Architektur ist selten – update

Es war ein Weckruf Mitte der 1970er Jahre. In Zeiten, in denen der Begriff Architektur von manchen lediglich mit größter Vorsicht in den Mund genommen wurde, andere ihn gar Abschaffen wollten, postulierte Josef Paul Kleihues „Architektur ist selten“ – und unterstrich damit den schwierigen Stand, den die Profession durch Rationalisierung, Funktionalismus und Ökonomisierung bis dato erreicht hatte. Im Rahmen der ersten Dortmunder Architekturausstellung 1976 forderte ‚JPK‘ in seinem Manifest eine Rückkehr zur Poesie und Auseinandersetzung mit der Geschichte.

Rund 45 Jahre später scheint das Problem aktueller denn je. Immer noch, so scheint es, wird gute Architektur durch eine Bandbreite von Einflüssen und Zwängen verhindert. Wie kann man heute der Baukunst, im wahren Sinn des Wortes, einen fruchtbaren Boden bereiten? Zum Anlass der Finissage der Ausstellung „JPK NRW“ findet am 19. Januar 2020 im Baukunstarchiv NRW (Ostwall 7, 44135 Dortmund) ein Symposium zur Erörterung dieser Frage statt. Erwartet wird eine Runde hochkarätiger Gäste: Andreas Denk, Max Dudler, Jörg Gleiter, Hans Kollhoff, Arno Lederer, Uwe Schröder und Wolfgang Sonne. (jm, 16.1.20)

Berlin, Kant-Dreieck (Bild: Андрей Бобровский, CC BY SA 3.0, 2013)

Brokers of Modernity – Mitteleuropas Aufbruch

Nach dem Ersten Weltkrieg stand die Welt Kopf. Die bestehenden Verhältnisse wurden über Bord geworfen und nicht Weniges entstand neu: Kunst, Kultur, Architektur und in Mitteleuropa sogar die ganze Landkarte. Durch den Zerfall der großen Hegemonialmächte bildeten sich von Polen bis Litauen unzählige neue Staaten. Die Zeit kannte nur eine Richtung: Vorwärts! So ist es nicht verwunderlich, dass diese Länder die aufkeimende die Moderne mit offenen Armen empfingen. Der internationale Geist der Bewegung legitimierte die eigene Emanzipation aus den zuvor unterdrückenden Strukturen. 

Martin Kohlrausch skizziert in seiner Schrift „Brokers of Modernity East Central Europe and the Rise of Modernist Architects, 1910-1950“ den Aufstieg und Fall der Moderne in dieser Region. Für viele Protagonisten bedeutete der Begriff vielmehr als reine Raumproduktion. Das Ideal des Neuen Menschen erforderte eine radikale Revision der bisherigen Lebensweise. Im späteren Verlauf der europäischen Geschichte, geprägt durch weitere Radikalisierung aus allen Richtungen, sollten einige dafür bezahlen müssen. Dieses spannende Kapitel Architekturgeschichte ist als freies ebook hier zu lesen – oder klassisch als Paperback zu erwerben. (jm, 21.12.19)

Titlmotiv: Buchcover, Detail

Echter Eller zu haben

Wenn schon Luxus, dann richtig! In Aachen-Laurensberg steht zur Zeit ein Privathaus zum Verkauf, das einem 1980er-Jahre-Filmset entsprungen sein könnte. Für 1.280.000 Euro bekommen Sie das Anwesen mit fünf Badezimmern, drei Garagen, Whirlpool und Sauna. Die Mischung aus Chen Kuen Lee, abgemilderter Postmoderne, viel Individualismus und doch ganz zeittypischen Elementen könnte bald unter Denkmalschutz gestellt werden.

Entworfen wurde das Haus vom kürzlich verstorbenen Fritz Eller 1981. Mit seinen Partnern Robert Walter und Erich Moser prägte er vor allem die Architektur in Nordrhein-Westfalen. Von den Verwaltungsbauten der großen Konzerne entlang des Rheins (Bayer, Thyssen und BASF) bis hin zu Prestigeprojekten wie der Ruhruniversität in Bochum oder dem Landtag in Düsseldorf profilierte sich sein Büro nachhaltig. Des Weiteren lehrte Eller 30 Jahre an der RWTH Aachen. Während seine frühen Entwürfe durch rationale Funktionalität bestachen, komponierte er später unterschiedlichste Raumelemente zu einem stimmigen Gesamtgefüge. Die Aachener Villa entstand in etwa zeitgleich mit dem Landtag. Vielleicht wirkt sie deshalb wie dieser en miniature? (jm, 6.12.19)

Aachen, Wohnhaus (Bild: immobilienscout24.de)