Sowjetmoderne

"Towards a Typology of Soviet Mass Housing – The Set" (Bild: Dom Publishers)

Plattenbau-Set

Der sowjetische Massenwohnungsbau war allgegenwärtig, er formte die Kultur und den Weltblick auf die sowjetischen Bürger. Denn tatsächlich gab es keine sowjetische Stadt, die den Standardentwürfen der Ostmoderne entgehen konnte. Diese waren in den 1960er Jahren Grundlage für über 90 Prozent aller Wohnungsbauten. Sollten Sie also zu den Themen Ostmoderne und Plattenbau einfach nicht genug bekommen (und jetzt schon einmal an das nahende Weihnachten denken), dann hat Dom Publishers für Sie das genau richtige Paket geschnürt: „Towards a Typology of Soviet Mass Housing – The Set“.

Dieses vorweihnachtliche Päckchen enthält die 456 Seiten und 1.000 Abbildung starke Publikation „Towards a Typology of Soviet Mass Housing. Prefabrication in the USSR 1955 – 1991“ von Philipp Meuser und Dimitij Zadorin. Obendrauf gibt es das thematisch passende, reich bebilderte Quartett „Top Trumps. Soviet Mass Housing“ von Dimitrij Zadorin. Und nicht zuletzt „I-464“ von Katia Sheina, ein handliches Gipsmodell der meistproduzierten Plattenbau-Serie der UdSSR. (kb, 9.10.17)

„Towards a Typology of Soviet Mass Housing – The Set“ (Bild: Dom Publishers)

Temporärer Schachpalast

Das Wort „Schachpalast“ mag für das westeuropäische Ohr seltsam klingen. In der Sowjetunion dagegen mit ihren Pionierpalästen und Arbeiterklubs waren derartige Gebäude nichts Besonderes. Der junge Staat hatte es in nur wenigen Jahren nach der Oktoberrevolution geschafft, ein „nutzloses Spiel der Bourgeoisie“ in einen sinnvollen Zeitvertreib der Arbeitermassen umzuwidmen. Als nach 1945 sowjetische Schachspieler international Erfolge feierten, intensivierte sich die staatliche Förderung. In den 1970er Jahren entstanden neben Schachklubs sogar eigens für dieses Spiel erbaute Paläste – vor allem in Georgien, Armenien und Belarus.

Die Ausstellung „Pop-Up Chess Palace. Über Architektur, Ideologie und Schach“, kuratiert von Nini Palavandishvili und Lena Prents, geht anhand der architektonischen auch der gesellschaftlichen Utopie nach. Im Mittelpunkt steht der besonders ambitionierte Schachpalast in Tbilis. Zeitgenössische Künstler thematisieren in ihren Arbeiten verschiedene Aspekte des Schachspiels. Die Präsentation ist vom 22. bis 25. Juni 2017 täglich ab 12.00 Uhr im ZK/U (Zentrum für Kunst und Urbanistik, Siemensstraße 27, 10551 Berlin) zu sehen. Im Begleitprogramm sind vorgesehen: 22. Juni, 19 Uhr, Vernissage; 23. Juni, 19 Uhr, „Speisekino“ mit georgischem Essen; 24. Juni, Schachtunier (Anmeldung 13.00 bis 13.30 Uhr, Ende ca. 19.30 Uhr, beschränkte Teilnehmerzahl, Voranmeldung möglich unter: popupchesspalace@gmail.com); 25. Juni, 13 bis 17 Uhr, Schachnachmittag für Kinder. (kb, 18.6.17)

Tbilis, Palast für Schach und Alpinismus, 1980er Jahre (Bild: © G. Chubinashvili, Nationales Forschungszentrum für georgische Kunstgeschichte und Denkmalschutz)

Sowjet-Pavillon wird Stadtarchiv

Sowj. Pavillon Leipzig (Bild Paul leipzig, CC-BY-SA 3.0)
Der leerstehende sowjetische Pavillon in Leipzig 2010 (Bild: Paul leipzig, CC BY SA 3.0)

In Leipzig warten neue Aufgaben auf den ehemaligen sowjetischen Pavillon. Der leerstehende Bau auf dem alten Messegelände soll zum Stadtarchiv werden. Die Stadt sucht bereits seit 2005 nach einer neuen Heimat für ihr umfangreiches historisches Gedächtnis, das die Kapazität des bisherigen Archivs zu sprengen droht. Nun entschied man sich für den seit 20 Jahren verwaisten Bau mit wechselhafter.

Der Pavillon wurde 1923/24 nach Plänen der Architekten Oskar Pusch und Carl Krämer als Ausstellungshalle für Werkzeugmaschinen errichtet. Wenige Jahre später folgte ein erster Umbau für einen multifunktionalen Einsatz: unter dem Namen „Achilleion“ fungierte die Halle bald als Sportpalast. Im Krieg wurde das Bauwerk beschädigt und 1950 nach Umbauten als sowjetischer Pavillon wieder eröffnet. Über dem Haupteingang prangten nun Hammer und Sichel, gekrönt wurde der Bau von einem nadelförmigen Turm mit Sowjetstern, der an die klassizistische Admiralität in St. Petersburg erinnerte. In den 1970er Jahren erhielt er eine neue Fassade, die 2002 wegen Baufälligkeit teilweise entfernt werden musste. Die mit dem Umbau beauftragten Büros ARGE Pfau Architekten und F29 Architekten stehen in engem Austausch mit dem Denkmalschutz und wollen die wechselhafte Geschichte des Baus sichtbar machen, statt einen Zustand zu rekonstruieren. (jr, 25.6.16)

Slawische Metropolen im Kino

Geschichte der Wände", CSSR 1980 (Bild: Filmmuseum München)
In „Geschichte der Wände“ steht Prag im Mittelpunkt (Bild: Filmmuseum München)

Im Münchner Filmmuseum stehen in den nächsten Wochen osteuropäische Metropolen im Fokus. Vom 12. April bis 21. Juni 2016 veranstaltet das Museum die Filmreihe „Slawische Metropolen“. Immer Dienstags zeigt das Kino des Hauses Spiel- und Dokumentarfilme, die sich um Städte im östlichen Europa und der ehemaligen Sowjetunion drehen. Der regionale Fokus liegt dabei auf Ländern mit überwiegend slawischsprachiger Bevölkerung, weswegen die Metropolen Budapest und Bukarest nicht vertreten sind.

Davon abgesehen finden diverse Ost-Metropolen Berücksichtigung. Am 19. April ist Warschau in „Niewinni czarodzieje“ (Die unschuldigen Zauberer) Schauplatz einer unkonventionellen Liebesgeschichte, am 26. April liegt der Fokus mit „Edin den v Sofija“ (Ein Tag in Sofia) und „Bjalata staja“ (Das weiße Zimmer) auf der bulgarischen Hauptstadt der Nachkriegszeit. In den folgenden Wochen stehen unter anderem die Städte Sarajevo, Lubljana und Minsk auf dem Programm. Den Abschluss bilden die Städte Moskau und Kiew. Letztgenannter Metropole ist der aktuellste Film gewidmet: „Maidan“ entstand 2014 und widmet sich den jüngsten revolutionären Ereignissen in der Stadt. Alle Filme werden in Originalfassung mit englischen oder deutschen Untertiteln gezeigt. (jr, 28.4.16)

Socialist Modernism

Moskau, Ausstellungshaus "Garage" (1968) (Bild: Vladimir Jarockij)
Was man aus Sowjetmoderne machen kann – hier das Ausstellungshaus „Garage“ (1968) in Moskau – hat Vladimir Jarockij in treffende Fotografien gepackt (Bild: Vladimir Jarockij)

Für Kurzentschlossene erreichte uns über ostmodern.org ein Tipp fürs Vor-Wochenende: Die Veranstaltung „Utopias and Realities: Socialist Modernism. Transmodern Forum“ widmet sich vom 28. bis 29. April 2016 im Collegium Hungaricum Berlin (Dorotheenstraße 12) mit Vorträgen und Filmvorführungen der modernen Architektur in Zentral- und Osteuropa.

Die Themenpalette umfasst Baukunst von vergessenen kommunistischen Monumenten in Bulgarien bis zur Entstehungsgeschichte des Alexanderplatzes. Angesprochen werden drohende Abrisse ebenso wie Werte und Chancen des kulturellen Erbes dieser Kulturregion. Die Veranstaltung wird organisiert von Collegium Hungaricum Berlin und Translations of Modernism. Beteiligt sind 17 Architekten, Kunsthistoriker und Fachleute aus neun Ländern. Die 25-Minuten-Vorträge bieten einen Einblick in die Themenschwerpunkte und werden gerahmt von zwei Filmabenden. Die Veranstaltung wird unterstützt durch den „Hungarian National Cultural Fund“. Das Programm kann online eingesehen werden, die Teilnahme ist kostenfrei, eine Anmeldung ist erwünscht. (kb, 26.4.16)

FACHBEITRAG: Pionierlager Artek

von Arne Winkelmann (16/2)

Pionierlager Artek, "Lager Meer", 1967 (historische Abbildungsvorlage)
Der Traum vieler Jugendlicher des Ostblocks: das Pionierlager Artek („Lager Meer“, 1967, Bildquelle: Polianski, A. T., Artek, Moskau 1966)

Das Pionierlager Artek an der Südküste der Krim war der Traum vieler Jugendlicher in der früheren Sowjetunion und den anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks. Jeder Junge Pionier wünschte sich, einmal einen Urlaub im „Allunions-Pionierlager Vladimir Il’ič Lenin“ am Schwarzen Meer zu verbringen und mit Kindern aus der ganzen Welt Bekanntschaft zu machen. Artek war nicht nur die größte Einrichtung ihrer Art, sondern auch die älteste und bekannteste. 1925 gegründet, wurde es zu Beginn der 1960er Jahre unter Chruščëv weitreichend ausgebaut. Die Bauleitung rüstete Artek zu einer internationalen Begegnungsstätte auf, um einen neuen politischen Kurs zu vermitteln: „friedliche Koexistenz“, „äußere und innere Öffnung“ sowie sozialer und technologischer Fortschritt. Innerhalb weniger Jahre wurde das Lager systematisch aus- und umgebaut und die Besucherkapazität somit von 1.500 auf 8.000 Betten mehr als verfünffacht.

 

Baukastensystem

Pionierlager Artek, Baukastensystem
Pionierlager Artek, Baukastensystem des Kollektivs um Anatolij Polianskij (Bildquelle: Polianski, A. T., Artek, Moskau 1966)

Ein junges ArchitektInnenenkollektiv um Anatolij Polianskij hatte 1957 den Wettbewerb gewonnen. Grundlage ihres Entwurfs war ein „Baukasten“ aus vorgefertigten Stahlbetonelementen mit zwei Tragsystemen, mit denen alle Gebäude der Ferienanlage konstruiert werden konnten: Schlaftrakte, Speisesäle, Ärzte- und Krankenhäuser, Sportanlagen, Verwaltungsbauten, Schulen, Werkstätten, Labors, Spielpavillons, Unterstände, Versammlungsräume und Appellplätze. Das milde Klima und die saisonale Nutzung gestatteten eine ausgedünnte leichte Konstruktion. Ein Sortiment von nur neun Versatzstücken ermöglichte mehrgeschossige Skelettbauten und flächige Überdachungen auf Grundlage einer sechseckigen „Pilzkonstruktion“. Diese Einfachheit verhalf zu einer hohen Variabilität und ließ im Gegensatz zu der – in den kälteren Regionen verwendeten – Großtafelbauweise eine abwechslungsreiche Architektursprache zu.

Artek ist in zehn unterschiedlich große Gruppen unterteilt, die nach ihrem Standort benannt sind: ein Meereslager „Morskoj“, ein Lager an der Küste „Pribrežnyj“, eines am Berg „Gornyj“ und eine Lagergruppe in einem Zypressenhain „Kiparisnyj“. Man trennte die Funktionen weitgehend, bildete größtmögliche Gruppen und verzichtete auf private Räume. Jede Lagergruppe verfügte über mehrere Schlaftrakte, die aus gleichförmigen Schlafsälen für acht bis zehn Personen und entsprechend sanitären Sammeleinrichtungen zusammengefügt wurden. Zu jeder Gruppe gehörten ein eigener Speisesaal, ein Ärztehaus, ein Freibad und ein Appellplatz.

Die relingartigen Geländer, Seitengänge und Flugdächer zitieren mit Luxus verbundene Motive der großen Passagierschiffe der 1920/30er Jahre und versinnbildlichen damit den sozialen Aufbruch und Aufstieg zu einer Freizeitgesellschaft. Durch die lebhaften Farben der Pavillons und zahlreiche Kunstwerke verbreitete die Anlage eine unbeschwerte, fröhliche, fast kindliche Lebensfreude. Die großen Glasflächen der Gebäudefassaden erlaubten nicht nur den Ausblick auf die umliegende Landschaft, sondern standen auch für Offenheit und Transparenz als neuentdeckte Tugenden nach dem Stalinschen Terror.

 

Vorbildhaft

Pionierlager Artek, Speisesaal Olive, 1964
Nicht nur die Jugend, sondern auch die Architekten bewunderten die unbeschwerte Formensprache (Bildquelle: Polianski, A. T., Artek, Moskau 1966)

Durch diese innovative Formensprache war Artek nicht nur ein Traum für die Jugend des Ostblocks, sondern auch für dessen ArchitektInnen bzw. „Planungskollektive“. Die weitläufige Anlage mit über 150 Gebäuden stand in der Zeit des „Tauwetters“ für den poststalinistischen Stil. Das ArchitektInnenkollektiv um Anatolij Polianskij hatte in Artek eindrucksvoll demonstriert, wie abwechslungsreich, leicht und elegant das industrialisierte Bauen trotz der Typenentwürfe, Standardisierung und Vorfertigung aussehen konnte – jenseits vom sozialistischen Klassizismus Stalins, den man in der gegenwärtige Betrachtung als „Zuckerbäckerstil“ zusammenfasst. Mit diesem Projekt avancierte Polianskij zum obersten Architekten der Sowjetunion und gilt als Pionier der Erholungsarchitektur im ehemaligen Ostblock.

In den 1960er und 70er Jahren wurden die Küsten zunehmend für den Massentourismus erschlossen und das Ferienprogramm für die Jungen Pioniere massiv ausgeweitet. Jährlich konnten 13 Millionen Kinder ihren Urlaub in Artek oder anderen Pionierlagern wie „Molodaja Gwardija“ (Junge Garde), „Orljonok“ (Kleiner Adler), „Alye Parusa“ (Purpursegel), „Čaika“ (Möwe) oder „Zerkalnyj“ (Spiegelnder) verbringen. Sie verfügten jeweils über mehrere Hundert Betten, die größten von ihnen sogar mehrere Tausend! Trotzdem wurden diese Ferienlager meist nicht als gigantische Bettenburgen ausgeformt, sondern als Zusammenballung von Teillagern, die wiederum in mehrere Gruppen aufgeteilt waren. Diese Organisation ermöglichte vor allem eine modellhafte sozialistische Kollektiverziehung.

 

Anachronismus

Pionierlager Artek, Freundschaftsplatz, 1999
Bis 2004 wurde die Gestaltung der 1960er Jahre im Pionierlager Artek gepflegt und erhalten ( © Arne Winkelmann)

Die Pionierlager waren staatliche, hoch subventionierte Einrichtungen, deren Fortbestehen nach dem Ende der Sowjetunion im Jahr 1991 mehr als fraglich war. Die nunmehr ukrainische Leitung betrieb das Pionierlager noch einige Jahre unter neuem Namen als „Internationales Kinderzentrum“ weiter, behielt aber die Prinzipien der Kollektiverziehung bei. Albina Murašova, eine Lagerleiterin Arteks um die Jahrtausendwende, wollte den Kindern damit die Möglichkeit vermitteln, in den Zeiten des entfesselten Kapitalismus „menschlich zu bleiben“.

Um Kontinuität bemüht, erhielt man bis 2004 auch den baulichen Originalzustand der 1960er Jahre. Die leichten Pavillonbauten wurden gepflegt und der farbenfrohe Anstrich stetig erneuert. Bis auf wenige Ausnahmen wirkte die Anlage wie eine Zeitkapsel der Chruščëv-Jahre.

 

Niedergang

Ohne staatliche Förderung gingen die Besucherzahlen stark zurück. Unter den weniger werdenden Gästen fanden sich vor allem Russen. Viele ehemalige Funktionäre und Kader, die zu Sowjetzeiten zu den Auserwählten gehörten und in Artek ihre Ferien verbringen durften, wollten dies nun auch ihren Kindern oder Enkeln ermöglichen. Statt Linientreue und Leistungen in der Jugendorganisation öffnete nun einzig der Geldbeutel die Türen der ehemaligen „Märchenstadt“. Mehrwöchige Aufenthalte kosteten zwischen 600 und 1.600 Euro! Auch wenn 60 Prozent der BesucherInnen geringere Tarife oder gar nichts zahlten, wurden die Gruppen immer elitärer. Die Inhalte wollten mit den Räumen nicht mehr recht zusammenpassen.

Um die Jahrtausendwende war die damalige westlich orientierte Regierung Timošenko wegen der mehrheitlich russischen Gäste offenbar nur wenig daran interessiert, die hoch subventionierten Ferienanlagen weiter zu betreiben. Dem Lager drohte die Insolvenz. Der damalige Direktor Boris Novošilov trat aus Protest in den Hungerstreik. Tatsächlich ließ sich die Regierung damit zu weiterer Förderung bewegen. „Artek gerettet!“ titelten 2009 mehrere Zeitungen, das weltweit größte Kinderferienlager sei dem Konkurs entkommen.

 

Umbau

Krim, Ferienlager Artek, 2005 (Bild: Vyacheslav Stepanyuchenko, CC BY 2.0)
Der Freundschaftsplatz 2005 mit postmodernen „Zusätzen“ (Bild: Vyacheslav Stepanyuchenko, CC BY 2.0, 2005)

Der Preis der Rettung war eine grundlegende Umnutzung. Aus der Modellstadt für die Kollektiverziehung wurde eine Schule für die künftigen Wirtschaftseliten des Landes. Statt Sozialverhalten in der Gruppe werden nun Individualismus und Eigenverantwortung gefördert. Jeglicher Wettbewerb im Sport, bei Spielen oder bei den wissenschaftlichen Workshops findet nun nicht mehr für das Kollektiv statt, sondern für den Einzelnen.

Um den Ansprüchen der wohlhabenden Jugendlichen zu genügen, musste die Lagerleitung nicht nur ihre Freizeit- und Animationsangebote verändern, sondern auch die Anlage ertüchtigen. Ursprünglich hatte man die saisonal genutzten Pavillons ohne Heizung und Isolierung errichtet. Für einen ganzjährigen und damit rentableren Betrieb wurden die Gebäude der vier wichtigsten Teillager mit neuen Wänden gedämmt. Für die gehobenen Ansprüche gestaltete man die Schlafsäle für acht bis zehn Personen um zu Zweibettzimmer auf Hotelstandard.

Dem Ensemble Arteks hat die Modernisierung und Erweiterung geschadet. Die filigranen und sensibel in die Landschaft eingebundenen Pavillons wurden in klobige verglaste postmoderne Kuben verwandelt. Die Speisesäle mit ihren charakteristischen „Dach-Betonpilzen“ wurden vollständig überformt. Der fließende Übergang zwischen Innen- und Außenraum, die Nähe zur Natur sind abhandengekommen. Für den Komfort mag das förderlich sein, der ursprünglichen Konzeption der vorbildlichen Anlage war es abträglich.

 

Denkmal?

Pionierlager Artek, Lenindenkmal, 2006
Das einstmals größte Lenindenkmal der Welt an den Hängen des Pionierlagers (Bild: © Mathias Häßner)

Die sowjetischen Hoheitszeichen, die vielen Lenin-Porträts und Parolen wurden geschleift. Das einstmals größte Lenin-Denkmal der Welt, das sich an den Hängen in einer Kaskade aus rotem Marmor und Beton talwärts wand, verfällt heute. Die Appellplätze mit ihren Bildstelen und Lagerfeuerstellen wurden zu technisierten Bühnen umgebaut. Das Gesamtkunstwerk aus Architektur, städtebaulicher Struktur, Bildwerken, Skulpturen und einbezogener Landschaft wurde zerstört. Vier Lagergruppen sind glücklicherweise noch im Originalzustand erhalten. Leider sind es nicht die repräsentativen am Ufer.

Artek wäre ein klarer Fall für den Denkmalschutz, doch ein öffentliches Bewusstsein für die Chruščëv-Zeit und ihre baulichen Zeugnisse existiert kaum. Es bleibt abzuwarten, ob auf die russische Annexion der Krim von 2014 die Modernisierung der übrigen Teillager folgt.

 

Rundgang

 

Literatur

Winkelmann, Arne, Das Pionierlager Artek. Realität und Utopie in der sowjetischen Architektur der sechziger Jahre, Dissertation, Weimar 2004.

Jacks, Bärbel, TV-Dokumentation „Auf der Krim“, Deutschland 2002, Regie: Bärbel Jacks.

Winkelmann, Arne, Typologie der Ferienzeit. Das Pionierlager Artek auf der Krim, in: Bauwelt 91, 2000, 16, S. 12–19.

FACHBEITRAG: Design im Weltall

von Katharina Sebold (16/3)

Galina Balaschowa 1975 im Prototyp der Raumkapsel Sojus 19 (Bild: © Archiv Galina Balaschowa)
Galina Balašova erprobt 1975 eine Wandhalterung für den Prototyp der Raumkapsel Sojus 19 (Bild: © Archiv Galina Balašova)

Der alte Traum, die irdischen Raumgrenzen zu überwinden, ist für Design und Architektur noch eine junge Aufgabe, noch dazu eine schwierige: Schwerelosigkeit und absolute Dunkelheit müssen mit Antriebsraketen, Laboratorien und Lebenserhaltungssystemen unter einen gestalterischen Hut gebracht werden. Aus dieser Gemengelage eine ansprechende Umgebung zu formen, war die große Stärke von Galina Balašova, die damit zur Vorreiterin der kosmonautischen (Innen-)Architektur avancierte. Doch ihr Lebenswerk kannte noch bis vor wenigen Jahren selbst in Russland kaum jemand. In der Sowjetunion wurden Valentina Tereškova und Jurij Gagarin als erste Menschen im All oder Alexej Leonov als erster Weltraumspaziergänger gefeiert. Doch Balašowas Arbeit an militärischen Projekten unterlag einer strikten Geheimhaltung. Erst seit 1991 dürfen ihre Entwürfe gezeigt und ihr Name genannt werden.

 

Vom Wohnraum zur Raumfahrt

Mit dem Kosmonauten Jurij Gagarin hatte 1961 die bemannte Raumfahrt begonnen. Für längere Missionen sollten die Module nicht nur dem bloßen Aufenthalt, sondern dem Wohnen, Arbeiten und Erholen dienen. Die ersten Entwürfe kamen jedoch von Ingenieuren, die keine Rücksicht auf Ergonomie oder andere menschliche Bedürfnisse nahmen. Daher bat der Leiter des sowjetischen Raumfahrtprogramms Sergej Korolëv 1963 die 1931 in Kolumna geborene Architektin Galina Balašova um Verbesserungsvorschläge.

Galina Balašova : erster Entwurf der Sojus-Raumkapsel, entstanden übers Wochenende, 1963 (Bild: © Archiv Galina Balašova)
Erster Entwurf der Sojus-Raumkapsel (1963) (Bild: © Archiv Galina Balašova)

Zuvor arbeitete Balašova an institutsinternen Baumaßnahmen und seit 1956 als leitende Architektin im Experimental-Konstruktionsbüro (OKB-1). Nun zeichnete sie im kreativen Schwung eines Wochenendes mehrere Aquarelle, wie man eine Raumkapsel einrichten könne: Funktional und einfach sollte es werden. In der Mitte des zylindrischen Raums mit ockerfarbenen Wänden befand sich die Einstiegsluke. Auf der linken Seite verortete sie eine „Anrichte“ mit technischer Ausrüstung, einem Pult und Platz für kleinere Gegenstände. Daneben war die sesselförmige Toilette vorgesehen, auf der rechten Seite eine Sitzschale, die Teile der technischen Ausrüstung verdeckte. Der Raum wirkte auf der Skizze wie ein kleines Heimbüro in lichten Blau- und Grüntönen. Dieser und verwandte Vorschläge für die Sojus-Kapseln überzeugten und gingen etwas abgeändert bis 1981 in Serie. Weitere Aufträge folgten.

 

Ob Schriftzug oder Raumfahrttoilette

Als Hauptdesignerin verantwortete Balašova von 1964 bis 1990 die Ästhetik und Funktionalität des Interieurs und der Beleuchtung, die Formen und Farben der Einrichtung sowie die Typografie und das Branding des sowjetischen Raumfahrtprogramms. Sie entwarf das Innenleben von vier Generationen der Sojus-Raumschiffe, -Raketen, -Kapseln, Trägerraketen sowie der Weltraumstationen Saljut und Mir. Für die Mondorbitalraumschiffe des Buran-Programms war sie als Beraterin unter anderem für die Außengestaltung zuständig.

Galina Balašova : erster Entwurf zur Inneneinrichtung eines Sojus-Moduls, 1964 (Bild: © Archiv Galina Balašova)
Entwurf zur Inneneinrichtung eines Sojus-Moduls, 1964 (Bild: © Archiv Galina Balašova)

Zwar hatte Balašova wenig Einfluss auf die Raum- und Funktionsabfolge, doch entschied sie über das Innere: von den ergonomisch geformten Sitzen in den Wohn- und Schlafbereichen bis zum Design der Raumfahrttoiletten. Sie suchte die Materialien für die Oberflächen aus, entwickelte die Konzepte für Farben und Kleinmöbel. Ab 1973 gestaltete sie zudem Logos, Schriftzüge und Abzeichen für zahlreiche internationale Kooperationsprojekte. Ihre farbigen Aquarelle beeinflussen die Raumfahrt bis heute. So zeigte z. B. das Basismodul der Internationalen Raumstation ISS die typischen Balašowa-Schalensitze. Seit 1998 wurde ihr Lebenswerk in mehreren Ausstellungen geehrt, zuletzt 2015 im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt. Heute lebt Galina Balašova im Umland von Moskau und zeichnet seit ihrer Pensionierung im Jahr 1990 noch immer gern Aquarelle.

 

Erdung durch Farbe

Galina Balašova: Entwurf für Farbsystem der Raumstation Mir, 1980 (Bild: © Archiv Galina Balašova)
Entwurf für das Farbsystem der Raumstation Mir, 1980 (Bild: © Archiv Galina Balašova)

In Balašovas ersten Entwürfen wurde der Raum – nach den jeweiligen hochspezialisierten Funktionen – in kleinere zylindrische und sphärische Volumina aufgeteilt. Damit knüpfte sie an Georgij Krutikov an, der in den 1920er Jahren die Stromlinienformen aus dem Schiffs- und Flugzeugbau für die Weltraumfahrt nutzbar machte. Doch bot diese Struktur keine Orientierung, so dass Balašova in späteren Skizzen farblich auf ein traditionelleres Raumverständnis zurückgriff und damit ein Stück Erdverbundenheit gewann: Sie tauchte die Decken in ein helles Blaugrau, die Wände wurden pastellgelb und der Bodenbelag kräftig grün gefärbt. In den dunklen Räumen arbeitete sie mit helleren gebrochenen Tönen. Dieses ebenso einfache wie überzeugende Farbleitsystem bot in der Schwerelosigkeit eine intuitive Orientierung – und verband die funktionalen Notwendigkeiten mit einer vertrauten Ästhetik.

Bei der Wandverkleidung entschied sich Balašova für Materialien, die hitzebeständig, feuerfest, zugleich trotz Festigkeit leicht und weich genug waren, um bei Zusammenstößen sowohl die dahinter liegende Technik als auch die Kosmonauten zu schützen: Es waren Polymerstoffe, Kunstleder und glanzloses Emaille. Bei der Möblierung schien sich Balašova, wenn es um die konkreten Maße von Schränken und Klapptischen ging, an Margarete Schütte-Lihotzkys „Frankfurter Küche“ zu orientieren.

 

Behaglichkeit statt Pathos

Galina Balašova: Entwurf für die Landekapsel Sojus, 1970 (Bild: © Archiv Galina Balašova)
Entwurf für die Landekapsel Sojus, 1970 (Bild: © Archiv Galina Balašova)

In der Schwerelosigkeit wurden kleinere Gegenstände von Stoff-, Gummi- und Klettbändern gehalten, in den ersten Zeichnungen waren sogar Bücherregale vorgesehen. Balašova schmückte die Wände mit heimatlichen Landschaftsbildern – von ihr eigenhändig gemalte Aquarelle. Obwohl die Raumfahrt in der Sowjetunion als Maßstab schlechthin für gesellschaftlichen Fortschritt galt, haben die dafür gestalteten Räume nichts von einer futuristischen Filmkulisse. Vielmehr beziehen sie sich auf die behagliche Atmosphäre „normaler“ und schlicht, aber modern eingerichteter Wohnungen.

Für ihre Entwürfe wählte Balašova, die vor ihrem Studium am Moskauer Institut für Architektur beim Maler Nikolaj Poljaninov Aquarellunterricht nahm, einen vorrevolutionären Malstil. So zeugen ihre Zeichnungen von Funktionalität, sind aber zugleich auch künstlerische Arbeiten. Im Vergleich erscheinen Raymond Loewys um 1970 entstandene Entwürfe für die US-amerikanische NASA ynamischer, aber auch zweckgebundener. Balašovas stimmungsvolle und ausdrucksstarke Illustrationen hingegen wirken warm und wohnlich.

 

Harmonische Formen für die Zukunft

Wie bringt man den Schriftzug ästhetisch an einer Raumstation unter? Auch das regelte Galina Balaschowa 1980 (Bild: Archiv G. Balaschowa/DAM)
Entwurf für den Schriftzug der Raumstation Mir, 1980 (Bild: © Archiv Galina Balašova)

Die Weltraumbegeisterung wurde im sozialistischen Alltag – neben den militärischen und politischen Zielen – vor allem mit der Verheißung einer friedvollen Zukunft verknüpft. Fast allgegenwärtig waren die Bilder der Kosmonauten, die Kinder vergnügten sich auf raketenförmigen Spielgeräten, die U-Bahnstationen trugen entsprechenden Mosaikschmuck, die Häuser zierten futuristische Fassadenelemente und moderne Möbeldesigns verwandelten das heimische Wohnzimmer in einen fernen Planeten. Für das Leben im realen Weltraum jedoch gab es keine Vorbilder, sodass Balašova gestalterisch wie konstruktiv Neuland betrat: Wie lässt sich Technik so formen, dass sie unter Extrembedingungen sowohl brauchbar als auch schön ist? Diese Frage gewinnt heute mit kommerziellen Raumflügen und „Spacehotels“ wieder neue Aktualität – sie könnte über das Umfeld unserer Zukunft entscheiden.

 

Literatur

Gerovitch, Slava, Soviet Space Mythologies. Public Images, Private Memories, and the Making of a Cultural Identity, Pittsburgh 2015.

Dichter, Claudia/Schamoni, Peter, Outer Space. Faszination Weltraum, Katalog, Berlin 2014.

Meuser, Philipp, Galina Balaschowa. Architektin des sowjetischen Raumfahrtprogramms, Berlin 2014.

Dj Pangburn, The Soviet Architect Who Drafted the Space Race, 2015.

Stürzebecher, Jörg, Die Weltraumräume der Architektin Galina Balaschowa, in: form.de, 2015.

Opatz, Wilhelm E., Die Taiga fliegt auch im Weltraum immer mit, in: Frankfuter Allgemeine Zeitung, 30. Juni 2015.