Die Kunststofftreppe – im fg 2000

von Pamela Voigt (Heft 14/3)

GFK-Treppe ins Obergeschoss (Bild: FOMEKK Bauhaus-Universität Weimar, 2001)
Im fg 2000 führt eine Kunststofftreppe vom gemauerten Erd- ins Obergeschoss aus Fertigelementen (Bild: FOMEKK, Bauhaus-Universität Weimar, 2001)

Wer braucht da noch eine Treppe? Das utopische Kunststoff-Fertighaus „fg 2000“ wirkt eher wie ein Raumschiff, das auch die Teleportation beherrscht. Zwei dieser futuristischen Kunststoffgebilde – der Prototyp von 1968 und das letzte realisierte Wohnhaus von 1979 – stehen im hessischen Altenstadt und unter Schutz. Beide wurden vom gelernten Modell- und Formenbaumeister Wolfgang Feierbach (1937-2014) entwickelt, realisiert und genutzt. Der Prototyp diente zunächst als Demonstrationsobjekt, bis 1979 als Büro- und Wohnhaus der Familie Feierbach, schließlich als reines Bürohaus für die Firma „fg design“. Das 1979 errichtete fg 2000 war und ist Wohnhaus der Feierbachs. Beide werden durch eine luftige Kunststofftreppe erschlossen, denn das Wohnen der Zukunft fand im lichten farbigen Obergeschoss statt.

 

Kunststoff hat Tradition

Kunststoffe sind älter als gedacht. Bereits im 19. Jahrhundert arbeiteten Chemiker daran, stark nachgefragte Materialien wie Elfenbein oder Naturkautschuk industriell zu ersetzen. Schließlich entwickelte die amerikanische Flugzeugindustrie 1942 die leistungsstarken glasfaserverstärkten Kunststoffe (GFK). Und ab 1950 wurden GFK in den USA bereits für Radome, die Schutzhüllen für Radaranlagen, eingesetzt.

Chemiker, Verarbeiter, Ingenieure, Architekten und Künstler nutzten das neue Material für Sportartikel, im Boots-, Fahrzeug- und Flugzeugbau, aber auch als (selbst)tragenden Baustoff. Denn im GFK übertragen die Glasfasern und die Polyesterharze die auftretenden Kräfte und binden sie durch das umschließende Duroplast. Die chemische Zusammensetzung und die Herstellung machten GFK von Anfang an zu einem industriellen Baustoff.

 

Das ideale Zweithaus

House of the Future, 1957-67 im californischen Disneyland  (Bild: Archiv Institut für Bauen mit Kunststoffen)
Das House of the Future (1957-67) in Disneyland (Bild: Archiv Institut für Bauen mit Kunststoffen)

Glaubt man der Architekturhistorikerin Beatriz Colomina, so spielt das Wohnhaus im 20. Jahrhundert die Hauptrolle: Von Frank Lloyd Wright bis zu Frank Gehry – nahezu alle Architekten haben ihre besten Ideen an Wohnhäusern vervollkommnet. Für sie war das ideale Wohnhaus ein Fertighaus. Und das ideale Fertighaus war in den 1960er Jahren ein Kunststoffhaus. Darauf beruhte das international große Interesse an Kunststoff-Versuchsbauten wie dem 1957 errichteten House of the Future.

Das Kunststoffhaus war wie geschaffen für den damaligen Trend zum Zweithaus: Es blieb kleiner als ein Einfamilienhaus und seine Bewohner zeigten sich offen für neue Wohnformen. Einige GFK-Häuser – die von 8 bis zu 120 Quadratmeter Nutzfläche haben konnten – verfügten nur über einen Raum, andere über mehrere Zellen. Es gab höhlenähnliche Kunststoffhäuser für den Naturliebhaber, mobile Bauten, die schwimmen konnten, extravagante Typen, die keinen Käufer fanden, stylishe Raumschiffe und zutiefst pragmatische Entwürfe, denen man den futuristischen Baustoff nicht ansah.

 

Es geht aufwärts

Die GFK-Bauten stehen für den Optimismus der Nachkriegszeit: das neue Material, die dynamische Form und die leichte Konstruktion, viel Licht und noch mehr Farbe, ein flexibler Grundriss und eine futuristische Inneneinrichtung. Typennamen wie House of the Future, fg 2000 oder Futura unterstrichen diesen Anspruch schon in den 1950er bis 1970er Jahren. Und die mit GFK Bauenden waren sich dessen sehr wohl bewusst.

Durch ihre leistungsstarke chemische Industrie war die Bundesrepublik führend in der Kunststoffproduktion. Die Fach-, Wirtschafts-und Berufsverbände informierten über die Möglichkeiten der über hundert verschiedenen Kunststoffarten. Und – obwohl GFK 1970 nur 5 % der Gesamtproduktion im Bauwesen ausmachte – vor allem die tragenden Anwendungen erhielten durch Presse, Ausstellungen und Messen große Aufmerksamkeit.

 

An nur einem Tag

Aufbau des Prototypen Mai 1968, 7 bis 17 Uhr für den Rohbau aus 13 Dach- und 26 Wandelementen aus GFK (Bild: W. Feierbach)
Der Prototyp des fg 2000 wurde im Mai 1968 zwischen 7 und 17 Uhr zusammengesetzt (Bild: W. Feierbach)

Wolfgang Feierbach gründete 1962 zunächst eine Werkstatt in seiner Heimatstadt Sulzbach am Taunus und vergrößerte sich 1965 zu einer kunststoffverarbeitenden Firma im hessischen Altenstadt. Zu seinen ersten Produktionen gehörten Elemente des „seater 620“ für den Designer Dieter Rams. Als die Sesselherstellung plötzlich abbrach, investierte Feierbach in die eigene GFK-Möbelserie fg design (fg = fibre glass).

Auf der Düsseldorfer Kunststoffmesse stellte Feierbach 1963 schließlich ein Modell seines Kunststoffhauses im vor: das fg 2000. Bis 1968 entwickelte er – mit praktischen Tragversuchen und einer überschlägigen statischen Berechnung von G. Dietrich – sein Bausystem, das über 10 Meter stützenfrei trägt. An nur einem Tag wurden im Mai 1968 die 13 Dach- und 26 Wandelemente auf einem Mauerwerkssockel mit Betondecke zusammengesetzt.

 

1979 standen 35 Häuser

Axonometrie des Prototypen, ursprüngliche Einrichtung (Bild: Mustermappe Kunststoffhaus fg 2000)
Blick in die ursprüngliche Erschließung des Prototypen (1968) (Bild: Mustermappe Kunststoffhaus fg 2000)

Das fg 2000 wurde sogar im Fernsehen vorgestellt. 1968/69 kamen täglich rund 200 Besucher. 1969 vergab das Bundesministerium für Städtebau und Wohnungswesen einen Forschungsauftrag, um das fg 2000 noch flexibler zu nutzen. Es wurden positive und negative Eckelemente entwickelt, damit nun auch Objekte in L- und H-Form oder als Atriumhaus gebaut werden konnten. Damit beraubte man das fg 2000 zugleich seiner geschwungenen Seitenflächen, die dem Prototypen seine Eleganz verliehen hatten.

Mit wenigen Elementen konnte man nun Wohnhäuser, Bürobauten oder Ferienhäuser fertigen und vieles mehr. Bis 1979 wurden 35 Häuser hergestellt: Einige von ihnen stehen unter Denkmalschutz, andere sind fachgerecht eingelagert, wenige davon wurden wiederaufgebaut. Ende der 1970er Jahre ging mit den Presseberichten auch das Käuferinteresse zurück. Gleichzeitig ließen hohe Transportkosten die Preise steigen.

 

Einläufig ins Obergeschoss

Ausstattung des Wohnhauses: Treppenhaus (Bild: FOMEKK Bauhaus-Universität Weimar, 2002)
Im Wohnhaus (1979) herrschten – auch am Treppengeländer – die Brauntöne vor (Bild: FOMEKK Bauhaus-Universität Weimar, 2002)

Bei beiden fg 2000-Häusern kragt der leicht gewölbte, sanft gerundete GFK-Korpus im Obergeschoss vor. Der Prototyp setzte sich aus nur zwei Modulen zusammen: Wand- und Dachelement. Beim Wohnhaus kam noch die Positiv- bzw. Negativecke hinzu. Der Innenausbau erfolgte über textilbespannte gedämmte Holztafeln. Im stützenlosen Wohnraum konnten die nichttragenden Innenwände dann nach Belieben verortet werden.

Ins Obergeschoss führt eine einläufigen Treppe aus GFK-Elementen: Sie ist auf der einen Seite an der Untergeschoßwand und auf der anderen Seite durch verschieden lange angeformte GFK-Rohre an der Stahlbetondecke befestigt. Rutschsicher wurden die Laufflächen mit Auslegware beklebt. Die Treppe endet in der Raummitte. Beim Prototypen besteht das Geländer noch aus Acrylglas, um den fließenden Raumeindruck nicht zu stören.

 

Wohnen ohne Grenzen

Wohnzimmer des Prototypen mit dreidimensionalem Deckenteppich (Bild: W. Feierbach)
Das Wohnzimmer des Prototypen (1968) (Bild: W. Feierbach)

Den Prototypen (1968) beherrscht ein siebenfarbiger, dreidimensionaler, 135 Quadratmeter großer Deckenteppich aus Dralonfasern. Frei in den Wohnbereich des Obergeschosses eingebunden, steht der Küchenblock mit Bartheke. Ebenso wurde im Schlafbereich ein „Wohnbad“ eingestellt. Die raumhohen Schiebeschränke können im Raum verschoben werden. Selbstverständlich stammte die Ausstattung aus dem hauseigenen Möbelprogramm.

Für das Wohnhaus (1979) wurden die GFK-Elemente in einem hellen Ockerton eingefärbt und die großen Fensterscheiben getönt. Im Innenraum herrschen die Braun- und Ockertöne der Textilbespannungen und Kunststoffmöbel vor. Da Feierbach eng mit Möbeldesignern und Grafikern zusammenarbeitete, war die Gestaltung offen für die modische Formensprache seiner Zeit. Als Farbberater für fg design und fg 2000 wirkte Bernd Misske.

 

Aufstieg in die moderne Beletage

Das moderne Kunststoffhaus für den modernen Menschen (Bild: W. Feierbach)
„Das moderne Kunststoffhaus für den modernen Menschen“ (Bild: W. Feierbach)

Feierbach hatte eine echte Alternative zu herkömmlichen Fertigteilhäusern oder anderen Kunststoffprodukten entwickelt. Das fg 2000 verfügt über variable Grundrisse und Fassaden für eine anspruchsvolle Käuferschicht: „Die Zielgruppe wird in erster Linie die junge Generation sein, die heute in die Wirtschaft hineinwächst und in einigen Jahren dann den finanziellen Rückhalt hat, sich ein so hochwertiges Haus leisten zu können.“

Für diese aufstrebende Käuferschicht wurden die technischen Möglichkeiten des Materials Kunststoff futuristisch zur Schau gestellt. Mit GFK konnte die Treppe ins Obergeschoss, in die helle farbige Beletage des fg 2000, filigran gestaltet werden. Im Prototypen (1968) machte sich das Acrylglasgeländer sogar fast unsichtbar. Nichts sollte schwerfällig oder altbacken aussehen. Heute finden so unbekümmert utopische Formen wie die elegante fg 2000-Treppe wieder neue Liebhaber. Denn sie stehen für eine Zeit, als selbst das Treppensteigen noch ein zutiefst optimistischer Akt war.

 

Rundgang

Folgen Sie Pamela Voigt zu den Vorgängern und den Umsetzungen des fg 2000 …

 

Literatur

Feierbach, Wolfgang, fg 2000 – Planung, Konstruktion, Herstellung, in: plasticonstruction 5, 1973, S. 212-217

Ludwig, Matthias: … in die Jahre gekommen, ein Wohnhaus aus Kunststoff, in: deutsche bauzeitung 7, 1998, S. 76-80

Stark, Jochen/Wicht, Bernd, Geschichte der Baustoffe, Wiesbaden 1998

Genzel, Elke/Voigt, Pamela, Kunststoffbauten, Bd. 1, Die Pioniere, Weimar 2005

Voigt, Pamela, Die Pionierphase des Bauens mit glasfaserverstärkten Kunststoffen (GFK) 1942 bis 1980, Dissertation, Bauhaus-Universität Weimar, 2007

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Herbst 14: Rauf und runter

LEITARTIKEL: Promis im Paternoster

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Die Kunststofftreppe - im fg 2000

Die Kunststofftreppe – im fg 2000

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Das Fördergerüst - Zeche Niederberg 4

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Das Fördergerüst – Zeche Niederberg 4

von Walter Buschmann (Heft 14/3)

Kempen, Niederberg 4, Panorama (Bild: LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland, Archiv TD)
Kempen, Niederberg 4 (Bild: LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland, Archiv TD)

Das Fördergerüst der Zeche Niederberg 4 wurde als Baudenkmal eingestuft – und dafür gibt es viele gute Gründe: Es gehört zum linksrheinischen Ruhrgebietsbergbau. Es bezeugt die durch Zentral- und Außenschachtanlagen gekennzeichnete Entwicklungsperiode des Bergbaus. Und vor allem, es stellt entwicklungsgeschichtlich einen wichtigen Beitrag zur Gattung der Fördergerüste dar. Aber, der Reihe nach …

 

Niederberg 4 – eine neue Zeche am Niederrhein

Kempen, Niederberg 4 (Bild: LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland, Archiv TD, Foto: Steinhoff)
Kempen, Niederberg 4 (Bild: LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland, Archiv TD, Foto: Steinhoff)

Für die Zeche Niederberg 4 wurde 1962 ein zweigeschossiges Strebengerüst in Kastenbauweise errichtet. Die Seilscheiben sind zwischen die – auf Höhe der unteren Scheibe leicht nach hinten abknickenden – Streben gelagert und verfügen auf Höhe ihrer Achsen über Bedienungsbühnen. Im Gegensatz zu früheren Fördergerüstkon­struktionen sind die Streben nicht durch Horizontal- oder Diagonalstreben ausgesteift. Der an den Nähten geschweißte Kastenquerschnitt der Stre­ben besitzt ausreichende Steifigkeit, um die Kräfte aufzunehmen. Ganz oben knicken die Streben rechtwinklig nach hinten ab und gehen in die Krahnbahn über, um die Seilscheiben auswechseln zu können.

Wie die Streben ist auch das Führungsgerüst als vollständig ummantelte Kastenkonstruktion ausgeführt. Die Streben lehnen sich über die Bedienungsbühne der unte­ren Seilscheibe gegen das Führungsgerüst, die Seilscheiben sind für Zweiseilförderung ausgelegt. Zum Denkmal dieser Außenschachtanlage gehören auch die unter dem Gerüst stehende Schachthalle und das Fördermaschinenhaus mit der – zeitgleich zum Bau des Fördergerüsts montierten – Elektrofördermaschine.

 

Förderhaspel: vom Pferd zur Dampfmaschine

Wieliczka, rekonstruierte Pferdegöpel (Bild: Rj1979)
Weliczka, rekonstruierter Pferdegöpel (Bild: Rj1979)

Im Bergbau war man schon früh darauf angewiesen, gute Fördertechniken zu entwickeln. Zunächst griff man auf die Förderhaspel zurück. In ihrer urtümlichen Form war die Förderhaspel eine hölzerne Welle auf Böcken, die von Haspelknechten mittels Kurbel oder Drehrad bewegt wurde. Darüber errichtete man später zum Schutz wohnhausähnliche Schachthäuser. In der Folge wurde die Förderhaspel mit Pferdekraft und mit Wasserkraft betrieben. Erhalten ist etwa der Pferdegöpel in Johanngeorgenstadt/Erzgebirge oder die mit Wasserkraft betriebene Anlage der Grube Samson in St. Andreasberg/Harz.

Als die Dampfmaschine zum bevorzugten Antrieb der Fördereinrichtung wurde, wuchsen auch die Anlagen über dem Schacht. Turmförmig überragten sie die übrigen Bergwerksbauten und wurden nach Zeitgeschmack seit etwa 1850 im Burgenstil ausgebildet. Die sogenannten Malakowtürme – benannt nach einem lange und heiß umkämpften Fort der Festung Sewastopol im Krimkrieg 1856 – prägten Jahre das Landschaftsbild vieler europäischen Montanreviere in dieser Entwicklungsperiode.

 

Stahlfördergerüste: tragfähig und materialsparend

Födergerüst, Promnitz (Bild: Eichenauer, A., Die Seilscheibengerüste der Bergwerks-Förderanlagen, Leipzig 1877)
Sog. Deutsches Strebengerüst (Bauart: Promnitz) (Bild: Eichenauer, A., Die Seilscheibengerüste der Bergwerks-Förderanlagen, Leipzig 1877)

Seit Stahlfördergerüste 1869 in den Steinkohlenbergbau eingeführt worden waren, gab es sehr unterschiedliche Gerüstformen. Von der Stahlbautechnik her lassen sich unterscheiden: Fachwerkkonstruktionen, Vollwandgerüst und Gerüste mit Kastenprofilen. In ihren vielfältigen Formen spiegelt sich das Anliegen von Unternehmen und Ingenieuren, für steigende Belastungen und immer tiefer werdende Schächte möglichst effektive Entwürfe hervorzubringen. Wie in allen Bereichen des Stahlbaus, brauchte es statisch bestimmte,  exakt berechenbare Konstruktionen. Denn nur so ließ sich ein Stahlprofil genau abmessen und damit sein Materialverbrach senken.

Am weitesten verbreitet war in Deutschland das – 1874 von dem Ingenieur Promnitz geschaffene – Deutsche Strebengerüst. Es wurde in Varianten gebaut: ein- und zweigeschossig, in Einfachform und als Doppelstrebengerüst. Für mehr Tragfähigkeit und weniger Materialeinsatz folgten die Bauarten Saar, Zschetsche, Klönne, Dörnen und Turmgerüste.

 

Kastenbauweise: das älteste Fördergerüst in NRW

Foerdergeruest_Bauart_Hoischen_Patent_1959
Fördergerüst in Kastenbauweise (Bauart: Hoischen, Patent 1959) (Bild: Archiv W. Buschmann)

In den 1950er Jahren entstand die Idee, wesentliche Bestandteile des Fördergerüstes in Kastenprofilen auszuführen. Die Verbindungen zwischen Flanschen und Stegen wurden dabei geschweißt. Als Weiterentwicklung entstand eine neue Fördergerüstform ohne Seilscheibenträger. Die Seilscheiben wurden stattdessen direkt in die nach oben verlängerten Streben aufgehängt. Auf diese Konstruktionsart erhielt die Gutehoff­nungshütte (GHH, Erfinder: Günter Sander, Anselm Hoischen, Friedrich Nagel) 1959 das Patent.

Das erste Fördergerüst in Kastenbauweise wurde 1959 für die Zeche Schlägel und Eisen in Herten hergestellt. Da diese Anlage nicht erhalten ist, bildet das Gerüst von Niederberg 4 das älteste überlieferte Beispiel dieses Typs in ganz Nordrhein-Westfalen. Es entspricht weitgehend dem Patent der GHH von 1959 und stellt ein wichti­ges Dokument für die Ent­wicklung der Fördergerüstkonstruktionen dar.

 

Ästhetik – klar und landschaftsbezogen

An der Ent­stehungsgeschichte des Fördergerüsts der Zeche Niederberg 4 wird deutlich, dass auch ästhetische Motive eine Rolle spielten. Gleich zu Beginn machte die Genehmigungsbehörde erhebliche Auflagen, um die Schachtanlage ins Landschaftsbild einzubinden. Das Gerüst müsse, wie alle übrigen Gebäude, möglichst niedrig gehalten werden. Für das technische Bauwerk solle man einfache klare Formen wählen. Die Streben hätten sich in die Hauptblickrichtung zu orientieren. Zudem solle die Anlage auf offenem Feld mithilfe eines Land­schaftsarchitekten begrünt werden.

Im Zusammenspiel zwischen Technik und Ästhetik blieb bis heute ein vielfach gewürdigtes, landschaftsprägendes, harmonisch gestaltetes und technikgeschichtlich bedeutendes Monument erhalten. Es steht auf einer leichten Anhöhe – weithin sichtbar über der flachen Landschaft des Niederrheins – und begleitet die Autofahrer der nahegelegenen A 2 auf ihrem Weg nach Venlo oder Duisburg.

 

Zukunft – über Abriss wird nachgedacht

Kempen, Niederberg 4, Panorama (Bild: W. Buschmann)
Kempen, Niederberg 4 (Bild: W. Buschmann)

Das Fördergerüst der – seit längerem stillgelegten – Zeche Niederberg 4 soll nach den Vorstellungen der RAG noch in diesem Jahr abgebrochen werden. Die Stadt Kempen mit der dort angesiedelten zuständigen Unteren Denkmalbehörde ist auch nicht am Erhalt interessiert.

Kempen fürchtet um seinen Ruf, der weithin auch durch mittelalterliche Bauwerke und die idyllische Niederrheinlandschaft bekannt ist. Aus entwicklungspolitischen Gründen will man nicht dem Ruhrgebiet zugeordnet werden, wenn es auch der äußerste westliche Außenposten des Reviers war. Der Vorgang liegt inzwischen zur Entscheidung bei der Obersten Denkmalbehörde, dem von Minister Michael Groschek geleiteten Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr NRW.

 

Rundgang

Vom Pferdegöpel zum Fördergerüst – begleiten Sie Walter Buschmann in die Geschichte der Fördertechnik.

 

Literatur

Buschmann, W., Zechen und Kokereien im rheinischen Steinkohlenbergbau. Aachener Revier und westliches Ruhrgebiet, Berlin 1998

Becher, B. und H., Fördertürme Chevelements Mineheads, München 1985

Schönberg, H., Die technische Entwicklung der Fördergerüste und -türme des Bergbaus, in: Becher, B. und H., Die Architektur der Förder- und Wassertürme, München 1971

Möhrle, T., Das Fördergerüst, Breslau 1909

Echenauer, A., Die Seilscheibengerüste der Bergwerks-Förderanlagen, Leipzig 1877

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Herbst 14: Rauf und runter

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Pamela Voigt zeigt, wie aus glasfaserverstärkten Kunststoffen 1969 das erste fg 2000-Fertigteilhaus entstand – samt einer eleganten Kunststofftreppe.

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"Außer Betrieb"? Der Paternoster

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Beförderung im Büro: LVA Stuttgart

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Skulpturale Treppen aus Beton

Skulpturale Treppen aus Beton

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„Außer Betrieb“? Der Paternoster

von Edith Ruthner (Heft 14/3)

"Außer Betrieb" ist immer häufiger an Pater-Noster-Aufzügen zu lesen (Bild: A. Hallada)
„Außer Betrieb“ ist immer häufiger an Pater-Noster-Aufzügen zu lesen (Bild: A. Hallada)

An den Absperrkordeln hängt deutlich sichtbar das Schild „Außer Betrieb“ – diese Szene begegnet dem Aufstiegswilligen in den letzten Jahren immer häufiger. Die heutige Sicherheitsgesellschaft glaubt wohl, auf Paternoster-Aufzüge fast gänzlich verzichten zu können. Viele stehen nicht nur nachts und am Wochenende still, sondern haben ihren steten Umlauf für immer eingestellt. Dabei galt diese besondere Aufzugsform vor nicht allzu langer Zeit als DIE Errungenschaft vertikaler Fortbewegung.

 

Die ersten 100 Jahre

Der Ursprung dieser innovativen Aufzugstechnik liegt in England. Revolutionäre Ingenieure erschlossen den Paternoster, der bis dahin nur für Güter genutzt wurde, 1884 für den Personenverkehr. Seine Hochblüte erlebte der Paternoster in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – vor allem in öffentlichen Gebäuden, wo große Menschenmengen rasch und energiesparend auf- und abwärts befördert werden mussten.

Die simple Technik des Paternosters war bis zum Ende seiner Ära – die in ganz Europa in den 1970er Jahren gekommen war – kaum verbesserungsfähig. Jeder Aufzugshersteller versuchte seine Handschrift durch kleine Nuancen zu verewigen. Dies änderte aber nichts an der grundsätzlichen Bauweise eines Paternosters.

 

Eine bewährte Technik

Typische Polygonräder im Triebwerksraum eines Paternosters (Bild: A. Halada)
Typische Polygonräder im Triebwerksraum eines Paternosters (Bild: A. Halada)

Um die Schwerkraft auszunutzen, liegt der Triebwerksraum üblicherweise an der oberen Umkehr: Polygonräder, elektrisch über Antriebswellen in Schwung gehalten, bewegen zwei Eisenketten. Daran hängen mit jeweils zwei Bolzen die Kabinen. Dazwischen finden sich eine Bremse, eine Handkurbel und vier unterschiedlich große Zahnräder, die für die stetig ruhige Fahrt sorgen.

Beeindruckend ist das Gewicht, das ein Paternoster bewegen kann. Seine eigene tonnenschwere Konstruktion teilt sich bei einem durchschnittlich hohen Gebäude – 14 Kabinen auf sieben Stockwerke – wie folgt auf: Die zwei Tragketten haben ein Gesamtgewicht von sieben Tonnen. Jede Kette ist unterteilt in jeweils 250 Kilogramm schwere Teile mit einer Länge von je zweieinhalb Metern. Dies entspricht dem Abstand von einer Kabine zur nächsten.

Dazu kommen noch die Kabinen und die Ausstattung des Triebwerkraums mit – ebenfalls nicht gerade leichten – Zahn- und Kettenrädern inklusive Triebwerk. Das Gebäude muss also ein Gewicht von annähernd acht Tonnen „ertragen“. Durch diese vertikale Belastung wird die Statik eines Hauses allerdings nie beeinträchtigt. Denn die Leistung des Antriebsmotors wird unter der ungünstigsten Annahme errechnet: Alle aufwärtsfahrenden Kabinen sind mit je zwei Personen belastet und die abwärtsfahrenden leer.

 

Bereit zum Einsteigen

Bis zur nächsten Kabine dauert es nur 17 Sekunden (Bild: E. Ruthner)
Das elegante Ein- und Aussteigen ist reine Übungssache (Bild: E. Ruthner)

Ein Paternoster ist immer da, die nächste Kabine nur ein paar Sekunden entfernt. Ist sie besetzt, kommt die nächste verlässlich in 17 Sekunden. Kein Spiegel lenkt, wie im Fahrstuhl, den Blick vom Wesentlichen ab: vom Ausstieg im richtigen Geschoss. Ähnlich dem System der Rolltreppen, ist der Ein- und Ausstieg aus einem Paternoster für routinierte Nutzer kein Angstmoment, sondern eine Übung im eleganten Übersetzen aus der Bewegung in die Stabilität.

In Österreich überlebten noch einige Paternoster aus dem frühen 20. Jahrhundert. Je nach Stil des Gebäudes zeigen sie sich in schlichtem bis verschnörkeltem dunklem Holz. Währenddessen herrschen in Deutschland noch Paternoster aus den 1950er bis 1960er Jahren vor. In Berlin stammen die ältesten noch fahrenden Aufzüge aus den 1930er Jahren: vom Haus des Rundfunks bis zu den sechs gleichen Paternostern im Auswärtigen Amt. Letztere fahren allesamt gegen den Uhrzeigersinn, wie oft in Deutschland. In Österreich hingegen drehen sich alle Paternoster brav im Uhrzeigersinn – um unerwartet im tschechischen Brünn (Postgebäude) abermals die Richtung zu wechseln.

 

Paternoster-Hochhäuser

Der Arts Tower der Universität in Sheffield wird ganz über einen Paternoster erschlossen (Bild: E. Ruthner)
Hoch hinaus per Paternoster – hier in Sheffield (Bild: E. Ruthner)

Es ist eine besondere technische Leistung, einen Paternoster in ein Hochhaus einzubauen. Berlin beherbergt eine solche Sensation im Verlagshaus Axel-Springer. Dort dauert die Fahrt bis ins 19. Stockwerk ungefähr sieben Minuten. Eine vermeintlich langweilige Angelegenheit, scheint doch in jedem Stockwerk die gleiche Aussicht auf ein weiß getünchtes Treppenhaus vorbeizugleiten. Tatsächlich sind Paternosterfahrten, egal wo, für einen aufgeschlossenen Passagier niemals langweilig.

In Turin etwa betrieb der Autohersteller Lancia, bis zu dessen Abriss 1957, einen Paternoster über eine Transporthöhe von 16 Stockwerken. In Wien wählte die Wr. Städtische Versicherung beim Bau des Ringturms 1953 eine Sonderform: Der Paternoster erschließt nur die publikumsintensiven ersten acht Stockwerke. Für Fahrten darüber hinaus bis ins 19. Stockwerk gibt es normale Personenlifte.

 

Ausgerechnet England

Ausgerechnet im Paternoster-Mutterland sind heute nur noch sehr wenige Anlagen in Betrieb. Den Engländern verblieben zwei Highlights in den Universitäten Leicester und Sheffield – beide in 18 bzw. 19 Stockwerke hohen Türmen. Im Sheffielder Arts Tower wurde im Frühjahr 2013 ein Experiment der besonderen Art durchgeführt: Die „One Show“ – ein beliebtes englisches Vorabend-Fernsehmagazin – teilte 100 Studenten in zwei Gruppen ein. Jeweils 50 Personen fuhren hinauf ins letzte Stockwerk.

Eine Gruppe nahm den normalen Fahrstuhl, die andere den Paternoster. Nach zehn Minuten waren mit dem Paternoster alle 50 Studenten am Ziel. Aus der Aufzug-Gruppe jedoch hatten es erst zehn Personen bis zum 19. Stock geschafft. Im Vergleich erwies sich der vermeintlich langsame Paternoster damit als unschlagbar. Das Experiment zeigt darüber hinaus, wie erfolgreich eine solche Technik in stark besuchten öffentlichen Gebäuden ist.

 

Reif fürs Museum?

Paternostertheater (Bild: A. Halada)
Im Wiener NIG wurde der Paternoster sogar zur Theaterbühne (Bild: A. Halada)

Der bekannteste aller Wiener Paternoster, jener im NIG (Neues Institutsgebäude der Universität Wien), wurde abgebaut: Seine Sanierung sei nicht rentabel. Seit den 1950er Jahren fuhren damit Generationen von Studenten zur Mensa ins oberste Stockwerk. Noch heute ist dieser verschwundene, graffitiübersäte und mit Küchengerüchen behaftete Paternoster in Wien eine Legende. Einst wurden darin Theaterstücke aufgeführt und Werbespots gedreht. Übrig blieben nur wenige Teile, die im Technischen Museum aufbewahrt werden.

Endet der Paternoster damit als Ausstellungsstück? Nicht ganz, denn eine Renaissance zeichnet sich ab. Nachdem sich das europäische Sicherheitsdenken vom Paternoster abwendet, wird er in Japan wieder aufgenommen und völlig neu gedeutet. Derzeit entstehen Prototypen speziell für erdbebengefährdete Gebäude: mit gläsernen Kabinen, spaciger Elektronik und computerunterstützter Technik.

 

Rundgang

Werfen Sie – mit Bildern von A. Halada – einen Blick auf die Technik, die hinter, genauer gesagt über einem Paternoster steckt.

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Die Kunststofftreppe - im fg 2000

Die Kunststofftreppe – im fg 2000

Pamela Voigt zeigt, wie aus glasfaserverstärkten Kunststoffen 1969 das erste fg 2000-Fertigteilhaus entstand – samt einer eleganten Kunststofftreppe.

Das Fördergerüst - Zeche Niederberg 4

Das Fördergerüst – Zeche Niederberg 4

Walter Buschmann wirbt für ein seltenes Industriedenkmal – in Kempen steht das älteste erhaltene Fördergerüst dieser Kastenbauweise in NRW. Noch.

"Außer Betrieb"? Der Paternoster

„Außer Betrieb“? Der Paternoster

Edith Ruthner glaubt an den aussterbenden Paternoster – sie erläutert seine Geschichte und Technik, schildert Vorteile und Reiz des Auf- und Abspringens.

Beförderung im Büro: LVA Stuttgart

Beförderung im Büro: LVA Stuttgart

Martin Pozsgai entfaltet, wie die Verwaltung erschlossen wurde. Anhand des 1976 eingeweihten Stuttgarter LVA-Gebäudes werden Transportwege im Büro sichtbar.

Aufzugparken: Großgarage Halle

Aufzugparken: Großgarage Halle

Sarah Huke rangiert Autos per Schiebebühne und Aufzug: Möglich war dies in Halle bis 1992. Jetzt wurde die moderne Großgarage Süd frisch saniert.

Skulpturale Treppen aus Beton

Skulpturale Treppen aus Beton

Alexandra Apfelbaum sieht moderne Treppen als Skulptur, die im Inneren und Äußeren, durch Licht und Schatten, Form und Oberfläche inszeniert wird.