Moderne in Oberhausen

Das Wissenschaftsforum Ruhr und die Oberhausener Wirtschafts- und Tourismusförderung (OWT) richten den Blick auf das architektonische Erbe der Nachkriegsmoderne: In der Reihe „Wissenschaft im Wirtshaus“ ist die Architektin Prof. Alexandra Apfelbaum zu Gast im Restaurant Gdanska. Sie nimmt die gebauten Zeugnisse der 1950er bis 1980er Jahre in Oberhausen unter die Lupe, die bislang zwar von Initiativen wie ruhrmoderne.de verteidigt, insgesamt aber noch eher ungeliebt sind, und lädt zur anschließenden Diskussion.

Eine zentrale Frage ist: Ist die Epoche der Nachkriegsarchitektur von den 1950er bis zu den 1980er Jahren wirklich so unästhetisch? Was zeichnet sie bei Bauformen, Gestaltung, Baumaterialien und Konstruktionsweisen aus? Wo gibt es typische Bauten in Oberhausen und welche Probleme sowie Möglichkeiten zum Erhalt, Bewertung und Weiternutzung gibt es? Fragen und Fragen, auf die es zumindest Lösungsansätze gibt. Ursprünglich sollte die Veranstaltung bereits im November 2019 stattfinden, musste jedoch verschoben werden. Nun ist es aber Zeit für „Wissenschaft im Wirtshaus“, und zwar am Mittwoch, den 5. Februar um 18 Uhr im Gdanska, Altmarkt 3, 46045 Oberhausen; der Eintritt ist frei. (db, 19.1.20)

Oberhausen, Europahaus (Bild: LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland, Silvia Margrit Wolf)

Günther Brendel zum 90.

Sein mit 35 Metern längstes Kunstwerk existiert noch: im Bankettsaal des ehemaligen Staatsratsgebäudes der DDR, direkt neben dem Humboldtforum, in Nachbarschaft zum Roten Rathaus und zum Auswärtigen Amt, das auch mit Brendel-Bildern geschmückt ist. Es befindet sich dort seit 56 Jahren, hat auch den Mauerfall unbeschadet überlebt. Der Wandfries aus Meissener Porzellan ist nicht im öffentlichen Blickfeld, sondern hängt hinter verriegelten Türen. Vielleicht hat ihn gerade das gerettet. Sein Erschaffer Günther Brendel wird am 17. Januar 90 Jahre alt.

Berlin, Staatsratsgebäude (Bild: Danuta Schmidt, Claudia Brendel)

Er lebt am Berliner Thälmann-Park in seiner Atelierwohnung, an den Wänden lehnen Leinwände mit Familienporträts, dem Karpfen auf dem Tisch und immer wieder Landschaften und Stadtansichten. Brendels Sujet Nummer eins ist die Natur, das Naturstudium, die gegenständliche Malerei. Oft Blumen-Stillleben. Die sind zeitlos, kontextfrei, lassen wenig Spielraum für Deutung und Interpretation und sind somit in der kritischen Kunstgeschichts-Aufarbeitung auch nicht als so genannte „Auftragsmalerei“ einzuordnen. Viele andere Bilder liegen im Kunstarchiv Beeskow, wo er der am häufigsten vertretene Künstler ist.

Im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR, heute eine private Wirtschaftsschule (ESMT), hängt das besagte Porzellan-Kunstwerk „Das Leben in der DDR.“ 1964 wurde es mit der Eröffnung des Gebäudes feierlich übergeben. Über den gekreuzten Schwertern, dem Signet des Meissener Porzellans, hat sich auf einer der Porzellanfliesen der Maler mit seinem Schriftzug verewigt. Das in Staatsauftrag entstandene Stück benötigte noch nicht einmal eine Sanierung. Als Werk einer abgeschlossenen Gesellschafts- und damit einer abgeschlossenen Kunstepoche, der Ostmoderne, hat es hohen ideellen und wachsenden materiellen Wert.

Berlin, Staatsratsgebäude (Bild: Danuta Schmidt, Claudia Brendel)

Der in Weida geborene Brendel bewarb sich 1948 als gelernter Dekorationsmaler in Weimar und wurde genommen: „Wahrscheinlich haben die von der Prüfungskommission gedacht, ich sei mit dem alten Brendel verwandt“ kokettiert er heute. Der „Alte“ war der Maler Albert Heinrich Brendel, der Ende des 19. Jahrhunderts Rektor der Kunstschule war. In Weimar traf Günther auf den gebürtigen Sonneberger Werner Stötzer und den aus Tschechien stammenden Walter Womacka, die ihn ein Leben lang begleiteten. Die drei Künstler waren beim Aufbau der DDR dabei – und wurden selbst mit aufgebaut. Als ihr Land abgewickelt wurde, sie gingen in Rente. 1949, im Gründungsjahr der DDR war der Thüringer 19 Jahre jung. An der Hochschule für Baukunst und Bildende Künste in Weimar war er unter anderem bei Bauhaus-Schüler Hanns Hofmann-Lederer in der Ausbildung.

1952 wurden die Lehrgebiete auf andere Städte aufgeteilt, Weimar wurde für die Architektur neu strukturiert: die Formgestalter kamen nach Weißensee, die Grafiker und Buchkünstler nach Leipzig, die Maler und Bildhauer gingen mit ihrem Professor Fritz Dähn nach Dresden: „Dort hat es mir überhaupt nicht gefallen. Meine Straßenbahn fuhr durch Trümmer, jeden Tag. Die Stadt war total zerstört.“ Als sein Porzellan-Tafelbild im Staatsratsgebäude durch Walter Ulbricht eingeweiht wurde, lebte Brendel bereits zehn Jahre in Berlin und war seit einem Jahr einer der jüngsten Professoren (39) in der Weißenseer Kunsthochschule. „Es fehlte eine Generation dazwischen, die Kriegsgeneration. Daher mussten wir Jungen ran.“ Die Studenten seien gern zu ihm gekommen, weil es hieß, bei ihm könnten sie machen, was sie wollten. Bei aller Freiheit lenkt Brendel ein: „Der Realismus war die Basis, also Naturstudium. Das mussten sie beherrschen. Es kam keiner, der nicht zeichnen konnte.“ In seinem Hochschul-Atelier stand ein Sofa, auf dem er stets eine Stunde Mittagsschlaf gehalten hatte. Dieser Mittagsschlaf ist ein Ritual, das geblieben ist. Auch in seiner Atelierwohnung nimmt sich der emeritierte Kunstprofessor jeden Tag seine Auszeit, um Kraft zu schöpfen.

Günther Brendel 2019 im Atelier (Bild: Danuta Schmidt, Claudia Brendel)

Die DDR begleitet Günther Brendel noch heute: Seit 1984 lebt er am Thälmann-Park in einer der wenigen (heute denkmalgeschützten) Atelier-Wohnungen, die der Staat ausschließlich und einzigartig für Künstler bauen ließ: Dachgeschoss, Maisonette, zwei Loggien mit Ausrichtung nach Südost und nach Nordwest, malfreundliches Licht. Hier wird heute gefeiert, auch wenn Brendel gerade Winterschlaf hält. Die Wohnung gleicht einem Museum; Bilder stapeln sich, Fundstücke aus der Natur, Steine, Muscheln, gepresste Pflanzen, auch aus seinem Garten in Berlin-Karow, seinem zweiten Wohnsitz nahe an der Natur. „Ich bin ein Sammler, das entspricht eigentlich nicht der Bauhaus-Idee“, sagt der fünffache Vater. Seine drei ältesten Kinder studierten angewandte Kunst: Sohn Albrecht die Buchkunst, Tochter Mareill Mode und Tochter Claudia Textildesign/Malerei. 2010 fand in der Berliner Galerie 100 eine große Familienausstellung statt. Micha Brendel, der Neffe des Malers, ist heute der bekannteste Künstler der Familie.

Günther Brendel sagt, es sei egal, ob seine Bilder gesehen werden. Er müsse malen, es sei ein Drang, der Drang nach Ausdruck. Warum er das heute sagen kann? „Ich habe in einem Zeitalter der Kunst und Wissenschaft gearbeitet, ich konnte von meiner Kunst leben.“ Diese Kunst hängt noch, obwohl das technische Zeitalter angebrochen ist. Brendel ist sich sicher, dass er seine Bilder heute in Galerien ausstellen könnte. Dazu habe ihm, der weder in Parteifunktion noch bei der Armee war, die DDR alle Wege (auch nach Marokko, Syrien, Frankreich) geebnet und ihm Renomee verschafft. Claudia Brendel möchte gerne anlässlich des Geburtstages ihres Vaters eine Ausstellung organisieren. Das sei schwer genug, sagt die 47-Jährige, die heute Kunstkurse an einer Schule gibt. Ohne Förderung sei eine Retrospektive nicht zu stemmen. Die sähe sie gerne im Barberini-Museum Potsdam. Dort hing 2017 auch sein Stillleben aus dem Palast der Republik in der Ausstellung „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“. Viele seiner Wegbegleiter leben nicht mehr, doch Günther Brendel findet immer wieder neue – wie seine Enkel und Urenkel, die er immer wieder inspiriert und sich von ihnen inspirieren lässt. (Danuta Schmidt, 17.1.20)

Titelfoto: Günther Brendel bei der Arbeit 2019 (Bild: Danuta Schmidt, Claudia Brendel)

Wirtschaftswunder in Käfertown

Die Stadt Wolfsburg ist noch jung: 1938 wurde sie als „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ gegründet. Aus dem NS-Projekt KdF-Wagen wurde der weltberühmte VW Käfer, und die Stadt rund ums imposante Automobilwerk erhielt am 25. Mai 1945 den Namen Wolfsburg – analog zum nahegelegenen Schloss Wolfsburg. Was folgte, war ein ganz eigenes Wirtschaftswunder. Hier wurde kein Wiederaufbau betrieben, hier entstand eine komplett neue Großstadt in der Formensprache der Nachkriegs- und Spätmoderne. In Wolfsburg bauten unter anderem Hans Scharoun, Alvar Aalto und Zaha Hadid.

Dem stürmischen Stadtaufbau kann man derzeit im Stadtmuseum Wolfsburg noch einmal in Farbe beiwohnen. Rummel an der Stadthalle, Ruderboote auf dem Schillerteich, nächtliche Neonwerbung in der Porschestraße: Festgehalten hat diese Motive der Lehrer und engagierte Hobbyfotograf Wilhelm Marschner (1907-1984), der mit sicherem Blick und großem Können die Stadt und ihre Menschen in den Jahren des Booms verewigte. Das Stadtmuseum im M2K zeigt Marschners Wolfsburg-Ansichten im Rahmen einer Sonderausstellung noch bis 19. April (der Eintritt ist frei). Begleitend gibt es am 16. Februar um 15 Uhr eine Führung mit dem Kurator Dr. Arne Steinert und am 19. März um 18.30 dann auch einen klassischen Dia-Abend mit den historischen Bildern von „Käfertown“. (Kulturwerk im M2K, Goethestraße 48, 38440 Wolfsburg). (db, 14.1.20)

Wolfsburg, Porschestraße, um 1960 (Bild: Wilhelm Marschner/Stadtmuseum Wolfsburg)