Sitzen im Fußballstadion

von Matthias Marschik (17/4)

Bis zum Ende der 1950er Jahre war die Welt im (Fußball-)Stadion zwar nicht in Ordnung, aber geordnet: Gestaffelte Eintrittspreise unterschieden zwischen guten und schlechten Plätzen, schufen eine alters-, klassen- und auch geschlechterspezifische Hierarchie. Die Trennung in Sitz- und Stehplätze wurde zum genauen gesellschaftlichen Gradmesser. Es gab teurere (auf der Längsseite) und billigere (hinter den Toren und in den Kurven) Stehplätze und noch mehr Kategorien bei den Sitzen. Wie im Theater konnte man sein ökonomisches und soziales Kapital zur Schau stellen und in symbolisches Kapital umwandeln. Den Höhepunkt bildete die gedeckte und regengeschützte Tribüne, – und dort ganz speziell die Ehrentribüne, auf der sich die Spitzen der verschiedenen Kapitalsorten auf speziellen Sitzgelegenheiten zusammenfanden.

Ungehobelte Hornbrillenträger

Dennoch, ähnlich wie in den großen Theater- oder Konzertsälen, bildete das gemischte Publikum eine große Einheit: Auf den Steh- wie Sitzplätzen unterstützte und bewunderte man das eigene Team bedingungslos. Vielfach wurde darüber geklagt, dass sich die noblen Gäste auf den teuren Rängen übler aufführten als das junge oder proletarische Publikum auf den billigen Plätzen. So waren in Wien „Stadtpelz“ und „Hornbrillenträger“ beliebte – und auch antisemitisch gefärbte – Bilder für den reichen oder intellektuellen Mob.

Hier wurde die gegnerische Mannschaft geschmäht, die eigene bejubelt oder verdammt, der Schiedsrichter beschimpft, aber auch untereinander gestritten oder sogar gerauft. Vor allem dann, wenn die Stadiongemeinschaft durch Eindringlinge in Gestalt von Auswärtsfans gestört wurde. Diese Begegnungen konnten ganz unterschiedlich ausfallen: Blieb man einmal ganz unter sich (welcher Arbeiter konnte es sich schon leisten, etwa den HSV nach München zu begleiten), konnte ein andermal die Auswärtsmannschaft sogar mehr Fans aktivieren als das Heimteam. Meinungsverschiedenheiten (meist verbal ausdiskutiert, manchmal handgreiflich ausgetragen) standen natürlich auf der Tagesordnung. Aber dennoch funktionierte das Stadiongefüge zumeist ohne größere Brüche. Saßen oder standen hier doch Menschen nebeneinander, die sich zwar nicht hinsichtlich des bevorzugten Vereins, dafür aber bezüglich ihres gesellschaftlichen Status ähnlich waren.

Träge Couchpotatoes

Bis in die 1960er Jahre bildete das Stadion ein funktionierendes, streng reglementiertes System. Es war männlich, es war „weiß“, und jeder wusste, wo er hingehört: Frauen gehörten nicht ins Stadion (oder bestenfalls auf die Ehrentribüne), Migranten und Minderheiten auf die Unterliga-Sportplätze ihrer jeweiligen Vereine, und die Mehrheitsmänner verteilten sich nach strengen Regeln im Stadion. Wurde man älter oder stieg sozial auf, wechselte man vom Steh- zum Sitzplatz, von den billigeren zu den teureren Rängen. Manche Vereinsanhänger haben so in ihrem Leben das ganze Stadionoval umrundet.

Doch in den frühen 1960er Jahren veränderte das Fernsehen nachhaltig die Sportwelt. War es anfangs der Reiz des Neuen, der die Stadien zugunsten der TV-Live-Übertragung leerte, war es bald die Bequemlichkeit, die viele zu Hause blieben ließ. Die heimische Couch schien komfortabler als der Sitz im Stadion, zumal wenn das Wetter schlecht, das Spielergebnis absehbar oder der Termin ungünstig war. Je professioneller das Fernsehen mit Farbe, Zeitlupen, Kamerawechseln, Wiederholungen, Interviews und einem informativen Rahmenprogramm wurde, desto deutlicher entwickelten sich das Erleben vor Ort und am Bildschirm auseinander: Suchten die einen noch immer die Authentizität des Stadions, bevorzugten die anderen das vielfältige Erleben des Fernsehens. Gemeinsam war ihnen – nicht erstaunlich in den konsumfreudigen „Wirtschaftswunderzeiten“ – lediglich die Bequemlichkeit. Lümmelte man zu Hause mit Bier, Chips und Zigarette auf dem Sofa, rüsteten auch die Stadien auf: Man erweiterte die Tribünen, schuf neue (ergonomische) Sitzplätze. Nun reichten die Sitzreihen fast an die Outlinien heran. Die Rangordnung blieb vorerst aber noch erhalten, wurde durch erste exklusive VIP-Tribünen sogar noch verstärkt.

Junge Wilde

Aufgebrochen wurde die Struktur erst in den 1970er Jahren, als sich der Vereinsanhänger zum fußballinteressierten Konsumenten entwickelte. Es ging nicht mehr um die bedingungslose Unterstützung des eigenen Klubs, sondern um ein attraktives Spiel. Während bei den bedeutenden Spielen das Stadion voll war, kamen zu den unwichtigeren immer weniger Zuschauer (und Zuschauerinnen). Weil die Menschen nun angelockt werden mussten, bauten Klubs und Stadionbetreiber immer bequemere Sitze für ein freilich immer passiveres Publikum. Im Gegensatz dazu galt Fußball immer mehr als Sport der Unter- und unteren Mittelschichten. Aber auch unter den verbliebenen Anhänger_innen eines bestimmten Klubs änderte sich deren Zusammensetzung: Die „besseren Kreise“ wanderten zu Sportarten wie etwa dem Tennis ab. Verstärkt wurde dies durch die Sportfeindlichkeit der 1968er, die gerade den Fußball als Teil einer entfremdeten Massenkultur ablehnten.

Am anderen Ende entstand jedoch eine neue aktive Gruppe, welche die Tradition der Anhängerschaft fortführte. Es bildeten sich jugendliche Fankulturen mit neuen Ansprüchen und einem anderen Erscheinungsbild: Kutten und Schals, Transparente und Fahnen vor allem auf den billigen Plätzen, den Stehsektoren hinter den Toren und eben in den „Kurven“. Dadurch wurde der ehemals einheitliche, nur durch Auswärtsfans gestörte Raum des Stadions aufgebrochen. Nicht zufällig sahen sich die jungen Fans nun als Sub- und Gegenkultur. Forderte die Sitzplatztribüne mehr Bequemlichkeit und bessere Unterhaltung, wollten sie vermehrte Authentizität und aktive Teilhabe. Die Klubs gerieten in die Zwickmühle: Brachte das Publikum auf den teuren Plätzen auch mehr Einnahmen, waren es doch gerade die Fans, die für Stimmung und Unterstützung sorgten.

Fans, Hooligans, Ultras

Der Konflikt eskalierte in den 1980er Jahren gleich auf drei Ebenen: Zum Ersten kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Fangruppen, die ihre Identifikation mit dem Klub offensiv auslegten. Zum Zweiten spaltete sich die Anhängerschaft in Fans, Hooligans und Ultras. Dies führte zu Gewalt auch innerhalb der Unterstützer_innenszene eines Vereins, besonders, als der Rechtsextremismus auf den Stehplätzen einzog. Und zum Dritten verschärften sich die Kämpfe im Stadion. Es ging nunmehr generell um die „richtige“ Art und Weise, Fußball zu leben. Der Konflikt zwischen Tribüne und Fankurve spaltete fast jeden Verein. Selbst die Entscheidung zwischen Stehen (aktiv) oder Sitzen (passiv) wurde zur Glaubensfrage. Das Stadion zeigte ein Neben-, oft sogar Gegeneinander unterschiedlicher Gruppierungen. Verein und Mannschaft reichten als Klammer nicht mehr aus.

Weil das etablierte Publikum auf den Sitzplatztribünen freilich seine Interessen durchzusetzen wusste, antworteten die Vereine baulich. Die stärkere Trennung der „Subkulturen“ führte so zu „Hochsicherheitsstadien“. Als „gewaltbereit“ und „gefährlich“ eingestufte Gruppen wurden in Käfige gesperrt, durch Zäune und Stacheldraht, durch Polizisten und deren Hunde abgeschottet, durch Ordner und Kameras überwacht. Vor allem aber schloss man Publikum und Spielfeld voneinander ab. Es war absehbar, dass diese Strategie kurzfristig funktionierte, die Eskalation längerfristig aber nur vor die Stadien verlagerte.

Hungrige Konsumenten

Kein Wunder also, dass der Fußball in den 1990er Jahren massiv kommerzialisiert wurde, dass die Auseinandersetzung um den Sport zum Kampf um Identitäten geriet. Nach schweren Unfällen – allen voran die Massenpanik von Hillsborough, als 1989 fast hundert Menschen starben und mehr als 700 verletzt wurden – strukturierte man das Publikum neu. Die Käfige wichen einer notfalls sogar zum Spielfeld offenen Organisierung. Die auf das Spiel gerichteten Fernsehkameras wurden durch auf das Publikum blickende Überwachungskameras ergänzt. Für eine solche permanente Beobachtung müssen die Stadionbesucher freilich ruhiggestellt werden: Das All-Seater-Stadion ist inzwischen in allen größeren Ligen üblich und bei internationalen Begegnungen verpflichtend. Die Fans wurden damit an die Sitzplatzkultur angepasst, aus aktiven sollten passive Konsument_innen werden.

Die 2000er Jahre veränderten die Fußballkultur und die Stadien massiv: Wenn die Vereine mit Merchandising und dem Verkauf von Fernsehrechten weit höhere Einnahmen erzielen als mit den Eintrittsgeldern, werden die Sportstätten äußerlich zwar zu architektonisch aufwändigen, nach innen aber aus- und verwechselbaren Konsumtempeln. Der Umbau zu reinen Sitzplatzstadien mit ausgedehnten VIP-Bereichen dient der Preissteigerung und der Vermarktung vor allem für Tourist_innen. Die Stimmung in den Stadien droht zu sinken, wenn vor allem junge Fans mit geringem Einkommen auf den eigenen Fernseher, auf Kaffeehäuser, Kneipen und Pubs ausweichen, während andere nur noch die unteren Ligen besuchen. Auch die Einführung personalisierter Tickets, die wochenlang vorher erworben werden müssen, lehnen viele Fans ab. Der Trend geht ganz klar in Richtung einer abgesicherten amerikanisierten Unterhaltungs- und Familienkultur. Die Zuschauer_innen jubeln kurz beim Torerfolg, konsumieren das Match ebenso wie das kulinarische Angebot und verhalten sich ansonsten wie ein Theaterpublikum mit gelegentlichem Szenenapplaus. Der Fußball selbst tritt immer mehr in den Hintergrund oder wird Mittel zum Zweck.

Künftige Stimmungs(be)sucher

Das Fußballspiel ist immer noch kein beliebiges Unterhaltungsangebot, dem wirken ganz unterschiedliche Kräfte entgegen: Zum Ersten baut das Fernsehen, besonders das Pay-TV, auf die besondere Stimmung in den Stadien. Zum Zweiten setzen immer mehr Vereine ganz bewusst auf Tradition und lautstarke Unterstützung. Und zum Dritten gibt es noch immer genügend Fangruppen, die aus dem Stadionbesuch einen Teil ihrer kollektiven Identität ziehen und damit auch um ihre Stehplätze kämpfen. Somit ist das letzte Kapitel des Themas Fußballstadion noch nicht geschrieben.

Titelmotiv: Santiago, Bernabéu Stadium (Bild: Little Savage, CC BY SA 4.0)

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Herbst 17: Nehmen Sie Platz!

"Schwerer als ein Wolkenkratzer"

„Schwerer als ein Wolkenkratzer“

LEITARTIKEL: Hajo Eickhoff über eine moderne Beweglichkeit.

Sitzen im Fußballstadion

Sitzen im Fußballstadion

FACHBEITRAG: Matthias Marschik zwischen Nordkurve und Souvenirstand.

Sitzen im Kino International

Sitzen im Kino International

FACHBEITRAG: Dietrich Worbs unterwegs zum Kinosessel.

Sitzen im Bonner Loch

Sitzen im Bonner Loch

FACHBEITRAG: Martin Bredenbeck über (ehemals) konsumfreie Räume.

Sitzen mit Wolfgang Voigt

Sitzen mit Wolfgang Voigt

INTERVIEW: ein Architekturhistoriker und drei Ungers-Stühle.

Sitzen im Staatstheater Saarbrücken

Sitzen im Staatstheater Saarbrücken

PORTRÄT: Julius Reinsberg zwischen Pomp und Bescheidenheit.

Sitting in Motion

Sitting in Motion

FOTOSTRECKE: von ergonomischen Zugabteilen und futuristischen Flugzeugsitzen.

Sitzen im Kino International

von Dietrich Worbs (17/4)

Die Besucher des Berliner Kinos International müssen sich eine ganze Weile durch das Gebäude bewegen, bevor sie sich im Zuschauerraum niederlassen können. Das liegt am Auftrag des Bauherrn, denn der Ost-Berliner Magistrat wollte ein gesellschaftliches Zentrum für den 2. Bauabschnitt der damaligen Stalinallee, der heutigen Karl-Marx-Allee. Und dieses neue Kulturzentrum musste nicht nur ein Lichtspieltheater, sondern auch Stadtteilbibliothek und -klub aufnehmen. Künftig sollte das Kino DEFA-Premieren zeigen.

Stilwechsel an der Stalinallee

Mit großer Freude machte sich der Architekt Josef Kaiser (1910-1991), Leiter des Kollektivs Kaiser im VEB Hochbauprojektierung Berlin, an die Arbeit. Zusammen mit dem Stadtplaner Werner Dutschke (1919-1983) hatte er gegen sechs Konkurrenten 1958 den Wettbewerb um den 2. Abschnitt der Stalinallee gewonnen. Dutschke und Kaiser wichen erheblich von den städtebaulichen und gestalterischen Vorstellungen des 1. Bauabschnitts ab: Entstehen sollten entlang der Magistrale – im Gegensatz zu den neoklassizistischen Arbeiterwohnpalästen im 1. Bauabschnitt – moderne Hochhausscheiben.

Die Reihung der Hochhäuser wurde zwischen den Wohnbauten aufgelockert durch kleine Geschäftspavillons von Edmund Collein (1906-1992). Nördlich und südlich der Magistrale schufen Dutschke und Kaiser grüne Wohnhöfe mit Schulen und Kitas. Sie bildeten vor allem ein klares städtebauliches Zentrum an der Einmündung der Schillingstraße in die Stalinallee: mit dem Kino International, der Gaststätte Moskau und dem Hotel Berolina am U-Bahnhof Schillingstraße. Kurz gesagt, Dutschke und Kaiser führten die Moderne an der Stalinallee ein. Der 2. Bauabschnitt der Jahre 1959 bis 1965 stand in scharfen Kontrast zum 1. Bauabschnitt von 1952/53. Die SED-Parteiführung hatte Mitte der 1950er Jahre festgestellt, dass der Wiederaufbau Berlins an der Frankfurter Allee (wie die Straße ursprünglich hieß) mit traditionellen Vorstellungen nicht zu leisten sei. Nur durch die Vorfertigung und eine moderne (Städte-)Baukonzeption könne die Wohnungsnot überwunden werden.

„Raumplan“ für ein Kulturzentrum

Josef Kaiser entwarf nicht nur die zehngeschossigen Typenbauten für die Vorfertigung an der Stalinallee, sondern auch die drei Solitärbauten des Zentrums an der Einmündung der Schillingstraße: ein Ensemble aus Restaurant, Hotel und Kino. Überlegt ordnete er die drei Hauptfunktionen – Kino, Bibliothek, Klub – des International. Die Bibliothek sollte im Erdgeschoss liegen, von außen leicht zugänglich für Kinder und Erwachsene. Für das Kino war ein geräumiger Eingangsbereich mit Kassen, Garderoben und Vestibül vorzusehen, um über seitliche Treppen ins Obergeschoss zum Foyer und zum Zuschauerraum hinaufzusteigen.

Geplant war, den Zuschauerraum vom Foyer durch Schallschleusen zu betreten und im Saal durch zwei breite Gänge die Sitzreihen zu erschließen. Das Gefälle des Parketts von der obersten Sitzreihe zur untersten vor der Bühne war so zu bemessen, dass für jeden Besucher uneingeschränkte Sicht möglich sein würde. Über getrennte Treppen sollten die Besucher das Kino verlassen können. Es war vorgesehen, dass die Klubräume beiderseits des hohen Zuschauerraums über den Kino-Treppenhäusern liegen, erschlossen durch eigene Treppen, verbunden durch eine Brücke über den Schallschleusen und dem Projektionsraum des Kinos. Die ineinander verschränkten Raumbereiche von Kino und Klub sollten in einem geschlossenen, flachen, quaderförmigen Baukörper zusammengefügt werden, der auf einem Sockelgeschoss mit der Bibliothek ruht und mit dem Foyer über den Eingängen im Erdgeschoss ohne Stützen frei auskragt.

Kaiser stammte aus einer deutschböhmischen Baumeisterfamilie in der Nähe von Karlsbad. Von 1929 bis 1935 studierte er Architektur an der Deutschen TH in Prag. In diesen Jahren baute der Wiener Architekt Adolf Loos (1870-1933) hier seine letzten beiden berühmten Raumplan-Villen. Nach Kaisers eigenem Bekunden beeinflusste ihn Loos durch seine Schriften und Bauten. Dieser verschränkte Räume unterschiedlicher Höhe auf verschiedenen Niveaus, legte Wege durch diese Raumfolgen an und arbeitete mit Dunkelzonen und Lichtreizen, um die Menschen durch seine Bauten zu führen. Diese Konzeption nannte sein Schüler Heinrich Kulka den „Raumplan“. Und den nahm Kaiser offensichtlich in seiner Studienzeit auf und wandte ihn 25 Jahre später auf sein Berliner Kinogebäude an.

Der Aufstieg zum Kinosaal

Bis heute betritt der Besucher das Kino International zu ebener Erde unter dem auskragenden Foyer im Obergeschoss – ohne pompöse Freitreppe. Nach Windfang und Kassenhalle gelangt man in das niedrige Vestibül, in dessen Mitte eine Rundbank zum kurzen Verweilen einlädt. Darüber sind Hunderte von Glühlampen in eine Lichtdecke eingelassen. An den beiden Seiten sind die zwei Treppenaufgänge angeordnet, die nach einer Wendung um 90 Grad dem Licht entgegen zum oberen Foyer hinaufsteigen: Der Besucher tritt aus dem engen Schacht kommend in einen hellen, hohen, langgestreckten Raum, der sich mit einer Fensterfront zur Karl-Marx-Allee hin öffnet. Man atmet auf und sieht sich um.

Das Foyer besitzt eine Bar und eine lange Reihe von kleinen Tischen mit Stühlen an der Fensterwand. Man konnte hier schon immer vor dem Beginn einer Aufführung auf- und abwandeln oder an einem der Tischchen an der langen Fensterfront sitzen, einen Kaffee trinken, plaudern und sich auf den Film vorbereiten. Von der Karl-Marx-Allee gesehen, erscheinen die Besucher in der langen Fensterfront wie die Personen eines Films im Breitwandformat. Kurz vor der Aufführung öffnen sich dann beiderseits des Projektionsraums die Türen zum Zuschauerraum. Die vorigen Besucher haben den Saal durch eigene Treppenabgänge verlassen. Die engen und niedrigen Durchgänge in den Saal schützen vor Straßenlärm und bereiten auf etwas Neues vor: den hohen Zuschauerraum.

Der Zuschauerraum

Der Zuschauerraum fällt nach unten zur Bühne hin um zwei Meter ab, während die Decke im gleichen Maße ansteigt. Dadurch werden optimale Projektions- und Sichtverhältnisse geschaffen. Die Überraschung wird gesteigert durch die abgehängte Decke, den „fliegenden Teppich“ aus getöntem Stuck, der zur Leinwand hin in fünf Wellen ansteigt. Ein champagnerfarbener, mit Pailletten besetzter Vorhang verdeckt die Leinwand, der Fußboden zeigt einen blauen Teppichboden. Wie schon das Foyer sind auch die Seitenwände mit Stabholzleisten verkleidet, die eine gute Akustik gewährleisten.

Zwei breite Gänge führen von den Foyerschleusen zur Bühne hinunter, die nur um zwei Stufen gegenüber dem Parkett erhöht ist. 600 bequeme Sitze laden beiderseits der Gänge zum Entspannen ein. Der Zuschauerraum auf annähernd quadratischem Grundriss ist durch seine Keilform in der Horizontalen gerichtet – zur Bühne hin mit der Leinwand, auf die sich die Aufmerksamkeit der Zuschauer konzentrieren soll. Beiderseits der Bühne sind die Türen angeordnet, die sich zu den Treppenabgängen ins Freie öffnen.

Der Bau des Kinos hatte am 15. März 1961 begonnen. Am 15. November 1963 wurde das International in Anwesenheit höchster Repräsentanten von Staat und Partei mit dem sowjetischen Revolutionsfilm „Optimistische Tragödie“ feierlich eröffnet.

Die Filme im International

Zu DDR-Zeiten zeigte das Kino International je ein Drittel DEFA-Filme, Produktionen aus den übrigen sozialistischen Ländern und Streifen aus dem Westen – selbstverständlich nur ausgesuchte, wertvolle, fortschrittliche Filme, um die Werktätigen zu sozialistischen Bürgern zu erziehen. Die Besucher wussten dieses Angebot zu würdigen. Von den vielen DEFA-Premieren soll der Film „Spur der Steine“ von Frank Beyer (1932-2006) erwähnt werden. Im Sommer 1966 wurde er nach einer beispiellosen Kampagne vom Kulturminister verboten, jedoch uraufgeführt und dann nach inszenierten Krawallen abgesetzt: Man sah „die Rolle der Partei und des Staates in gröbster Weise verunglimpft“, wie das SED-Politbüro parteiintern verlauten ließ. Der Film verschwand im Tresorraum der DEFA.

Nach zwei Jahrzehnten widerfuhr dem Film, dem Regisseur und seinen Schauspielern späte Gerechtigkeit: Am 23. November 1989, zwei Wochen nach der Öffnung der Mauer, wurde „Spur der Steine“ in angemessener Form im International wiederaufgeführt – im Beisein von Frank Beyer, Manfred Krug und anderen Mitspielern. Als sie nach der Vorstellung vom Künstlerzimmer aus die Bühne betraten, sprangen die Zuschauer spontan von ihren Sitzen auf und brachen in stürmische Ovationen aus. Andere DEFA-Filme – wie z. B. „Lotte in Weimar“ (Egon Günther, 1975), „Solo Sunny“ (Konrad Wolf, 1979) oder „Coming out“ (Heiner Carow, 1989) – fielen nicht weniger kritisch aus als „Spur der Steine“, aber die SED wagte nicht noch einmal, ein Verbot so rüde durchzusetzen wie 1966.

Nach der Wende

Das International wurde zusammen mit dem Hotel Berolina und dem Restaurant Moskau als zentrales Ensemble des 2. Bauabschnittes der Stalinallee 1990 unter Denkmalschutz gestellt. Das hat – neben dem Kultstatus und der Qualität des Programms – sicher zur Erhaltung des Kinos beigetragen. Nach der Wiedervereinigung wurde es weiter bespielt, 1992 von der Yorck-Kino GmbH gepachtet und schließlich 1996 erworben. Seit 25 Jahren betreibt die GmbH das International als Programmkino und Veranstaltungsort für Tagungen und Feste, es ist seit 1990 Spielstätte der Berlinale. Im November 2013 feierte die Yorck-Kino GmbH das fünfzigjährige Bestehen des International gebührend mit einer Film-Retrospektive mit 500 geladenen Gästen.

Josef Kaiser hatte sein Kino – wie er 1963 äußerte – mit einem hohen Anspruch entworfen, der sich inzwischen über 50 Jahre bewährt hat: „Die architektonische Gestaltung von Filmtheatern soll heute darauf gerichtet sein, einen Ort festlicher Zusammenkunft für eine erlebnisbereite Gemeinschaft zu schaffen.“

Literatur

Worbs, Dietrich, Das Kino International in Berlin, Gebr. Mann Verlag, Berlin 2015.

Titelmotiv: Kino International, Garderobenhalle, Vestibül (Bild: Eric Neuling, 2009)

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Herbst 17: Nehmen Sie Platz!

"Schwerer als ein Wolkenkratzer"

„Schwerer als ein Wolkenkratzer“

LEITARTIKEL: Hajo Eickhoff über eine moderne Beweglichkeit.

Sitzen im Fußballstadion

Sitzen im Fußballstadion

FACHBEITRAG: Matthias Marschik zwischen Nordkurve und Souvenirstand.

Sitzen im Kino International

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FACHBEITRAG: Dietrich Worbs unterwegs zum Kinosessel.

Sitzen im Bonner Loch

Sitzen im Bonner Loch

FACHBEITRAG: Martin Bredenbeck über (ehemals) konsumfreie Räume.

Sitzen mit Wolfgang Voigt

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INTERVIEW: ein Architekturhistoriker und drei Ungers-Stühle.

Sitzen im Staatstheater Saarbrücken

Sitzen im Staatstheater Saarbrücken

PORTRÄT: Julius Reinsberg zwischen Pomp und Bescheidenheit.

Sitting in Motion

Sitting in Motion

FOTOSTRECKE: von ergonomischen Zugabteilen und futuristischen Flugzeugsitzen.

Sitzen im Bonner Loch

von Martin Bredenbeck (17/4)

Wie sich die Bilder gleichen! Bonn, vor dem Hauptbahnhof, Mitte der 1970er Jahre eine große Baugrube, das fast schon legendäre Bonner Loch. Bonn, vor dem Hauptbahnhof, im Herbst 2017: Wo bis vor kurzem der Hotel- und Geschäftskomplex „Südüberbauung“ stand, tut sich erneut eine Baugrube auf. Nicht einmal 40 Jahre nach ihrer Fertigstellung 1978/79 ist die Gestaltung aus dem Hochbau und dem dazugehörigen abgesenkten Platz großteils abgerissen. Nach einer reichlichen Generation Abstand werden die Karten – und viel Beton – neu gemischt.

Der alte Bahnhof

Die Empfangsgebäude und Vorplätze von Bahnhöfen sind eine typische Figur des 19. Jahrhunderts. Mit dem Siegeszug der Eisenbahnen erhielten die Städte um 1850 neue Zugänge, die für den Individualverkehr immer wichtiger wurden. Diese Architekturen entwickelten sich zu einer wichtigen Repräsentationsform. Große, breitgelagerte, oft von der Schlossarchitektur abgeleitete Bahnhöfe wie in Frankfurt am Main, Mannheim und Bremen zeigen das bis heute. Auch die Ensembles um 1900 mit ihren oft malerisch asymmetrisch gruppierten Bauteilen – z. B. in Worms, Koblenz oder Hamburg – greifen herrschaftliche Stilformen auf. Immer wiederkehrend ist dabei das Motiv des Stadttors. Ein stimmiges Symbol, wurde doch die Eisenbahn zum tempogebenden Fortbewegungsmittel, das „Eingangstore“ brauchte. Den aufwendigen Bahnhöfen antworteten vielerorts Platzgestaltungen, deren Anrainer sich um eine ebenso aufwendige Architektur bemühten. Die Stadtplanung schuf die Voraussetzungen z. B. mit achsial und sternförmig auf die Bahnhöfe zulaufenden Straßen.

In Bonn verlief die Eisenbahnlinie in einem Altarm des Rheins, vorbei an der Altstadt mit ihren hochwasserfreien Erhebungen und dem prägenden Bonner Münster. Der erste Bahnhof von 1844 wurde 1884 – man bemerke die 40 Jahre – durch einen aufwendigen Neubau abgelöst, der beispielhaft die Bahnhofsarchitektur des 19. Jahrhunderts zusammenfasst. Barock- und Renaissance-Motive mischen sich mit der großen weiten Welt (ein Globus bekrönt den Mittelteil) und Lokalpatriotismus (Wappen, heute Namenszüge, der Bahnhofsstationen entlang der Strecke). Vielleicht nicht zufällig wurde dieser Bahnhof – durch die Hauptstadtrolle republikweit bekannt – als Vorbild für einen beliebten Faller-Modellbausatz ausgewählt. Die Bahnhofstraße (hier Poststraße heißend) führte zwar achsial auf den Rundbogeneingang zu, eine veritable Vorplatzgestaltung hat es im 19. Jahrhundert allerdings nicht gegeben. Obwohl vor dem Empfangsgebäude eine breite Straße entlangführte. Gegenüber dem Bahnhof entstanden zwei große Blockrandbebauungen, einzelne Häuser zeigten historistische Schmuckformen wie Eck-Erker und -Dachaufbauten, die Bürgersteige wurden von kastenförmig geschnittenen Baumreihen begleitet.

Ein Neuanfang

Anders als die historische Innenstadt blieb der Bahnhofsbereich im Zweiten Weltkrieg fast unbeschädigt. Kunstgeschichtler fanden dies bis in die 1960er Jahre durchaus bedauerlich, denn es handelte sich ja „nur“ um das 19. Jahrhunderts. Eine Neubewertung erfolgte parallel mit den großangelegten städtebaulichen Veränderungen der 1960er Jahren. Der in Wiederaufbau-, Wirtschaftswunder- und Wohlstandsjahren zunehmende Autoverkehr geriet in Konflikt mit den Straßenbahnen und Fußgängern. Der reichlich vorhandene Platz vor dem Bahnhof wurde entsprechend intensiv genutzt. Das moderne Ideal der entflochtenen Verkehrsströme geriet zum neuen Leitbild. Zwar sollte die Straßenbahn nicht aufgegeben, aber ersetzt werden durch eine sogenannte Unterpflasterbahn: ein Begriff, der offenbar in Bonn ersonnen wurde, um nicht U-Bahn zu sagen. Das 1975 in Betrieb genommene Stadtbahn-System, das heute natürlich als U-Bahn rangiert, gab und gibt der Stadt etwas Metropolenhaftes.

Neben verkehrstechnischen Notwendigkeiten darf wohl auch dieser Repräsentationswunsch als Vater der Bonner U-Bahnplanung gelten. Nach dem Mauerbau 1961 war zudem wohl die Zuversicht geschwunden, dass mit einer baldigen Wiedervereinigung auch die Hauptstadt nach Berlin verlegt werde. Und tatsächlich begann der Bund wieder mit eigenen Bauprojekten im entstehenden Bonner Parlaments- und Regierungsviertel. Verschiedene, auch neue Wohnsiedlungen rund um die Stadt mussten an die zahlreichen neuen Arbeitsplätze in der Stadt angebunden werden. Man konnte mit dem Fernverkehrszug am Hauptbahnhof ankommen, im Untergrund in die Stadtbahn steigen und im Regierungsviertel an die Oberfläche zurückkehren. Für die hauptstädtische Funktion wurde ein Bahnhofsvorplatz gar nicht (mehr) gebraucht. Und das berühmte rosa Barock-Rathaus erreichte man für die städtischen Empfänge natürlich mit dem PKW. Anders als heute erstellte man die U-Bahn damals im offenen Vortrieb, nicht mit einer Tunnelbohrung: In der Baugrube entstand die Tunnelröhre, dann schloss man die Grube wieder. Dass vor dem Bonner Hauptbahnhof neue Gebäude emporwuchsen, war für die damaligen Planer kein Problem, es traf ja „nur“ – siehe oben – das 19. Jahrhundert. Nachdem die Eigentumsverhältnisse geregelt waren, wurde hier also großzügig Platz gemacht.

Das Bonner Loch

Ohne die damaligen Planungen abstrichlos zu loben, ist ihnen doch manches zugute zu halten. Es entstand jetzt nämlich ein veritabler Bahnhofsvorplatz! Während rechts der Poststraße ein Hotelbau mit Büros und Praxen (außerdem Café, Wohnungen und weiterer Gastronomie) errichtet wurde, hielt man den linken Block großteils frei. Erst zur heutigen Thomas-Mann-Straße hin sollte abschließend noch ein Hochbau entstehen, zu dem es aber nicht mehr kam. Als der U-Bahnknotenpunkt „Hauptbahnhof“ 1979 (pünktlich zur Bundesgartenschau) fertiggestellt war, wurde die Baugrube in eine terrassierte Platzanlage umgestaltet. Sie verband die Innenstadt direkt mit der U-Bahn, zum anderen entstand der Charakter eines öffentlichen Platzes: abgetrennte, kleinmaßstäbliche Abschnitte für den Aufenthalt, eine aufwendige Brunnenanlage (die auch als Wasserspielplatz diente), großformatige Blumenkästen, Bäume, Zugang zu öffentlichen Toiletten und zu einer Tiefgarage etc. Ganz besonders hervorzuheben sind die großen Stufen zum Bahnhofsgebäude hin. Mit Holzbänken ermöglichten sie neben dem Sitzen – z. B. Warten auf Züge oder Verabredungen – auch eine Nutzung als Freiluft-Theater.

Deutlich sind freilich die Unterschiede zum 19. Jahrhundert. Besonders die Eintiefung und Asymmetrie waren den Seh- und Benutzungsgewohnheiten fremd. Die hier also positiv geschilderten Platz-Merkmale stießen damit auf viel Unverständnis. Zudem blieb der Name „Bonner Loch“ – ursprünglich für die Baugrube gemeint – an der Neugestaltung hängen. Viele hatte der Abriss der historistischen Bauten tief verletzt. Hier äußerte sich eine öffentliche Meinung, die symbolisch im Europäischen Denkmalschutzjahr 1975 ihren Ausdruck fand. „Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“ lautete das Motto, und diese Vergangenheit war nun eben auch das 19. Jahrhundert, wiederentdeckt von Kunstgeschichte und Denkmalpflege, von Hausbesetzern, Kulturbürgern, Kapitalismuskritikern und vielen anderen. Während vor dem Bahnhof ein moderner Stadteingang geformt wurde, warb die „Aktion Gemeinsinn“ mit ihrem berühmten Plakat: ein dramatisch schwarz ausgestrichener Altbau in einer intakten Häuserzeile. Das saß!

Ein Nachruf

Obwohl Bonn erst in den 1970er Jahren wirklich einen Bahnhofsplatz erhalten hatte, konnte dieser die breite Öffentlichkeit nicht überzeugen. Das Stimmungsbild wandelte sich noch während der Bauarbeiten, der Platz und die Südüberbauung waren im Grunde schon von der Zeit überholt. Heute sind wir immer noch stark vom Denkmalschutzjahr 1975 geprägt, sehen „Altbauten“ als positives Qualitätsmerkmal. Die Neubewertung der Altbauten der jüngeren Generation – und das sind jetzt die Anlagen der 1960er und 1970er Jahre! – ist im Gange, aber langsam. Mit der Zeit suchten sich die Menschen andere Habitate als den unattraktiv scheinenden Bahnhofsvorplatz der 1970er Jahre. Die freigewordene Nische wurde – da es ja gut nutzbar war! – von anderen Gruppen belegt, über die das gepflegte Bürgertum normalerweise hinwegsehen will: Obdachlose und die Drogenszene. Solche Anmutungen blieben ebenso hängen wie der unvorteilhafte Name. „Ein Platz kann kein Loch sein“ – schade, dass das Wort die gestalterische Qualität völlig überdeckte.

Die Geschichte der Veränderungen begann schon mit der Einweihung in den späten 1970er Jahre. Friedrich Spengelins Konzeption wurde schon gar nicht vollständig umgesetzt: Der Hochbau, der seitlich des Bonner Lochs hätte folgen sollen, wurde nicht mehr errichtet. Hier blieb nur ein – zugegebenermaßen überarbeitungswürdiger – Parkplatz. Viele Vorschläge für eine Neufassung des Platzes – darunter die berühmte Ungers-Halle, mit der Bonn einen attraktiven postmodernen Bau erhalten hätte – wurden in Ratssitzungen, Ausschüssen, Bürgerwerkstätten und Leserbriefen quasi ad nauseam diskutiert. Durchringen konnte man sich nicht. Die Pflege des Geländes wurde immer weiter zurückgeschraubt. Leider überdeckte das auch viele positive Erinnerungen, denn im Bonner Sommerkulturprogramm hatte es hier in den 1980er Jahren mehrere öffentliche Konzerte gegeben. Eine Tradition, an die die Stadt in den 2010er Jahren anknüpfte und das Gelände als „Klanggrund Bonn“ neu zu etablieren suchte.

In einem Vortrag auf dem Kunsthistorikertag Würzburg 2011 hatte der Verfasser dieser Zeilen daher noch eine Hoffnung ausgesprochen: dass sich ein Mangel an Geld und Entschlussfreudigkeit gemeinsam mit einer langsamen positiven Neubewertung dann doch als bester Denkmalschutz für die 1970er Jahre erweisen würden. Eine gründliche Reinigung hätte dem Gelände ebenso gut getan wie eine teilweise Überarbeitung. Doch der Bonner Stadtrat folgte letztlich dem Primat des Geldes und veräußerte das Areal zur Neugestaltung an einen Investor. Die über 30 Einzel-Eigentümer der Südüberbauung konnte ein zweiter Investor – wahrscheinlich in mühsamer Kleinarbeit und mit reichlich Geld – allesamt zum Verkauf bewegen. Ihr Abriss erfolgte bis Herbst 2017 – und da ist sie nun wieder, die eingangs erwähnte Baugrube. Vom Gebäude wurden immerhin Andenken geborgen, z. B. das Schild des ehemaligen Hotels Continental. Vom Platz wird voraussichtlich nichts erhalten bleiben. Er wird weitgehend überbaut.

Platz machen?

Plätze werden gemacht, gebaut, sie „entstehen“ aber auch, indem wir sie mit Sinn und Leben erfüllen. Was nun vor dem Bonner Bahnhof gebildet wird, schließt an die Blockbebauung des 19. Jahrhunderts an. Der Blick auf den Mittelteil des Bahnhofs wird vom der oberen Poststraße her wieder eingerahmt durch zwei Neubauten. Der Bildausschnitt gipfelt wieder im markanten Eingangsbereich mit dem großen Rundbogen. Das könnte durchaus interessant werden! Fraglich bleibt, ob die neuen Einkaufsmalls (dazu auch Wohnraum, Büros und Praxen) ein attraktives Angebot an öffentlichem Raum setzen können. Es steht zu erwarten, dass die neuen invenstorenoptimierten Platzflächen überwiegend gastronomisch genutzt werden. Ob und wie die notwendige U-Bahnanbindung mit einer Aufenthaltsqualität in Konflikt gerät, wird sich erst zeigen müssen. Das Bonner Loch, nennen wir es liebevoll so, besaß als offizieller Platz auch eine gewisse Großzügigkeit, eine konsumfreie Aufenthaltsqualität (welch Wortspiel angesichts der später hier angesiedelten Drogenszene). Ob uns diese Offenheit auch auf den neuen Plätzen vor dem Bonner Bahnhof zuwachsen wird, haben wir leider etwas weniger selber in der Hand als die von vielen verweigerte Nutzung eines Platzes, der nun verschwunden ist.

Und wie ging es weiter?

10. November 2017: Deutschlandfunk-Interview mit Julius Reinsberg über das neue mR-Heft und den Beitrag von Martin Bredenbeck zum „Bonner Loch“

Rundgang

Literatur (Auswahl)

Huntscha, Philipp Frederik, Bahnhofsvorplatz (Architekturführer der Werkstatt Baukultur Bonn), Bonn 2017.

Bredenbeck, Martin, Zwischen Bonner Loch und Stadthaus. Gedanken zur Stadtbaukunst der Nachkriegszeit in Bonn, in: Franz, Birgit/Meier, Hans-Rudolf Meier (Hg.): Zerstörung und Wiederaufbau. Stadtplanung nach 1945. Denkmalpflegerische Probleme aus heutiger Sicht, Holzminden 2011, S. 120-129.

Denk, Andreas/Flagge, Ingeborg, Architekturführer Bonn. Architectural Guide, Berlin 1997.

Informationen zur Bürgerwerkstatt Viktiorakarree, Bonn.

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Herbst 17: Nehmen Sie Platz!

"Schwerer als ein Wolkenkratzer"

„Schwerer als ein Wolkenkratzer“

LEITARTIKEL: Hajo Eickhoff über eine moderne Beweglichkeit.

Sitzen im Fußballstadion

Sitzen im Fußballstadion

FACHBEITRAG: Matthias Marschik zwischen Nordkurve und Souvenirstand.

Sitzen im Kino International

Sitzen im Kino International

FACHBEITRAG: Dietrich Worbs unterwegs zum Kinosessel.

Sitzen im Bonner Loch

Sitzen im Bonner Loch

FACHBEITRAG: Martin Bredenbeck über (ehemals) konsumfreie Räume.

Sitzen mit Wolfgang Voigt

Sitzen mit Wolfgang Voigt

INTERVIEW: ein Architekturhistoriker und drei Ungers-Stühle.

Sitzen im Staatstheater Saarbrücken

Sitzen im Staatstheater Saarbrücken

PORTRÄT: Julius Reinsberg zwischen Pomp und Bescheidenheit.

Sitting in Motion

Sitting in Motion

FOTOSTRECKE: von ergonomischen Zugabteilen und futuristischen Flugzeugsitzen.