(Kein) Lift ins Utopische? Ungebautes!

von Michael Wiederspahn (Heft 14/3)

Nicholas Grimshaw, Ludwig-Erhard-Haus in Berlin (1994–98) (© Nicholas Grimshaw/Otis GmbH & Co. OHG)
N. Grimshaw, Ludwig-Erhard-Haus, Berlin (1994– 98) (© N. Grimshaw/Otis GmbH & Co. OHG)

Im starren Korsett rigider Sicherheitsbestimmungen, über-(DIN-)normierter Regelwerke und technischer Richtlinien bleibt naturgemäß kaum Platz für Utopien. Der Spielraum ist begrenzt, der Zweck klar definiert: Ein Aufzug dient dem Vertikaltransport. Und so wird er meist wie ein (baulich) notwendiger Erfüllungsgehilfe behandelt und in den aussteifenden Kern des (Hoch-)Hauses verbannt, was ebenso einfach wie langweilig ist.

Dennoch gab und gibt es durchaus Versuche, dieses offenbar ungeliebte Verkehrsmittel auch als architektonische Herausforderung zu begreifen. Bis auf wenige (realisierte) Ausnahmen entzünden sich solche Ideen aber vor allem an visionären Großprojekten, weil deren Verwirklichung ja primär von der Entwicklung oder eben Erfindung eines geeigneten Erschließungssystems abhängt.

 

„Schlangen aus Eisen und Glas“

Antonio Sant'Elia, "Città Nouva" (1914) (© aus: Lampugnani, V. M., Antonio Sant`Elia. Gezeichnete Architektur, München 1992)
Antonio Sant’Elia, „Città Nouva“ (1914) (© aus: Lampugnani, V. M., Antonio Sant’Elia. Gezeichnete Architektur, München 1992)

Dank Eisenbeton und Stahlskelett, der Entdeckung des elektrodynamischen Prinzips und der Funktionsweise von Treibscheibe wie automatischer Fallbremse klettern die Gebäude seit Ende des 19. Jahrhunderts in schwindelerregende Höhen. Und so werden aus den frühen „Turmhäusern“ zunächst „Elevator-Buildings“, um später als „Skyscrapers“ die Wolken zu durchstoßen. Phantasien wie die „Vertikale Stadt“ (1908) von Charles Lamb oder Wenzel Habliks „Luftkolonie“ (1908) sind zwei der damaligen Ausprägungen jener uralten Sehnsucht des Menschen nach Eroberung himmlischer Räume.

Den Fahrstuhl aus seinem dunklen Schacht zu befreien, gelingt allerdings erst Antonio Sant’Elia. In seiner nie verwirklichten „Citta Nouva“ (1914) – einer zergliederten Megapolis aus terrassierten Hochhäusern – winden sich Aufzüge an den Fassaden „wie Schlangen aus Eisen und Glas“ empor. In Kombination mit Laufbändern sowie Schienenfahrzeugen in den Straßen sorgen sie für Rhythmus und Mobilität der (futuristischen) Stadtbewohner

 

Metaphern des Fortschritts

El Lissitzky "Wolkenbügel" (1923–25) (aus ©:  El Lissitzky, Russland. Die Rekonstruktion der Architektur in der Sowjetunion (Neues Bauen in der Welt). Bd. 1, Wien 1930
El Lissitzky „Wolkenbügel“ (1923–25) (© aus: El Lissitzky, Russland. Die Rekonstruktion der Architektur in der Sowjetunion (Neues Bauen in der Welt 1), Wien 1930)

Einen nicht weniger spektakulären Akzent setzen El Lissitzky und Mart Stam mit dem berühmten „Wolkenbügel“ (1923–25) dessen auskragende Stahlkonstruktion auf drei riesigen Stützen von geringer Grundfläche ruht. Als Vertikalkorridore ausgebildet, beherbergen diese Tragelemente 24 offene Paternoster- und Fahrstuhlschächte. Genau wie die an drei oder vier Seiten verglasten Kabinen bieten sie ein Maximum an Lichtdurchlässigkeit, weshalb Mechanik und Seile erstmals weitgehend sichtbar bleiben.

Wie überhaupt der Konstruktivismus sowjetischer Herkunft viele Anregungen, eine Fülle neuer Impulse liefert. Das zeigt sich unter anderem an zwei Wettbewerbsprojekten von Alexander und Viktor Wesnin, dem „Verlagsgebäude für die Leningrader Prawda“ (1924) und dem „Volkskommissariat für die Schwerindustrie“ (Moskau, 1934). Der Aufzug gerät hier zur Metapher des Fortschritts: Vermeintlich schwerelos gleitet er entlang der Senkrechten, wobei ihm Umwehrungen aus filigranen Metallgerippen oder imposante Glasröhren die Richtung weisen.

 

Bewegende Perspektiven

Ähnlich visionär sind die später entwickelten Utopien der englischen Gruppe Archigram oder der japanischen Metabolisten. Der Sputnik- oder High-Tech-Ästhetik verpflichtet, mutieren jetzt ganze Städte zu Maschinen aus Raumkapseln, mobilen Gebäuden, Hebekränen und Robotern, die sich selbst bewegen. Neben und nach Wilhelm Holzbauers „Hubschrauberbürohochhaus“ (1961) verheißen solche Megastrukturen wie die „Walking City“ (1964) und die „Plug-in City“ (1964–66) von Archigram, die „Floating City“-Projekte (1960–76) von Kiyonori Kikutake, die „Helix City“ (1961) von Kisho Kurokawa oder Arata Isozakis „City in the Air“ (1962) nur schrankenloses Wachstum. Mit innovativen Aufzugsideen können sie freilich nicht aufwarten.

Fritz Haller "A-Bahn" (1968) (© aus: Krieger, P., Fritz Halle, in: Thesis 3/4, 1997)
Fritz Haller, „A-Bahn“ (1968) (© aus: Krieger, P., Fritz Halle, in: Thesis 3/4, 1997)

Das zentrale Problem der Beförderung gewaltiger Menschenmassen löst Fritz Haller hingegen ebenso geschickt wie mehrdimensional. Seine „Totale Stadt“ (1968) für 120 Millionen Bewohner durchströmen nämlich Trägerautomaten-(Leitschienen-)Bahnen als skurrile Mischung aus Sessellift, ICE und Transrapid.

Manche Gipfel wollen jedoch nicht erklommen werden, wie die bergigen (Hoch-)Hauslandschaften der „Metropolis of Tomorrow“ (1929) von Hugh Ferris, oder scheitern am Zweifel an der vorgeschlagenen Stahlskelettbauweise: Mit 400 m Höhe, 110 Geschossen und 59 Fahrstuhlschächten hätte der „Larkin Tower“ 1926 (fast) alle Rekorde gebrochen. Wiederum andere Entwürfe der Avantgarde bieten dem Aufzug schlicht keine neue Perspektive. In den genialen „Hänge-“ (1927) oder „Spindelhäusern“ (1956) von Bodo und Heinz Rasch dienen zum Beispiel separate Türme oder der massive Schaft als Verkehrsachse.

 

Atomarer Höhenrausch

Einen Höhepunkt aller Aufzugsutopien markiert zweifelsohne „The Mile-High Illinois“ (1956) von Frank Lloyd Wright – und damit ein Gebäude von einer Meile oder mehr 1.600 m Höhe. Gedacht für 130.000 Bewohner auf 528 Geschossen, verfügt dieser Wolkenkrater auf jeder Seite über genau 24 Aufzugsschächte. Geplant war zudem, sie mit insgesamt 56 fünfstöckigen Gondeln und eine unbekannten Anzahl privater Lifte zu bestücken, um jeweils 100 Insassen binnen einer Minute bis zur „Sky-Lobby“ befördern zu können.

Umgerechnet ergibt das eine Transportleistung von 2 x 130.000 Personen oder eine Fahrgeschwindigkeit der einzelnen Kabinen von mehr als 100 km/h. Die senkrechten Rennbahnen würden von den atomar (!) betriebenen Aufzügen also quasi im Sekundentakt frequentiert. Die Körbe sollten im Übrigen über Zahnradspuren laufen, da ein Stahlseil in der geforderten Länge wegen seines extremen Eigengewichts unweigerlich reißen müsste.

 

Visionen für Europa

Hans Hollein, Gebäude mit Schrägaufzug (1994) (© aus: Meyhöfer, D. (Hg.), Architectural Visions for Europe. Braunschweig, Wiesbaden 1994)
Hans Hollein, Gebäude mit Schrägaufzug (1994) (© aus: Meyhöfer, D. (Hg.), Architectural Visions for Europe. Braunschweig, Wiesbaden 1994)

Das System Lift scheint nun technisch vollendet zu sein: Plakativ verkitschte Abkömmlinge der von John Portmann in den 1970er Jahren entwickelten Panorama-Aufzüge ver(un)zieren Hotelhallen, die Fassadenreinigung mittels verschwenkbarer Lifte gehört zum Standard und mobile Feuerwehr-Aufzüge erstürmen notgedrungen so manches Haus.

Initiativen wie die „Architectural Visions for Europe“ (1994) gelten daher schon als spannender Fluchtweg: Entwürfe von fiktiven Gebäuden als Gestaltungsansatz. Dominique Perrault skizziert hier eine Art Riesenrad, das Autos in die Parkgarage schaufelt. Hans Hollein schlägt stattdessen einen Schrägaufzug vor, der in jedem Geschoss andere Grundrisskonfigurationen erlaubt. Doch erst Romuald Loegler rückt den Lift an die Grenze des Absurden, indem er ihn als frei schwebende Kugelhaube konzipiert.

 

Und morgen?

Zwar geistert die undatierte Idee eines Horizontalaufzugs durch die Archive, wofür wäre er jedoch geeignet? Axel Schmids „Regenwaldbaumkronenforschungsluftschiff“ wird sich in den Straßenschluchten urbaner Hochhausgebirge wohl (ebenfalls) kaum nutzen lassen. Und Hexenbesen wie Raketentornister oder der „Dessauer Gleitbalkon“, letztlich eine Idee von Walter Gropius und Mies van der Rohe, sind leider nicht greifbar.

Muss man also künftig (weiter) in öden Kisten fahren, in einen Integralhelm schlüpfen, wie er sich im Berliner Ludwig-Erhard-Haus (1994–98, Nicholas Grimshaw) und dem Stuttgarter Mercedes-Benz Museum findet, oder in vertikal verkehrenden Cable Cars sitzen, die ein Student für „Sydney 2000“ vorgeschlagen hat?

 

„Beam me up …“

Raumschiff Enterprise: “Beam me up, Scottie!” (© www.scifiction.com)
Raumschiff Enterprise: „Beam me up, Scotty!“ (© www.scifiction.com)

Aber vielleicht ist das keine angemessene Frage (mehr). Immerhin wird seit den 1970er Jahren an einem Satelliten-Lift gebastelt und trösten einen bisweilen Dachlandschaften mit „Infinity Pool“, wie bei Mosche Safdies „Marina Bay Sands“ in Singapur (2011), oder der Panoramablick in Jean Nouvels Doha-Tower-Spitze (2012).

Zur Stunde dürfte ohnehin weniger das Aufsteigen denn das Fallen zu reizen. In Zeiten des kontrollierten Absturzes beim „Bungee Jumping“ oder verschärfter „Free Fall Tower“-Vergnügungen gewinnen ja vermeintlich virtuelle Angebote an Gewicht. Solange der Aufstieg mühselig über die Treppe oder in konventionellen Konstruktionen zu erfolgen hat, bleibt dementsprechend nur die Erinnerung an bessere Visionen – oder eben der Wunsch nach prompter De- und Rematerialisierung, das Fern-Sehen, um in heimeliger Atmosphäre Captain Kirk und Mister Spock zu treffen: „Beam me up, Scotty!“

 

Rundgang

Folgen Sie Michael Wiederspahn in die Welt der wunderbaren vertikalen Fahrzeuge.

 

Literatur

Ruprecht, U. u. a., Aufzug. Rauf und runter, Dortmund 1999

Lampugnani, V. M./Hartwig, L. (Hg.), Vertikal. Aufzug, Fahrtreppe, Paternoster. Eine Kulturgeschichte vom Vertikaltransport, Berlin 1994

Meyhöfer, D. (Hg.), Architectural Visions for Europe, Braunschweig, Wiesbaden 1994

Simmen, J., Drepper, U., Der Fahrstuhl. Die Geschichte der vertikalen Eroberung, München 1984

Strakosch, G., Vertical Transportations. Elevators and Escalators, New York 1967

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Herbst 14: Rauf und runter

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Beförderung im Büro: LVA Stuttgart

Beförderung im Büro: LVA Stuttgart

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Aufzugparken: Großgarage Halle

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Skulpturale Treppen aus Beton

Skulpturale Treppen aus Beton

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LEITARTIKEL: Kann ein Bau stranden?

von Kerstin Wittmann-Englert (Heft 14/2)

Berlin, ICC (Bild: Alfred Englert)
Wie viele Großbauten der 1960er und 1970er Jahre steht das Internationale Congress Centrum Berlin (ICC) aktuell vorm Umbruch (Bild: Alfred Englert)

„Gestrandete Wale“ oder „Schlafende Riesen“: Mit kraftvollen Bildern wie diesen sind multifunktionale Großbauten angesprochen, deren Fortbestehen und/oder Nutzung ungewiss ist. Dabei handelt es sich zumeist um Gebäude der Nachkriegsmoderne. Die Baukunst dieser Zeit ringt immer noch um ihre verlorene öffentliche Anerkennung. Das gilt insbesondere für jene der 1960er und 1970er Jahre.

 

Schönheit unterliegt dem Zeitgeschmack

Einige von ihnen sind gefährdet oder wurden, wie der Ostberliner Palast der Republik, bereits abgerissen. Weder entsprechen sie den heutigen Schönheitsidealen, noch sind sie bereits in ihrer historischen Dimension akzeptiert. Die Erzeugnisse der späten 60er- und 70er-Jahre werden häufig noch als „hässliche Neubauten“ abgelehnt und nicht als historisch wertvolle „Altbauten“ wahrgenommen.

Berlin, Palast der Republik (Bild: 1977, Scan: Istvan)
Die Wahrnehmung von Großbauten – hier der Berliner Palast der Republik – unterliegt mehrfachem Wandel (Bild: 1977, Scan: Istvan)

Doch die Beurteilung ästhetischer Formen beziehungsweise des Schönen in Kunst und Architektur unterliegt bekanntermaßen einem steten Wandel. Die Urteile stehen – vor allem dann, wenn es sich um kulturelle Zeugnisse einer Epoche handelt, die die Beurteilenden selbst miterlebt haben – in der Gefahr allzu großer Subjektivität. Schönheit ist keine feststehende, objektive Kategorie, sondern Schönheitsideale unterliegen dem Zeitgeschmack. Das ist nicht zu vergessen!

 

Stil, Charakter und Substanz erhalten

Bei Großbauten der 60er und 70er Jahre handelt es sich oft um kulturelle, gesellschaftliche oder auch politische Prestigeobjekte. Zugleich besitzen etliche der nachkriegsmodernen Gebäude aber auch das, was heute im Kontext baulicher Rekonstruktionen gern, aber als ästhetisches Konzept eben auch fälschlich angeführt wird: die Authentizität, eine Echtheit im Sinne von Ursprünglichkeit der Substanz. Gebäude unter Wahrung des Authentischen zukunftsfähig zu machen, sprich: Sie energetisch zu ertüchtigen und aktuellen Sicherheitsstandards anzupassen, ist die große Herausforderung.

Es gilt, nicht allein Stil und Charakter, sondern eben insbesondere Substanz zu erhalten, um nachfolgenden Generationen ein möglichst unverfälschtes Bild der nachkriegsmodernen Baukunst zu bewahren. Geschieht dies nicht, täten wir es den Restauratoren des 19. Jahrhunderts und dem viele Jahrzehnte in der Wissenschaft gescholtenen französischen Architekten Eugène Viollet Le Duc gleich: Nach seiner Aussage konnte eine Restaurierungsmaßnahme auch darin bestehen, „das Bauwerk in einen Zustand der Vollständigkeit zu versetzen, den es vielleicht niemals zu einer bestimmten Zeit besessen hat“.

 

Zum Beispiel: das ICC Berlin

Berlin, ICC (Bild: Alfred Englert)
Das ICC – gestaltet von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte – wurde im Jahr 1979 eingeweiht (Bild: Alfred Englert)

Zu den (noch) weitgehend authentisch erhaltenen Bauwerken, um die derzeit gerungen wird, gehört das Internationale Congress Centrum (ICC) der Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte. Die Planungen reichen zurück bis in die Mitte der 1960er Jahre, die Eröffnung fand im April 1979 statt: Ein gelungenes Beispiel  für eine Architektur, die durch Materialität,
Konstruktion und technisch inspirierte Gestaltgebung technologischen Fortschritt kommuniziert.

Das ICC zählt zu den wenigen europäischen Großbauten, die diesem Stil zuzurechnen sind – neben etwa dem Centre Pompidou in Paris oder dem Klinikum Aachen. Doch während diese durch Denkmalschutz (Aachen) oder durch Anerkennung als nationales Kulturgut (Paris) in ihrer Erhaltung unangefochten sind, steht in Berlin die Entscheidung noch aus: In der aktuellen Diskussion dominiert das Konzept einer Verbindung aus Shoppingmall, Kongress- und Kulturnutzung.

Erinnert an das Raumschiff Orion: der "Runde Saal" im ICC Berlin (Bild: Alfred Englert)
Erinnert an das Raumschiff Orion: der „Runde Saal“ im ICC Berlin (Bild: Alfred Englert)

Für die zuletzt genannten wurde das Haus erbaut und hat sich bewährt, doch mit einer kommerziellen Nutzung wären bauliche Veränderungen verbunden, die einer Zerstörung gleichkämen. Der Ruf nach Denkmaleintragung, getragen von Institutionen wie der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger, der Architektenkammer Berlin und dem Landesdenkmalrat Berlin, wird immer lauter. Ihm sollte man folgen, denn das ICC ist mehr als nur Zeitzeugnis einer vergangenen, mittlerweile abgeschlossene Epoche. Es ist als Unikat ein über alle Maßen gelungenes Zusammenspiel von zeitgemäßer Konstruktion und Materialität, gestalterischer Qualität, baukünstlerischem Ausdruck und erwiesener Funktionalität.

 

Ein „Boulevard“ zu verschiedenen Nutzungen

Das Bauwerk lagert – mit einer Länge von 320 m, einer Breite von 80 m und einer Höhe von 40 m – breit und mächtig zwischen Messedamm, Stadtautobahn und die diese auf der Ostseite flankierenden Bahntrassen. Die von der Autobahn weithin sichtbare Stahlbinderkonstruktion wurde als tragende Struktur nach außen gestellt und umklammert den Baukörper von oben. An den Flanken wird sie mit einer monumentalen fachwerkverspannten Doppelschiene zusammengehalten. Baukörper und Tragestruktur sind mit schimmernden, teils in kräftigem Rot gefassten Aluminiumblechen bekleidet.

Berlin, ICC (Bild: Alfred Englert)
Der „Boulevard durch das ICC (Bild: Alfred Englert)

Im Innern hält das ICC das bereit, was man im Äußeren vermissen mag: die Straße für die Fußgänger. Denn in seiner inneren Struktur folgt das Bauwerk der Idee einer Stadt mit einem zentralen Platz und einem Netz aus Straßen unterschiedlicher Breite. Der Länge nach wird das Gebäude von einem Eingangsfoyer durchschnitten, das von den Architekten „Boulevard“, also Prachtstraße, genannt wurde. Von diesem Boulevard zweigen – vergleichbar mit Querstraßen in Hanglagen – Treppen und Rolltreppen ab, die zu den tiefer gelegenen Garderoben oder den Sälen in den oberen Geschossen führen. Das Herzstück des Hauses bilden die beiden großen Veranstaltungssäle im obersten Stockwerk mit rund 7.500 Plätzen und das sie verbindende hoch aufragende Bühnenhaus. Diese Trias ist auch im Äußeren ablesbar und gibt dem Bauwerk seine unverwechselbare Form.

 

Gestrandete Wale?

Nach nur 35 Jahren Kongressnutzung soll das ICC nun ausgedient haben und wurde jüngst funktional ersetzt durch den nahegelegenen „CityCube“. Baulich bleibt das ICC – neben der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche – ein zentrales Wahrzeichen des einstigen West-Berlins. Und es bleibt zu hoffen, dass die politisch Verantwortlichen seiner architektonischen und stadtbildprägenden Bedeutung mit dem Auftrag zur behutsamen Sanierung und objektorientierten Nutzung entsprechen werden.

Berlin, Bikinihaus nach der Wiedereröffnung (Bild: indeedous)
Das Berliner Bikinihaus wurde jüngst aufwändig saniert (Bild: indeedous)

Ein gestrandeter Wal ist das ICC noch nicht. Und wie schaut es mit den anderen, in dieser Ausgabe besprochenen Bauten aus? Der Palast der Sowjets (Fachbeitrag: Julius Reinsberg) verblieb, da für die damalige Zeit zu utopisch, im Projektstatus. Das Kröpcke-Center in Hannover wurde faktisch abgerissen (Fachbeitrag: Olaf Gisbertz), das Offenbacher Gothaer Haus steht vorm Ungewissen (Interview mit Peter Cachola Schmal), das Kulturhaus in Zinnowitz (Porträt: Karin Berkemann) verfällt. Das Bikinihaus in Berlin (Fachbeitrag: Karin Wilhelm) wurde jüngst saniert und im rückwärtigen Teil um eine terrassierte Struktur mit Shoppingmall ergänzt.

 

„Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“

„Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“ lautete 1975 das Motto des Europäischen Denkmalschutzjahres. Diese Forderung hat auch 40 Jahre später nicht an Bedeutung verloren, schließt mittlerweile allerdings das bauliche Erbe der Nachkriegsmoderne ein. Im Bewusstsein ihres Wertes ist dem früh begonnenen achtlosen Umgang mit den Zeugnissen dieser noch jungen Vergangenheit Einhalt zu gebieten, wenn verhindert werden soll, dass weitere Zeugnisse jener Epoche verschwinden oder unkenntlich gemacht werden.

 

Literatur

Buttlar, Adrian von/Wittmann-Englert, Kerstin/Dolff-Bonekämper, Gabi (Hg.), Baukunst der Nachkriegsmoderne. Architekturführer Berlin 1949-1979, Berlin 2013

Escherich, Mark (Hg.), Denkmal Ost-Moderne – Aneignung und Erhaltung des baulichen Erbes der Nachkriegsmoderne, Berlin 2012

Nachkriegsmoderne kontrovers – Positionen der Gegenwart. Tagungsband zum gleichnamigen Symposium an der TU Braunschweig, veranstaltet vom Netzwerk Braunschweiger Schule 15.-16.07.2010, 25.11.2011, Berlin 2012

Durth, Werner/Sigel, Paul, Baukultur – Spiegel gesellschaftlichen Wandels, Berlin 2009

Buttlar, Adrian von/Heuter, Christoph (Hg.), Architektur der 60er Jahre. Wiederentdeckung einer Epoche, Berlin 2007

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Sommer 14: Gestrandete Wale

LEITARTIKEL: Kann ein Bau stranden?

LEITARTIKEL: Kann ein Bau stranden?

Kerstin Wittmann-Englert vergleicht die Wale mit Architektur: Gestandet seien die modernen Großbauten hoffentlich nicht.

FACHBEITRAG: "Zentrum am Zoo"

FACHBEITRAG: „Zentrum am Zoo“

Karin Wilhelm schildert Berlins Aufbruch der Nachkriegszeit: als 1957 das „Bikini-Haus“ von Paul Schwebes und Hans Schoszberger entstand.

FACHBEITRAG: Das Kröpcke-Center

FACHBEITRAG: Das Kröpcke-Center

Olaf Gisbertz geht in Hannover auf Spurensuche nach dem gebauten, zerstörten und wiederaufgebauten Stadtzentrum – mit dem Kröpcke-Center aus dem Jahr 1976.

FACHBEITRAG: Palast der Sowjets

FACHBEITRAG: Palast der Sowjets

Julius Reinsberg beschreibt eine Utopie des Sozialismus um 1930. Der Wettbewerb erzielte Höchstleistungen und beendete die russische Avantgarde.

FACHBEITRAG: Das "frappant"

FACHBEITRAG: Das „frappant“

Sylvia Necker folgt der Zwischennutzung des Hamburger Frappant. 1977 als Geschäfts- und Wohngebäude eingeweiht, steht heute an seiner Stelle ein neuer IKEA.

INTERVIEW: Peter Cachola Schmal, DAM

INTERVIEW: Peter Cachola Schmal, DAM

Der DAM-Direktor zeigt das Gothaer-Haus in Offenbach, das im Jahr 1977 die veschiedensten Nutzungen einfach übereinander stapelte.

PORTRÄT: Das Kulturhaus Zinnowitz

PORTRÄT: Das Kulturhaus Zinnowitz

Karin Berkemann befragt die moderne Baugeschichte des Kulturtempels: 1957 im Ostseebad eingeweiht, steht er seit der Wende leer und verfällt.

FACHBEITRAG: „Zentrum am Zoo“

von Karin Wilhelm (Heft 14/2)

Das gerade eingeweihte "Zentrum am Zoo" - noch bevor Egon Eiermann die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche wiederaufbaute (Bild: Archiv Paul Schwebes, um 1960)
Das neue „Zentrum am Zoo“ – noch bevor Eiermann die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche wiederaufbaute (Bild: Archiv Paul Schwebes, um 1960)

Ach, welche Gefühle müssen die Menschen im kriegszerstörten Berlin umgetrieben haben, als 1957 das neue „Zentrum am Zoo“ – mit seinen zwei Hochhausscheiben (16-geschossig am Vorplatz Bahnhof Zoo, 9-geschossig im Übergang zur Budapester Straße), einem luxuriösen Filmpalast und einem nahezu 220 Meter langen Gebäuderiegel, am just geplanten Breitscheidplatz für die in Berlin ansässige „Damen-Ober-Bekleidungs“-Industrie (DOB) – nahezu fertiggestellt und bezugsfertig war? Welche Träume müssen wach geworden sein, als sie, die Kriegsmüden, diesem langgestreckten, gläsern-eleganten Gebäude mit dem Arkadengang zum Flanieren den befremdenden Namen „Bikini-Haus“ gaben? Offenbar wirkte diese Architektur im devastierten Areal rund um den Bahnhof Zoo, in dem kaum ein Stein auf dem anderen geblieben war, wie das Produkt aus einem lang vergessenen Lebensstilprogramm, das dem Ernst der Lage nach dem Kriege doch so wenig zu entsprechen schien.

 

Das „Bikini-Haus“

Berlin, Bikini-Haus, Luftbild (Bild: Archiv Paul Schwebes, um 1960)
Ein langgestrecktes Geschäftshaus mit Produktionsstätten, Läden und Kneipen (Bild: Archiv Paul Schwebes, vor 2009)

Berliner waren schon immer für ihre schnoddrige Schlagfertigkeit bekannt – aber der Name „Bikini-Haus“ für ein modernes Gebäude, das dem geschwärzten Ruinenstumpf der Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche seine durchlässige, durchaus farbenfrohe Fassade demonstrativ gegenüberstellte, klang in den Nachkriegsjahren doch ein wenig verwegen. Oder sollte dieser Name, wenn er nicht ironisch-plakativ gemeint war, eher wie ein Pfeifen im Walde wirken, mit dem man, wenn uns Dunkelheit umgibt und Angst von uns Besitz ergriffen hat, sich selber Mut machen möchte?

Wie dem auch sei: Ein Geschäftshaus mit Produktionsstätten, Läden und angelagerten „Kneipen“ ließ in der Metaphorik des Bikinis eben Bilder mittelmeerischen Vergnügens aufblitzen. Solche, die die körperlich frei gelegte weibliche Schönheit in Strandbars vorstellten, die von Lebenslust und lange nicht mehr gekannten Vergnügungen kündeten, oder? Es ist eben dieser vielsagende Name, der heute noch offenbart, dass die Bebauung des „Zentrums am Zoo“ im Westteil der Stadt Berlin und die luzide Variabilität seiner Architektursprache als Versprechen auf eine sonnige Zukunft gelesen und akzeptiert werden wollte – und wurde!

 

Ein Name – ein Programm

Berlin, Bikini-Haus, Fassadendetail (Bild: Archiv Paul Schwebes, um 1960)
Der Laubengang, die „Taille“, brachte dem Bikini-Haus seinen Namen ein (Bild: Archiv Paul Schwebes, um 1960)

Wir wissen natürlich, dass die Bezeichnung „Bikini-Haus“ zunächst auf eine funktional begründete Eigentümlichkeit der Gebäudestruktur zurückzuführen ist. Denn das Haus hat zwischen dem ersten und dem dritten Obergeschoss ein Laubenganggeschoss, eine Art Taille, dessen Aufgabe die Durchlüftung des hinter dem Gebäude liegenden Berliner Zoos garantieren sollte.

So gesehen lag der Name nahe – und schließlich diente das Gebäude der Fertigung von Damenoberbekleidung, mit dem der einst umtriebige Westen der inzwischen dem Viermächtestatus unterliegenden ehemaligen Reichshauptstadt wieder belebt zu werden versprach. So repräsentiert das „Bikini-Haus“, das die Berliner Architekten Paul Schwebes und Hermann Schoszberger zwischen 1955 und 1957 im Rahmen der Neugestaltung des Zooareals am Breitscheidplatz realisiert haben, auch als ein mentales Aufbauprojekt.

 

Wiederbelebung nach Kriegsende

Mit dem ökonomischen Engagement US-amerikanischer Geldgeber war das Konsortium der DOB in einer Art Public-Private-Partnership-Aktion aus 50 Einzelunternehmen gegründet worden, das als Bauherr zur Wiederbelebung des Luxus und der Moden im Umfeld des alten Kurfürstendamms „unverwechselbar berlinisch“ in Erscheinung treten wollte. Als Architekten hatte man Paul Schwebes beauftragt, der wie so viele der nach 1949 in der Bundesrepublik Deutschland arbeitenden Kollegen, zur Berliner Schülerschaft Bruno Pauls und Hans Poelzigs gehört hatte.

Berlin, Bikini-Haus, nach der Sanierung (Bild: Hild und K Architekten)
Seit der Sanierung ist die bauzeitliche Eleganz der Fassade wieder erlebbar (Bild: Hild und K Architekten)

Im Sinne Poelzigs berührte die Architektur auch für Schwebes das Reich der Schönheit insofern, als sich Architektur erst in der fantasievollen Ausdeutung funktional-rationaler Sachverhalte erfüllte. Mit Poelzig teilte er die Verehrung für Paul Valérys Essay „Eupalinos oder der Architekt“ und schätzte wie jener das darin enthaltene Gespräch zwischen Sokrates und Phaidros: „Hast Du nicht beobachtet, wenn du dich in dieser Stadt ergingst, daß unter den Bauwerken, die sie ausmachen einige stumm sind: andere reden: und noch andere schließlich, und das sind die seltensten, singen sogar?“

Nahezu alle Gebäude die Paul Schwebes Mitte der 1950er Jahre allein entworfen hat und viele, die später in der Arbeitsgemeinschaft mit Schoszberger entstanden, parlieren oder beginnen diesen lautlosen Gesang, der gleichsam hörbar wird, sobald man die Fassaden dieser Bauten mit den Augen in den Details abtastet und sich für deren Wirkung öffnet. Dann sieht man nämlich die fein gesetzte Variabilität der vor- und rückspringenden Fenstervarianten, bestaunt deren feine Messingprofilierungen, die im Farbkontrast verkleideten Fassadenelementen dem Gebäude Glanzpunkte aufsetzen. Auch wird die Raffinesse in der inneren Lichtführung spürbar, die deutlich macht, dass die Architekten Stimmungswerte zu verräumlichen vermochten.

 

Denkmalschutz – ein Gebot

Die Architektur von Schwebes/Schoszberger hat in der Verbindung aus konstruktiven und typologischen Elementen des International Style US-amerikanischer Prägung mit unübersehbaren Einflüssen der Architektur Le Corbusiers aus den Jahren der Marseiller Unite-Phase, einen eigenen stadtbürgerlichen Stil entwickeln können, der zu Recht als Alternative zur Hansa-Viertel-Moderne (gleichfalls 1957 eingeweiht) gelobt wurde.

Berlin, Bikini-Haus, vor der Sanierung (Bild: Johann Sauer, 2009)
Spätestens seit den 1980er Jahren wurden das Bikini-Haus – hier 2009 vor der Sanierung – und seine Umgebung mehr und mehr vernachlässigt (Bild: Johann Sauer, 2009)

In dieser baulichen Repräsentation ist der Breitscheidplatz mit dem zentralen Raum der Gedächtniskirche des Egon Eiermann (1961) heute ein unvergleichlicher Erinnerungsort der deutschen Geschichte in ihrer westlichen Nachkriegsprägung. Denn an diesem Ort verstrickten sich die architektonischen und habituellen Identifikationsmuster des schwierigen demokratischen Neubeginnens auf der Insel Westberlin zwischen Berlinale, Modenschau-Events und studentischen Protestaktionen.

Dieser Aspekt ist von den Projektentwicklern einer „City-West“ im 21. Jahrhundert viel zu lange als sentimental beiseitegeschoben worden. Die Folge war die allmähliche Verwahrlosung des Breitscheidplatzes und ein durch Leerstand (vor allem seit 1989) dem Verfall preis gegebene Zoorandbebauung, in der das „Bikini-Haus“ eine prominent besetzte Position einnimmt. (Ökonomische Verwertungen haben dabei natürlich Grundlagen eigener Art geschaffen).

 

Ein Glücksfall!

Inzwischen hat das Münchner Architekturbüro Hild und K Architekten das „Bikini-Haus“ revitalisiert. Die Eingriffe sind gravierend, wenngleich die feine Struktur der zum Platz gerichteten Fassade erhalten, die ausgewogenen Farbigkeit wiederhergestellt und die Geschäftszeile ihre alte Eleganz wiedergewonnen hat. Ein Glücksfall!

Berlin, Bikini-Haus, nach der Sanierung (Bild: Hild und K Architekten)
Das Innere wurde 2014 zur Flaniermeile umgestaltet (Bild: Hild und K Architekten)

Im Inneren haben Entkernungen, Anbauten und Dachaufbauten derweil eine Mischung aus Einkaufsmall („Concept Mall“) und Markthalle Berliner Provenienz entstehen lassen und die Anbindung zum Berliner Zoo-Gelände hat sich durch Abriss der Versorgungstreppen im hinteren Bereich des Gebäudes in eine neue Flaniermeile verwandelt.

Die in diesem Jahr eröffnete „Concept Mall“ löst nun auf eigene Art das alte Versprechen auf ein besseres, anspruchsvolles, sonnenverwöhntes (Konsumenten-)Leben im „Bikini-Haus“. Leider hat man das einst prägende Freigeschoss seit seiner Verglasung in den späten 1970er Jahren nicht wieder in eine offene Gebäudezone rückgebaut. Allerdings erzeugt die Glasfärbung hier eine Dunkelzone, die den Fassadenfluss horizontal aufbricht: Man erinnert sich an das Bikini-Motiv.

 

Leichtigkeit und Sinnenfreude

Berlin, Bikini-Haus, nach der Sanierung (Bild: Hild und K Architekten)
Heute wirbt das Bikini-Haus mit gestyltem Retro-Chame (Bild: Hild und K Architekten)

Heute ist es dem Betrachter und der Besucherin, die „shoppen“ möchte, anheim gegeben, in der Leichtigkeit und Sinnenfreude der Sanierung jene Klänge und leisen Effekte der West-Berliner Nachkriegsarchitektur aus dem Büro Schwebes  & Schoszberger wieder zu entdecken, die den vielsagenden Namen dieses Gebäudes anschaulich gemacht haben.

 

 

 

Rundgang

Begleiten Sie Karin Wilhelm – mit teils bislang unveröffentlichten Bildern aus dem Archiv des Architekten Paul Schwebes – durch den Bau und die Sanierung des Großprojekts.

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Sommer 14: Gestrandete Wale

LEITARTIKEL: Kann ein Bau stranden?

LEITARTIKEL: Kann ein Bau stranden?

Kerstin Wittmann-Englert vergleicht die Wale mit Architektur: Gestandet seien die modernen Großbauten hoffentlich nicht.

FACHBEITRAG: "Zentrum am Zoo"

FACHBEITRAG: „Zentrum am Zoo“

Karin Wilhelm schildert Berlins Aufbruch der Nachkriegszeit: als 1957 das „Bikini-Haus“ von Paul Schwebes und Hans Schoszberger entstand.

FACHBEITRAG: Das Kröpcke-Center

FACHBEITRAG: Das Kröpcke-Center

Olaf Gisbertz geht in Hannover auf Spurensuche nach dem gebauten, zerstörten und wiederaufgebauten Stadtzentrum – mit dem Kröpcke-Center aus dem Jahr 1976.

FACHBEITRAG: Palast der Sowjets

FACHBEITRAG: Palast der Sowjets

Julius Reinsberg beschreibt eine Utopie des Sozialismus um 1930. Der Wettbewerb erzielte Höchstleistungen und beendete die russische Avantgarde.

FACHBEITRAG: Das "frappant"

FACHBEITRAG: Das „frappant“

Sylvia Necker folgt der Zwischennutzung des Hamburger Frappant. 1977 als Geschäfts- und Wohngebäude eingeweiht, steht heute an seiner Stelle ein neuer IKEA.

INTERVIEW: Peter Cachola Schmal, DAM

INTERVIEW: Peter Cachola Schmal, DAM

Der DAM-Direktor zeigt das Gothaer-Haus in Offenbach, das im Jahr 1977 die veschiedensten Nutzungen einfach übereinander stapelte.

PORTRÄT: Das Kulturhaus Zinnowitz

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Karin Berkemann befragt die moderne Baugeschichte des Kulturtempels: 1957 im Ostseebad eingeweiht, steht er seit der Wende leer und verfällt.