Des jungen Wetzlars Leiden

Schon im selbstgewählten Slogan „Goethe- und Optikstadt“ Wetzlar steckt unbewusst eine Dissonanz, welche die Stadt seit ehedem prägt. Wetzlar hat eine romantische Fachwerkaltstadt. Und ja, Goethe weilte hier eine kurze Zeit und schrieb seinen Werther. Wetzlar bedeutet aber auch Industrie, Arbeiterschaft und Produkte, die selbst in China jedes Kind beim Namen kennt. Seit Jahrhunderten sind beide Welten fein säuberlich durch die Lahn getrennt. Deswegen muss das Stadthaus am Dom in der Altstadt ab 2020 fallen. In den 1970er Jahren errichtet, wurde der Bau von vielen Bürgern heftig polemisiert: Klobig und unpassend verschandle das Stadthaus den Domplatz.

Schaut man jedoch genauer hin, wollte man damals an die dichte Struktur einer Altstadt anschließen – nur eben mit Beton und Bronzeglas. Hochgepriesen werden die Nachfolgeplanungen des „Domhöfe“, die Fassadenelemente der Umgebung aufnehmen sollen. Das tat das Stadthaus auch schon, nur eben nicht so sentimental. Ein neues Multiplexkino hinter historisierender Fassade soll die Altstadt wiederbeleben. Dabei stand das Stadthaus niemals leer. Apropos einheitliches Stadtbild am Dom: Haben sie sich das Bauwerk einmal genauer angesehen? (jm, 12.10.19)

Wetzlar, Stadthaus (Bild: via mapio.net)

Keine schönen Aussichten

Direkt neben dem Potsdamer Platz – hektisches Aushängeschild des wiedervereinten Berlin – befindet sich in einer Nebenstraße einer der letzten baulichen Zeugen der Zeit, als die Mauer die Stadt trennte und die Gegend Brachland war. Heute wirkt er ein wenig verloren in der kleinen Erna-Berger-Straße: der ehemalige Rundblickbeobachtungsturm Typ „B6“, der ab 1966 den Todesstreifen bewachte. Wer flüchten wollte, auf den wurde scharf geschossen. Jörg Moser-Metius pachtete vor acht Jahren das Relikt, das seitdem täglich interessierten Besucher verzeichnen kann. Mittlerweile ist er sogar auf Platz 50 der beliebtesten Attraktionen Berlins – kaum verwunderlich, denn die besondere Geschichte der Teilung zieht nach wie vor unzählige Touristen in ihren Bann.

Der Bund plant nun auf dem Grundstück neben dem Turm einen neuen Verwaltungsbau, was das vorläufige Ende für den „B6“ bedeuten könnte – trotz Denkmalschutz. Er ist der letzte seiner Art. Bereits Anfang des nächsten Jahres soll der Turm weichen. Geplant ist unter anderem der Ab- und Wiederaufbau des Turms, nach beendeter Bautätigkeit. Moser-Metius bezweifelt die Machbarkeit dieses Vorschlages. Es lässt sich wünschen, dass die Stadt mit dem sichtbaren Erbe der Mauer respektvoller umgeht. Auch die East Side Gallery an der Spree wird seit Jahren gekröpft. (jm, 3.10.19)

Berlin, Wachturm an der Erna-Berger-Straße (Bild: Sir James, CC BY SA 3.0, 2004)

Berlin, Wachturm an der Erna-Berger-Straße (Bild: Sir James, CC BY SA 3.0, 2004)

Weißenfels: Neues neues Dach fürs Gloria

Gute Neuigkeiten aus Weißenfels; Pünktlich zum Herbstanfang wird der verwaiste Kinopalast „Gloria“ wetterfest gemacht. Das marode Dach erhält eine weitere Notsicherung, wie schon vor fünf Jahren, nur dieses Mal gründlicher. Neue Bitumenbahnen sollen jetzt verhindern, dass das ehemalige Lichtspielhaus absäuft, denn an einigen Stellen wurde es schon wieder feucht im Inneren. Die Stadt hat dafür – mit 150.000 Euro Fördergeldern aus dem Programm „Stadtumbau Ost“ – endlich größere Summen berappen können. Schlimmeres kann verhindert werden , die Grundproblematik aber bleibt bestehen. Es fehlt ein zukunftsträchtiges Nutzungskonzept.

mR begleitet das Schicksal der neusachlichen Kinoperle in Sachsen-Anhalt bereits seit fünf Jahren. 1928 vom mitteldeutschen Kinoarchitekten Carl Fugmann in moderner Formensprache errichtet, überlebte das „Gloria“ den Zweiten Weltkrieg nahezu unbeschadet. Bis 1998 sorgte es für die gute Unterhaltung der Weißenfelser. Danach war das Gebäude lange ungenutzt und herrenlos dem Verfall preisgegeben. In den letzten Jahren blitzten allerdings immer wieder kleine Hoffnungsschimmer auf. (jm, 19.9.19)

Weißenfels, Gloria (Bild: Francesca Richter, Weißenfels)