FACHBEITRAG: Chemnitz, Brühl

von Sylvia Necker (Heft 15/2)

Abb. 1 Der Brühlboulevard in einer lauen Augustnacht, 2013 (Bild: S. Necker)
Der Brühlboulevard in Chemnitz, das zwischen 1953 und 1991 Karl-Marx-Stadt hieß, in einer lauen Augustnacht, 2013 (Bild: S. Necker)

Die ganze Straße ist leer und die Hitze des Augusttages im Jahr 2013 ist im Asphalt des Brühl-Boulevards noch gespeichert. Auf der Suche nach dem „Sächsischen Hof“, einst eine der besten Adressen und hervorragende Gaststätte auf dem Chemnitzer Brühlboulevard, springt der Autorin die nächtliche Tristesse des ehemaligen Hotspots der DDR-Bezirksstadt an. Die Pergola mit dem Schriftzug ist nicht mehr beleuchtet. Einzig die extra für die Fußgängerzone „Brühl“ entworfenen und in der Folge in der gesamten DDR aufgestellten Straßenlampen erstrahlen die Nacht und zeugen vom Ruhm des Brühlboulevards in Chemnitz.

 

Frühe Fußgängerzone in der „Zone“

Die legendäre Mokka-Bar auf dem Sachsenplatz in Leipzig (Bild: Bundesarchiv Bild 183-J0610-0016-001, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Kluge)
Die legendäre Mokka-Bar auf dem Sachsenplatz in Leipzig (Bild: Bundesarchiv Bild 183-J0610-0016-001, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Kluge)

Der Brühl war die berühmteste und beliebteste Fußgängerzone in Karl-Marx-Stadt (seit 1953 trug die Stadt diesen Namen), nicht jedoch die erste. Zu den frühesten „Fußgängerbereichen“ – wie der Fachterminus der DDR-Planungsbehörden hieß – gehört der Rosenhof: eine 1961 angelegte autofreie Straße zwischen neu errichteten Plattenbauten im süd-westlichen Stadtzentrum von Karl-Marx-Stadt. Highlight waren der gartengestalterisch durchdachte Freiraum mit Beeten, Wasserspielen und Stadtmöblierungen sowie die Tanzbar „Kosmos“.

Auch in anderen DDR-Städten entwickelte sich ein autofreier urbaner innerstädtischer Raum, der zum Flanieren und Einkaufen einladen sollte. In Rostock entstand 1968 – nach Verlegung der Straßenbahn in die parallel liegende Lange Straße – eine Fußgängerzone in der Kröpeliner Straße. Zur gleichen Zeit gestaltete die Stadt Leipzig die gesamte Innenstadt um: Sie schuf mit dem Sachsenplatz und den Anrainerstraßen ebenfalls ein Fußgänger-Areal, das heute komplett „rückgebaut“ wurde und in seiner ursprünglichen städtebaulichen Form nicht mehr besteht.

 

Konzentration aufs Zentrum

Das Zentrum von Karl-Marx-Stadt am 31. März 1977 (Bild: Bundesarchiv Bild 183-S0331-0020, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Thieme)
Das Zentrum von Karl-Marx-Stadt am 31. März 1977 (Bild: Bundesarchiv Bild 183-S0331-0020, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Thieme)

Bevor der „Brühl“ in das Bewusstsein der DDR-Planer rückte, hatte zunächst das neue Stadtzentrum Vorrang. 1959 beschloss das Politbüro des ZK der SED die Leitlinien des Wiederaufbaus in Karl-Marx-Stadt. Sie orientierten sich an den 1950 verabschiedeten „16 Grundsätzen des Städtebaus der DDR“. Demnach sollte das Zentrum den Kern der Stadt bilden, in dem „die wichtigsten politischen, administrativen und kulturellen Stätten“ angesiedelt werden sollten. Die „Straße der Nationen“ – als Magistrale und Aufmarschstraße – erschloss das Stadtzentrum in nordsüdlicher Richtung.

Am zentralen Platz sollten eine Stadthalle, ein Hotel und ein Parteigebäude die wichtigsten Funktionen der Stadt repräsentieren. Die Entwürfe änderten sich in den 1960er Jahren gewaltig – u. a. durch die Planungskonkurrenz von der SED-Bezirksleitung, der städtischen Bauverwaltung und den zentralen Institutionen in Berlin. Erst unter dem 1964 neu berufenenen Stadtbaudirektor Karl Joachim Beuchel, der zehn Jahre später zum „Stadtarchitekten“ ernannt wurde, konnte das zentrale Ensemble umgesetzt werden. Ein städtebaulicher wie politischer Höhepunkt für die wichtigste sächsische Industriestadt war die Einweihung des Karl-Marx-Monuments 1971.

 

„Stadtsanierung“ am Brühl

Alt und Neu – Titelblatt der Imagebroschüre „Brühl – Geschichte eines Wohngebietes in Karl-Marx-Stadt“, 1980 herausgegeben vom Rat der Stadt Karl-Marx-Stadt
Alt und Neu – Titelblatt der Imagebroschüre „Brühl – Geschichte eines Wohngebietes in Karl-Marx-Stadt“, 1980 herausgegeben vom Rat der Stadt Karl-Marx-Stadt

Wie in westdeutschen Großstädten wandelte sich auch in der DDR in den 1970er Jahren die Mentalität der Planer und Bewohner. Das Europäische Denkmalschutzjahr 1975 hatte für die negativen Folgen der städtebaulichen (Nachkriegs-)Moderne sensibilisiert und ein Umdenken angestoßen. Stadtverwaltungen und Bürgerinitiativen diskutierten, Altbausubstanz über eine „behutsame Stadtsanierung“ wiederherzustellen. In der DDR kam verschärfend der – damals immer noch tiefgreifende – Wohnungsmangel hinzu, den die Wohnungsbauinitiative Honeckers seit 1973 zu bekämpfen suchte.

In Karl-Marx-Stadt sollte vor allem die Großsiedlung „Fritz Heckert“ – pro Baugebiet war ein Fußgängerbereich mit ausdifferenzierter Freiraumplanung vorgesehen – den Wohnungsmarkt sichtbar entlasten. Doch das prognostizierte Wachstum der Stadt für die kommenden Jahrzehnte war so hoch, dass sich eine Planungsgruppe unter dem Stadtarchitekten Beuchel bildete. Für die alten innerstädtischen Arbeiterviertel „Brühl“ und am „Sonnenberg“, die bislang nicht in die Wiederaufbauplanungen einbezogen waren, wurden städtebauliche Lösungen entwickelt. Die „Rekonstruktion“ und „Modernisierung“ der beiden Viertel gehörten zu den Pilotprojekten der DDR-Stadtsanierung.

 

Das Glück liegt in der Straße

Die ersten Planungen für die Modernisierung des Brühls begannen 1971. Lange Zeit galt das Arbeiterviertel als „ausgewohnt“ und stand auf den Abrisslisten der Stadt. Jetzt sollte neben Wohnraum auch ein Fußgängerboulevard entstehen. Nördlich des Stadtzentrums gelegen, sollte hier ein neuer Anziehungspunkt in Karl-Marx-Stadt geschaffen werden. Als Vorbild galt die Fußgängerzone „Váci utca“ in Budapest. Allerdings zeigten sich die Planer nach ihrer Exkursion nach Ungarn enttäuscht: Die dortige Fußgängerzone zeichnete sich lediglich durch einen neuen Plattenbelag aus.

Eingangssituation des Brühlboulevards, Juni 1989 (Bild: Bundesarchiv Bild 183-1989-0623-15, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Thieme)
Karl-Marx-Stadt: Eingangssituation des Brühlboulevards im Juni 1989 (Bild: Bundesarchiv Bild 183-1989-0623-15, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Thieme)

Für den Brühl entwickelten die DDR-Planer dann schon wesentlich differenziertere Gestaltungsmerkmale: Zum einen bekam der Brühl ein „Icon“, ein vom Grafiker gestalteten Logo, das die Besucher an der Kurt-Fischer-Straße weithin sichtbar begrüßte. Zum anderen entwickelten die Planer unter der Leitung des Stadtarchitekten Beuchel ein grell buntes Farbkonzept für den 680 Meter langen Brühlboulevard. In drei Bauabschnitten sollten ca. 2.600 Wohneinheiten entstehen, wovon allerdings bis 1982 nur knapp 1.000 Wohnungen umgesetzt werden konnten. In den Erdgeschossflächen entstanden 70 Läden mit 2.400 m2 Verkaufsfläche. Die Wohnungen am Brühl waren durch ihre Fernwärme- und Warmwasserversorgung besonders beliebt und lagen – als Altbauten und eben nicht als Neubauten – zusätzlich in einer innerstädtischen, urbanen Umgebung, wie sie in der DDR selten war.

Die genau kalkulierte Nutzungsmischung von Wohnen, Kleingewerbe, Ateliers, Handel, Dienstleistung und Gastronomie schuf urbanes Flair, das die meisten westdeutschen Fußgängerzonen durch die Ausgliederung von Wohnraum aus den Innenstädten verloren hatten. Der Freiraum des Brühls war mit Plastiken, modellierten Sitzbuchten und Terrassen, Wasserspielen und Begrünung eine wahre Gestaltungsorgie. Im positiven Sinne, denn kaum ein öffentlicher Raum von Karl-Marx-Stadt war so beliebt. Insofern wird der Brühl im kollektiven Gedächtnis der Chemnitzer als glückliche Straße mit Konsummöglichkeiten, Kneipen und Aufenthaltsqualitäten erinnert. „Da bekam man wirklich alles!“ war die häufigste Antwort auf die Frage, was den Brühl so besonders machte.

 

Konsumtempel am Stadtrand

Chemnitz, Eingang zum "Brühlboulevard" (Bild: S. Necker)
Chemnitz, am Eingang zum „Brühlboulevard“ (Bild: S. Necker)

Gleich zwei große Einkaufszentren am Rand der Stadt ließen den Brühl in den ersten Wendejahren bis 1992 verwaisen. Die Fußgängerzone war nun kein Magnet mehr – weder zum Wohnen noch zum Einkaufen oder für einen Kneipenbesuch. Viele Bewohner zogen weg und Chemnitz wurde zu einer der am schnellsten schrumpfenden Städte Ostdeutschlands. Zusätzliche Konkurrenz schuf die Stadt, als sie das alte DDR-Zentrum umgestaltete und zwei Warenhäuser ansiedelte. Der Niedergang des Brühls war damit besiegelt, seit Mitte der 1990er stand hier ein Großteil der Wohnungen leer.

Erst Mitte der ersten Dekade im neuen Jahrtausend geriet der Brühl wieder in den Blick städtischer Entwicklungspolitik. Mit einem Stadt- und Ortteilentwicklungsprogramm schuf man den „Brühlfond“, aus dem bis heute Maßnahmen finanziert werden. In den letzten Jahren gelang es, Wohnungen an private Investoren zu verkaufen und wieder zu vermieten. Jedoch fehlen bislang Gewerbetreibende, die das urbane Flair der Fußgängerzone wiederbeleben könnten. Und eine weitere Idee steckt für den Brühl im Moment fest: Aus der leerstehenden Aktienspinnerei des 19. Jahrhunderts könnte ein Wissenschaftsquartier mit Zentralbibliothek und Fakultäten der Technischen Universität entwickelt werden.

 

Fazit

Bleibt der Brühlboulevard ein Erinnerungsort der DDR? Das von der Stadt installierte „Brühlbüro“ setzt alles daran, die Erinnerungen nicht verblassen zu lassen und eine neue Perspektive am Brühl zu schaffen. Dazu hat die Stadt das Büro Albert Speer und Partner (AS&P) eingeladen, einen Masterplan zu entwickeln, der seit 2012 vorliegt. Doch ist es mit Maßnahmen nicht getan, welche die Immobilienwirtschaft ankurbeln und Gewerbetreibende ansiedeln sollen. Viel wichtiger wäre es, sich jenseits dieses angewandten Städtebaus den großen theoretischen Fragen des urbanen Freiraums zu widmen und eine Vision für die Zukunft unserer öffentlichen Räume zu entwickeln. Vielleicht haben die Fußgängerzonen – und allen voran der Brühl – dann eine Chance auf eine Neuerfindung.

 

Literatur

Beuchel, Karl Joachim, Modernisierung und Umgestaltung des Arbeiterwohngebietes „Brühl“ in Karl-Marx-Stadt, in: Architektur in der DDR 1980, 10, S. 594-601.

Beuchel, Karl Joachim, Die Stadt mit dem Monument. Zur Baugeschichte 1945-1990 (Aus dem Stadtarchiv Chemnitz 9), Chemnitz 2006.

Saitz, Hermann H., Stadt und Verkehr. Verkehrsgerechte Stadt oder stadtgerechter Verkehr?, Berlin 1979.

Dank an den Geschichtsverein Chemnitz und Karl Joachim Beuchel, die der Autorin Material verfügbar machten und für Gespräche zur Verfügung standen.

 

Rundgang

Flanieren Sie mit Sylvia Necker durch Karl-Marx-Stadt, bis es wieder zu Chemnitz wurde.

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Frühjahr 15: Fußläufig

LEITARTIKEL: Grenzenloses Vergnügen?

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Dirk Schubert über die Ursprünge, Formen und Chancen der städtebaulichen Idee „Fußgängerzone“.

FACHBEITRAG: Chemnitz,  Brühl

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Daniel Bartetzko über die Kunst des Wegwerfens.

LEITARTIKEL: Hübsch hässlich

von Till Briegleb (16/1)

Pretty Ugly? Das ist jeden Tag eigentlich mehr die Beschreibung unseres ästhetischen Gesamtzustands, denn eine Ehrenrettung der Hässlichkeit. Extrem beschleunigt seit dem Zusammenbruch des Kommunismus vor 25 Jahren, erlebt die wohlhabende Welthälfte mit ihrem enormen Verbrauch an Reizen eine fundamentale Krise des Schönen. Getrieben vom zwanghaften Anspruch, das Hässliche zu verbergen, hat die konsumistische Verschleierung alle Lebensbereiche dogmatisch verhüllt: Das Unansehnliche ist unbedingt zu vermeiden.

Bereits 14-jährige nebeln sich mit chemischen Duftstoffen ein, um nicht zu „stinken“. Jeder, der es fünf Minuten in die Öffentlichkeit geschafft hat, engagiert sich einen PR-Berater, damit er nicht aus Versehen hässliche Wahrheiten sagt. Das Oberflächendesign ist zur weitaus bedeutendsten Philosophie des Alltagslebens geworden. Und wo die hässliche Fratze des Menschen dann doch unvermeidbar auftaucht, etwa in rassistischen Versammlungen oder korrupten Sportverbänden, da erreicht uns das Monströse nur noch im leuchtenden Rahmen schicker Geräte und eingekleidet mit vernünftigen Kommentaren, so dass zumindest seine wilde Scheußlichkeit immer schon gezähmt auf uns kommt.

Der ästhetische Kompromiss

Geschmacklich enwandfrei: die Frankfurter Frankenallee 2016 (Bild: Christian Eblenkamp)

Für die Ästhetik bedeutet diese Allgegenwart des Anwendbaren eine enorme Abnutzung, für die Anwender einen herrischen Anpassungsdruck. Die Verschönerungs-Präambel als Richtwert für alle Lebensbereiche hebt schleichend, aber wahrnehmbar die normativen Gegensätze von hässlich und erhaben als sich gegenseitig konstituierende Wertmaßstäbe auf. Das Resultat ist eine massive Angleichung im ästhetischen Kompromiss, der bei lautem Geschrei der Vielfalt zu immer weniger Differenz führt. Ob im Autodesign oder beim sportlichen Kleidungsstil, auf den Fernsehkanälen oder in den Shopping-Malls, bei den A-, B- oder C-Prominenten oder im Darstellungsapparat der Politik – das Wahre, Schöne, Gute ist auf einem Niveau angelangt, dass jedes halbwegs hübsche Mädchen bereits zur Marienerscheinung taugt.

Dahinter steht natürlich die Angst der Moderne vor der Ambivalenz, und deswegen ist es auch nicht so verwunderlich, dass jene Sparte menschlicher Ausdruckskraft, die am beharrlichsten an der Vokabel der „Moderne“ klebt, nämlich die Architektur, bei der Nivellierung von Vielfalt in der heutigen Gesellschaft eine Hauptrolle spielt. Abgesehen von der kleinen Versailles-Sparte, in der eine Handvoll internationaler Designkräfte Sonderbauten im Exotenwettkampf stylen dürfen, führt die Krise des Schönen bei der Masse der Gebäudegestalter zu einer global sich ausbreitenden Redundanz der Formen, Skelette, Materialien und Effizienzen. Die Vermeidung des Hässlichen führt zu einer Verschleierung des Schönen in der Rechte-Winkel-Uniform.

Stil als Gesinnung

Genau deswegen ist das übrig gebliebene Hässliche in unseren Städten so erfrischend und inspirierend. Nicht nur hält es die Erinnerung wach an Zeiten vehementer ästhetischer Kämpfe um den richtigen Stil als Ausdruck für die beste Gesinnung. Das zu Große, zu Graue, zu Gleiche, zu Plumpe, zu Massive, zu Ungelenke, das auftrumpfend Farbige, Geformte, Hervorbrüllende und ehemals Selbstbewusste, das die Sechziger, besonders aber die Siebziger und Achtziger uns hinterlassen haben, suggeriert vielmehr eine neue Möglicheitsform, einen Ausbruch aus dem sedierenden Konsens des guten Geschmacks heutiger Bautätigkeit, der fatal dazu neigt, schon bei der Fertigstellung äußerst banal zu wirken.

Kampfschiffe aus Beton: die Bochumer Uni mit ihrem ausdrucksstarken Audimax (Bild: CanonBen, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Ein plastisches Beispiel für diesen Konflikt liefert der Umbau der Ruhr-Universität Bochum. Nach dem Krieg als Utopie eines Gesellschaftswandels vom industriell geprägten Kohlerevier zur Bildungsdemokratie geplant, sind die symbolischen Kampfschiffe aus Beton, die als Kammbauten auf einen Hügel ins Grüne gesetzt wurden, das starke Zeichen der optimistischen Post-Nazi-Moderne. Doch diese fulminante Setzung von Grobschlächtigkeit – die leider bald dunkelgrau wurde wie aller Beton und den schlechten Ruf einer Selbstmörder-Uni erhielt – hat noch heute eine Kraft und Widerborstigkeit, die für das ästhetisch Lauwarme zeittypischer Verwertungs-Strategien untragbar wurde. Und so hat man damit begonnen, unter dem Vorwand bautechnischer Verseuchung die alten Biester abzureißen und sie durch maximal austauschbare Allerweltsarchitektur zu ersetzen, die jeden Charakter ängstlich meidet.

Unter Irrsinnsverdacht

Es sind immer wieder diese beiden Argumente, mit denen die prägnanten „Hässlichkeiten“ der Nachkriegszeit zerstört werden – wenn nicht irgendein Denkmalschützer sich dem Verdacht des Irrsinns aussetzen will und störrisch für ihren Erhalt kämpft: bautechnisch nicht mehr zeitgemäß und ästhetisch ein Hemmnis für optimale Verwertbarkeit. In diesem Tenor wurde das Waschbetongebirge des Kröpcke-Centers in Hannover abgerissen, um einem langweiligen hellen Kaufhaustyp mit rundgelutschten Ecken Platz zu machen, wie es ihn mittlerweile in jeder Großstadt in Serie gibt. Die eternit-verkleideten City-Höfe an Hamburgs Hauptbahnhof sollen trotz bestehendem Denkmalschutz und eines vernünftigen Nachnutzungskonzeptes für innerstädtischen Wohnraum gesprengt werden, weil ein Büroneubau der Stadt mehr Geld bringt und der Oberbaudirektor gerne Backsteinarchitektur hätte. Und die Beispiele der hier versammelten Beiträge liefern weiteres Material für den ungeheuer kurzen Gebrauchswert von Bauten der Sechziger bis Achtziger Jahre, deren Substanz auch ganz andere Nutzungen zuließe.

Hannover, Kröpcke-Center: Ein Waschbeton-Gebirge verschwindet hinter austauschbarer Travertin-Ödnis (Bild: Landeshauptstadt Hannover)

Beispiele, wenn auch nur als Interim, gab es in Hamburg mit der Künstlerheimat „Frappant“ im leerstehenden Karstadt-Gebäude in Altona, bevor dieses einer neutralen Ikea-Schachtel weichen musste, oder auf der Reeperbahn, wo im Gebäude eines Bowlingcenters von 1958 ab den Neunzigern fast 20 Jahre Clubs und Ateliers für eine legendäre Zeit der Kiez-Kreativität sorgten. Heute stehen hier die Tanzenden Türme von Hadi Teherani mit dem österreichischen Bauriesen Strabag als Hauptmieter. Aber auch die große Zuwanderung von Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen wäre ein vernünftiger Anlass für die Umnutzung von innerstädtischen Gewerbeimmobillien zu Wohnraum, wie sie etwa im riesigen Neckermann-Areal in Frankfurt gerade vorgeprobt wird.

Kulisse des Verfalls

Nun bleiben neben den zugegeben etwas stadtsoziologischen Argumenten für den Erhalt von Großbauten aus der Bonner Republik und dem Verweis auf die praktischen Ansätze, dass die vom Markt ungeliebten Objekte durch kreative Verwandlung neu zu beseelen wären, die ästhetischen und emotionalen Einwände der Hässlichkeit natürlich bestehen. Volkes Stimme, auf die man als Stadtleben-Kommentator mit Vor-Ort-Wissen gerne häufiger hören darf, hat hier meist relativ eindeutige Urteile zu fällen. Fußgängerzonen aus dem Waschbetonzeitalter, Plattenbauten selbst im aufgehübschten Zustand der Nachwendesanierung, kleinstadtgroße Versicherungsbauten in den monofunktionalen „Cities“, die verschlossenen Kaufhäuser der Wirtschaftswunderzeit oder Betonstelen mit Lochfassaden, denen die Witterung jede gutgemeinte Eleganz geraubt hat, können nach der Mehrheit deutscher Leserbriefschreiber sofort weg. Und dort, wo sie von Fernsehregisseuren als Kulisse ins Bild gesetzt werden, dienen sie ausschließlich als defenitive Zeichen für Verfall, Schrecken, Öde und das Unheimliche.

Aber ging es den Gründerzeitbauten nicht vor wenigen Jahrzehnten noch genauso? Als unbrauchbar, antimodern und zu dicht aufeinander geschmäht, wurden die heute mit Abstand beliebtesten städtischen Wohnquartiere großflächig dem Verfall preisgegeben oder abgerissen. Gartenstädte von Architekten, die in böser Kumpanei mit den Nazis bauten und angeblich alle Grundsätze humaner Gesinnung vermissen ließen, sind heute hochbegehrte Idyllen von überzeugender Schönheit. Und erkennen nicht viele Menschen, die heute wieder in den planen weißen Wohnriegeln mit nutzlosem Distanzgrün in die Langeweile des modernen Siedlungslebens mitten in der Stadt gezwungen sind, in den Vorschlägen der einst verspotteten Postmoderne plötzlich echte Qualitäten von Urbanität und Gestaltung?

Ein Ausdruck von Freiheit

Bangkok: Kein Stildiktat des guten Geschmacks (Bild: Tourismuscentre, CC BY SA 4.0)

Vielleicht muss man mal ganz weit weg fliegen, um das fruchtbare Miteinander verschiedener Stilepochen zu verstehen, das eine Metropole von vitaler Gelassenheit und fröhlicher Vielfalt erzeugt. In Bangkok mischen sich bescheidene Hütten mit den unterschiedlichsten Hochhäusern, alte und neue Shopping-Center und kleine goldene Tempel gehen über in gewöhnliche Wohnblöcke mit wuselnden Märkten in scheinbar ungeplanter Abwechslung und Tuchfühlung. Und bei der Architektur gerade der dominanten Hochbauten herrscht keinerlei Stildiktat des guten Geschmacks vor.

Pretty Ugly ist hier ein Gedanke der Freiheit, der vom europäischen Betrachter verlangt, sich von seinem Konsensgefühl des angepassten Stils zu befreien. Pretty Ugly ist aber auch eine Frage des Respekts gegenüber unterschiedlichen Wahrnehmungen und Vorstellungen von Lebenswelt. Vor allem aber ist Pretty Ugly als Urbanitätskonzept ein Gedanke, der Vielfalt und Chance kreiert, der Ambivalenz erzeugt und Nischen, in denen sich unterschiedliche Menschen mit ihren Vorstellungen von Glück in einer Stadt einnisten können.

Das Negativschöne

Das „Negativschöne“, wie der berühmte Hässlichkeitsphilosoph Karl Rosenkranz es Mitte des 19. Jahrhunderts taufte, also die rätselhafte Qualität des Verworfenen, muss von unserer Mainstream-Kultur neu empfunden werden. Und das verlangt als erstes, dass man das Hässliche in unseren Städten so lange aufheben darf, bis man diese Qualität und ihre Nutzbarkeit fähig ist, wiederzusehen – und dann wiederzubeleben.

Titelmotiv: Vielleicht war es in den 1980ern um unseren ästhetischen Gesamtzustand besser bestellt: Berlin, Friedrichstadtpalast (Bild: Michael Fötsch, CC BY SA 2.0)

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Winter 2016: Pretty Ugly

LEITARTIKEL: Hübsch hässlich

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Till Briegleb sinniert über Schönheit, Geschmack und glattgebügelten Zeitgeist.

FACHBEITRAG: Unter der Laterne

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Karin Berkemann staunt über einen opulenten 80er-Jahre-Bau in Langen: die katholische Albertus-Magnus-Kirche von Johannes W. M. Kepser.

FACHBEITRAG: Früher war mehr bunt

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Uta Winterhager berichtet über zwei farbenfrohe 70er-Jahre-Hochhäuser in Köln: das Herkuleshaus und die Doppeltürme der Deutschen Welle.

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Jan Kampshoff belichtet ein gescheitertes Zukunftsprojekt: In Dorsten findet sich im Stadtteil Wulfen das Habiflex.

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moderneREGIONAL sprach mit der Architektin über das Turmrestaurant Steglitz, in Berlin besser bekannt als „Bierpinsel“.

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Christian Holl betritt den postmodernsten Straßenzug der Mainmetropole, deren Römer gerade wieder der nächsten Rekonstruktion entgegensieht.

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Turit Fröbe fotografiert Bausünden in ganz Deutschland. Und entdeckt doch immer wieder die Qualitäten der kritisierten Bauwerke.

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Karin Hartmann untersucht die Königsplätze von Paderborn (1969-81) und ihre Chancen, wieder zu einem echten Treff- und Mittelpunkt zu werden.

FACHBEITRAG: Unter der Laterne

von Karin Berkemann (16/1)

Die Schönheit und das Göttliche sind bekanntermaßen Geschwister: Beide lassen sich schwer finden, aber leicht erkennen, denn die Begegnung mit ihnen tut weh. Man könnte es vornehmer als schmerzhafte Grenzerfahrung beschreiben, weil sie Räume eröffnen, die sich vom heimischen Wohnzimmer unterscheiden. Kirchenbauer wählten dafür entweder ein barockes „Mehr“ (Blattgold mit Gedöns) oder ein modernes „Weniger“ (Kunststein ohne Alles) – wobei spätere Nutzer selten der Versuchung widerstanden, Gott darin mit Tüll und Yuccapalme ein besonders behagliches Plätzchen anzubieten. Und dann gibt es jene Räume, die uns einen wohligen Schauer über den kulturbourgeoisen Rücken jagen. Die uns zu sehr an das Wohnzimmer unserer Jugend erinnern, um sie vorbehaltlos „schön“ zu nennen. Die uns aber noch eine ganze Weile beschäftigen, wenn wir jede Inkunabel längst als solche verbucht haben. Ein ebensolcher Raum ist auch die katholische Albertus-Magnus-Kirche im hessischen Langen aus dem Jahr 1985 – die wundervoll überbordende Frucht eines lang gehegten Wunsches.

Hier leuchten nicht nur die Farben: die Albertus-Magnus-Kirche (J. Kepser, 1985) im hessischen Langen (Bild: K. Berkemann)

Schnörkel oder klare Kante

Die Marburger Elisabethkirche lässt grüßen: ein Blick auf die neugotische evangelische Stadtkirche von Langen (J. C. Horst, 1883) (Bild: E-W, CC BY SA 3.0)

Bereits 1526 war Langen mit Landgraf Philipp zum Protestantismus gekommen. Als Gottesdienstraum diente weiterhin die mittelalterliche Kirche im Ortszentrum, die 1883 durch einen Neubau ersetzt wurde. Oberbaurat Johann Christian Horst stellte seinen neugotischen Entwurf mit Fensterrose und steinernem Turmhelm programmatisch in die Nachfolge der Marburger Elisabethkirche, der Mutterkirche der hessischen Landgrafen und ihrer Reformation. Obendrauf erhielt Langen durch Großherzog Ludwig IV. von Hessen-Darmstadt zur Einweihung noch die Stadtrechte. Die Katholiken hingegen blieben eine Minderheit, die erst 1893 in damaliger Ortsrandlage eine Marienkapelle errichten konnte. In der Frankfurter Straße schuf der Mainzer Dombaumeister Joseph H. A. Lucas einen maßstäblichen, jedoch in seinen neugotischen Formen deutlich sakralen Backsteinbau. 

Die Zahl der Katholiken wuchs nach 1945 durch Flüchtlinge und Zuzüge sprunghaft an, was auch die neue „Wohnstadt Oberlinden“ südwestlich von Altstadt und Bahnlinie prägte. Für beide Konfessionen stellte die Wohnungsbaugesellschaft „Nassauische Heimstätte“ städtebaulich prominente Grundstücke bereit und drängte auf künstlerisch anspruchsvolle Kirchenbauten. So wurde 1963 die evangelische Martin-Luther-, 1968 die katholische Thomas-von-Aquin-Kirche eingeweiht. Während man hier das Beste der Klassischen Moderne (Materialsichtigkeit und geometrische Grundformen) mit einigen spätmodernen Flausen (Faltdach und Farbakzente) verband, spielte man in der Innenstadt mit der Geschichte: In der Bahnstraße bekam das Evangelische Gemeindehaus 1926 eine klassi(zisti)sche Fassadenordnung, die neue katholische Albertus-Magnus-Kirche 1956 ein stilisiertes Rosettenfenster – als kleiner konfessioneller Nadelstich in Richtung evangelische Stadtkirche.

Warum kleckern, wenn man …

Ein Hauch von Schlumpfhausen: Hutartige Kupferdächer in Stehfalz-Deckung überfangen das Pfarrzentrum der Langener Albertus-Magnus-Kirche (Bild: E-W, CC BY SA 3.0)

Gut 20 Jahre nach ihrer Weihe wurde die erste Albertus-Magnus-Kirche im März 1979 baupolizeilich geschlossen, da man die Betonbinder als schadhaft und damit den gesamten Bau als einsturzgefährdet einstufte. Bereits im November desselben Jahres folgte der Abriss, 1982 die Genehmigung für einen Neubau. Für das neue Pfarrzentrum schöpfte man selbstbewusst aus dem Vollen: Zwischen 1983 und 1985 entstand ein großzügiges Ensemble aus Kirche mit Turm, Gemeindesaal, Gruppenräumen, Jugendheim und Kindertagesstätte.

Nach Norden, zur belebten Bahnstraße hin, öffnet sich die weitläufige Anlage mit all ihren Funktionen um den „Brunnenhof“. Überragt wird das backsteinsichtige Ensemble mit hutartigen Kupferdächern vom 27 Meter hohen Turm, der stolze fünf Glocken trägt. Kommt der Besucher von Süden, vom ruhigen Albertus-Magnus-Platz her, lässt das Pfarramt links liegen und überquert den kleinen Vorplatz, gelangt er zur Kirche über einen separaten Zugang im Turm. Vom annähernd quadratischen, mehrfach verkröpften Kirchengrundriss bleibt – zieht man das langgestreckte Foyer ab – für den Gottesdienstraum eine längsrechteckige Grundfläche. Dieser Querrichtung folgt die Firstlinie der kupferverkleideten Deckenkonstruktion, die sich mittig nochmals zu einem Oberlicht aufbäumt. An den Kirchenbau ist im Osten ist eine Apsis, im Norden die Kapelle „Maria vom Frieden“ angegliedert.

Viel Farbe und einige Straßenlaternen

Ein postmodernes Feuerwerk: Klinkerrot und Kupfergrün werden im Gottesdienstraum der Langener Albertus-Magnus-Kirche vielfach aufgegriffen (Bild: K. Berkemann)

Spätestens im Inneren kann man der Albertus-Magnus-Kirche kaum den Vorwurf der Unscheinbarkeit machen, denn hier steigert sich der Farbklang aus Klinkerrot und Kupfergrün zum postmodernen Feuerwerk: Die schiffsbugartige Deckenkonstruktion setzt grüne neben rote Holzelemente und dazwischen eine ebensolche Kassettierung – ein Motiv, das die seitliche Orgelempore wieder aufgreift. In der Apsis, die eine stilisierte Fenstergestaltung des rheinischen Glasmalers Georg Meistermann rahmt, steht die Tabernakelstele vor einem grün-goldenen Wandgemälde mit Engelsmotiven, das der Kölner Kirchenmaler Klaus Balke schuf. Die Altarinsel und die hufeisenförmig darum gescharten Bankblöcke werden von rot-grünen „Straßenlaternen“ beleuchtet …

Dieses Farben- und Formenwunder wurde vom Architekten Johannes W. M. Kepser entworfen. Geboren 1935 in Goch am Niederrhein, konnte er seiner Liebe zur Malerei nicht zum Brotberuf machen. Stattdessen studierte er an der Werkkunstschule in Krefeld bis 1962 Architektur – und blieb der Kunst als Gasthörer treu. Nach ersten Berufsjahren in Köln zog Kepser 1973 nach Dreieichenhain, arbeite als freier Architekt mit Schwerpunkt im Kirchenbau. Ab 1980 leitete er zudem eine kunsthistorische Exkursionsreihe des katholischen Bildungswerks Südhessen. Auch in seinen Bauprojekten legte Kepser Wert auf einen sensiblen Umgang mit der Geschichte und eine ausdrucksstarke farbliche Ausgestaltung. So gab er z. B. der Langener Stadtkirche bei der Restaurierung von 1996/97 ihre bauzeitliche Ausmalung samt „Sternenhimmel“ zurück.

Abschied von der Dekosperre

Nennen wir es mal „starkfarbig“: die Tabernakelstele von Elmar Hillebrand vor den Fenstern von Gottfried Böhm im Mariendom zu Neviges (G. Böhm, 1968) (Bild: Frank Vincentz, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Kepsers Albertus-Magnus-Kirche lebt vom Spiel der Oberflächen: Aus der natürlichen Färbung der vorherrschenden Baustoffe leitete er die weitere Gliederung des Innenraums ab. In Klinkerrot und Kupfergrün strukturierte er einzelne Bauteile wie die hölzerne Deckenkonstruktion. Die backsteinsichtigen Wände erhielten zudem einen stufengiebelartigen Reliefabschluss. Hier spielt Architektur mit ihren Notwendigkeiten und wird zu ihrer eigenen Schmuckform. Würde es nicht zu sehr nach Hochzeitstorte und Wandtattoo klingen, man könnte von Dekor sprechen.

Damit brachte Kepser ein Stück rheinische Kirchbaugeschichte an den Main. „Gewölbe“ und Apsis lassen nicht nur an die mittelalterlichen Kirchen in und um Köln denken. Hier kannte auch die Nachkriegsmoderne mehr als kantiges Kunststeingrau: von den kühnen Schwüngen eines Hans Schilling über den „Historismus“ eines Karl Band bis zur Opulenz der Böhm-Dynastie. Nicht umsonst zeigte Gottfried Böhm bei einer Inkunabel der Kirchbaumoderne, seiner Wallfahrtskirche von Neviges (1968), keinerlei Scheu vor Tradition und Farbe. Unter seiner vielfach gefalteten Betondecke, zwischen seinen glühenden Fenstergestaltungen, leuchten monumentale Laternen auf die Pilgerschar herab.

Postmoderne Piazza

Künstliche Erlebniswelten: die denkmalgeschützte „Calwer-Passage“ (Kammerer, Belz und Partner, 1978) in Stuttgart, die heute vom Projekt „Fluxus“ mit Leben gefüllt wird (Bild: Bundesarchiv B 145, Bild F078962-0029, 1988)

Mit der profanen Straßenlaterne verschränkten Kirchenbauer wie Gottfried Böhm nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) gerne den liturgischen mit dem öffentlichen Raum. Zeichenhaft zogen sie den Pflasterbelag vom Vorplatz bis ins Kircheninnere. Aus dem geschützten Bezirk der Gottesdienstgemeinde sollte ein Ort der Begegnung und der „tätigen Teilnahme“ werden. Um den Kirchenbau gruppierten sich die weiteren Funktionen des Pfarrzentrums. Und auf der Suche nach Vorbildern ging der Blick auch in den profanen Raum, zu den „Marktplätzen“.

Mit dem ihr eigenen Überschwang stilisierte die Postmoderne jede Mall zur italienischen Piazza. So formte man z. B. die „Calwer Passage“ (Kammerer, Belz und Partner, 1978) nach dem Vorbild der Mailänder Galeria Vittorio Emanuele II (1867) mit Marmor, Stahl und Glas zur glitzernden Erlebniswelt. Was in Stuttgart mit der Aufenthaltsqualität den Konsum heben sollte, stand für Kepser im Dienst des kirchlichen Gemeinschaftsgedankens. So steigerte er in Langen die feierliche Raumwirkung zum liturgischen Zentrum hin: Die Außenlaternen des Brunnenhofs unterscheiden sich von ihren farbstarken Schwestern im Kirchenraum. Über dem Altar verweist der monumentale Radleuchter auf das himmlische Jerusalem. Bei ähnlichem Muster wird auch das Material des Bodenbelags vom Vorhof bis zum Altarraum immer edler.

Fleischgenuss im Dienst der Kirche

27 Meter, 5 Glocken und 1 Gockel: der Turm der Langener Albertus-Magnus-Kirche wurde gerade saniert (Bild: K. Berkemann)

Bis heute blieb die Albertus-Magnus-Kirche fast unverändert erhalten. In den letzten Jahren wurde ihre Ausstattung angereichert, so dass sie nun gleich zwei Grandseigneurs der Glaskunst versammelt: Das bauzeitliche Fensterband von Georg Meistermann und neuere Einzelfenster des Langener Glasmalers Johannes Schreiter. Gerade hat die Gemeinde, die wieder mit der Liebfrauen- und Thomas-von-Aquin-Kirche zur St. Jakobus-Gemeinde zusammengelegt wurde, ihren Kirchturm und das ihn bekrönende Schmuckwerk saniert. Der finanzielle Eigenanteil wurde engagiert und kreativ beigebracht, u. a. durch den Verkauf von „Gockelwurst“.

Bis heute blieb die Albertus-Magnus-Kirche fast unverändert erhalten. In den letzten Jahren wurde ihre Ausstattung angereichert, so dass sie nun gleich zwei Grandseigneurs der Glaskunst versammelt: Das bauzeitliche Fensterband von Georg Meistermann und neuere Einzelfenster des Langener Glasmalers Johannes Schreiter. Gerade hat die Gemeinde, die wieder mit der Liebfrauen- und Thomas-von-Aquin-Kirche zur St. Jakobus-Gemeinde zusammengelegt wurde, ihren Kirchturm und das ihn bekrönende Schmuckwerk saniert. Der finanzielle Eigenanteil wurde engagiert und kreativ beigebracht, u. a. durch den Verkauf von „Gockelwurst“.

Seien wir ehrlich: Als Kind der 1980er Jahre schaut man sich in der Albertus-Magnus-Kirche instinktiv nach Papa Schlumpf um. Nach einer Weile wird alles zu nah, zu viel, zu schön. Dieser Reflex wird in den kommenden Jahren erlahmen und einer klärenden Distanz weichen. Trotzdem lohnt es schon jetzt, den am Scan-Design geschulten Geschmack abzuschütteln, denn hier wusste jemand, was er tat: Auf dem Boden der rheinischen Kirchbautradition stellte Kepser seine Formzitate in den Dienst eines zeitgenössischen theologischen Raumkonzepts und entfaltete seine überbordende Farbwelt konsequent aus den Baustoffen.

Wohin mit so viel Schönheit

Eine von vielen: St. Johannes d. T. (E. Hofmann, 1980) im hessischen Niederreifenberg (Bild: Karsten11, CC0)

Wie die staatliche Denkmalpflege künftig mit solch jungen überschwänglichen Baukunstwerken umgeht, bleibt spannend. So wurde beispielsweise die Verfasserin mit der Inventarisation modernen Kirchen in Offenbach Stadt und Landkreis beauftragt – bis zum Baujahr 1979. Schon für diese vor-postmodernen Jahre sind noch längst nicht alle Kämpfe ausgefochten. Die Arbeitsgemeinschaft Inventarisation der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland veröffentlichte 2009 eine – wie sie es nannte – „Stichwortsammlung“ zur Bewertung von Kirchen nach 1945: von der historischen über die städtebauliche, architekturgeschichtliche, künstlerische und liturgiegeschichtliche Bedeutung bis hin zum Erhaltungszustand. Ein hilfreicher Leitfaden, der immer wieder aufs Neue vor Ort individuell und fachkundig auf die jeweilige Kirchenlandschaft heruntergebrochen werden muss.

In den vergangenen Jahrzehnten setzte die denkmalfachliche Auseinandersetzung logischerweise immer dann ein, wenn eine Baugattung, wenn eine Stilepoche akut bedroht war. Demnach sind jetzt (!) die Bauten der Spät- und Postmoderne an der Reihe, denn im Niemandsland zwischen neu und historisch zählen sie besonders häufig zur „Verschiebemasse“ der – durch Mitgliedschafts-, Finanz- und Sinnkrise ausgelösten – kirchlichen Umstrukturierungsprozesse. Umso leidenschaftlicher nehmen sich gerade die virtuellen Communities ihrer an. Vielleicht ist es die radikalste Form des Widerstands, sich bei all den notwendigen Kämpfen nicht den Spaß an diesen fast kindlich heiteren, überschwänglich fantasievollen und überfordernd schönen Kirchenräumen verderben zu lassen. Denn: Auch wenn sich die Verfasserin Gott eher als Nomaden vorstellt – sollte dieser einmal den Hang zu Teilzeitsesshaftigkeit verspüren, steht für ihn in Langen schon ein ebenso kunstvolles wie behagliches Plätzchen bereit.

Rundgang

Ein Blick auf einige der Kirchenschönheiten im hessischen Langen …

Literatur (in Auswahl)

Betzendörfer, Eduard, Geschichte der Stadt Langen, Langen/Hessen 1961.

Kirchbauverein St. Albertus Magnus, Langen/Hessen.

Katholische Kirche Langen, Pfarrgemeinde St. Jakobus, Langen/Hessen.

Titelmotiv: Langen, Albertus-Magnus-Kirche (Bild: K. Berkemann)

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