Stillstand statt Bewegung

Wenn man durch Kölns Fußgängerzone bummelt, entdeckt man unweigerlich zwischen den Einzelhandelspalästen einen silberglänzenden Kunstschatz. Extravagant und futuristisch gibt sich die Fassade des ehemaligen Kaufhauses Wormland an der Hohe Straße/Ecke Salomongasse. Die Edelstahlhaut, die den Baukörper komplett umschließt, bildet den Hintergrund für die kinetische Plastik „Licht und Bewegung“ des ZERO-Künstlers Otto Piene, die jüngst in die Rote Liste des Kunsthistorikerverbands aufgenommen wurde. Ab 1966 tanzten Aluminiumkugeln begleitet von Lichteffekten auf der Fassade. Der damalige Inhaber des Herrenbekleidungshauses Theo Wormland beauftragte den Architekten Peter Neufert mit der Neugestaltung seines Geschäftes. Bauherr und Architekt verband ihre Kunstsinnigkeit: Hochkultur und Kaufkultur als symbiotisches Miteinander.

Von solchem Verständnis kann heute keine Rede mehr sein. Seit Jahren leuchtet und bewegt sich nichts mehr. Für den aktuellen Eigentümer scheinen die Leichtmetallkugeln lästig zu sein. Die fensterlose Fassade macht eine profitable Nutzung als Bürofläche unmöglich. Dem Denkmalschutz wird wieder die Rolle als Verhinderer aufgezwungen. Unterdessen zerfällt der ungenutzte Bau hinter der schillernden Haut – es zeichnet sich gar der mögliche Abriss ab. Doch die einzigartige Fassadenschöpfung hat tatkräftige Unterstützer. Die Galeristin Martina Kaiser zeigt sich umtriebig und treibt Sponsoren auf, um die Restaurierung und von Pienes Plastik finanzieren zu können. Der Eigner allerdings ließ sich noch nicht für die kühle Fassade erwärmen. (jm, 6.5.20)

Köln, Wormland-Haus (Bild: Raimond Spekking, CC BY-SA 3.0)

Kämpfer für den Bahnhof: Peter Dübbers ist gestorben

Vergangenen Karfreitag ist in Stuttgart der Architekt Peter Dübbers im Alter von 81 Jahren verstorben. Zuletzt machte er vor allem als engagierter Akteur in der langzeitigen Diskussion rund um das Großprojekt Stuttgart 21 von sich reden. Sein Streben galt dem möglichst vollständigen Erhalt des historischen Bahnhofsgebäudes. Mit ausschlaggebend dafür war sicherlich der biografische Hintergrund. Dübbers stammte aus einer Architektendynastie. Sein Großvater war niemand geringeres als Paul Bonatz, der einst den mächtigen Bahnhof plante und als einer der einflussreichsten Lehrer seiner Zeit wirkte. Der Vater, Kurt Dübbers, war langjähriger Professor und Zeitweise Rektor der TU Berlin, deren Hauptgebäude nach seinem Entwurf entstand.

Als sich die Auseinandersetzung um S21 zu nationaler Aufmerksamkeit gelangte, zog Dübbers mit einer Urheberrechtsklage vor Gericht. Die Flügelstutzung des alten Bahnhofes sollte so unterbunden werden. Am Ende siegte die Deutsche Bahn, die mit Regressforderungen auftrumpfte. Trotz alledem setzte sich Dübbers weiter beherzt für die Sache ein, lancierte sogar mehrere Verbesserungsvorschläge. Man täte ihm Unrecht mit dem Begriff des Wutbürgers, welcher untrennbar mit dem S21-Widerstand verbunden wird. Er galt Wegbegleitern eher als zurückhaltender Zeitgenosse. Das änderte nichts an seinem entschiedenen Eintreten für das Vermächtnis seines Großvaters. (jm, 24.4.20)

Stuttgart, Hauptbahnhof (Bild: historische Postkarte/Roger W., CC BY SA 2.0, via flickr.com, 1965)

Der Architekt Michael McKinell ist gestorben

Wie in diesen Tagen bekannt wurde, verstarb der Architekt Michael McKinell am 27. März 2020 Alter von 84 Jahren an den Folgen von Covid-19. In England geboren, zum Studium an die Columbia University nach New York gekommen, gelang ihm als 26-jähriger Graduate Student der große Coup: Mit seinem Lehrer Gerhard Kallmann, gewann er 1962 den Wettbewerb für das neue Rathaus in Boston. Ihr Vorschlag stach aus über 250 Einsendungen heraus: Ein skulpturaler Beton-Baukörper thront über einer großzügig angelegten Plaza aus roten Ziegelsteinen. Das Konzept folgt dem italienischen Ideal der Piazza, dem Prinzip der Offenheit und Zugänglichkeit – ein Haus für die Bürger, ein Sinnbild für Demokratie.

Nach diesem Erfolg gab es für das Duo Kallmann-McKinell viel zu tun. In Neuengland entstanden zahlreiche öffentliche Bauten, die sich alle durch eine Vorliebe für hervortun. „Wir hätten sogar Beton genommen um die Lichtschalter zu gestalten“, witzelte McKinell in einem Interview. Kein Wunder, dass sich seine Bauten bei Brutalismusliebhabern höchster Beliebtheit erfreuen. Doch als Ende der 1970er Jahre in den USA die Postmoderne aufkam, schuf das Büro auch mit anderen Materialien und leiseren Tönen eindrucks- und qualitätsvolle Architekturen: so z.B. Die American Academie of Arts and Sciences in Cambridge/Massachusetts. (jm, 6.4.20)

Boston, Rathaus (Bild: Daniel Schwen, CC BY SA 4.0, 2010)