Tour de Ruhr

Im industriellen Herzen Westdeutschlands war in der Nachkriegszeit der Fortschrittsglaube besonders greifbar: An Rhein und Ruhr brummte und qualmte der Motor des Wirtschaftswunders. Nachdem das Gebiet während des Krieges stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, gab viel zu tun für Architekten und Stadtplaner. Zwischen Duisburg und Dortmund entstanden bis in die 1970er einzigartige Planungen, in sämtlichen Größendimensionen: Von der Neuplanung einer gesamten Universität in Bochum bis hin zu pyramidenförmigen Wohnhügeln in Marl.

Leider sind viele dieser Werke der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt – oder verkannt, obwohl sie den Ruhrstädten vielfach ihr Gesicht schenken. Die Initiative „Big Beautiful Buildings“ hat sich 54 Objekte in 17 Städten vorgenommen, sie dokumentiert, fotografiert und kommentiert. Herausgekommen ist der Band „Architektur der 1950er bis 1970er Jahre im Ruhrgebiet“, erschienen im Kettler Verlag. So ist es möglich die einzelnen Bauwerke nebeneinander zu sehen und zu verstehen. Dann zeigt sich, dass hinter einer mittlerweile schmutzigen Betonfassade meist mehr steckt als man auf den ersten Blick annehmen könnte. (jm, 28.5.20)

Rieniets, Tim/Kämmerer, Christine (Hg.), Architektur der 1950er bis 1970er Jahre im Ruhrgebiet. Als die Zukunft gebaut wurde, hg. von StadtBauKultur NRW, Kettler-Verlag, Dortmund 2019, Paperback, 12,5 × 24 cm, ISBN: 978-3-86206-755-8.

Titelmotiv: Auszug aus dem Buch (Bild: Architektur der 1950er bis 1970er Jahre im Ruhrgebiet, Kettler-Verlag)

Erinnerungsalbum an einen Airport

Kaum ein anderer deutscher Flughafen bekommt derart viel Lob für seine Architektur, vor allem für die schnelle Erschließung und kurzen Wege – gerade in Zeiten verschärfter Sicherheitskontrollen ein Wert für die Ewigkeit. Die Rede ist von Berlin-Tegel, dem Kult-Airport der 1970er Jahre. Seine Entstehungsgeschichte rund um die Architekten Meinhard von Gerkan, Volkwin Marg und Klaus Nickels ist Legende. Noch immer dominiert die zeitgenössische Ausstaltung von 1974. Größere Änderungen waren nie nötig, denn das Grundkonzept erwies sich als äußerst flexibel. Eine Vielzahl der ursprünglich geplanten Passagiere kann noch immer abgewickelt werden. Doch im Zeichen des BER-Baus geriet der Fortbestand in die Diskussion.

Als die Berliner 2017 über den Weiterbetrieb abstimmen sollten, wollte sich die Mehrheit nicht von Tegel trennen. Nichtsdestotrotz wurde die Schließung durchgesetzt. Durch die Covid-19-Krise könnte das Aus schon am 1. Juni 2020 kommen. Der Fotograf Peter Ortner dokumentiert den Glanz bald vergangener Tage mit einem besonderen Augenmerk auf die Details, die in der Summe das einmalige Ambiente ausmachen. Im Jovis Verlag erscheint pünktlich zum Abschied „The Essence of Berlin-Tegel“ – ein nicht unwesentlicher Auszug der Berliner Identität. (jm, 16.5.20)

Ortner, Peter, The Essence of Berlin-Tegel. Taking Stock of an Airport’s Architecture, Jovis Verlag, Berlin 2020, Hardcover, 22 x 17 cm, 112 Seiten, 100 Farbabbildungen, Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-86859-631-1.

Berlin, Flughafen Tegel (Bild: Peter Ortner)

Stillstand statt Bewegung

Wenn man durch Kölns Fußgängerzone bummelt, entdeckt man unweigerlich zwischen den Einzelhandelspalästen einen silberglänzenden Kunstschatz. Extravagant und futuristisch gibt sich die Fassade des ehemaligen Kaufhauses Wormland an der Hohe Straße/Ecke Salomongasse. Die Edelstahlhaut, die den Baukörper komplett umschließt, bildet den Hintergrund für die kinetische Plastik „Licht und Bewegung“ des ZERO-Künstlers Otto Piene, die jüngst in die Rote Liste des Kunsthistorikerverbands aufgenommen wurde. Ab 1966 tanzten Aluminiumkugeln begleitet von Lichteffekten auf der Fassade. Der damalige Inhaber des Herrenbekleidungshauses Theo Wormland beauftragte den Architekten Peter Neufert mit der Neugestaltung seines Geschäftes. Bauherr und Architekt verband ihre Kunstsinnigkeit: Hochkultur und Kaufkultur als symbiotisches Miteinander.

Von solchem Verständnis kann heute keine Rede mehr sein. Seit Jahren leuchtet und bewegt sich nichts mehr. Für den aktuellen Eigentümer scheinen die Leichtmetallkugeln lästig zu sein. Die fensterlose Fassade macht eine profitable Nutzung als Bürofläche unmöglich. Dem Denkmalschutz wird wieder die Rolle als Verhinderer aufgezwungen. Unterdessen zerfällt der ungenutzte Bau hinter der schillernden Haut – es zeichnet sich gar der mögliche Abriss ab. Doch die einzigartige Fassadenschöpfung hat tatkräftige Unterstützer. Die Galeristin Martina Kaiser zeigt sich umtriebig und treibt Sponsoren auf, um die Restaurierung und von Pienes Plastik finanzieren zu können. Der Eigner allerdings ließ sich noch nicht für die kühle Fassade erwärmen. (jm, 6.5.20)

Köln, Wormland-Haus (Bild: Raimond Spekking, CC BY-SA 3.0)