Stadtplanung

Leipzig, Interpelz Blick aus der Katharinenstraße über die Ruinen zum Brühl, nach 1966 (Copyright: Klaus Liebich)

2 x Leipzig

In Leipzig setzte sich in den frühen 1960er Jahre der Traum von einer Stadtlandschaft mit großen Freiräumen durch. Typisiertes und industrielles Bauen waren die Instrumente dieser Stadterneuerung von innen. Die Ausstellung „Plan! Leipzig, Architektur Städtebau 1945-1976“ zeigt zum ersten Mal die wechselvolle Baugeschichte der Messestadt in den drei Jahrzehnten nach Kriegsende bis zur Grundsteinlegung des Wohngebietes Leipzig-Grünau im Sommer 1976. Die Vernissage wird am 16. Mai um 18 Uhr begangen. In Anschluss ist die Ausstellung „Plan! Leipzig Architektur und Städtebau 1945-1976“ bis zum 27. August zu sehen im Haus Böttchergäßchen (Böttchergäßchen 3, 04109 Leipzig).

Parallel bietet das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig (Böttchergäßchen 3, 04109 Leipzig) einen fotografischen Blick in die Stadtgeschichte: Klaus Liebich, von 1963 bis 1992 Dozent für Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, widmete sich in den 1960er Jahren der Dokumentation der noch immer vom Krieg gezeichneten Stadt. Das Besondere an seinen Farbfotografien sind die bewusst gewählten Kontraste zwischen den auch nach fast 20 Jahren immer noch sichtbaren Spuren des Kriegs und dem langsam beginnenden Aufbau. Die Ausstellung „Kontraste. Leipziger Stadtansichten“ wird  noch bis zum 30. Juli 2017 gezeigt. (kb, 14.5.17)

Leipzig, Interpelz, Blick aus der Katharinenstraße über die Ruinen zum Brühl, nach 1966 (Copyright: Klaus Liebich)

Stadtplanung für die Welt?

Im vergangenen Jahrhundert entwickelten grenzübergreifende Expertennetzwerke „wissenschaftsbasierte Ordnungskonzepte“, die gesellschaftliche Probleme planerisch lösen sollten. Dabei besaßen solche Zusammenschlüsse keine Sanktionsmittel, um ihre großen Ideen im Kleinen durchzusetzen. Zudem waren diese Netzwerke anfällig für fachliche und politische Konflikte. Doch wie konnten sie trotzdem funktionieren? Welchen Beitrag lieferten sie für die Verbreitung ihrer Konzepte?

In seiner 2016 beim Vandenhoeck-Ruprecht-Verlag veröffentlichen Publikation „Stadtplanung für die Welt“ untersucht der Berliner Historiker Philipp Wagner diese Fragen am Beispiel der International Federation for Housing and Town Planning (IFHTP). War dieser stadtplanerische Zusammenschluss doch das größte moderne Netzwerk seiner Art. Entlang der Aktivitäten des IFHTP legt Wagner dar, dass die Vertreter derartiger Expertenverbände unterschiedliche Internationalisierungspraktiken entwickelten und damit ihre Forderungen zum Allgemeingut machen wollten. Für seine mit diesem Buch vorgelegte Promotion wurde Wagner 2016 mit dem Nachwuchspreis der Gesellschaft für Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung ausgezeichnet. (kb, 5.3.17)

Wagner, Philipp, Stadtplanung für die Welt? Internationales Expertenwissen 1900–1960 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 220), Vandenhoeck-Ruprecht-Verlag, Kornwestheim 2016, gebunden, 400 Seiten, 22 Abbildungen, ISBN: 978-3-525-37044-5.

Große Pläne für Kassel

Große Pläne für Kassel (Bild: Schüren-Verlag)
Folckert Lüken-Isberner, der Autor von „Große Pläne für Kassel“, berichtete für mR schon über die Treppenstraße (Bild: Schüren-Verlag)

Die Stadtplanung Kassels verbindet man meist mit den schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und dem ambitionierten Wiederaufbau. Doch bereits lange vor den Bombardements existierten Pläne zur grundlegenden Umgestaltung der nordhessischen Großstadt. Der jüngst erschienene Band „Große Pläne für Kassel“ versammelt städtebauliche Utopien und Projekte für Kassel von der Zwischenkriegszeit bis zur Gründung der Bundesrepublik. Auf Grundlage wissenschaftlich bislang noch nicht ausgewerteter Quellen rekonstruiert er am Beispiel Kassel unterschiedliche Spielarten moderner Stadtplanung.

In den 1920er Jahren orientierte sich die Stadt an den Metropolenplanungen Europas. Die Städtebauer träumten von einem überregional bedeutsamen „Groß-Kassel“.  Während der NS-Herrschaft sollte Kassel dagegen zur mustergültigen Gauhauptstadt transformiert werden. Nach den ersten Bombardements entstanden bis 1949 verschiedene Konzepte für den Wiederaufbau. Fast allen Entwürfen gemein ist die Absicht des radikalen Neuaufbaus. Die historische Bebauung und der tradierte Stadtgrundriss fanden darin kaum Berücksichtigung. Die Begründungen für die Radikalität der Planungen variierten mit den politischen Rahmenbedingungen und reichten von der paneuropäischen, über die luftschutzgerechte bis zur modernen Stadt im technisch-funktionalen Sinne. (jr, 18.12.16)

Lüken-Isberner, Folckert, Große Pläne für Kassel. 1919 bis 1949. Projekte zu Stadtentwicklung und Städtebau, Schüren Verlag, Marburg 2016, 272 Seiten, 240 x 290 mm, ISBN 978-3-89472-297-5.

Die Theorie der zentralen Orte

Arieh Sharon (Bild: Ynhockey, via wikimedia commons, gemeinfrei)
Der Architekt Arieh Sharon (1900-84) prägte maßgeblich den Aufbau des Staates Israel (Bild: Ynhockey, via wikimedia commons, gemeinfrei)

Ist es möglich, zwischen dem israelischen „Sharonplan“ und dem  „Generalplan Ost?“ der deutschen Nationalsozialisten eine konzeptionelle Verbindungslinie zu ziehen, die ihren Ursprung in W. Christallers „Theorie der zentralen Orte“ hat? Das Leitbild dieser 1933 veröffentlichten Theorie zielt darau, die Wirtschaftsfaktoren zu optimieren und die Bevölkerung im Raum zu verteilen.

Der Autor des Buchs „Die Theorie der zentralen Orte in Israel und Deuschland“, der Berliner Architekturtheoretiker Joachim Trezib, geht einer unerwarteten Parallelität nach, die er als Muster räumlicher Herrschaft sowohl in den NS-Plänen zur „Neuordnung“ Europas als auch in der israelischen Nationalplanung nach der Staatsgründung 1948 identifiziert. Der Vergleich zeigt einen exemplarischen Fall, wie sich die junge Wissenschaft der Raumplanung im 20. Jahrhundert als Herrschaftsmittel instrumentalisieren ließ. (kb, 12.8.16)

Trezib, Joachim, Die Theorie der zentralen Orte in Israel und Deutschland. Zur Rezeption Walter Christallers im Kontext von Sharonplan und „Generalplan Ost“ (Europäisch-jüdische Studien – Kontroversen, Band 3), de Gruyter Oldenbourg-Verlag, Berlin 2014, gebunden, ISBN 978-3-11-033825-6.

Mitte! 150 Jahre Transformation

Berlin, Eröffnung der Open-Air-Ausstellung (Bild: Buergerforum Berlin Mitte e. V.)
Berlin, Eröffnung der Open-Air-Ausstellung (Bild: Bürgerforum Berlin Mitte e. V.)

Die Zukunft der Berliner Mitte ist umstritten. Viele reden mit, noch mehr haben eine Meinung – und vorerst ist keine Lösung in Sicht. Eine der Diskussionsparteien, das Bürgerforum Berlin Mitte, hat ihren Standpunkt noch bis Ende des Monats unübersehbar beim Neptunbrunnen aufgebaut. Auf Litfaßsäulen werden, wie es die Initiative selbst formuliert, die „wichtigsten Fakten und Bilder[n] zur Geschichte der Berliner Mitte“ präsentiert.

Spannend wird es, schaut man in die Pressemeldung zur Ausstellung. Da werden städtebauliche Verluste während des Nationalsozialismus und der Kriegszerstörungen betrauert. Mindestens ebenso gravierend scheinen für die Organisatoren jene gestalterischen Zutaten der Ostmoderne zu sein, von denen jüngst prominente Vertreter unter Denkmalschutz gestellt wurden. Das Bürgerforum wünscht sich, zumindest gestalterisch, die alten Zeiten zurück, „wie sie bis 1933 bestanden haben.“ Vielleicht lohnt ein zeitgleicher Besuch in der Berliner Ausstellung „Radikal modern“, welche die städtebaulichen Entwicklungen eben jener einschneidenden Jahre um 1965 präsentiert. Manchmal hilft bei der eigenen Meinungsbildung ja auch eine deutliche Reibungsfläche, zudem sie „Open Air“ kein Eintrittsgeld verschwendet … (kb, 18.8.15)

Die Stadt, der Highway und die Kamera

Die Stadt, der Highway und die Kamera (Bild: Deutscher Kunstverlag)
Die Stadt, der Highway und die Kamera (Bild: Deutscher Kunstverlag)

Warum sollte man – noch dazu als Künstler – eine Straße ablichten? Nach 1945 zeigten Fotografen wie Charles Pratt, Roy DeCarava oder Garry Winogrand die Metropole New York so, wie sie sie sahen: als eine Stadt im Umbruch. Die Street Photography feierte den Highway als Lebensraum. Zu einer Zeit, als die Straße auch von der Stadtplanung entdeckt und neu gestaltet wurde. Bildmagazine wie „Life“ und „Look“ hingegen blendeten diese Entwicklung völlig aus. Sie idealisierten stattdessen das Bild der amerikanischen Vorstadt – und förderten damit noch die Flucht in die Stadtrandbezirke.

Mit ihrer Dissertation „Die Stadt, der Highway und die Kamera“ beleuchtet die Kunsthistorikerin Jutta von Zitzewitz eben jenen Zusammenhang von Fotografie und Stadtplanung. In ihrer bildwissenschaftlichen Studie arbeitet sie erstmals heraus, wie die Street Photography und die Magazinfotografie nicht nur die Stadtentwicklung spiegeln. Sie stießen auch die öffentliche Debatte darüber und prägten ihren Verlauf. (kb, 5.10.14)

Zitzewitz, Jutta von, Die Stadt, der Highway und die Kamera. Fotografie und Urbanisierung in New York zwischen 1945 und 1965, Deutscher Kunstverlag München 2014, 272 Seiten, broschiert, 118 Schwarzweiß/9 Farbabbildungen, 17 x 24 cm, ISBN 978-3-422-07206-0.

 

Blick zurück nach vorn

Tagung in Berlin: "Blick zurück nach vorn" (Bild: Arbeitskreis Kunst in der DDR)
Tagung in Berlin: „Blick zurück nach vorn“ (Bild: Arbeitskreis Kunst in der DDR)

Am 6. und 7. November 2014 findet in Berlin die fünfte Tagung des Arbeitskreises Kunst in der DDR statt. Der Arbeitskreis, der seit 2008  besteht, ist am kunsthistorischen Lehrstuhl von Prof. Dr. Sigrid Hofer an der Philipps-Universität in Marburg angesiedelt. Jeden Herbst finden Tagungen zu unterschiedlichen Themen statt. Für 2014 steht steht die Veranstaltung unter dem Motto „Architektur und Stadtplanung in der DDR“. Sie wird in Zusammenarbeit mit PD Dr. Christoph Bernhardt vom Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung in Erkner an der Technischen Universität Berlin ausgerichtet.

Die Themen reichen dieses Mal von der Architekturtheorie über sozialistische Zentrumsplanungen und Umgang mit Altbauten bis zu Fragen der Denkmalwürdigkeit und Aneignung. Einer der Höhepunkte dürfte die Podiumsdiskussion sein: Bruchlinien im Städtebau zwischen Alt und Neu. Namhafte Vertreter der Architektur- und Städtebauforschung unterschiedlicher Generationen werden ihre Standpunkte sicher auch streitbar austauschen: Prof. Dr. Thomas Topfstedt, Prof. Dr. Kerstin Wittmann-Englert, Dr. Matthias Lerm und Dr. Andreas Butter. (tm, 1.10.14)