FACHBEITRAG: Das Kröpcke-Center

von Olaf Gisbertz (Heft 14/2)

Hannover, Kröpcke, 1960er Jahre (Bild: historische Postkarte, Scan: Dierk Schäfer)
Für den Kröpcke gestaltete Dieter Oesterlen einen Pavillon (Bild: historische Postkarte, Scan: Dierk Schäfer)

„Das Café am Kröpcke war wie eine Insel mitten im täglichen Verkehrschaos […]. Auf diese Insel flüchteten sich immer wieder sechs Männer, die sich Kröpckerianer nannten. Ein Name gehört sich für Insulaner. Der Häuptling gewissermaßen hieß Joachim Gerd Dieckhaus (Jahrgang 1927). Dieckhaus […] war 1969 aus München nach Hannover gekommen und hatte das Kröpcke sofort entdeckt. ‚Wir haben uns da gern getroffen. Es war einfach gemütlich […]. Es war – es war einfach was. Es war einfach Kröpcke‘, sagt Dieckhaus und kann keine besseren Worte finden für das beliebteste Café Hannovers. […] Und damit war es für die Kröpckerianer selbstverständlich, um jeden Preis (im Sinne des Wortes) die Letzten zu sein, die als Gäste das Café verließen, als es beschlossene Sache war, den Oesterlen Pavillon wegen des bevorstehenden Baus der Untergrund-Bahn zu schließen und alsbald abzureißen. Dieser Abend war am 15. September 1970 gekommen.“ (Parr, 2006, S. 50)

 

Platz (machen) für Neues

Hannover, Kröpcke-Center, Querschnitt (Bild: Landeshauptstadt Hannover)
Querschnitt durch die Ebenen des Kröpcke-Centers (Bild: Landeshauptstadt Hannover)

Diese Worte beschrieben die letzten Stunden, welche die Nachkriegsordnung am Kröpcke beendete. Die schwer beschädigte Stadt hatte hochtrabende Pläne, Hannover zur Landeshauptstadt und zum internationalen Messestandort aus- und umzubauen. Mancher Nachkriegsbau wurde als Provisorium verstanden – wie der erwähnte und von Dieter Oesterlen entworfene Pavillonbau für das Café Kröpcke: ein flacher Baukörper aus Leichtmetall und Glas inmitten der Stadt an der Kreuzung vieler Straßenbahnlinien und Einmündung dreier Hauptverkehrsstraßen (Georg-, Bahnhofs-, und Rathenaustraße).

Er musste wie Vieles weichen und Platz machen für Neues. Vor allem für eine Untergrundbahn, die sich tief unter der Erde verzweigen und über sechs Linien hinweg kreuzen sollte. Die Verkehrsadern eines – nach dem Krieg wiedererwachten – Großstadtlebens wurden in den Untergrund verlegt. Und den Platz an der gegenüberliegenden Seite fasste man für den Fußgänger durch einen tiefergelegten „Flanier-Boulevard“ – Passerelle genannt ­­­– bis hin zum Hauptbahnhof neu.

 

Verwaltungsbau, Einkaufscenter, Verkehrsknoten

Hannover, Kroepcke, Mitte der 1970er Jahre (Bild: Historisches Museum Hannover)
Um 1976 war der Kröpcke eine Großbaustelle (Bild: Hist. Museum Hannover)

Ein wesentlicher Baustein in dieser Neuordnung war das Kröpcke-Center, das seit 1976 ein neues „point de vue“ im Straßengeflecht der Innenstadt bildete – bis sein Rückbau und die Umwandlung in ein zeitgemäßes Geschäftshaus beschlossene Sache war. Das Kröpcke-Center gehörte über rund 40 Jahre hinweg zu jenen Baugattungen, die seit Eröffnung so umstritten waren wie kaum andere der Spätmoderne. Es war Verwaltungsbau, Einkaufscenter und Verkehrsknotenpunkt in einem: eben ein City-Hybrid für das Kommen und Gehen einer mobilen Großstadtgesellschaft.

Einst von den Stadtplanern euphorisch als „Mehr an Urbanität“ gepriesen, haben diese in den 1960er und -70er Jahren errichteten Bauprojekte – schon aufgrund ihrer enormen Größe – heute längst ihren Glanz verloren. Das veränderte Konsumverhalten der Massengesellschaft(en), neue Brandschutz- und Energieeffizienz-Normen sowie nicht zuletzt der gegenwärtige Trend zur Revitalisierung der Innenstädte hat hier zu einem Umdenken geführt.

 

Chancen für die „wachsende“ Stadt

Das Kröpcke-Center setzt sich über mehrere Ebenen im Untergrund fort (Bild: Ra Boe wikipedia)
Das Kröpcke-Center im Untergrund (Bild: Ra Boe wikipedia)

Büros, Läden, Warenhäuser und Einkaufszentren, kurzum Handels- und Verwaltungsbauten, versprachen den Architekten und Städtebauern enorme Chancen für die „wachsende“ Stadt der Konsolidierungsjahrzehnte bis 1980. Schon in den frühen 1970er Jahren erschienen ersten Kompendien, die sich mit wissenschaftlichem Anspruch an eine „Planbare Stadt“ dem Massenkonsum widmeten – nicht ohne den Versuch zu unternehmen, das Planbare der Konsumwelt durch empirische Studien über bereits in Betrieb genommene Anlagen zu legitimieren. Gültige Parameter, wie die Gesamtgrundstücksfläche, der umbaute Raum, die Größe der Verkaufsfläche und die Diversifizierung der Gewerbebetriebe nach Strategien des Verkaufsmarketings, galt es in Relation zu setzen mit gestalterischen und verkehrstechnischen Fragen, wenn es um den Bau multifunktionaler Anlagen ging.

Was für die Großstadt galt, wurde auf kleinere Konsum- und Verwaltungscenter übertragen: wiederkehrende Motive für die An- und Abfahrt, für mehrgeschossige Parkhäuser, für die innere Erschließung durch Ladenstraßen auf mehreren – durch Rolltreppen verbundenen – Ebenen und für die Anordnung bestimmter Verkaufsbranchen nach dem Käuferverhalten. Auch das neue Kröpcke-Center entstand 1976 in diesen Boomjahren, nicht ohne auf den üblichen Maßstabssprung zu verzichten. Seine großformatige Struktur, gestapelte Volumina und rohe Sichtbeton-Fassaden befeuerten bis zuletzt den (Stadtbild-)Diskurs.

 

“Die Idee, skulpturale Architektur zu machen“

Hannover, Kröpcke, Ende der 1970er Jahre (Bild: Historisches Museum Hannover, Foto: Heinrich Weber)
Ein Verkehrsknotenpunkt (Bild: Hist. Museum Hannover, Foto: H. Weber)

Dabei war das Kröpcke-Center anders geplant: als Kaufhaus über dem zentralen Umsteigebahnhof, als 2-geschossige, 24 Stunden geöffnete Halle mit einzelnen gehobenen Geschäften in zentraler Innenstadtlage am geografischen Mittelpunkt Hannovers. Hierzu war ein Bauträgerwettbewerb ausgelobt worden, der aber noch während der Bauzeit aus wirtschaftlichen Gründen scheiterte. Das Einzelhandelskaufhaus musste durch ein Warenhaus ersetzt werden – erschlossen über einen unterirdischen Belieferungshof vom benachbarten Café, dem wiedereröffneten Café Kröpcke (Entwurf Matthaei, von Bassewitz).

Das Kröpcke-Center selbst bestand aus großformatigen Baukörpern, die aufeinandergeschichtet in einem hochaufragenden Verwaltungsturm gipfelten. Jede Funktion sollte am Außenbau ablesbar sein. Selbst der Fahrstuhlschacht trat als eigenständiges Bauelement vor die 12-geschossige, stark plastisch gegliederte Kubatur. „Die Idee war es, skulpturale Architektur zu machen, wie sie in den Siebziger Jahren aktuell war“, so Ekkehardt Bollmann, einer der Architekten des Kröpcke-Centers.

 

„Roher Beton“

Bensberg, Rathaus (Bild: CEphoto Uwe Aranas)
Das Bensberger Rathaus (Gottfried Böhm, 1969) inspirierte auch die Architekten des modernen Kröpcke-Centers (Bild: CEphoto Uwe Aranas)

Die damals junge Architektengemeinschaft Hiltmann, Piper und Bollmann ließ sich aus England und den USA inspirieren: das Engineering Department der Universität Leicester, die City Hall in Boston oder die Architektur-Fakultät in New Haven wirkten prägend. Auch das Rathaus von Bensberg oder die Wallfahrtskirche in Neviges von Gottfried Böhm, machte Eindruck auf die jungen Architekten. Sie verschrieben sich gegen den Mies’schen Funktionalismus der rustikal ehrlichen Betonästhetik – nicht zuletzt durch die Arbeiten des „Teams 10“ und Reyner Banhams streitbare Schrift „The new Brutalismus“, 1966 auf Deutsch erschienen.

Doch sollte das Center nicht irgendein Betonklotz sein: Die Fassadenplatten wurden aus Leinekieseln gewonnen und per Sandstrahl strukturiert. Es ging den Architekten um die sinnliche Anmutung des „betón brut“, des rohen unverhüllten Materials als Inbegriff einer neuen Wahrhaftigkeit in der Architekturästhetik der Spätmoderne. Was als Aufbruch in eine neue Ära gemeint war, scheiterte aber an der Akzeptanz des Betons in breiten Kreisen der Öffentlichkeit.

Der Waschbeton, als Kiesbeton in Platte gegossen und in Serie verbaut, verwandelte das Bild der Städte binnen Kurzem in „graue Betonwüsten“. Aus einem Gegenbild zum Funktionalismus waren multifunktionale Komplexbebauungen in Beton zum Feindbild für die Wiederbelebung städtischen Lebens mutiert. Nur wenige Jahre zuvor hatten „Waschbeton und Dauergrün“ keinen Widerspruch bedeutet in der neuen Fußgängerzone von Hannover, jener heute noch geschätzten Einkaufsmeile in der autobefreiten Innenstadt zwischen Hauptbahnhof und Kröpcke-Platz.

 

Ein „schlappes Herz aus Beton“?

Hannover, Kröpcke, Neubau (Bild: Landeshauptstadt Hannover)
Das Kröpcke-Center zwischen alter und neuer Gestaltung (Bild: Landeshauptstadt Hannover)

„Die Letzten wollten die Ersten sein. Fünf Jahre hatten sich die Kröpckerianer in unterschiedlichen Kneipen getroffen und immer am 15. September. Das war ihr Gedenktag – am 15. September 1970 war ja ‚ihr‘ Café am Kröpcke geschlossen worden. ‚Wenn alles gut geht, wird das neue Kröpcke-Café im Frühsommer 1976 am alten Platz eröffnet‘, hieß es in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung am 11. Juni 1975.“ (Parr, 2006, S. 55)

Es ist wohl gutgegangen. Als sich die Kröpckerianer wieder im neuen Café am alten Platz trafen dauerte es nicht lange, bis auch ihr Blick auf das Kröpcke-Center fiel. Doch noch vor seiner Eröffnung hatte es für Wirbel gesorgt: Nach Fehleinschätzungen und unsicherer Finanzierung nannte man es ein „Schlappes Herz aus Beton“. Sein Image hat sich davon nie wieder erholt. Nach nicht einmal 40 Jahren wurde es in eine neue Form überführt. Die monolithische Betonsichtigkeit musste einer gegenwärtigen Fassadenoptik weichen, die nun – nicht mehr und nicht weniger – wohl ein „Mehr an Akzeptanz“ verspricht.

 

Nur wenige werden den Abriss fordern

Hannover, Kröpcke, Neubau, 2014 (Bild: ChristianSchd)
Das neue Kröpcke-Center gestalteten 2014 Kleihues + Kleihues (Bild: ChristianSchd)

Wohl nur wenige, wie jüngst Till Briegleb, werden den Abriss, den Rückbau oder die völlige Umgestaltung des neuen Kröpcke-Centers einfordern. Und kaum jemand wird dem alten Kröpcke-Center nachtrauern, wenn es auch ein Leitbau seiner Zeit war – zusammen mit dem Hochhaus am Lister Tor (Bahlo – Köhnke – Stosberg + Partner, 1973-75), einem ungleich größeren Komplex für Wohnen und Arbeiten in der Stadt, der vis à vis wie ein Fels in der Brandung an das Koordinatennetz Hannovers in den 1970er Jahren erinnert.

 

Rundgang

Begleiten Sie Olaf Gisbertz – mit Bildern der Landeshauptstadt Hannover und des Historischen Museums Hannover – auf einem Rundgang zu den wechselnden Kröpcke-Bauten.

 

Literatur

Parr, Thomas, Geh’n wir doch ins Kröpcke. Hannover und sein legendäres Café, Gudensberg-Gleichen 2006

Lindau, Friedrich, Hannover: Wiederaufbau und Zerstörung. Die Stadt im Umgang mit ihrer bauhistorischen Identität, Hannover 2000 [2. Auflage]

Schmidt, Alfons, Hauptstadtplanung in Hannover seit 1945, Diss., Hannover, 1995

Lindau, Friedrich, Architektur in Hannover seit 1900, München 1981

Wolf, Klaus, Geschäftszentren. Nutzung und Intensität als Maß städtischer Größenordnungen (Rhein-Mainische Forschungen 72), Frankfurt am Main 1971

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Sommer 14: Gestrandete Wale

LEITARTIKEL: Kann ein Bau stranden?

LEITARTIKEL: Kann ein Bau stranden?

Kerstin Wittmann-Englert vergleicht die Wale mit Architektur: Gestandet seien die modernen Großbauten hoffentlich nicht.

FACHBEITRAG: "Zentrum am Zoo"

FACHBEITRAG: „Zentrum am Zoo“

Karin Wilhelm schildert Berlins Aufbruch der Nachkriegszeit: als 1957 das „Bikini-Haus“ von Paul Schwebes und Hans Schoszberger entstand.

FACHBEITRAG: Das Kröpcke-Center

FACHBEITRAG: Das Kröpcke-Center

Olaf Gisbertz geht in Hannover auf Spurensuche nach dem gebauten, zerstörten und wiederaufgebauten Stadtzentrum – mit dem Kröpcke-Center aus dem Jahr 1976.

FACHBEITRAG: Palast der Sowjets

FACHBEITRAG: Palast der Sowjets

Julius Reinsberg beschreibt eine Utopie des Sozialismus um 1930. Der Wettbewerb erzielte Höchstleistungen und beendete die russische Avantgarde.

FACHBEITRAG: Das "frappant"

FACHBEITRAG: Das „frappant“

Sylvia Necker folgt der Zwischennutzung des Hamburger Frappant. 1977 als Geschäfts- und Wohngebäude eingeweiht, steht heute an seiner Stelle ein neuer IKEA.

INTERVIEW: Peter Cachola Schmal, DAM

INTERVIEW: Peter Cachola Schmal, DAM

Der DAM-Direktor zeigt das Gothaer-Haus in Offenbach, das im Jahr 1977 die veschiedensten Nutzungen einfach übereinander stapelte.

PORTRÄT: Das Kulturhaus Zinnowitz

PORTRÄT: Das Kulturhaus Zinnowitz

Karin Berkemann befragt die moderne Baugeschichte des Kulturtempels: 1957 im Ostseebad eingeweiht, steht er seit der Wende leer und verfällt.

FACHBEITRAG: Das „frappant“

von Sylvia Necker (Heft 14/2)

Das "frappant" in den frühen 1970er Jahren (Bild: privat)
Das „frappant“ nach 1973 (Bild: privat)

Mitten in Hamburg-Altona stand das „frappant“ – ein Ensemble mit Einkaufszentrum und Gewerbe- sowie Wohneinheiten – gerade einmal 40 Jahre. Als „Betonklotz“ geschmäht und als „Bausünde“ verurteilt, gehört es zu den vielen baulichen Zeugnissen der Nachkriegsmoderne, die aussortiert und in diesem Fall abgerissen wurden. Als man das „frappant“ in der Großen Bergstraße 1973 eröffnete, war sein Niedergang indes nicht vorstellbar, ganz im Gegenteil: In der lokalen Presse wurde das Ensemble – als folgerichtige Weiterentwicklung des Wiederaufbaugebiets Neu-Altona – mit einem Gala-Empfang gefeiert.

 

Wirtschaftswunderwelt in der Fußgängerzone

Hamburg gehörte zu den westdeutschen Städten, die von den Alliierten stark bombardiert wurden. Im Stadtteil Altona, im Westen und in der Nähe des Hafens gelegen, waren einige Straßenzüge komplett zerstört. Konstanty Gutschow, von den Nationalsozialisten als „Architekt für die Neugestaltung der Hansestadt Hamburg“ eingesetzt, sah sich dadurch in seiner Utopie der „neuen Stadt“ beflügelt. Noch vor 1945 legte er mit seinen Neu- und Wiederaufbauplänen den entscheidenden Grundstein für Hamburgs Nachkriegsgestalt.

Flächennutzungsplan von Ernst May für das Wiederaufbaugebiet "Neu-Altona", 1955 (Bild: Neue Heimat, Hamburgisches Architekturarchiv)
Flächennutzungsplan von Ernst May für das Wiederaufbaugebiet „Neu-Altona“, 1955 (Bild: Neue Heimat, Hamburgisches Architekturarchiv)

Durch den ersten Nachkriegsbürgermeister Hamburgs, Max Brauer, kam der Architekt und Städtebauer Ernst May für das größte Wiederaufbauprojekt der Hansestadt nach Hamburg. Der gewerkschaftlichen Baugesellschaft „neue heimat“ legte er 1954 die ersten Pläne von „Neu-Altona“ vor. Das 110 Hektar große Gebiet – zwischen der Elbe im Süden, der heutigen Max-Brauer-Allee im Westen und der Holstenstraße im Osten – wollte May auflockern und nach Funktionen trennen. Neu-Altona sollte ein Grüngürtel mit Schulen und weiteren öffentlichen Einrichtungen durchziehen. Die 11.000 Wohnungen ordnete der Stadtplaner in organisch geformten Zeilen von vier bis fünf Stockwerken. Durch wenige Punkthochhäuser setzte er im Grüngürtel städtebauliche Orientierungspunkte.

Kernstück bildete das „Geschäftsgebiet mit Ladenstraße“ (im Flächennutzungsplan rot ausgewiesen). Hierfür wurde die im Osten schwer zerstörte Große Bergstraße wiederaufgebaut. Im Westen zum Bahnhof Altona schuf man mit der Neuen Großen Bergstraße eine „Ladenstraße“, wofür die teilweise noch funktionstüchtige Wohnbebauung abgerissen wurde. Zwischen Bank- und Verwaltungsgebäuden sollten die Hamburger in Cafés und kleinen Läden die neue bundesrepublikanische Warenwelt durchschlendern. Der Clou waren die – in den Straßenraum gesetzten – Pavillons, die zusätzliche Geschäfte beherbergten.

Das „Hausfrauenparadies“, wie es das Hamburger Abendblatt betitelte, wurde 1966 eröffnet und rühmte sich, die erste Fußgängerzone der Bundesrepublik zu sein. Vorbild war die Lijnbaan in Rotterdam (1954), die als erste autofreie Fußgängerzone in ganz Europa Furore machte. Die Euphorie für den „merkantile[n] Superbau“ in der Neuen Großen Bergstraße war auch in Hamburg groß. Im November 1966 lobte man den Ort, „wo auch […] gepflegte Gastlichkeit für eine absolut großstädtische Atmosphäre sorgen soll“, die „mit dem Wortmonstrum ‚Fußgänger-Einkaufsstraße Neu-Altona‘ belegt worden ist“.

 

Der Ideenwettbewerb von 1968

Wettbewerbsbeitrag des Hamburger Architekten Peter Neve für ein Multifunktionsensemble mit Einkaufszentrum, Büros und Wohneinheiten 1968 (Bild: Neue Heimat, Hamburgisches Architekturarchiv)
Wettbewerbsbeitrag von Peter Neve für ein Ensemble mit Einkaufszentrum, Büros und Wohneinheiten 1968 (Bild: Neue Heimat, Hamburgisches Architekturarchiv)

Die Neue Große Bergstraße konnte sich rasch als Geschäftsstraße etablieren. Daraufhin schrieb die Stadtplanung im Bezirk Altona mit der „neuen heimat“ 1968 den Ideen-Wettbewerb für ein „überörtliches Geschäftszentrum“ aus. Der Konsum, eine der wichtigsten Triebfedern der Nachkriegsmoderne, schien den Bedarf für ein multifunktionales Ensemble zu wecken: Einkaufszentrum, Büroflächen und Wohnungen sowie eine angeschlossene Parkgarage mit 1.000 Stellplätzen. Der Architekt Peter Neve bekam den Zuschlag und errichtete bis 1974 in drei Bauabschnitten die Wohn- und Verkaufsflächen zwischen Virchowstraße, Große Bergstraße und Jessenstraße. Dazu gehörten mit der im Osten der Großen Bergstraße angrenzenden „Altona Passage“ noch weitere Einkaufsflächen. Im Unterschied zu den Plänen von Ernst May, sollte das „frappant“ nun gerade die Funktionen bündeln.

Der Einkauf konnte quasi mit den Aufzug aus dem Erdgeschoss in die Wohnflächen der „Altona Passage“ gebracht werden. Zwar hatten sich die Pläne für eine eigene U-Bahn-Station zerschlagen, aber die S-Bahnen und Busse waren mit dem Altonaer Bahnhof nur 400 Meter entfernt. In seinen Geschosshöhen nach oben gestaffelt und mit vielen Vor- und Rücksprüngen ausgestattet, klebte das „frappant“ keineswegs als Klotz in der Straße. Ganz im Gegenteil: Vom Bahnhof Altona kommend, fügte sich der Bau reibungslos in die Große Bergstraße. Zeitgenössisch war er etwa durch besondere Bars und das erste afghanische Restaurant der Stadt ein echter Hotspot.

 

Das „frappant“ im Zenit

1973 wurde das „frappant“ durch einen Gala-Empfang mit 1.000 geladenen Gästen in Smoking und Abendkleid eröffnet. Die Erwartungen an das „frappant“ waren hochgehängt. Man schwärmte von den „stilechte[n] Kostüme[n]“ des Personals und vom „Pariser Flair“. Das Zentrum sei „einmalig in Europa“: „eine Mini-Stadt, vollklimatisiert, mit lockenden Geschäften und ausgesuchter Gastronomie unter einem Dach“.

Für „Hamburgs modernstes Wohn-, Bummel- und Einkaufszentrum“, zu dem „Straßenrestaurants, Boutiquen und Fitness-Räume“ gehörten, wurde allenthalben geworben. Die triste Bahnhofsregion und die mittlerweile in die Jahre gekommene Neue Große Bergstraße – obwohl noch nicht einmal zehn Jahre alt – sollte durch das Glitzern und die bunten Farben der Innenarchitektur des „frappant“ aufgewertet werden. In den 1970er Jahre übernahm der Karstadt-Konzern einige der Verkaufsflächen, in Teile der Büroetage des „frappant“ zog das Arbeitsamt ein.

 

Der Abstieg seit den 1980er Jahren

Hamburg, Frappant, Rückseite (Bild: Johanna Klier, 2010)
Seit den 1980er Jahren wurde das „frappant“ (nicht nur) baulich vernachlässigt (Bild: Johanna Klier, 2010)

Ähnlich schnell wie die Neue Große Bergstraße veraltete auch das „frappant“. Der Bezirk Altona investierte kaum in die Infrastruktur und die Straßenmöblierung. Zunehmend lagerte Müll in den Abseiten des Zentrums. Der gestaltete Freiraum vor dem „frappant“ wurde zum Treffpunkt für Alkoholiker und Obdachlose. Initiativen der lokalen Einzelhändler fruchteten nicht, die Stadt hatte Anderes im Sinn.

Jenseits der westlichen Begrenzung von Neu-Altona – der Max-Brauer-Allee und dem Bahnhof Altona – entwickelte sich der einst kleinteilige, verrottende Stadtteil Ottensen zum aufstrebenden, von Architekten und Akademikern bewohnten Viertel. Nachdem sie ihre Studienzeit hinter sich gelassen hatten, förderten die einstigen Revoluzzer nun einen Kiez, der heute zu den beliebtesten der Stadt zählt. Ottensen ist am oberen Ende der Gentrifizierungsspirale und die Mieten im „oberen Preissegment“ angekommen. Gleichzeitig konnten die „Loser“ vor dem „Betonklotz frappant“ erfolgreich durch die natürliche Grenze der Max-Brauer-Allee ferngehalten werden.

 

Kiez und Konsum?

Zwei bauliche Veränderungen sorgten für diesen Wandel: 1979 wurde der alte Altonaer Bahnhof durch einen „Kaufbahnhof“ ersetzt. In den 1990er Jahren eröffnete man mitten in Ottensen das Einkaufszentrum „mercado“, das sich zum regionalen Anziehungspunkt entwickelte. Kiez und Konsum passen dort wunderbar zusammen, das „frappant“ und die Große Bergstraße waren dagegen die Verlierer. Die Geschäfts- und Einkaufstätigkeit verlagerte sich zum „guten“, beliebten und sauberen Ottensen, während das Gebiet östlich der Max-Brauer-Allee als vernachlässigt, hässlich und schmutzig wahrgenommen wurde.

Damit büßte die Straße, aber vor allem die funktionalistische – einst für Fortschritt und Utopie stehende – Architektur der späten 1960er Jahre an Daseinsberechtigung ein. Von diesem Bedeutungsverlust konnte sich das „frappant“ nie erholen. So fruchteten keine der Rettungsversuche für das Gebäude, die man bis zum Abriss im Jahr 2011 unternahm.

 

Veränderungswillen und Protestkultur

Vor dem "frappant" werben Künstler 2009 mit einer Freiluftausstellung für dessen Erhalt (Bild: S. Necker)
Freiluftausstellung vor dem „frappant“ (Bild: S. Necker, 2009)

Die Talfahrt des „frappant“ war im Dezember 2003 an ihrem Tiefpunkt: Nach 25 Jahren zog Karstadt aus und das Arbeitsamt kündigte die Büroräume. Seit den 1990er Jahren wurde das „frappant“ immer wieder an neue Investoren verkauft, die jedoch keine Nutzung finden konnten oder wollten. Als Folge stand der Bau über Jahre teilweise leer. Erst 2005 zogen erste Künstler und kleine Architekturbüros auf Zwischenmiete in die Erdgeschossflächen der „Altona Passage“. Gleichzeitig setzte der Bezirk ein Quartiersmanagement ein, das die Große Bergstraße zum Sanierungsgebiet erklärte. Über die „steg Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsgesellschaft Hamburg mbH“ sollten die Große Bergstraße belebt und kleine Einzelhändler unterstützt werden.

Erst 2009 kam Bewegung in die Sache: Den Zwischenmietern in den mittlerweile etablierten Galerien und Künstler-Arbeitsräumen wurde gekündigt. Für die „Altona Passage“ hatte die Stadt einen Investor gefunden. Die Künstler sollten weichen und in das benachbarte, nun seit 2004 komplett leerstehende „frappant“ umzuziehen. Trotz aller Verschiebebahnhof-Taktik entstand eine euphorische Stimmung unter den neuen Zwischennutzern des „frappant“. Die Initiative frappant.org wuchs im Frühjahr 2009 auf an die 150 Künstler. Im Sommer konnten die Renovierungsarbeiten in den Büroetagen des „frappant“ beginnen. Und im August wurde im Erdgeschoss die Eröffnung des „neuen frappant“ gefeiert.

 

IKEA kommt

Die Pläne für die erste innerstädtische Filiale von IKEA anstelle des "frappants" riefen nicht nur bei den Künstlern, die das Gebäude zwischennutzen, Protest hervor. Im Umfeld der "Recht-Auf-Stadt-Bewegung" entwickelten sich unterschiedliche Kampagnen gegen IKEA in Altona (Bild: Sylvia Necker)
Der Plan, das „frappant“ durch eine IKEA-Filiale zu ersetzen, rief Protest hervor (Bild: S. Necker)

Allerdings war die Initiative sehr vielfältig: Für die einen war das „frappant“ billige Atelierfläche, einige Andere wollten hier ein Kulturzentrum für den Stadtteil entwickeln. Diese Standpunkte radikalisierten sich, als IKEA das „frappant“ im Herbst 2009 kaufte und hier eine innerstädtische Filiale ankündigte. Unterstützt vom Netzwerk „Recht Auf Stadt“, versuchte ein Teil von frappant.org, die IKEA-Pläne zu vereiteln. Zudem war durch die Kündigung der Zwischenmieter zum 31. November 2009 unmissverständlich klar: Das schwedische Möbelhaus meint es ernst.

Eine erstaunliche Wende nahm die Lage, als im Januar 2010 eine Pro-IKEA-Bürgerinitiative 77 % für den Abriss des „frappant“ gewinnen konnte. Kein Konzept vermochte das in die Jahre gekommene „frappant“ zu retten. Vielmehr zerbröckelte die bunte Gruppe der „frappant“-Retter. Einige Künstler zogen mit dem Verein frappant.org in ein Ausweichquartier. Andere führten den Kampf für eine „Stadt für alle“ weiter. Eine gesellschaftliche und architekturgeschichtliche Debatte um das „frappant“ wurde einfach nicht geführt. Stattdessen schienen der Kampf verloren und ein anderes Projekt erfolgsversprechender: die Gängeviertel-Initiative.

 

Der Kapitalismus siegt

Gestrandete Post-Post-Post-Moderne: Der neue IKEA-Bau drängt sich als Wal zwischen die vernachlässigten 1950er-Jahre-Bauten in der Neuen Großen Bergstraße (Bild: Sylvia Necker)
Gestrandete Post-Post-Post-Moderne: Der neue IKEA-Bau drängt sich als Wal zwischen die vernachlässigten 1950er-Jahre-Bauten (Bild: S. Necker)

Die Wirklichkeit fällt ernüchternd aus: Nach dem Abriss des „frappant“ ist die IKEA-Filiale seit diesem Sommer eröffnet. Wie ein Ufo schiebt sie sich in die Große Bergstraße. Die umliegenden Gebäude der Nachkriegsmoderne werden entweder abgerissen oder bis zur Unkenntlichkeit saniert. Die Stadt und die Bahn AG ließen sich endlich darauf ein, die Straßenunterführung der Max-Brauer-Allee aufwendig zu sanieren. Nun ist der Link zwischen den Konsumzonen in Ottensen und in der Großen Bergstraße geschaffen. Zum Preis, eine Architektur verloren zu haben, die den utopischen Geist der 1960er und 1970er Jahre auf wunderbarste Weise repräsentierte.

 

Rundgang

Folgen Sie Sylvia Necker – mit Bildern der Architekturfotografin Johanna Klier und des Hamburgischen Architekturarchivs – auf einem Rundgang durch die wechselnden Nutzungen des „frappant“.

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Sommer 14: Gestrandete Wale

LEITARTIKEL: Kann ein Bau stranden?

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Olaf Gisbertz geht in Hannover auf Spurensuche nach dem gebauten, zerstörten und wiederaufgebauten Stadtzentrum – mit dem Kröpcke-Center aus dem Jahr 1976.

FACHBEITRAG: Palast der Sowjets

FACHBEITRAG: Palast der Sowjets

Julius Reinsberg beschreibt eine Utopie des Sozialismus um 1930. Der Wettbewerb erzielte Höchstleistungen und beendete die russische Avantgarde.

FACHBEITRAG: Das "frappant"

FACHBEITRAG: Das „frappant“

Sylvia Necker folgt der Zwischennutzung des Hamburger Frappant. 1977 als Geschäfts- und Wohngebäude eingeweiht, steht heute an seiner Stelle ein neuer IKEA.

INTERVIEW: Peter Cachola Schmal, DAM

INTERVIEW: Peter Cachola Schmal, DAM

Der DAM-Direktor zeigt das Gothaer-Haus in Offenbach, das im Jahr 1977 die veschiedensten Nutzungen einfach übereinander stapelte.

PORTRÄT: Das Kulturhaus Zinnowitz

PORTRÄT: Das Kulturhaus Zinnowitz

Karin Berkemann befragt die moderne Baugeschichte des Kulturtempels: 1957 im Ostseebad eingeweiht, steht er seit der Wende leer und verfällt.

INTERVIEW: Peter Cachola Schmal, DAM

„Vollkommen abgedrehter Komplex“

Mit Peter Cachola Schmal in Offenbach

 

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Die Verhältnisse auf den Kopf stellen: DAM-Direktor Peter Cachola Schmal im Gothaer-Haus in Offenbach (Bild: D. Bartetzko)

Berliner Straße 175, ein Tag im Juli: Drei Männer drücken sich mit kindlicher Begeisterung auf Feuerwehr-Umläufen herum, fotografieren ihre Spiegelbilder in der Glasfassade und erfreuen sich an leberwurstfarbenen Kieselplatten im Treppenhaus. Das Kopfkino läuft auf Hochtouren. Was könnte man in den vier Geschäfts- und Büroetagen einrichten, wie das darüber thronende Wohnhochhaus beleben? Ein urbaner Spielplatz für Menschen mit Visionen: Julius Reinsberg und Daniel Bartetzko treffen Peter Cachola Schmal, den Direktor des Deutschen Architektur Museum (DAM) im 1977 eröffneten Gothaer-Haus in Offenbach am Main.

„In der jetzigen Form wird es dieses Gebäude in zehn Jahren wohl nicht mehr geben“, sagt Schmal. Auch Offenbach leidet darunter, dass die ungeliebten Spätsiebziger-Kuben entweder saniert werden müssen oder schon zur Unkenntlichkeit gedämmt wurden. Kurzfristig dürfte sich kein Investor finden, der einen Sinn für diesen Großbau mit Spiegelglasfassade hat. Das Gothaer-Haus steht bald zum Verkauf.

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Stadt im Spiegel: In den Siebzigern bot Offenbach bessere Hochhäuser als Frankfurt (Bild: D. Bartetzko)

„Weiß jemand, wer der Architekt dieses vollkommen abgedrehten Komplexes ist?“ fragt der DAM-Direktor 2013 via Facebook. Seit einem Jahr wohnt er in Offenbach und fährt täglich am Spiegelturm vorbei. Wochen später führt er Interessierte für die Initiative Offenbach loves U durchs Gebäude. Den „abgedrehten Komplex“ auf spitzwinkligem Grundstück entwarfen die Darmstädter Martin Müller (1921-1993) und Peter Opitz (*1938). Zwar wurde der einstige Versicherungssitz 1977 eingeweiht, doch stammen die Pläne von 1972. Damit zählt er zu den frühen Vertretern jener multifunktionalen Großbauten, die damals als zukunftsweisend galten.

Peter Cachola Schmal: Das Gebäude ist ein Kind seiner Zeit: braunes Spiegelglas, Trapezblech, Edelstahl, Marmorplatten, die skulpturale Form. Dazu die Einheit von Wohnen, Einkaufen und Arbeiten plus Tiefgarage und Parkdeck: Das ist urban gedacht, sehr edel ausgestattet und an diesem Platz spektakulär.

Offenbach, Gothaer Haus, Seitenansicht (Bild: D. Bartetzko/J. Reinsberg)
„Seiner Zeit um Haaresbreite voraus“, bescheinigt Schmal dem Gothaer-Haus (Bild: D. Bartetzko/J. Reinsberg)

moderneREGIONAL: Und warum begeistern wir uns heute für diesen Bau? Ist es der Charme des Schrägen oder ist es sein Konzept?

PCS: Letztlich beides. Wir befinden uns hier zwischen Moderne und Postmoderne, ein Teil der phantastischen Bewegung der 1970er. Klare Strukturen wie die Fensterbänder oder die Rasterfassade des Parkdecks stehen im Kontrast zum kunstvoll zerklüfteten Wohnhaus – das erinnert etwa an die japanischen Metabolisten um Kenzo Tange, Kiyonori Kikutake und Kisho Kurokawa. Das Nutzungskonzept folgt einem wieder aktuellen Anspruch: weg von der Trennung von Wohnen und Arbeiten. Die Entmischung wurde gerade in den Siebzigern ja gefördert und hat manche Innenstädte veröden lassen.

mR: Also ist dieser Bau sogar moderner als gedacht?

PCS: Begrünte Dachflächen, für jeden Mieter ein Platz in der Tiefgarage, schlichte und luxuriöse Wohnungen beieinander – das war seiner Zeit um Haaresbreite voraus. Zugegeben, was uns vordergründig begeistert, ist das Unzeitgemäße: Spiegelglas statt klobiger Fassadendämmung. Eine wilde skulpturale Komposition von Einzelteilen statt eines klaren stereometrischen Baukörpers. Und die verwendeten Bronzetöne der Fassaden treffen nicht nur den damaligen Geschmack, sondern auch unseren bald wieder. Leider wurde das dunkle Wellblech überstrichen, aber ernsthaft in die Bausubstanz eingegriffen hat man bis heute nicht.

Offenbach, Gothaer Haus (Bild: D. Bartetzko/Julius Reinsberg)
Heute wieder zu 75 % ausgelastet (Bild: J. Reinsberg)

2001 war das elfgeschossige Gothaer-Haus noch zu 30 % genutzt. Eine neue Hausverwaltung hat das Gebäude durch hohes Engagement nun wieder zu 75 % vermietet, unliebsame Nutzer sind verschwunden: Der frühere Kinderspielplatz auf der Terrasse im 5. Stock war zeitweise Drogenumschlagsplatz. Die Büroetagen beherbergten etliche Scheinfirmen.

mR: Die Betriebs- und Instandhaltungskosten eines derartigen Großbaus sind hoch. Und der Sanierungsbedarf kündigt sich an einigen Ecken an. Ist das eine Sackgasse?

PCS: Wir stehen zwar nicht in einer Ruine, aber man sieht den Handlungsbedarf. Das könnte auch erklären, warum sich die Denkmalpflege noch zurückhält. Es ist ein Dilemma: Eine Unterschutzstellung wird Kaufinteressenten abschrecken. Gleichwohl drohen dem Amt Kosten, wenn es eine Sanierung fördern müsste. Momentan kann man hoffen, dass der Status Quo erhalten bleibt: Es wird nicht saniert, aber der Verfall gebremst. Solange das Grundstück noch nicht so viel wert ist, ist der Bau nicht bedroht. Er steht ja nicht auf der Frankfurter Zeil, wo selbst die Zeilgalerie von 1992 möglicherweise abgerissen wird.

mR: Und wäre das Gothaer-Haus für Sie ein Baudenkmal?

PCS: Definitiv. Unter Denkmalschutz stellen bedeutet ja, ein besonders typisches Bauwerk zu retten, nicht ein besonders gefälliges.

Offenbach, Gothaer Haus (Bild: J. Reinsberg)
Blick ins Ungewisse (Bild: J. Reinsberg)

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, sagte Altkanzler Helmut Schmidt einmal. Die Anwesenden, die vor ihrem geistigen Auge Künstlerateliers in Praxisräumen und wucherndes Grün auf kahlen Flachdächern sehen, fühlen sich gesund – und bestätigt: Die Frankfurter Rundschau schrieb 1977: „Hier wurde ein wertbeständiges Haus für 100 Jahre nach dem Grundsatz der Solidität für eine gemischte, möglichst vielseitig verwertbare Nutzung bestellt.“ 21 Millionen D-Mark kostete der Bau, heute dürfte er günstiger zu haben sein. Wer greift zu?

Das Gespräch führten Daniel Bartetzko und Julius Reinsberg  (Heft 14/2).

 

Zur Person Peter Cachola Schmal

Peter Cachola Schmahl auf dem Gothaer Haus in Offenbach (Bild: D. Bartetzko/J. Reinsberg) Peter Cachola Schmal, geboren 1960, studierte Architektur in Darmstadt. Nachdem er 1989 für Behnisch + Partner tätig war, arbeitete er von 1990-1993 als angestellter Architekt bei Eisenbach + Partner. Von 1992 bis 1997 war Schmal wiss. Mitarbeiter an der TU Darmstadt, lehrte im Anschluss bis 2000 an der FH Frankfurt. Für das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt ist Schmal seit 2000 als Kurator, seit 2006 als Direktor tätig.

 

 

Ein Rundgang durch das Gothaer-Haus

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