Russland

Ausstellung "Zentrifugale Tendenzen" (Bild: Tchouban Foundation, Berlin)

Tallinn – Moskau – Nowosibirsk

Die Ausstellung „Zentrifugale Tendenzen. Tallinn – Moskau – Nowosibirsk“ ist die Fortsetzung der Reihe visionärer und gesellschaftskritischer Architektur im Berliner Museum für Architekturzeichnung (Tchoban Foundation). Nach den Ausstellungen der Werke von Lebbeus Woods, Peter Cook und der Sammlung von Alvin Boyarsky wird die sogenannte Papierarchitektur aus der ehemaligen Sowjetunion vorgestellt. Der Begriff Papierarchitektur wurde in den 1980ern durch den Architekten, Kurator und einen der Protagonisten dieser Bewegung, Juri Awwakumow, geprägt. Er wird für nicht realisierte, lediglich für die Schublade geplante, Bauvorhaben benutzt.

Dies wird dem Phänomen jedoch nicht gerecht. Denn mit Papierarchitektur ist vor allem eine in den 1980er Jahren in der Sowjetunion geborene Architekturbewegung gemeint, die als Protest gegen die Routine der staatlichen Planungsbüros entstanden ist. Die Ausstellung präsentiert etwa fünfzig Zeichnungen, die sich in drei Gruppen untergliedern lassen: die Tallinner Schule, die Papierarchitektur aus Moskau und die aus Nowosibirsk. Zu sehen sind Werke namhafter Künstler, darunter Leonhard Lapin, Juri Awwakumow, Alexander Brodsky und weitere Architekten. Zu der Ausstellung ist ein Katalog erschienen. Die Präsentation ist noch bis zum 18. Februar 2018 zu sehen. (kb, 17.11.17)

Ausstellung „Zentrifugale Tendenzen“ (Bild: Tchoban Foundation, Berlin)

Den Schleier von unseren Augen reißen

In seltenen Fällen brauchen wir von moderneREGIONAL ein wenig länger. Aber wenn ein Buch eine Erwähnung verdient, dann lassen wir uns auch nicht davon abhalten, dass es anlässlich einer Ausstellung entstand, die vor zwei Jahren in Rüsselsheim, Bochum und Cottbus zu sehen war. Denn es sind zauberhafte, im besten Sinne revolutionäre Fotografien, die hier gezeigt werden. Genauer gesagt geht es um „eine Bilderreise zum Neuen Sehen in der Fotografie der russischen Avantgarde“.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte die russische Avantgarde – inspiriert von westeuropäischen Kunst­strömungen – eine ganz eigene, revolutionär unge­genständliche Darstellungsweise. Der Katalog „Wir müsen uns den Schleier von den Augen reißen“ veran­schaulicht, wie diese Impulse auch das Medium der Fotografie durch­drangen. Zur Geltung kommen u. a. der Maler und spätere Fotomontage-Künstler Alexander Rodtschenko, die Fotografen El Lissitz­ky oder Georgi Selma. Ihre Arbeiten werden den zeitgleichen Papierarbeiten und Zeichnungen etwa von Kasimir Malewitsch gegenübergestellt. (kb, 25.9.17)

„Wir müssen den Schleier von unseren Augen reißen“ (Buchcover-Detail: Hatje Cantz Verlag)

Scharouns Erstling unter Schutz

Scharoun: Bunte Reihe (Bild: Dimitri Suchin)
Endlich unter Schutz: Scharouns „Bunte Reihe“ (Bild: Dimitri Suchin)

2014 berichteten wir über das akut bedrohte Erstlingswerk des Architekten Hans Scharoun. Die sogenannte „Bunte Reihe“ in Kamswyken bei Insterburg stand seinerzeit auf der Liste der sieben meistgefährdeten Denkmäler Europas. Nun scheint sich das Blatt zum Guten zu wenden: Im Februar erklärte das russische Kulturministerium das Bauensemble per Dekret zum Denkmal auf Föderationsebene – die höchste Denkmalklassierung des Landes.

Der junge Scharoun gestaltete die „Bunte Reihe“ Anfang der 1920er Jahre. Insterburg lag im damaligen Ostpreußen, heute trägt die Ortschaft den Namen Černjachovsk und ist Teil der russischen Exklave Kaliningrad. Seinen Namen erhielt das Bauensemble wegen der vielseitigen Farbmuster, die Scharoun der Gestaltung die einzelnen Häuser zu Grunde legte. Er befand sich damit in bester Gesellschaft der Architekten des Neuen Bauens, die Farbigkeit in Zeiten selbst auferlegter Ornamentlosigkeit als wesentliches architektonisches Gestaltungselement erkannten, allen voran Bruno Taut. (jr, 9.3.17)

Hidden Urbanism

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Hidden Urbanism (Bild: dom-publishers)

Die Moskauer Metro steht vor einer historischen Expansion. Bis 2017 soll das Streckennetz um 80 Kilometer erweitert werden – das ist rund ein Viertel des derzeitigen Gesamtnetzes. Grund genug, einen ausführlichen Blick auf die U-Bahn zu werfen, die 1930 mit dem Anspruch erbaut wurde, weltweit die schönste ihrer Art zu werden. Die Publikation Hidden Urbanism tut dies und porträtiert den Untergrund von Russlands Hauptstadt in beeindruckenden Fotografien und vertiefenden Aufsätzen.

Die prunkvollen stalinbarocken Stationen der 1930er sind inzwischen wohl hinlänglich bekannt. Der Band belässt es daher nicht bei einem Porträt dieser unterirdischen Paläste, sondern setzt die Fahrt in die publizistisch weit weniger ausgeleuchteten Tunnel der Metro fort. So entsteht eine umfangreiche Dokumentation, die bis in die Gegenwart reicht und den stetigen Ausbau der Metro auch als Instrument der Stadtentwicklung versteht. Das Buch beschränkt sich dabei nicht nur auf architektonische Aspekte, sondern bezieht auch Design und Corporate Identity ein. (jr, 30.9.16)

Kuznetso, Sergey/Zmeul, Alexander/Kagarov, Erken, Hidden Urbanism. Architecture and Design of the Moscow Metro 1935 – 2015, hg. von Philipp Meuser und Anna Martovitskaya, 352 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-86922-412-1 (Englisch), 978-3-86922-413-8 (Russisch) DOM publishers, Berlin 2016.

Zweimal russische Lichtbilder

Frank Herfort, Time In Between - Fairy Tale Of Russia (BIld: behance.net)
Frank Herfort, Time in between – Fairy Tale of Russia (Bild: behance.net)

Unsere westlichen Bilder von Russland sind pastellfarben und voller Seele. Für den Fotografen Frank Herfort liegt der Reiz solcher Motive gerade in ihrer Widersprüchlichkeit. Für sein Projekt „Time in between – Fary Tale of Russia“ suchte er Räume, in denen das alte und das neue Russland einander begegnen: die Freizeitsucher vor der kargen Industriesilhouette, die Heimatlosen vor den Glaspalästen, die Modischen vor den bröckelnden Fassaden.

Wie sich dasselbe Land vor 100 Jahren präsentierte, zeigt eine Fotosammlung der anderen Art. Lichtbilder aus dem Russland vor dem ersten Weltkrieg, aus den Jahren 1905 bis 1915, hat die Sergei Mikhailovich Prokudin-Gorskii Collection bewahrt. Viele der insgesamt 2.607 Aufnahmen, die soziale, volkskundliche und historisch-architektonische Motive zeigen, wurden in einer frühen Farbfotografietechnik erstellt. Der Nachlass des Forschers und Fotografen Prokudin-Gorskii (1863-1944) wurde von seinem Sohn 1948 an die The Library of Congress übergeben und kann hier dankenswerterweise online eingesehen werden. Und wer Interesse an mehr Tipps zum Thema hat, kann sich auf dem Blog „Design you trust“ weiterklicken … (kb, 30.4.16)