PORTRÄT: Gute Bausünden

von Turit Fröbe (16/1)

Originelle, gut gemachte Bausünden, die von Ambitioniertheit, Mut und Fantasie zeugen, sind leider viel seltener, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Die große Mehrheit der Bausünden ist austauschbar, langweilig und macht aus unseren Städten Einheitsbrei. Diese „schlechten Bausünden“ werden in der Regel übersehen, weil sie als einzelnes Objekt kaum Anstoß erregen. Sie sind unsichtbar und gefährlich.

SIEGEN: Liebevoll durchgestaltet wurde dieser Restaurant-Annex in Siegen an einer steil abschüssigen Straße. Auf Fußgängerniveau erscheint das Objekt als nahezu geschlossener Monolith – in den oberen Etagen öffnet es sich mit unregelmäßig angeordneten Plattformen und einem auskragenden Erker. Das System der Außenlaternen wird zum Ornament der Komposition (Bild: Turit Fröbe)

Meist entzündet sich der Volkszorn an gut gemachten Bausünden. Sie sind sichtbar und gefährdet! Diese jedoch vor der Abrissbirne zu schützen lohnt sich, da diese Sünden durchaus Potential für ihre Städte besitzen. Infolge ihrer Expressivität haben sie eine starke Bildqualität, die für Wiedererkennbarkeit und Orientierung sorgt, was, angesichts der kontinuierlich zunehmenden schlechten Bausünden, immer wichtiger wird.

Bei genauerer Betrachtung entfalten diese geschmähten Objekte außerdem eine überraschende ureigene Schönheit und einen ganz eigenwilligen Charme. Dabei zeigt sich, dass Bausünde nicht gleich Bausünde ist, sondern dass die Objekte ganz unterschiedliche Qualitäten und Entstehungsgeschichten aufweisen. So manche Bausünde ist einfach nur aus der Mode gekommen und erfreute sich in der Erbauungszeit möglicherweise sogar einmal gewisser Beliebtheit. Andere waren von vornherein vielleicht etwas verunglückt aber gut gemeint; ein sehr großer Anteil von gut gemachten Bausünden wurde erst nachträglich in den Stand der Bausünde erhoben durch Anbau, Umbau, Überformung, Dekoration oder sonst was. Die Spielarten sind so individuell wie die Bausünden selbst.

Kleine Parade der Bausünden (Bilder: Turit Fröbe)

ARNSBERG: Das Beispiel zeigt, wie sich einer aus der Mode gekommene Gründerzeitfassaden elegant ein modernes Antlitz geben lässt. Man hake sie rechts und links beherzt unter und gebe ihr eine neue Frisur, überforme ganz oder zumindest zum Teil die Erdgeschosszone …

PADERBORN: Dieses verspiegelte 70er-Jahre-Ufo in Paderborn reagiert nicht nur auf den urbanen Kontext, sondern nimmt ihn förmlich in die eigene Komposition auf.

HANNOVER: Die Bauaufgabe, die den Architekten in der Nachkriegszeit die größten gestalterischen Freiräume offerierte, war zweifellos das Parkhaus.

BIELEFELD: Der Fantasie der Parkhausplaner waren kaum Grenzen gesetzt. Zumindest in westdeutschen Städten sind sie ein relativ zuverlässiger Garant für gut gemachte, ausdrucksstarke Bausünden.

LÜNEBURG: Feine Fahrzeugbunker finden sich auch in Städten mit ansonsten intakter historischer Innenstadtbebauung. So in Lüneburg, wo ein Parkhaus an eines der Wahrzeichen der Stadt geklebt wurde. Klar, so ein Wasserturm wirkt aus der Ferne und wird nicht unbedingt im Stadtraum aufgesucht.

POTSDAM: Im Vergleich zum Potsdamer Wasserturm, um den der Hauptbahnhof herumgewuchert ist, hat der Lüneburger Turm jedoch viel Raum, um zu atmen.

MANNHEIM: Auch die Postmoderne war eine Hochphase guter Bausünden. Das Mannheimer Stadthaus widerlegt, dass diese Architekturen entweder postmodern oder hightech sein mussten – aber nicht beides. Hier kreuzte man den griechischen Tempel mit Barockschloss und Centre Pompidou.

BRAUNSCHWEIG: Wie fließend die Grenze zwischen guter Architektur und guter Bausünde ist, zeigt Gottfried Böhm, der zu Recht jahrzehntelang Deutschlands einziger Pritzker-Preisträger war. Seine Architekturen sind fantasievoll, expressiv und daher sehr anfällig für das Prädikat „Bausünde“. Aus seiner Feder stammt die wohl schönste Karstadt-Filiale.

MANNHEIM: Auch der Bibliotheksbau in Mannheim mit den überraschenden monumentalen Sandstein-Kugeln in den Schaufenstern, der sich jeglicher Einordnung entzieht, ist ein Werk Gottfried Böhms. Er hat sich niemals selbst zitiert, sondern für jeden Standort eine ganz eigene Eigenwilligkeit erfunden!

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PORTRÄT: Gute Bausünden

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FACHBEITRAG: Schon schön

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Karin Hartmann untersucht die Königsplätze von Paderborn (1969-81) und ihre Chancen, wieder zu einem echten Treff- und Mittelpunkt zu werden.

FACHBEITRAG: Schon schön

von Karin Hartmann (16/1)

Nur an wenigen Orten in Paderborn hat man das Gefühl, sich in einer Großstadt zu befinden. Einer davon ist der verdichtete Stadtraum der Königsplätze. Der zwischen 1969 und 1981 für 160 Millionen Mark errichtete Wohn- und Handelskomplex folgte der Idee einer verkehrsgerechten funktionsgeteilten Innenstadterweiterung. Wie ein Implantat liegt er in der zumeist auf mittelalterlichem Grundriss errichteten und wiederaufgebauten Innenstadt.

Ein Stück Großstadt implantiert: Die Hochebene der Königsplätze Paderborn (Bild: Jürgen Steffens)

Paderborn überschritt 1975 die 100.000-Einwohner-Marke. Mit der Eingemeindung von Schloss Neuhaus wurde Paderborn quasi über Nacht zur Großstadt. Heute gehört Paderborn mit 150.000 Einwohnern neben Bonn, Köln, Düsseldorf und Münster zu den fünf wachsenden Großstädten in NRW. Sie bildet ein wirtschaftliches Oberzentrum in Ostwestfalen-Lippe und ist als Sitz des Erzbistums Bischofsstadt. Namensgeberin ist die Pader und ihre Quellen: Der kürzeste Fluss Deutschlands entspringt in 200 Quellen unmittelbar unterhalb des Doms und bereichert die Innenstadt um ein lebendiges Gewässer und einen vielseitigen Freiraum.

Flanieren im Gemeinschaftswarenhaus

Oben wandeln, unten parken, anliefern oder in den Bus steigen – diese Funktionstrennung entsprach den städtebaulichen Zielen der 70er Jahre und führte dazu, dass im Dreieck zwischen Marien-, Western- und Königstraße der verdichtete Handelskomplex der Königsplätze entstand. Mit vier solitären Bausteinen entstand nicht weniger als eine erweiterte Stadtmitte. Hier fand der Weihnachtsmarkt statt, hier ging man einkaufen und Eis essen. Und mit dem „Dany“ wurde ein modernes Kaufhauskonzept umgesetzt: ein „Gemeinschaftskaufhaus“ unter der Beteiligung von 16 regionalen Anbietern als Shop-in-Shop-System, eine Art „Concept Store“ der früheren Jahre.

Schöner shoppen: Freiflächen vor den Kaufhäusern der Paderborner Königsplätze Ende der 1970er Jahre (Copyright: Stadtarchiv Paderborn)

Eine eingezogene Plattform, die zur Fußgängerebene wurde, nimmt einen topografischen Versprung zwischen Unter- und Oberstadt auf. Sie setzt damit von der Westernstraße kommend ebenerdig die Wegeverbindungen fort, die in Nord-Süd-Richtung vormals in kleine Nebenstraßen wie „Im Düstern“ mündeten. Der fließende Übergang von der Fußgängerzone wurde mit einer herben Abbruchkante des Komplexes am nördlichen Rand an der Marienstraße beglichen: Hier, wo es nur wenige Meter hinunter zum grünen Paderquellgebiet sind, ist das Stadtgefüge unterbrochen. Die Marienstraße nimmt die ankommende Fußgängerebene mit ihrer Laubengang-Architektur auf und leitet die Besucher mühsam über sperrige Treppen und Rampen wieder in den ebenerdigen Straßenraum hinab. Wenige Meter entfernt befindet sich die „Zentralstation“, der Knotenpunkt des Busverkehrs. Die unterdimensionierte Wendeschleife zeigt sich als dunkler, ungestalteter Stadtraum, der sich schon bald zum Problemraum entwickelt und von der Stadtbevölkerung als „Betonwüste“ beschimpft wurde.

Der Verlust der Königstraße

Tritt ein, Konsument: Rampenaufgang zum Fußgängerbreich (Bild: Jan Kampshoff)

Den Auftakt zu den Königsplätzen bildet eine große Fußgängerrampe zwischen dem Kaufhof und dem Kaufhaus Klingenthal. Das ortsansässige Textilwarenhaus wurde 1928 von Max Heidrich errichtet. Die über die Gebäudeecke geschwungene Fassade, durchgehende Fensterbänder und Simse stellen Bezüge zur Klassischen Moderne her.

Die Eingangssituation zu den Königsplätzen brachte also eine gewisse Großzügigkeit mit sich. Klar machen muss man sich allerdings, dass an dieser Stelle konsequent eine der wichtigsten historischen Straßen der Stadt überbaut wurde: die Königsstraße. Die Torsituation der beiden Kaufhäuser bildete die Eckbebauung eine der wichtigsten Kreuzungen der Stadt. Als Verbindungsstraße der Kurfürstenresidenz in Schloss Neuhaus zum Dom dienend, wurde die Königstraße durch den Neubau gedeckelt, in Teilen zur Tiefgaragenausfahrt und an der Einmündung zur Westernstraße mit ebendiesem Rampenbauwerk versehen.

Diese Geste zeigt, wie ernst den Stadtbauvätern und -müttern der 1970er Jahre diese Baumaßnahme war – überzeugt davon, dass diese Architektur die Stadt angemessen in die Zukunft tragen würde. Im gleichen Zeitraum wurden weitere Großprojekte umgesetzt: die Campus-Universität (1972), das Erzbischöfliche Diözesanmuseum von Gottfried Böhm (1975) und die Mehrzweckhalle „PaderHalle“ (1981) von Hardt-Waltherr Hämer. Innerhalb weniger Jahre änderte sich das Gesicht der Stadt maßgeblich.

Wege ins Nichts

In Ost-West-Richtung wurden die Wegeverbindungen über Rampen in Richtung Innenstadtring fortgesetzt. Rechts und links des Kaufhauses Dany und im weiteren Verlauf der Königsstraße zum Kaufhaus C&A prägen Rampen, Brücken und Treppen den Straßenraum. Zunächst war geplant, das Gebiet über den ehemaligen Wall hinaus mit einer Fußgängerbrücke ins Riemeke, ein belebtes Gründerzeitviertel, weiterzuführen und damit eine durchgehende Ost-West-Verbindung zu schaffen. Die Brücke wurde jedoch nicht ausgeführt, da man ein Kaufkraftverlust der Hauptfußgängerzone Westernstraße befürchtet. Stattdessen enden die Wege an der Westernmauer ebenso plötzlich wie an der Marienstraße. Man wird immer weiter hinaufgeführt, quert im 4. Geschoss ein gestaffeltes Wohnhaus mit acht Obergeschossen und markanten gelben Fenstern, um bis in die 1990er Jahre an einem Rampenbauwerk anzukommen, heute interimistisch ersetzt durch eine Art Geschosswohnungstreppe im Freien. Futuristische Straßenschluchten, Passagen, die durch die Kaufhausbebauung eng und uneinsichtig sind, führen zum Orientierungsverlust. Ein kleiner Platz hinter dem Kaufhaus, einen Steinwurf von der Fußgängerzone entfernt, ist bis heute vielen Paderbornern unbekannt.

Durch diese hohle Gasse mag man nicht kommen: eine der nicht ganz so gemütlichen Ecken des Ensembles (Bild: Jan Kampshoff)

Schon bald nach der Errichtung, verstärkt seit den 1990erJahren, veränderte sich das Einkaufsverhalten an den Königsplätzen. Aus ungemütlichen Räumen wurden Angsträume, Down-Trading und Leerstand führten an vielen Stellen zu einer Verwahrlosung. Das Anlieferungsdeck unter dem Kleinen Königsplatz diente mehrere Jahre als Winteraufenthalt von Obdachlosen. Der schlecht einsehbare Bereich, funktional als Anlieferzone und Nebenausfahrt der Tiefgarage nicht ständig genutzt, war fußläufig nur durch eine Tür auf der Marienstraße zu erreichen. Augenzeugen berichten von Bettenlagern, in denen die Mittellosen wohnten. Damit wurde eine andere Art von Funktionstrennung sichtbar: Während die konservative Stadtbevölkerung oben auf dem Weihnachtsmarkt flanierte, hausierten wenige Meter unter ihnen die Grenzgänger der Gesellschaft.

Liebliche Freiflächen, grobe Details

Während die Königsplätze als Ensemble eine Strahlkraft als Stadtskulptur entwickeln und in ihrer Komplexität und Konsequenz beeindrucken, geriet die Architektur insgesamt eher unbedeutend. Zwar ist besonders hervorzuheben, dass sich allein durch die Absprache der Architekten – nicht etwa durch gestalterische Vorgaben – eine einheitliche Sprache mit verbindenden Elementen wie dem roten Ziegelstein als Boden- und Fassadenmaterial und dunkelgrün-grauen Wabendecken und abgeschrägten Fassadenteilen entwickelte, doch bleibt die Detaillierung grob.

Zählt zu den Lichtblicken: die Fassade des einstigen Kaufhauses Dany (Bild: Jan Kampshoff)

Eine Ausnahme bildet die Fassade des ehemaligen Kaufhauses Dany. Auf einer einfachen Stangenkonstruktion wurden grüne, unterschiedlich breite, gefalzte, hochkant gestellte Blechelemente appliziert. Während die Barcode-Fassaden der 1990er Jahre noch nicht in Sicht waren, wurde hier genau dieser Effekt erzielt. Durch den unterschiedlichen Lichteinfall auf die Bleche changiert die Fassade und erzielt eine Tiefenwirkung, die das Volumen des großen Kaufhauses rhythmisiert und auflockert. Weiterhin hervorzuheben ist die Gesamtwirkung und Fassade des sogenannten Inselhauses in der Mitte der Plätze: Mit seinen beigen und glatten Kunststoffpaneelen und dem im gesamten Ensemble immer wieder zitierten 45-Grad-Winkel zur Staffelung der Obergeschosse wirkt es eher wie ein gelandetes Raumschiff als ein Geschäftshaus.

Ganz im Gegensatz zur Architektur steht die geradezu lieblich anmutende Gestaltung der Freiflächen und Böden: Kreisförmig gemauerte Baumschalen, Wendeltreppen, Pergolen und ein kleiner künstlicher Bachlauf mit Brunnen direkt unter dem Aufgang sind detailliert. Zur Eröffnung des „Bächle“ schrieb die Lokalpresse 1981: „Als Trennung zwischen Fahr- und Fußgängerverkehr [entsteht] ein munterer ‚Stadtbach‘. Wieder ein Beitrag gegen zu viel Beton im Sanierungsgebiet.“ Weiterhin begleiten tiefe Bepflanzungelemente aus halbierten Betonröhren alle Laubengänge und Balkonsituationen. Diesem Grün ist der teilweise regelrecht überwachsene Eindruck des gesamten Bauwerks zu verdanken. Durch den hohen Pflegeaufwand wurde der Wasserlauf in den 1990er-Jahren zugeschüttet, Brunnen und Wasserspiele sind heute nicht mehr in Betrieb.

60 Eigentümer – Fluch oder Segen?

Warum ist dieser Komplex noch heute vorhanden und nicht wie das Ihme-Zentrum oder vergleichbare Strukturen längst aufgekauft, „verschönert“ oder abgerissen worden? Die Königsplätze wurden im Einverständnis mit Grundstückseigentümern gebaut, deren Häuser für die Plätze wichen. Im Gegenzug erhielten sie Eigentum an den Plätzen und errichteten die Gebäude aus privater Hand. Diese Besitzstruktur, heute ca. 60 Eigentümer und Eigentümerinnen, gibt es heute noch – anerkannte Paderborner Kaufleute mit eigenem Haus am Platz wie Eigentümer von kleinen Einheiten im Wohnturm an der Westernmauer. Dieser Struktur und den damit einhergehenden notwendigen Abstimmungsprozessen ist es geschuldet, dass die Königsplätze lange in einem Dornröschenschlaf lagen, obwohl die Verschlechterung der Substanz und funktionale Mängel lange offensichtlich waren.

Ob’s hilft? Der Entwurf des Hamburger Büros Breimann + Bruun soll ab 2016 umgesetzt werden (Bild: Breimann+Bruun)

Erst in den vergangenen Jahren kündigen sich bauliche Veränderungen an und diese zunächst auch nur in den öffentlichen Bereichen: Bodenbeläge, Stadtmöblierung und Beleuchtung. Seit 2009 fanden Gespräche statt, 2011 wurde schließlich ein städtebaulicher Wettbewerb zur Neugestaltung beschieden und der erste Preis an foundation 5+, Kassel mit HOSPER, Haarlem (NL) vergeben.

Umgesetzt wird schließlich ab 2016 der Entwurf des zweiten Preisträgers. Das Hamburger Büro Breimann + Bruun Landschaftsarchitekten hat den Leitgedanken, die Königsstraße stadträumlich und im Straßengrundriss wiederherzustellen. Hierfür wird der Teil der Plattform über der Straße rückgebaut. Ebenso wird die Rampe zwischen den beiden Kaufhäusern durch eine Treppe entlang der Fassade Klingenthal und ein Aufzugs- und Treppenbauwerk einige Meter weiter in der Zentralstation ersetzt. Neue Materialien lassen die Gestaltqualität des Ensembles unberücksichtigt. Sie versuchen stattdessen, den öffentlichen Bereichen mit den Materialien Messing, Holz, Stahl und Granit ein neues Gesicht zu verleihen. Auch im privaten Bereich sind erste Eingriffe vorgenommen: Die fußläufige Verbindung zwischen Marienplatz und Kleinem Königsplatz wird in Verbindung mit einem Neubau am Marienplatz neu formuliert. Erste Eigentümer und neue Mieter greifen in bestehende Fassaden ein, um ihr einzelnes Objekt aufzuwerten.

Ideen von außen

Schön! Auf der Stadtdenker-Tour markierten die Teilnehmer hier 2013 ihre Liebblingsorte (Bild: Die Stadtdenker)

Durch ein 2014 angestoßenes Zwischennutzungsprojekt wird den Königsplätzen eine neue andere Aufmerksamkeit zuteil. Kreative und Künstler taten sich im Nutzerverein Zwischenstand zusammen, um Leerstände gezielt mit temporären Nutzungen zu füllen. An der Westernmauer, im kritischsten Randbereich mit seinen Angsträumen, etablierten sie den Kulturraum Zwischenstand – durch gezielte Veranstaltung mit externen Gästen wie Boris Sieverts und Jörg Leeser, ebenso Ulrich Brinkmann, der sich als ehemaliger Paderborner intensiv zur Entwicklung der Königsplätze äußerte. In Teilen der Bevölkerung, insbesondere in der jüngeren Generation findet ein Perspektivwechsel statt: Die spätmoderne Architektur wird zunehmend auch als Qualität verstanden. Dennoch verhindert die unmittelbare Nähe zu 1A-Handelsflächen und das damit verbundene Wertverständnis der Eigentümer für ihre Immobilien nachhaltigere alternative Entwicklungskonzepte.

Im Mai 2013 waren die Stadtdenker in Paderborn: Eine Gruppe von Studierenden der Universität der Künste unter der Leitung der Architekturhistorikerin und Urbanistin Turit Fröbe gastierte für eine Woche in einem leeren Bau der Königsplätze. Sie brachten der Stadtbevölkerung mit unkonventionellen Mitteln und Aktionen ein weiteres mögliches Verständnis ihrer Stadt bei. Ihre Erfahrungen und modellhaften Ergebnisse hielten Sie in einer Publikation fest. Auch ihnen ist zu verdanken, dass das überregionale Interesse an den Königsplätzen deutlich zunimmt. Verwundert entdecken Architekten, Studierende und Künstler das noch intakte Ensemble, das in dieser Form in einigen Jahren vermutlich nicht mehr nachvollziehbar und in der Heterogenität der Stadt verschwunden sein wird.

Rundgang

Auf und unter den Königsplätzen …

Literatur

Hartmann, Karin (Hg.), Interview mit Ulrich Brinkmann zu Stadtentwicklung und Architektur in Paderborn, in: Baukultur, Paderborn, 10. September 2015.

Fröbe, Turit (Hg.), Stadtdenker, Ein Spielraum für urbane Entdeckungen, Jovis 2014.

Brinkmann, Ulrich, Paderborn Königsplatz, in: Bauwelt 2012, 1-2.

„Bächle“ wird an der Marienstraße Fußgänger von Autos abschirmen, in: Neue Westfälische Zeitung, 8. Dezember 1981.

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Winter 2016: Pretty Ugly

LEITARTIKEL: Hübsch hässlich

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FACHBEITRAG: Unter der Laterne

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Karin Berkemann staunt über einen opulenten 80er-Jahre-Bau in Langen: die katholische Albertus-Magnus-Kirche von Johannes W. M. Kepser.

FACHBEITRAG: Früher war mehr bunt

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Uta Winterhager berichtet über zwei farbenfrohe 70er-Jahre-Hochhäuser in Köln: das Herkuleshaus und die Doppeltürme der Deutschen Welle.

FOTOSTRECKE: Habiflex

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Jan Kampshoff belichtet ein gescheitertes Zukunftsprojekt: In Dorsten findet sich im Stadtteil Wulfen das Habiflex.

INTERVIEW: Ursulina Schüler-Witte zum Bierpinsel

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moderneREGIONAL sprach mit der Architektin über das Turmrestaurant Steglitz, in Berlin besser bekannt als „Bierpinsel“.

FACHBEITRAG: Post-bürgerlich

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Christian Holl betritt den postmodernsten Straßenzug der Mainmetropole, deren Römer gerade wieder der nächsten Rekonstruktion entgegensieht.

PORTRÄT: Gute Bausünden

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Turit Fröbe fotografiert Bausünden in ganz Deutschland. Und entdeckt doch immer wieder die Qualitäten der kritisierten Bauwerke.

FACHBEITRAG: Schon schön

FACHBEITRAG: Schon schön

Karin Hartmann untersucht die Königsplätze von Paderborn (1969-81) und ihre Chancen, wieder zu einem echten Treff- und Mittelpunkt zu werden.

FACHBEITRAG: Frankfurt/O., Scharrnstraße

von Paul Zalewski (Heft 15/2)

Große Scharrnstraße in Frankfurt/Oder: einst das „Herzstück des innerstädtischen Bauens“, heute ein melancholischer Windfang (Bild: Heinz Köhler, 2010)
Große Scharrnstraße, Frankfurt/Oder: einst „Herzstück des innerstädtischen Bauens“, heute melancholischer Windfang (Bild: Heinz Köhler, 2010)

Mit dem historischen Namen Große Scharrnstraße bezeichnet man in Frankfurt/Oder eine stadtgeschichtlich wichtige, mittlere Längsachse des rasterförmigen Stadtgrundrisses. Sie verbindet geradlinig das Gebiet der vorstädtischen Siedlung nördlich der heutigen Grenzbrücke mit dem Areal der jüngeren, planmäßigen Stadtgründung des 13. Jahrhunderts. Die hier seit dem Mittelalter gewachsene Bebauung verschwand 1945, als die weitgehend verlassene Innenstadt zu 70% durch Flächenbrände vernichtet wurde. Erst in den mittleren 1950er Jahren lief die verspätete Wiederaufbauplanung an. Das betreffende Quartier zwischen der neuen Hauptstraße der Innenstadt, der sogenannten „Magistrale“ (Karl-Marx-Straße), und dem Grenzfluss Oder wurde in den frühen 1960er Jahren gebaut.

 

Die Vorgeschichte

Ausschnitt aus dem Übersichtsplan zur Nachverdichtung der Innenstadt (alle schwarz angelegten Bauten gehören zu den spätsozialistischen Maßnahmen, in der Mitte das Quartier um die Große Scharrnstrasse), 1986 (Bild: Stadtarchiv Frankfurt/Oder, Büro für Städtebau, Sign. 18224)
Übersichtsplan zur Nachverdichtung der Innenstadt (alle schwarz angelegten Bauten gehören zu den spätsozialistischen Maßnahmen, in der Mitte das Quartier um die Große Scharrnstraße), 1986 (Bild: Stadtarchiv Frankfurt/Oder, Büro für Städtebau, Sign. 18224)

Maßgeblich für die Planung war natürlich das Leitbild der „aufgelockerten und gegliederten“ Stadt. Die fünfstöckigen Zeilenbauten mit Steildächern wurden weitgehend abweichend von früheren Parzellengrenzen und Bebauungsmustern aufgestellt. Entscheidend für die Zukunft des Quartiers wurden zwei Aspekte. Erstens: die Auflockerung. Sie ging so weit, dass „die Große Scharrnstraße, ehemals eine wichtige Handelsstraße […] als offener Wohnhofweg zwischen Häusergiebeln ohne städtischen Charakter verlief“. (Architektur der DDR 1/89, S.12).

Zweitens: Im Inneren des wiederaufgebauten Quartiers waren so gut wie keine Einkaufs- und Dienstleistungsangebote vorgesehen. Diese wurden praktisch entlang der „Magistrale“, also der Hauptstraße der Innenstadt konzentriert. Erst viel später thematisierte man die Konsequenzen dieser Wiederaufbauplanung: Die Beschränkung des Quartiers auf die reine Wohnfunktion, ohne zusätzliche Dienstleistungsangebote sowie die leeren Freiflächen zwischen den Zeilenbauten boten nicht gerade eine „urbane“ Aufenthaltsqualität. Nach Thomas Topfstedt machte das wiederaufgebaute Stadtzentrum von Frankfurt/Oder „zu Beginn der 1970er Jahre noch einen recht unfertigen, geradezu tristen Eindruck“.

 

Die Stadtreparatur

Auf diesem zeitgenössischen Foto wird nicht nur die Bewunderung für die kunstvolle Straßenmöblierung visualisiert. Deutlich wird die sehr belebte und differenzierte Fassadengestaltung. Viele von diesen Differenzierungen ergaben sich nahezu automatisch, indem man den Anschluss der Neubauten an die bestehenden Gebäude plante (Architektur der DDR 1/89, S. 14).
Auf diesem zeitgenössischen Foto wird nicht nur die Bewunderung für die kunstvolle Straßenmöblierung deutlich, sondern auch die sehr belebte Fassadengestaltung in der Großen Scharrnstraße. Viele Differenzierungen ergaben sich nahezu automatisch, indem man den Anschluss der Neubauten an die bestehenden Gebäude plante (Architektur der DDR 1/89)

Eine in der Endphase der DDR aufgegriffene „Stadtreparatur“, um die es hier geht, ist auch in einem breiteren politischen Kontext gut erklärbar. Angesichts der wirtschaftlichen Krise in den beginnenden 1980er Jahren (v. a. Devisenmangel, Teuerung der Rohstoffe) erwiesen sich die Neubauinvestitionen auf der „grünen Wiese“ schon allein aufgrund der hohen Erschließungskosten als problematisch. Auf diese Weise kehrten die Bauaktivitäten in die Innenstädte zurück. Es hat also eine gewisse Logik, dass in Frankfurt etwa Mitte der 1980er Jahre diverse Gutachten über die „Nachverdichtung“ der Innenstadt erschienen.

Das Projekt zur Nachverdichtung und „Funktionsunterlagerung“ der Großen Scharrnstraße wurde erstaunlich schnell geplant und durchgeführt. Im April 1987 nahm man die Bauarbeiten in Angriff und schloss sie bereits im Januar 1988 ab. Die Sorgfalt der Vorbereitung, der relativ hohe gestalterische Aufwand und die öffentlichkeitswirksame Begleitung des Projekts lassen seine besondere politische Bedeutung erkennen. Als Ziel wird von Anfang an die Belebung der Innenstadt anvisiert.

 

Die „Belebung“

Den Kern dieser „Stadtreparatur“ bildeten die sechs nach dem „Kranbahn-Prinzip“ ausgeführten, fünfgeschossigen Wohngebäuden nach dem Entwurf des Planungskollektivs unter der Leitung des Stadtarchitekten Dr. Manfred Vogler. Es handelte sich um den modifizierten P2-Typus mit einer (nicht sehr hellen) Mittelgang-Erschließung. Hauptsächlich waren die hier errichteten 180 kleinen Wohnungen für alleinstehende, jüngere Personen bestimmt. Die Auswahl dieser Zielgruppe scheint in Verbindung mit der anvisierten „Belebung“ des Zentrums nicht zufällig.

Harald Schulze, Boulevardpassanten, 1988 Acryl auf  Aluminiumplatten an der Wand eines Hauses der Großen Scharrnstraße. Die mysteriös zusammengesetzte Gruppe ist stets mit dem Rückblick auf die offizielle „Agitprop“ als Gegenstück zur abgedroschenen Symbolik des Arbeiter- und Bauernstaates (s. Abb. 6) zu verstehen. Die hier dargestellte Welt ist alles andere als heil und bieder. In dem expressionistisch anmutenden Gemälde wird eine kritische Stimmung deutlich, die im Vorjahr der Wende präsent war. Es ist verwunderlich, dass ein derart sozialkritisches Bild in bester Zentrumslage geduldet wurde (Bild: wikimedia, CC, Sicherlich, 2006)
Harald Schulze, Boulevardpassanten, 1988, Acryl auf Aluminiumplatten an Hauswand: Die mysteriös zusammengesetzte Gruppe ist mit Rückblick auf die offizielle „Agitprop“ als Gegenstück zur abgedroschenen Symbolik des Arbeiter- und Bauernstaats zu verstehen. Die hier dargestellte Welt ist alles andere als heil und bieder. Das expressionistisch anmutende Gemälde zeigt die kritische Stimmung im Vorjahr der Wende präsent war. Es ist verwunderlich, dass ein derart sozialkritisches Bild in bester Zentrumslage geduldet wurde (Bild: wikimedia, CC, Sicherlich, 2006)

Im Gegensatz zu den flachen, schlichten und verputzten Plattenbau-Fassaden der Wiederaufbauzeit bekamen die neuen Fassaden keinen Putz, dafür aber eine sehr plastische Fassadendurchbildung. Dabei sind nicht nur die Loggien, sondern auch die durchgehenden Arkadengänge auf beiden Straßenseiten gemeint. Sie sollten gewissermaßen einladen in die neuen Handels- und Dienstleistungseinrichtungen. Hierzu zählten, außer der billigen „Bierbar Gockel“ oder einem Eiskiosk, eher neuartige bzw. hochwertige Angebote wie eine Pizzeria, eine Weinprobierstube, ein Schmuckladen, die (Leder-)“Boutique Reni“ und das – sehr wichtige, repräsentative – Café „Frankfurter Kranz“.

Der als Fußgängerzone kreierte Straßenabschnitt erhielt auch eine besondere Ausstattung in Form von differenziert gepflasterten Gehflächen, Rankgerüsten, Pflanzkörben oder Leuchtkandelabern. Doch das ist noch nicht alles. Seit 1985 führte der sogenannte „Baustab für Bildkunst“ Untersuchungen zur Umsetzung von Dekorationsarbeiten durch. Der leitende Stadtarchitekt, Dr. Vogler, setzte sich engagiert für die Auswahl von qualitätsvollen Bildern und Reliefs ein, die insgesamt von 18 teilweise renommierten Künstlern beigesteuert wurden. Interessanterweise ist die Auswahl der Kunstwerke erstaunlich vielfältig und bisweilen sozialkritisch ausgefallen.

 

Der politische Kontext

Die Nachverdichtung der Großen Scharrnstraße kann jedoch im breiteren Kontext der Stadtplanung in der DDR nicht als besonders innovativ gelten, denn derartige Fußgängerzonen wurden – trotz der Zuspitzung der Ökonomisierung des Bauwesens – seit den späten 1960er Jahren immer wieder realisiert (Weimar, Schillerstrasse oder Berlin, Nikolaiviertel, usw.). Erstaunlich ist allerdings, wie plötzlich diese Idee auftrat, nahezu sofort und ziemlich anspruchsvoll umgesetzt sowie als „Modellvorhaben“ angepriesen wurde.

Sonderbriefmarke zu den 22. Arbeiterfestspielen im Bezirk Frankfurt/Oder
Sonderbriefmarke zu den 22. Arbeiterfestspielen im Bezirk Frankfurt/Oder

Die einzige nachvollziehbare Erklärung dafür, wie die Kräfte zur Verschönerung der Innenstadt mobilisiert wurden, liegt in deren Verbindung mit einem anderen hochrangigen kulturpolitischen Ereignis: mit den 22. Arbeiterfestspielen. Sie fanden vom 24. bis zum 26. Juni 1988 im Bezirk Frankfurt/Oder und damit zum letzten Mal überhaupt statt. Es handelte es sich dabei um eine der größten Massenveranstaltungen der DDR. Den auswärtigen Gästen sollte das Zentrum der Bezirksstadt als belebt, attraktiv und voller junger Leute präsentiert werden.

 

Gute Zeiten, schlechte Zeiten?

Die politische Wende kam nur ein Jahr nach der gefeierten Fertigstellung der Straße und ließ die Neubauten im Handumdrehen „alt“ aussehen. Bis auf zwei oder drei Adressen (für das Stammpublikum) wurden die meisten Läden schrittweise geschlossen. Frankfurts Bevölkerungszahl, insbesondere direkt nach der Wende, ist von fast 90.000 auf unter 60.000 gesunken. Doch die leeren Erdgeschosse sind nicht nur im Kontext der Stadtschrumpfung zu deuten. Große Teile des Zentrums wurden inzwischen sehr ansehnlich runderneuert. Dabei haben sich allerdings die Schwerpunkte der Handelsansiedlung, die drei innenstädtischen Einkaufszentren, vom Standort des Grenzübergangs – und damit auch von unserem Straßenabschnitt – entscheidend entfernt.

Eine „demonstrative Aneignung“: eine Kundgebung studentischer Initiativen auf der Großen Scharrnstraße (Bild: Heinz Köhler, November 2010)
„Demonstrative Aneignung“: Kundgebung studentischer Initiativen auf der Großen Scharrnstraße (Bild: Heinz Köhler, November 2010)

1999 fiel der Sanierungsbeschluss für das Gebiet „Ehemalige Altstadt“: Fördermittel für die Gestaltung des öffentlichen Raums wurden bereitgestellt. Durch fehlende Eigenmittel der zuständigen Wohnungsbaugesellschaft wurden hier jedoch zunächst keine Schritte unternommen. Seitdem gab es immer wieder – leider erfolglose – Initiativen, den Straßenraum zu beleben. 2010 wurde im Rahmen eines Seminars ein ergreifender Dokumentarfilm von den Studierenden der Europa-Universität über „unsere“ Straße gedreht. Er lief seit diesem Zeitpunkt – auch als open-air-Kino vor Ort – mehrmals und lenkte das Interesse der studentischen Arbeitskreise auf den Straßenraum mit leerstehenden Gewerbeflächen. Da einige von den insgesamt 43 an der Europa-Universität registrierten studentischen Arbeitsgruppen unter Raummangel litten, lag es durchaus nahe, die Büroräume im Norden der Scharrnstraße in Anspruch zu nehmen.

Seit 2011 konnten hier im Rahmen der sogenannten „Studierendenmaile“, mit Unterstützung der Universität, des Studentenwerks und der zuständigen Wohnungsbaugesellschaft noch weitere studentische Büros und Redaktionen studentischer Medien sowie eine Fahrradwerkstatt eröffnet werden. In den letzten Jahren brachte sich das Kunstprojekt „Slubfurt“ in die Belebung der Straße ein. All diese Unternehmungen werden erfreulicherweise durch die aktuelle Stadtverwaltung unterstützt. So trägt die totgesagte sozialistische Stadtreparatur dazu bei, dass das jahrelange „Nebeneinander“ der Stadt und der Universität überwunden werden kann. Ob es diesmal tatsächlich gelingt, die Straße dauerhaft zu beleben, bleibt jedoch abzuwarten.

 

Ein Fazit

Ein erneuter Wiederbelebungsversuch im Norden der Großen Scharrnstraße (Bild: Milena Manns 2011)
Ein erneuter Wiederbelebungsversuch im Norden der Großen Scharrnstraße (Bild: Milena Manns 2011)

Die Plattenbauten an der Großen Scharrnstraße können dezidiert nicht als herausragende Architektur bezeichnet werden. Daher kann hier kaum suggeriert werden, dieselben aus gestalterischen Gründen auf die Denkmalliste einzutragen. Dennoch ergeben die zeittypischen Fassaden, gemeinsam mit der künstlerischen Ausstattung des Straßenraums, ein äußerst spannendes bauliches Zeugnis der Endphase des langen DDR-Systems. Sie belegen zunächst den Wandel der städtebaulichen Leitbilder, der nicht nur in der west-, sondern auch in der ostdeutschen Spätmoderne stattfand. Das parallel mit den propagandistischen Arbeiterfestspielen geplante „Pilotprojekt“ ließ erstaunlicherweise Freiräume für subversive individualistische Kunstwerke zu. Gerade durch diesen Widerspruch ist der Straßenraum heute auch für die politische Bildung interessant. Daher wäre es wünschenswert, dass der künftige Umgang mit dem Straßenraum zumindest wohl überlegt ist.

 

Rundgang

Begleiten Sie Paul Zalewski beim Wiederentdecken der Großen Scharrnstraße.

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Frühjahr 15: Fußläufig

LEITARTIKEL: Grenzenloses Vergnügen?

LEITARTIKEL: Grenzenloses Vergnügen?

Dirk Schubert über die Ursprünge, Formen und Chancen der städtebaulichen Idee „Fußgängerzone“.

FACHBEITRAG: Chemnitz,  Brühl

FACHBEITRAG: Chemnitz, Brühl

Sylvia Necker folgt Spuren der Karl-Marx-Stadt, die in ihrem Zentrum einen eigenen Boulevard erhielt.

FACHBEITRAG: Frankfurt/O., Scharrnstraße

FACHBEITRAG: Frankfurt/O., Scharrnstraße

Paul Zalewski eignet sich mit Studenten die Große Scharrnstraße in Frankfurt/Oder neu an.

FACHBEITRAG: Hannover, Innenstadt

FACHBEITRAG: Hannover, Innenstadt

Ralf Dorn über eine der größten Fußgängerzonen Deutschlands – wie Hannover nach den Kriegszerstörungen verkehrsgerecht wiederaufgebaut werden sollte.

FACHBEITRAG: Dresden, Prager Straße

FACHBEITRAG: Dresden, Prager Straße

Tanja Scheffler bummelt durch die alte/neue Einkaufsmeile Dresdens.

PORTRÄT: Kassel, Treppenstraße

PORTRÄT: Kassel, Treppenstraße

Folckert Lueken-Isberner zur Ikone aller Fußgängerstraßen – der Kasseler Treppenstraße, ihrer langen Entstehungsgeschicht und ihren heutigen Problemen.

INTERVIEW: Haverkampf über die Zeil

INTERVIEW: Haverkampf über die Zeil

Der Stadtbaurat über „Deutschlands erste postmoderne Fußgängerzone“ – wie die Frankfurter Zeil begann und welchen Sinn sie heute noch macht.