FACHBEITRAG: Unter der Laterne

von Karin Berkemann (16/1)

Die Schönheit und das Göttliche sind bekanntermaßen Geschwister: Beide lassen sich schwer finden, aber leicht erkennen, denn die Begegnung mit ihnen tut weh. Man könnte es vornehmer als schmerzhafte Grenzerfahrung beschreiben, weil sie Räume eröffnen, die sich vom heimischen Wohnzimmer unterscheiden. Kirchenbauer wählten dafür entweder ein barockes „Mehr“ (Blattgold mit Gedöns) oder ein modernes „Weniger“ (Kunststein ohne Alles) – wobei spätere Nutzer selten der Versuchung widerstanden, Gott darin mit Tüll und Yuccapalme ein besonders behagliches Plätzchen anzubieten. Und dann gibt es jene Räume, die uns einen wohligen Schauer über den kulturbourgeoisen Rücken jagen. Die uns zu sehr an das Wohnzimmer unserer Jugend erinnern, um sie vorbehaltlos „schön“ zu nennen. Die uns aber noch eine ganze Weile beschäftigen, wenn wir jede Inkunabel längst als solche verbucht haben. Ein ebensolcher Raum ist auch die katholische Albertus-Magnus-Kirche im hessischen Langen aus dem Jahr 1985 – die wundervoll überbordende Frucht eines lang gehegten Wunsches.

Hier leuchten nicht nur die Farben: die Albertus-Magnus-Kirche (J. Kepser, 1985) im hessischen Langen (Bild: K. Berkemann)

Schnörkel oder klare Kante

Die Marburger Elisabethkirche lässt grüßen: ein Blick auf die neugotische evangelische Stadtkirche von Langen (J. C. Horst, 1883) (Bild: E-W, CC BY SA 3.0)

Bereits 1526 war Langen mit Landgraf Philipp zum Protestantismus gekommen. Als Gottesdienstraum diente weiterhin die mittelalterliche Kirche im Ortszentrum, die 1883 durch einen Neubau ersetzt wurde. Oberbaurat Johann Christian Horst stellte seinen neugotischen Entwurf mit Fensterrose und steinernem Turmhelm programmatisch in die Nachfolge der Marburger Elisabethkirche, der Mutterkirche der hessischen Landgrafen und ihrer Reformation. Obendrauf erhielt Langen durch Großherzog Ludwig IV. von Hessen-Darmstadt zur Einweihung noch die Stadtrechte. Die Katholiken hingegen blieben eine Minderheit, die erst 1893 in damaliger Ortsrandlage eine Marienkapelle errichten konnte. In der Frankfurter Straße schuf der Mainzer Dombaumeister Joseph H. A. Lucas einen maßstäblichen, jedoch in seinen neugotischen Formen deutlich sakralen Backsteinbau. 

Die Zahl der Katholiken wuchs nach 1945 durch Flüchtlinge und Zuzüge sprunghaft an, was auch die neue „Wohnstadt Oberlinden“ südwestlich von Altstadt und Bahnlinie prägte. Für beide Konfessionen stellte die Wohnungsbaugesellschaft „Nassauische Heimstätte“ städtebaulich prominente Grundstücke bereit und drängte auf künstlerisch anspruchsvolle Kirchenbauten. So wurde 1963 die evangelische Martin-Luther-, 1968 die katholische Thomas-von-Aquin-Kirche eingeweiht. Während man hier das Beste der Klassischen Moderne (Materialsichtigkeit und geometrische Grundformen) mit einigen spätmodernen Flausen (Faltdach und Farbakzente) verband, spielte man in der Innenstadt mit der Geschichte: In der Bahnstraße bekam das Evangelische Gemeindehaus 1926 eine klassi(zisti)sche Fassadenordnung, die neue katholische Albertus-Magnus-Kirche 1956 ein stilisiertes Rosettenfenster – als kleiner konfessioneller Nadelstich in Richtung evangelische Stadtkirche.

Warum kleckern, wenn man …

Ein Hauch von Schlumpfhausen: Hutartige Kupferdächer in Stehfalz-Deckung überfangen das Pfarrzentrum der Langener Albertus-Magnus-Kirche (Bild: E-W, CC BY SA 3.0)

Gut 20 Jahre nach ihrer Weihe wurde die erste Albertus-Magnus-Kirche im März 1979 baupolizeilich geschlossen, da man die Betonbinder als schadhaft und damit den gesamten Bau als einsturzgefährdet einstufte. Bereits im November desselben Jahres folgte der Abriss, 1982 die Genehmigung für einen Neubau. Für das neue Pfarrzentrum schöpfte man selbstbewusst aus dem Vollen: Zwischen 1983 und 1985 entstand ein großzügiges Ensemble aus Kirche mit Turm, Gemeindesaal, Gruppenräumen, Jugendheim und Kindertagesstätte.

Nach Norden, zur belebten Bahnstraße hin, öffnet sich die weitläufige Anlage mit all ihren Funktionen um den „Brunnenhof“. Überragt wird das backsteinsichtige Ensemble mit hutartigen Kupferdächern vom 27 Meter hohen Turm, der stolze fünf Glocken trägt. Kommt der Besucher von Süden, vom ruhigen Albertus-Magnus-Platz her, lässt das Pfarramt links liegen und überquert den kleinen Vorplatz, gelangt er zur Kirche über einen separaten Zugang im Turm. Vom annähernd quadratischen, mehrfach verkröpften Kirchengrundriss bleibt – zieht man das langgestreckte Foyer ab – für den Gottesdienstraum eine längsrechteckige Grundfläche. Dieser Querrichtung folgt die Firstlinie der kupferverkleideten Deckenkonstruktion, die sich mittig nochmals zu einem Oberlicht aufbäumt. An den Kirchenbau ist im Osten ist eine Apsis, im Norden die Kapelle „Maria vom Frieden“ angegliedert.

Viel Farbe und einige Straßenlaternen

Ein postmodernes Feuerwerk: Klinkerrot und Kupfergrün werden im Gottesdienstraum der Langener Albertus-Magnus-Kirche vielfach aufgegriffen (Bild: K. Berkemann)

Spätestens im Inneren kann man der Albertus-Magnus-Kirche kaum den Vorwurf der Unscheinbarkeit machen, denn hier steigert sich der Farbklang aus Klinkerrot und Kupfergrün zum postmodernen Feuerwerk: Die schiffsbugartige Deckenkonstruktion setzt grüne neben rote Holzelemente und dazwischen eine ebensolche Kassettierung – ein Motiv, das die seitliche Orgelempore wieder aufgreift. In der Apsis, die eine stilisierte Fenstergestaltung des rheinischen Glasmalers Georg Meistermann rahmt, steht die Tabernakelstele vor einem grün-goldenen Wandgemälde mit Engelsmotiven, das der Kölner Kirchenmaler Klaus Balke schuf. Die Altarinsel und die hufeisenförmig darum gescharten Bankblöcke werden von rot-grünen „Straßenlaternen“ beleuchtet …

Dieses Farben- und Formenwunder wurde vom Architekten Johannes W. M. Kepser entworfen. Geboren 1935 in Goch am Niederrhein, konnte er seiner Liebe zur Malerei nicht zum Brotberuf machen. Stattdessen studierte er an der Werkkunstschule in Krefeld bis 1962 Architektur – und blieb der Kunst als Gasthörer treu. Nach ersten Berufsjahren in Köln zog Kepser 1973 nach Dreieichenhain, arbeite als freier Architekt mit Schwerpunkt im Kirchenbau. Ab 1980 leitete er zudem eine kunsthistorische Exkursionsreihe des katholischen Bildungswerks Südhessen. Auch in seinen Bauprojekten legte Kepser Wert auf einen sensiblen Umgang mit der Geschichte und eine ausdrucksstarke farbliche Ausgestaltung. So gab er z. B. der Langener Stadtkirche bei der Restaurierung von 1996/97 ihre bauzeitliche Ausmalung samt „Sternenhimmel“ zurück.

Abschied von der Dekosperre

Nennen wir es mal „starkfarbig“: die Tabernakelstele von Elmar Hillebrand vor den Fenstern von Gottfried Böhm im Mariendom zu Neviges (G. Böhm, 1968) (Bild: Frank Vincentz, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Kepsers Albertus-Magnus-Kirche lebt vom Spiel der Oberflächen: Aus der natürlichen Färbung der vorherrschenden Baustoffe leitete er die weitere Gliederung des Innenraums ab. In Klinkerrot und Kupfergrün strukturierte er einzelne Bauteile wie die hölzerne Deckenkonstruktion. Die backsteinsichtigen Wände erhielten zudem einen stufengiebelartigen Reliefabschluss. Hier spielt Architektur mit ihren Notwendigkeiten und wird zu ihrer eigenen Schmuckform. Würde es nicht zu sehr nach Hochzeitstorte und Wandtattoo klingen, man könnte von Dekor sprechen.

Damit brachte Kepser ein Stück rheinische Kirchbaugeschichte an den Main. „Gewölbe“ und Apsis lassen nicht nur an die mittelalterlichen Kirchen in und um Köln denken. Hier kannte auch die Nachkriegsmoderne mehr als kantiges Kunststeingrau: von den kühnen Schwüngen eines Hans Schilling über den „Historismus“ eines Karl Band bis zur Opulenz der Böhm-Dynastie. Nicht umsonst zeigte Gottfried Böhm bei einer Inkunabel der Kirchbaumoderne, seiner Wallfahrtskirche von Neviges (1968), keinerlei Scheu vor Tradition und Farbe. Unter seiner vielfach gefalteten Betondecke, zwischen seinen glühenden Fenstergestaltungen, leuchten monumentale Laternen auf die Pilgerschar herab.

Postmoderne Piazza

Künstliche Erlebniswelten: die denkmalgeschützte „Calwer-Passage“ (Kammerer, Belz und Partner, 1978) in Stuttgart, die heute vom Projekt „Fluxus“ mit Leben gefüllt wird (Bild: Bundesarchiv B 145, Bild F078962-0029, 1988)

Mit der profanen Straßenlaterne verschränkten Kirchenbauer wie Gottfried Böhm nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) gerne den liturgischen mit dem öffentlichen Raum. Zeichenhaft zogen sie den Pflasterbelag vom Vorplatz bis ins Kircheninnere. Aus dem geschützten Bezirk der Gottesdienstgemeinde sollte ein Ort der Begegnung und der „tätigen Teilnahme“ werden. Um den Kirchenbau gruppierten sich die weiteren Funktionen des Pfarrzentrums. Und auf der Suche nach Vorbildern ging der Blick auch in den profanen Raum, zu den „Marktplätzen“.

Mit dem ihr eigenen Überschwang stilisierte die Postmoderne jede Mall zur italienischen Piazza. So formte man z. B. die „Calwer Passage“ (Kammerer, Belz und Partner, 1978) nach dem Vorbild der Mailänder Galeria Vittorio Emanuele II (1867) mit Marmor, Stahl und Glas zur glitzernden Erlebniswelt. Was in Stuttgart mit der Aufenthaltsqualität den Konsum heben sollte, stand für Kepser im Dienst des kirchlichen Gemeinschaftsgedankens. So steigerte er in Langen die feierliche Raumwirkung zum liturgischen Zentrum hin: Die Außenlaternen des Brunnenhofs unterscheiden sich von ihren farbstarken Schwestern im Kirchenraum. Über dem Altar verweist der monumentale Radleuchter auf das himmlische Jerusalem. Bei ähnlichem Muster wird auch das Material des Bodenbelags vom Vorhof bis zum Altarraum immer edler.

Fleischgenuss im Dienst der Kirche

27 Meter, 5 Glocken und 1 Gockel: der Turm der Langener Albertus-Magnus-Kirche wurde gerade saniert (Bild: K. Berkemann)

Bis heute blieb die Albertus-Magnus-Kirche fast unverändert erhalten. In den letzten Jahren wurde ihre Ausstattung angereichert, so dass sie nun gleich zwei Grandseigneurs der Glaskunst versammelt: Das bauzeitliche Fensterband von Georg Meistermann und neuere Einzelfenster des Langener Glasmalers Johannes Schreiter. Gerade hat die Gemeinde, die wieder mit der Liebfrauen- und Thomas-von-Aquin-Kirche zur St. Jakobus-Gemeinde zusammengelegt wurde, ihren Kirchturm und das ihn bekrönende Schmuckwerk saniert. Der finanzielle Eigenanteil wurde engagiert und kreativ beigebracht, u. a. durch den Verkauf von „Gockelwurst“.

Bis heute blieb die Albertus-Magnus-Kirche fast unverändert erhalten. In den letzten Jahren wurde ihre Ausstattung angereichert, so dass sie nun gleich zwei Grandseigneurs der Glaskunst versammelt: Das bauzeitliche Fensterband von Georg Meistermann und neuere Einzelfenster des Langener Glasmalers Johannes Schreiter. Gerade hat die Gemeinde, die wieder mit der Liebfrauen- und Thomas-von-Aquin-Kirche zur St. Jakobus-Gemeinde zusammengelegt wurde, ihren Kirchturm und das ihn bekrönende Schmuckwerk saniert. Der finanzielle Eigenanteil wurde engagiert und kreativ beigebracht, u. a. durch den Verkauf von „Gockelwurst“.

Seien wir ehrlich: Als Kind der 1980er Jahre schaut man sich in der Albertus-Magnus-Kirche instinktiv nach Papa Schlumpf um. Nach einer Weile wird alles zu nah, zu viel, zu schön. Dieser Reflex wird in den kommenden Jahren erlahmen und einer klärenden Distanz weichen. Trotzdem lohnt es schon jetzt, den am Scan-Design geschulten Geschmack abzuschütteln, denn hier wusste jemand, was er tat: Auf dem Boden der rheinischen Kirchbautradition stellte Kepser seine Formzitate in den Dienst eines zeitgenössischen theologischen Raumkonzepts und entfaltete seine überbordende Farbwelt konsequent aus den Baustoffen.

Wohin mit so viel Schönheit

Eine von vielen: St. Johannes d. T. (E. Hofmann, 1980) im hessischen Niederreifenberg (Bild: Karsten11, CC0)

Wie die staatliche Denkmalpflege künftig mit solch jungen überschwänglichen Baukunstwerken umgeht, bleibt spannend. So wurde beispielsweise die Verfasserin mit der Inventarisation modernen Kirchen in Offenbach Stadt und Landkreis beauftragt – bis zum Baujahr 1979. Schon für diese vor-postmodernen Jahre sind noch längst nicht alle Kämpfe ausgefochten. Die Arbeitsgemeinschaft Inventarisation der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland veröffentlichte 2009 eine – wie sie es nannte – „Stichwortsammlung“ zur Bewertung von Kirchen nach 1945: von der historischen über die städtebauliche, architekturgeschichtliche, künstlerische und liturgiegeschichtliche Bedeutung bis hin zum Erhaltungszustand. Ein hilfreicher Leitfaden, der immer wieder aufs Neue vor Ort individuell und fachkundig auf die jeweilige Kirchenlandschaft heruntergebrochen werden muss.

In den vergangenen Jahrzehnten setzte die denkmalfachliche Auseinandersetzung logischerweise immer dann ein, wenn eine Baugattung, wenn eine Stilepoche akut bedroht war. Demnach sind jetzt (!) die Bauten der Spät- und Postmoderne an der Reihe, denn im Niemandsland zwischen neu und historisch zählen sie besonders häufig zur „Verschiebemasse“ der – durch Mitgliedschafts-, Finanz- und Sinnkrise ausgelösten – kirchlichen Umstrukturierungsprozesse. Umso leidenschaftlicher nehmen sich gerade die virtuellen Communities ihrer an. Vielleicht ist es die radikalste Form des Widerstands, sich bei all den notwendigen Kämpfen nicht den Spaß an diesen fast kindlich heiteren, überschwänglich fantasievollen und überfordernd schönen Kirchenräumen verderben zu lassen. Denn: Auch wenn sich die Verfasserin Gott eher als Nomaden vorstellt – sollte dieser einmal den Hang zu Teilzeitsesshaftigkeit verspüren, steht für ihn in Langen schon ein ebenso kunstvolles wie behagliches Plätzchen bereit.

Rundgang

Ein Blick auf einige der Kirchenschönheiten im hessischen Langen …

Literatur (in Auswahl)

Betzendörfer, Eduard, Geschichte der Stadt Langen, Langen/Hessen 1961.

Kirchbauverein St. Albertus Magnus, Langen/Hessen.

Katholische Kirche Langen, Pfarrgemeinde St. Jakobus, Langen/Hessen.

Titelmotiv: Langen, Albertus-Magnus-Kirche (Bild: K. Berkemann)

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von Uta Winterhager (16/1)

… zumindest haben meine Kinderaugen das so gesehen. Vielleicht schaue ich mir die beiden bunten Hochhäuser in Köln deshalb so gerne an, weil sie von früher erzählen. Von großen Ideen und einfachen Mitteln – das haben das Herkuleshochhaus und das Funkhaus der Deutschen Welle gemeinsam. Und noch etwas teilen sie: das traurige Schicksal der Ungemochten und Unverstandenen. Dabei bieten die farbigen Fassaden mindestens zwei Gründe, sie zu mögen. Sie entschuldigen sich mit großer Geste dafür, dass sie den Blick verstellen und einen riesigen Schatten werfen. Und sie machen der Stadt ein großes Geschenk: konkrete Kunst auf über 50.000 Quadratmetern, öffentlich und weithin sichtbar und das seit vielen Jahrzehnten.

Der Geist der Stadt ist nicht grau

Über allen Gipfeln … ist Farbe! Das Herkules-Hochhaus kann alles außer Grau (Bild: Uta Winterhagher)

Jeder kennt das „Papageienhochhaus“, das dort so plötzlich und so unerwartet bunt steht, jeder fährt ständig daran vorbei aber niemals hin. Und jeder möchte dazu eine Geschichte erzählen, etwas Skurriles, etwas Unheimliches, Trauriges oder Fieses. Als Peter Neufert (1925-99), Sohn von Ernst Neufert, Ende der 1960er Jahre von der Dr. Rüger Immobilien Holding mit dem Entwurf eines Super-Wohnhauses beauftragt wurde, gab es in Köln zwar Beispiele der noch jungen Typologie des Wohnhochhauses. Doch sein 31-geschossiger Turm sollte sie um mehr als 30 Meter überragen und erstmals die 100-Meter-Marke überschreiten.

Obschon das städtebauliche Konzept vorsah, die Höhe von Neubauten im Stadtkern zu beschränken, waren Hochhäuser als Landmarken an den Ausfallstraßen ausdrücklich gewünscht. Die Stadt, die schnell und viel Wohnraum benötigte, genehmigte das Experiment mit der Vertikalen am nördlichen Autobahnzubringer. Einen Sicherheitsabstand zur Innenstadt gewährten der inzwischen zum Mediapark gewandelte Güterbahnhof Gereon und der Herkulesberg.

Provokativ perforiert

Eigentlich ist die Graeffstraße in Neuehrenfeld keine schlechte Ecke, innenstadtnah und direkt am Grüngürtel in einer bürgerlichen Nachbarschaft, doch die auf zwei Ebenen geführte Kreuzung von Autobahnzubringer und der Ringstraße bildet eine ungute Insellage aus. Neufert war dazu angehalten, wirtschaftlich und mit hoher Ausnutzung der Fläche zu planen und präsentierte einen hocheffizienten Komplex aus einem Wohnhochhaus, einem 14-geschossigen Büro- und Wohngebäude sowie einem Parkdeck. Das war groß, fast sogar schon im städtischen Maßstab gedacht. Dass hier etwas Neues entstanden war, zeigte das Herkuleshochhaus nicht nur durch demonstratives Desinteresse an seiner Nachbarschaft, sondern mit Höhe, Farbigkeit und einer systemimmanenten Ordnung.

Das Raster der Konstruktion überlagerte Neufert mit einer Vorhangfassade aus emaillierten Metallpaneelen, die das Gebäude von der ersten bis zur 31-Etage wie eine Haut vollkommen plan überzieht. So wurde das Haus zu einem abstrakten Körper, die Fassade zum Träger einer konkreten, dreidimensional gedachten Komposition oranger, roter und hellvioletter Quadrate auf blauem Grund. Farben, die er häufig verwendete, sofern man ihn ließ. Über die farbige Bildebene legte Neufert ein davon scheinbar unabhängiges Netz aus Fensteröffnungen, die dort liegen, wo die Wohnungsgrundrisse sie bedingen. Fast provokativ perforieren geöffnete Fensterflügel die perfekte Haut. Dennoch gibt es hier nur ein Raster, eine Ordnung aus halben und ganzen Quadraten, das die Fassade bestimmt. Dass es darin einen Rapport gibt, der sich nach 10 Etagen wiederholt, entzieht sich der Wahrnehmung.

Kölns bunter Geist

Die Nachbarn ständig im Blick, ohne sich für sie zu interessieren: Der Neufert-Bau überragt seine Umgebung um Längen (Bild: Uta Winterhager)

Zur Diskussion dieses Fassadenentwurfs hatte Neufert den von ihm sehr geschätzten Josef Albers in Amerika besucht. Die überraschende Empfehlung des Künstlers, das Bild zu verwerfen und die Fassade weiß zu machen, ignorierte er trotzig. Ihm war die Monotonie der deutschen Großstädte zuwider und er sparte nicht mit Kritik an denen, die ihn zwingen wollten, seine Haltung als Baukünstler aufzugeben: „Wo bleibt der Ausdruck des Geistes dieser Stadt, der in jedem seiner Bürger lebt? Diese Kölschen Bürger, die so heiter sind, voll des Sinnes für das Leben und den Fortschritt? Was wird aus ihr, wenn man jede Transponierung dieses Geistes in die wirklichkeitsnahe Architektur unterbindet? Was wird die Generation unserer Kindheit zu unseren Bauten sagen? Wie werden diese Kinder über die Farblosigkeit und die Mittelmäßigkeit dieser Bauten urteilen und wen werden sie zur Rechenschaft ziehen?“ klagte er 1966 auf dem Richtfest der Kölner Saarbachbauten.

Wenige Jahre später bildete die Fassade des Herkuleshochhauses den Geist der Stadt auf wunderbare Weise ab. Und dennoch funktioniert dieses Haus als Wohnhaus nicht gut. Für viele ist die Anonymität verlockend, während sie andere ängstigt oder deprimiert. Dabei hatte Neufert mit unterschiedlichen Wohnungstypen Vielfalt eingeplant, Begegnung in Lobby, Schwimmbad, Sauna, Partyraum und Waschküche arrangiert und Sicherheit mit einer rund um die Uhr besetzten Pförtnerloge vorgesehen, aber der Geist der Stadt ist in dieser Architektur nie zuhause gewesen. Und wenn sich viele im Vorbeifahren einfach nur daran stören, dass dieses Haus anders ist, als alle anderen …

In Farbe für alle

Der Abriss steht fest: das 1980 bezogene und 2003 geräumte Doppelhochhaus der Deutschen Welle (Bild: Riadismat, CC BY SA 3.0)

Während beim Herkuleshochhaus noch über Wanzenbefall, Selbstmorde, Messerstechereien und auch über Denkmalschutz und diskutiert wird, ist es für die bunten Hochhausgeschwister der Deutschen Welle bereits zu spät. In Anwesenheit des Bundespräsidenten Gustav Heinemann wurde 1974 am Raderberggürtel der Grundstein für die gemeinsame Funkhausanlage von Deutscher Welle und Deutschlandfunk gelegt, Landmarken für die südliche Stadteinfahrt.

Gerhard Weber und Partner setzten auf die Wirkung der Konstruktion und entwarfen für den Deutschlandfunk ein Hochhaus, dessen 15 Etagen mit einem freiliegenden Tragwerk von einem Stahlbetonkern abgehängt wurden, während die Planungsgruppe Stieldorf das Hochhausdoppel für die Deutsche Welle mit farbigen Fassadenelementen in Szene setzte. Die Türme der Sender bildeten ein eigenwilliges und wie gewünscht stadtbildprägendes Ensemble und setzten Zeichen für die Bedeutung, die Fernsehen und Rundfunk damals gerade zukam.

Nicht sehen, gesehen werden

Das schlanke Doppelhochhaus der Deutschen Welle steht auf einem ausgedehnten Unterbau mit Tiefgarage, Technikzentrale und Gemeinschaftseinrichtungen. Der 22-geschossige Studioturm und der 37-geschossige Büroturm wurden als Stahlskelettbauten um einen Betonkern gebaut. Zwischen ihnen steht statisch unabhängig ein Aufzugsturm, dessen oberste Geschosse mit einer Plattform für Parabolspiegel über den Büroturm hinausragen. So ist das Funkhaus mit 137,66 Metern das dritthöchste Hochhaus von Köln. Es ist jedoch nicht die Höhe, die es auszeichnet, sondern auch hier wieder die farbige Gestaltung der Fassaden. Zwischen außenliegenden Stürzen sitzen Fassadenelemente in einer warmen von Rot über Orange und Gelb zu Ocker abgestuften Farbpalette für den Studioturm und einer kalten, von Blau, über Petrol zu Grün- und Gelbtönen führenden für den Büroturm.

Wo so viel Farbe ist, bleibt allerdings nur wenig Fläche für Fenster – vielleicht egal, denn man wollte gesehen werden, nicht sehen. Anfang der 1970er Jahre war die Welt in den Medien noch überwiegend Schwarzweiß, so hätte sich der Sender kaum ein großartigeres Bild wünschen können, als diese Farbexplosion: ein Testbild für die Fernsehzukunft als Leuchtturm mitten in der Stadt. „Alles so schön bunt hier!“ habe ich gerade Nina Hagen im Ohr. Während Peter Neufert beim Herkuleshaus Farbe als gesellschaftspolitisches Statement einsetzte und zu seinem persönlichen Markenzeichen machte, ist sie im monochromen und schwarzweißen Werk der Planungsgruppe Stieldorf eine in dieser Fülle einmalige, allein aus der Bauaufgabe generierte Erscheinung.

Von außen betrachtet

Bis 2003 arbeiteten die 1.400 Mitarbeiter der Deutschen Welle hier mit einem einzigartigen Blick über Köln, dann ging der Sender in die Horizontale und bezog den weißen Schürmannbau in Bonn. Seitdem steht das Doppelhochaus leer, wurde verkauft und wird 2017 abgerissen, um Platz für ein Wohnquartier zu machen. Es ist eine sperrige, schwierige Immobilie, über eine Umnutzung wurde aber trotz ihrer unbestrittenen Zeichenhaftigkeit kaum nachgedacht. Vergessen waren all die guten Vorsätze und Ideen, die in Workshops und Symposien diskutiert und durchgespielt wurden – von einer praktizierten Umbaukultur sind wir also doch noch weit entfernt.

Tritt ein, Fremder … Der Geist der späten 1970er blieb bis zuletzt erhalten (Bild: Clees Group)

„Die Welle“, wie das Projekt inzwischen heißt, wird eine technische Herausforderung. Weltweit ist nie ein höheres Hochhaus gesprengt worden und niemals zuvor gleich zwei, die unmittelbar neben einem dritten stehen, das keinen Schaden nehmen darf. Und es ist eine wirtschaftliche: Zwei Jahre wird es dauern, bis sämtlicher Spritzasbest von den Stahlträgern entfernt und entsorgt ist, das Gebäudeensemble gesprengt und die Trümmer geräumt sind. Viel Zeit, die viel kostet, bevor überhaupt gebaut werden kann. Und was danach kommt, wird wohl keine Architekturgeschichte schreiben.

Ich möchte weder im Herkuleshochhaus wohnen noch im Funkhaus arbeiten. Ich möchte sie von außen betrachten und mich daran freuen, wie hier Flächen bespielt wurden. Und mich an eine Zeit erinnern, in der Farbe genügte, um etwas zu sagen. Eine Ära fern aller entstellenden Dämmstoffe – bevor den Fassaden all das beigebracht wurde, was sie heute können müssen.

Rundgang

Literatur

Ghise-Beer, Anka, „Das Werk des Architekten Peter Neufert“, Dissertation, Bergische Universität/Gesamthochschule Wuppertal, 2000.

Titelmotiv: Fassade, Tapete oder Tischunterlage? Mit Farbe ließen sich manche Ähnlichkeiten erreichen. Fassadenentwurf Herkuleshochaus, 1972 (Bild: Uta Winterhager)

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von Jan Kampshoff (Fotos) (16/1)

„Eine zukunftsweisende Idee, ein tolles Konzept und eine Architektur, deren Reize heute wieder erkannt werden. Aber bauphysikalisch ist leider alles schief gegangen, was schief gehen konnte.“ Nachdem Jan Kampshoff im Sommer 2015 alles gesehen hatte, war sein Urteil deutlich: Für das 1974 errichtete Experimentalhaus „Habiflex“ in Dorsten-Wulfen (Architekten Richard Gottlob und Horst Klement) gibt es wohl keine Rettung. Seit 2008 steht das Kondenswasser-Wunder leer und kann nicht abgerissen werden, da einige der letzten Wohnungs-Eigentümer pleite oder unauffindbar sind. „Hier kann auch draußen gewohnt werden. Keine ängstliche Abkapselung, sondern freizügige Durchblicke wie in den liebenswürdigen Vororten holländischer Städte. Chancen für unverkrampfte Nachbarschaft“, schwärmte „Der Spiegel“ 1975. (db)

Mehr zum Habiflex

Neue Stadt Wulfen, Wulfen-Wiki, Barkenberg am See, sosbrutalism, und für Freunde des Kleingeistigen: Adrenalinschwangere Teenager sehen nach, wo der Hund begraben liegt …

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