In Plastik sind alle gleich

Daniel Bartetzko/Karin Berkemann (18/2)

Hektisch heute? Da hätten Sie erst einmal das Jahr 1961 erleben sollen! Gegen die „Hast“ jener Tage bewarben die süddeutschen Modellbau-Fabrikanten Hermann und Edwin Faller damals ihre Miniaturhäuser als „heilsames“ Hobby. Der anspruchsvolle Kunde sollte sich beim lärm- und mühelosen Basteln entspannen. Die anspruchsvolle Kundin hingegen trat in den bunter werdenden Modell-Katalogen nur äußerst selten in Erscheinung – und wenn, dann eher in dekorativer Mission. Und weil ja bekanntlich nichts politischer ist als das angestrengt Unpolitische, schwang in den Werbebildern immer auch ein Stück Familien- und Weltbild mit: Während da draußen eine Mauer, zwei Blöcke und diverse interstellare Wettrennen hochgezogen wurden, war die Moderne auf der Modellbahnplatte der Wirtschaftswunderzeit eine betont harmonische.

Von Doppelnullen und fliegenden Dächern

Damals war der Marktführer Märklin längst zum Inbegriff für das „rollende Material“ aufgestiegen. Dabei war es der Konkurrent Trix, der 1935 die 00-Eisenbahn im Maßstab 1:90 auf den Markt brachte. Bald folgten fast alle Hersteller dieser Größe, die 1950 noch von Doppelnull in Halbnull (H0/1:87) geändert wurde. In ihrer Anfangszeit blieb die sogenannte „Tisch-Bahn“ ein Privileg der Gutbetuchten. Hermann Göring hortete auf seinem Landsitz Carinhall nicht nur Raubkunst, sondern auch mehrere Modelleisenbahnen. Doch dieses Spielzeug ist ideologiefrei: Was sich auf der Platte tut, entscheidet alleine ihr Erbauer. Hier darf zwischen vielgleisigen Schnellzugstrecken die Sinfonie einer Großstadt erklingen oder eine Bimmelbahn in ein Bergdorf-Idyll schnaufen.

Den Herstellern der Häuschen-Bausätze ging es neben wirtschaftlichem Streben auch um Passion, sorgfältige Recherche und manchmal um unverwirklichte (Architekten-)Träume. In den Nachkriegsjahren zeigten die Faller-Modelle bunte Geländer, schräge Wandabschlüsse und immer wieder mittig gefaltete Flugdächer. Wer den Firmensitz in Gütenbach besucht, findet sie wieder in den Villen und in der Fabrik der Faller-Brüder. Beim Konkurrenten Kibri war die Moderne schlicht und kubisch. Das Bahnhofsensemble Neu-Ulm wurde ebenso miniaturisiert wie der Bahnhof Kehl. Bei Vollmer in Stuttgart gab es ab den frühen 1960ern eine Auswahl gelb geklinkerter Bahn-Systembauten, dazu diverse moderne, schmucklose Einfamilienhäuser, deren Vorbilder in den gutbetuchten Randbezirken der Stadt zu suchen sein dürften.

„Klingt einfach, ist es aber nicht“

Die Miniaturhäuser der ersten Nachkriegsjahre waren aus Blech, Holz und Pappe. Und schwarz-weiß, zumindest in den Katalogen von Faller, Kibri und Vollmer. Für die frühen Broschüren wurden höchstens die Titelblätter in einer Farbe hinterlegt oder einzelne Schriftzüge hervorgehoben. Menschen spielten im Bild keine prägende Rolle. In einem der seltenen Fälle erhob Kibri 1956 einen Jungen, der gerade strahlend einen Bahnhof-Bausatz vollendet, zur Chiffre. Die Stilmittel des Bahnhofs wie der Grafik verweisen eher in die erste, als in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ohne dass es die schwarzen Linien zeigen würden, vervollständigt der heutige Betrachter blondes Haar und blaue Augen. Mitte der 1950er Jahre leuchteten bald bunte Modelllandschaften auf den Faller-Titelblättern, im Innenteil wurden einzelne Fotos koloriert und farbige Grafiken eingestreut. Und wenn sich schraffierte und punktierte Flächen mit Schrift verbanden, zog fast schon eine Vorahnung von Roy Lichtenstein durch den Schwarzwald.

Der Sprung zum bunten Plastikbausatz, zum Kunststoffspritzguss-Verfahren, vollzog sich in der Bundesrepublik in den 1950er Jahren: In eine gezielt gekühlte Stahlform wird mit hohem Druck flüssiger Kunststoff eingespritzt. Nach dessen Aushärten fallen die Elemente am sogenannten Spritzling aus der aufgeklappten Form. Um den Kinderfernseh-Moderator Peter Lustig zu zitieren: „Klingt einfach, ist es aber nicht.“ Der Werkzeugmacher muss die Gussform so vorbereiten, dass sich die Bauteile nach dem Spritzen nicht verziehen. Der Modellbauer kontrolliert die Kühlung der gesamten Maschine, den korrekten Fließdruck und die Temperatur. Es zählen Sekunden, wenn das Werkstück ausgeworfen wird und in eine temperierte Box oder ein Wasserbad fällt. Dabei gilt, ob Fachwerk, Historismus, Bauhaus oder Avantgarde: In Plastik sind alle gleich.

Die Kunst des Schummelns

Vordergründig sind Modellbahnhäuser verwandt mit Architekturmodellen. Doch ein Architekturmodell als solches offenbart den Unterschied: Auf einer Modellbahnplatte würden maßstäblich eingedampfte Großbauten alle Dimensionen sprengen. In der Miniaturwelt ist die Kunst der Auslassung und des Maßstabssprungs gefragt. Und die des Schummelns: Modellhäuser sind befreit von Bauvorschriften, Nutzerfreundlichkeit und Statik. Ob Fallers Turmcafé bei voller Auslastung auf dem Flugdach der darunterliegenden Tankstelle halten würde, lässt sich nur vermuten. Das Faller-Hochhaus kann ausschließlich durch den Eingang eines Ladengeschäfts betreten werden, die DDR-Pendants von Vero ändern vom Erdgeschoss zu den oberen Etagen gar die Modellbahn-Nenngröße von 1:87 in 1:160. Was zählt, ist der stimmige Gesamteindruck.

Ab 1957 bot Faller allumfassende Lebenshilfe: Das „Faller Modellbau Magazin“ (ab 1977: „Welt der Modellbahn“) erschien mit Farb-Cover, der Innenteil blieb schwarz-weiß. Fotos wurden um technische Detailzeichnungen bereichert – Hauptsache deutlich. Doch, eine Seltenheit im Vergleich zu den Katalogen, hier waren gelegentlich echte Bastler bei ihrem Hobby zu sehen, hier durften sich Miniatur- und Alltagswelt kurz berühren. Einen ähnlichen Ansatz verfolgten die Kundenhandreichungen „1000 Möglichkeiten mit Vollmer-Teilen“ oder für den ostdeutschen Spur-TT-Fan in den 1960er und 1970er Jahren die Zeitschrift „Modellbahn Praxis“. In den Faller- Katalogen wurden Eltern und Kinder um 1960 auf freigestellten Farbfotos traulich vereint: Die weibliche Seite dekorierte die Landschaft, während der männliche Part die Technik kontrollierte. 1961 begegneten sich Junge und Mädchen bei einer der Werbegrafiken auf Augenhöhe. Im Kern blieb es aber dabei: Der Bub baute und das Mädel bewunderte ihn dafür.

Von wegen spießig

Während Kibri um 1960 noch formidable Grafiken im Mondrian-Stil schuf, schwenkte man dort um 1965 zu einem konsequenten Fotorealismus – ein Trend, dem Vollmer und VauPe folgten. Die Faller-Kataloge präsentierten die gewohnt wohlgeordnete Modellbauwelt zunächst eher vor psychedelisch gefärbten Hintergründen. Auch der Anbieter OWO zeigte die DDR en miniature architektonisch und grafisch durchaus modern. Der ostdeutsche Traditionsbetrieb Auhagen hingegen vollzog um 1970 fast nahtlos den Sprung zum durchgängigen Farbfoto. Je näher das Modell-Bild der – zugegebenermaßen sehr aufgeräumten – gebauten Wirklichkeit kam, desto besser für den Verkauf.

Heute liegt die schrumpfende Modellbahn-Szene nicht ganz so brach, wie man meinen mag. Wer als popkulturell sozialisierter Intellektueller darüber lächelt, dass der CSU-Politiker Horst Seehofer eine Eisenbahn im Hobbykeller baut, dem sei gesagt, dass auch Rod Stewart und Neil Young als Teilzeit-Lokomotivführer wirken. Die ehemaligen Diskotheken-Inhaber Frederik und Gerrit Braun locken jährlich über eine Million Besucher in ihr Miniatur Wunderland Hamburg. Der Modellbauer Gerald Fuchs treibt dieses Genre im wahren Wortsinn auf die Spitze, wenn er dutzende alte Stadthaus-Bausätze zu einem monumentalen Großbau kombiniert. Doch egal, wer wie was baut, die Erkenntnis ist: Gute Architektur kann durch keinen Kleberfleck beschädigt werden.

Titelmotiv: Dame mit Falzarego-Kapelle im Faller-Katalog 1961 (Bild: Faller-Katalog 1961)

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Sommer 18: Modell Moderne

In Plastik sind alle gleich

In Plastik sind alle gleich

Daniel Bartetzko und Karin Berkemann über Miniatur-Welten.

"Im Kopf weiterspielen"

„Im Kopf weiterspielen“

Zu Hause beim Theologie-Professor Klaus Raschzok.

Falk Jaeger, * 1950

Falk Jaeger, * 1950

Der Publizist lernte Architektur mit Modell-Katalogen.

Oliver Elser, * 1972

Oliver Elser, * 1972

Der DAM-Kurator träumte von einer Abknipszange.

Rudolf Evert, * 1946

Rudolf Evert, * 1946

Der Anwalt schätzte schon früh präzise Abläufe.

Amandus Sattler, * 1957

Amandus Sattler, * 1957

Der Architekt wurde statisch früh herausgefordert.

Wolfgang Voigt, * 1950

Wolfgang Voigt, * 1950

Der Architekturhistoriker baute seinen eigenen Flughafen.

Außer Konkurrenz

Außer Konkurrenz

Zu schön, um sie nicht zu zeigen.

„Klartext!“

von Thomas Rempen mit Beiträgen von 16 Master-Studierenden (17/2)

Vor einem Jahr fragte mich die „Münster School of Architects“ (mas), ob ich nicht auch als Nicht-Architekt ein Semester-Seminar mit Masterstudenten machen will. Klar, wollte ich. Denn zwei Dinge beschäftigen mich schon lange: Da ist erstens die Sprachlosigkeit der Architekten im Labyrinth der Paragraphen, der Verordnungen, der Standards, der Regeldichten, der Abhängigkeiten – die Branche wehrt sich nicht, sie hat keine Lobby. Und zweitens sorgt genau diese deutsche Perfektionierung sinnferner Paragraphen und Verordnungen dafür, dass der sogenannte „Social turn“ und das soziale, preiswerte Wohnen für und mit allen (fast) unmöglich geworden ist.

16 Master-Studierende und eine Frage

16 Master-Studierende haben sich während des Wintersemesters 2016/2017 mit diesen beiden Problemfeldern auseinandergesetzt. Das Ergebnis: Sie haben entdeckt, warum die Architektur der Besinnung auf das notwendige, sinnvolle, nützliche, soziale, das liebens- und lebenswerte neue Rahmenbedingungen braucht. Sie haben entdeckt, wie problematisch und fragwürdig z. B. die Vorschriften zur Energiesparverordnung (EneV) sind, aber auch wie unzumutbar die Prosa der Bauordnungen ist und wie beschämend das Schweigen ihrer Branche. Sie haben entdeckt, dass sie sich bemerkbar machen müssen, wenn sich etwas ändern soll für neue Freiheiten und neues Vertrauen in die gestalterischen und sozialen Werte der Architektur – denn dafür steht der Architekt.

Sich wehren, anklagen, fordern

Erst war da bei den Studierenden gelangweiltes, dann ungläubiges Zögern. Doch dann hatte ich große Freude daran, zu sehen, wie sich die Studierenden für all diese Fragen wie die Wärmedämmung begeistern konnten. Investigativ spürten sie zahlreiche unbekannte und oft skandalöse Architekturverhinderungsfakten auf. Um sich dann an etwas zu versuchen, was eigentlich gar nicht ihr ursächliches Interesse ist: politische Kommunikation, sich wehren, Fragen stellen, anklagen, fordern, laut werden – eben „Klartext!“ reden.

Wenn sich etwas ändern soll

Nach den Vorbereitungen im Seminar schlug am 21. Januar 2017 der „Tag des Klartextes“: Es gab eine Ausstellung mit Filmen, Plakaten, Faktenwand und Musik. Dabei präsentierten die Studierenden unter dem Motto „Sondermüll-Mode“ Selbstgemachtes aus Dämmstoff. Sie rappten zur Energiesparverordnung, lasen bizarre Passagen aus dem Baugesetzbuch mit über 61.000 Paragraphen sowie der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI). Es gab Führungen durch den Dschungel der Dämmfragen und Plakate gegen das Regelwirrwarr. Und die Seminarteilnehmer präsentieren Website und Konzept für einen Verband deutscher Architekturstudierenden, eine Interessensvertretung ihrer Generation.

Laut und ungedämmt

Die Ausstellung und ihre vielfältigen Präsentationen sind inzwischen Geschichte. Doch können einige der Ergebnisse online und in diesem Beitrag bleibend angeschaut werden. Und die Studierenden haben entdeckt, dass sie sich bemerkbar machen müssen, wenn sich etwas ändern soll in ihrer Branche. Sie setzen sich ein für neue Freiheiten und neues Vertrauen in die gestalterischen und sozialen Werte der Architektur.

Titelmotiv: „wir brauchen einen vdas“: Website für einen „verband_deutscher_architektur_studierenden – die interessenvertretung für die junge architekten-generation“

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Frühjahr 17: Verdämmt!

Verteidigen, was kein Denkmal ist

Verteidigen, was kein Denkmal ist

LEITARTIKEL: Ursula Baus über Sinn und Unsinn der grassierenden Dämmwut – und was das über unser Architekturverständnis aussagt.

Was schief gehen kann

Was schief gehen kann

FACHBEITRAG: Dina Dorothea Falbe durchstreift Berlins Häuserschluchten.

Zweimal Bürofassade

Zweimal Bürofassade

PORTRÄT: Daniel Bartetzko skizziert zwei Frankfurter Sanierungen.

"Klartext!"

„Klartext!“

FACHBEITRAG: Thomas Rempen und 16 Master-Studierende werden laut und kreativ gegen den deutschen Dämmwahn.

"Die Geschwindigkeit ist Teil des Problems"

„Die Geschwindigkeit ist Teil des Problems“

INTERVIEW: Der bayerische Generealkonservator Prof. Mathias Pfeil spricht mit moderneREGIONAL über Forschung, Dämmung, Abwägung und Substanz.

Vorher-Nachher-Platte

Vorher-Nachher-Platte

FOTOSTRECKE: Martin Maleschka besucht Bukarest & Co.

Sitzen mit Wolfgang Voigt

Nicht genug, dass das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt moderne Architekturgeschichte ausstellt – es ist auch selbst Ort moderner Architekturgeschichte. Bis 1984 leitete Oswald Mathias Ungers den Umbau einer historischen Villa zum vielbeachteten Gesamtkunstwerk. Im Herzen dieses erneuerten Innenlebens findet sich das Auditorium, der Vortrags- und Veranstaltungsraum des Museums. Und hier, genau hier auf den von Ungers entworfenen Stühlen, sprach moderneREGIONAL mit Wolfgang Voigt, dem langjährigen stellvertretenden Direktor des DAM.

mR: Herr Voigt, Hand aufs Herz: Sitzt man auf Ungers Stühlen bequem?

Wolfgang Voigt: Dazu fällt mir ein schönes Zitat von Heinrich Klotz ein, dem Gründungsdirektor des DAM. Er hat als Bauherr auch diese Stühle bestellt. Als er sie zum ersten Mal als Prototypen sah, hat er in sein Tagebuch geschrieben: „Sie sind nicht eigentlich bequem, aber doch sehr schön.“ Das bezeichnet genau den Konflikt, den wir hier haben. Ich habe in meinen 18 ½ Jahren hier am Museum einige Klage über die Stühle gehört. Das ist so etwas wie der Running Gag des Hauses. Man kann darauf aber durchaus gut sitzen, wenn man den Rücken fest an die Lehne presst und gerade sitzt. Dann gibt es keine Rückenschmerzen, ich würde sogar sagen, dass es gesund ist. Aber es ist natürlich keine relaxte Haltung, ganz klar. Aber apropos Bequemlichkeit: Es gibt auch von anderen berühmten Designern und Architekten Stühle, die nicht bequem sind, weil sie Formalismen darstellen. Anlässlich der Werkbundausstellung von 1914 gab es eine hübsche Karikatur: „Van de Velde schuf den individuellen Stuhl, Muthesius die Stuhltype und Schreinermeister Heese den Stuhl zum Sitzen“. Oder denken Sie an Gerrit Rietveld und seinen Red and Blue Chair. Der huldigt der Farbe, dem Rechteck, dem rechten Winkel und dem rohen Material. Stehen Sie aus diesem Stuhl erst einmal wieder auf – das ist nicht angenehm!

mR: Was zeichnet das Auditorium des DAM aus?

W. Voigt: Das Auditorium ist ein geradezu ikonischer Raum. Ich erinnere mich gut an die Feier im Jahr 2004 anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Hauses. Ungers lebte damals noch und war gekommen, ebenso Charles Jencks, der große Autor der Architekturpostmoderne. In seiner Rede sagte er den bemerkenswerten Satz: „This is a church of architecture.“ Das trifft es! Das sind Stühle zur Andacht. Wenn man sie zu einer Reihe zusammenstellt, ist es fast eine Kirchenbank. Das Auditorium ist keine Wellnessoase. (lacht) Wenn wir aber Besucher aus Asien und Nordamerika haben, kommen die wenigsten, weil sie eine bestimmte Ausstellung sehen wollen. Sie wollen das Museum sehen. Sie interessiert das berühmte Haus im Haus. Und natürlich auch das Auditorium. Also auch, wenn diese Räume reiner Formalismus sind und nicht funktional, sind sie das große Kapital des Museums.

mR: Also ein gelungener Entwurf?

W. Voigt: Sicherlich gelungen. Aber man bringt ein Opfer.

mR: Wenn es nicht die Bequemlichkeit ist, was macht den Reiz der Stühle aus? 

W. Voigt: Hier steht die Form vor der Funktion, das ist klar. Es handelt sich um extremen Formalismus. Aber schauen wir den Stuhl näher an. Wir sehen ein Liniengerüst aus schwarzen, dicken Holzstäben mit vier Beinen. An diesem Stuhl ist nichts geschraubt, es gibt kein Metallteil. Es ist alles handwerklich verzapft. Das ist übrigens ein Grund, dass diese Stühle hier seit 33 Jahren stehen und kein einziger Ermüdungserscheinungen aufweist. Der ganze Stuhl ist 94 cm hoch. Die Sitzhöhe beträgt 47 cm, die Lehne ebenso: zwei gestapelte Quadrate. Die Breite weicht etwas ab, was man mit bloßem Auge nicht erkennt, das verleiht dem ganzen etwas mehr Erdung. Die Lehne ist wie ein Fensterkreuz, wieder aufgeteilt in vier Quadrate mit weißer Kunstlederfüllung. Alles an den Stühlen huldigt dem Quadrat, wie überhaupt vieles, wenn nicht alles in diesem Museum. Nun gibt es Architekten, die fragen: „Was hatte der Ungers eigentlich?“ Der rechte Winkel hat zwar seine Berechtigung in der Architektur und macht im Planen und Anfertigen von Entwürfen Sinn. Das Rechteck, bei dem vorher das Verhältnis von Seite und Länge nicht festgelegt ist, ist dafür wie geschaffen. Das Quadrat legt dagegen so viel fest, dass nicht viele Möglichkeiten bleiben. Aber genau das faszinierte Ungers. Ich denke, er wollte zeigen, dass die Architektur Regeln braucht. Das auszudrücken, hat er geschafft.

mR: Was ist Ihr Sitzrekord?

W. Voigt: Ich habe die Stunden nicht gezählt, aber hier durchaus schon ganze Tage zugebracht. Danach braucht man einige Zeit, um wieder zu sich zu kommen. Wir haben der Bequemlichkeit aber eine Konzession gemacht, indem wir schwarze Kissen auf die Sitzfläche legen, die zumindest etwas mehr Komfort bieten.

mR: Sie selbst haben einen der Auditoriumsstühle in Ihrer Wohnung – was hat es damit auf sich? 

W. Voigt: Ich habe hier die Architekturgeschichte vertreten. Das Museum hat mir mit dem Stuhl ein sehr schönes Abschiedsgeschenk gemacht – oder eigentlich eine lebenslange Dauerleihgabe an mich, ich habe einen entsprechenden Vertrag unterschrieben. Leute wie ich haben viele Bücher und leider immer mehr Dinge als Platz dafür. Ich muss gestehen: Derzeit ist der Stuhl bei mir eine Bücherablage.

 mR: Liegt das an der Konkurrenz bei Ihnen zu Hause? 

W. Voigt: Ja, ich habe den Grand Repos Sessel von Jean Prouve. Das ist der Entwurf von 1932, den man auch den Katapultstuhl nennt. Er ist in sich beweglich und man kann sich in eine schöne und unerwartet bequeme Ruheposition gleiten lassen.

Das Gespräch führte Julius Reinsberg.

Dr.-Ing. habil. Wolfgang Voigt, * 1950, Studium der Architektur in Hannover, verschiedene wissenschaftliche und redaktionelle Tätigkeiten und Lehraufträge, von 1997 bis 2015 stellvertretender Direktor des DAM, seit 2016 tätig als freier Architekturhistoriker, stellvertretender Sprecher der Föderation deutscher Architektursammlungen und stellvertretender Vorsitzender der ernst-may-gesellschaft.

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Herbst 17: Nehmen Sie Platz!

"Schwerer als ein Wolkenkratzer"

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LEITARTIKEL: Hajo Eickhoff über eine moderne Beweglichkeit.

Sitzen im Fußballstadion

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FACHBEITRAG: Matthias Marschik zwischen Nordkurve und Souvenirstand.

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FACHBEITRAG: Dietrich Worbs unterwegs zum Kinosessel.

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FACHBEITRAG: Martin Bredenbeck über (ehemals) konsumfreie Räume.

Sitzen mit Wolfgang Voigt

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INTERVIEW: ein Architekturhistoriker und drei Ungers-Stühle.

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PORTRÄT: Julius Reinsberg zwischen Pomp und Bescheidenheit.

Sitting in Motion

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FOTOSTRECKE: von ergonomischen Zugabteilen und futuristischen Flugzeugsitzen.