Alle Beiträge von Karin Berkemann

Betonkanu-Regata 2017 (Bild: Copyright BetonBIld)

Beton schwimmt

In 14 Tagen sollen Ernie und Bert das Rennen machen – so zumindest die Hoffnung des Teams der Hochschule Damstadt, das am 19. Juni zwei Betonkanus auf diese Namen taufen wird. Mit den Kunststeinbooten könnten sich die Studierenden am 28./29. Juni in Heilbron zum Sieg paddeln. Hier findet in diesem Jahr die 17. deutsche Betonkanu-Regatta statt, die von der zugehörigen Industrie 1986 erstmals nach amerikanischem Vorbild ausgerichtet wurde. Die Sportveranstaltung entpuppt sich aktuell nicht nur als reizvolles Experimentierfeld für Technikbegeisterte, sondern vor allem als kluger PR-Schachzug. Denn das Image des modernen Baustoffs hat sich wieder zum Positiven gewandelt. Immerhin erhielt der Brutalismus im Deutschen Architekturmuseum eine vielbeachtete Ausstellung mit eigenem Internetauftritt. Und quer durch die Presse werden Material-Upgrades zuverlässig gehypt. Die ungezählten Bastelbeton-Blumenkübel, -Teelichthalter und -Wasserdekoschalen auf den Schulbasaren sind ein untrügliches Zeichen: Der Kunststein ist wieder Konsens.

Doch nicht immer verläuft die Begegnung von Beton und Wasser so fotogen wie bei der Spezialregatta. Zum Alltagsgeschäft der Sanierer gehören inzwischen Korrosionsschäden durch eindringende Feuchtigkeit. In Bonn steht das wohl prominenteste Beispiel für ein Imagedesaster moderner Architektur: Der Schürmann-Bau geht auf Überlegungen der 1980er Jahre zurück. Als man sich beim Bund nach einem großen Architektenwettbewerb für das Büro Schürmann entschieden hatte, starteten 1989 die Bauarbeiten für ein Abgeordnetenhaus. Es kam nicht nur die deutsche Einhalt dazwischen, sondern auch der nahegelegene Rhein. Das Hochwasser von 1993 schwemmte den Bau nach oben, der sich dann unregelmäßig wieder setzte. Es folgten Rechtsstreitigkeiten von mehr als zehn Jahren, bis schließlich die Entscheidung zur Sanierung fiel. Inzwischen hatten sich die Regierungsgeschäfte zu großen Teilen nach Berlin verlagert und die Deutsche Welle zog in Bonn in die hart erkämpften neuen Räume. Der langgestreckte Riegel erhielt die „Auszeichnung guter Bauten 2003“ und den zweifelhaften Ehrentitel als teuerstes Gebäude Nachkriegsdeutschlands.

Noch ein Quäntchen berühmter als der Schürmannbau und dazu mit einem ungetrübt positiven Image versehen, steht in Pennsylania das Fallingwater-Haus. Frank Lloyd Wright hatte es 1939 für den Warenhausbesitzer Edgar J. Kaufmann als Wohnhaus errichtet. Der neue Besitzer sollte, so das erklärte Ziel des Architekten, nicht neben, sondern mit dem Wasserfall und seiner „Musik“ leben. Es ist nicht überliefert, wie sich die ständigen Plätschergeräusche auf den Harndrang der Bewohner auswirkten. Doch so viel ist bekannt: Schon vor Fertigstellung der wirkungsvoll in den Wasserlauf hinein gestaffelten Balkone riet der Bauherr zu einer statischen Nachbesserung. Wright lehnte ab und Kaufmann verstärkte auf eigene Iniative zumindest die Stahlträger. Bei den letzten umfassenden Renovierungen stellte sich heraus, dass Kaufmann damit wohl den Einsturz verhindert hatte. Heute dient die wasserumspülte Architekturikone, bis 1963 privates Wochenend- und Ferienhaus, als Museum und Fotomotiv. Beton und Wasser können dann eben doch gut miteinander, sie brauchen nur besonders liebevolle Pflege. (17.6.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Betonkanu-Regatta 2017 (Bild: © BetonBild)

Stuttgart-Sonnenberg, Ev. Gemeindezentrum (Bild: Foto: Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, I. Geiger-Messner)

Ein Frei Otto in Stuttgart

In wenigen Tagen wird es ernst: In Baden-Württemberg startet das Ausstellungsprojekt „Zwölf Kirchen“ , für das sich Denkmalpflege und Kirche zusammengetan haben. Ausgewählt wurde ein erlesenes Dutzend aus rund 1.600 Sakralbauten, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Baden-Württemberg errichtet wurden (davon knapp 1.000 zwischen 1960 und 1979, davon rund 150 unter Denkmalschutz). In rund einem Jahr macht die Präsentation an je einem der Objekte halt. Im Mittelpunkt der ersten Station – und zugleich Ausstellungsort – steht das Evangelische Gemeindezentrum in Stuttgart-Sonnenberg.

Der brutalistische Bau wurde 1966 nach Entwürfen des Züricher Architekten Ernst Giesel fertiggestellt. Die Planung für das Hängedach stammt von keinen Geringeren als Frei Otto und Fritz Leonhardt. In Stuttgart wird der Ausstellungsauftakt in und mit der Gemeinde am 28. Juni 2019 um 17 Uhr begangen und ist anschließend bis zum 30. Juli 2019 täglich von 9 bis 20 Uhr geöffnet, zudem wartet ein reiches Begleitprogramm auf Besucher. Für Stuttgart und alle folgenden elf Ausstellungsstationen ist das begleitende Arbeitsheft „Gotteszelt und Großskulptur“ erschienen. (kb, 15.6.19)

Stuttgart-Sonnenberg, Ev. Gemeindezentrum (Bild: Foto: Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, I. Geiger-Messner)

Dieter Urbach, Palast der Republik, innen, Lichtshow, 1974 (Silbergelatinepapier, Fotomontage auf Karton, 70 x 100 cm, Berlinische Galerie - Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Foto: Kai-Annett Becker)

Der Palast der Republik steht in Rostock

Zu Zeiten der DDR entstand ein einziger Kunstmuseumsbau: in Rostock vor 50 Jahren. Bevor das Kulturdenkmal an der Ostsee demnächst zur Sanierung geschlossen wird, widmet man sich dort einem anderen Kultobjekt der DDR: mit der Ausstellung „Palast der Republik. Utopie, Inspiration, Politikum“. Der ostmoderne Vorzeigebau entstand von 1973 bis 1976 auf dem Gelände des ehemaligen Berliner Stadtschlosses. Hier tagte nicht nur die Volkskammer. Im vielfach untergliederten Raumprogramm – vom Großen Saal über die Restaurants und die Disko im Jugendtreff bis zum Theater und dem Spreebowling – sollte sich vielmehr eine breite Öffentlichkeit bilden und vergnügen.

1990 wurde der Palast der Republik geschlossen und bis 2008 abgerissen. Nun soll an seiner Stelle, im wiedererrichteten Berliner Schloss das Humboldt Forum eröffnet werden. In Rostock zeigt man in der aktuellen Ausstellung Exponate und Kunstwerke, die sich mit dem verlorenen Bauwerk auseinandersetzen – von Künstlern wie Bernhard Heisig, Ronald Paris, Willi Sitte, Werner Tübke. Die Spanne reicht von ehemaligen originalen Ausstattungsstücken bis zu zeitgenössischen künstlerischen Reaktionen auf den Bau und seine Geschichte. (kb, 13.6.19)

Dieter Urbach, Palast der Republik, innen, Lichtshow, 1974 (Silbergelatinepapier, Fotomontage auf Karton, 70 x 100 cm, Berlinische Galerie – Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Foto: Kai-Annett Becker)

Dortmund, Restaurant Buschmühle (Bild: buschmuehle-dortmund.de)

Stahlschachteln und andere Schönheiten

Das ehemalige Restaurant „Buschmühle“, ein Stahlbau der Architekten Otto-Heinz Groth, Werner Lehmann und Wolfram Schlote, entstand 1959 anlässlich der Bundesgartenschau im Dortmunder Westfalenpark. Es steht für viele Stahlbauten und -konstruktionssysteme, die den technischen Aufbruch und eine neue Experimentierfreude seit den frühen 1950er Jahre bezeugten. Beteiligte am Stahlbau, darunter auch an Versuchen im Fertighausbau, waren Architekten und Ingenieure bis hin zur Montanindustrie. In Dortmund, im Ruhrgebiet und darüber hinaus nehmen Stahlbauten in der aktuellen Debatte um Erhalt, Schutz und Umnutzung des Nachkriegserbes eine besondere Position ein.

Die Publikation „Stahlschachteln und andere Bausysteme“ versteht sich als Impulsgeber für ein Weiterdenken und einen Ausblick auf die Potenziale des Stahlbaus. Die Buchbeiträge bündeln regionalgeschichtliches, bauhistorisches, baukonstruktives und denkmalpflegerisches Wissen. So richtet sich die Veröffentlichung an alle, die solche Bauten bewerten, zeitgemäß erhalten, sanieren und nutzen. Gleichzeitig soll die Publikation helfen, die Besonderheiten der „Stahlschachteln“ in Bautechnik und Materialität zu bewahren und einen neuen Blick auf diese Architektur zu eröffnen. (kb, 11.6.19)

Apfelbaum, Alexandra/Haps, Silke (Hg.), Von „Stahlschachteln“ und Bausystemen. Zum Umgang mit Stahlbauten zur Nachkriegszeit, Kettler Verlag, Dortmund 2019, 192 Seiten, 16,3 × 24 cm, ISBN 978-3-86206-733-6.

Dortmund, Restaurant Buschmühle (Bild: historische Abbildung, via buschmuehle-dortmund.de)

Eisenhüttenstadt, Installation "Wohnmaschine" (Bild: Martin Maleschka)

Von wegen DDR-Grau

Hätte Kandinski in Staubsauger gemacht (oder Fernseher oder Haartrocker), es hätte genau so ausgesehen: In Eisenhüttenstadt hat der Architekt und Fotograf Martin Maleschka die Installation „Wohnmaschine“ aufgebaut, die am 16. Juni 2019 um 13 Uhr in einer dortigen Plattenbauwohnung (Hof Holzwolle 27, Eisenhüttenstadt) mit einer Vernissage eröffnet wird. Die Arbeit in den typischen „Bauhaus-Farben“ Gelb, Blau und Rot versteht sich als erinnerungskulturelle Erweiterung der aktuellen Sonderausstellung des Dokumentationszentrums Alltagskultur der DDR „Alltag formen! Bauhaus-Moderne in der DDR“. Für die Installation kamen Gebrauchssgegenstände der DDR-Zeit aus dem Museumsdepot zum Einsatz.

Maleschka ist selbst ganz in der Nähe des temporären Ausstellungsorts aufgewachsen. Das Plattenbauviertel (Typ P 2) „An der Holzwolle“, damals Otto-Grotewohl-Ring, wurde in Teilen abgebrochen, darunter auch Maleschkas frühere Wohnung. Eines der erhaltenen Apartments wurde für die Ausstellung zum „White Cube“, die Alltagsgegenstände darin funktionsunabhängig arrangiert. Vorbereitet und begleitet wurde die Aktion von einem Schülerprojekt, sie ist zugleich Teil der „Grand Tour der Moderne“. Die Installation ist geöffnet zwischen dem 23. Juni und dem 27. September jeweils sonntags von 13 bis 17 Uhr sowie nach Voranmeldung (03364 417 355, Tickets im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR, Erich-Weinert-Allee 3, 15890 Eisenhüttenstadt). (kb, 10.6.19)

Eisenhüttenstadt, Installation „Wohnmaschine“ (Bild: Martin Maleschka)

Hamburg-Duulsberg, Frohebotschaftkirche (Bild: An-d, CC BY SA 3.0, 2013)

Hamburg-Dulsberg: Der Umbau ist fertig

An Pfingsten ist es soweit: Die Frohebotschaftkirche in Hamburg-Dulsberg wird wiedereröffnet. Noch vor wenigen Jahren sah es schlecht aus für die Zukunft des Kulturdenkmals. Die evangelische Gemeinde hatte bereits ihre Dietrich-Bonhoeffer-Kirche aus der liturgischen Nutzung genommen, für Frohebotschaft wurde gar der Abriss diskutiert. Fritz Schumacher hatte 1903 bereits bei seiner Planung für den neuen Stadtteil das heutige Kirchengrundstück vorgesehen.

Es war schließlich das Architekturbüro Friedrich Dyrssen und Peter Averhof, das die Kirche 1937 fertigstellte und 1953 auch den Wiederaufbau des kriegszerstörten Gebäudes anleitete. Nach längerer Diskussion um eine mögliche Nutzungsänderung starteten WRS Architekten 2015 den Umbau: Zwei Kuben – Kindergarten und Gemeindehaus – wurden in das Schiff eingestellt. Erschlossen wird der Bau nun über einen neuen Zugang von Norden, vom Straßburger Platz her, das Schiff dient an dieser Seite als Foyer. Finanziert wurde die Maßnahme durch Fördermittel und den Verkauf umliegender, durch den Abriss von Nebenbauten freigeräumter Flächen. (kb, 9.6.19)

Titelmotiv: Hamburg-Dulsberg, Frohebotschaftkirche (Bild: An-d, CC BY SA 3.0, 2013)