Ein Raumflugplanetarium im Umbruch

Luftaufnahme des Raumflugplanetariums "Sigmund Jähn" aus der Bauzeit (Bild: Stadtarchiv Halle, Foto: Josef Münzberg)
Luftaufnahme des Raumflugplanetariums „Sigmund Jähn“ in Halle (Saale) aus der Bauzeit (Bild: Stadtarchiv Halle, Foto: Josef Münzberg)

Die Stadt Halle möchte mit Fluthilfe-Fördergeldern ein neues Planetarium im stillgelegten Gasometer der größten Saale-Insel bauen: ein vielversprechendes Projekt. Denn seit der Errichtung von Halle-Neustadt ist die durch große Brachen gekennzeichnete Saline-Insel das geographische Zentrum der Doppelstadt. Ihre „Revitalisierung“ würde das Zusammenwachsen der beiden Stadthälften positiv beeinflussen. Das frühere Raumflugplanetarium „Sigmund Jähn“ (1976-78) steht dagegen in einem schlecht angebundenen Naturschutzgebiet der kleineren Peißnitzinsel. In den letzten Jahren war es zweimal vom Hochwasser betroffen, wobei die Flut 2013 auch noch den teuren Projektor beschädigte. Da die Stadt sich für dieses eigenwillige Bauwerk keine andere Verwendung vorstellen konnte (und daher den weiteren Unterhalt nicht übernehmen wollte), zielte ihr Fluthilfeantrag auf einen „Ersatzneubau“. Man erklärte den Altbau zum „wirtschaftlichen Totalschaden“ und sah eine Abbruchförderung vor.

 

Einmalige Betonschalen-Sonderkonstruktion

Im Zuge der immer konkreter werdenden Abrisspläne wurde jedoch – auf Initiative des Arbeitskreises Innenstadt e. V. sowie der Freunde der Bau- und Kunstdenkmale Sachsen-Anhalt e. V. – intensiv über den hohen baukünstlerischen Wert und die konstruktiven Details dieser Anlage diskutiert: Entworfen vom Architekten Klaus Dietrich (1937-86) zusammen mit dem Bauingenieur Herbert Müller (1920-95), verfügt die Anlage nicht nur über HP-Schalen auf dem Dach und vorgeblendete HPZ-Zylinderschalen an der Fassade des Sternwarten-Anbaus. Das kegelförmige, speziell für die Sternenshow des „Spacemaster“-Projektors konzipierte Planetarium besteht auch noch aus einer einmaligen Betonschalen-Sonderkonstruktion.

Als das Landesamt für Denkmalpflege Sachsen-Anhalt daraufhin das Planetarium im Juni 2015 als Baudenkmal unter Schutz stellte, modifizierte die Stadt Halle ihre Pläne lediglich verbal: zu einem „denkmalgerechten Rückbau“. Ende des Monats beschloss der Finanzausschuss, die dafür notwenigen Mittel in den Haushalt einzustellen. Dabei wurde ein Antrag auf Erhalt des Gebäudes abgeschmettert und eine weitere Sitzung, welche die völlig neuen Rahmenbedingungen näher untersuchen könnte, gar nicht erst anberaumt.

 

Zukunft als Architektur-Skulptur?

Denn ein Abriss kann jetzt – so die Auskunft des Landesamtes für Denkmalpflege – nur noch nach einer Genehmigung durch die Obere Denkmalschutzbehörde (Landesverwaltungsamt) erfolgen. Dafür muss die Stadt nachweisen, dass sie als Eigentümer alle Erhaltungs- und Veräußerungsmöglichkeiten ausgeschöpft hat. Sollten sich genug aktive Freunde der Nachkriegsmoderne finden, die sich für die Sicherung als Architektur-Skulptur stark machen, dürfte dies nicht förderschädlich für das neue Planetarium sein: Die Förderrichtlinien des Fluthilfefonds zwingen nicht zum Abriss. Um den (noch nicht bewilligten) Zuschuss von rund 6,8 Millionen Euro für den Ersatzbau nicht zu gefährden, ist es bis zum Ende der Bindefrist jedoch ausgeschlossen, das alte Planetarium zu nutzen. Der Denkmalstatus bietet jetzt allerdings die Chance, in Ruhe konkrete langfristige Perspektiven für dieses ostmoderne Bauwerk zu entwickeln. (ts, 12.7.15)

Gebaute Gymnastik (mit Waggonwohnen)

Loheland, Leuchte (Bild: K. Berkemann)
Selbst die Leuchten nähern sich der Natur (Bild: K. Berkemann)

Es geht nicht um „Bauch-Beine-Po“ (das hätten die Loheländerinnen mit Naserümpfen als „hygienische Übung“ entlarvt), es geht um eine Gymnastik, die den ganzen Mensch in Bewegung setzen will. Vom 29. bis 30. Mai 2015 trafen sich Kunsthistoriker, Kulturwissenschaftler und Architekten in Loheland bei Fulda, um sich mit der Tagung „Die Frauensiedlung Loheland im Kontext der Moderne des 20. Jahrhunderts“ dem gebauten Ausdruck dieser Körperbildung anzunähern. Nach sieben Jahren voller Provisorien konnten Louise Langgaard und Hedwig von Rohden – beide reformbewegte Gymnastinnen mit Kontakt zu Rudolf Steiner – ihrer Lehre 1919 endlich einen festen Ort geben. Heute gilt Loheland als die älteste anthroposophische Siedlung Deutschlands, die u. a. auf Planungen des Gartenarchitekten Max Karl Schwarz zurückgeht. Einige der Bauten, die hier in den folgenden Jahrzehnten entstanden, ersetzten den rechten Winkel durch viel Fantasie. Doch daneben war ebenso Platz für viele schlaue Provisorien und ungewöhnliche Einzellösungen.

 

Evahaus, Franziskusbau und Waggonia

Zu Beginn der Tagung, zu der das Landesamt für Denkmalpflege Hessen und die Loheland Stiftung eingeladen hatte, näherten sich die Teilnehmer dem Thema nicht nur mit den Ohren (man trug vor und diskutierte), sondern ganz „loheländisch“ auch mit den Füßen (man erkundete die gewachsene Streusiedlung). Zunächst hatten die Loheländerinnen die notwendigsten Räume geschaffen: das Holzhaus für die Landwirtschaft (1919), den Rundbau für die gymnastischen Übungen (1920), Wohnhäuser, Werkstätten und Trafostation (1923) – und erste prägende Steinbauten wie das hochaufragende Evahaus (1924), das organische Steinhaus (1925) und den expressiven Franziskusbau (1925/1982).

Der zweite Tagungstag beleuchtete die Geschichte der Bauten und ihrer Gemeinschaft und stellte beide in ihren zeitlichen Kontext: von der osteuropäischen Künstlersiedlung bis zu den Werkstätten Hellerau. In Loheland selbst handelte man in der Lehre konsequent, im Leben pragmatisch. Im regen Austausch mit den Anthroposophen, dem Bauhaus oder dem Werkbund erarbeitete man sich in den 1920er Jahren einen guten Ruf. Man bildete eine ganze Frauengeneration im Sinne einer ganzheitlichen Wahrnehmungsschulung und betrieb erfolgreich kunstgewerbliche Werkstätten. Auch die Loheländer Tänzerinnen, allen voran Eva-Maria Deinhardt und Berta Günther, erregten Aufmerksamkeit. Baulich halfen günstige Holzbauten durch die wirtschaftsschwachen Jahre: wie die charmante Post (1927) oder die experimentelle „Waggonia“ (1927), eine holzverkleidete Verbindung von vier Vierte-Klasse-Eisenbahnwaggons.

 

Durch den Krieg, nach dem Krieg

Nach 1933 suchte Loheland einen Mittelweg: Man bildete für das neue Regime Gymnastiklehrerinnen aus und blieb zugleich eines der letzten Refugien für bombengeplagte Freidenker. Nach Kriegsende wurde weiter gelehrt und gebaut – vom Wiesen- (1958) bis zum Giebelhaus (1962). Langsam gewann die Waldorfschule mit ihren Um- und Neubauten der 1980er Jahre an Bedeutung. Ein Versuch, die ruhende Gymnastinnen-Ausbildung wiederzubeleben, endete 2009 (vorerst) endgültig. Geblieben sind markante Bauten, für die auf der Tagung durch die Denkmalpflege das Konzept der Gesamtanlage vorgestellt wurde: Schutz für das gesamte Gelände und seine Bauten (letztere teils als Einzelkulturdenkmäler). Es soll eine Reihe von Fachtagungen rund um Loheland folgen, stellt es doch – so der Einladungstext zur ersten Konferenz – „in seiner ideellen und gebauten Idee ein Gesamtkunstwerk von herausragender kulturgeschichtlicher Bedeutung dar.“ (kb, 30.5.15)

 

Nächste Termine in Loheland

Eine geheime Geschichte der Moderne

Fidus, Der Tempel der Erde, 1901, Druck 40 × 50 cm (© ehemals Eugen Lucius, Frankfurt am Main/Courtesy Villa Grisebach, Berlin/VG Bild-Kunst Bonn, 2015)
Fidus träumte 1901 von einem „Tempel der Erde“ (© ehemals Eugen Lucius, Frankfurt am Main/Courtesy Villa Grisebach, Berlin/VG Bild-Kunst Bonn, 2015)

Sie wollten nicht weniger als eine neue Welt bauen: In der Ausstellung „Künstler und Propheten. Eine geheime Geschichte der Moderne 1872-1972“ beleuchtet die Schirn in Frankfurt am Main bis zum 14. Juni 2015 ein unbekanntes Kapitel der europäischen Kunstgeschichte. Sie enthüllt die Wechselbezüge zwischen Künstlern der Moderne und selbsternannten „Propheten“. Anschaulich wird dies anhand von rund 400 Exponaten u. a. von František Kupka, Egon Schiele, Johannes Baader, Heinrich Vogeler, Friedrich Schröder-Sonnenstern, Friedensreich Hundertwasser, Joseph Beuys oder Jörg Immendorff.

 

Von Kohlrabi-Aposteln und Inflationsheiligen

Im deutschsprachigen Raum bildete sich um 1872 eine Bewegung von Künstler-Propheten – religiöse Abweichler und Sozialrevolutionäre zugleich. Von einer schweren Erkrankung genesen, wandte sich der Maler Karl Wilhelm Diefenbach (1851-1913) einer vegetarischen Lebensweise und freireligiösen Gedankenwelt zu. Der Bart- und Kuttenträger wurde zum „Urvater“ der frühen Künstlerpropheten, die sich in seinen wechselnden Kommunen die Klinke in die Hand gaben: so der von ihm Fidus genannte Illustrator Hugo Höppener (1868-1948) oder der sich selbst inszenierende Wanderprediger Gustav Nagel (1874-1952).

Später trieb die Inflation den neuen Heiligen ihre Anhänger scharenweise in die Arme. Der – anfangs ebenfalls Diefenbach nahestehende – Gusto Gräser (1879–1958) zog sich ins verwunschene Tessin zurück, ließ sich „Gras“ nennen (kein Individuum solle im Plural gerufen werden), verteilte selbstgemalte Sinnpostkarten und hinterließ eine nachhaltige Wirkung in der Künstlerelite, darunter der Dichter Hermann Hesse. Auch Pioniere der modernen Malerei zehrten von der Bilderwelt der Künstlerpropheten – von der Abstraktion eines František Kupka (1871–1957) bis zum Menschenbild eines Egon Schiele (1890-1918). Und Seelenfänger wie Friedrich Muck-Lamberty (1891–1984) zogen mit ihrer „Neuen Schar“ singend und tanzend durch die Republik.

 

Von Kommunisten und Ökoromantikern

Aus den Anfängen der Künstlerpropheten und ihren skurrilen Blüten in der Weimarer Republik wagt die Frankfurter Ausstellung einen Bogen in die deutsche Nachkriegszeit. Nach dem Krieg positionierte sich der Maler Friedrich Stowasser alias Friedensreich Regentag Dunkelbunt Hundertwasser (1928-2000) als Parade-Ökologe mit der Tendenz zum spiraligen Gesamtkunstwerk. Oder – mit nicht weniger politischem Konfliktpotenzial – inszenierte sich Joseph Beuys als neuer Messias und Träger der einzig wahren Revolution.

Der Ausstellung gelingt ein mutiger Brückenschlag. Man folgt dem nicht enden wollenden Fries von Diefenbachs süßlich-gekonnten Kinderbildern in die nebeldurchzogenen Ägyptenfantasien eines Kupka. Man begreift mit vielen Bild- und Tondokumenten, wie schmal der Grat zwischen skurrilem Nerd und gefährlichem Seelenfänger in der Weimarer Republik verlaufen konnte. Und man steht ebenso belustigt wie fasziniert vor dem hohen Anspruch der kommunistisch-ökologischen Welterneurer eines steif gewordenen Nachkriegsdeutschlands. Eine Fülle an Bildern und Texten, die wohl mehrere Besuche braucht, um sich in all ihren Verästelungen und Verknüpfungen zu erschließen. (kb, 4.4.15)