Russland

Ausstellung "Zentrifugale Tendenzen" (Bild: Tchouban Foundation, Berlin)

Tallinn – Moskau – Nowosibirsk

Die Ausstellung „Zentrifugale Tendenzen. Tallinn – Moskau – Nowosibirsk“ ist die Fortsetzung der Reihe visionärer und gesellschaftskritischer Architektur im Berliner Museum für Architekturzeichnung (Tchoban Foundation). Nach den Ausstellungen der Werke von Lebbeus Woods, Peter Cook und der Sammlung von Alvin Boyarsky wird die sogenannte Papierarchitektur aus der ehemaligen Sowjetunion vorgestellt. Der Begriff Papierarchitektur wurde in den 1980ern durch den Architekten, Kurator und einen der Protagonisten dieser Bewegung, Juri Awwakumow, geprägt. Er wird für nicht realisierte, lediglich für die Schublade geplante, Bauvorhaben benutzt.

Dies wird dem Phänomen jedoch nicht gerecht. Denn mit Papierarchitektur ist vor allem eine in den 1980er Jahren in der Sowjetunion geborene Architekturbewegung gemeint, die als Protest gegen die Routine der staatlichen Planungsbüros entstanden ist. Die Ausstellung präsentiert etwa fünfzig Zeichnungen, die sich in drei Gruppen untergliedern lassen: die Tallinner Schule, die Papierarchitektur aus Moskau und die aus Nowosibirsk. Zu sehen sind Werke namhafter Künstler, darunter Leonhard Lapin, Juri Awwakumow, Alexander Brodsky und weitere Architekten. Zu der Ausstellung ist ein Katalog erschienen. Die Präsentation ist noch bis zum 18. Februar 2018 zu sehen. (kb, 17.11.17)

Ausstellung „Zentrifugale Tendenzen“ (Bild: Tchoban Foundation, Berlin)

Den Schleier von unseren Augen reißen

In seltenen Fällen brauchen wir von moderneREGIONAL ein wenig länger. Aber wenn ein Buch eine Erwähnung verdient, dann lassen wir uns auch nicht davon abhalten, dass es anlässlich einer Ausstellung entstand, die vor zwei Jahren in Rüsselsheim, Bochum und Cottbus zu sehen war. Denn es sind zauberhafte, im besten Sinne revolutionäre Fotografien, die hier gezeigt werden. Genauer gesagt geht es um „eine Bilderreise zum Neuen Sehen in der Fotografie der russischen Avantgarde“.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte die russische Avantgarde – inspiriert von westeuropäischen Kunst­strömungen – eine ganz eigene, revolutionär unge­genständliche Darstellungsweise. Der Katalog „Wir müsen uns den Schleier von den Augen reißen“ veran­schaulicht, wie diese Impulse auch das Medium der Fotografie durch­drangen. Zur Geltung kommen u. a. der Maler und spätere Fotomontage-Künstler Alexander Rodtschenko, die Fotografen El Lissitz­ky oder Georgi Selma. Ihre Arbeiten werden den zeitgleichen Papierarbeiten und Zeichnungen etwa von Kasimir Malewitsch gegenübergestellt. (kb, 25.9.17)

„Wir müssen den Schleier von unseren Augen reißen“ (Buchcover-Detail: Hatje Cantz Verlag)

Scharouns Erstling unter Schutz

Scharoun: Bunte Reihe (Bild: Dimitri Suchin)
Endlich unter Schutz: Scharouns „Bunte Reihe“ (Bild: Dimitri Suchin)

2014 berichteten wir über das akut bedrohte Erstlingswerk des Architekten Hans Scharoun. Die sogenannte „Bunte Reihe“ in Kamswyken bei Insterburg stand seinerzeit auf der Liste der sieben meistgefährdeten Denkmäler Europas. Nun scheint sich das Blatt zum Guten zu wenden: Im Februar erklärte das russische Kulturministerium das Bauensemble per Dekret zum Denkmal auf Föderationsebene – die höchste Denkmalklassierung des Landes.

Der junge Scharoun gestaltete die „Bunte Reihe“ Anfang der 1920er Jahre. Insterburg lag im damaligen Ostpreußen, heute trägt die Ortschaft den Namen Černjachovsk und ist Teil der russischen Exklave Kaliningrad. Seinen Namen erhielt das Bauensemble wegen der vielseitigen Farbmuster, die Scharoun der Gestaltung die einzelnen Häuser zu Grunde legte. Er befand sich damit in bester Gesellschaft der Architekten des Neuen Bauens, die Farbigkeit in Zeiten selbst auferlegter Ornamentlosigkeit als wesentliches architektonisches Gestaltungselement erkannten, allen voran Bruno Taut. (jr, 9.3.17)

Hidden Urbanism

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Hidden Urbanism (Bild: dom-publishers)

Die Moskauer Metro steht vor einer historischen Expansion. Bis 2017 soll das Streckennetz um 80 Kilometer erweitert werden – das ist rund ein Viertel des derzeitigen Gesamtnetzes. Grund genug, einen ausführlichen Blick auf die U-Bahn zu werfen, die 1930 mit dem Anspruch erbaut wurde, weltweit die schönste ihrer Art zu werden. Die Publikation Hidden Urbanism tut dies und porträtiert den Untergrund von Russlands Hauptstadt in beeindruckenden Fotografien und vertiefenden Aufsätzen.

Die prunkvollen stalinbarocken Stationen der 1930er sind inzwischen wohl hinlänglich bekannt. Der Band belässt es daher nicht bei einem Porträt dieser unterirdischen Paläste, sondern setzt die Fahrt in die publizistisch weit weniger ausgeleuchteten Tunnel der Metro fort. So entsteht eine umfangreiche Dokumentation, die bis in die Gegenwart reicht und den stetigen Ausbau der Metro auch als Instrument der Stadtentwicklung versteht. Das Buch beschränkt sich dabei nicht nur auf architektonische Aspekte, sondern bezieht auch Design und Corporate Identity ein. (jr, 30.9.16)

Kuznetso, Sergey/Zmeul, Alexander/Kagarov, Erken, Hidden Urbanism. Architecture and Design of the Moscow Metro 1935 – 2015, hg. von Philipp Meuser und Anna Martovitskaya, 352 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-86922-412-1 (Englisch), 978-3-86922-413-8 (Russisch) DOM publishers, Berlin 2016.

Zweimal russische Lichtbilder

Frank Herfort, Time In Between - Fairy Tale Of Russia (BIld: behance.net)
Frank Herfort, Time in between – Fairy Tale of Russia (Bild: behance.net)

Unsere westlichen Bilder von Russland sind pastellfarben und voller Seele. Für den Fotografen Frank Herfort liegt der Reiz solcher Motive gerade in ihrer Widersprüchlichkeit. Für sein Projekt „Time in between – Fary Tale of Russia“ suchte er Räume, in denen das alte und das neue Russland einander begegnen: die Freizeitsucher vor der kargen Industriesilhouette, die Heimatlosen vor den Glaspalästen, die Modischen vor den bröckelnden Fassaden.

Wie sich dasselbe Land vor 100 Jahren präsentierte, zeigt eine Fotosammlung der anderen Art. Lichtbilder aus dem Russland vor dem ersten Weltkrieg, aus den Jahren 1905 bis 1915, hat die Sergei Mikhailovich Prokudin-Gorskii Collection bewahrt. Viele der insgesamt 2.607 Aufnahmen, die soziale, volkskundliche und historisch-architektonische Motive zeigen, wurden in einer frühen Farbfotografietechnik erstellt. Der Nachlass des Forschers und Fotografen Prokudin-Gorskii (1863-1944) wurde von seinem Sohn 1948 an die The Library of Congress übergeben und kann hier dankenswerterweise online eingesehen werden. Und wer Interesse an mehr Tipps zum Thema hat, kann sich auf dem Blog „Design you trust“ weiterklicken … (kb, 30.4.16)

Slawische Metropolen im Kino

Geschichte der Wände", CSSR 1980 (Bild: Filmmuseum München)
In „Geschichte der Wände“ steht Prag im Mittelpunkt (Bild: Filmmuseum München)

Im Münchner Filmmuseum stehen in den nächsten Wochen osteuropäische Metropolen im Fokus. Vom 12. April bis 21. Juni 2016 veranstaltet das Museum die Filmreihe „Slawische Metropolen“. Immer Dienstags zeigt das Kino des Hauses Spiel- und Dokumentarfilme, die sich um Städte im östlichen Europa und der ehemaligen Sowjetunion drehen. Der regionale Fokus liegt dabei auf Ländern mit überwiegend slawischsprachiger Bevölkerung, weswegen die Metropolen Budapest und Bukarest nicht vertreten sind.

Davon abgesehen finden diverse Ost-Metropolen Berücksichtigung. Am 19. April ist Warschau in „Niewinni czarodzieje“ (Die unschuldigen Zauberer) Schauplatz einer unkonventionellen Liebesgeschichte, am 26. April liegt der Fokus mit „Edin den v Sofija“ (Ein Tag in Sofia) und „Bjalata staja“ (Das weiße Zimmer) auf der bulgarischen Hauptstadt der Nachkriegszeit. In den folgenden Wochen stehen unter anderem die Städte Sarajevo, Lubljana und Minsk auf dem Programm. Den Abschluss bilden die Städte Moskau und Kiew. Letztgenannter Metropole ist der aktuellste Film gewidmet: „Maidan“ entstand 2014 und widmet sich den jüngsten revolutionären Ereignissen in der Stadt. Alle Filme werden in Originalfassung mit englischen oder deutschen Untertiteln gezeigt. (jr, 28.4.16)

Bauten für die Wartegemeinschaft

Soviet Bus Stops (Bild: C. Herbig)
Christopher Herbig fotografierte sowjetische Alltagsarchitektur (Bild: C. Herbig)

„Nur wartende Menschen/und nirgendwo ein Bus“, so besangen einst die Toten Hosen die festgefahrene Gesellschaft im Kuba Fidel Castros. Im „Bruderstaat“ UdSSR konnten sich die Wartenden zumindest an ungewöhnlicher Architektur freuen: die sowjetischen Bushaltestellen präsentierten sich nicht standardisiert, sondern bestachen durch Lokalkolorit und teilweise expressive Bauformen. Man könnte fast glauben, hier wollte jemand der spöttisch beschworenen „sozialistischen Wartegemeinschaft“ ein Denkmal setzen.

Der Fotograf Christopher Herwig hat diesem bislang kaum beachteten Stück Architekturgeschichte nun einen eigenen Bildband gewidmet. Für das Projekt legte er eine Strecke von über 30 000 km zurück und bereiste 13 Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: die porträtierten Bushaltestellen präsentieren sich mal als Miniaturmoschee in der kasachischen Steppe, mal als konstruktivistische Betonskulptur. Andernorts trifft man aufs überladene Schmuckkästchen voll sozialistisch-realistischem Kitsch oder auch einen überdimensionierten Mongolenhelm. Wer noch ein Exemplar ergattern möchte, sollte sich beeilen: der durch crowdfunding finanzierte Bildband wurde in einer streng limitierten Auflage von 1500 Exemplaren gedruckt, Restexemplare gibt es nur noch auf Nachfrage! (jr, 19.10.14)

Herwig, Christopher, Soviet Bus Stops. Limited edition photo book by Christopher Herwig, 2014, 128 Seiten, 28,5 x 21,5 cm.

LEITARTIKEL: Gedächtnis der Städte

von Monica Rüthers (16/2)

Moskau, Ausstellungsgebäude Garage (Bild: Vladimir Jarockij)
Das Café „Jahreszeiten“ wurde von Rem Koolhaas 2008 zum Museum für Gegenwartskunst  umgestaltet. Die Leiterin Darija Žukova ist auch Ehefrau von Roman Abramovič (Bild: V. Jarockij)

Nach Machtwechseln versuchen die neuen Herrscher jeweils, Raum und Zeit symbolisch neu zu besetzen: durch andere Gedenk- und Feiertage, durch den Sturz und die Errichtung von Denkmälern, durch die Umbenennung von Straßen, Plätzen und Einrichtungen, durch die Planung von repräsentativen Gebäuden, Ensembles und ganzen Städten. Gerade Moskau ist ein Beispiel dafür, wie wechselnde Leitbilder als Risse im Gewebe der Stadt sichtbar bleiben. Die zerklüftete Stadtlandschaft lässt sich als soziales Gedächtnis deuten, wenn man sie zu lesen vermag. Zugleich widerspricht sie der Vorstellung von einer „schönen“ Stadt. Angesichts der Besonderheiten der „sozialistischen Stadt“ stellt sich die Frage, wie Ikonen der Architekturgeschichte, größere Ensembles und einzelne Stadien der Stadtentwicklung zu gewichten sind. Sie stehen neben älteren „historischen“ Baudenkmälern, die bereits zu Sowjetzeiten geschützt und erhalten wurden.

 

Machtwechsel

Krim, Ferienlager, Artek, 1985 (Bild: RIA Novosti archive image #171678, Vladimir Fedorenko, CC BY SA 3.0)
Auf der Krim wird das Ferienlager Artek, hier im Jahr 1985, aktuell entrümpelt, restauriert, aber auch erweitert und verändert (Bild: RIA Novosti archive, image #171678, Vladimir Fedorenko, CC BY SA 3.0)

Bei der „Wahrung des historischen Erbes“ prallen – auch und gerade in Moskau – viele Akteure, gewachsene Institutionen, Kompetenzen und Traditionen mit unterschiedlichen individuellen und öffentlichen, ideellen und finanziellen Interessen aufeinander. Aus der sowjetischen Tradition heraus identifiziert Efim Freidine zwei Haltungen, die auch die russischen Debatten prägen: die Bewahrung historischer Bauten und Ensembles als dynamische Prozesse, die sich mit ihren Kontexten verändern einerseits und die Restauration historischer Objekte in einen bestimmten „ursprünglichen“ Zustand andererseits. Allerdings bestimmten seit den 1990er Jahren in Moskau weniger denkmalpflegerische Konzepte als vielmehr die Immobilienpreise und die Korruption über das Schicksal historischer Substanz. In letzter Zeit spielt die Politik wiederum die entscheidende Rolle.

Aktuelle Identitätsbedürfnisse zeigen sich an den Baudenkmälern, die saniert werden: der Gor’ki Park und die VDNCh („vystavka dostiženii narodnogo chozjajstva SSSR“, Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft der UdSSR) in Moskau sowie neuerdings das berühmte Ferienlager Artek auf der Krim. Diese Areale sind klassische stalinistische Heterotopien, perfekte Orte, an denen bereits in der sowjetischen Gegenwart die lichte Zukunft genossen werden konnte. Heute erinnern sie an vergangene Macht und Größe in Verbindung mit Freizeit und Vergnügen. Die Anlagen werden unter der Fahne des Denkmalschutzes derzeit feinsäuberlich aktualisiert, entrümpelt, restauriert, aber auch um angrenzende Areale erweitert und verändert.

 

Neue Räume für neue Menschen

Nach der Oktoberrevolution sollte die Sowjetunion ins Industriezeitalter katapultiert werden. Die Utopie des Neuen Menschen und der Neuen Gesellschaft entsprach den Projekten der Neuen Stadt. Die Kreativen aller Länder vereinigten sich um die Hot Spots der Modernisierung wie die Motten um das Licht. Doch Planung war das eine, Umsetzung das andere. Der Schwerpunkt lag auf der Industrialisierung und den dafür nötigen Infrastrukturen, nicht auf dem Städtebau. So blieb die erste Phase von Signalbauten geprägt, die oft neue Funktionen verkörperten, wie Arbeiterclubs und Kommunehäuser. Die vereinzelten modernistischen Projekte blieben eine Randerscheinung. Die wenigen Kommunehäuser waren noch im Bau, als sich der politische Wechsel zum Stalinismus bereits vollzog.

Es gab zwar eine Kampagne gegen den so genannten Formalismus und eine Ächtung mancher KünstlerInnen und ihrer Werke, aber keinen Bildersturm gegen die konstruktivistischen Bauten. Das hätte man sich angesichts der Not gar nicht leisten können. Die Propaganda konzentrierte sich auf repräsentative neoklassizistische Bauten und Infrastruktur. Die konstruktivistischen Gebäude wurden weiterhin (um-)genutzt und weitergebaut.

 

Großprojekte der Stalinzeit

Moskau, Metrostation Majakovskaja (Bild: Andrey Kryuchenko, CC BY SA 3.0)
Die prunkvolle Moskauer Metro, hier die 1938 eingeweihte Station Majakovskaja, zählte zu den Vorzeigeprojekten der jungen Sowjetunion (Bild: Andrey Kryuchenko, CC BY SA 3.0)

Repräsentative Großprojekte prägten die 1930er Jahre: Ausstellungen, Stadtneu- oder Umbauten, die Metro, Regierungsgebäude, Ferienlager und Sanatorien. Diese teuren Prestigeobjekte wurden intensiv beworben und wirkten identitätsstiftend. Nach Stalins Tod 1953 wendete sich das Blatt. Schon 1954 verkündete Nikita Chruščëv beim Architektenkongress, dass nun einfach, günstig und schnell gebaut werden sollte. Neubauviertel prägten zunehmend das Bild sowjetischer Städte. Die Erneuerung des Sozialismus nach Stalin besann sich auf die Werte der Oktoberrevolution und rehabilitierte die Avantgarde der 1920er Jahre.

Doch die Bauten der Stalinzeit waren so monumental präsent und so sehr mit den Attributen des Guten, Schönen und Wahren belegt, dass auch der durch die Geheimrede 1956 eingeleitete Bildersturm nur Stalin und seine engsten Mitstreiter betraf. Die Prestigeobjekte wirkten zwar im Original, viel wichtiger war aber, wie man sie im Bild, auf Postkarten, Briefmarken, in Filmen und in der Presse verbreitete. Unliebsam gewordene Gebäude wurden aus dieser Öffentlichkeit so weit wie möglich ausgeblendet, sie verschwanden von Briefmarken und Postkarten.

 

Nach dem Ende

Die 1990er Jahre waren ein einziger Siegestaumel des spätkapitalistischen Triumphs über den Kommunismus, auf den die marktwirtschaftliche Unordnung folgte. Die Oktoberrevolution hatte die Privatparzelle abgeschafft und damit der Stadtplanung einmalige, wenn auch durch knappe Ressourcen eingeschränkte Möglichkeiten eröffnet. Nun schuf die Privatisierung nicht des Bodens, aber der Wohnungen und Betriebe ganz neue Verhältnisse. In Provinzstädten fiel diese Entwicklung zusammen mit Sanierungsbedarf, Kapitalmangel und nachholender Deindustrialisierung.

In Moskau hingegen, nach wie vor als repräsentative Hauptstadt abgekoppelt vom Hinterland, explodierten seit Mitte der 1990er Jahre die Immobilienpreise. Neue Formen der Kriminalität wie die berüchtigten „Wohnungsmorde“ griffen um sich. Jeder Immobilienboom gefährdet die Bausubstanz – und in Moskau war Nina Baturina, die Frau des Bürgermeisters Jurij Lužkov, die größte Immobilien- und Bauunternehmerin. Die ausufernde Korruption schreckte jedoch zunehmend Investoren ab, weil die Renditen darunter litten.

 

„Retromania“

Byelyaevo forever!
„Byelyaevo forever!“ – ein Buchtitel wurde zum Innbegriff einer neuen – auch denkmalpflegerischen – Wertschätzung für die sozialistische Moderne gefeiert

In Fachkreisen, an Hochschulen und auf Konferenzen herrscht in den letzten Jahren „retromania“ (Simon Reynolds): Die sozialistische Moderne der 1960er bis 1980er Jahre ist beliebt. ArchitektInnen, KünstlerInnen und Studierende sind fasziniert vom Transzendentalen, das diese Bauten ausstrahlen, vom Raster und seinen Variationen, von der Kompromisslosigkeit der „Platte“ und von außergewöhnlichen Architekturen der sozialistischen Hochmoderne. Die Platte ist hip, und wer sie zu schätzen weiß, verrät wahre Kennerschaft. Aber der Funke scheint nicht auf breitere Öffentlichkeiten überzuspringen. Die Bauten sind häufig in schlechtem Zustand, wirken schmuddelig und sind dabei nicht „alt“ genug, um vom Denkmalschutz wahrgenommen zu werden. Hier sind es tatsächlich die immateriellen Qualitäten, die Bedeutungen und Zuschreibungen, die über das Schicksal der Bausubstanz entscheiden. Es geht nur darum, wer die Deutungsmacht besitzt.

 

Literatur

Kulić, Vladimir/Mrdulaš, Maroje/Thaler, Wolfgang (Hg.), Modernism In-Between: The Mediatory Architectures of Socialist Yugoslavia, Berlin 2012.

Chaubin, Frédéric, Cosmic Communist Constructions Photographed, Köln 2011.

Bezjak, Roman, Sozialistische Moderne – Archäologie einer Zeit, hg. von Inka Schube, Hannover 2011.

Ryklin, Michail, Räume des Jubels. Totalitarismus und Differenz, Frankfurt am Main 2003.

Foucault, Michel, Andere Räume, in: Stadt-Räume, hg. von Martin Wentz, Frankfurt am Main u. a. 1991, S. 65–72.

PORTRÄT: Papierarchitekten

von Kirsten Angermann (16/2)

In den 1980er und 1990er Jahren schufen die selbsternannten russischen „Papierarchitekten“ Entwürfe, die nie zur Verwirklichung gedacht waren. Als Gegenentwürfe ihrer Zeit lassen sie sich als Teil der Postmoderne lesen. Denn der ArchitektInnenberuf war in der Sowjetunion unattraktiv geworden: Bürokratie und erstarrte Strukturen, die erzwungene Technisierung und Ökonomisierung des Bauens hatten die kreativen Freiräume erstickt. Die Zahl der ArchitekturstudentInnen sank, und nicht wenige nutzten diese Zeit als künstlerische Ausbildung, ohne jemals als ArchitektIn tätig zu werden. Aus Kritik und Freiheitssuche begannen einige von ihnen, insbesondere am Moskauer Architekturinstitut MARCHI, visionäre Entwürfe bei Wettbewerben im „kapitalistischen Ausland“ vorzulegen.

 

In Japan aufs Cover

Cover von Japan Architect Nr. 289, Februar 1982 mit dem 1. Preis von Belov und Kharitonov
Der Entwurf von Michail Belov und Maxim Charitonov erschien im Februar 1982 auf dem Cover von „Japan Architect“

Die Entwürfe der sowjetischen StudentInnen wurden – nicht selten von Vermittlern im Handgepäck ausgeschleust – bei internationalen Ausschreibungen eingereicht, darunter Wettbewerbe von Architekturzeitschriften wie „Architectural Design“ und „Japan Architect“ oder von internationalen Organisationen wie der UNESCO oder der UIA. 1981 erhielt ein Entwurf von Michail Belov und Maxim Charitonov den ersten Preis beim Shinkenchiku Residential Design Wettbewerb von „Japan Architect“ und erschien 1982 sogar auf dessen Cover.

In der Tradition der sowjetischen Avantgarde der 1920er, inspiriert durch Entwürfe der Gruppe NER (dem sowjetischen Archigram der 1960er Jahre) und angereichert mit Bildern aus westlichen Architekturzeitschriften, schufen die ArchitektInnen Visionen auf Papier. Die jährlichen Wettbewerbsausschreibungen von „Japan Architect“ waren ideal, ließen sie doch genau diese Auseinandersetzung mit dem Bauen ausdrücklich zu. Zwischen 1981 und 1988 erzielten die Papierarchitekten, wie sie sich selbst nach einer gleichnamigen Moskauer Ausstellung 1984 nannten, vier erste und sechs zweite Preise sowie viele weitere lobende Erwähnungen. In manchen Jahren kamen über 120 von insgesamt rund 450 Einsendungen aus der Sowjetunion. In der Folge waren auch Beiträge aus weiteren osteuropäischen Staaten unter den ausgezeichneten Arbeiten.

 

Ungebaute Bauten

Y. Avakumov/I. Pischukevich/Y. Zirulnikov, Matryoshka House, 1984 (Bild: utopia.ru)
Y. Avakumov/I. Pischukevich/Y. Zirulnikov, Matryoshka House, 1984 (Bild: utopia.ru)

Zu den Papierarchitekten zählten vorrangig AbsolventInnen des Moskauer Architekturinstituts, die ihr Studium zu Beginn der 1980er Jahre abgeschlossen hatten. Führende Köpfe der informellen Gruppe von etwa 50 Aktiven waren Michail Belov, Alexander Brodskij, Ilja Utkin, Michail Flippov, Nadja Bronzova oder Jurij Avvakumov, um nur einige zu nennen. Ihre Zeichnungen, Konzeptstudien und Modelle zeigten visionäre Stadtentwürfe, surreale Innenräume und abstrakte Kompositionen. In gewisser Weise verweigerten sie sich damit dem tatsächlichen Bauen und übten Kritik an der damaligen Planungspraxis in der Sowjetunion. Dabei bedienten sich die ausgebildeten ArchitektInnen verschiedener Techniken von Radierung und Zeichnung bis hin zu Ölfarben, Aquarell und Collage.

Die Verarbeitung historischer Bauformen und ihre ironischen Verfremdungen verwiesen auf postmoderne Vorbilder wie die Zeichnungen der Gebrüder Krier. Zugleich blieben die Rückbezüge auf die eigenen Traditionen der russischen Avantgarde sichtbar. Verglichen mit den Wettbewerbsbeiträgen von „Japan Architect“ aus anderen, großteils westlichen Ländern, war die konzeptionelle und künstlerische Herangehensweise keine Besonderheit der Papierarchitekten. Deren Bedeutung und Wahrnehmung resultierte vorrangig aus der besonderen Situation, mit ihren Arbeiten im Heimatland zu provozieren und auf das Papier verbannt zu sein.

Die Wettbewerbserfolge der Papierarchitekten strahlten weit über die Grenzen der Sowjetunion hinaus. Dieser Aufmerksamkeit ist wohl zu verdanken, dass sie ihre Arbeit, anfangs kritisch beäugt und teils aus Ausstellungen verbannt, ohne Repressionen fortsetzen konnten. Auf die erste Präsentation 1984 in den Räumen der Moskauer Jugendzeitschrift „Junost'“ folgten bis in die frühen 1990er Jahre international viele weitere. Die 1992 am Architekturinstitut in Moskau gezeigte Ausstellung „Papierarchitektur. Alma Mater“ markiert den Abschluss dieser Entwicklung und kann (fast) schon als Retrospektive gewertet werden.

 

Vom Kapitalismus eingeholt

A. Brodsky/I. Utkin, Crystal Palace, 1982 (Bild: utopia.ru)
A. Brodsky/I. Utkin, Crystal Palace, 1982 (Bild: utopia.ru)

Aus westlicher Perspektive, für die sich die Postmoderne bereits in Historismen totgelaufen hatte, erschien die Papierarchitektur, kaum war sie aufgetaucht, beinahe schon überholt. Dabei erklärten sich die KünstlerInnen selbst nicht zu sowjetischen WegbereiterInnen der Postmoderne oder gar von Glasnost und Perestroika. Sie nannten sich, so Belov, „Kinder der Stagnation“ der Brežnev-Ära. Aus heutiger Sicht teilten sie die damals in Ost wie West gleichermaßen vernehmbare Modernekritik, nur taten sie es aus der Rolle der DissidentInnen. Mit ihren konzeptionellen Arbeiten avancierten sie jedoch zumindest zum Begleiter der Erneuerung. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatte auch die Architekturfantasie ihre kritische Bedeutung verloren. Einige ProtagonistInnen wie Alexander Brodskij blieben ihrer Arbeit zwischen Architektur und Kunst treu. Sie mussten sich jedoch in einem kapitalistischen Architekturbetrieb zurechtfinden, den sie zuvor zeichnend heraufbeschworen hatten.

 

Literatur

Sokolina, Anna, In Opposition to the State. The Soviet Neoavant-Garde and East German Aestheticism in the 1980s, in: ArtMargins, 21. Mai 2002. 

Cook, Catherine/Hatton, Brian (Hg.), Nostalgia of Culture. Contemporary Soviet Visionary Architecture, London 1988.

Klotz, Heinrich (Hg.), Papierarchitektur. Neue Projekte aus der Sowjetunion. 4. März 1989 – 14. Mai 1989, Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main, Stuttgart/München 1988.

Japan Architect, Hefte 1981 bis 1990.

Die russische Seele beim Essen (Bild: Time Life)

Kochen wie einst im Osten

Vergessen Sie mal kurz Kalorientabellen, Political Correctness, Low-Carb-Tage, Genderdebatten und Veganismus. Es sind nur Fotos. Folgen Sie uns auf eine kulinarische Reise durch den Osten – so, wie er von der legendären Time-Life-Kochbuchreihe Ende der 1960er Jahre illustriert wurde. Gelegentliche Flecken auf den Bildern/Rezepten sind keine, es sind Genussspuren vom Nachkochen. Das empfehlen wir Ihnen auch. Guten Appetit!