Warschau, Frankfurt/Main und Stuttgart behandelt (kb, 12.11.14)

PORTRÄT: Gute Bausünden

von Turit Fröbe (16/1)

Siegen, Bausünde (Bild: Turit Fröbe)
SIEGEN: Liebevoll durchgestaltet wurde dieser Restaurant-Annex in Siegen an einer steil abschüssigen Straße. Auf Fußgängerniveau erscheint das Objekt als nahezu geschlossener Monolith – in den oberen Etagen öffnet es sich mit unregelmäßig angeordneten Plattformen und einem auskragenden Erker. Das System der Außenlaternen wird zum Ornament der Komposition (Bild: Turit Fröbe)

Originelle, gut gemachte Bausünden, die von Ambitioniertheit, Mut und Fantasie zeugen, sind leider viel seltener, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Die große Mehrheit der Bausünden ist austauschbar, langweilig und macht aus unseren Städten Einheitsbrei. Diese „schlechten Bausünden“ werden in der Regel übersehen, weil sie als einzelnes Objekt kaum Anstoß erregen. Sie sind unsichtbar und gefährlich.

Meist entzündet sich der Volkszorn an gut gemachten Bausünden. Sie sind sichtbar und gefährdet! Diese jedoch vor der Abrissbirne zu schützen lohnt sich, da diese Sünden durchaus Potential für ihre Städte besitzen. Infolge ihrer Expressivität haben sie eine starke Bildqualität, die für Wiedererkennbarkeit und Orientierung sorgt, was, angesichts der kontinuierlich zunehmenden schlechten Bausünden, immer wichtiger wird.

Bei genauerer Betrachtung entfalten diese geschmähten Objekte außerdem eine überraschende ureigene Schönheit und einen ganz eigenwilligen Charme. Dabei zeigt sich, dass Bausünde nicht gleich Bausünde ist, sondern dass die Objekte ganz unterschiedliche Qualitäten und Entstehungsgeschichten aufweisen. So manche Bausünde ist einfach nur aus der Mode gekommen und erfreute sich in der Erbauungszeit möglicherweise sogar einmal gewisser Beliebtheit. Andere waren von vornherein vielleicht etwas verunglückt aber gut gemeint; ein sehr großer Anteil von gut gemachten Bausünden wurde erst nachträglich in den Stand der Bausünde erhoben durch Anbau, Umbau, Überformung, Dekoration oder sonst was. Die Spielarten sind so individuell wie die Bausünden selbst.

 

Kleine Parade der Bausünden (Bilder: Turit Fröbe)

Arnsberg: Verloren im postmodernen GebirgeARNSBERG: Das Beispiel zeigt, wie sich einer aus der Mode gekommene Gründerzeitfassaden elegant ein modernes Antlitz geben lässt. Man hake sie rechts und links beherzt unter und gebe ihr eine neue Frisur, überforme ganz oder zumindest zum Teil die Erdgeschosszone …
PADERBORN: Spiegelglas Ihres VertrauensPADERBORN: Dieses verspiegelte 70er-Jahre-Ufo in Paderborn reagiert nicht nur auf den urbanen Kontext, sondern nimmt ihn förmlich in die eigene Komposition auf.
HANNOVER: Parkplatz mit Ost-, äh WestblickHANNOVER: Die Bauaufgabe, die den Architekten in der Nachkriegszeit die größten gestalterischen Freiräume offerierte, war zweifellos das Parkhaus.
Bielefeld, Parkhaus (Bild: Turit Fröbe)BIELEFELD: Der Fantasie der Parkhausplaner waren kaum Grenzen gesetzt. Zumindest in westdeutschen Städten sind sie ein relativ zuverlässiger Garant für gut gemachte, ausdrucksstarke Bausünden.
LÜNEBURG: Traum aller DenkmalpflegerLÜNEBURG: Feine Fahrzeugbunker finden sich auch in Städten mit ansonsten intakter historischer Innenstadtbebauung. So in Lüneburg, wo ein Parkhaus an eines der Wahrzeichen der Stadt geklebt wurde. Klar, so ein Wasserturm wirkt aus der Ferne und wird nicht unbedingt im Stadtraum aufgesucht.
POTSDAM: Such den Wasserturm...POTSDAM: Im Vergleich zum Potsdamer Wasserturm, um den der Hauptbahnhof herumgewuchert ist, hat der Lüneburger Turm jedoch viel Raum, um zu atmen.
MANNHEIM: Postmoderner Barock im Hightech-Kleid?MANNHEIM: Auch die Postmoderne war eine Hochphase guter Bausünden. Das Mannheimer Stadthaus widerlegt, dass diese Architekturen entweder postmodern oder hightech sein mussten – aber nicht beides. Hier kreuzte man den griechischen Tempel mit Barockschloss und Centre Pompidou.
BRAUNSCHWEIG: Karstadt, gut behütetBRAUNSCHWEIG: Wie fließend die Grenze zwischen guter Architektur und guter Bausünde ist, zeigt Gottfried Böhm, der zu Recht jahrzehntelang Deutschlands einziger Pritzker-Preisträger war. Seine Architekturen sind fantasievoll, expressiv und daher sehr anfällig für das Prädikat „Bausünde“. Aus seiner Feder stammt die wohl schönste Karstadt-Filiale.
MANNHEIM: Geben Sie sich die KugelMANNHEIM: Auch der Bibliotheksbau in Mannheim mit den überraschenden monumentalen Sandstein-Kugeln in den Schaufenstern, der sich jeglicher Einordnung entzieht, ist ein Werk Gottfried Böhms. Er hat sich niemals selbst zitiert, sondern für jeden Standort eine ganz eigene Eigenwilligkeit erfunden!

FACHBEITRAG: Schon schön

von Karin Hartmann (16/1)

Paderborn, Königsplätze; Krokodil (Bild: Jürgen Steffens)
Ein Stück Großstadt implantiert: Die Hochebene der Königsplätze Paderborn (Bild: Jürgen Steffens)

Nur an wenigen Orten in Paderborn hat man das Gefühl, sich in einer Großstadt zu befinden. Einer davon ist der verdichtete Stadtraum der Königsplätze. Der zwischen 1969 und 1981 für 160 Millionen Mark errichtete Wohn- und Handelskomplex folgte der Idee einer verkehrsgerechten funktionsgeteilten Innenstadterweiterung. Wie ein Implantat liegt er in der zumeist auf mittelalterlichem Grundriss errichteten und wiederaufgebauten Innenstadt.

Paderborn überschritt 1975 die 100.000-Einwohner-Marke. Mit der Eingemeindung von Schloss Neuhaus wurde Paderborn quasi über Nacht zur Großstadt. Heute gehört Paderborn mit 150.000 Einwohnern neben Bonn, Köln, Düsseldorf und Münster zu den fünf wachsenden Großstädten in NRW. Sie bildet ein wirtschaftliches Oberzentrum in Ostwestfalen-Lippe und ist als Sitz des Erzbistums Bischofsstadt. Namensgeberin ist die Pader und ihre Quellen: Der kürzeste Fluss Deutschlands entspringt in 200 Quellen unmittelbar unterhalb des Doms und bereichert die Innenstadt um ein lebendiges Gewässer und einen vielseitigen Freiraum.

 

Flanieren im Gemeinschaftswarenhaus

Oben wandeln, unten parken, anliefern oder in den Bus steigen – diese Funktionstrennung entsprach den städtebaulichen Zielen der 70er Jahre und führte dazu, dass im Dreieck zwischen Marien-, Western- und Königstraße der verdichtete Handelskomplex der Königsplätze entstand. Mit vier solitären Bausteinen entstand nicht weniger als eine erweiterte Stadtmitte. Hier fand der Weihnachtsmarkt statt, hier ging man einkaufen und Eis essen. Und mit dem „Dany“ wurde ein modernes Kaufhauskonzept umgesetzt: ein „Gemeinschaftskaufhaus“ unter der Beteiligung von 16 regionalen Anbietern als Shop-in-Shop-System, eine Art „Concept Store“ der früheren Jahre.

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Schöner shoppen: Freiflächen vor den Kaufhäusern der Paderborner Königsplätze Ende der 1970er Jahre (Copyright: Stadtarchiv Paderborn)

Eine eingezogene Plattform, die zur Fußgängerebene wurde, nimmt einen topografischen Versprung zwischen Unter- und Oberstadt auf. Sie setzt damit von der Westernstraße kommend ebenerdig die Wegeverbindungen fort, die in Nord-Süd-Richtung vormals in kleine Nebenstraßen wie „Im Düstern“ mündeten. Der fließende Übergang von der Fußgängerzone wurde mit einer herben Abbruchkante des Komplexes am nördlichen Rand an der Marienstraße beglichen: Hier, wo es nur wenige Meter hinunter zum grünen Paderquellgebiet sind, ist das Stadtgefüge unterbrochen. Die Marienstraße nimmt die ankommende Fußgängerebene mit ihrer Laubengang-Architektur auf und leitet die Besucher mühsam über sperrige Treppen und Rampen wieder in den ebenerdigen Straßenraum hinab. Wenige Meter entfernt befindet sich die „Zentralstation“, der Knotenpunkt des Busverkehrs. Die unterdimensionierte Wendeschleife zeigt sich als dunkler, ungestalteter Stadtraum, der sich schon bald zum Problemraum entwickelt und von der Stadtbevölkerung als „Betonwüste“ beschimpft wurde.

 

Der Verlust der Königstraße

Paderborn, Königsplätze (Bild: Jan Kampshoff)
Tritt ein, Konsument: Rampenaufgang zum Fußgängerbreich (Bild: Jan Kampshoff)

Den Auftakt zu den Königsplätzen bildet eine große Fußgängerrampe zwischen dem Kaufhof und dem Kaufhaus Klingenthal. Das ortsansässige Textilwarenhaus wurde 1928 von Max Heidrich errichtet. Die über die Gebäudeecke geschwungene Fassade, durchgehende Fensterbänder und Simse stellen Bezüge zur Klassischen Moderne her.

Die Eingangssituation zu den Königsplätzen brachte also eine gewisse Großzügigkeit mit sich. Klar machen muss man sich allerdings, dass an dieser Stelle konsequent eine der wichtigsten historischen Straßen der Stadt überbaut wurde: die Königsstraße. Die Torsituation der beiden Kaufhäuser bildete die Eckbebauung eine der wichtigsten Kreuzungen der Stadt. Als Verbindungsstraße der Kurfürstenresidenz in Schloss Neuhaus zum Dom dienend, wurde die Königstraße durch den Neubau gedeckelt, in Teilen zur Tiefgaragenausfahrt und an der Einmündung zur Westernstraße mit ebendiesem Rampenbauwerk versehen.

Diese Geste zeigt, wie ernst den Stadtbauvätern und -müttern der 1970er Jahre diese Baumaßnahme war – überzeugt davon, dass diese Architektur die Stadt angemessen in die Zukunft tragen würde. Im gleichen Zeitraum wurden weitere Großprojekte umgesetzt: die Campus-Universität (1972), das Erzbischöfliche Diözesanmuseum von Gottfried Böhm (1975) und die Mehrzweckhalle „PaderHalle“ (1981) von Hardt-Waltherr Hämer. Innerhalb weniger Jahre änderte sich das Gesicht der Stadt maßgeblich.

 

Wege ins Nichts

In Ost-West-Richtung wurden die Wegeverbindungen über Rampen in Richtung Innenstadtring fortgesetzt. Rechts und links des Kaufhauses Dany und im weiteren Verlauf der Königsstraße zum Kaufhaus C&A prägen Rampen, Brücken und Treppen den Straßenraum. Zunächst war geplant, das Gebiet über den ehemaligen Wall hinaus mit einer Fußgängerbrücke ins Riemeke, ein belebtes Gründerzeitviertel, weiterzuführen und damit eine durchgehende Ost-West-Verbindung zu schaffen. Die Brücke wurde jedoch nicht ausgeführt, da man ein Kaufkraftverlust der Hauptfußgängerzone Westernstraße befürchtet. Stattdessen enden die Wege an der Westernmauer ebenso plötzlich wie an der Marienstraße. Man wird immer weiter hinaufgeführt, quert im 4. Geschoss ein gestaffeltes Wohnhaus mit acht Obergeschossen und markanten gelben Fenstern, um bis in die 1990er Jahre an einem Rampenbauwerk anzukommen, heute interimistisch ersetzt durch eine Art Geschosswohnungstreppe im Freien. Futuristische Straßenschluchten, Passagen, die durch die Kaufhausbebauung eng und uneinsichtig sind, führen zum Orientierungsverlust. Ein kleiner Platz hinter dem Kaufhaus, einen Steinwurf von der Fußgängerzone entfernt, ist bis heute vielen Paderbornern unbekannt.

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Durch diese hohle Gasse mag man nicht kommen: eine der nicht ganz so gemütlichen Ecken des Ensembles (Bild: Jan Kampshoff)

Schon bald nach der Errichtung, verstärkt seit den 1990erJahren, veränderte sich das Einkaufsverhalten an den Königsplätzen. Aus ungemütlichen Räumen wurden Angsträume, Down-Trading und Leerstand führten an vielen Stellen zu einer Verwahrlosung. Das Anlieferungsdeck unter dem Kleinen Königsplatz diente mehrere Jahre als Winteraufenthalt von Obdachlosen. Der schlecht einsehbare Bereich, funktional als Anlieferzone und Nebenausfahrt der Tiefgarage nicht ständig genutzt, war fußläufig nur durch eine Tür auf der Marienstraße zu erreichen. Augenzeugen berichten von Bettenlagern, in denen die Mittellosen wohnten. Damit wurde eine andere Art von Funktionstrennung sichtbar: Während die konservative Stadtbevölkerung oben auf dem Weihnachtsmarkt flanierte, hausierten wenige Meter unter ihnen die Grenzgänger der Gesellschaft.

 

Liebliche Freiflächen, grobe Details

Während die Königsplätze als Ensemble eine Strahlkraft als Stadtskulptur entwickeln und in ihrer Komplexität und Konsequenz beeindrucken, geriet die Architektur insgesamt eher unbedeutend. Zwar ist besonders hervorzuheben, dass sich allein durch die Absprache der Architekten – nicht etwa durch gestalterische Vorgaben – eine einheitliche Sprache mit verbindenden Elementen wie dem roten Ziegelstein als Boden- und Fassadenmaterial und dunkelgrün-grauen Wabendecken und abgeschrägten Fassadenteilen entwickelte, doch bleibt die Detaillierung grob.

Paderborn, Königsplätze, Karstadt (Bild: Jan Kampshoff)
Zählt zu den Lichtblicken: die Fassade des einstigen Kaufhauses Dany (Bild: Jan Kampshoff)

Eine Ausnahme bildet die Fassade des ehemaligen Kaufhauses Dany. Auf einer einfachen Stangenkonstruktion wurden grüne, unterschiedlich breite, gefalzte, hochkant gestellte Blechelemente appliziert. Während die Barcode-Fassaden der 1990er Jahre noch nicht in Sicht waren, wurde hier genau dieser Effekt erzielt. Durch den unterschiedlichen Lichteinfall auf die Bleche changiert die Fassade und erzielt eine Tiefenwirkung, die das Volumen des großen Kaufhauses rhythmisiert und auflockert. Weiterhin hervorzuheben ist die Gesamtwirkung und Fassade des sogenannten Inselhauses in der Mitte der Plätze: Mit seinen beigen und glatten Kunststoffpaneelen und dem im gesamten Ensemble immer wieder zitierten 45-Grad-Winkel zur Staffelung der Obergeschosse wirkt es eher wie ein gelandetes Raumschiff als ein Geschäftshaus.

Ganz im Gegensatz zur Architektur steht die geradezu lieblich anmutende Gestaltung der Freiflächen und Böden: Kreisförmig gemauerte Baumschalen, Wendeltreppen, Pergolen und ein kleiner künstlicher Bachlauf mit Brunnen direkt unter dem Aufgang sind detailliert. Zur Eröffnung des „Bächle“ schrieb die Lokalpresse 1981: „Als Trennung zwischen Fahr- und Fußgängerverkehr [entsteht] ein munterer ‚Stadtbach‘. Wieder ein Beitrag gegen zu viel Beton im Sanierungsgebiet.“ Weiterhin begleiten tiefe Bepflanzungelemente aus halbierten Betonröhren alle Laubengänge und Balkonsituationen. Diesem Grün ist der teilweise regelrecht überwachsene Eindruck des gesamten Bauwerks zu verdanken. Durch den hohen Pflegeaufwand wurde der Wasserlauf in den 1990er-Jahren zugeschüttet, Brunnen und Wasserspiele sind heute nicht mehr in Betrieb.

 

60 Eigentümer – Fluch oder Segen?

Warum ist dieser Komplex noch heute vorhanden und nicht wie das Ihme-Zentrum oder vergleichbare Strukturen längst aufgekauft, „verschönert“ oder abgerissen worden? Die Königsplätze wurden im Einverständnis mit Grundstückseigentümern gebaut, deren Häuser für die Plätze wichen. Im Gegenzug erhielten sie Eigentum an den Plätzen und errichteten die Gebäude aus privater Hand. Diese Besitzstruktur, heute ca. 60 Eigentümer und Eigentümerinnen, gibt es heute noch – anerkannte Paderborner Kaufleute mit eigenem Haus am Platz wie Eigentümer von kleinen Einheiten im Wohnturm an der Westernmauer. Dieser Struktur und den damit einhergehenden notwendigen Abstimmungsprozessen ist es geschuldet, dass die Königsplätze lange in einem Dornröschenschlaf lagen, obwohl die Verschlechterung der Substanz und funktionale Mängel lange offensichtlich waren.

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Ob’s hilft? Der Entwurf des Hamburger Büros Breimann + Bruun soll ab 2016 umgesetzt werden (Bild: Breimann+Bruun)

Erst in den vergangenen Jahren kündigen sich bauliche Veränderungen an und diese zunächst auch nur in den öffentlichen Bereichen: Bodenbeläge, Stadtmöblierung und Beleuchtung. Seit 2009 fanden Gespräche statt, 2011 wurde schließlich ein städtebaulicher Wettbewerb zur Neugestaltung beschieden und der erste Preis an foundation 5+, Kassel mit HOSPER, Haarlem (NL) vergeben.

Umgesetzt wird schließlich ab 2016 der Entwurf des zweiten Preisträgers. Das Hamburger Büro Breimann + Bruun Landschaftsarchitekten hat den Leitgedanken, die Königsstraße stadträumlich und im Straßengrundriss wiederherzustellen. Hierfür wird der Teil der Plattform über der Straße rückgebaut. Ebenso wird die Rampe zwischen den beiden Kaufhäusern durch eine Treppe entlang der Fassade Klingenthal und ein Aufzugs- und Treppenbauwerk einige Meter weiter in der Zentralstation ersetzt. Neue Materialien lassen die Gestaltqualität des Ensembles unberücksichtigt. Sie versuchen stattdessen, den öffentlichen Bereichen mit den Materialien Messing, Holz, Stahl und Granit ein neues Gesicht zu verleihen. Auch im privaten Bereich sind erste Eingriffe vorgenommen: Die fußläufige Verbindung zwischen Marienplatz und Kleinem Königsplatz wird in Verbindung mit einem Neubau am Marienplatz neu formuliert. Erste Eigentümer und neue Mieter greifen in bestehende Fassaden ein, um ihr einzelnes Objekt aufzuwerten.

 

Ideen von außen

Paderborn, Stadtdenker-Tour (Bild: Die Stadtdenker)
Schön! Auf der Stadtdenker-Tour markierten die Teilnehmer hier 2013 ihre Liebblingsorte (Bild: Die Stadtdenker)

Durch ein 2014 angestoßenes Zwischennutzungsprojekt wird den Königsplätzen eine neue andere Aufmerksamkeit zuteil. Kreative und Künstler taten sich im Nutzerverein Zwischenstand zusammen, um Leerstände gezielt mit temporären Nutzungen zu füllen. An der Westernmauer, im kritischsten Randbereich mit seinen Angsträumen, etablierten sie den Kulturraum Zwischenstand – durch gezielte Veranstaltung mit externen Gästen wie Boris Sieverts und Jörg Leeser, ebenso Ulrich Brinkmann, der sich als ehemaliger Paderborner intensiv zur Entwicklung der Königsplätze äußerte. In Teilen der Bevölkerung, insbesondere in der jüngeren Generation findet ein Perspektivwechsel statt: Die spätmoderne Architektur wird zunehmend auch als Qualität verstanden. Dennoch verhindert die unmittelbare Nähe zu 1A-Handelsflächen und das damit verbundene Wertverständnis der Eigentümer für ihre Immobilien nachhaltigere alternative Entwicklungskonzepte.

Im Mai 2013 waren die Stadtdenker in Paderborn: Eine Gruppe von Studierenden der Universität der Künste unter der Leitung der Architekturhistorikerin und Urbanistin Turit Fröbe gastierte für eine Woche in einem leeren Bau der Königsplätze. Sie brachten der Stadtbevölkerung mit unkonventionellen Mitteln und Aktionen ein weiteres mögliches Verständnis ihrer Stadt bei. Ihre Erfahrungen und modellhaften Ergebnisse hielten Sie in einer Publikation fest. Auch ihnen ist zu verdanken, dass das überregionale Interesse an den Königsplätzen deutlich zunimmt. Verwundert entdecken Architekten, Studierende und Künstler das noch intakte Ensemble, das in dieser Form in einigen Jahren vermutlich nicht mehr nachvollziehbar und in der Heterogenität der Stadt verschwunden sein wird.

 

Rundgang

Auf und unter den Königsplätzen …

 

Literatur

Hartmann, Karin (Hg.), Interview mit Ulrich Brinkmann zu Stadtentwicklung und Architektur in Paderborn, in: Baukultur, Paderborn, 10. September 2015.

Fröbe, Turit (Hg.), Stadtdenker, Ein Spielraum für urbane Entdeckungen, Jovis 2014.

Brinkmann, Ulrich, Paderborn Königsplatz, in: Bauwelt 2012, 1-2.

„Bächle“ wird an der Marienstraße Fußgänger von Autos abschirmen, in: Neue Westfälische Zeitung, 8. Dezember 1981.