Gerettet, aber nicht gerettet …

Die Bielefelder Karstadt-Filliale ist vorerst gerettet. Das ist die gute Nachricht insbesondere für alle Bielefelder. Die schlechte Nachricht für alle Liebhaber der Nachkriegsmoderne ist jedoch, dass das 1964 mit einer großen Feier eingeweihte Gebäude nach Auslaufen des Mietvertrags 2026 abgerissen werden soll. Der Eigentümer der Immobilie, die Aachener Grundvermögen, will dazu mit der Stadt Bielefeld ein Quartiersentwicklungskonzept erarbeiten. Man denkt an eine Mischung aus Handel, Gastronomie und Wohnen, dabei kann sich die Aachener Grund auch den Verbleib von Karstadt in einem Neubau vorstellen.

Der Fortbestand der von der Schließungswelle gefährdeten Karstadt-Filiale ist mit Abschluss des neuen Vertrags zumindest für die kommenden sechs Jahre gesichert. Die Kaufhauskette verbleibt für eine deutlich reduzierte Miete für den Bau mit der Konkav-Fassade – und schließt auch jetzt gleich schon mal die Gastronomie, die mit Roulade, Rotkohl und Jägerschnitzel ein letztes Bollwerk gasthäuslicher Bürgerlichkeit war. Trotz Selbstbedienung und des auch schon wieder irgendwie rührenden Namens „Le Buffet“… Ende Juni 2026 ist dann endgültig Schluss mit dem sympathisch aus der Zeit gefallenem Warenhaus. (db, 2.8.20)

Bielefeld, Karstadt (Bild: panoramio/Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Letzte Hoffnung für Villa Glaeser?

Den Niedergang der Villa Glaeser in Kaiserslautern „beschämend“ zu nennen, wäre blanke Verharmlosung: Was sich mit dem 1928/29 nach Plänen von Hans Herkommer errichteten, denkmalgeschützten (!) Landhaus des Emaille-Fabrikanten und Kunstsammlers Max Glaeser ereignet hat, ist schlicht katastrophal. 2007, nach dem Auszug der letzten Mieter, war der Bau sanierungsbedürftig aber weitgehend intakt, Teile der originalen Ausstattung vorhanden. Doch dann passierte – nichts. Außer, dass der Bau sich selbst überlassen wurde, Vandalen Einzug hielten, und als Höhepunkt Kupferdiebe, die kurzerhand (und angeblich unbemerkt) das ganze Dach stibitzten! 2014 wechselte die Villa Glaeser den Besitzer, doch der neue Eigner ist unsichtbar; mittlerweile ist das Haus zur einsturzgefährdeten Ruine verkommen – vor aller Augen.

Nun gibt es vielleicht einen letzten Anlauf zur Rettung: Gerade hat die Stuttgarter Restauratorin Anna Kosar einen Fördervertrag der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) über 7000 Euro für Planungsleistungen an der Villa Glaeser erhalten. Kosars Ermittlung der Sanierungskosten sollen „als Grundlage für weitere Planungen dienen“, so die Pressemitteilung der DSD. Ob dies angesichts eingestürzter Decken, durchnässtem Mauerwerk und flächendeckenden Verwüstungen Anlass zur Hoffnung ist, bleibt fraglich. Gleichwohl ist die Geschichte der Villa Glaeser, die auch im Bauhaus-Jahr 2019 keine Beachtung fand, ein Lehrbeispiel für die Machtlosigkeit stadttscher Gremien und Denkmalämter. (db, 30.7.20)

Kaiserslautern, Villa Glaeser 2020 (Bild: Deutsche Stiftung Denkmalschutz/Wegner)

Die ADGB-Bundesschule Bernau

Im Bauhaus-Denkmal „AGBD Bundesschule Bernau“, die der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund von 1928 bis 1930 in Bernau-Waldfrieden bauen ließ, fanden bereits seit Mai wieder Führungen im Außenbereich statt. Damit gehörte die Kulturinstitution zu einer der ersten wieder eröffneten Adressen, nicht nur im Land Brandenburg. Mittlerweile sind auch wieder Führungen im Inneren des Meyer-Wittwer-Baus möglich. Und dafür gibt es gute Gründe!

Im vergangenen Jahr wurde das Bauhaus-Jubiläum gefeiert, nun sollten es der Ort und der Gebäudekomplex im idyllischen Stadtteil Bernau-Waldfrieden sein: Das Jahr 2020 bringt der Bundesschule, die zu den wichtigsten Bauten der Moderne in Europa zählt, mehrere runde Geburtstage: Am 4. Mai wurde das Ensemble, gebaut nach Plänen des zweiten Bauhaus-Direktors Hannes Meyer und von Hans Wittwer, runde 90 Jahre alt. Der Verein „baudenkmal bundesschule bernau“, der sich um die Pflege des modernen Erbes kümmert, gründete sich auch im Mai – vor genau 30 Jahren. Ebenfalls im Mai, und zwar 1950, war die Grundsteinlegung für die Erweiterungsbauten. Die denkmalgeschützten Ziegel-Gebäude sind direkt angeschlossen an das UNESCO-Weltkulturerbe-Bauhaus-Denkmal, gehören aber nicht zum Welterbe, da der Welterbe-Antrag sich seinerzeit nur auf den 1930er-Jahre-Teil bezog. Den Entwurf für die 1950er-Jahre-Bauten lieferte Georg Waterstradt; begleitend zum Jubiläumsjahr erschien nun in Bernau auch das Buch „Der Architekt Georg Waterstradt – Ein Lebensbild“.

Vor genau 70 Jahren begann Waterstradt mit den Planungen und dem Bau für die Erweiterungsgebäude, denn die 120 Studienplätze an der 1947 eingerichteten „Bundesschule des FDGB Theodor Leipart“ (ab 1952-1990 „Gewerkschaftshochschule der DDR Fritz Heckert“) wurden schnell knapp. Hier gab es zunächst vierwöchige Lehrgänge, später eine Studienausbildung für Gewerkschaftsfunktionäre der DDR. Von 1946 bis zur Abwicklung 1990 wurden hier 15.000 Studenten ausgebildet und es gab Kurse für 4.400 ausländische Gewerkschaftskader aus 93 Staaten, u.a. aus Afrika, dem mittleren Osten, Lateinamerika und Asien. Waterstradts Entwürfe orientierten sich am Vorbild von Meyer/ Wittwer und wurden zu seinem Hauptwerk. So entstanden zwischen 1950 und 1952 neue Verwaltungs-, Seminar und Internatsgebäude in einem Baustil, für die sich die Denkmalpfleger heute deutschlandweit unter den Begriffen Nachkriegsmoderne oder auch Ostmoderne in der Aufarbeitung der Geschichte einsetzen. „Sowohl in der Anordnung der neuen Gebäude, als auch in deren äußerer Gestaltung greift Waterstradt die Intentionen Meyers auf, setzt sie jedoch in eigenständiger Weise um. Dafür charakteristisch ist die Verwendung roter Klinker, die sich in respektvoller und zugleich selbstbewusster Art von dem gelben Klinkermauerwerk des Meyer-Komplexes abheben“ konstatiert Roland Schneider vom Landesdenkmalamt Brandenburg im neu erschienenen Buch. Dort ist der interessante Lebensweg des in Breslau geborenen Architekten Georg Waterstradt nachzulesen; auch seine Tochter kommt zu Wort mit warmen Worten über ihren Vater.

Die Führung einzig um die Gebäude herum dauert etwa 1,5 Stunden. Sie ist vollgepackt mit Fakten und Geschichten zur Funktion und Formensprache des Ensembles, das sich einzugartig in die Landschaftskulisse einfügt. An jedem Ort, ob Seminarräume, Speisesaal, Sporthalle, Internat, Aula, Lesesaal oder Lehrerwohnungen, sind außen illustrierte Tafeln angebracht, sodass sich auch ein individueller Besuch lohnt. Wer virtuell etwas auf einem 360 Grad Rundgang erfahren will, kann dies unter www.bauhaus-denkmal-bernau.de. Vielleicht bleibt das Thema „Außenführung“ auch ein extra Programmpunkt in Bernau. Führungen donnerstags und sonntags, 11.30 Uhr und 14.30 Uhr.

Text und Fotos: Danuta Schmidt