ESSAY: Ein „zynisch-fröhlicher“ Stoff

von Benedikt Boucsein (Foto-Spezial 15)

Radeberg, Blumenkübel (Bild: Matthias Hahndorf)
Es gibt ihn auch in naturnah: der gemeine Waschbeton-Blumenkübel (Bild: M. Hahndorf)

Viele Menschen erlebten diesen besonderen Baustoff wohl zuerst sinnlich – und waren irritiert. Mir zumindest sind die Waschbetonplatten im Garten meines Elternhauses noch in guter Erinnerung: Die Steinchen, die wie hingestreut im Hof lagen, aber nicht von der Stelle zu bewegen waren, blieben mir ein Rätsel. Da ich noch nichts vom Zement und seinen Bindekräften verstand, konnte ich nur spekulieren und ins Ungewisse abschweifen.
 

Als der Waschbeton Schule machte

Wer in den 1970er und 1980er Jahren in Westdeutschland zur Schule ging, wird auch meine zweite Waschbeton-Erfahrung teilen. Es war eine jener typischen Plattenbau-Großschulen: zwei- bis dreigeschossig, mit großzügigen Fenstern und einem geräumigen Treppenhaus, aber letztlich eher seriell-unnahbar. Waschbeton-Fassaden prägten das Gesicht meiner Heimatstadt – bei der Stadthalle, beim Rathaus, beim Kaufhaus (die beiden letzten inzwischen abgerissen) und vor allem bei der 1970er-Jahre-Großsiedlung im Westen der Stadt, die sich zum „sozialen Brennpunkt“ entwickelte.

Damit ist auch schon die „dunkle Seite“ dieses Baustoffs angesprochen, die bei jeder Sichtbetonoberfläche mitspielt. Oder, wie es Christoph Hackelsberger 1988 in seinem „zynisch-fröhlichen“ Buch „Beton: Stein der Weisen“ schrieb: „Unsinnige Verwendung, Einfallslosigkeit und Geschäftemacherei haben“ den Baustoff in die Krise gebracht. Demnach scheiterte der Beton auch, weil enthusiastische Architekten ihn vorschnell und unwissend einsetzten – und auf „unheilige“ Weise mit kapitalistischem Profitdenken paarten. Letztlich habe nicht das Material, sondern die Gesellschaft versagt.
 

„Schwere Vorfabrikation“ als Heimatfaktor

Zürich-Stöckenacker: Waschbeton sorgt für Heimatgefühle (Bild: von Ballmoos Krucker)
Zürich-Stöckenacker: Waschbeton sorgt für Heimatgefühle (Bild: von Ballmoos Krucker)

Dass man auch anders mit Sicht- bzw. Waschbeton umgehen kann, wurde mir bei meiner dritten Begegnung mit ihm klar: Aus Westdeutschland nach Zürich gekommen, führte mich eine der ersten studentische Exkursionen der „Eidgenössischen Technischen Hochschule“ in die neue Siedlung Stöckenacker.

Das Architekturbüro von Ballmoos Krucker experimentierte mit Waschbeton-Fertigteilen – und begründete dies gänzlich unerwartet: Geprägt werden die Bauten durch „Außenwände, die aus dreischichtigen, leicht gewaschenen Betonsandwichelementen bestehen.“ Sie seien alterungsfähig, langlebig und mit ihrer „‚Schweren Vorfabrikation‘, dieser in den sechziger Jahren verbreiteten Bauweise“ würden „lokale Bezüge“ möglich: Dieser aufgefrischte Waschbeton stifte urbane Einbindung ebenso gut wie Identität und Charakter.
 

Von der Leichtigkeit der Schweizer

Dass hier der Waschbeton so unbeschwert daherkommen kann, ist geschichtlich bedingt. In der Schweiz gab es nicht die von Hackelsberger beklagte „nur ökonomische Bedarfsdeckung“ der osteuropäischen Planwirtschaft. Und auch nicht die „rascheste, unreflektierte Bereitstellung“ der westdeutschen Bauindustrie. Für die handwerklich verwurzelte Baukultur der Schweiz hat gutes Gestalten tatsächlich einen kulturellen und materiellen Wert. Sie gesteht jeder Epoche ihre Eigenheit zu – und pflegt sie.

In der Schweiz entdeckte ich auch, wie sich das Material Waschbeton weiterentwickeln und vielfältig gestalten ließ. Diese Spielarten sind teils vornehm-zurückhaltend wie das freundliche Hellgelb eines feinen eingefärbten Waschbetons, teils edel-protzig wie die extravaganten Zuschlagstoffe aus gemahlenem Marmor oder kleinen Glassplittern.
 

Eine Nostalgie der Grautöne

Offenbach am Main, Büro- und Geschäftshaus (Bild: Marc Schwintek)
Der (emotionale) Wert alltäglicher Baustoffe – auch des Waschbetons – wandelt sich mit den Jahrzehnten (Bild: K. Berkemann)

Aber auch für den rohen grauen Waschbeton der 1970er Jahre gilt: Wenn er jetzt unter „Wärmedämmverbundsystemen“ verschwindet oder gleich ganz abgerissen wird, begleitet ihn meist ein Aufatmen. Es ist das gleiche erleichterte Seufzen, das nach 1945 dem Fallen der stuckverzierten Gründerzeitfassaden folgte. Und wie wir nach 1975 die Leichtfertigkeit der Nachkriegszeit beklagten, werden wir später auch dem Waschbeton nachtrauern – wenn der Dämmwahn seine Mängel offenbart oder eine neue Nostalgie obsiegt hat. Wie alle alltäglichen Baustoffe durchlebt auch der Waschbeton verschiedenste Wandlungen.

Hackelsbergers Warnung sollte genug sein: Negative Begriffe wie „hölzern“ stammen aus einer Zeit, in der Holz der billige primitive Massenbaustoff für die damalige Alltagsarchitektur war. Heute hat sich das Holz ein ökologisch-gesundes Image zugelegt. Auch der Waschbeton ist Teil unserer Kulturgeschichte. Ihn pauschal abzuwerten, hieße, seine Nuancen, Grautöne und Mehrdeutigkeiten zu verleugnen.
 

Reicht Reinigen?

Oft wird es einen Mittelweg geben, um den Einzelfall behutsam einzuschätzen und seine Qualitäten aufzudecken: vielleicht die „tabula non rasa“ der französischen Architekten Anne Lacaton und Philippe Vassal. Ihnen geht es häufig darum, eben fast nichts zu tun – so wie bei jenem Platz in Bordeaux, den Lacaton Vassal einfach regelmäßig reinigen ließen. Dies könnte vielerorts der erste Schritt sein, um Waschbeton weniger abschreckend wirken zu lassen. Wie einst im elterlichen Hof, als der Sandstrahler aus der weich-bemoosten – auf gänzlich rätselhafte Weise – eine hart-strahlende Oberfläche machte.
 

Rundgang

Erleben sie Waschbeton in Zürich-Stöckenacker – mit Bildern des Architekturbüros von Ballmoos Krucker – von seiner zeitgenössischen Seite.