Alle Beiträge von Johannes Medebach

Schwerin-Lankow, umgenutze Schwimmhalle (Bild: kfw.d)

In Schwerin baut man über das Wasser

Da wohnen, wo andere schwimmen gehen! In Schwerin-Lankow ist das Realität geworden. 2015 war das Schicksal des alten Volksbads von 1976 bereits besiegelt. Die Schweriner wollten ihre alte Schwimmhalle allerdings nicht den Abrissbaggern überlassen. Hatten doch dort nicht wenige ihre ersten Schwimmzüge getan. Kurz vor knapp wurde der Architekt Ulrich Bunnemann zu Rate gezogen, ob sich noch etwas machen ließe mit der leerstehenden Halle. Es ging! Für einen symbolischen Euro übernahm Bunnemann das Objekt. Was dabei herauskam, ist ein ungewöhnliches Nachnutzungskonzept: 16 Wohnungen über dem Schwimmbecken. 

In kurzer Frist wurden die Wohnungen mit Seeblick in der alten Struktur fertiggestellt, gleichzeitig wurde die vorhandene Bausubstanz eingebunden. So werden die markanten hyperbolisch-paraboloiden Betonschalen des Architekten Herbert Müller – Spitzname „Schalen-Müller“ – in den Wohnräumen inszeniert. Auch das äußere Erscheinungsbild der denkmalgeschützten Halle blieb in weiten Teilen erhalten. Das Projekt erhielt dafür jetzt den Sonderpreis beim KfW Award Bauen 2019. (jm, 14.6.19)

Titelmotiv: Schwerin-Lankow, umgenutze Schwimmhalle (Bild: kfw.d)

Stanley Tigerman (Bild: Lee Bey, CC BY 2.0, 2007)

Der Mies versinken ließ: Stanley Tigerman ist tot

In Chicago verstarb am 3.Juni der amerikanische Architekt Stanley Tigerman im Alter von 88 Jahren. Nach einer klassisch modernen Ausbildung, die ihn in das miesianische Mekka am Michigan See führte, ließ er die Crown Hall im Meer versinken – auf einer Collage mit dem Titel „Die Titanic“. Danach war Raum geschaffen für ein postmodernes Feuerwerk der Formen und Zitate. Ikonen wie das lächelnde Haus der Anti Cruelty Society entstanden. Dort offenbart sich Tigermans scharfer Sinn für das Ironische. Als Architekturtheoretiker verstand Tigerman die Baukunst als Allegorie.

Über Jahrzehnte wirkte er in Chicago als Lehrer an der University of Illinois. Zuletzt galt er als Nestor der dortigen Architekturszene. In den 1990er Jahren gründete Tigerman die Non-Profit Organisation Archeworks – einen interdisziplinären Designinkubator für Projekte mit sozialem Anspruch. Bis zuletzt galt er als kritische Stimme im Baugeschehen. Dass er in einem von Mies entworfenem Gebäude lebte und dies als „tägliche, stündliche Herausforderung“ bezeichnete, verrät augenzwinkernd einiges über die Gedankenwelt Tigermans. (jm, 5.6.19)

Stanley Tigerman (Bild: Lee Bey, CC BY 2.0, 2007)

München-Riem, Kopfbau der Zuschauertribüne des Flughafens (Bild: Renardo la vulpo, CC BY SA 4.0, 2017)

München-Riem: Was nutzt der Kopfbau noch?

In München rottet seit Jahren steinern und schwer, neben den glitzernden Neubauten des Messeareals, ein Zeitzeuge vor sich hin. Als Teil des Flughafens Riem wurde der sogenannte Kopfbau 1937 bis 1939 nach Plänen von Ernst Sagebiel errichtet. Als Besuchertribüne für Flugschauen gedacht, übernahm der Architekt der „Luftwaffenmoderne“ hier ein Konzept, das er auch in Berlin-Tempelhof plante. 1983 konnte man von der Tribüne in Riem zum letzten Mal die Concorde beobachten, dann schloss sich die Unterschutzstellung an. München bekam einen neuen Airport und zur Bundesgartenschau 2005 wurden am Kopfbau noch einmal Gäste empfangen – zum Kaffee. Danach passierte bis heute nicht mehr viel.

Inzwischen gilt der Bau als Problemfall – fast 15 Jahren wurde verzweifelt nach einem Investor gesucht. Es fehlen Heizung und Fußboden, zudem verseuchen Schimmelsporen die Kassenhalle. Vor einer Nachnutzung steht daher eine Grundsanierung an. Alexander Reissl, der SPD-Fraktionsvorsitzende im Rathaus verlor indes die Geduld: Geht es nach ihm, könnte die denkmalgeschützte Tribüne bald selbst Geschichte sein. Auch andere Politiker zweifeln an der Zukunft des Kopfbaus. Dem hält die Kommunalreferentin Kristina Frank, trotz aller Schwierigkeiten, ein Zwischennutzungskonzept für den anstehenden Sommer entgegen. (jm, 31.5.19)

München-Riem, Kopfbau der Zuschauertribüne des Flughafens (Bild: Renardo la vulpo, CC BY SA 4.0, 2017)

Bonn, Kennedybrücke und Oper (Bild: ToLo46, CC BY SA 4.0, 2018)

Baukultur im Vorbeilaufen

Der Sommer steht endlich vor der Tür. Nun heißt es raus aus der Bude – Infos rein in den Kopf. Die Zeiten, in denen Jogginghosen für Kontrollverlust standen, sind vorbei!  Zumindest in Nordrhein-Westfalen, denn dort kann ab sofort jede Rennstrecke zum Kulturtrip werden. Mit der neuen Lauf-App der Architektenkammer NRW „Sight Running NRW“  wird das möglich. In 18 Städten stehen Routen zwischen 5 und 15 Kilometern zur Verfügung. Die Strecken sind entlang stadttypischer Gebäudeensembles, bedeutender Grünanlagen oder wie etwa in Bonn der Rheinbrücken geführt. En passant erfährt man von der App Wissenswertes über sein urbanes Umfeld – und tut dabei etwas Gutes für den Körper.

Von Stadt zu Stadt werden unterschiedliche Schwerpunkte gelegt. In Minden etwa verbindet die Route Mittelalter und Moderne, in Köln wird auf der Rheinrunde u. a. die Seilbahn von 1957 gewürdigt und in Bonn führt die Brückenrunde vorbei an Kennedybrücke und Oper. Bisher ist pro Stadt nur eine Maximalstrecke erarbeitet worden, in Zukunft planen die Macher 100 unterschiedliche Strecken ein. Das Programm richtet sich allerdings nicht nur an Dauerläufer, auch Spaziergänger, Fahrradfahrer oder Inline-Skater können sich mit ganz anderen Augen und Ohren auf den Weg zu einer kleinen Architek-Tour  machen. (jm, 30.5.19)

Bonn, Kennedybrücke und Oper – Teil der „Bonner Brückenrunde“ (Bild: ToLo46, CC BY SA 4.0)

I. M. Pei (Bild: ForgeMind ArchiMedia, CC BY 2.0, via flickr.com)

Mehr als Pyramide: I. M. Pei ist verstorben

Als Walter Gropius nach seiner Zeit als Harvard-Lehrer gefragt wurde, wen er zu seinen begabtesten Schülern zähle, fiel dieser Name: I. M. Pei. Heute ist der chinesisch-amerikanische Altmeister im Alter von 102 Jahren verstorben – wohl als letzter Epigone der „zweiten Moderne“. Dabei wollte er sich zeitlebens nie einer Bewegung zuordnen: „Ich bevorzuge keine Label. Es ist Architektur.“ Statt architektonischen Moden zu folgen, kombinierte er feinsinnig unterschiedlichste Einflüsse: Westliches und Östliches, Zeitgenössisches und Historisches. So ist es nicht verwunderlich, dass sein mit Abstand bekanntestes Werk, die Erweiterung des Grand Louvre durch die Versöhnung zweier ästhetischer wie historischer Pole überzeugt. Dies trifft auch auf das Deutsche Historische Museum zu, seinen Beitrag zur Neugestaltung Berlins.

Sein umfangreiches Oeuvre wird all zu häufig auf eben jene Pariser Glaspyramide beschränkt. In über 70 aktiven Jahren hinterließ er der Nachwelt unzählige Großprojekte, vor allem Kulturbauten. Internationalen Ruhm erlangte er bereits in den 1960er Jahren, als Jacqueline Kennedy ihn mit der Präsidentenbibliothek für ihren ermordeten Ehemann beauftragte. Doch auch in seinem Frühwerk ist schon der dezidierte Umgang mit Form, Material, Atmosphäre und Lichtführung zu finden. Dieser brachte ihm den Spitznamen „Der Meister des Lichts“ und 1983 den Pritzkerpreis ein. (jm, 17.5.19)

I. M. Pei (Bild: ForgeMind ArchiMedia, CC BY 2.0, via flickr.com)

München, Hauptbahnhof (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0, 2018)

München: Was kommt nach dem „Schwammerl“?

Für die Münchener heißt es jetzt Abschied nehmen. Ausgerechnet von der Empfangshalle des Hauptbahnhofs (1960, Franz Hart), über 60 Jahre das Tor zur Stadt und mit seinem schwungvollen Vordach liebevoll „Schwammerl“ genannt. Am vergangenen Montag gab es für Nostalgiker die letzte Möglichkeit für einen Schnappschuss mit sich und der Halle – die Bahn hatte eigens einen Selfie-Automaten aufgestellt. Danach wurde die Halle dichtgemacht. Der Abriss wird sich im Sommer anschließen. Das ist der Auftakt für eine großangelegte Neugestaltung des Bahnhofsareals, welche erst 2028 abgeschlossen sein soll. Anstelle der Empfangshalle wird ein unterirdischer Anschluss an die zweite S-Bahn Stammstrecke entstehen, oberirdisch ergänzt um ein neues Bahnhofsgebäude des Büros Auer Weber.

In naher Zukunft könnte auch der Starnberger Flügelbahnhof den Neubauplänen weichen. An seiner Stelle soll ein Büroturm errichtet werden. Nach Anpassungen des Entwurfs zeigt sich mittlerweile auch die Denkmalbehörde damit einverstanden. Doch es regt sich auch Kritik. Die Initiative „Münchener Architektur und Kultur“ fordert eine behutsame Sanierung des Areals anstelle des Kahlschlages. Sie berufen sich auf den Denkmalschutzrechtler Dieter Martin. Der Bahnhof sei als gesamtes Ensemble erhaltenswert. Überdies erscheint der neue Bahnhof vielen zu überdimensioniert und einseitig auf die Schaffung von Büroraum orientiert. (jm, 12.5.19)

München, Hauptbahnhof (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0, 2018)