Kantine oder Küchentisch?

von Christos-N. Vittoratos (17/3)

Wer jeden Tag lange arbeitet und dafür einen langen Anfahrtsweg zurücklegt, der muss auch an seinem Arbeitsplatz essen. Mit der Industrialisierung, spätestens mit den Fabriken vor den Toren der Stadt, war der Gang nach Hause mittags weder möglich noch erwünscht. In den Betrieben entstanden daher bereits im Historismus häufig Speisesäle und Kantinen, in denen menschliche Bedürfnisse rein funktional bedient wurden. An Technik setzte man vor allem große Kochkessel mit bis zu 500 Litern Fassungsvermögen ein. Ab den 1930er Jahren kamen große Kippbratpfannen für eine Füllmenge von bis zu 200 Litern hinzu. In beiden Fällen wurden die Speisenden in Serie abgefertigt: An langen Tischreihen, auf Stühlen oder Bänken, gab es für alle das gleiche Essen.

„Ohne Wasser und Fett“

Für solch einen größeren Kantinenbetrieb brauchte es einen leistungsfähigen Ofen. Dieser musste verschieden bestückte Bleche aufnehmen und das Essen bei Bedarf warm halten. An erster Stelle ist ein 1912 in Frankfurt gefertigter Ofen von Lampert zu nennen. Sein Name „Sanogres“ geht auf die Wendung „sans eau & gres“ (ohne Wasser und Fett) zurück. Als eine Art Heißluftofen, der mit Gas, Petroleum, Holzkohle oder Strom befeuert werden konnte, gleicht sein Prinzip dem eines Heißluftsterilisators. Es folgten die Heißluft- und Dampföfen der mittelhessischen Firma Burger. Um das Blech vom Ofen in die Speisenausgabe weiterreichen zu können, gab es ab 1965 in der Schweiz genormte Gastronomie-Behälter, die heute weltweit Standard sind. Wie in der Kantine sollten feste Lebensmittel-Verpackungsgrößen aus den Supermärkten und „praktische“ Plastikboxen aus den Küchenabteilungen der Möbelhäuser nun auch zu Hause vor allem Zeit sparen.

Als das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ 2012 sein neues Haus bezog, wurde das bisherige Redaktionsgebäude aufgegeben: Dieses hatte rund 40 Jahre zuvor kein Geringerer als der Architekt und Designer Verner Panton ausgestattet. Vom einstigen Gesamtkunstwerk blieben nur Kantine und Bar übrig. Nicht nur in Hamburg hatte sich der funktionale Speisesaal zum Aufenthaltsraum mit Freizeitqualitäten gemausert. Anders als in Firmenfoyers scheint hier die Kontinuität wichtiger als die Mode. Mitunter reicht diese Identitätsstiftung tief, so heißt die Kantine bei Ferrari „Il Podio“ (Siegerpodest) und bei Adidas „Stripes“. Auch im Privaten steht die Einbauküche eher für Dauerhaftigkeit als für Neuerung – bis der Verschleiß ihr ein Ende setzt. Anders lässt sich kaum erklären, weshalb viele „Frankfurter Küchen“ trotz ihrer sparsamen Materialien zig Moden und technologische Entwicklungen überstanden und zum Ruhm dieser ersten aller Einbauküchen beigetragen haben.

Vom Holz zum Edelstahl

Küchenmöbel fertigte man einst aus Kiefer- und Fichtenholz, das billig und leicht zu verarbeiten ist. In der Moderne wurde es abgelöst durch noch kostengünstigere Materialien wie Spanplatten und MDF. Dass diese wasser- und dampfempfindlich waren, minderte man durch aufgesetzte Fliesen und Bleche, später mit Laminierungen oder Melamindekoren. Bei Arbeitsplatten findet sich selten auch Kupfer. Relativ früh setzte sich Metall bei Küchenwerkzeugen durch, mit der Industrialisierung folgten Behälter aus Aluminium und emailliertem Blech. Die Küchenfirma Haarer wählte Aluguss, Stahl- und Aluminiumbleche sowie verchromte Möbel-Scharniere. Krupp meldete 1912 zwei Patente für rostfreie Stähle an. Von der neuen Legierung erhoffte man – angesichts des sich abzeichnenden Weltkriegs, aber wohl auch als späteres Konsumprodukt – gute Geschäfte. Neben V2A und V4A wurden gefälligere Markennamen angedacht wie Edelstahl und Nirosta. Nicht zuletzt kriegsbedingt sollten dann doch über 10 Jahre vergehen, bis dieses Material in die Küche einzog.

Für die Frankfurter Küche musste man (bis auf eine kleine Versuchsserie) aus organisatorischen und finanziellen Gründen auf den neuen Werkstoff verzichten, sollten doch in der Fertigung vornehmlich Arbeitslose und keine qualifizierten Schlosser oder Blechner beschäftigt werden. Erst als die Abtropfablagen aus Eichenholz vergammelten, wurde sie 1927 (wie bereits die Spüle) durch nichtrostendes Metall ersetzt. Allerdings fiel die Wahl auf die weiche und leicht zu verarbeitenden Legierung Nickelin, die eigentlich für elektrische Kontakte gedacht war. Da man weder über ausreichend große Bleche noch über eine geeignete Abkantbank verfügte, verlötete man kleine Stücke. Später musste der hölzerne Unterbau von den Nutzern rasch gegen Keramik ausgetauscht werden. Erst die Sellküche der Nachkriegszeit griff erneut zum Edelstahl und kombinierte ihn mit lackierten Stahlflächen, konnte sich damit jedoch nicht gegen die ungleich günstigeren Holzwerkstoffe durchsetzen. Über Jahrzehnte blieb Edelstahl daher auf Profiküchen beschränkt, wo er aus Kostengründen immer sparsamer eingesetzt wird. Denn er verschleißt Fertigungsmaschinen und Werkzeuge oder kann damit teils gar nicht verarbeitet werden.

Der „neue Porsche“?

Die Funktionsorientierung der Küche machte sie auch zum Schauplatz der Technisierung. Eines der ersten AEG-Haushaltsgeräte war in den 1910er Jahren (also jene Zeit, in der Peter Behrens das Corporate Design betreute) ein „Haushaltsmotor“. Dieses technisierte Produkt blieb in der damaligen Frauendomäne Küche ein Fremdkörper. Nach einigen erfolglosen Anläufen nahm AEG den „Haushaltsmotor“ daher in den 1950ern aus dem Sortiment und setzte wieder auf die konventionelle Palette von Küchenmaschinen, Mixern usw. Sie füllten puppenstubenartig die zahllosen Schränke der Einbauküchen und erleichterten dem Ehemann die Geschenkesuche. Auch das jüngere designorientierte Unternehmen Braun spielte mit gut gestalteten Produkten mit, statt dieses Muster ernsthaft zu hinterfragen. Der Markt war in den 1990er Jahren mit Joghurtmaschine und Getreidemühle gesättigt. Doch nun besann man sich nicht auf den Herd, das traditionelle Zentrum der Essenszubereitung, sondern auf den neueren Kühlschrank. Er geriet zum Ernährungstresor für fertig zubereitete Salate, Smoothies und Tiefkühlgerichte.

Rund 90 Jahre nach dem Wandel der Wohn- zur Einbauküche ändert sich mit den Rollenbildern auch das Küchendesign. Die „Küche als neuer Porsche“ blieb ein Traum der Hersteller. Wenn das Leben heute draußen stattfindet, wenn man mit Freunden im Restaurant sitzt, dann ist die Küche auch kein repräsentativer, kein modischer Ort mehr – sie ist und bleibt aber ein „Foyer des Geschmacks“, der Start- und Zielpunkt eines jeden Tages.

Zum Weiterkochen

Darmstädter Gurkensalat nach Christos-N. Vittoratos: Gurken, schälen und reiben. Das überflüssige Wasser abschöpfen, 400 Gramm Sahne, Pfeffer, Salz und Dillspitzen hinzugeben. Umrühren und den Saft abschöpfen. 30 Minuten ziehen lassen, dann ist der Salat verzehrfertig. Wer es gurkiger/frischer mag, kann noch eine weitere Gurke hinzugeben.

Titelmotiv: Hamburg, Spiegelkantine (vor ihrem Umzug) (Bild: Gregor Julien Straube, CC BY SA 3.0)

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Sommer 17: Mettigel

Brutalistisch kochen?

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LEITARTIKEL: Jürgen Dollase über gut konstruiertes Essen.

Kantine oder Küchentisch?

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FACHBEITRAG: Christos Vittoratos zur Geschichte des Kochens.

Hajeks Mensa in Saarbrücken

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FACHBEITRAG: Chris Gerbing über viel farbenfrohen Beton.

Brücken-Raststätte "Dammer Berge"

Brücken-Raststätte „Dammer Berge“

FACHBEITRAG: Daniel Bartetzko über 104 Meter Urlaub.

Auf ein Milcheis mit Mark Escherich

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INTERVIEW: der Ostmodernist vor dem Erfurter Rundpavillon.

Café "Heimat"

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PORTRÄT: Stefan Timpe über ein wiedererstandenes Szene-Restaurant.

Kochen wie einst im Osten

Kochen wie einst im Osten

FOTOSTRECKE: wie Kochbücher 1968 den Ostblock sahen.

Portugal, Hotel Arribas

von Christina Gräwe (18/1)

Frühjahr 1988. Ein Kino in Buenos Aires. Es läuft Wim Wenders „Der Stand der Dinge“. Der Film ist damals erst sechs Jahre alt, also noch relativ frisch. Der architektonische Hauptdarsteller, ein Hotel, in und um den herum die Handlung überwiegend spielt, war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten zwar erst 20 Jahre alt, aber bereits deutlich vorgealtert.

Der Filmort


Wir befinden uns am westlichsten Zipfel Europas, rund 40 Kilometer von Lissabon entfernt. Das Hotel steht exponiert am sichelmondförmigen Ende des Praia Grande; die Anlage folgt dem Schwung des Küstenstreifens. Die gewaltigen Atlantikwellen, befeuert durch Stürme, hatten heftig auf das Haus eingewirkt, die Schutzmauer zwischen dem riesigen Pool und dem offenen Meer war stellenweise eingestürzt, als die Dreharbeiten 1981 begannen. Später im Film wirkt das Hotel, als sei es bereits aufgegeben (vielleicht war es das vorübergehend auch tatsächlich). Eine Atmosphäre wie gerufen für den düsteren Science Fiction, den Wim Wenders hier als Film im Film inszeniert hat. Anfangs wandeln vermummte Gestalten in Schutzanzügen durch eine mondlandschaftsähnliche Gegend. Sie entpuppen sich als Schauspielcrew, die zusammen mit dem Regisseur, dem Drehbuchschreiber und dem von Sam Fuller dargestellten Kameramann Quartier in dem Hotel bezogen hat.

Der eigentliche Film erzählt von Stagnation, schleichend verstreichender Zeit und mal mehr, mal weniger offensichtlichen Zermürbungsprozessen innerhalb des Teams. Denn das Geld und das Material sind erschöpft, der Produzent lässt das Team mit beidem hängen, die Dreharbeiten werden unterbrochen. Mit seinem untrüglichen Sinn für das passende Ambiente, hat Wenders mit einer Perle der Nachkriegsmoderne den idealen Ort für seine Geschichte des Wartens gefunden. Dass der Film in Schwarz-Weiß gedreht ist, trägt zu der lähmenden Atmosphäre bei und passt ganz wunderbar zu der – trotz des Verfalls – eleganten 60er Jahre-Architektur des Hotels. Mit etwas Fantasie kann man sich auch mondänere Zeiten hier noch vorstellen.

Fast 30 Jahre später

Beinahe 30 Jahre später, ein zweites Mal „Der Stand der Dinge“. Dieses Mal im Heimkino und als Vorbereitung für eine längst fällige Pilgerfahrt an die portugiesische Atlantikküste. Denn manche Bilder haben sich im Kopf auch über den langen Zeitraum hinweg erstaunlich zuverlässig gehalten und möchten dringend mit der heutigen Realität abgeglichen werden.

Der Realitätsort

Dem touristengefluteten Weltkulturerbe Sintra (einer Kleinstadt ganz in der Nähe) entkommen, stellt sich ein eigentümlicher Effekt ein. Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein, und dennoch ist alles anders. Das Hotel sitzt immer noch ganz selbstverständlich an seinem Platz, als sei es aus dem Boden herausgewachsen. Der gewaltige Pool: noch vorhanden. Aber das Ensemble hat inzwischen eine Frischzellenkur erfahren, die noch nicht lange her sein kann, sonst hätte der Atlantik bereits wieder mehr Nagespuren hinterlassen. Der Bau bröselt nicht mehr vor sich hin, er ist hellgrau verputzt, strahlt im intensiven Sonnenlicht sogar fast weiß.

Das Schwimmbad ist kein vermooster Krater mehr, sondern mit Meerwasser gefüllt, das roh betonierte Becken ist blitzeblau gestrichen und wird von roten Sonnenschirmen mit Werbeaufdrucken gesäumt. Die Trennmauer zum offenen Meer steht wieder aufrecht, was die dicken Brecher nicht abhält, den Pool hin und wieder mit Nachschub zu versorgen. Das Schwimmen ist der pure Luxus: 100 Meter fast exklusiv, denn der Sommer mit seiner Hitze ist vorbei und das Wasser eiskalt. Es ist Nachsaison, der Publikumsverkehr rund das Schwimmbad übersichtlich. (Die Poolnutzung ist übrigens nicht nur Hotelgästen vorbehalten, aber kein ganz günstiger Spaß.) Der Großteil der späten Gäste findet sich auf der schmalen Restaurantterrasse, die wie auch alle schottenartig abgetrennten Zimmerbalkone selbstverständlich auf das Meer zeigt.

Außen: schwungvoll

Im Vergleich mit der kleinteiligeren Bebauung der Umgebung, ein paar verstreuten Ferienvillen und Restaurants, vollzieht das Hotel einen großen Maßstabssprung. Aber es trumpft nicht auf. Der Schwung des Baus nimmt etwas von der Masse, die Proportionen stimmen. Die Gliederung in einen mittigen Glaskörper mit dem Foyer, rechts und links symmetrischen Zimmerflügeln sowie einem Gebäudekopf, der an Schiffsarchitektur erinnert, ist klar ablesbar und auf Anhieb verständlich. Zur Straße zeigt das Haus nur die drei oberen Stockwerke, zum Meer zwei weitere einschließlich der Sanitäranlagen für das Schwimmbad. Vor- und Rücksprünge der einzelnen Etagen verschaffen dem langen Riegel zusätzlich Bewegung; die mittlere öffentliche Ebene mit dem Restaurant ragt weiter hervor, als die beiden obersten Etagen mit den Zimmern.

Innen: das Meer als Hauptdarsteller

Die Aussicht durch die raumhohen Fenster direkt auf den Atlantik dominiert den ersten Eindruck; die meisten Gäste laufen zunächst wie angesogen von den Panoramafenstern an dem zurückhaltenden Empfangstresen vorbei. Das Foyer ist keine zugige Halle, in der man sich verliert, keine Plüsch- und Deko-Orgie, sondern großzügig und mit schlicht-eleganten Sitzgruppen möbliert, die gut zu der Zeitlosigkeit des Hauses passen. Die – gemessen an der Ausstattung fair bepreisten – Zimmer sind in Pastelltönen gestrichen. Es scheint: Je höher die Kategorie, desto klarer die Formen des Mobiliars, keine echten Klassiker, aber nahe dran. Hier und da hat sich dann allerdings doch ein verspieltes Schränkchen eingeschmuggelt. Der Trumpf in allen Zimmern ist ohnehin auch hier der direkte Bezug zum Meer.

Film-Reminiszenz

Die heutigen Betreiber des Hotels kennen das Filmkapitel der Geschichte ihres Hauses. Man muss nicht lange suchen und entdeckt im Innenraum des Restaurants (das heute kaum noch mit den entsprechenden Erinnerungsbildern aus dem Film zusammenpasst) eine Fotowand mit Standbildern und Aufnahmen der Dreharbeiten. Ob Wim Wenders 1994, als er mit „Lisbon Story“ eine Art lose Folge von „Der Stand der Dinge“ drehte, das Hotel Arribas wieder aufgesucht hat, verrät diese Wand nicht. Aber das Kneipenschild der „Texas Bar“, in die sich Sam Fuller als Kameramann Joe Corby nach Lissabon flüchtet, hängt noch am Eingang der Bar. Leider ist dieser inzwischen verrammelt.

Titelmotiv: Portugal, Hotel Arribas (Bild: Thomas Spier, apollovision.de)

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Winter 18: Im Hotel

Portugal, Hotel Arribas

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Chrstina Gräwe an einem ikonischen Wim-Wenders-Drehort.

Erfurt, Gästehaus

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Dina Dorothea Falbe besucht das „Rote Kloster“.

Costa Brava, Hotel Parador de Aiguablava

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Uta Winterhager sieht Stil bis ins Detail.

Marl, Hotel "Marschall 66"

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Heiko Haberle über 100 Stunden im „Brutalismus-Hotel“.

Pjönjang, Ryugyŏng-Hotel

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C. Julius Reinsberg über zeichenhafte Unvollendetheit.

Wien, Hotel Daniel

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Daniel Bartetzko wählt das Hotel seines Namens.

Jerusalem, Beit Belgiyah

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Karin Berkemann in einem modernen Rundtempel.

Erfurt, Gästehaus

von Dina Dorothea Falbe (18/1)

Als ich die alte Parteischule in Erfurt zum ersten Mal besuchte, fühlte ich mich wie in meine Kindheit zurückversetzt. Langsam stieg ich die flachen, breiten Stufen hinab, gepflastert mit zerbrochenen kleinen Betonplatten, die zum Teil von hellem Gras überwuchert sind. Ich ging vorbei an Becken, die einmal mit Wasser gefüllt waren, auf das schwebende Volumen mit den blauen Kacheln zu. Darunter  die gläserne Eingangsfront mit schlanken Aluminiumprofilen, links eine Gartenmauer aus Betonformsteinen. Rechts überragt eine Kiefer das flache Verbindungsgebäude, an dessen Ende sich das Internatshochhaus befindet – ein klassischer „Plattenbau“ mit abblätterndem weißen Anstrich. Dort kann man übernachten.

Magische Kindheit

Auf Facebook schreibt jemand eine Bewertung zur Alten Parteischule: „Perfekt – Der morbide Charme des Verfalls!“ Diese Beschreibung hätte ich selbst nicht gewählt, muss mir aber eingestehen, dass sie irgendwie zu den Kindheitserfahrungen passt, die ich in einem kleinen Ort an der Ostsee machte, nachdem meine Eltern mit mir aus der westdeutschen Großstadt dort hingezogen waren. Über den zumeist unbefestigten Straßen wehten an heißen Sommertagen Sandwolken, durch die ich barfuß und mit dem Handtuch über der Schulter zum Strand ging, vorbei an bunt angestrichenen Metallzäunen und den zerbrochenen und von hellem Gras überwachsenen Betonplatten, die damals in dem Dorf Gehwege markierten und vor der Erfurter Parteischule noch heute zu finden sind. Der Zauber verlassener Häuser zog uns Kinder in seinen Bann, es war ein bisschen unheimlich sie zu erkunden, vermittelte aber ein starkes Gefühl von Freiheit. Ich verstand damals nicht, warum manche Mitschüler in den verlassenen Bungalowsiedlungen Möbel kaputt schlugen. Die waren doch alle noch gut erhalten.

Im Unterschied zu den erwähnten Bungalows überstand die Parteischule in Erfurt die Wendezeit unzerstört, und ist auch in der Folge weder abgerissen, noch kaputtsaniert worden. Trotz des „morbiden Charmes“ ist die bemerkenswert gut erhaltene Substanz aus den 1970er Jahren bis heute weitgehend nutzbar und in Gebrauch. Um die Instandhaltung kümmert sich der Hausmeister Manfred Rommeiß seit den 1980er Jahren. Er hat Parteischüler gekannt, die mit ihrem Aufenthalt im „Roten Kloster“ ihre Karriere voranbringen wollten und Zusammenkünfte der Mächtigen belauscht, die noch kurz vor dem Zusammenbruch an „ihre Fatamorgana geglaubt“ hätten, wie Rommeiß sich ausdrückt. Der Hausmeister legte ein umfangreiches Ersatzteillager an. So gelang es ihm über Jahrzehnte, den funktionstüchtigen Originalzustand des Gebäudekomplexes am Erfurter Stadtrand zu erhalten.

Das „Rote Kloster“

Zunächst war die ehemalige Bezirksparteischule der SED an das Thüringer Bildungsministerium übergegangen, in den Nuller Jahren wurde ein Käufer gesucht. Ein Shoppingcenter wäre vermutlich an diesem Standort profitabler gewesen, doch 2008 erhielt die Parteischule Denkmalstatus. Tatsächlich fand sich ein privater Käufer, der die Parteischule erhalten und pragmatisch weiternutzen wollte. Die repräsentative, blau verkleidete Kiste – als Stahlskelettbau hebt sie sich auch konstruktiv vom eher standardisierten Rest ab – enthält ein reich verziertes Foyer und das große, geschichtsträchtige Auditorium, in dem einst der Kosmonaut Sigmund Jähn zu den Parteischülern gesprochen hat. An Jähns Stelle stehen heute Politikprofessoren auf der Bühne, oder Referenten verschiedener Tagungen, wenn die Parteischule nicht gerade als Kulisse für einen DDR-Film dient. Das ehemalige Internatshochhaus ist heute Gästehaus, die Großküche ist vermietet und im ehemaligen Speisesaal finden Rockkonzerte statt. Die vielseitigen Umnutzungen erlauben eine Umdeutung, eine Ent-Ideologisierung des Gebäudekomplexes, der ursprünglich der Machtsicherung der SED diente. Das ehemalige „Rote Kloster“, indem sich die SED-Elite abschottete, ist heute frei zugänglich und für jeden nutzbar.

Warum hier übernachten?

Warum sollte ich aber nun in dem Gästehaus eine Nacht verbringen? In dem schmalen Bett versinke ich sofort, wenn ich versuche, mich darauf zu platzieren. Ich denke zurück an das Kinderzimmer meiner Grundschulfreundin, in dem ein solches Bett stand. Ich fand es schon damals unbequem. Trotzdem habe ich die Abende mit ihrer Familie genossen. Es gab selbst geerntete Kirschen und die Nachbarn kamen oft vorbei.

Der Aufenthalt in der Alten Parteischule ist in mehrerlei Hinsicht authentisch. Wenn ich jemanden nach irgendetwas frage, bekomme ich zunächst eine unfreundliche Antwort, freue mich dann aber umso mehr, wenn ich meinem Gegenüber dann durch Freundlichkeit und Verständnis einen Gefallen abringen konnte. Als Kind hatte ich große Angst vor solchen Begegnungen, weil ich die Menschen um mich herum oft nicht verstand. Eine ähnliche Unsicherheit spüre ich auch jetzt noch, vielleicht wird eine vergessen geglaubte Erinnerung wach. Die jahrzehntealten Materialien können ihr Alter nicht mehr verbergen, doch in meinen Augen sind sie so perfekt, wie nur etwas sein kann, mit dem man die vielleicht schönste Zeit seines Lebens verbindet.

Widersprüchlichkeiten

Die goldene Heizkörperverkleidung, die vielen kleinen Lampen in der Decke des Foyers und viele weitere Details lassen die Parteischule opulent wirken im Vergleich zu den Gebäuden meiner Kindheit. Doch diese Oppulenz ist nur aufgesetzt, wie die Bemalung am Internatsgebäude, vom Denkmalpfleger Mark Escherich als „Nobilitierungsversuche“ bezeichnet, die der „Standardplatte“ den Schein des Besonderen geben sollten. Mit dem System der Parteischulen wollte sich die SED die ideologische Vormachtstellung in der DDR-Gesellschaft sichern. Das Parteischulgebäude scheint dies als gescheiterten Versuch zu entlarven, spätestens dann, wenn die Zeit die dünne Goldfarbe abwäscht. Ein bisschen unheimlich wird mir dennoch, wenn ich durch die Räume streife und über die Intentionen der Planer sinniere. Ging die unheimliche Stimmung in meiner Kindheit von den verlassenen Häusern aus, oder von einer sozialen Umgebung, in der gesellschaftliche Machtstrukturen plötzlich auch im Alltag neu verhandelt werden mussten?

Ich bin allen Akteuren, die zur Erhaltung der Parteischule bis heute beigetragen haben, dankbar für das nostalgische Erlebnis, dass das Gebäude mir persönlich bietet. Noch dankbarer bin ich dafür, dass die Parteischule auch vielen anderen Mitgliedern dieser, unserer Gesellschaft, mit anderen Erfahrungshintergründen die Möglichkeit bietet, über die Prozesse des Umbruchs emotional, aber auch rational zu reflektieren. Die Parteischule dient als Denkmal für etwas, das war, als Mahnmal für etwas, das nie wieder sein soll, aber auch als Symbol dafür, dass eine gemeinsame Zukunft möglich ist, in die wir unsere Vergangenheit und unsere persönlichen Geschichten ganz selbstverständlich mitnehmen, so widersprüchlich diese rückblickend auch sein mögen.

Zum Weiterlesen

Falbe, Dina Dorothea Falbe und Christopher (Hg.), Architekturen des Gebrauchs. Die Moderne beider deutscher Staaten 1960-1979, Verlag Mbooks, Weimar September 2017, 236 Seiten, Hardcover.

Erfurt, Alte Parteischule (Bild: Christopher Falbe)

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Winter 18: Im Hotel

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Erfurt, Gästehaus

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Costa Brava, Hotel Parador de Aiguablava

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Pjönjang, Ryugyŏng-Hotel

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Wien, Hotel Daniel

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Jerusalem, Beit Belgiyah

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