Wohnungsbau

LBS-Werbung der 1970er Jahre (Bild: youtube Still)

„Eigenheimzulage“ auf Englisch?

Die Idee der eigenen vier Wänden hat in Deutschland viele Anhänger. Dazu trugen neben staatlicher Förderung auch die jahrzehntelange Überzeugungsarbeit eines schwäbischen Fuchses oder die werbewirksam beschworenen neue Attraktivität des Spießertums bei. Noch populärer ist die Idee aber in den USA, wo das Eigenheim als elementarer Bestandteil des American Dream gilt. Eine jüngst erschienene Monographie beleuchtet den US-amerikanischen Wohnungsbau im 20. Jahrhundert.

Während im Europa nach dem Zweiten Weltkrieg der soziale Wohnungsbau mit seinen Großsiedlungen die Stadtränder prägte, galt dies in den USA als sozialistisches Teufelszeug. Die Untersuchung legt ihren Fokus aber nicht nur auf die US-amerikanischen Häuslebauer und die entsprechenden nationalen politischen und wirtschaftlichen Prozesse, sondern nimmt das US-amerikanische Eigenheim auch als kulturelles Exportgut in den Blick. So versuchte die Regierung der USA etwa, durch verschiedene Projekte die Zahl der Hausbesitzer in Taiwan, Burma und Südkorea zu erhöhen. Im Weißen Haus hoffte man auf einen entscheidenden Vorteil im Kalten Krieg, US-amerikanische Investoren witterten große Geschäfte. Und dabei wirkte der Fuchs immer so unpolitisch … (jr, 10.9.17)

Kwak, Nancy H., A World of Homeowners. American Power and the Politics of Housing Aid, University of Chicago Press, London 2015, ISBN 978-0-22628-235-0.

Titelmotiv: LBS-Werbung der 1970er Jahre (Bild: youtube Still)

100 Jahre Großberlin (Bild: Lukas Verlag)

100 Jahre Groß-Berlin

Am 1. Oktober 1920 wurde die Einheitsgemeinde Groß-Berlin geschaffen. Die Hauptstadt des Deutschen Reiches sollte damit den politischen Querelen der kommunalen Zersplitterung enthoben werden und durch umfassende Maßnahmen zu einer modernen Metropole transferiert werden. Die Stadtfläche wuchs damit um das Dreizehnfache, die Bevölkerungszahl verdoppelte sich von 1,9 auf knapp 3,9 Millionen, was Berlin zur drittgrößten Stadt der Welt machte. Anlässlich des bevorstehenden 100-jährigen Jubiläums widmen sich eine Tagungs- und Publikationsreihe der Geschichte und Zukunft Groß-Berlins. Der erste Band wird am 11. Juli vorgestellt.

Der Sammelband widmet sich dem Schwerpunktthemen „Wohnungsfrage und Stadtentwicklung“. Das Groß-Berlin-Gesetz bildete in den Jahren nach 1920 die Grundlage für vielfältige Wohnbauaktivitäten. Historisch und aktuell orientierte Beiträge fragen nach der Geschichte des Groß-Berliner Wohnungsbaus sowie seinen aktuellen Herausforderungen und ziehen Vergleiche zu Paris, London und Moskau. Zur Buchvorstellung am 11. Juli (19.30 Uhr, Bücherbogen am Savignyplatz, Stadtbahnbogen 593, 10623 Berlin) werden die Herausgeber des Bandes, Harald Bodenschatz und Klaus Brake, erwartet. (jr, 9.7.17)

Bodenschatz, Harald/Brake, Klaus: 100 Jahre Groß-Berlin. Bd. 1: Wohnungsfrage und Stadtentwicklung, Lukas Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-86732-290-4.

Titelmotiv: Ausschnitt aus dem Buchcover (Lukas Verlag)

Neuer Wohnen

Dresden, Freiberger Straße mit Citroen DS (Bild: Deutsche Fotothek, CC BY SA 3.0, 1962. Richard Peter)
Zwischen Effizienz und Eleganz: der europäische Wohnungsbau, hier ein Beispiel aus Dresden (Bild: Deutsche Fotothek, CC BY SA 3.0, 1962. Richard Peter)

Zwischen 1945 und 1970 entstanden die meisten europäischen Wohnungen. Die Gründe liegen im Wiederaufbau nach den Kriegszerstörungen und in den folgenden Wirtschaftswunderjahren. In diesen Jahren mussten der Staat oder staatlich geförderte Institutionen einer wachsenden Wohnungsnot entgegentreten und wollten zugleich ihre jeweiligen (wohn-)politischen Ideale verwirklichen. Die Tagung „Die Erneuerung des Wohnens“ – veranstaltet vom Deutschen Architekturmuseum (DAM), dem Fachgebiet Entwerfen und Wohnungsbau der TU Darmstadt sowie der Wüstenrot Stiftung – thematisiert daher vom 24. bis zum 15. November 2016 im Frankfurter DAM den geförderten europäischen Geschosswohnungsbau.

Im Mittelpunkt der Tagung steht daher die Frage, wie eine grundlegende Erneuerung des Wohnens und deren architektonische Umsetzung gelingen konnte. In einer begleitenden Ausstellung werden erstmals die Resultate des Forschungsseminars „Wohnen in Europa“ von Studierenden der Architektur der TU Darmstadt vorgestellt. Gezeigt werden rund siebzig architektonisch herausragende und international wenig bekannte Geschosswohnbauten aus Brüssel, Zagreb, Köln, Oslo, Porto, Lyon und Athen. Im Vergleich der Projekte wird der Balanceakt zwischen internationalen Idealen und partikularistischen Bestrebungen einzelner Städte und Architektengruppen sichtbar. Der Besuch der Tagung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt ist kostenfrei, die Ausstellung ist dort noch bis zum 5. Dezember zu sehen. (kb, 19.11.16)

Zukunftsmodell Plattenbau?

Karl-Marx-Stadt, Plattenbau im Jahr 1975 (Foto: Eugen Nosko, Bild: Fotothek df n-07_0000047)
Die Platte: Zukunfts- oder Auslaufmodell? (Foto: Eugen Nosko, Bild: Fotothek df n-07 0000047, CC BY SA 3.0, Plattenbau-Montagearbeiten in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), 1975)

Das serielle Bauen kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Nicht nur im Wohnungsbau der DDR nahmen Großsiedlung und Plattenbau eine zentrale Rolle ein. In den letzten Jahren ist die Platte allerdings zunehmend in Verruf geraten – ist das serielle Bauen damit ein Auslaufmodell? Oder aber in Zeiten von Wohnungsknappheit und Urbanisierung aktueller denn je? Diesen Fragen widmet sich der 7. Abendsalon der Hermann-Henselmann-Stiftung mit dem Titel „Serielles Bauen. Vorgestern! Gestern! Heute? Morgen?“ am 27. Juni um 19 Uhr im Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung (Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin).

Die Veranstaltung wirft einen Blick zurück auf das serielle Bauen von gestern und vorgestern, als das Verfahren als ultimative Antwort auf die Wohnungsnot verstanden wurde. Winfried Brenne spricht zum seriellen Bauen der 1920er, Dr. Michael Persike zur Entwicklung des industriellen Wohnungsbaus in Ost und West zwischen 1959 und 1990. Im Anschluss diskutieren unter der Leitung von Katrin Lompscher (Hermann-Henselmann-Stiftung) Prof. Dr.-Ing. habil. Wolf Eisentraut mit Jaqueline Brünschke (degewo), dem Architekten Oliver Dahm und den Referenten über Zukunftsperspektiven des seriellen Bauens – auch und gerade in Hinblick auf die Wohnungsknappheit in Berlin. (jr, 17.6.16)

Das Wiener Modell

"Das Wiener Modell" (Bild: Jovis-Verlag)
Wien – schon seit 100 Jahren ein Vorbild im sozialen Wohnungsbau (Bild: Jovis-Verlag)

Wien spielte in den vergangenen 100 Jahren im modernen Bauen immer wieder eine Vorreiterrolle, auch bei der weltweiten Auseinandersetzung um zukunftsweisende Wohnformen. Vor allem im sozialen Wohnbau gelten die Lösungen in Österreichs Hauptstadt als innovativ. Daher zeigt das Ausstellungsprojekt „Das Wiener Modell – Wohnbau für die Stadt des 21. Jahrhunderts“ im Berliner Aedes Architektur Forum nun vorbildliche Ansätze, wie Wohnungsbau in einer modernen Metropole aussehen kann.

Mit ihrem Blick hinter die Wiener Fassaden hoffen die Kuratoren Wolfgang Förster und William Menking, international allen am Planungs- und Entwurfsprozess Beteiligten Anregungen zu geben, wie sie selbst die seit 100 Jahren ausgetragene Auseinandersetzung mit dem Wohnungsbau weiterentwickeln könnten. Die Eröffnung wird am 12. Juni 2016 um 11.00 Uhr begangen. Es sprechen Dr. h. c. Kristin Feireiss (Aedes, Berlin), Dr. Michael Ludwig (Stadtrat für Wohnen, Wohnbau und Stadtentwicklung, Wien), Dr. Wolfgang Förster (Kurator, Koordinator der IBA_Wien) und William Menking (Kurator, Herausgeber ‘The Architect‘s Newspaper’, New York). Begleitend erscheint im Jovis-Verlag eine gleichnamige Publikation. (kb, 10.6.16)

Förster, Wolfgang/Menking, William (Hg.), Das Wiener Modell. Wohnbau für die Stadt des 21. Jahrhunderts, Jovis-Verlag, Berlin 2016, Schweizer Broschur mit Schutzumschlag, 22,6 x 27,4 cm, 248 Seiten, ca. 250 Farb- und Schwarzweiß-Abbildungen, Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-86859-434-8.

Wohnen in der Moderne

Langen-Oberlinden, Aufbau der "Wohnstadt" im Jahr 1961 (Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild F011036-0002, CC BY SA 3.0)
Eines der zahlreichen Wohnbauprojekte der Nachckriegsmoderne im Rhein-Main-Gebiet: die „Wohnstadt Oberlinden“ in Langen im Jahr 1961 (Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild F011036-0002, CC BY SA 3.0)

Im 20. Jahrhundert bildete das Thema „Wohnen“ für die Architekten wohl die Herkulesaufgabe: angefangen mit Wohnmodellen über Stadt- und Landschaftsplanungen der klassischen Moderne bis hin zu Bauten der „Avantgarde“ und den Einflüssen des Congrès Internationaux d’Architecture Moderne. Die Moderne schuf Projekte mit Modellcharakter, neue wissenschaftliche Disziplinen, Produktionsweisen und Organisationsformen. Was sieht die Zukunft für dieses architektonische Erbe aus?

Die 13. Karlsruher Tagung „WOHNEN in der Architektur der Moderne“, die vom 26. bis 27. Februar 2016 im KIT Karlsruhe stattfinden wird, will die Entwicklungen des Wohnens im 20. Jahrhundert anhand ausgewählter Beispiele diskutieren. Über den aktuellen Erkenntnisstand hinaus geht es dabei um Zukunftsperspektiven. Denn längst sind Architektur, städtische Kultur und Substanz, Landschaft und Bebauung zum Spielball der wirtschaftlichen Kräfte geworden. Beiträge aus Forschung, Architektur- und Kunsttheorie, aus der Praxis des Entwerfens, aus der künstlerischen Arbeit und aus der Politik sollen dazu aktuelle Denkanstöße geben. Nach den vorangegangenen Tagungen mit Fallbeispielen aus verschiedenen Ländern und mit aktuellen Themen wie „Authentizität“, „Original + Ersatz“, „Technologie“, „Energie“ oder „Ethik + Ästhetik“, bietet die 13. Karlsruher Tagung einen konzentrierten Diskurs und eine Exkursion zu aktuellen Wohn-Projekten. (kb, 7.1.15)

Wohnen mit Autobahnanschluss?

Limburg, Planungsvision zur Autobahnbrücke (Bild: A. Egenolf)
Könnte so in Zukunft die Lahntalbrücke bei Limburg aussehen? (Bild: A. Egenolf)

Fast sieht es ein bisschen aus wie Überreste aus der goldenen Zeit der Verkehrslandschaften um 1970, was aus Limburg und Zürich vorgeschlagen wird. Zwei Planungsvisionen setzen sich für eine Neuinterpretation von Autobahnen ein und stellen dabei Bezüge zum Wohnen her – beide Male mit großen Strukturen. Für die Autobahnbrücke der A3 bei Limburg– nach ihrer Kriegszerstörung 1964 wiederaufgebaut – schlug der Unternehmer Albert Egenolf vor, sie mit spangenartigen Körpern zu überbauen. Denn, wenn die Brücke schon saniert werden muss (und dem Staat das Geld dafür fehlt), kann man doch auch einen Schritt weitergehen. Einen beachtlichen Schauwert hat sein Vorschlag zweifellos.

Ob diese Idee aber realistisch ist und wie sie sich mit dem Landschaftsbild verträgt: Das muss diskutiert werden. Für die Stadtautobahn in Zürich träumt Architekt Claude Schelling davon, sie mit Wohngebieten zu überbauen – und auch hier mit großen als Gesamtheit verstandenen Strukturen. Der Ansatz ist im Detail freilich anders als in Limburg, sollen doch Autobahn und ihre Emissionen eingehaust werden. Der Vergleich zu Limburg liegt trotzdem nahe. Eines steht fest: Die ungeheuer ausgeweitete Verkehrsinfrastruktur fordert uns zum Handeln und Neudenken auf. (mb, 19.9.14)