Sitzen im Kino International

von Dietrich Worbs (17/4)

Die Besucher des Berliner Kinos International müssen sich eine ganze Weile durch das Gebäude bewegen, bevor sie sich im Zuschauerraum niederlassen können. Das liegt am Auftrag des Bauherrn, denn der Ost-Berliner Magistrat wollte ein gesellschaftliches Zentrum für den 2. Bauabschnitt der damaligen Stalinallee, der heutigen Karl-Marx-Allee. Und dieses neue Kulturzentrum musste nicht nur ein Lichtspieltheater, sondern auch Stadtteilbibliothek und -klub aufnehmen. Künftig sollte das Kino DEFA-Premieren zeigen.

Stilwechsel an der Stalinallee

Mit großer Freude machte sich der Architekt Josef Kaiser (1910-1991), Leiter des Kollektivs Kaiser im VEB Hochbauprojektierung Berlin, an die Arbeit. Zusammen mit dem Stadtplaner Werner Dutschke (1919-1983) hatte er gegen sechs Konkurrenten 1958 den Wettbewerb um den 2. Abschnitt der Stalinallee gewonnen. Dutschke und Kaiser wichen erheblich von den städtebaulichen und gestalterischen Vorstellungen des 1. Bauabschnitts ab: Entstehen sollten entlang der Magistrale – im Gegensatz zu den neoklassizistischen Arbeiterwohnpalästen im 1. Bauabschnitt – moderne Hochhausscheiben.

Die Reihung der Hochhäuser wurde zwischen den Wohnbauten aufgelockert durch kleine Geschäftspavillons von Edmund Collein (1906-1992). Nördlich und südlich der Magistrale schufen Dutschke und Kaiser grüne Wohnhöfe mit Schulen und Kitas. Sie bildeten vor allem ein klares städtebauliches Zentrum an der Einmündung der Schillingstraße in die Stalinallee: mit dem Kino International, der Gaststätte Moskau und dem Hotel Berolina am U-Bahnhof Schillingstraße. Kurz gesagt, Dutschke und Kaiser führten die Moderne an der Stalinallee ein. Der 2. Bauabschnitt der Jahre 1959 bis 1965 stand in scharfen Kontrast zum 1. Bauabschnitt von 1952/53. Die SED-Parteiführung hatte Mitte der 1950er Jahre festgestellt, dass der Wiederaufbau Berlins an der Frankfurter Allee (wie die Straße ursprünglich hieß) mit traditionellen Vorstellungen nicht zu leisten sei. Nur durch die Vorfertigung und eine moderne (Städte-)Baukonzeption könne die Wohnungsnot überwunden werden.

„Raumplan“ für ein Kulturzentrum

Josef Kaiser entwarf nicht nur die zehngeschossigen Typenbauten für die Vorfertigung an der Stalinallee, sondern auch die drei Solitärbauten des Zentrums an der Einmündung der Schillingstraße: ein Ensemble aus Restaurant, Hotel und Kino. Überlegt ordnete er die drei Hauptfunktionen – Kino, Bibliothek, Klub – des International. Die Bibliothek sollte im Erdgeschoss liegen, von außen leicht zugänglich für Kinder und Erwachsene. Für das Kino war ein geräumiger Eingangsbereich mit Kassen, Garderoben und Vestibül vorzusehen, um über seitliche Treppen ins Obergeschoss zum Foyer und zum Zuschauerraum hinaufzusteigen.

Geplant war, den Zuschauerraum vom Foyer durch Schallschleusen zu betreten und im Saal durch zwei breite Gänge die Sitzreihen zu erschließen. Das Gefälle des Parketts von der obersten Sitzreihe zur untersten vor der Bühne war so zu bemessen, dass für jeden Besucher uneingeschränkte Sicht möglich sein würde. Über getrennte Treppen sollten die Besucher das Kino verlassen können. Es war vorgesehen, dass die Klubräume beiderseits des hohen Zuschauerraums über den Kino-Treppenhäusern liegen, erschlossen durch eigene Treppen, verbunden durch eine Brücke über den Schallschleusen und dem Projektionsraum des Kinos. Die ineinander verschränkten Raumbereiche von Kino und Klub sollten in einem geschlossenen, flachen, quaderförmigen Baukörper zusammengefügt werden, der auf einem Sockelgeschoss mit der Bibliothek ruht und mit dem Foyer über den Eingängen im Erdgeschoss ohne Stützen frei auskragt.

Kaiser stammte aus einer deutschböhmischen Baumeisterfamilie in der Nähe von Karlsbad. Von 1929 bis 1935 studierte er Architektur an der Deutschen TH in Prag. In diesen Jahren baute der Wiener Architekt Adolf Loos (1870-1933) hier seine letzten beiden berühmten Raumplan-Villen. Nach Kaisers eigenem Bekunden beeinflusste ihn Loos durch seine Schriften und Bauten. Dieser verschränkte Räume unterschiedlicher Höhe auf verschiedenen Niveaus, legte Wege durch diese Raumfolgen an und arbeitete mit Dunkelzonen und Lichtreizen, um die Menschen durch seine Bauten zu führen. Diese Konzeption nannte sein Schüler Heinrich Kulka den „Raumplan“. Und den nahm Kaiser offensichtlich in seiner Studienzeit auf und wandte ihn 25 Jahre später auf sein Berliner Kinogebäude an.

Der Aufstieg zum Kinosaal

Bis heute betritt der Besucher das Kino International zu ebener Erde unter dem auskragenden Foyer im Obergeschoss – ohne pompöse Freitreppe. Nach Windfang und Kassenhalle gelangt man in das niedrige Vestibül, in dessen Mitte eine Rundbank zum kurzen Verweilen einlädt. Darüber sind Hunderte von Glühlampen in eine Lichtdecke eingelassen. An den beiden Seiten sind die zwei Treppenaufgänge angeordnet, die nach einer Wendung um 90 Grad dem Licht entgegen zum oberen Foyer hinaufsteigen: Der Besucher tritt aus dem engen Schacht kommend in einen hellen, hohen, langgestreckten Raum, der sich mit einer Fensterfront zur Karl-Marx-Allee hin öffnet. Man atmet auf und sieht sich um.

Das Foyer besitzt eine Bar und eine lange Reihe von kleinen Tischen mit Stühlen an der Fensterwand. Man konnte hier schon immer vor dem Beginn einer Aufführung auf- und abwandeln oder an einem der Tischchen an der langen Fensterfront sitzen, einen Kaffee trinken, plaudern und sich auf den Film vorbereiten. Von der Karl-Marx-Allee gesehen, erscheinen die Besucher in der langen Fensterfront wie die Personen eines Films im Breitwandformat. Kurz vor der Aufführung öffnen sich dann beiderseits des Projektionsraums die Türen zum Zuschauerraum. Die vorigen Besucher haben den Saal durch eigene Treppenabgänge verlassen. Die engen und niedrigen Durchgänge in den Saal schützen vor Straßenlärm und bereiten auf etwas Neues vor: den hohen Zuschauerraum.

Der Zuschauerraum

Der Zuschauerraum fällt nach unten zur Bühne hin um zwei Meter ab, während die Decke im gleichen Maße ansteigt. Dadurch werden optimale Projektions- und Sichtverhältnisse geschaffen. Die Überraschung wird gesteigert durch die abgehängte Decke, den „fliegenden Teppich“ aus getöntem Stuck, der zur Leinwand hin in fünf Wellen ansteigt. Ein champagnerfarbener, mit Pailletten besetzter Vorhang verdeckt die Leinwand, der Fußboden zeigt einen blauen Teppichboden. Wie schon das Foyer sind auch die Seitenwände mit Stabholzleisten verkleidet, die eine gute Akustik gewährleisten.

Zwei breite Gänge führen von den Foyerschleusen zur Bühne hinunter, die nur um zwei Stufen gegenüber dem Parkett erhöht ist. 600 bequeme Sitze laden beiderseits der Gänge zum Entspannen ein. Der Zuschauerraum auf annähernd quadratischem Grundriss ist durch seine Keilform in der Horizontalen gerichtet – zur Bühne hin mit der Leinwand, auf die sich die Aufmerksamkeit der Zuschauer konzentrieren soll. Beiderseits der Bühne sind die Türen angeordnet, die sich zu den Treppenabgängen ins Freie öffnen.

Der Bau des Kinos hatte am 15. März 1961 begonnen. Am 15. November 1963 wurde das International in Anwesenheit höchster Repräsentanten von Staat und Partei mit dem sowjetischen Revolutionsfilm „Optimistische Tragödie“ feierlich eröffnet.

Die Filme im International

Zu DDR-Zeiten zeigte das Kino International je ein Drittel DEFA-Filme, Produktionen aus den übrigen sozialistischen Ländern und Streifen aus dem Westen – selbstverständlich nur ausgesuchte, wertvolle, fortschrittliche Filme, um die Werktätigen zu sozialistischen Bürgern zu erziehen. Die Besucher wussten dieses Angebot zu würdigen. Von den vielen DEFA-Premieren soll der Film „Spur der Steine“ von Frank Beyer (1932-2006) erwähnt werden. Im Sommer 1966 wurde er nach einer beispiellosen Kampagne vom Kulturminister verboten, jedoch uraufgeführt und dann nach inszenierten Krawallen abgesetzt: Man sah „die Rolle der Partei und des Staates in gröbster Weise verunglimpft“, wie das SED-Politbüro parteiintern verlauten ließ. Der Film verschwand im Tresorraum der DEFA.

Nach zwei Jahrzehnten widerfuhr dem Film, dem Regisseur und seinen Schauspielern späte Gerechtigkeit: Am 23. November 1989, zwei Wochen nach der Öffnung der Mauer, wurde „Spur der Steine“ in angemessener Form im International wiederaufgeführt – im Beisein von Frank Beyer, Manfred Krug und anderen Mitspielern. Als sie nach der Vorstellung vom Künstlerzimmer aus die Bühne betraten, sprangen die Zuschauer spontan von ihren Sitzen auf und brachen in stürmische Ovationen aus. Andere DEFA-Filme – wie z. B. „Lotte in Weimar“ (Egon Günther, 1975), „Solo Sunny“ (Konrad Wolf, 1979) oder „Coming out“ (Heiner Carow, 1989) – fielen nicht weniger kritisch aus als „Spur der Steine“, aber die SED wagte nicht noch einmal, ein Verbot so rüde durchzusetzen wie 1966.

Nach der Wende

Das International wurde zusammen mit dem Hotel Berolina und dem Restaurant Moskau als zentrales Ensemble des 2. Bauabschnittes der Stalinallee 1990 unter Denkmalschutz gestellt. Das hat – neben dem Kultstatus und der Qualität des Programms – sicher zur Erhaltung des Kinos beigetragen. Nach der Wiedervereinigung wurde es weiter bespielt, 1992 von der Yorck-Kino GmbH gepachtet und schließlich 1996 erworben. Seit 25 Jahren betreibt die GmbH das International als Programmkino und Veranstaltungsort für Tagungen und Feste, es ist seit 1990 Spielstätte der Berlinale. Im November 2013 feierte die Yorck-Kino GmbH das fünfzigjährige Bestehen des International gebührend mit einer Film-Retrospektive mit 500 geladenen Gästen.

Josef Kaiser hatte sein Kino – wie er 1963 äußerte – mit einem hohen Anspruch entworfen, der sich inzwischen über 50 Jahre bewährt hat: „Die architektonische Gestaltung von Filmtheatern soll heute darauf gerichtet sein, einen Ort festlicher Zusammenkunft für eine erlebnisbereite Gemeinschaft zu schaffen.“

Literatur

Worbs, Dietrich, Das Kino International in Berlin, Gebr. Mann Verlag, Berlin 2015.

Titelmotiv: Kino International, Garderobenhalle, Vestibül (Bild: Eric Neuling, 2009)

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Herbst 17: Nehmen Sie Platz!

"Schwerer als ein Wolkenkratzer"

„Schwerer als ein Wolkenkratzer“

LEITARTIKEL: Hajo Eickhoff über eine moderne Beweglichkeit.

Sitzen im Fußballstadion

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FACHBEITRAG: Matthias Marschik zwischen Nordkurve und Souvenirstand.

Sitzen im Kino International

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FACHBEITRAG: Dietrich Worbs unterwegs zum Kinosessel.

Sitzen im Bonner Loch

Sitzen im Bonner Loch

FACHBEITRAG: Martin Bredenbeck über (ehemals) konsumfreie Räume.

Sitzen mit Wolfgang Voigt

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INTERVIEW: ein Architekturhistoriker und drei Ungers-Stühle.

Sitzen im Staatstheater Saarbrücken

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PORTRÄT: Julius Reinsberg zwischen Pomp und Bescheidenheit.

Sitting in Motion

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FOTOSTRECKE: von ergonomischen Zugabteilen und futuristischen Flugzeugsitzen.

Sitzen im Bonner Loch

von Martin Bredenbeck (17/4)

Wie sich die Bilder gleichen! Bonn, vor dem Hauptbahnhof, Mitte der 1970er Jahre eine große Baugrube, das fast schon legendäre Bonner Loch. Bonn, vor dem Hauptbahnhof, im Herbst 2017: Wo bis vor kurzem der Hotel- und Geschäftskomplex „Südüberbauung“ stand, tut sich erneut eine Baugrube auf. Nicht einmal 40 Jahre nach ihrer Fertigstellung 1978/79 ist die Gestaltung aus dem Hochbau und dem dazugehörigen abgesenkten Platz großteils abgerissen. Nach einer reichlichen Generation Abstand werden die Karten – und viel Beton – neu gemischt.

Der alte Bahnhof

Die Empfangsgebäude und Vorplätze von Bahnhöfen sind eine typische Figur des 19. Jahrhunderts. Mit dem Siegeszug der Eisenbahnen erhielten die Städte um 1850 neue Zugänge, die für den Individualverkehr immer wichtiger wurden. Diese Architekturen entwickelten sich zu einer wichtigen Repräsentationsform. Große, breitgelagerte, oft von der Schlossarchitektur abgeleitete Bahnhöfe wie in Frankfurt am Main, Mannheim und Bremen zeigen das bis heute. Auch die Ensembles um 1900 mit ihren oft malerisch asymmetrisch gruppierten Bauteilen – z. B. in Worms, Koblenz oder Hamburg – greifen herrschaftliche Stilformen auf. Immer wiederkehrend ist dabei das Motiv des Stadttors. Ein stimmiges Symbol, wurde doch die Eisenbahn zum tempogebenden Fortbewegungsmittel, das „Eingangstore“ brauchte. Den aufwendigen Bahnhöfen antworteten vielerorts Platzgestaltungen, deren Anrainer sich um eine ebenso aufwendige Architektur bemühten. Die Stadtplanung schuf die Voraussetzungen z. B. mit achsial und sternförmig auf die Bahnhöfe zulaufenden Straßen.

In Bonn verlief die Eisenbahnlinie in einem Altarm des Rheins, vorbei an der Altstadt mit ihren hochwasserfreien Erhebungen und dem prägenden Bonner Münster. Der erste Bahnhof von 1844 wurde 1884 – man bemerke die 40 Jahre – durch einen aufwendigen Neubau abgelöst, der beispielhaft die Bahnhofsarchitektur des 19. Jahrhunderts zusammenfasst. Barock- und Renaissance-Motive mischen sich mit der großen weiten Welt (ein Globus bekrönt den Mittelteil) und Lokalpatriotismus (Wappen, heute Namenszüge, der Bahnhofsstationen entlang der Strecke). Vielleicht nicht zufällig wurde dieser Bahnhof – durch die Hauptstadtrolle republikweit bekannt – als Vorbild für einen beliebten Faller-Modellbausatz ausgewählt. Die Bahnhofstraße (hier Poststraße heißend) führte zwar achsial auf den Rundbogeneingang zu, eine veritable Vorplatzgestaltung hat es im 19. Jahrhundert allerdings nicht gegeben. Obwohl vor dem Empfangsgebäude eine breite Straße entlangführte. Gegenüber dem Bahnhof entstanden zwei große Blockrandbebauungen, einzelne Häuser zeigten historistische Schmuckformen wie Eck-Erker und -Dachaufbauten, die Bürgersteige wurden von kastenförmig geschnittenen Baumreihen begleitet.

Ein Neuanfang

Anders als die historische Innenstadt blieb der Bahnhofsbereich im Zweiten Weltkrieg fast unbeschädigt. Kunstgeschichtler fanden dies bis in die 1960er Jahre durchaus bedauerlich, denn es handelte sich ja „nur“ um das 19. Jahrhunderts. Eine Neubewertung erfolgte parallel mit den großangelegten städtebaulichen Veränderungen der 1960er Jahren. Der in Wiederaufbau-, Wirtschaftswunder- und Wohlstandsjahren zunehmende Autoverkehr geriet in Konflikt mit den Straßenbahnen und Fußgängern. Der reichlich vorhandene Platz vor dem Bahnhof wurde entsprechend intensiv genutzt. Das moderne Ideal der entflochtenen Verkehrsströme geriet zum neuen Leitbild. Zwar sollte die Straßenbahn nicht aufgegeben, aber ersetzt werden durch eine sogenannte Unterpflasterbahn: ein Begriff, der offenbar in Bonn ersonnen wurde, um nicht U-Bahn zu sagen. Das 1975 in Betrieb genommene Stadtbahn-System, das heute natürlich als U-Bahn rangiert, gab und gibt der Stadt etwas Metropolenhaftes.

Neben verkehrstechnischen Notwendigkeiten darf wohl auch dieser Repräsentationswunsch als Vater der Bonner U-Bahnplanung gelten. Nach dem Mauerbau 1961 war zudem wohl die Zuversicht geschwunden, dass mit einer baldigen Wiedervereinigung auch die Hauptstadt nach Berlin verlegt werde. Und tatsächlich begann der Bund wieder mit eigenen Bauprojekten im entstehenden Bonner Parlaments- und Regierungsviertel. Verschiedene, auch neue Wohnsiedlungen rund um die Stadt mussten an die zahlreichen neuen Arbeitsplätze in der Stadt angebunden werden. Man konnte mit dem Fernverkehrszug am Hauptbahnhof ankommen, im Untergrund in die Stadtbahn steigen und im Regierungsviertel an die Oberfläche zurückkehren. Für die hauptstädtische Funktion wurde ein Bahnhofsvorplatz gar nicht (mehr) gebraucht. Und das berühmte rosa Barock-Rathaus erreichte man für die städtischen Empfänge natürlich mit dem PKW. Anders als heute erstellte man die U-Bahn damals im offenen Vortrieb, nicht mit einer Tunnelbohrung: In der Baugrube entstand die Tunnelröhre, dann schloss man die Grube wieder. Dass vor dem Bonner Hauptbahnhof neue Gebäude emporwuchsen, war für die damaligen Planer kein Problem, es traf ja „nur“ – siehe oben – das 19. Jahrhundert. Nachdem die Eigentumsverhältnisse geregelt waren, wurde hier also großzügig Platz gemacht.

Das Bonner Loch

Ohne die damaligen Planungen abstrichlos zu loben, ist ihnen doch manches zugute zu halten. Es entstand jetzt nämlich ein veritabler Bahnhofsvorplatz! Während rechts der Poststraße ein Hotelbau mit Büros und Praxen (außerdem Café, Wohnungen und weiterer Gastronomie) errichtet wurde, hielt man den linken Block großteils frei. Erst zur heutigen Thomas-Mann-Straße hin sollte abschließend noch ein Hochbau entstehen, zu dem es aber nicht mehr kam. Als der U-Bahnknotenpunkt „Hauptbahnhof“ 1979 (pünktlich zur Bundesgartenschau) fertiggestellt war, wurde die Baugrube in eine terrassierte Platzanlage umgestaltet. Sie verband die Innenstadt direkt mit der U-Bahn, zum anderen entstand der Charakter eines öffentlichen Platzes: abgetrennte, kleinmaßstäbliche Abschnitte für den Aufenthalt, eine aufwendige Brunnenanlage (die auch als Wasserspielplatz diente), großformatige Blumenkästen, Bäume, Zugang zu öffentlichen Toiletten und zu einer Tiefgarage etc. Ganz besonders hervorzuheben sind die großen Stufen zum Bahnhofsgebäude hin. Mit Holzbänken ermöglichten sie neben dem Sitzen – z. B. Warten auf Züge oder Verabredungen – auch eine Nutzung als Freiluft-Theater.

Deutlich sind freilich die Unterschiede zum 19. Jahrhundert. Besonders die Eintiefung und Asymmetrie waren den Seh- und Benutzungsgewohnheiten fremd. Die hier also positiv geschilderten Platz-Merkmale stießen damit auf viel Unverständnis. Zudem blieb der Name „Bonner Loch“ – ursprünglich für die Baugrube gemeint – an der Neugestaltung hängen. Viele hatte der Abriss der historistischen Bauten tief verletzt. Hier äußerte sich eine öffentliche Meinung, die symbolisch im Europäischen Denkmalschutzjahr 1975 ihren Ausdruck fand. „Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“ lautete das Motto, und diese Vergangenheit war nun eben auch das 19. Jahrhundert, wiederentdeckt von Kunstgeschichte und Denkmalpflege, von Hausbesetzern, Kulturbürgern, Kapitalismuskritikern und vielen anderen. Während vor dem Bahnhof ein moderner Stadteingang geformt wurde, warb die „Aktion Gemeinsinn“ mit ihrem berühmten Plakat: ein dramatisch schwarz ausgestrichener Altbau in einer intakten Häuserzeile. Das saß!

Ein Nachruf

Obwohl Bonn erst in den 1970er Jahren wirklich einen Bahnhofsplatz erhalten hatte, konnte dieser die breite Öffentlichkeit nicht überzeugen. Das Stimmungsbild wandelte sich noch während der Bauarbeiten, der Platz und die Südüberbauung waren im Grunde schon von der Zeit überholt. Heute sind wir immer noch stark vom Denkmalschutzjahr 1975 geprägt, sehen „Altbauten“ als positives Qualitätsmerkmal. Die Neubewertung der Altbauten der jüngeren Generation – und das sind jetzt die Anlagen der 1960er und 1970er Jahre! – ist im Gange, aber langsam. Mit der Zeit suchten sich die Menschen andere Habitate als den unattraktiv scheinenden Bahnhofsvorplatz der 1970er Jahre. Die freigewordene Nische wurde – da es ja gut nutzbar war! – von anderen Gruppen belegt, über die das gepflegte Bürgertum normalerweise hinwegsehen will: Obdachlose und die Drogenszene. Solche Anmutungen blieben ebenso hängen wie der unvorteilhafte Name. „Ein Platz kann kein Loch sein“ – schade, dass das Wort die gestalterische Qualität völlig überdeckte.

Die Geschichte der Veränderungen begann schon mit der Einweihung in den späten 1970er Jahre. Friedrich Spengelins Konzeption wurde schon gar nicht vollständig umgesetzt: Der Hochbau, der seitlich des Bonner Lochs hätte folgen sollen, wurde nicht mehr errichtet. Hier blieb nur ein – zugegebenermaßen überarbeitungswürdiger – Parkplatz. Viele Vorschläge für eine Neufassung des Platzes – darunter die berühmte Ungers-Halle, mit der Bonn einen attraktiven postmodernen Bau erhalten hätte – wurden in Ratssitzungen, Ausschüssen, Bürgerwerkstätten und Leserbriefen quasi ad nauseam diskutiert. Durchringen konnte man sich nicht. Die Pflege des Geländes wurde immer weiter zurückgeschraubt. Leider überdeckte das auch viele positive Erinnerungen, denn im Bonner Sommerkulturprogramm hatte es hier in den 1980er Jahren mehrere öffentliche Konzerte gegeben. Eine Tradition, an die die Stadt in den 2010er Jahren anknüpfte und das Gelände als „Klanggrund Bonn“ neu zu etablieren suchte.

In einem Vortrag auf dem Kunsthistorikertag Würzburg 2011 hatte der Verfasser dieser Zeilen daher noch eine Hoffnung ausgesprochen: dass sich ein Mangel an Geld und Entschlussfreudigkeit gemeinsam mit einer langsamen positiven Neubewertung dann doch als bester Denkmalschutz für die 1970er Jahre erweisen würden. Eine gründliche Reinigung hätte dem Gelände ebenso gut getan wie eine teilweise Überarbeitung. Doch der Bonner Stadtrat folgte letztlich dem Primat des Geldes und veräußerte das Areal zur Neugestaltung an einen Investor. Die über 30 Einzel-Eigentümer der Südüberbauung konnte ein zweiter Investor – wahrscheinlich in mühsamer Kleinarbeit und mit reichlich Geld – allesamt zum Verkauf bewegen. Ihr Abriss erfolgte bis Herbst 2017 – und da ist sie nun wieder, die eingangs erwähnte Baugrube. Vom Gebäude wurden immerhin Andenken geborgen, z. B. das Schild des ehemaligen Hotels Continental. Vom Platz wird voraussichtlich nichts erhalten bleiben. Er wird weitgehend überbaut.

Platz machen?

Plätze werden gemacht, gebaut, sie „entstehen“ aber auch, indem wir sie mit Sinn und Leben erfüllen. Was nun vor dem Bonner Bahnhof gebildet wird, schließt an die Blockbebauung des 19. Jahrhunderts an. Der Blick auf den Mittelteil des Bahnhofs wird vom der oberen Poststraße her wieder eingerahmt durch zwei Neubauten. Der Bildausschnitt gipfelt wieder im markanten Eingangsbereich mit dem großen Rundbogen. Das könnte durchaus interessant werden! Fraglich bleibt, ob die neuen Einkaufsmalls (dazu auch Wohnraum, Büros und Praxen) ein attraktives Angebot an öffentlichem Raum setzen können. Es steht zu erwarten, dass die neuen invenstorenoptimierten Platzflächen überwiegend gastronomisch genutzt werden. Ob und wie die notwendige U-Bahnanbindung mit einer Aufenthaltsqualität in Konflikt gerät, wird sich erst zeigen müssen. Das Bonner Loch, nennen wir es liebevoll so, besaß als offizieller Platz auch eine gewisse Großzügigkeit, eine konsumfreie Aufenthaltsqualität (welch Wortspiel angesichts der später hier angesiedelten Drogenszene). Ob uns diese Offenheit auch auf den neuen Plätzen vor dem Bonner Bahnhof zuwachsen wird, haben wir leider etwas weniger selber in der Hand als die von vielen verweigerte Nutzung eines Platzes, der nun verschwunden ist.

Und wie ging es weiter?

10. November 2017: Deutschlandfunk-Interview mit Julius Reinsberg über das neue mR-Heft und den Beitrag von Martin Bredenbeck zum „Bonner Loch“

Rundgang

Literatur (Auswahl)

Huntscha, Philipp Frederik, Bahnhofsvorplatz (Architekturführer der Werkstatt Baukultur Bonn), Bonn 2017.

Bredenbeck, Martin, Zwischen Bonner Loch und Stadthaus. Gedanken zur Stadtbaukunst der Nachkriegszeit in Bonn, in: Franz, Birgit/Meier, Hans-Rudolf Meier (Hg.): Zerstörung und Wiederaufbau. Stadtplanung nach 1945. Denkmalpflegerische Probleme aus heutiger Sicht, Holzminden 2011, S. 120-129.

Denk, Andreas/Flagge, Ingeborg, Architekturführer Bonn. Architectural Guide, Berlin 1997.

Informationen zur Bürgerwerkstatt Viktiorakarree, Bonn.

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Herbst 17: Nehmen Sie Platz!

"Schwerer als ein Wolkenkratzer"

„Schwerer als ein Wolkenkratzer“

LEITARTIKEL: Hajo Eickhoff über eine moderne Beweglichkeit.

Sitzen im Fußballstadion

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FACHBEITRAG: Matthias Marschik zwischen Nordkurve und Souvenirstand.

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FACHBEITRAG: Dietrich Worbs unterwegs zum Kinosessel.

Sitzen im Bonner Loch

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FACHBEITRAG: Martin Bredenbeck über (ehemals) konsumfreie Räume.

Sitzen mit Wolfgang Voigt

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INTERVIEW: ein Architekturhistoriker und drei Ungers-Stühle.

Sitzen im Staatstheater Saarbrücken

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Sitting in Motion

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FOTOSTRECKE: von ergonomischen Zugabteilen und futuristischen Flugzeugsitzen.

Zweimal Bürofassade

von Daniel Bartetzko (17/2)

Eine energetische Ertüchtigung muss bei Bauten der Nachkriegsmoderne nicht zwangsläufig die Ästhetik ruinieren. Zwei gelungene Beispiele fürs „Revitalisieren“ von Bürohäusern der Wirtschaftswunderzeit, nur eines davon denkmalgeschützt, finden sich in Frankfurt/Main; beide ausgeführt durch das Büro Pielok Marquardt aus Offenbach.

Verkaufskontor der Farbwerke Hoechst

Seit Ende der 1990er Jahre unter Schutz steht das ehemalige Verkaufskontor der Farbwerke Hoechst im Stadtteil Sachsenhausen. Es wurde nach Plänen der Architekten Max Meid und Helmut Romeick 1955/56 errichtet und 1968 erweitert. Das Büro Meid & Romeick zeichnet für etliche Frankfurter Nachkriegsbauten verantwortlich, so für das Parkhaus Hauptwache (1956) und das Hochhaus der Schweizer National (1963/64) am Mainufer. Auch das Konrad-Adenauer-Haus in Bonn (1971, abgerissen 2003) war ihr Entwurf.

Für die Hoechst AG entstand ein gestreckter viergeschossiger Betonskelettbau mit Travertin-verkleideter Fassade, gerastert durch Fensterbänder und braunrote Verblendriemchen in deren Brüstungsfeldern. Den Haupteingang überfasst ein weit auskragendes, geknicktes Flugdach. In den 1980ern ersetzte man die ursprünglichen Metall- durch Kunststofffenster. Weitere Umbauten folgten 1997, als die Pensionskasse der fusionierten Hoechst AG die Immobilie zur Vermietung feilbot. Mit Auszug der letzten Mieter 2011 war eine Grundsanierung unumgänglich. Zwar unterliegt der Bau dank des Denkmalstatus nicht der Energieeinsparverordnung (EnEV), eine Vermietung an solvente gewerbliche Nutzer wäre aber aufgrund der hohen Energiekosten kaum mehr möglich gewesen.

Pielok Marquardt baut rück

Pielok Marquardt, die 2005 bereits das Schweizer-National-Hochhaus sanierten, gelang beim zweijährigen Umbau ein Kunststück: die Anmutung des Gebäudes zu erhalten und trotz starker Eingriffe in die Substanz mit dem Denkmalamt zu kooperieren. Das Kontorhaus wurde entkernt und, unter Beibehaltung der ohnehin wenigen bauzeitlichen Details im Inneren, geradezu rekonstruiert: Die neu aufgebrachte Travertin-Fassade erhielt eine zehn Zentimeter starke, hinterlüftete Wärmedämmung. Die Ziegelriemchen der Brüstungsfelder sind auf der neuen Dämmung verklebt. Insgesamt ist die Fassade um elf Zentimeter gewachsen. Ihre vollständige Rekonstruktion ermöglichte es jedoch, dies nahezu unmerklich auszuführen. Ein Sonnenschutz wurde in die neuen Metallfenster gelegt, welche in ihrer Anmutung wieder nahe am 1958er-Original liegen.

Zudem wurden im gesamten Gebäude Heiz-Kühldecken installiert. Sie reduzierten die Raumhöhe um wenige Zentimeter, machten aber die raumgreifenden Heizkörper obsolet. Die einzig gemauerten, tragenden Wände eines langen Flurs wurden zugunsten einer flexiblen Büroaufteilung in Pfeiler/Durchbrüche aufgelöst. Es entstanden pro Geschoss zwei Nutzungseinheiten, die frei einteil- und möblierbar sind. Dominierende Bestandteile im Inneren sind die teils originalen, teils rekonstruierten schwarzen Granittreppen samt Geländer. Sie lassen nie vergessen, dass man sich in einem fast 60 Jahre alten Bau befindet. 2016 wurde das Projekt beim Hessischen Denkmalschutzpreis mit einem Sonderpreis ausgezeichnet. Die Begründung: „Trotz des erheblichen Verlusts an originaler Bausubstanz ist die Sanierung (ein) positives Beispiel für die energetische Modernisierung eines vergleichsweise jungen Baudenkmals.“

Sanierung der VCI-Zentrale

Es geht auch ohne Denkmalschutz: Manchmal genügen ein Bauherr mit (ästhetischem) Anspruch und ein Architekt mit Sinn für Nachkriegsmoderne, um ein Gebäude zu revitalisieren wie gleichwohl zu retten. Das 1954/55 gebaute Scheibenhochhaus des Verbands der chemischen Industrie (VCI) in der Mainzer Landstraße ist ein Beispiel hierfür. Ursprünglich kleidete den Bau eine durch Lisenen gegliederte Steinfassade. In den 1980er Jahren erhielt die VCI-Zentrale eine entstellende Blechverkleidung und einen wuchtigen Dachaufbau. Seit 1997 arbeiten Pielok Marquardt für den VCI, die just vollendete Sanierung des Hochhauses entstand aus der Situation, nach einem möglichen Abriss nicht mehr in gleichem Umfang bauen zu dürfen: Das Gebäude ragt über die Fluchtlinie hinaus und übertrifft die Nachbarbebauung um etliche Geschosse.

Auch der VCI wurde entkernt, nur das bereits sanierte Erdgeschoss blieb unangetastet. Nun ziert den Bau eine zweischalige Fassade mit zentraler Lüftung, orientiert an der Tragstruktur des Gebäudes. Vor den Fenstern befinden sich hochrechteckige Prallscheiben, über ihnen im Inneren an der Decke jeweils Luftleitplatten, die zur Klimatisierung der Büros beitragen. Zudem wurden die Böden wie beim Hoechst-Gebäude gedoppelt, bei nur drei Meter Raumhöhe ein sensibles Unterfangen. Auch die Raumaufteilung ist heute komplett verändert, sodass Tageslicht quer durch die Etagen scheinen kann. Die Verblendung der Außenhülle mit Jura-Kalk kommt der einstigen Gestaltung nahe, das neu gebaute Obergeschoss schließt heute wieder mit einem Flugdach ab. Hier oben befindet sich die 1997 erneuerte Kantine, deren Interieur während der Sanierung eingelagert und wiederverwendet und ergänzt wurde.

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Frühjahr 17: Verdämmt!

Verteidigen, was kein Denkmal ist

Verteidigen, was kein Denkmal ist

LEITARTIKEL: Ursula Baus über Sinn und Unsinn der grassierenden Dämmwut – und was das über unser Architekturverständnis aussagt.

Was schief gehen kann

Was schief gehen kann

FACHBEITRAG: Dina Dorothea Falbe durchstreift Berlins Häuserschluchten.

Zweimal Bürofassade

Zweimal Bürofassade

PORTRÄT: Daniel Bartetzko skizziert zwei Frankfurter Sanierungen.

"Klartext!"

„Klartext!“

FACHBEITRAG: Thomas Rempen und 16 Master-Studierende werden laut und kreativ gegen den deutschen Dämmwahn.

"Die Geschwindigkeit ist Teil des Problems"

„Die Geschwindigkeit ist Teil des Problems“

INTERVIEW: Der bayerische Generealkonservator Prof. Mathias Pfeil spricht mit moderneREGIONAL über Forschung, Dämmung, Abwägung und Substanz.

Vorher-Nachher-Platte

Vorher-Nachher-Platte

FOTOSTRECKE: Martin Maleschka besucht Bukarest & Co.