Ulrich Müther

Wartet auf Sanierung: Die Hyparschale in Magdeburg (Bild: Ola2, CC-By-SA 3.0)

Magdeburg: Hyparschale vor der Sanierung

In Magdeburg gammelt an der Elbe seit Jahren die Hyparschale vor sich hin. Der denkmalgeschützte Schalenbau von Ulrich Müther wurde 1997 baupolizeilich gesperrt und harrt seitdem der Sanierung. Die Suche nach Investoren verlief jahrzehntelang erfolglos. Nun zeichnet sich aber ein Ende der Durststrecke ab: die Stadt Magdeburg will die Sanierung selbst in die Hand nehmen. Vor einigen Tagen äußerte sich Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) erstmals konkret zur Zukunft des Baudenkmals.

So soll der weitläufige Innenraum der Hyparschale künftig von einer kubischen Binnenarchitektur charakterisiert werden. Würfelartige Baukörper könnten Cafés, Konferenzsälen und Veranstaltungsräumen Platz bieten. Die Idee mit den Kuben ist nicht neu: bereits 2015 bemühte sich eine Magdeburger Geschäftsfrau mit einem ähnlichen Nutzungskonzept um Investoren. Seinerzeit ließen sich aber nicht genügend private Geldgeber davon überzeugen. Künftig soll die städtische Messe- und Veranstaltungsgesellschaft die Bewirtschaftung des Baus übernehmen. Die Hyparschale wurde 1969 nach Plänen Ulrich Müthers errichtet und gilt als wichtiges Zeugnis der Ostmoderne. (jr, 12.11.17)

Hyparschale, Magdeburg (Bild: Ola2, CC BY SA 3.0)

Postkartendeition Müther (Bild: Hochschule Wismar,Georg Hundt)

Liebesgrüße aus Wismar

„Send us a postcard from your brutiful holidays!“ bat das Deutsche Architekturmuseum kürzlich in Vorbereitung auf die Ausstellung „SOS BRUTALISMUS – Rettet die Betonmonster!“. Das Müther-Archiv in Wismar hat prompt eine passende Vorlage geliefert: Zum 10. Todestag des Architekten und Bauingenieurs Ulrich Müther gibt das an der Hochschule Wismar angesiedelte Institut eine Postkartenedition mit Fotografien der Magdeburger Hyparschale heraus.

Die Postkarten sind auch als SOS-Ruf zu verstehen. Die Hyparschale, ein denkmalgeschützter Bau Müthers aus dem Jahr 1969, ist seit 1997 baupolizeilich gesperrt und droht zu verfallen. Mit ihrem Betonschalendach in Form von vier hyperbolischen Paraboloiden steht sie exemplarisch für die Architektur Müthers und ist ein wertvolles Zeugnis der Ostmoderne. Bislang sind alle Rettungs- und Umnutzungsversuche gescheitert, kürzlich kündigte die Stadt jedoch an, in die Sanierung der Halle investieren zu wollen. Die Postkartenedition ist zum Preis von 5 Euro direkt beim Müther-Archiv an der Hochschule Wismar zu haben. Mütherfans sollten mit dem Kauf nicht zu lange zögern: die Auflage ist auf 100 Exemplare limitiert. (jr, 29.8.17)

Bildquelle: Hochschule Wismar/Georg Hundt

Die futuristische Rettungsstation auf Rügen ist einer der bekanntesten Bauten Müthers (Bild: Kra)

Müther-Nachlass wird erschlossen

Eine gute Nachricht für alle Wissenschaftler, die sich mit der Ostmoderne beschäftigen: der umfangreiche Nachlass des Architekten und Bauingenieurs Ulrich Müther wird erschlossen. Im Rahmen des Verbundprojekts „Sonderbauten der DDR-Moderne“ wollen die Hochschule Wismar und die Berliner Akademie der Künste ein eigenes Architekturarchiv aufbauen. Zu den umfangreichen Beständen des Nachlasses gehören Architekturpläne, Akten, Modelle und Fotografien sowie Mobiliar und diverse technische Geräte aus dem Büro Ulrich Müthers – darunter der originale Robotron-Computer des Architekten! Den Wert dieses architekturhistorischen Schatzes hat auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung erkannt, dass das Projekt mit rund 470.000 Euro fördert.

Müther machte besonders mit seinen schwungvollen Schalenbauten von sich reden. Mit der Rettungswache in Binz, dem Berliner Ahornblatt und der Magdeburger Hyparschale plante er ikonische Bauten der DDR. Der Nachlass befindet sich bereits seit 2006 im Besitz der Hochschule Wismar, konnte aber bislang nicht systematisch erfasst werden. Das nun angestoßene Projekt soll die Grundlage für das erste Architekturarchiv der Moderne in Mecklenburg-Vorpommern schaffen. (jr, 22.4.17)

Rügen, Rettungsstation (Bild: PD)

Ulrich-Müther-Instawalk

Die futuristische Rettungsstation auf Rügen ist einer der bekanntesten Bauten Müthers (Bild: Kra)
Die futuristische Rettungsstation in Binz auf Rügen ist einer der bekanntesten Bauten Müthers (Bild: Kra)

Wieder so ein Kunstwort: Ein Instawalk verbindet Instagram und Walk, meint also einen Spaziergang, den man mithilfe des Smartphone-Apps Instagram bebildert. Viel spannender ist das Thema der Fotosafari: die futuristischen Bauten des Bauingenieurs Ulrich Müther, der vor allem Rügen zu DDR-Zeiten mit seinen futuristischen Schalenbauten prägte. So ist es nur konsequent, dass der Ulrich-Müther-Instawalk am 3. September auf er Ostseeinsel stattfindet.

Die Teilnehmer starten um 12 Uhr am Haus des Gastes in Binz (Heinrich-Heine-Straße 7) und begeben sich bis ca. 17 Uhr auf eine Tour entlang der Müther-Schalenbauten: Rettungsturm und Bushaltestelle in Binz, Inselparadies in Baabe, Schwimmhalle und Dach des Cliff Hotels in Sellin, Buschvitz, Kurmuschel in Sassnitz, Ostseeperle in Glowe. Auf Wunsch (Kosten selbst zu tragen) wird per Mailanfrage (social@ruegen.de ) eine Übernachtung organisiert. Fakultativ gibt es für diejenigen, die von Samstag auf Sonntag übernachten, am Sonntagvormittag noch einen Programmpunkt zur Bäderarchitektur. Verbindliche Anmeldung unter Angabe des Instagram-Accounts werden erbeten bis zum 15. August an: social@ruegen.de. Die Teilnehmer werden am 17. August informiert. (kb, 29.7.16)

Extra-Tipp: Mehr gibt es im mR-Themenheft – mit einem reich bebilderten Beitrag über Müthers Schalenbauten von Matthias Ludwig, Leiter des Müther Archivs in Wismar.

Die eckige Ostseeperle

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Glowe auf Rügen: im Vordergrund die Ostseeperle von Ulrich Müther, im Hintergrund der Neubau (Bild: Hotel Ostseeperle)

Schon mit einer unserer letzten Meldungen waren wir bei den „Prora“-Ferienwohnungen auf Rügen, also bleiben wir doch einfach etwas länger in der Gegend! In einem Apartmenthotel von Ulrich Müther, dem „Schalenbauer der DDR“. Das Restaurant der Ostseeperle in Glowe auf Rügen ist eines seiner typischen Bauwerke und ganz ähnlich konstruiert wie der „Teepot“ in Warnemünde oder das abgerissene „Ahornblatt“ in Berlin: Die geometrische Stahlbetondecke ist selbsttragend, das ermöglicht großzügige Fensterflächen. Bei der Ostseeperle öffnen sich diese zur See hin, das macht das Lokal zu einem beliebten Sundowner-Treffpunkt und zu einem Denkmal für die moderne Architektur der DDR.

Der Dortmunder Architekt Arne Knaak entdeckte und erschloss das alte Gebäude von 1968 wieder neu: Er baute sein Hotel in respektvollem Abstand und verband es mit dem von Müther mit einem ebenerdigen Gang. Der Altbau beherbergt wie damals das Lokal, im Neubau sind die Hotelzimmer untergebracht. Vielleicht wäre diese Erfolgsgeschichte ja auch ein Konzept für Müthers Hyparschale in Magdeburg? (ps, 27.4.16)

Wer rettet die Hyparschale?

Wartet auf Sanierung: Die Hyparschale in Magdeburg (Bild: Ola2, CC-By-SA 3.0)
Wartet auf Sanierung: die Hyparschale in Magdeburg (Bild: Ola2, CC BY SA 3.0)

In Magdeburg dämmert die denkmalgeschützte Hyparschale seit Jahren vor sich hin. Bereits 1997 wurde sie baupolizeilich gesperrt, die dringend notwendige Sanierung lässt dennoch auf sich warten. 2013 beschloss der Magdeburger Stadtrat, anderthalb Millionen Euro in den Erhalt der Dachkonstruktion zu investieren. Seit ein Gutachten die Kostenkalkulation aber als unrealistisch einschätzte, liegt auch dieser Plan auf Eis.

Nun kommt aber wieder Bewegung in die Sache. Der Stadtrat hat das Bauwerk erneut zum Verkauf bzw. Verpachtung ausgeschrieben. Eine potentielle Investorin ruft Unternehmen und Geschäftsleute dazu auf, ihren Teil zum Erhalt der Hyparschale beizutragen. Bereits im November 2015 hatte die Magdeburger Geschäftsfrau Babette Schmidt in der Magdeburger Volksstimme für ein Konzept geworben, dass eine Nutzung der Halle für mehrere Investoren vorsieht. Im Innenraum der Halle sollen drei kubische Baukörper mit Büroräumen werden. Die Halle selbst soll aber der Öffentlichkeit zugänglich bleiben und Besucher mit einem Café sowie dem beeindruckenden Blick auf die Elbe locken. Schmidt rief andere Investoren jüngst dazu auf, eigene Ideen einzubringen und sich damit an der Rettung des Bauwerks zu beteiligen. Die Hyparschale wurde 1969 nach Plänen Ulrich Müthers errichtet und gilt als Ikone der Ostmoderne. (jr, 12.01.16)

Müther schon vergriffen

Die futuristische Rettungsstation auf Rügen ist einer der bekanntesten Bauten Müthers (Bild: Kra)
Die futuristische Rettungsstation auf Rügen ist einer der bekanntesten Bauten Müthers (Bild: Kra)

„Unerhörte Orte“ – am 17. September 2015 zählen die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern auch die Ost-Moderne dazu. „Auf den Spuren des DDR-Architekten Ulrich Müther“ ein Vortrag von Professor Matthias Ludwig, Leiter des Müther-Archivs, eine Architekturführung per Bus mit Erik Maroko M. A. und ein Konzert mit Carolina Eyck im Müther-Rettungsturm am Strand von Binz auf Rügen geboten. Ulrich Müther (1934-2007), dessen Nachlass seit 2006 an der Hochschule Wismar verwahrt wird, gilt als Meister der HP-Schale. Nicht nur in der DDR, sondern auch für weltweite Projekte überspannte er öffenltiche Räume mit nur wenige Zentimeter starken geschwungenen Dächern.

Ausgewählte Müther-Bauten, so beispielsweise das Schwimmbad im Cliff-Hotel Sellin, sollen angesteuert werden. Das Finale bildet ein kurzes Konzert: Carolina Eyck spielt das futuristische Instrument Theremin im Binzer Rettungsturm. Die Tour startet jeweils um 13:00 Uhr, 15:15 Uhr und 17:30 Uhr am Haus des Gastes (Heinrich-Heine-Straße 7, Binz). Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Die Karten waren schon innerhalb kurzer Zeit bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern (0385 5918585) vergriffen. Für weitere Informationen zum Müther-Archiv wenden Sie sich bitte direkt an Prof. Matthias Ludwig, 03841/7537180, matthias.ludwig@hs-wismar.de. (kb, 6.5.15)

Rennpappe als Reiseführer

Bislang nicht als Umweltschützer bekannt: der Trabant (Bild: Tourismuszentrale Rügen)
Bislang nicht als Umweltschützer bekannt: der Trabant (Bild: Tourismuszentrale Rügen)

Der Trabant ist längst mehr als nur ein Auto. Als Volkswagen der DDR ist er hochgradig symbolisch aufgeladen und verkörpert die rückständige Planwirtschaft ebenso wie die Euphorie der Wiedervereinigung oder die Ostalgiewelle Anfang der 2000er. Für eines stand er bislang aber sicher nicht: Umweltschutz. Die Insel Rügen will dieses Image zum 25. Jubiläum der deutschen Einheit korrigieren. Ab dem 2. April 2015 kann man die Insel zwei mal täglich im Rahmen einer geführten „Nostalgiereise“ erkunden, den Transport übernehmen keine Doppeldeckerbusse, sondern drei modifizierte Trabis. Statt des Zweitaktmotors werden sie von Elektromotoren angetrieben und sollen somit 25 Jahre nach dem Mauerfall für Geschichtsbewusstsein und nachhaltigen Tourismus werben.

Die zweieinhalb Stunden lange Tour beginnt in Binz und legt ihren Schwerpunkt dem vierrädrigen Reiseleiter entsprechend auf die jüngere Geschichte der Insel Rügen. Auf dem Programm stehen unter anderem die Binzer Rettungsstation von Ulrich Müther und der „Koloss von Prora“. Der viereinhalb Kilometer lange Häuserblock am Strand der Insel wurde von den Nazis als KdF-Seebad Rügen begonnen und in DDR-Zeiten als Kaserne genutzt. Die Tour kostet 29 Euro pro Person, anmelden kann man sich hier. (jr, 31.3.15)

Ulrich Müther lockt nach Binz

Die futuristische Rettungsstation auf Rügen ist einer der bekanntesten Bauten Müthers (Bild: Kra)
Die futuristische Rettungsstation auf Rügen wird heute von der Stadt Binz für kleine Ausstellungen und standesamtliche Trauungen genutzt (Bild: Kra)

Am 21. Juli wäre der Architekt und Bauingenieur Ulrich Müther (1934-2007) 80 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass kündigt das Müther-Archiv der Uni Wismar gleich zwei Ausstellungen auf Rügen an. Die erste ist unter dem Titel „Ulrich Müther – in Beton gegossen“ bis zum 28. September 2014 im Museum Ostseebad Binz zu sehen. In Binz findet sich mit der Rettungsstation eines von Müthers berühmtesten Bauwerken. Die zweite Ausstellung wird vermutlich 2015 in Putbus präsentiert. Anfang 2014 lockte eine Müther-Ausstellung in Stuttgart bereits zahlreiche Besucher an.

Ulrich Müthers gebogene Betonschalen erreichten eine Eleganz, die auch über die Grenzen des Landes hinaus Beachtung fand. So realisierte er nicht nur Projekte in den Staaten des Warschauer Pakts, sondern auch in der Bundesrepublik, Finnland und sogar in Kuwait und Jordanien. Zu seinen prominentesten Bauten zählen die Hyparschale in Magdeburg und das inzwischen abgerissene „Ahornblatt“ in Berlin. Und wer sich vor Eröffnung der geplanten Ausstellung(en) schon einmal einstimmen möchte, kann im Buch von Rahel Lämmler und Michael Wagner schmökern – oder sich noch rasch in der Binzer Rettungsstation standesamtlich trauen lassen. Vom 1. Oktober 2014 bis zum 31. März 2015 bleibt sie dann wegen Sanierung geschlossen. (jr, 20.7.14)

FACHBEITRAG: Müthers Futurismus

von Matthias Ludwig (Heft 16/3)

Binz, Strandwache (Bild: Müther Archiv)
Binz, Strandwache (Bild: Müther-Archiv)

Das Land Mecklenburg-Vorpommern wird vor allem durch seine Lage an der Ostsee und seine charakteristische Landschaft geprägt: zwischen weiten Feldern und im Küstennebel heben sich monumentale Backsteinkirchen, Schlossanlagen und imposante Felsenformationen hervor – ganz so wie vom Maler Caspar David Friedrich einst festgehalten. Die landwirtschaftlich geprägte Region hat sich seit dem 19. Jahrhundert und auch in 45 Jahre DDR, die architektonisch vor allem für ihre Wohnanlagen in industrieller Plattenbauweise bekannt ist, wenig verändert. Jedoch sind in dieser Zeit viele ungewöhnliche Betonschalenbauten entstanden, die nach der politischen Wende 1989 in Vergessenheit geraten waren und erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts „wiederentdeckt“ wurden.

 

Von den Anfängen der Betonschale

Ihr Erfinder war der in Binz auf der Insel Rügen geborene Ingenieur und Bauunternehmer Ulrich Müther (1934-2007). Damals wie heute ist die Insel Rügen mit ihren langen Sandstränden, dichten Kiefernwäldern und traditionellen Bäderbauten eine der beliebtesten Urlaubsregionen in Deutschland. Das war mit ein Grund dafür, dass Müther dort mitten im Sozialismus seine u. a. touristisch genutzten Solitärbauten realisieren konnte. Ab den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden so zunächst auf der Insel Rügen und in Mecklenburg-Vorpommern, später dann in der ganzen DDR seine Betonschalenbauten, vor allem Gaststätten, Pavillons, Kirchen, Sportstätten und Veranstaltungshallen. Mit ihrer Eleganz und Modernität gaben sie den großen Plattenbau-Wohngebieten eine individuelle Note. Daher wurden sie durch die sozialistische Regierung bewusst als faszinierende Vorzeigeprojekte gefördert, mit denen man die Modernität des politischen Systems beweisen wollte. Die Schalenbauwerke wurden für die DDR auch zu einem wichtigen Exportartikel und so konnte Müther in späteren Jahren sogar im Ausland bauen.

Baabe, Buchkiosk (Bild: Müther Archiv)
Baabe, Buchkiosk (Bild: Müther-Archiv)

In der Architektur waren Schalenformen bereits ab den 1920er Jahren verwendet worden, sie hatten sich aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg verbreitet und waren zum bevorzugten Bausystem für mittlere und große Spannweiten worden. Besonders prägend waren dabei der Spanier Felix Candela (1910-97) und der Schweizer Heinz Isler (1926-2009). Das Ingenieurstudium von Ulrich Müther fiel in die Aufbruchszeit des internationalen Betonschalenbaus und so hatte er sich während seiner Studienzeit intensiv mit dem Thema Schalenbau beschäftigt. Über Auslandsbeziehungen war er in Kontakt mit anderen Schalenbauern gekommen, ließ sich aber vor allem von Candela inspirieren, der als einer der ersten die neue Formenvariante des hyperbolischen Paraboloids in den Schalenbau eingebracht hatte.

Da Müther bereits seit 1958, parallel zum Studium, technischer Leiter des elterlichen Bauunternehmens in Binz war, nutzte er die Gelegenheit, dort mit Versuchsschalen im kleinen Maßstab zu experimentieren und so empirische Kenntnisse für zukünftige Projekte zu sammeln. Insofern war es nur konsequent, dass er 1963 das Studium als Bauingenieur an der Technischen Hochschule Dresden mit einer Diplomarbeit über „Hyperbolische Paraboloidschalen“ abgeschlossen hat. Diese sog. Hyparschalen, kurz HP-Schalen, wurden zu Müthers Markenzeichen. Mit dem Bau seiner Diplomarbeit, der Überdachung eines Mehrzwecksaals für das Betriebsferienheim „Haus der Stahlwerker“ 1964 in Binz (abgerissen 2002), realisierte er den ersten Hyparschalenbau aus Stahlbeton in der DDR.

 

Eine konkurrenzlose Sonderstellung

1966 machte Müther dann mit der Halle für die Ostseemesse in Rostock-Schutow von sich reden, die er mit seinem 1960 zur Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH Bau Binz) umgewandelten Betrieb erstellte. Die Konstruktion mit zwei zueinander versetzt angeordneten, nur 7 Zentimeter dünnen HP-Schalen mit einer Spannweite von 20 x 20 Metern begeisterte das große Publikum und die Politiker. Daher erhielt Müther in der Folge mehrere Aufträge für Kulturbauten und Gaststätten mit Hyparschalendächern. 1972 wurde sein Betrieb als Genossenschaft zum volkseigenen Betrieb, dem VEB Spezialbeton Rügen. Er konnte allerdings als Direktor die Leitung weiterführen und dieser hatte durch die Spezialisierung auf Betonarbeiten eine konkurrenzlose Sonderstellung in der DDR.

Warnemünde, Teepott (Bild: Müther Archiv)
Warnemünde, Teepott (Bild: Müther-Archiv)

Im streng reglementierten Ostdeutschland konnte Müther seine Bauten in Zusammenarbeit mit Architekten, Ingenieuren und Baufachleuten nicht nur zu entwerfen und konstruieren, sondern sie auch mit teils bis zu 100 Mitarbeitern selbst errichten, denn Planung und Bauausführung lagen von der ersten Berechnung bis zur handwerklichen Fertigstellung in seiner Hand. Selbst nannte er sich bescheiden „Landbaumeister aus Binz“, in der DDR waren seine Konstruktionen allerdings sehr beliebt. Müther verwirklichte mehr als 60 teils wegweisende Betonschalenkonstruktionen, wobei die bekanntesten der „Teepott“ in Rostock-Warnemünde (1968) und der „Rettungsturm“ der Strandwache in Binz (1981) sein dürften. Nach der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands wurde der Betrieb 1990 an Ulrich Müther zurückübertragen. Der Betonschalenbau spielte zu dieser Zeit im Westen schon keine Rolle mehr, auch weil die arbeitsintensiven Sonderkonstruktionen und der aufwendige Schalungsbau zu teuer waren. So musste Müther das Unternehmen 1999 aufgeben. Im Jahr 2007 verstarb Ulrich Müther in Binz.

 

Ein Modellprojekt für zwei Müther-Bauten

Berlin, Ahornblatt (Bild: Müther Archiv)
Berlin, Ahornblatt (Bild: Müther-Archiv)

Viele seiner Bauten sind nach der Wiedervereinigung umgenutzt worden oder stehen bis heute leer und sind dem Vandalismus preisgegeben, manche wurden unsachgemäß saniert, einige sogar abgerissen. Ironischerweise führte aber gerade ein solcher Abriss zu einer breiten Diskussion über die Erhaltung von Müther-Bauwerken: Im Jahr 2000 wurde das seit 1995 unter Denkmalschutz stehende „Ahornblatt“ in Berlin abgerissen, das 1973 aus fünf zusammengesetzten HP-Schalen als Gaststätte und gesellschaftliches Zentrum für das Wohngebiet Fischerinsel gebaut worden war. Angeregt dadurch hatte Müther begonnen, alle erhaltenen Unterlagen, Modelle und Pläne zu ordnen und diese schließlich 2006 als „Müther-Archiv“ an die Hochschule Wismar übergeben.

Seitdem konnte das Archiv öffentlichkeitswirksam mehrere Ausstellungen und Publikationen auf den Weg bringen. Nicht zuletzt dank dieser Vorarbeit wurde aktuell auf Rügen, der Heimat von Müther, ein Projekt mit Modellcharakter für zwei seiner Bauwerke begonnen: der Rettungsturm in Binz und die Kurmuschel in Sassnitz sollen bautechnisch untersucht und saniert werden. Die Kosten trägt die Wüstenrot Stiftung. Die beiden genannten Gebäude waren in den letzten Jahren unter Denkmalschutz gestellt worden, die Kurmuschel erst 2014 aufgrund der oben genannten Aktivitäten. In engem Austausch mit dem Müther-Archiv erfolgen nun zunächst die Voruntersuchung und Zustandserfassung. Auf deren Basis soll ein Maßnahmenkatalog für eine sach- und denkmalgerechte Sanierung erstellt werden. Die Wüstenrot Stiftung übernimmt dabei die verantwortliche Bauherrschaft.

 

Betonbauten von großer Leichtigkeit

Binz, Buswartehalle (Bild: Müther Archiv)
Binz, Buswartehalle (Bild: Müther Archiv)

Müther hatte den Betonschalenbau zu einer architektonischen, ingenieurtechnischen und ästhetischen Perfektion gebracht. Alle seine Konstruktionen sind äußerst filigran und haben eine große Leichtigkeit. Eine von ihm entworfene und noch erhaltene HP-Versuchsschale zeigt deutlich die Form der aus geraden Brettern eingeschalten HP-Schale mit ihren beiden entgegengesetzten Krümmungen. Sie ist nur 5,5 Zentimeter dünn und 7 x 7 Meter groß und wurde 1967 in Binz an der Proraer Chausee/Dollahner Straße gebaut, um die Berechnungen für die Überdachung der Mehrzweckhalle in Rostock Litten-Klein (gebaut 1968) zu überprüfen. Nachdem sie über viele Jahre als Buswartehalle genutzt wurde, sind heute die späteren Einbauten entfernt und man glaubt, eine Freiraumskulptur zu sehen.

Ein Netzwerk aus Armierungsstahl bildet immer die formgebende Grundlage dieser Bauweise. Es ist für den aufgebrachten Beton sozusagen „Putzträger“ und bei den Schalen aus Spritzbeton auch Schalung. Da es das geometrische Modell einer Schale ermöglicht, die Form der Konstruktion direkt auf den statischen Kräfteverlauf hin abzustimmen, bedeutet dies eine sehr hohe Steifigkeit bei geringer, nur konstruktiv absolut notwendiger Materialstärke. Die teils nur wenige Zentimeter dünnen Schalen aus Stahlbeton können große Weiten scheinbar mühelos überspannen. Müther z. B. überbrückte Spannweiten von bis zu 40 Metern mit einer nur 7 Zentimeter starken Konstruktion ohne Stützen.

Müther hat neben den HP-Schalen weitere Typen wie Buckel- und Hängeschalen sowie auch freie Formen ausprobiert, die teils Unikate geblieben und nicht in Produktion gegangen sind. So ist es ihm gelungen, durch die Kombination von gestützten und aufgehängten Bewehrungsnetzen sehr anspruchsvolle Konstruktionen herzustellen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Schwimmbadüberdachung des ZK-Heims in Sellin auf Rügen, 1977 gebaut als asymmetrische Hängeschale (heute Cliff-Hotel). Außerdem entwickelte Müther die Technik weiter, indem er vor allem Spritzbeton einsetzte und ohne Schalung auf feinmaschiges Drahtnetz „torkretierte“. Für die in den USA entwickelte Spritzbetontechnologie erhielt die namensgebende Firma Torkret 1920 in Deutschland das Patent. Das Verfahren kam vorwiegend bei Tunnelbau und Betonsanierung zum Einsatz. Dabei wird der Beton flüssig auf die vorher angefertigte Schalung aufgebracht und erzielt nach dem Trocknen seine Tragwirkung. Auch bei den beiden Bauwerken des aktuellen Modellprojektes, die im Folgenden detailliert vorgestellt werden, kam dieses Verfahren zur Anwendung.

 

Die Strandwache von Binz

Binz, Strandwache (Bild: Müther Archiv)
Binz, Strandwache (Bild: Müther Archiv)

1975 baute Müther, nach einem Entwurf des Architekten Dietrich Otto (geb. 1943), den Rettungsturm für den Wasserrettungsdienst (WRD) des Deutschen Roten Kreuzes als Station für die Rettungsschwimmer an der westlichen Strandpromenade von Binz. Der Turm diente aus Aussichtsplattform und hatte die Anmutung eines am Strand gelandeten Ufos. Die Konstruktion besteht aus zwei doppelt gekrümmten Schalen aus armiertem Stahlbeton. Diese wurden über einer in Sand modulierten Positivform im Müther’schen Betrieb gegossen, die beiden Hälften dann am Strand zusammengesetzt und auf die zuvor betonierte Stütze mit Kragarmplatte montiert. Die Größe betrug 5,5 x 5,5 Meter, die Schalendicke von 7 bis 16,5 Zentimetern.

Leider wurde der Turm 1993 abgerissen, als in Verlängerung der Hauptstraße an seiner Stelle die Seebrücke wieder aufgebaut wurde. Erfreulicherweise hatte der VEB Spezialbeton aber 1977 den Auftrag für einen weiteren Rettungsturm an der östlichen Strandpromenade von Binz erhalten. Dieser wurde 1981/82 erstellt, wobei die noch vorhandene Form des Rettungsturms von 1975 wiederverwendet werden konnte. Allerdings ist die Mittelstütze verkürzt, die Betonkragplatte fehlt und der Zugang vom Strand erfolgt über eine simple Stahltreppe. Die Schale dieses Turms ist noch dünner und beträgt lediglich zwischen 3 und 5 Zentimeter, denn durch die Verwendung von Ferrozement konnte die Bewehrung reduziert und mit Sechseckdrahtgeflecht (Karnickeldraht) verstärkt werden.

Nach der Wende wurde der Turm bis 2003 von der DLRG (Deutsche Lebensrettungsgesellschaft) als Rettungswache genutzt, 2003/04 saniert und bis vor kurzem von Frau Zydowitz-Müther (der Witwe von Ulrich Müther) als Büro- und Galerieraum genutzt. Seit 2006 dient er zudem als Trauungsraum für das Standesamt in Binz. Er hat bereits mehrere, teils unsachgemäße Sanierungen, u.a. mit einem Austausch der Holzfenster erfahren. Zudem sind Einbauten entfernt bzw. neue Einbauten vorgenommen worden, die nicht dem ursprünglichen Entwurf entsprechen. Vor allem durch die Nutzung sind Schäden entstanden, die sich z.B. in Kondenswasserbildung mit den entsprechenden Folgen äußern. Um den weiteren Erhalt zu gewährleisten ist eine Sanierung dringend erforderlich.

 

Die Kurmuschel von Sassnitz

Sassnitz, Kurmuschel (Bild: Müther Archiv)
Sassnitz, Kurmuschel (Bild: Müther-Archiv)

1987 wurde als Projekt der Kunsthochschule Berlin-Weissensee mit dem Architekten Dietmar Kuntzsch und dem Ingenieur Otto Patzelt die sogenannte „Kurmuschel“ als skulpturaler Musikpavillon erstellt. Er steht am Ende der Kurpromenade von Sassnitz auf dem Kurplatz und besteht aus einer zentralen fächerförmigen Betonskulptur und zwei seitlich angeordneten Funktionsgebäuden auf einer dreistufig erhöhten Bühne.

Die muschelförmige Konstruktion besteht aus einer viertelkreisförmigen Reihung von sieben, sich nach oben zu einem Dach auffächernden HP-Schalen. Für diese wurde zunächst ein Gitter aus gebogenen Armierungseisen gefertigt und auf das daran befestigte Drahtnetz (Karnickeldraht) ohne weitere Hilfsschalung Spritzbeton aufgebracht. Die seitlich angeordneten Funktionsräume wurden aus Zement-Hohlblocksteinen gemauert, verputzt und wie das Schalenbauwerk mit einem hellen Anstrich versehen. Die Kurmuschel selbst hat einen Durchmesser von 11 Metern, eine Höhe von ca. 6,90 Metern und eine Schalendicke 5-15 Zentimetern. Die größte Ausdehnung der Anlage beträgt 20 x 10 Meter.

Das Bauwerk wurde 2006 saniert, aktuell besteht jedoch wieder Sanierungsbedarf. Zudem wird die im Rahmen des Projekts erfolgende Untersuchung der mehrschichtigen Farbfassungen zeigen, ob die ursprünglich geplante farbige Gestaltung tatsächlich umgesetzt worden ist. In der Kurmuschel finden regelmäßig Konzerte und andere Veranstaltungen statt. Das nun dank der Wüstenrot Stiftung begonnene Modellprojekt auf Rügen ist ein großer Schritt auf dem weiten Weg, den Schalenbauwerken von Ulrich Müther die ihnen zustehende Wertschätzung zu geben. Verbunden ist das Projekt mit der Hoffnung, dass die Müther’schen Konstruktionen bald auch außerhalb von Fachkreisen als architektonischen Kulturerbe wahrgenommen und auch andernorts, nicht nur auf der Insel Rügen, geschätzt und mit der entsprechenden Sorgfalt erhalten werden.

 

Rundgang

Seltene historische Aufnahme ausgewählter Müther-Bauten aus dem Müther-Archiv …

 

Literatur

Seeböck, Tanja, Schwünge in Beton – Die Schalenbauten von Ulrich Müther, Schwerin 2016.

Der Musikpavillon in Sassnitz auf Rügen (Publikationen des Müther-Archivs 2), Wismar 2015.

Die Rettungstürme 1 und 2 (Publikationen des Müther-Archivs 1), Wismar 2014.

Lämmler, Rahel/Wagner, Michael, Ulrich Müther Schalenbauten in Mecklenburg-Vorpommern, Sulgen/Zürich 2010.

Scheurmann, Ingrid/Helbig, Olav (Hg.), DenkMale des 20. Jahrhunderts, Dresden 2010.

Dechau, Wilfried (Hg.), Kühne Solitäre. Ulrich Müther – Schalenbaumeister der DDR, Stuttgart 2000.