FACHBEITRAG: Erneuerung

von Matthias Ludwig (15/4)

Fährt man durch das bewegte „Hessische Hinterland“, bietet sich um die Kleinstädte Biedenkopf und Gladenbach eine vielfältige Kulturlandschaft dar: Besonders ältere Häuser sind in Schiefer gedeckt und oft damit verkleidet. Die Kirchen zeigen ihre Entstehung ab dem Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert: größere Stein- und kleinere Fachwerkkirchen – und etliche Bauten der Moderne. Mitten im Hinterland liegt die Evangelische Kirche zu Obereisenhausen: auf den ersten Blick ein Bruchsteinbau mit östlichem (Chor-)Turm und angebautem Längsschiff.

Die Evangelische Kirche im hessischen Obereisenhausen – mitten im und über dem Ort, zwischen Alt und Neu (Bild: Matthias Ludwig)

Alt gegen Neu?

Von Ferne gut sichtbar, versteckt sich die Kirche (obwohl höher gelegen) in dem kleinen Ort mit ca. 600 Einwohnern zwischen ihn umgebenden (Fachwerk-)Häusern. Vom Ortsmittelpunkt, heute eine Kreuzung mit Bushaltestelle, Backhaus und Brunnen, steigt man durch eine kleine Gasse bergan – und nimmt erst unmittelbar vor der Kirche ihre Fremdheiten wahr. So weist der Turm mit seinem Helm von 1805 auf einen im Grundbestand romanischen Steinbau. Das ebenfalls steinsichtige Schiff lässt sich mit seinen flachen Segmentbogen-Fenstern dagegen nur schwer einordnen.

Nach außen gut verborgen: Auf den historischen Turm folgt ein modernes Schiff (Bild: Hydro, CC BY SA 3.0)

Betritt man die Kirche durch die (in die 1950er Jahre deutende) Haupteingangstür auf der Westseite, ist man erneut überrascht: eine helle postmoderne Farbgestaltung und eine Ausstattung, die wiederum auf die 1950er Jahre verweist. Längsgerichtet führt der mit einer flachen Tonnendecke überspannte, asymmetrische Ram (an Nord- und West-Seite ist eine zweiseitige Empore, im Süden ein mit flachen Arkaden abgegrenztes Seitenschiff angeordnet) zu dem im Turm verorteten Altar.

Endlich nimmt man auch die Kunst wahr: Neben dem Kupferbeschlag der Haupteingangstür im Westen schuf Hermann Tomada auch den im Altarraum hängenden Auferstandenen und das zweiseitige Altarkreuz. Die großteils abstrakten Fenster stammen vom überregional bekannten Helmut Lander, wie Tomada in Darmstadt ansässig und Mitglied der Neuen Darmstädter Sezession. So zeigt der auf den ersten Blick eher unscheinbare, dann schwer einzuordnende, schließlich überraschende Bau am Ende auch außergewöhnliche Kunst – in einer Region eher abseits großer Verkehrsströme.

Für eine zukunftsfähige Kirche

Als Renovierungsmaßnahmen für den ebenso bedeutenden wie kaum bekannten Bau anstanden, suchte die Kirchengemeinde um Beratung. Der angefragte Verfasser schlug – nach einem Ersttermin vor Ort – einen dreistufigen Beratungsprozess vor. Darin ging es zunächst um eine Bestandsaufnahme, beginnend mit einer Wahrnehmung und Aneignung von Bau und Raum. Einbezogen wurden 15-20 Personen – aus Kirchenvorstand und Bauausschuss, gemeindliche Mitarbeiter und auch kommunale Vertreter.

Innen erschließt sich ein moderner Raum – hier vor dem Beratungsprozess (Bild: Matthias Ludwig)

Im Verlauf des ersten, 1,5-tägigen Workshops beschrieben die Teilnehmenden die Wirkung des Bauwerks sehr verschieden: Außen erschien es ihnen etwas düster und geschlossen, während man ihm innen Weite und Helligkeit beschied. Bei der anschließenden „Stärken-Schwächen-Analyse“ wurden positive wie problembehaftete Raumbereiche festgestellt. Während die Altarzone wesentlich Zustimmung erfuhr, benannte man andere Raumteile (wie die Eingänge), einzelne Ausstattungsstücke oder die Technik als stärker überarbeitungsbedürftig.

Im Weiteren wurden Überlegungen zur Zukunft von Gemeinde und Gebäude angestellt. Man bedachte absehbare Erwartungen an und kommende Herausforderungen für Kirche/Gemeinde – und leitete daraus Bedürfnisse und Anforderungen an einen zukunftsfähigen Kirchenbau ab. Bei einem Gemeindegottesdienst wurde der Kirchenraum schließlich auch in seinen liturgischen Funktionen erfahren und kritisch begutachtet. Deutlich zu erkennen war schon beim ersten Workshop, dass die Gemeinde grundsätzlich positiv zu ihrem Bau steht – insbesondere zum Innenraum mit seiner künstlerischen Gestaltung und Ausstattung.

Den Raum besser verstehen

Der Darmstädter Bildhauer Hermann Tomada schuf das Altarkreuz und den filigranen Auferstandenen (Bild: Matthias Ludwig)

So wichtig und nötig eine Veränderung erschien, wollten alle Beteiligten nun zunehmend sorgsam mit der überkommenen Bau- und Raumgestalt umgehen, ihre Qualitäten herausarbeiten – und stärken. In den beiden folgenden Arbeitseinheiten ging man an einzelne Problempunkte heran und erarbeitete mögliche wie nötige Änderungen. Der Verfasser rahmte diese Elemente, indem er modellhafte Vergleichsbeispiele für architektonische bzw. künstlerische Eingriffe oder auch technische Innovationen vorstellte.

Außerdem wurden die Baugeschichte und vor allem die Entstehung des jetzigen Kirchenschiffs durch ältere Fotos, Pläne und Berichte (etwa aus dem Gemeindearchiv) einbezogen. Demnach legte man den – wohl als erneuerungsbedürftig, zu eng und dunkel empfundenen – Vorgängerbau in den 1950er Jahren nieder, trotz Protesten der Denkmalpflege. Nach Plänen des Architekten Martin Leipold (Ortenberg) entstand ein neues Kirchenschiff.

Die auffallend klare Struktur des 1956 eingeweihten Kirchenraums entspricht den damaligen Vorstellungen – etwa den verbreiteten „Grundsätzen für die Gestaltung des gottesdienstlichen Raumes der evangelischen Kirchen“ (Rummelsberg 1951). Nicht gewagt hat man es wohl, die innere Modernität auch außen zu zeigen und den Neubau vom überkommenen Turm abzusetzen. Man verbarg ihn vielmehr unter einer ihm angepassten steinernen Hülle – und schuf damit eine Spannung zwischen der Innen- und Außensicht.

Neue Klarheit gewinnen

Die Fenster in Schiff und Turm gestaltete der Darmstädter Glaskünstler Helmut Lander (Bild: Matthias Ludwig)

Wichtig war der Blick auf nach 1956 eingetretene Veränderungen: Die Farbgestaltung wurde erneuert und fortentwickelt. Wie vielerorts waren diverse Zutaten unterschiedlicher Qualität zugewachsen – vom Schirmständer und Beistelltisch bis zu Lesepult und Kerzenständer. Je näher die Teilnehmenden den Ideen der Erbauer kamen, desto stärker wollten sie die einstige Ausdruckskraft des Raums zurückholen. So wurden einige Zutaten (soweit reversibel) schon versuchsweise entfernt und dem Raum wieder neue Klarheit verliehen.

Für ein zukunftsweisendes Gestaltungskonzept bevorzugte man bald eher vorsichtig verbessernde, der Raumqualität entsprechende Maßnahmen. Die eingewanderten Zutaten wurden überprüft – und teils ihre qualitative Verbesserung angestrebt. So entstand eine Liste des gemeinsam erfassten und abgewogenen Handlungsbedarfs: von Fensterreinigung und Neuanstrich über (Teil-)Erneuerung in Beleuchtung und Technik bis zu Neuordnung der Sakristei, neuen Paramenten oder der Einrichtung sanitärer Anlagen. All dies soll etappenweise, aber immer ins Gesamtkonzept eingebunden (mit Fachleuten in Bau, Architektur und Kunst sowie in Abstimmung mit Landeskirche und Denkmalpflege) umgesetzt werden.

Zugänge erleichtern und Offenheit zeigen

Auch die Zugänglichkeit der Kirche in Obereisenhausen wurde überprüft und über gezielte Verbesserungen (etwa der Beschilderung) nachgedacht (Bild: Hydro, CC BY SA 3.0)

Ein weiteres Ziel war, die Kirche dauerhaft zu öffnen und zu erschließen. Die damalige Vikarin hatte (im Rahmen eines Ausbildungsprojekts) ein Gutachten zum Thema „Offene Kirche“ erarbeitet. Einige Ergebnisse wurden in das angestrebte neue Öffnungs- und Erschließungskonzept einbezogen. Die Eingangsbereiche etwa sollen entwickelt sowie eine raumerschließende Besucherlenkung/-information bereitgehalten werden. Und wie sah es mit der Zuwegung aus, war die Kirche z. B. an das Wander- oder Radwegenetze angeschlossen? Hier wurde auch die (bereits in Umsetzung befindliche) Erneuerung des Außengeländes der Kirche (mit dem dafür beauftragten Landschaftsarchitekt) einbezogen.

Mit dem (im Prozess entwickelten) Grundkonzept erhofft sich die Gemeinde gleichsam eine stärkere gottesdienstliche Gemeinschaft und eine stärkere Präsenz ihres Kirchengebäudes – und damit eine gute Zukunft evangelischer Kirche in Ort und Region. Auch dem Verfasser, der den Prozess entwickelte und begleitete, hat das Verfahren gezeigt, dass gerade moderne Kirchen (in intensiver Auseinandersetzung vor Ort) in ihrer Wertigkeit neu erfasst und auf breiter Basis (wieder) angeeignet werden können.

Einstige Fürsprecher gingen verloren

Auch die kupfernen Türbeschläge entwarf Tomada (Bild: Matthias Ludwig)

Häufig wurden Kirchen der 1950er bis 70er Jahre in ihrer Wertigkeit, Bedeutung, Gestaltung und auch ihren Potenzialen vergessen – von der Gemeinde bis zur örtlichen Gesamt-Bevölkerung, aber auch in Pfarrerschaft und auf kirchenleitenden Ebenen. Beispiele wie Obereisenhausen zeigen jedoch, dass sich die heutige und kommende Generation auch Räume der Nachkriegsmoderne wieder aneignen und ihre Erneuerung einleiten kann. Daher ist es unerlässlich, (in Kirche wie Gesellschaft, in Theologie, Kunst, Architektur und Denkmalpflege) gemeinsam neues Bewusstsein zu schaffen – und solche oder ähnliche Prozesse zu ermöglichen.

Damit können Bauten (nicht nur dieser Zeit) wieder zu Ansehen gebracht – und so dem vielerorts schleichenden Niedergang entgegengewirkt werden, der auch wertvolle Bauten kirchlicher Moderne bedroht. Schließlich sind oft nicht nur Nutzer, sondern vor allem auch Fürsprecher (angefangen von einstigen Planern und Erbauern) über die Jahre verloren gegangen. Einstige Programme und Ideen sind immer weniger bekannt oder werden nicht mehr verstanden. Dem entgegenzuarbeiten, hilft nicht nur den Bauten, sondern auch ihren Gemeinden: Diese wissen häufig nicht (mehr), welchen Schatz sie ihr eigen nennen, mit dem sie eigentlich positiv werben und Anziehungskraft auslösen könnten.

Die Kirchen-Moderne neu stärken

Beispielhaft wurde 2011 das „Kapellenbauprogramm“ in Schleswig-Holstein erfasst und damit (wieder) neu in seinem Wert entdeckt – hier die evangelische Kapelle in Bliesdorf (O. Andersen, 1966) (Bild: Matthias Ludwig)

Dazu gehört auch, Kirchbaulandschaften der Moderne (wieder) stärker zu erschließen – neben orts- oder regionalräumlichen bzw. personenbezogenen Übersichten müssen etwa umgesetzte Bauprogramme erfasst werden. Immer wieder erlebt der Verfasser (auch bei Vorträgen zu Baujubiläen, Ausstellungen oder anderen Anlässen): Staunend entdeckt man oft vom gleichen (Bau-)Künstler oder aus gleicher Zeit Ähnliches, Vergleichbares oder Gegensätzliches in der direkten Nachbarschaft.

Das ermutigt, hebt manchen eher bescheiden oder gar negativ gesehenen Bau wieder heraus – und eröffnet Chancen auf Zukunft für Gebäude wie Gemeinde. Und selbst wenn Alles verloren scheint, Aufgabe und Umnutzung oder gar Abriss drohen, lohnen Prozesse, mit denen moderne Kirchen in ihrer (ursprünglichen) Gestalt wiederentdeckt werden können. Neue wie auch bisherige Nutzer haben sich manchen gefährdeten Raum wieder oder ganz neu angeeignet und ihn (zuweilen überraschend) „re-vitalisiert“.

So heißt es, geradezu Schätze zu heben – und Aktivitäten zu veranlassen und zu unterstützen: von Wahrnehmungs- und Aneignungsprozessen über Öffnungs- und Erschließungskonzepte bis zu vielfältigen Öffentlichkeitsprojekten für moderne Kirchen. Denn es gilt, bedeutende wie jetzt vielleicht noch unscheinbare Zeugnisse einer immer „historischer“ werdenden Zeit in eine gute, erhaltende wie bewahrende, allerdings auch genutzte Zukunft zu führen – bevor die Verluste unter ihnen immer größer werden.

Literatur

Ludwig, Matthias, „… viele kleine Kirchen“. Das Kapellenbauprogramm der 1960er Jahre in Schleswig-Holstein (Beiträge zur Denkmalpflege in Schleswig-Holstein 2), Kiel 2011.

Rudolph, Frank W., Evangelische Kirchen im Dekanat Gladenbach (Großer DKV-Kunstführer), Berlin/München 2010.

Zahner, Walter/Berkemann, Karin (Hg.), Schätze! Kirchen des 20. Jahrhunderts, Ausstellungskatalog, DG Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst, München, in Verbindung mit dem EKD-Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart an der Philipps-Universität Marburg und dem Deutschen Liturgischen Institut, Trier, Lautertal 2007.

Opatz, Wilhelm E. (Hg.), Einst gelobt und fast vergessen. Moderne Kirchen in Frankfurt a. M. 1948-1973, hg. vom Deutschen Werkbund Hessen, Sulgen (Schweiz) 2012.

Ludwig, Matthias, Denken oder Bauen? Zur Nutzungsentwicklung von Kirchengebäuden, in: Deutsche Stiftung Denkmalschutz / Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland (Hg.): Kirche leer – was dann? Neue Nutzungskonzepte für alte Kirchen. Tagungsdokumentation 2.-4. April 2009 Mühlhausen/Thüringen (Berichte zu Forschung und Praxis der Denkmalpflege in Deutschland 17), Petersberg 2011, S. 88-95.

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Herbst 15: Haus mit Turm

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INTERVIEW: Kirche und Denkmalpflege, Hannover

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PORTRÄT: Meine Kirchen

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INTERVIEW: Kirche und Denkmalpflege, Hannover

„Das braucht Offenheit und Vertrauen“

Vergessen Sie für die nächsten 5.000 Zeichen, was Sie über Hannover zu wissen glauben. Es steht der Verfasserin nicht zu, ein Urteil über die dortigen Menschen, Manager oder Fußballer zu fällen. Aber die Nachkriegskirchen von Hannover gehören zum Besten, was wir bundesweit zu bieten haben. Heute stehen sie (wie vielerorts) im Umbruch: Die Gesamtbevölkerung schrumpft, so auch die Zahl der Kirchenmitglieder. Daher wird auf allen Ebenen fusioniert, gespart – und der Bestand an Nachkriegskirchen überprüft. Eine von ihnen, die evangelische Corvinuskirche (Roderich Schröder, 1962) brachte es kürzlich zu überregionaler Bekanntheit. Darüber (und über vieles mehr) sprach moderneREGIONAL mit Rocco Curti, Leiter des Regionalreferats Hannover im Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, und Martin Krause, Leiter des Amts für Bau- und Kunstpflege Hannover der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

Herr Krause, Herr Curti, die Corvinuskirche ging in den letzten Monaten mehrfach durch die Presse. Worüber wurde gestritten?

Martin Krause: Strittig war für die Eigentümerin, die Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Ledeburg-Stöcken, wie sie beim notwendigen Gebäudemanagement mit der Corvinuskirche umgehen soll: Einige wollten den Standort aufgeben, andere wollten ihn erhalten – und letztere wandten sich an die Denkmalpflege.

Rocco Curti: In diesem Jahr hatte man gerade das Denkmalschutzgesetz geändert, seitdem können Gebäudeeigentümer gegen Feststellungsbescheide klagen. Die Corvinuskirche war für uns 2011 der erste Bau überhaupt, der nach der neuen Gesetzeslage als Kulturdenkmal ausgewiesen wurde.

MK: Und genau diese Denkmaleigenschaft war für die Landeskirche strittig.

Und der Streit ging vor Gericht weiter …

MK: Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers sah keine ausreichende Grundlage: Eine übergreifende Inventarisation der zahlreichen Nachkriegskirchen gab es noch nicht. Die Kirchengemeinde klagte gegen die Unterschutzstellung, das Verwaltungsgericht Hannover gab der Klage statt, das Landesamt legte Berufung ein und das Oberverwaltungsgericht Lüneburg bestätigte 2014 die Denkmaleigenschaft der Corvinuskirche.

RC: Dazwischen lagen fast drei Jahre, in denen wir von außen immer wieder gefragt wurden: Welche Nachkriegskirche ist denn jetzt Denkmal – und welche nicht? Daher haben wir uns intensiv um ein abgestimmtes Verfahren mit den kirchlichen Stellen bemüht.

Dann hatte die – juristisch begleitete – Auseinandersetzung letztlich etwas Gutes?

MK: Sie hat uns bewusst gemacht, dass wir für das Gebäudemanagement auch die Denkmaleigenschaften kennen müssen. Daher hat die Landeskirche – in Abstimmung mit dem Stadtkirchenverband und der Landeshauptstadt – das Landesamt gebeten, die Nachkriegskirchen in Hannover zu inventarisieren und hat ihre Unterstützung angeboten.

RC: Bis 2014 untersuchten wir mit einer Arbeitsgruppe aus Landesamt, Landeskirche, Landeshauptstadt und Stadtkirchenverband 38 evangelische Nachkriegskirchen, diskutierten die Denkmaleigenschaften – und stritten uns darüber auch schon mal im Detail.

MK: Diese Arbeitsweise braucht viel Offenheit und Vertrauen – auf beiden Seiten.

Herr Krause, seit Napoleon/Bismarck/Ebert haben wir in Deutschland grundsätzlich die Trennung von Kirche und Staat. Trifft das auch für die Denkmalpflege an kirchlichen Bauten zu?

MK: In Niedersachsen regelt der Loccumer Vertrag von 1955, dass die Landeskirche für die Denkmalpflege an ihren Kulturdenkmalen selbst zuständig ist. Die Landeskirche hat das „Benehmen“ mit der staatlichen Denkmalpflege herzustellen.

Herr Curti, mit welcher „Brille“ schauen Sie als staatlicher Denkmalpflege auf eine Kirche?

RC: Grundsätzlich mit derselben Brille, mit der ich als Denkmalpfleger einen Hochbunker oder ein Hochhaus betrachte. Und doch habe ich gerade bei unseren Kirchenbesichtigungen viel Neues gelernt. So konnte z. B. der Stadtkirchenverband zu jedem Gottesdienstraum auch die Gemeindegeschichte einbringen. Am Ende mussten wir bewerten: Was bedeutet dieser konkrete Raum für „den“ evangelischen Kirchbau in Hannover? Zusammen erzählen die 11 Bauten, die wir dann tatsächlich unter Schutz gestellt haben, wieder eine eigene Geschichte: von der Notkirche über die moderne Ergänzung einer älteren Kirche bis zum Gemeindezentrum.

Wissen wir denn schon genug über unseren modernen (kirchlichen) Baubestand?

RC: Schon 2013 haben sich die Denkmalbehörden mit dem Bistum Hildesheim die katholischen Nachkriegskirchen in Wolfsburg angesehen. Für Hannover kennen wir jetzt den Bestand der Landeskirche. Was uns hier immer noch fehlt, sind die Kirchenräume der katholischen Gemeinden, der kirchlichen Stiftungen, Orden, Schulen, Krankenhäuser, Kindergärten …

MK: Nach Hannover werden aktuell die evangelischen Nachkriegskirchen in Osnabrück untersucht, weitere Regionen sollen folgen. Auch wenn eine Gebäudedatenbank in der Landeskirche weiterhin fehlt, wissen wir hier viel über die jüngeren Gebäude. Es bleibt aber Aufgabe des Landesamts, zu inventarisieren und die Denkmaleigenschaft zu beurteilen. Dafür bieten wir weiterhin gerne unsere Unterstützung an.

Nach all dem Ortsterminen und Gesprächen, als 2014 ihre gemeinsame Kirchenauswahl in Hannover positiv durch alle Gremien war: Wie haben Sie das in der Arbeitsgruppe gefeiert?

RC: Es gab Kaffee (lacht) – und natürlich einen Pressetermin. Schön wäre es sicher, wir könnten das Ergebnis unserer Inventarisation noch publizieren. Und unsere gemeinsame Arbeit für den Erhalt dieser Kirchen geht ja gerade erst los.

Zu den Personen

(R. Curti (links) und M. Krause (rechts), Fotos: Lars Landmann/Netzwerk Baukultur in Niedersachsen)

Rocco Curti, Dipl.-Ing. (FH) Architektur, M. A. Denkmalpflege, Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege. Schreinerlehre und anschließendes Architekturstudium in München. 2003 freie Mitarbeit in Architekturbüros. Studium in Bamberg. 2006 Abschluss im Masterstudiengang Denkmalpflege. 2006-08 wiss. Volontär, ab 2008 Gebietsreferent im Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Ab 2011 Gebietsreferent im Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, seit 2014 Leiter des Regionalreferats Hannover. Sprecher des Arbeitskreises AK 1960+ im Netzwerk Baukultur Niedersachsen.

Martin Krause, Dipl.-Ing. Architekt, Leiter des Amts für Bau- und Kunstpflege Hannover der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Die Landeskirche unterhält fünf regionale Bauämter, die Kirchengemeinden und -kreise in Fragen der Bau-, Kunst- und Denkmalpflege beraten und regelmäßig Baubegehungen durchführen. Zur Betreuung von Baumaßnahmen erbringen die Bauämter die erforderlichen Architektenleistungen. Bei kirchenaufsichtlichen Genehmigungsverfahren sind baufachliche bzw. denkmalpflegerische Stellungnahmen abzugeben. Die Bauämter beraten die Kirchengemeinden bei der Abfassung von Architekten- und Ingenieurverträgen.

Das Gespräch führte Karin Berkemann (15/4).

Literatur

Zukunft Baukultur 1960 +. 12. Forum des Netzwerk Baukultur in Niedersachsen (netzwerkDOKUMENTATATION 8), Hannover, Historisches Museum, 14. April 2015, hg. vom Netzwerk Baukultur in Niedersachsen, Hannover 2015.

Grosse, Heinrich u. a. (Hg.), Kirche in bewegten Zeiten. Proteste, Reformen und Konflikte in der hannoverschen Landeskirche nach 1968, Hannover 2011.

Puschmann, Wolfgang (Hg.), Hannovers Kirchen. 140 Kirchen in Stadt und Umland, Hannover 2005.

Kirchliches Bauen in der Ev.-lutherischen Landeskirche Hannovers, gestaltet vom Landeskirchlichen Amt für Bau- und Kunstpflege Hannover, hg. vom Landeskirchenamt anlässlich der 13. Tagung für evangelischen Kirchenbau vom 3. bis 8. Juni in Hannover, Hannover 1966.

Titelmotiv: Hannover-Stöcken, Corvinuskirche, Entwurf des Kirchenbaus, Roderich Schröder, 1960 (Bild: Roderich Schröder (Archiv Roderich Schröder), FAL)

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INTERVIEW: Kirche und Denkmalpflege, Hannover

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PORTRÄT: Meine Kirchen

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Karin Berkemann über ihre erste „sakrale“ Liebe – und was danach kam.

PORTRÄT: Meine Kirchen

von Karin Berkemann (15/4)

Meine erste Kirche war unendlich groß, hatte warme Fenster und einen kalten Fußboden. Als Kindergottesdienstanfänger sollten wir nicht immer nur im Gemeindehaus singen und Collagen kleben. Wir sollten auch die „richtige“ Kirche kennenlernen. Zu Beginn erzählte der Alt-Pfarrer (dass es mein Großvater war, machte es nicht unbedingt besser) etwas zur Baugeschichte. Dann wurden wir (nicht von meinem Großvater) ermutigt, laut schreiend über die Bänke zu steigen. Um uns die „heilige Scheu“ auszutreiben. Hat funktioniert.

Unterm Zirkuszelt

Der Sobernheimer Matthiaskirche brachten mein Großvater und Georg Meistermann (nicht ganz in dieser Reihenfolge) bis 1966 die Moderne bei (Bild: Karin Berkemann)

In dieser, meiner ersten Kirche (der Matthiaskirche in Sobernheim) war mir vieles fremd: Märchenhaft schienen verblasste Blumen und Köpfe in den Gewölben auf (Wandmalereien der Spätgotik). Ein wenig unheimlich setzte der vergoldete Ritter seine Füße schwer auf zwei Hunde (ein Grabdenkmal der Spätgotik). Und furchteinflößend litt der Gekreuzigte über dem Altar schwebend vor sich hin (eine Skulptur der Nachkriegsmoderne).

Doch waren da auch die vertrauten Dinge: Die schweren Holzstühle mit der geflochtenen Sitzfläche standen ähnlich um den heimischen Esstisch (dieselbe Möbelfabrik, ein Tipp meines Großvaters, der unsere mittelalterliche Kirche bis 1966 hatte komplett umgestalten lassen). Und die Kirchenfenster sahen aus wie das große Bild in unserem Wohnzimmer, das mit dem bunten Zelt (einer der seltenen kolorierten Fensterentwürfe von Georg Meistermann). Was Gott mit einem Zirkus zu tun hatte, blieb mir bei aller Bibelfestigkeit lange ein Rätsel (fast enttäuschend, dass es dann nur das „Zelt des Abraham“ meinte).

Kirche aus dem Koffer

Alle Hamburger müssen jetzt ganz tapfer sein: Betrachtet man den Wiederauf-/Betonanteil, ist auch der (neu)barocke Michel eigentlich eine Nachkriegskirche – aber eine äußerst fotogene (Bild: K. Berkemann)

In den folgenden Wanderjahren hatten die Kirchen der wechselnden Wohn- und Studienorte kaum eine Chance, zur Heimat zu werden. Umso besser passte die hölzerne Kapelle in Bethel zum Lebensgefühl meiner ersten Semester. Die – so erzählte man sich – schweizerische Militärbaracke war über Umwege neben unserem Studentenwohnheim zu stehen gekommen. Ihre bestechende Vorläufigkeit bot den ersehnten Freiraum, den wir für experimentelle Andachten freudig mit Teelichtern und Batiktüchern füllten.

Die ersten (frei-)beruflichen Stationen brachten verschiedenste „Nebenwohnsitze“ – einer der schönsten lag in Hamburg. Auf vielen Streifzügen lehrte mich die Freie und Hansestadt, wie elegant moderner Kirchenbau sein kann. Mit einem Wermutstropfen, denn es waren die ersten Jahre der Fusionen, Aufgaben und Abrisse. Hinter mancher schönen Kirchentür („Was wollen Sie denn in meiner Kirche?“ „Beten?“) wartete ein schwermütiger, gar gebrochener Pastor, der sich bald ohne Kirche/Frau/Würde zurückbleiben sah.

Sone und solche Türme

Als das Kirchenanschauen/-bewerten zu meinem Beruf geworden war, galt ein Inventarisationsauftrag dem Mainmetropölchen. In der Schule hatte man uns noch vor den Frankfurtern gewarnt („Messerstecher“ war einer der freundlicheren Titel). Der bezahlte Blick in die Nachkriegskirchen jedoch führte mich zu äußerst liebenswerten südamerikanischen Marienorden, geistbewegten Eingeschworenen und bildungsbürgerlichen Vereinschristen. Viele von ihnen hatten sich in Frankfurt nach 1945 eine neue geistliche Heimat gebaut.

Die Frankfurter Matthäuskirche (noch) vor der Skyline (Bild: Melkom, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Und mit jedem dieser Kirchenräume wurde die Stadt auch zu meinem Lebensmittelpunkt. Zu einer Heimat, die sich stetig veränderte. Kaum drehte ich einer Straße den Rücken zu, war an die Stelle des Kirchturms ein Hochhaus getreten. In der Stadt der Händler und Banker wurde auch ein Kirchengrundstück schnell zum Spekulationsobjekt. Wem gehörte die Stadt, wem gehörten die Kirchen? Heute ertappe ich mich öfter dabei, in der nächtlich erleuchteten Skyline gar nicht erst nach Kirchtürmen zu suchen. Schont die Nerven.

Sakralretro?

Über meine nächste Kirche zu spekulieren, wäre müßig. Verkleinert sich doch die Auswahl durch Gebäudemanagement- und Wärmedämmkampagnen. So manche Kirchentür öffnet sich für „Fremde“ nur noch zögerlich. Selbst amtlich „offene“ Kirchen registrieren sehr genau, wer hier wann wie andächtig wird. Vielleicht hilft ein autobiographischer Retroanfall? Ich treibe die letzten Reste „heiliger Scheu“ aus meinen älter werdenden Knochen und steige schreiend über die nächstbesten Kirchenbänke? Natürlich nur in meiner Freizeit.

Rundgang

Sobernheim – Hamburg – Frankfurt (in einer völlig subjektiven Auswahl).

Literatur

Berkemann, Karin, Nachkriegskirchen in Frankfurt am Main (1945-76) (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland; Kulturdenkmäler in Hessen), Stuttgart 2013 [zugl. Diss., Neuendettelsau, 2012].

Berkemann, Karin (Bearb.), „Baukunst von morgen!“ Hamburgs Kirchen der Nachkriegszeit, Ausstellungskatalog , Denkmalschutzamt Hamburg und Freie Akademie der Künste Hamburg, 6. September – 7. Oktober 2007, Freie Akademie der Künste Hamburg, hg. von der Kulturbehörde/Denkmalschutzamt Hamburg, München/Hamburg 2007.

Stribrny, Wolfgang (Bearb.), 1000 Jahre Matthiaskirche zu Sobernheim. 1000 Jahre christlicher Glaube an der mittleren Nahe, hg. von der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Sobernheim, Bad Sobernheim 2002.

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Matthias Ludwig über seine Beratungsarbeit mit Gemeinden und ihren modernen Kirchenräumen.

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PORTRÄT: Meine Kirchen

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