Prager Straße

Und weg war die Pergola …

1972 war die Idylle noch intakt. Nun wurde die Pergola des denkmalgeschützten "Touristengarten" weggerissen (Bild: Richard Peter/ Deutsche Fotothek)
1972 war die Idylle noch intakt. Nun wurde die Pergola am denkmalgeschützten „Touristengarten“ weggerissen (Bild: Richard Peter/Deutsche Fotothek)

Kaum jemand hat’s bemerkt, doch es wurde Tabula Rasa gemacht: Im Frühjahr entfernten städtische Mitarbeiter die Beton-Pergola am sogenannten „Touristengarten“, der um 1970 fertiggestellten Parkanlage hinter dem heutigen Ibis-Hotel an der Prager Straße. Da man die Standsicherheit nicht mehr gewährleistet sah, wurde 2014 der Abbruch beschlossen. Immerhin blieb die Wand aus Betonformsteinen stehen. Der Touristengarten steht als eine der letzten nahezu original erhaltenen DDR-Anlagen unter Denkmalschutz, die entfernten Teile sollen ersetzt werden. Eigentlich …

Nun kommt das Problem – und das ist wie üblich das liebe Geld. Bis Ende 2016 wollte das Denkmalamt die Pergola wiedererrichtet sehen. Aber: „Im laufenden Doppelhaushalt sind keine entsprechenden Mittel durch den Stadtrat bestätigt worden“, erklärte das Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft laut DNN-Online auf Anfrage des Altstädter Ortsbeirates Marco Dziallas (Die Linke). Zu Abriss- und Wiederaufbaukosten äußerte sich die Stadt nicht. „Eine Kostenschätzung erfolgt im Rahmen des Planungsprozesses“, so das Grünflächenamt an Dziallas. Offenbar existiert noch gar keine Planung zur Zukunft der historischen Grünanlage (db, 24.6.15)

„Der Kurfürstendamm Dresdens“

Dresden, Prager Strasse Fußgängerzone (Foto: Ulrich Häßler, Bild: Bundesarchiv Bild-Nr. 183-P0521-0010)
Dresden, Prager Straße, 1975 (Foto: Ulrich Häßler, Bild: Bundesarchiv Bild-Nr. 183-P0521-0010)

Schon Mitte des 19. Jahrhunderts legten die Dresdener eine Verbindung zwischen der Altstadt und dem Böhmischen, dem heutigen Hauptbahnhof an. Um 1900 entwickelte sich die Prager Straße zu einer der wichtigsten Geschäftsadressen der Stadt, die 1945 tiefgreifend zerstört wurde. Ab 1965 baute man sie – frei von den städtebaulichen Zwängen der Vorkriegszeit – als breite Einkaufsmeile mit Geschäften, Hotels, Wohnungen, Kino und Warenhaus, Brunnenanlagen und architekturbezogener Kunst wieder auf.

Nach der Wiedervereinigung wurden die verbliebenen Brachflächen im Anschluss zur Ringstraße geschlossen und der Straßenraum durch natursteinverblendete Geschäftshäuser eingeengt. Den stärksten Eingriff brachten die folgenden Jahre: die großen Elbflut von 2002 und 2007 der Abbruch des DDR-Warenhauses zugunsten eines neuen Einkaufszentrums. Die Ausstellung „Der Kurfürstendamm Dresdens. Die Prager Straße in Fotografien von 1871 bis 2013“ ist noch bis zum 29. September 2014 in der Zentralbibliothek der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (Zellescher Weg 18) zu sehen. Am 10. September wird um 17 Uhr eine öffentliche kostenfreie Führung angeboten, ein Katalog liegt ebenfalls vor. (tw, 4.9.14)

FACHBEITRAG: Dresden, Prager Straße

von Tanja Scheffler (Heft 15/2)

Dresden, Prager Straße als „städtebaulicher Erlebnisweg“ ins historische Stadtzentrum nach ihrer Fertigstellung, 1979 (Bild: SLUB/Deutsche Fotothek, Foto: Uwe Görler)
Dresden, Prager Straße nach ihrer Fertigstellung, 1979 (Bild: SLUB Dresden/Deutsche Fotothek, Foto: Uwe Görler)

Die „Prager Straße“ gehörte zu den großen städtebaulichen Ensembles der späten Ulbricht-Ära. Ab 1965 wurde sie auf einer „Tabula Rasa“ als weiträumige Fußgängerzone im Stil der Nachkriegsmoderne völlig neu errichtet, nach der Wende jedoch massiv nachverdichtet und verändert. Dabei wurden hochrangige Solitärbauten abgerissen und die stadträumlichen Qualitäten des ostmodernen Ensembles durch ein neues Freiraumkonzept sowie die starke Überformung zahlreicher Gebäude zerstört. Diese Entwicklung ist nur im Zusammenspiel von drei Faktoren zu verstehen: der Verklärung der historischen Stadtstruktur, dem Wandel der städtebaulichen Leitbilder sowie der einmaligen Umbruchsituation nach der Wiedervereinigung Deutschlands.

 

Vor dem Krieg eine Korridorstraße

Dresden, die historische Prager Straße als Korridorstraße, Blick nach Süden zum Hauptbahnhof, 1938 (Bild: Landeshauptstadt Dresden, Stadtplanungsamt, Bildstelle)
Dresden, die historische Prager Straße als Korridorstraße, Blick nach Süden zum Hauptbahnhof, 1938 (Bild: Landeshauptstadt Dresden, Stadtplanungsamt, Bildstelle)

Die Prager Straße wurde erst ab 1851, nach der Errichtung des Vorläufers des heutigen Hauptbahnhofs, südlich der Dresdner Altstadt völlig neu angelegt. Damals beschloss die Stadtverwaltung klare gestalterische Regeln für die Neubauten. Die Grundstücksbesitzer setzten eine Breite von nur 25 Ellen (gut 14 Metern) durch. Lediglich an der Einmündung zum Ring weitete sich die Straße auf 17 Meter – Dimensionen, die sich schon Ende des 19. Jahrhunderts als zu gering erwiesen. Denn die Korridorstraße entwickelte sich in der Gründerzeit zu Dresdens wichtigster Hauptverkehrsachse und gleichzeitig auch zum Zentrum des lokalen Amüsier- und Geschäftslebens. Doch bereits im frühen 20. Jahrhundert setzten rasante Überformungen ein: Markante Eisenbetonskelettbauten wie das Kaufhaus Esders und das Residenzkaufhaus markierten das Achsenkreuz zum Ring.

Große Teile der Dresdner Innenstadt wurden im Februar 1945 jedoch durch anglo-amerikanische Luftangriffe stark zerstört. Bereits der erste „Aufbauplan“ stellte die Weichen für eine autogerechtere Stadt. Denn er sah statt der historischen Nord-Süd-Achse über die Augustusbrücke, Schloß- und Prager Straße eine – die Altstadt östlich umfahrende, völlig neue – Magistrale über die Carolabrücke zum Hauptbahnhof vor. Diese machte den Weg frei für eine grundlegend neue verkehrsberuhigte Konzeption der Prager Straße. Daher wurde das gesamte Areal ab 1946 großflächig enttrümmert. Der anvisierte „Aufbau“ kam jedoch nicht richtig voran. Daher blieb dieses mittlerweile zur Grassteppe mutierte, äußerst prominente Gebiet lange Zeit eine „Tabula rasa“.

 

Der neue „städtebauliche Erlebnisweg“

Der 1962 ausgelobte Ideenwettbewerb suchte dann nach einer völlig neuen Baustruktur, ganz ohne Fluchtlinienzwang und Parzellenstruktur. Diese sollte der Auftakt eines neuen „städtebaulichen Erlebnisweges“ sein: vom Hauptbahnhof durch spannende Blickachsen und mehrere sozialistische Ensembles (Prager Straße, Altmarkt) in die touristisch interessanten Bereiche der Altstadt und dann über die Elbe hinweg bis in die Neustadt (Straße der Befreiung). Umgesetzt wurde ab 1965 schließlich eine – konzeptionell an der Rotterdamer Lijnbaan angelehnte – 700 Meter lange und gut 60 Meter breite Fußgängermagistrale nach einem städtebaulichen Masterplan von Peter Sniegon, Kurt Röthig und Hans Konrad.

Dresden, Prager Straße mit Hotel-Hochhäusern, Pavillons und Pergolen, 1970 (Bild: Landeshauptstadt Dresden, Stadtplanungsamt, Bildstelle)
Dresden, Prager Straße mit Hotel-Hochhäusern, Pavillons und Pergolen, 1970 (Bild: Landeshauptstadt Dresden, Stadtplanungsamt, Bildstelle)

Ein Kranz aus Hochhäusern fasste den Bahnhofsvorplatz ein. Eine 240 Meter lange Wohnscheibe trennte die Fußgängerzone von der neuen Magistrale und gab dem Ensemble ein Rückgrat. Auf der gegenüberliegenden Seite markierte das großformatige Wandbild „Dresden grüßt seine Gäste“ am Restaurant Bastei den Beginn der Touristenroute. Durchgängige Pergolen vor den Ladenpavillons und Hotels gaben der Anlage eine klare Struktur.

Das Interhotel Newa, vor allem aber auch die – erst in den 1970er Jahren am nördlichen Ende der Prager Straße errichteten – Sonderbauten wie das „Rundkino“ genannte Filmtheater, das Restaurant „International“ und das Centrum-Warenhaus setzten entscheidende architektonische Akzente. Die präzise durchkomponierten Freiflächen mit mehreren – von Leonie Wirth entworfenen und vom Kunstschmied Karl Bergmann angefertigten – Brunnenanlagen in Champagnerkelch-, Fliegenpilz- und Pusteblumenform gaben der Prager Straße eine hohe Aufenthaltsqualität. Daher wurde sie auch von Anfang an sehr gut angenommen.

 

Das Prestigeprojekt gerät ins Stocken

Dresden, die Prager Straße als beliebter Treffpunkt, Blick nach Süden in Richtung Hauptbahnhof, 1982 (Bild: Bundesarchiv, Bild 183-1982-0413-007, Foto: Ulrich Häßler)
Dresden, Prager Straße als Treffpunkt, Blick nach Süden in Richtung Hauptbahnhof, 1982 (Bild: Bundesarchiv, Bild 183-1982-0413-007, Foto: U. Häßler)

Mit dem Beginn der Honecker-Ära gerieten jedoch Ulbrichts Prestigeprojekte ins Stocken. Der Wohnungsbau hatte Vorrang. Daher blieb die Prager Straße ein Torso. Das Centrum-Warenhaus wurde erst 1978 fertiggestellt. Ein weiterer, als nördlicher Abschluss des Ensembles vorgesehener Hochhauskomplex wurde nicht mehr umgesetzt. Stattdessen versuchte man diese Fläche ab 1987 mit Wohnbauten zu füllen. Trotz der vielen industriell hergestellten Bauteile gab es bei der Prager Straße – im Gegensatz zur Spätphase der DDR – noch sehr viele künstlerische Spiel- und Freiräume.

Die aus dem Typ P 27 entwickelte Wohnzeile atmete den Geist von Le Corbusiers Wohnmaschinen: Kleine verglaste Ladenpavillons schoben sich zwischen lange Betonstützen und vernetzten das Wohngebäude mit der – als eine große durchlaufende Stadtlandschaft konzipierten – Fußgängerzone. Die Dachterrasse diente als offener Gemeinschaftsbereich. Der Betonzylinder des Rundkinos stammte aus dem Industriebau. Seine präzise durchkomponierte Fassadengestaltung aus weiß emaillierten Stahlblechtafeln mit davor hängendem, filigranen Stahlstabwerk machten aus ihm ein architektonisches Kunstwerk. Der Gaststättenkomplex „International“ beeindruckte mit einem Faltdach und mehreren Themenrestaurants. Das „Silberwürfel“ genannte Centrum-Warenhaus besaß dank seiner kristallinen Alufassade den Charme der Space-Age-Ära.

 

Nachverdichtung nach der Wiedervereinigung

Die fehlende Urbanität des neuen Stadtzentrums wird in Dresden jedoch seit den 1970er Jahren lebhaft diskutiert. Als man die Neustädter Hauptstraße in Großtafelbauweise (1974-79, damals „Straße der Befreiung“) neu einrichtete, orientierte man sich daher bereits wieder an den überlieferten stadträumlichen Strukturen. Angesichts der vielen Brachen etablierten sich nach der deutschen Wiedervereinigung sofort verschiedene Konzepte, Teile der früheren Stadtstruktur zu rekonstruieren. Die Prager Straße sollte zu einer klaren Abfolge von Straßen und Plätzen umgestaltet werden: Dabei wollte man lediglich den mittleren Bereich als „Prager Platz“ erhalten und die angrenzenden Arealen zu neuen „Torsituationen“ rückbauen.

Dresden, Schrägluftbild der Prager Straße mit Umgebung, Fotoaufnahme 1991 (Bild: SLUB/Deutsche Fotothek, Foto: Siegfried Bregulla)
Dresden, Schrägluftbild der Prager Straße kurz nach der Wiedervereinigung, 1991 (Bild: SLUB Dresden/Deutsche Fotothek, Foto: Siegfried Bregulla)

Innerhalb weniger Jahre entstanden auf der Ostseite der Prager Straße in der historischen Straßenflucht das Karstadt-Warenhaus (1993-95, auf dem Areal des Residenzkaufhauses), das Florentinum (1996) und die Whörl-Plaza (1995-96). Diese legte sich an zwei Seiten um das Rundkino und riegelte es von der Fußgängerzone ab. Der UFA-Kristallpalast (1998) baute das Rundkino von der anderen Seite ein. Das neue Kaufhaus Esders (1996-98) schob sich – die historische Westseite der Prager Straße markierend – in die Blickachse zum Schloss.

Mehrere städtebauliche Wettbewerbe stellten die Weichen, weitere Großstrukturen vor dem Hauptbahnhof zu platzieren und die zwischen den Hotels gelegenen Touristengärten zuzubauen. Spätestens seitdem Whörl und Florentinum eröffnet worden sind, war jedoch klar: Die im neuen Planungsleitbild vorgesehenen schmalen Gassen werden sich nicht mit Leben füllen. Denn die Investoren bevorzugen introvertierte Verkaufsgebäude und ordnen an diesen Gassen nur lange Schaufensterfronten oder geschlossene Wandscheiben an, aber keine Eingänge oder kleinteilige Läden.

 

Nach dem „Jahrhunderthochwasser“

Erst ab dem Spätsommer 2002 wurde die Ostmoderne vor Ort schrittweise neu bewertet. Denn das „Jahrhunderthochwasser“ setzte auch die Prager Straße unter Wasser: Besonders stark betroffen war dabei der direkt an den Bahnhof angrenzende, niedriger gelegene Bereich mit den Hotels und Ladenpavillons. Künstler und andere Kreative nutzten danach die leerstehenden oder aber als Abrisskandidaten gehandelten Gebäude. Die Klasse Baukunst der Sächsischen Akademie der Künste initiierte 2003 eine hochrangig besetzte Tagung zur Zukunft der Nachkriegsmoderne in Dresden. Anschließend wurde das Rundkino unter Denkmalschutz gestellt, außerdem bildeten sich mehrere Initiativen zum Erhalt von Rundkino, Kulturpalast und Centrum-Warenhaus.

Dresden, Prager Straße, Brunnenanlage mit Pusteblumen und Pilzen von Leonie Wirth, 2004 (Foto: Andreas Muhs)
Dresden, Prager Straße, nach der „Jahrhundertflut“ nicht wieder instandgesetzte Brunnenanlage mit Pusteblumen und Pilzen von Leonie Wirth, 2004 (Foto: Andreas Muhs)

Trotzdem setzte man die funktionsunfähig gewordenen Brunnenanlagen nicht wieder instand. Stattdessen wurden die Freiflächen 2004 – anhand einer bereits seit Jahren vorliegenden Stadtbild-Gestaltungskonzeption von Siegbert Langner von Hatzfeld – mit Mitteln der Hochwasserschadensbeseitigung zu einer baumgefassten Flaniermeile umgestaltet. Die zum Verweilen einladenden Hochbeete und Wasserbecken mussten einer von Platanenreihen und Stablampen flankierten Wasserschneise weichen.

Auch die verbindenden Pergolen wurden abgerissen und durch neue „Arkaden und Kolonaden“ ersetzt. Mit der weiteren Flutschadenbeseitigung gestaltete man auch die meisten Ladenpavillons und das Restaurant Bastei völlig um oder ersetzte sie durch größere Neubauten. Schrittweise wurde der südliche Bereich der Prager Straße auf die historische Breite zurückgebaut und nachverdichtet. Dabei verschwand das Wandbild „Dresden grüßt seine Gäste“ in einer Hinterhofsituation. Centrum-Warenhaus und Restaurant „International“ wurden schließlich 2007 trotz massiver Proteste zugunsten der Centrum-Galerie (2009) abgerissen.

 

Eine Rückbesinnung

Wenige Wochen nach dem Hochwasser – als die Verkaufspavillons der Prager Straße gerade in den Wassermassen untergegangen waren – eröffnete mit der Altmarkt-Galerie (ECE – 2002) bereits die erste große Shopping-Mall im Dresdner Stadtzentrum. Sie konnte sich sofort als Kaufkraftmagnet etablieren und lenkt seitdem die Kundenströme gezielt in Richtung Altstadt um.

Dresden, Prager Straße nach der Freiflächenumgestaltung, 2013 (Bild: SLUB/Deutsche Fotothek, Foto: André Rous)
Dresden, Prager Straße nach der Freiflächenumgestaltung, 2013 (Bild: SLUB Dresden/Deutsche Fotothek, Foto: André Rous)

Daher ist es eine Ironie der Geschichte, dass die riesige Centrum-Galerie – für die das markante, deutlich kleinere Centrum-Warenhaus („Silberwürfel“) weichen musste – mit schwachen Besucherzahlen und gigantischen Leerständen kämpft. Sofort empfahl die Lokalpresse, mehr Kunden durch gemütliche Sitzecken und Wasserbecken anzulocken: Aufenthaltsqualitäten, die die Prager Straße bis zu ihrer grundlegenden Umgestaltung jahrzehntelang im Freien angeboten hat und die die entscheidenden Akteure – bei ihrer intensiven Suche nach dem „alte Dresden“ – in den ersten bilderstürmerischen Jahren nach der Wende schlichtweg übersehen haben.

Mittlerweile ist jedoch klar, dass die Brunnenanlagen, das Centrum-Warenhaus und das Rundkino nicht nur charakteristisch für die Ostmoderne waren: Sie sind auch bis heute im kollektiven Gedächtnis – als Symbol für das damalige Alltagsleben – positiv besetzt. Die Pusteblumen waren nicht nur ein beliebtes Foto- und Briefmarkenmotiv. Sie stehen bis heute stellvertretend für das, was die Prager Straße zum Gesamtkunstwerk machte. Trotzdem wurden diese sprudelnden Wasserspiele radikal umgestaltet und abgeräumt: lediglich drei einzelne – völlig aus ihrem künstlerischen Zusammenhang gerissene – Pusteblumen wurden in den neuen Becken aufgestellt. Auch die Alu-Waben der Centrum-Galerie sind neue, der Fassade des Vorgänger-Baus lediglich nachempfundene Applikationen.

 

Zeugnis des Zeitgeistes

Dresden, Blick vom Hauptbahnhof über den Wiener Platz in die Prager Straße, 2009 (Foto: Norbert Kaiser)
Dresden, Blick vom Hauptbahnhof in die Prager Straße, 2009 (Foto: Norbert Kaiser)

Die Prager Straße wurde seit der Gründerzeit immer wieder kompromisslos überformt. Man passte sie dabei geradezu mustergültig an den jeweiligen architektonischen Zeitgeist sowie die verschiedenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen an. Nach der Wende sollte eigentlich zumindest der „Prager Platz“ weitestgehend authentisch erhalten bleiben. Trotzdem entwickelte er sich vo einem spannungsreich gestalteten Aufenthaltsraum zur scheinbar willkürlich strukturierten Verkehrsfläche: fußläufig erschlossen, ausgerichtet auf die Verkaufseinrichtungen, teilweise jeglichem menschlichen Maßstab entrückt. Ein Zeugnis des Zeitgeistes der Jahrtausendwende. Nur leider hat das Ensemble dadurch seinen früheren Charme völlig eingebüßt.

 

Rundgang

Begleiten Sie Tanja Scheffler durch die alte und die neue Prager Straße.