Postmoderne

Ettore Scottsass, Tafelausfsatz "ES14" (Bild: alessi.com)

A Sottsass each day …

Worte wie „Tafelaufsatz“, „Lindenholz“ und „nummerierte Stückzahl“ müssen das Herz eines jeden designaffinen Postmodernisten höher schlagen lassen. Alessi kommt diesem Bedürfnis nach und legt einen Klassiker genau 999 mal neu auf: den Tafelaufsatz (unnützes Ding für zum andere unnütze Dinge drauflegen) „ES14“ von Ettore Sottsass (1917-2007). Der gebürtige Österreicher verstand sich selbst als „Anti-Designer“. Er reüssierte mit humorvoll überbordenden Entwürfen für Firmen wie Olivetti oder Bonacina, entwarf Möbel für Möbelkollektionen für Poltrona Frau und schreckte auch vor architekturnahen Projekten wie Bushaltestellen nicht zurück.

In diesem Jahr wäre der vielseitige Gestalter 100 Jahre alt geworden, der sein Werk so treffend charakterisierte: „Fast alle Objekte, die ich entwerfe, haben einen Sockel und berühren den Boden nicht direkt. Sobald man ein Objekt auf einen Sockel stellt, wird das Objekt sofort wichtig und fester: es wird zu einem kleinen Denkmal“. Stimmt. Die Firma Alessi huldigt Sottsass, indem sie den vortrefflichsten aller Sockel für Äpfel (und andere Schönheiten) in der Valle Strona in teilhandwerklicher (?) Arbeit produzieren lässt. Das hier ruft sehr laut „Weihnachtsgeschenk“. (kb, 11.11.17)

Ettore Sottsass, ES14 (Bild: alessi.com)

New York, 55 Madison Avenue (Bild: Citizen59, CC BY SA 3.0)

Chippendale braucht Sie!

Nein, Sie denken jetzt nicht an die textilarm tanzenden Hausfrauenbeglücker. Es geht um Architektur. Um eine Ikone der Postmoderne. „Chippendale“ nennen die New Yorker eine Ikone eben jenes Stils, die keine Scheu vor Schnörkeln zeigte. Der geschwungene Dachabschluss eines Hochhauses erinnert sie an die vom Rokoko inspirierten Möbelentwürfe des Kunsttischlers Thomas Chippendale, der lange die amerikanischen Wohnzimmer beherrschte: Das Sony Building (nach dem aktuellen Eigentümer), oder auch AT&T Building (nach dem einstmaligen Nutzer, einem amerikanischen Telekommunikationskonzern), wurde von 1979 bis 1985 von den Architekten Philip Johnson und John Burgee entworfen – als tiefe Verbeugung vor den New Yorker Wolkenkratzern der 1920er Jahre. Wer mag, kann darin auch Anklänge an die italienische Renaissance sehen.

Jetzt droht der Inkunabel ein schwerer Schlag: Der granitverkleidete Sockel soll dran glauben. Im Erdgeschoss soll eine Glasfassade stattdessen bald besuchereinladende Offenheit signalisieren. Daher ruft eine Online-Petition auf „change.org“ dazu auf, das AT & T Buildung unter Denkmalschutz zu stellen. Oder, genauer gesagt, die New York City Landmarks Preservation Commission soll das Gebäude listen. Auch eine Schweizer Initiative von „archithese“ und eine Petition auf avaaz.org bemühen sich um den Bau. Egal wie: Retten Sie das AT&T! (kb, 2.11.17)

New York, AT&T Building, 55 Madison Avenue (Bild: Citizen59, CC BY SA 3.0)

 

Sebastian Wanke, postmoderner Typenbau als Korkmodell in der Altenburger Ausstellung (Bild: Stefan Wanke, AK Thüringen)

Postmoderne in Kork

In Altenburg sind sie noch bis zum 29. September (!) versammelt: die Typenbauten der postmodernen Konsumkultur. Aus Kork. Die Ausstellung „Altenburger Trialog“ ist derzeit im Lindenau-Museum in Altenburg (Gabelentzstraße 5, 04600 Altenburg) zu sehen. Unter den vorgestellten Ausstellungsstücken befindet sich auch eine Arbeit von Sebastian Wanke, dessen gemeinsam mit Christopher Falbe organisierte Fotoausstellung „Wanke und Falbe“ noch bis zum 30. September (!) in der Geschäftsstelle der Architektenkammer Thüringen (Architektenkammer Thüringen, Bahnhofstraße 39, 1. Obergeschoss, 99084 Erfurt) begutachtet werden kann.

Sebastian Wankes mit Philipp Specht erstellte Arbeit „Von Aromaten und Alifanten“, die nun im Lindenau-Museum ausgestellt ist, übersetzt drei Typenbauten der postmodernen Konsumkultur maßstabsgetreu in das Material Kork. Der Kunsthistoriker Michael Merkel beschreibt die drei Korkmodelle von einem Fast-Food-Restaurant, einem Supermarkt und einer Tankstelle: Wanke und Specht „greifen bei ihren Arbeiten die altertümliche Erscheinung des Materials auf und modellieren mit ihm maßstabsgetreu markante Gebäude unserer Gegenwart. (…) Auf diese Weise erschaffen Wanke und Specht eine ironisch-unheilvolle Atmosphäre um die Bauwerke unserer Alltagskultur.“ (kb, 27.9.17)

Sebastian Wanke/Philipp Specht, postmoderner Typenbau als Korkmodell in der Altenburger Ausstellung (Bild: Sebastian Wanke, AK Thüringen)

Offenburg, Sparkasse (Bild: Daniel Bartetzko)

Abräumen in Offenburg

Die derzeitige Hauptargumentation für flächendeckende Abrisse ist ja, dass man einen geschlossenen Block „der Öffentlichkeit zurückgeben“ wolle. Statt Randbebauung gibt’s dann Passagen oder kleine Straßen mittendurch – was ja auch nicht die schlechteste Idee ist. In Offenburg macht es derzeit die Sparkasse vor: Hier fällt derzeit die alte Zentrale inklusive mehrerer Wohn- und Geschäftshäuser und eines Garagenhofs. Die gründerzeitliche Stadthalle, die ebenfalls auf dem Areal steht, bleibt (nach Bürgerprotesten) vom Komplettabriss verschont, wird aber völlig umgestaltet und teils neu gebaut. Auf dem 12.500 Quadratmeter großen Gesamtareal wird das Rée-Karré entstehen, das auch eine Erweiterung der angerenzenden Fußgängerzone sein soll.

Die Planung hat das Darmstädter Büro Kramm & Strigl übernommen, es werden „die üblichen Verdächtigen“ errichtet: ein Mix aus Wohnen, Büros und Geschäften. Farblich in ocker und beige gehalten, aufgelockert durch gezackte Dächer. Als Investor tritt die der Halaba angegliederte OFB Projektentwicklung auf, die als Fertigstellungstermin fürs Rée-Karré das erste Quartal 2019 avisiert hat. Derzeit kann man noch letzte Blicke auf das alte Sparkassen-Gebäude samt begrünter Tiefgarage an der Gustav-Rée-Anlage 1 werfen, das Mitte Juni mit einer Abriss-Party verabschiedet wurde – und (noch) als Beweis dient, dass früher doch manches Besser war…  (db, 22.9.17)

Offenburg, Sparkasse (Bild: Daniel Bartetzko)

Frankfurt/M., Ökohaus (Bild: 25asd, CC0)

25 Jahre Ökohaus Frankfurt

Die Postmoderne hatte 1992 ihren Zenit bereits überschritten. Doch das Ökohaus Frankfurt, das in jenem Jahr eröffnet wurde, geht in seiner Architektursprache ohnehin weiter: Neben den üblichen weiß lackierten Stahlträgern und den dekonstruktivistisch kollidierenden Rundungen, Schrägen, geraden Flächen sowie den durch jeder Menge Sprossen unterteilten Glasflächen gibt es bemooste Wände. Und Bäume im vierten Stock. Einen Teich im Eingangsbereich. Wein an der Fassade und Heidegras auf dem Dach … Die Planungen für diesen ökologischen Traum starteten bereits Ende der 1980er, 1990-92 wurde das experimentelle Haus im Stadtteil Bockenheim auf einem ehemaligen Schrottplatzgelände errichtet.

Verantwortlich zeichnete das Büro Eble + Sambeth, das mit den Nutzern das Konzept der „Arche“, wie der Kultur- und Gewerbebau eigentlich heißt, erarbeitete. Nachhaltiges Bauen war das Hauptziel – unter den Erstbeziehern waren die Frankfurter Grünen, mehrere Ärzte, Verlage, das Magazin „Öko-Test“ und die Druckerei der „taz“, deren Abluft bis 2012 zum Heizen des Gebäudes verwendet wurde (nein, wir machen jetzt keinen Witz über „Presse und heiße Luft“). Finanziert hat das Ökohaus ausgerechnet die Commerzbank. Sie tauschte das Gelände samt Neubau gegen das Haus Mainzer Landstraße 147, in dem einst der Kommunistische Bund Westdeutschland residierte. Diese linke Geschichte fand ihr Ende in einer grünen Oase: moderneREGIONAL gratuliert! (db, 14.9.17)

Frankfurt-Bockenheim: Ökohaus (Bild: 25asd, CC0)

Frankfurt, Neue Bethlehemkirche (Gaki64, CC BY-SA 3.0)

Klaus Peter Heinrici gestorben

Er ist gebürtiger Frankfurter, allerdings nicht am Main, wohin er 1951 zog, sondern an der Oder. Sein Name taucht selten auf, wenn von den großen Baumeistern der Frankfurter Nachkriegsmoderne die Rede ist. Und viele seiner Entwürfe sind ebenfalls bekannter als ihr Schöpfer: Das 1956 eröffnete Büro von Klaus Peter Heinrici (ab 1978 Heinrici und Geiger) hat unter anderem das Grzimek-Haus im Zoo (1978), den Umbau des Bockenheimer Straßenbahndepots zum Theaterraum (1988) und das postmoderne Wohnhaus Saalgasse 28 realisiert. Auch die neue Kirche der Bethlehem-Gemeinde (1971) im Stadtteil Ginnheim ist ein Werk des Elsaesser-Schülers.

Neben Elsaesser prägte Heinrici in seinen Anfangsjahren ein weiterer Protagonist des „Neuen Frankfurts“: Nach seinem Diplom arbeitete er von 1951 bis 1956 im Hochschulbauamt der Frankfurter Universität unter Ferdinand Kramer. Über 50 Gebäude, die meisten bis heute in Nutzung (das will etwas heißen in Frankfurt/Main!), entwarf Heinrici, seine Gründung HGP Architekten ist noch immer aktiv. Er selbst ging 2000 Ruhestand, zog sich auch aus dem Städtebaubeirat zurück. Bereits am 25. Juni ist der Architekt, der das Bild Frankfurts nachhaltiger prägte, als vielen bewusst ist, gestorben. Klaus Peter Heinrici wurde 89 Jahre alt. (db, 21.7.17)

Frankfurt/Main, Bethlehemkirche (Bild Gaki64, CC BY-SA 3.0)

 

 

Berlin, Volksbank (Bild: Jochen Teufel, CC BY-SA 3.0)

Volksbank Berlin: Der Abriss läuft

Es erschreckt noch immer, dass auch Gebäude mittlerweile zu Verbrauchsartikeln erklärt worden sind. Und wir sprechen nicht von einem Behelfspavillon für irgendeine Gartenschau, sondern von einem repräsentativen und aufwendig konstruierten Bürogebäude der Postmoderne, das zudem auch noch an einem städtebaulich markanten Ort steht: Seit einigen Wochen läuft der Abriss des erst 1985 fertiggestellten Volksbank-Hauses am Berliner Olof-Palme-Platz. Errichtet wurde es nach Plänen von Pysall, Stahrenberg und Partner für die Grundkreditbank, die später in der Volksbank aufging. Nachdem das Geldinstitut die Immobilie Ende 2014 an ein Konsortium aus drei Unternehmen verkauft hatte, erwarb sie im August 2016 der milliardenschwere Finanzier Barings „für einen von ihr beratenen institutionellen Investor„.

Das PoMo-Gebäude müsse nun weichen, da es in seiner Aufteilung sehr speziell und nur für den bisherigen Nutzer maßgeschneidert sei – so Armand Grüntuch von Grüntuch Ernst Architekten. Nach Entwürfen seines Büros soll an seiner Stelle ein 60 Meter hoher Turm entstehen, der den „Altbau“ mit dem hinreißend geschmacksunsicheren Entree ersetzt. Bereits seit einigen Jahren war diskutiert worden, ob das Volksbank-Haus aufgestockt werden könne; Planungen wurden aber aufgrund des großen Aufwands verworfen. Und so fällt ein weiteres, markantes Stück West-Berlin der späten Vorwendejahre. (db, 30.6.17)

Berlin, Volksbank (Bild: Jochen Teufel, CC BY SA 3.0)

Hamburg, Rathausmarkt, 2010 (Bild: easy4444, CC BY SA 3.0)

Hamburg: Was wird aus den Glasarkaden?

Dass es in Hamburg ständig regnet, ist üble süddeutsche Propaganda. Aber für die Tage, in denen erhöhte Luftfeuchtigkeit aus Hanseaten Schutzsuchende macht, für eben diese Tage sind die Pavillons auf dem Rathausmarkt von unschätzbarem Wert. Die Wartezeit bis zum nächsten Regenloch kann man sich hier gleich mit einem Fisch- oder Franzbrötchen vertreiben. Von 1980 bis 1982 hatte das Planungsbüro Nickels, Ohrt und Partner die postmodern geschwungenen Glasarkaden an den Platzrand gesetzt, darunter wurden Kioske angesiedelt. Mit ihren filigranen, grün gestrichenen Metallkonstruktionen schlagen die Pavillons einen versöhnlichen Bogen zu den allgegenwärtigen Kupferdächern.

Doch marode seien sie, heißt es, dieser Tage ist gar von Einsturzgefahr die Rede. Bei den Fraktionen des Senats ist schon seit Längerem der Gestaltungswille erwacht: Eine Tourist-Information könne man im Bestand unterbringen. Und die Bushaltestellen neu ordnen. Oder gleich alles ganz neu machen. Dabei dürfte die Kulturbehörde ein Wörtchen mitreden, denn die Pavillonbauten stehen unter Denkmalschutz. Gegenüber dem Hamburger Abendblatt begründete Enno Isermann, Sprecher der Kulturbehörde: „Die Glasarkaden […] gehören in Hamburgs Innenstadt zu den ersten Beispielen der postmodernen Stadtarchitektur.“ Darin seien sie vergleichbar mit dem Hanse-Viertel oder den Überdachungen auf dem östlichen Hauptbahnhofsvorplatz. (kb, 27.6.17)

Hamburg, Glasarkaden am Rathausmarkt (Bild: easy4444, CC BY SA 3.0)

Berlin, Gloria-Palast im Jahr 1985 (Foto: Willy Pragher, Bild: Deutsche Digitale Bibliothek, CC BY 3.0)

Berlin: Abriss-Genehmigung fürs Gloria

Und wieder einmal hat ein Investor erreicht, was er wollte: Berlins oberste Denkmalbehörde hat am 6. Juni erklärt, dem Abbruchantrag für den ehemaligen Gloria-Palast (1953) auf dem Kurfürstendamm zuzustimmen. Das Landesdenkmalamt hatte kein Einverständnis signalisiert, gemäß dem Berliner Denkmalschutzgesetz entscheidet in diesem Fall die Oberste Denkmalschutzbehörde den Dissens. Die Begründung kann man getrost unter „das Übliche“ verbuchen – in der Pressemitteilung heißt es: „Die Auswertung der Gutachten ergab, dass der Erhalt der denkmalbestimmenden Substanz durch die erforderliche Sanierung nicht möglich ist. Ohnehin ist durch in der Vergangenheit erfolgte Umbaumaßnahmen die Denkmalauthentizität bereits erheblich beeinträchtigt.“

Das ehemalige Kino, über das wir bereits berichtet haben, hatte im Sommer 2015 den Eigentümer gewechselt. Unter dem Namen „Gloria Galerie“ kauften die Firmen Centrum Holding (Düsseldorf) und RFR Holding (Frankfurt am Main) auch zwei Nachbargebäude: das postmoderne Wohn- und Geschäftshaus am Ku’damm 13/14 sowie den anschließenden 1899 errichteten Gründerzeitbau Ku’damm Nummer 15, der ebenfalls denkmalgeschützt ist und in die Neubauten einbezogen werden soll. Der PoMo-Bau – keiner der Schlechtesten seiner Zeit! – wird definitiv fallen, und nun also auch der Gloria-Palast. Angesichts der Ödnis, die statt ihrer entstehen soll, wiegt dieser Verlust umso schwerer. (db, 7.6.17)

Berlin, Gloria-Palast im Jahr 1985 (Foto: Willy Pragher, Bild: Deutsche Digitale Bibliothek, CC BY 3.0)

Kiel_Woolworth_2013_Copyright_Jan_Petersen

Postmoderne-Schwund in Kiel

Was haben Frankfurt am Main und Kiel seit wenigen Wochen gemeinsam? In beiden Städten wurden postmodernistische Kaufhäuser aus den 1990ern abgerissen. In der Hessen-Metropole fiel vor einigen Monaten die 1994 fertiggestellte Zeil-Galerie, im hohen Norden fällt gerade das Woolworth-Haus am Berliner Platz (1991/92) in Schutt und Asche. An Stelle des zeittypisch verspielten, wellenförmig geschwungenen Baus wird demnächst gehobene, wie üblich beige Investorenarchitektur treten. Woolworth hat sein Domizil Mitte 2015 geräumt; in den Neubau, den der Duisburger Projektentwickler Fokus Development errichten lässt, zieht die (nicht unumstrittene) Textilkette Primark ein.

Das Woolworth-Gebäude entstand nach Plänen des Büros Detlefsen + Figge, nachdem im April 1990 der Vorgängerbau einem Brand zum Opfer fiel. Der Abriss des Granitverkleideten Postmoderne-Kaufhauses nach nicht einmal 30 Jahren missfällt dem einstigen Planer ausgesprochen: Auf die Frage der Kieler Nachrichten, wie ihm angesichts des nun bevorstehenden Abrisses zumute ist, antwortete Norbert Figge knapp „Das tut richtig weh.“ Besonders schmerzlich sei nicht nur, dass ein intaktes Gebäude nach vergleichsweise kurzer Zeit aus dem Innenstadtbild verschwinde, sondern  vor allem der Umstand, dass nichts Besseres nachkomme. Dem ist nichts hinzuzufügen. (db, 13.5.17)

Woolworth Kiel 2013 (Bild: Jan Petersen)