Portraits of Modernity

Mit einer Retrospektive wird aktuell das Werk der amerikanischen Fotografin Berenice Abbott (1898–1991) gewürdigt. Nach einem Journalistikstudium und einer Ausbildung zur Bildhauerin war es der Surrealist Man Ray, der Abbott zur Fotografie riet. In den 1920er Jahren porträtierte sie so die Pariser Kulturlandschaft. Ab 1929 fing sie mit dem Stadtprojekt „Changing New York“ den Charakter der wachsenden Metropole ein: mit Wolkenkratzern, Straßenschluchten und vielfältiger Warenwelt. Nicht zuletzt widmete sich Abbot der Wissenschaftsphotographie, darunter Bildstudien aus dem Gebiet der Optik.

Die Ausstellung „Berenice Abbott – Portraits of Modernity“ ist noch bis zum 6. September 2020 zu sehen in der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur (Im Mediapark 7, Köln). Organisiert wurde die Schau von der Fundación MAPFRE, Madrid, kuratiert von Estrella de Diego, Professorin für Zeitgenössische Kunst an der Universität Complutense, Madrid. Ergänzend zum englischsprachigen Katalog ist ein deutsches Begleitheft erschienen, das an der Ausstellungskasse zu erwerben ist. (kb, 30.6.20)

Berenice Abbott: Triborough Bridge, 1937 (Bild: The Miriam and Ira D. Wallach Division of Art, Prints and Photographs, Photography Collection; The New York Public Library, Astor, Lenox and Tilden Foundations © Getty Images/Berenice Abbott, 2020)

Schnell noch den Schreibtisch leermachen

Wir sind es müde – das Warten, auf das alte Normal, oder das neue. Während die Bürokratie schon wieder greift (eine Steuererklärungsabgabefrist ist eine Steuererklärungsabgabefrist), zählen wir die Tage bis zum verdienten kurzen Urlaub. Ob Balkonien oder Ostsee, Hauptsache, das Homeoffice bleibt geschlossen. Und dennoch hatte sich der beruhigend-beunruhigende Gedanke in den Köpfen festgesetzt, dass „danach“ alles, oder zumindest vieles, anders wird. Zu den beglückenden Erfahrungen zählt die Solidarität unter Kulturschaffenden, die neue Wertschätzung des Digitalen in der Baukunstvermittlung. Irritierend ist hingegen die Abrisswelle. Gerade verkündet man schnell und hemmungslos das Aus für historistische Häuserzeilen, nachkriegsmoderne Villen und Kirchenbauten. Schneller und hemmungsloser als vor Corona.

Köln-Nippes, St. Hildegard in der Au (Bild: © Raimond Spekking, CC BY SA 4.0, 2020)

Wird für Wohnungen abgerissen: Köln-Nippes, St. Hildegard in der Au (Bild: © Raimond Spekking, CC BY SA 4.0, 2020)

Was sich noch Anfang 2020 durch die Hintertür hereinschleichen musste, nimmt jetzt wie selbstverständlich den Haupteingang. Vor allem im Rheinland und im Süden kommen gerade Kirchen unter den Bagger, für die noch nicht einmal pro forma eine andere Nutzung diskutiert wurde. Schließlich haben wir andere Probleme. Im Tagebaugebiet rund um Garzweiler rufen Pfarrer und Gemeindeglieder Alarm: Nach den coronabedingten Kirchenschließungen wird, so fürchten sie, erst gar nicht mehr aufgemacht. Die meisten Gottesdiensträume sind ja bereits an RWE verkauft – und der Letzte löscht das Ewige Licht. Manches mag auf einen Abrissstau zurückgehen. Am klassischen Kirchenschließungstermin Ostern (Frühling hilft beim Abschied, Auferstehung hilft bei der Abschiedspredigt) war man in diesem Jahr verhindert. Doch es scheint um mehr zu gehen, das Säbelrasseln ist deutlich lauter geworden.

Bonn, Stadthaus (Bild: mibro, via pixabay.com)

Der Abrissbeschluss droht: Bonn, Stadthaus (Bild: mibro, via pixabay.com)

Denkmalnetz Bayern fragte in der vergangenen Woche, ob „der gesetzliche Auftrag einer Behörde durch die Corona-Hintertür zurückgeschraubt werden“ soll. Hintergrund ist das Vorwort des bayerischen Generalkonservators in der aktuellen Ausgabe von „Denkmalpflege Informationen“. Als Lehre aus Corona-Zeiten hatte er ein konzentrierteres Arbeiten angekündigt: mehr digital, weniger vor Ort. In Bonn plant man bereits den Neubau des Stadthauses, wo der Abriss des jetzigen noch nicht einmal final beschlossen ist. Künftig ließe sich ja kostengünstig mit weniger Bürofläche auskommen – Homeoffice sei Dank. Man mag einwenden, dass eine Sanierung der bestehenden Architektur noch nachhaltiger sein könnte. Aber dieser Gedanke ist vielleicht zu vor-corona. (29.6.20)

Karin Berkemann

Medizischer Dienst in Indien, 1944 (Bild: Cecil Beaton, PD)

Petition gegen den Raubbau

Der Abriss des sog. Immenrather Doms war 2018 ein Medienereignis. Profi- wie Amateurfotografen hielten fest, wie sich die Greifer in die historistische Doppelturmfassade bohrten. Allein in Erkelenz mussten bislang drei Kirchen dem Bagger weichen, drei weitere – Heilig Kreuz in Keyenberg, Herz Jesu in Kuckum und St. Josef in Beverath – sollen folgen. Im nahen Manheim (St. Albanus und Leonhadus, profaniert) sieht es ähnlich aus. Auch moderne Bauten sind betroffen – wie die Kirche St. Lambertus in Morschenich (Wiederaufbau, Josef Lembrock, 1955, Umnutzung geplant). Teils entstand ein Ersatzbau am neuen Wohnort der Umgesiedelten, aber Tradition lässt sich schwer verpflanzen.

Die Initiative „Die Kirche(n) im Dorf lassen“ wendet sich im Raum Aachen mit einer Petition und Plakataktion gegen den Verkauf und folgenden Abriss von Gottesdiensträumen. Kirchen seien keine Ware, sondern Orte der Begegnung. Nachdem die Kirchen durch Corona geschlossen wurden, fürchten die Unterzeichner, dass sie schleichend gleich ganz dicht gemacht werden. Gottesdienste müssten mindestens so lange gefeiert werden, wie noch Menschen in den Orten wohnen. Sie appellieren an die Bischöfe in Köln und Aachen, den laufenden, auch ökologisch wenig nachhaltigen Rückbau zu stoppen. (kb, 27.6.20)

oben: Erkelenz-Immenrath, St. Lambertus (Bild: © Raimond Spekking, CC BY SA 4.0, Januar 2018); unten: Morschenich, St. Lambertus (Bild: Chris06, CC BY SA 4.0, 2019)

invisibilis-Karte der aufgegebenen und verlorenen Kirchen (seit 1850) in Erkelenz