Prachatice, Villa Kral heute (Bild: zivavila.cz)

Soll weg: Villa Kral in Prachatice

Das Haus war für einen Abend wieder voller Leben: Die Freitreppe wurde von Gartenlichter erhellt, im Kaminzimmer standen Stühle für die Zuhörer bereit, ein Projektor warf Bilder aus alten Zeiten an die Wand. Im Sommer 2016 lockte der Architekturtag im tschechischen Prachatice (Prachatitz) zahlreiche Besucher in die Villa Kral. Eine Ausstellung zur Masterarbeit von Barbora Staňková informierte über den 1932 fertiggestellten Bau. Dr. Iris Meder, Architekturhistorikerin aus Wien, stellte das Leben und Werk des Architekten Fritz Reichl vor. Und nicht zuletzt erzählte Dr. Hans Kral, der Sohn des Erbauers, vom Mut seines Vaters, ausgerechnet in der Provinz solch ein modernes Haus errichten zu lassen.

 

Der jüdische Architekt Fritz Reichl

Die markante kubische Villa wurde in den Jahren 1931 und 1932 in Prachatice (Prachatitz) nach den Plänen des jüdische Architekt Fritz Reichl (* 2. Februar 1890 in Baden bei Wien, † 1959 in Los Angeles) aus Wien erbaut. Reichl hatte in Wien zunächst an der Kunstgewerbeschule, dann an der Technischen Hochschule Architektur studiert. Ab 1925 machte er sich mit einem eigenen Büro u. a. einen Namen durch repräsentative Einfamilienhäuser, Villen und gehobene Wohnungsausstattungen im Stil des Neuen Bauens.

Fritz Reichl hatte während der letzten Kriegsjahre zunächst das türkische Büro von Clemens Holzmeister in Istanbul und Ankara weitergeführt. 1946 wanderte er in die USA aus, arbeitete dort im Büro von Richard Neutra und verwirklichte als selbständiger Architekt neue Projekte im Geist einer internationalen Moderne. In der Villa Kral sehen manche Forscher den nüchternen Stil eines Peter Behrens aufgegriffen, andere verweisen auf Adolf Loos und die Wiener Schule. Der Bauherr Johann Nepumuk Kral bewohnte das Anwesen mit seiner Familie bis zum 21. Mai 1945. Danach zog ein amerikanischer General ein, der hier mit einem russischen General das Kriegsende feierte. Im Anschluss diente das Haus als Kinderhort. Nach Auflösung dieser Nutzung stand die Villa leer und verfiel.

 

Studenten trommeln für den Erhalt

Nachdem die Villa Kral lange dem Vandalismus preisgegeben war, etablierte sich in den letzten beiden Jahren eine Initiative zu ihrem Erhalt: Studenten mieteten das Areal und engagierten sich dafür, den Bestand zu sichern sowie den architekturgeschichtlichen und gestalterischen Wert des Bauwerks wieder sichtbar zu machen: In Eigenleistung beseitigten sie den Unrat aus den Zimmern, flickten Scheiben, reparierten die Wasserführung und beräumten das Außengelände.

Den Initiatoren gelang es, mit verschiedenen kulturellen Veranstaltungen in der Villa, das Interesse für den Erhalt des modernen Bauwerks zu wecken. Ein Förderverein unterstützt dieses Vorhaben mit etwa 800 Mitgliedern. Schließlich konnte das Kultusministerium in Prag von der architektonischen Bedeutung des Hauses überzeugt werden: Die Villa Kral wurde unter Denkmalschutz gestellt. Mit dieser Anerkennung werden auch die Aktivitäten der Initiatoren Pavla Zelenková und Barbora Staňková gewürdigt. Der Bürgermeister von Prachatice hat gegen die Entscheidung des Kultusministeriums Einspruch erhoben, um die Villa abzureißen zu können. An ihrer Stelle soll eine neue Straße entstehen. Zum diesjährigen Architekturtag wird das Haus wohl leer bleiben. (Beitrag eingereicht durch Dr. Hans Kral, 13.8.17)

 

Prachatice, Villa Kral (Bild: zivavila.cz)

 

Dieser Beitrag wurde aufgenommen in die Online-Plattform „Jüdische Architekten“.

 

Literatur

Meder, I., Offene Welten. Die Wiener Schule im Einfamilienbau 1910 – 1938, Dissertation, Pforzheim, 2004.

Erbanová, E./Šilhan, M./Švácha, R., Berühmte Villen in Südböhmen, Prag 2007 (in tschechischer Sprache).

Förderverein zum Erhalt der Villa Kral