FACHBEITRAG: Sinus in der Kurve

von Christiane Wachsmann (21/2)

Walter Zeischegg gehört zu den weniger bekannten Gestalter:innen, die an der Ulmer Hochschule für Gestaltung (19531968) arbeiteten und lehrten. Lange blieb er im Hintergrund. Als im Jahr 1967 sein berühmter Sinus-Ascher auf den Markt kam, stand die Hochschule bereits kurz vor der Schließung. Grundlage für Zeischeggs Entwürfe bildeten vielfach geometrische Strukturen. Das macht sie nicht nur zeit-, sondern auch orts- und dimensionslos: Eine Tetraeder-Kugelformation etwa eignet sich, je nach Größe, sowohl zur Skulptur als auch als Briefbeschwerer.

Walter Zeischegg, Kugelskulptur, 1973, im Glacis-Park Neu-Ulm (Foto: Christiane Wachsmann)

Walter Zeischegg, Kugelskulptur, 1973, im Glacis-Park Neu-Ulm (Bild: Christiane Wachsmann)

Von der Kunst zum Design

Im Jahr 1950 hatte der Wiener Bildhauer Walter Zeischegg große Pläne: Er wollte am Illinois Institute of Design Industriedesign studieren. Er hatte sich bereits ein Stipendium organisiert, Kontakt mit Serge Chermayew aufgenommen, der das Institut leitete, die Reisevorbereitungen getroffen – da änderte die USA ihre Bestimmungen. Als ehemaliger Angehöriger der Wehrmacht durfte Zeischegg nicht mehr einreisen.

Walter Zeischegg war damals 33 Jahre alt. Mit 19 Jahren hatte er ein Studium als Bildhauer an der Akademie in Wien begonnen, nach zwei Jahren wurde er zum Militär eingezogen. Der Weltkrieg begann, er wurde Soldat. Erst sieben Jahre später konnte er sein Studium in Wien wieder aufnehmen. In dieser Zeit fing er an, sich für Industrie-Design zu interessieren. Mit Kolleg:innen gründete er eine „Arbeitsgemeinschaft für Warenformung und industrielles Entwerfen“. 1948 lernte Zeischegg den Schweizer Künstler und Gestalter Max Bill kennen. Bill berief ihn drei Jahre später in die Gründungsgruppe der Ulmer Hochschule. Nachdem der amerikanische Traum gescheitert war, nahm Zeischegg das Angebot gerne an.

Walter Zeischegg, Briefbeschwerer in Form einer Tetraeder-Kugelfiguration, 1973. Hersteller: Fa. Helit, Kierspe (Foto: Christiane Wachsmann)

Walter Zeischegg, Briefbeschwerer in Form einer Tetraeder-Kugelfiguration, 1973. Hersteller: Fa. Helit, Kierspe (Bild: Christiane Wachsmann)

„Dekorativ – aber wofür?“

Die Gründer der Ulmer Hochschule hatten sich die Mitwirkung an einer besseren, neu gestalteten Gesellschaft auf ihre Fahnen geschrieben: Die existentiellen und sozialen Grundbedürfnisse eines jeden Menschen sollten befriedigt werden, und eine wohl organisierte, mit modernsten Herstellungstechniken arbeitende Industrie sorgt für ebenso erschwingliche wie langlebige Güter.

Die Aufgabe Walter Zeischeggs im Gründungsteam der HfG bestand zunächst darin, ein „Forschungsinstitut für Produktgestaltung“ aufzubauen. Durch systematische Untersuchungen, analog den Forschungen in den Naturwissenschaften, galt es, für industriell hergestellte Gegenstände möglichst allgemeine und endgültige Formen zu finden.

Zeischeggs Arbeitsweise unterschied sich grundlegend von der seiner Gestalterkollegen. Er war stets auf der Suche nach der perfekten Form. „Dekorativ — aber wofür?“, untertitelte die Wiener Bildwoche 1950 eine der Abbildungen in einem Bericht über Walter Zeischegg: „Das Problem für den Industriekunsthandwerker liegt nicht darin, eine Form zu schaffen, sondern sie auch einer geeigneten Verwendungsmöglichkeit zuzuführen. Hier schwankt er noch, ob dieser ‚Genieblitz‘ zu einem ornamentalen Schmuck an einem Gebäude, zu einem neuzeitlichen Gartenzaun oder zu sonst irgend etwas zwecklos Schönem dienen soll.“

Walter Zeischegg in seinem Wiener Atelier, um 1948, links auf der Staffelei das „räumlich-Plastische Gitterwerk" - in der Wiener Bildwoche als „Genieblitz“ tituliert (Foto: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

Walter Zeischegg in seinem Wiener Atelier, um 1948, links auf der Staffelei das „räumlich-plastische Gitterwerk“ – in der Wiener Bildwoche als „Genieblitz“ tituliert (Bild: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

Freiheit für die Zigarette

Walter Zeischegg entwickelte seine Objekte aus einem weit gespannten, von Neugier und Entdeckergeist geprägten Interesse an der Welt. Sein Antrieb bestand in dem Bestreben, sie zu erforschen, sie gestaltend zu durchdringen und herauszufinden, was sie „im Innersten zusammenhält“. Dabei stand die Form zwar immer im Vordergrund, technische Details und Feinheiten wurden aber mit ähnlicher Intensität durchdacht. Diese Arbeitsweise führte zwar zu vielen faszinierenden Formen, aber nicht unbedingt zu verwertbaren Entwürfen für die Industrie. Die große Stunde kam, als Zeischegg mit der Firma Helit zusammenzuarbeiten begann. Deren Leiter Friedrich Hefendehl wandte sich 1966 an die Ulmer Hochschule und lernte dort Zeischegg und seine Arbeit kennen. Nachdem ein erster Entwurf für die Firma — ein Karteikasten — recht erfolgreich war, stellte Walter Zeischegg seinem Auftraggeber eine seiner aktuellen Formstudien vor.

Zeischegg beschäftigte sich in dieser Zeit mit Sinuskurven. Deren Form gründet auf den trigonometrischen Sinus- und Cosinusfunktionen, mit deren Hilfe sich harmonische Schwingungen wie Schall- und Wasserwellen beschreiben lassen. Zeischegg ließ auf einem Zylinder Schwingungen laufen, mal steiler, mal flacher, mal mit vielen, mal mit wenigen Kurven, immer auf der Suche nach der perfekten Form. Hefendehl und seine Mitarbeiter ließen sich faszinieren. Schließlich kamen sie auf die Idee, einem der so entstanden Objekte eine Vertiefung in der Mitte zu geben und einen Aschenbecher daraus zu machen – dem Einwand eines Vertriebsmitarbeiters zum Trotz, ein richtiger Aschenbecher brauche eine Kerbe, um die Zigarette darin zu halten.

Für die damalige Zeit war dieser Sinusascher ein absolut ungewöhnliches Objekt. Möglich wurde seine massenhafte Herstellung erst durch die Verwendung von Kunststoffen, die in dieser Zeit in der industriellen Produktion ihren Siegeszug antraten. Der Aschenbecher verkaufte sich nicht nur als solcher, sondern durchaus auch als Objekt an sich: Die profane Funktionszuweisung als Behälter für Zigarettenasche war ihm, seiner großen formalen Präsenz und Überzeugungskraft zum Dank, wenig abträglich. Zum 50-jährigen Gründungsjubiläum der Hochschule für Gestaltung initiierte der Ulmer Kulturberater Ralf Milde eine „Hommage an die HfG“ als Installation im öffentlichen Raum. Verschiedene Ikonen des HfG-Designs, darunter der Ulmer Hocker, Hans Gugelots legendärer Radio-Plattenspieler SK4 „Schneewittchensarg“, das Stapelgeschirr TC 100 oder Otl Aichers Piktogramm-Männer tauchten in riesenhafter Vergrößerung im Ulmer Stadtbild auf. Während die anderen Gegenstände vor allem durch ihre schiere Größe die Aufmerksamkeit auf sich zogen, fügte sich Zeischeggs Aschenbecherentwurf nicht nur harmonisch in seine Umgebung ein, sondern bot auch sogleich eine Funktion als Sitzgelegenheit.

Walter Zeischegg, stapelbarer Aschenbecher mit Sinuskurven, 1966/67 (Foto: Christiane Wachsmann)

Walter Zeischegg, stapelbarer Aschenbecher mit Sinuskurven, 1966/67 (Bild: Christiane Wachsmann)

Gartenzäune und Fassaden

Als Walter Zeischegg 1951 nach Ulm kam, war er fest entschlossen, alle künstlerischen Ambitionen hinter sich zu lassen. Das traf auch auf Otl Aicher zu, seinen Kollegen an der HfG: „walter zeischegg und ich waren zunächst selbst im bereich der kunst tätig geworden. (…) dieser bruch hatte prinzipielle ursachen. wir kamen aus dem krieg heim und sollten in der akademie nun an der ästhetik um der ästhetik willen arbeiten. das ging nicht mehr“, schrieb er später. Zeischegg blieb aber nicht bei dieser Selbstbeschränkung. Anfang der 1960er Jahre nahm er seine plastischen Arbeiten wieder auf und knüpfte dabei an frühere Arbeiten an.

Zwischen 1963 und 1965 entstanden Wände aus unterschiedlichen „gitterorientierten Elementen“, die sich beliebig erweitern und auch als Säulen aufstellen ließen. Auch andere Gestalter entwarfen in dieser Zeit solche Elemente. Egon Eiermann etwa verwendete sie beim Bau seiner Sakralbauten (Gedächtniskirche in Berlin, 19571963) oder von Kaufhäusern (Warenhaus Merkur in Stuttgart 1951-60, Horten in Heidelberg, 19581962). Bei Walter Zeischegg dagegen mündeten diese Entwürfe eher in Kunstwerken — seien es hochästhetische Fotos, seien es reale, auf dem Campus der HfG aufgestellte Wände aus Gipselementen, über deren mehr oder weniger praktische Anwendbarkeit erst noch nachzudenken war: Waren sie für die Gartengestaltung geeignet? Als Wände in Innen- oder Begrenzungen in Außenräumen? Oder handelte es sich doch eher um Kunst?

Walter Zeischegg, Entwicklungsgruppe Walter Zeischegg, Wand aus gitterorientierten Elementen, 1963-65 (Foto: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

Walter Zeischegg, Entwicklungsgruppe Walter Zeischegg, Wand aus gitterorientierten Elementen, 1963-65 (Bild: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

Lehrer an der HfG Ulm

An der Ulmer Hochschule für Gestaltung blieb Walter Zeischegg eher im Hintergrund. Das heißt aber nicht, dass er ohne Einfluss war: Mit seinem Anspruch, sich gründlich und umfassend mit dem Gegenstand eines Entwurfs zu beschäftigen, seinen technischen wie formalen Aspekten, mit seiner Hartnäckigkeit und mitunter Weitschweifigkeit forderte er die Studierenden heraus, sich eigene Gedanken zu machen und dabei nicht an reiner Zweckdienlichkeit hängen zu bleiben.

Als Mitte der 1960er Jahre der Autoverkehr immer weiter zunahm, begannen viele Kommunen mit der Planung großer Straßenbauwerke, darunter auch die Stadt Ulm. Walter Zeischegg wurde als Berater für die Beleuchtungen hinzugezogen und gab die Aufgabe an seine Studierenden weiter: „Es sollen Gestaltungsvorschläge entwickelt werden für ein variables bzw. kombinierfähiges System von Trag- und Aufhänge-Elementen für Leuchten, Verkehrsampeln, Signale und Verkehrszeichen, wobei die Gestaltung von Beleuchtungskörpern (für Straßen-, Brücken- und Unterführungsbeleuchtungen) besonders in den Vordergrund gestellt wird.“

Hier war alles gefordert, was ein gutes Design ausmacht: technische Machbarkeit, Funktionalität, Flexibilität, Ergonomie, Ästhetik. Den Studenten gelang es, angeregt durch Zeischeggs Vorbild, ihren Entwürfen einen eigenen Ausdruck zu verleihen, der über eine rein zweckdienliche Formgebung hinausging.

Walter Zeischegg (Dozent), Peter Hofmeister, Thomas Mentzel und Werner Zemp (Studenten), HfG Ulm,  Beleuchtungsanlagen (Modell), 1965/66 (Foto: Ernst Fesseler, c HfG-Archiv)

Walter Zeischegg (Dozent), Peter Hofmeister, Thomas Mentzel und Werner Zemp (Studenten), HfG Ulm, Beleuchtungsanlagen (Modell), 1965/66 (Bild: Ernst Fesseler, c HfG-Archiv)

Wissenschaft, Kunst, Design

In den 1960er Jahren war die Frage nach den Möglichkeiten, die Gestaltung eines industriell produzierten Gegenstandes durch eine systematische, nach wissenschaftlichen Mustern gebildete Herangehensweise zu optimieren, nicht nur an der HfG zu einem breit diskutierten Thema geworden: Entwickelte man nur die richtigen Kriterien in Bezug auf Material, Herstellungsweise, Ergonomie und Benutzerbedürfnisse, so der Gedanke, ergäbe sich daraus automatisch die ideale Gestalt, so die Vorstellung.

Walter Zeischegg war zwar mit dem Anspruch an der HfG angetreten, grundlegende Forschungen auf dem Gebiet der Produktgestaltung zu leisten, wehrte sich aber gegen solch zweckorientierte Lösungsansätze. Ihm lag weniger an einem fertigen Produkt als an dem Prozess der Entwicklung, der ihn auf mehr oder weniger verschlungenen Wegen zu immer neuen Erkenntnissen und Ideen führte. Selten zeigte er sich mit einer Lösung zufrieden; meist waren es seine Mitarbeiter:innen, die aus dem Strom der Ideen, Gedanken und vorläufigen Ergebnisse denjenigen Ansatz herauspickten, der sich einem Auftraggeber präsentieren und dann auch produzieren ließ — sei es als Gegenstand des täglichen Gebrauchs, sei es als Kunstwerk wie die Sinussäule vor der HfG und ihrer Geschwister aus Kegelstümpfen oder in Spindelform.

Walter Zeischegg, Schreibtisch-Tablar (Foto: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

Walter Zeischegg, Schreibtisch-Tablar (Bild: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

Ästhetische Funktion

Auf einer Tagung des Werkbundes, die im Oktober 1956 in der HfG Ulm stattfand, sprach deren Gründungsrektor Max Bill über die Idee des vom Schweizer Atomphysiker Fritz Zwicky entwickelten „Morphologischen Kastens“. Ganz im Sinne einer wissenschaftlichen Herangehensweise an die Gestaltung alltäglicher Gegenstände wird bei dieser Methode das Problem — die Entwurfsaufgabe — in ihre einzelnen Aspekte geteilt und auf diese Weise „objektiv möglichst vollkommene Lösungen“ angestrebt. Zu dieser rein mechanischen Methode kam nach Bills Auffassung aber noch etwas hinzu: die Frage nach der „ästhetischen Funktion“.

Nach dem Ausscheiden von Max Bill ging die HfG zunächst den bereits erwähnten Weg der Verwissenschaftlichung des Designs, ohne dabei die – eben nicht in Zahlen und Parameter zu fassende – „ästhetische Funktion“ zu berücksichtigen. Für Walter Zeischegg aber war die Ästhetik seiner Entwürfe immer wichtig geblieben. Stets versuchte er, zu einer Art von „ästhetischer Objektivität“ zu kommen, indem er seinen Gestaltungen oft geometrische Formeln zugrunde legte.

Walter Zeischegg, Wandrelief mit Sinuskurven (Foto: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

Walter Zeischegg, Wandrelief mit Sinuskurven (Bild: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

Umweltgestaltung

Zeit seines Lebens blieb Zeischegg ein Wanderer zwischen den Welten von Design, Kunst und Wissenschaft. Er konnte sich leidenschaftlich für Phänomene aus all diesen Bereichen begeistern, konnte sich hinein vertiefen und oft auch verlieren. An der Ulmer Hochschule, deren Gestaltungen bis heute gerne mit minimalistischen grauen Kisten assoziiert werden, ermutigte er die Studenten, sich eben nicht nur mit praktischen Gegebenheiten und technischer Machbarkeit auseinanderzusetzen, sondern der Ästhetik der Dinge nachzuspüren.

Gerade deshalb funktionieren viele von Zeischeggs eigenen Entwürfen nicht nur im Kleinen, sondern eben auch als „Straßenmöblierung“ – und stellen dort die Frage: Was ist Kunst, was Design? Gibt es einen Unterschied, oder könnten sie von ihrem Wesen her nicht auf dem Gleichen beruhen: Dem Wunsch und dem Vermögen der Menschen, ihre Umwelt nicht nur funktionell, sondern auch ästhetisch zu gestalten.

Walter Zeischegg, Säule mit Sinusflächen vor dem Gebäude der Hochschule für Gestaltung Ulm. Foto: Christiane Wachsmann

Walter Zeischegg, Säule mit Sinusflächen vor dem Gebäude der Hochschule für Gestaltung Ulm (Bild: Christiane Wachsmann)

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Zum Weiterlesen

Kartoffelchips im Wellflächenquadrat. Walter Zeischegg, Plastiker, Designer, Lehrer an der HfG Ulm 1951-68. Christiane Wachsmann, hg. vom HfG-Archiv Ulm, mit Beiträgen von Andrea Scholtz, Ulm 1992.

ulm 10/11, Ulm 1964 (Zeitschrift der Hochschule für Gestaltung).

Museum Ulm/HfG-Archiv Ulm, Nachlass Zeischegg.

Titelmotiv: Walter Zeischegg/Ralf Milde, Aschenbecher im Großformat, Ulm 2003 (hier mit dem damaligen Oberbürgermeister der Stadt, Ivo Gönner) (Bild: Ralf Milde)

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Frühjahr 22: Kübel, Poller, Leuchte

LEITARTIKEL: Stilblüten der Stadtgestaltung

LEITARTIKEL: Stilblüten der Stadtgestaltung

Pablo von Frankenberg über die dadaistisch-lyrische Seite der Stadtmöblierung.

FACHBEITRAG: Berlin im Gaslicht

FACHBEITRAG: Berlin im Gaslicht

Nikolaus Bernau über eine verschwindende Leuchtenlandschaft.

FACHBEITRAG: Sinus in der Kurve

FACHBEITRAG: Sinus in der Kurve

Christiane Wachsmann über Ulmer Designschätze der Stadtmöblierung von Walter Zeischegg.

FACHBEITRAG: Die Höhle des Tidyman

FACHBEITRAG: Die Höhle des Tidyman

Daniel Bartetzko über die Kunst des Wegwerfens.

PORTRÄT: Von Pilzen und Chinesenhüten

PORTRÄT: Von Pilzen und Chinesenhüten

Matthias Ludwig über die Vielfalt der modernen Lichtspender.

INTERVIEW: "Vor unserer Haustür"

INTERVIEW: „Vor unserer Haustür“

Julia Novak und Thomas Beutelschmidt – beide haben die „Baudenkmalstiftung Nachkriegsmoderne“ (DSD) initiiert – im Gespräch über eine besondere Wasserpumpe.

FOTOSTRECKE: Immer im Kreis

FOTOSTRECKE: Immer im Kreis

Turit Fröbe und Daniel Bartetzko auf Fotosafari in Absurdistan.

FACHBEITRAG: Die Höhle des Tidyman

von Daniel Bartetzko (21/2)

Sei wie der Tidyman: Müll gehört nicht auf die Straße! Dafür gibt es im öffentlichen Bereich Abfalleimer. Nicht immer dort, wo man sie am nötigsten braucht, und auch nicht immer aufmerksam durch die in der Regel zuständigen Kommunalbetriebe geleert. Aber immerhin gibt es sie, und dass die „Mistkübel“ – wie sie in Österreich wenig blumig genannt werden – oft arg überfüllt sind, zeugt davon, dass sie von den Meisten als Ort für den kleinen Unrat des täglichen (Straßen-) Lebens akzeptiert und genutzt werden. In uns allen steckt der Tidyman. Okay – wer? Na, der stilisierte Herr, der ein ebenso stilisiertes Stück Papier in einen Papierkorb wirft. Und millionenfach weltweit auf Warenbehältnissen wie Plastikblistern und Getränkedosen prangt. Er mahnt, den Abfall korrekt zu entsorgen.

Links: Berlin, Papierkörbe an Straßenbahnmasten, 1926; rechts: Tidyman (Bilder: links: Bundesarchiv Bild 102-03092, CC BY SA 3.0, rechts: CC0)

Keep Britain Tidy

Der Tidyman betreibt freilich keine akribische Sortentrennung, ist nicht gegendert und führt die Bezeichnung „Mann“ im Namen. Das legt seine Ursprünge eindeutig in die Zeit vor der Identitäten-Explosion. Und tatsächlich hat er rund 60 Jahre auf dem kerzengeraden Buckel: Der Saubermann, so die korrekte Übersetzung, tauchte zuerst Mitte der 1960er in den USA auf, ab etwa 1970 auf den weit verbreiteten US-amerikanischen „Budweiser“-Bierdosen. Bald übernahmen ihn mehrere Getränkehersteller und 1969 in Europa bereits die Kampagne „Keep Britain Tidy“. Mit steigendem Umweltbewusstsein nahm seine Verbreitung ab den späten 1970ern stark zu. In der Slowakei ist heute seine Abbildung auf allen Verpackungen ab einer bestimmten Größe gar gesetzlich vorgeschrieben. Und neben den mannigfaltigen Verballhornungen und sinnvollen Umnutzungen – wie beispielsweise den ein Hakenkreuz entsorgenden Tidyman – ist vor allem eins kurios: Seine exakte Herkunft und sein Schöpfer sind nicht (mehr) bekannt. Er war irgendwann halt einfach da. Die Lernplattform www.skillshare.com mit zwei Millionen Mitgliedern startete 2017 anlässlich einer neuen „Keep Britain Tidy“-Kampagne einen Aufruf zur Herkunft des Logos – ohne Ergebnis. Was irgendwie auch wieder schön ist in der durchorganisierten und kaum noch Geheimnisse mehr bergenden, weltweiten Informationsgesellschaft …

Auf öffentlichen Abfalleimern ist der Tidyman nach wie vor häufig abgebildet – auch wenn er in Großstädten von Werbung oder „lustigen“ Sprüchen kommunaler Betriebe zunehmend verdrängt wird – etwa: „Wir kümmern uns um jeden Mist“ oder „Schlag mir den Bauch voll“, haha. Die Geschichte der öffentlichen Müllbehältnisse ist aber im Gegensatz zur Herkunft des stilisierten Wegwerfers recht gut dokumentiert. Natürlich wurde insbesondere in Städten schon im 18./19. Jahrhunderts auf Sauberkeit an repräsentativen Plätzen geachtet. Doch das Aufstellen und die Standardisierung öffentlicher Abfallbehälter nahm ihren Lauf parallel mit den Anfängen der kommunalen Müllabfuhr. Der Pariser Präfekt Eugène Poubelle als Vorreiter sorgte 1884 per Dekret dafür, dass der Haushaltsmüll in einem verschlossenen Behältnis zur Abfuhr bereitgestellt werden sollte. Der Name Poubelle wurde bereits 1890 offiziell zum französischen Begriff für Abfalleimer – welch Ehre … In Deutschland zählte die Stadt Köln zu den ersten entsorgungswilligen Kommunen; in den Jahren ab 1890 wurde die Müllabfuhr organisiert, ab 1894 war sie auch für die Sauberkeit auf den öffentlichen Plätzen der Innenstadt zuständig – das „System Colonia“ war geboren. Übernommen wurde es seinerzeit als erstes von der Stadt Wien. In der Schweiz war für die Müllabholung seit den Anfangstagen die Firma Ochsner zuständig, die 1902 normierte Mülltonnen nach dem „Patent Ochsner“ vorstellte – samt passender Müllfahrzeuge. Und natürlich hat Ochsner dann auch die ersten Mülleimer für den öffentlichen Raum gestaltet.

Woodstock, 1969 (Bild: James M Shelley, CC BY SA 4.0)

Woodstock, 1969 (Bild: James M. Shelley, CC BY SA 4.0)

Die Überreste von Woodstock

Das steigende Müllaufkommen ist untrennbar mit der Industrialisierung und dem explosionsartigen Wachstum der Städte Ende des 19. Jahrhunderts verbunden. Für einen weiteren Schub sorgte die Freizeit- und Eventgesellschaft ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das Hippie-Festival Woodstock hinterließ 1969 gewaltige Müllberge im US-Örtchen Bethel, die so gar nicht zu Love & Peace passen wollten. Neben der Sorglosigkeit der Besucher sorgte freilich auch das Fehlen einer Müll-Infrastruktur für den verstreuten Unrat. Und wohl, dass die wenigen Behältnisse zu dezent gestaltet waren. Mit den Jahren wurden öffentliche Mülleimer auffälliger und bunter, das Design anspruchsvoller. Dies ist in weiten Teilen so geblieben, obwohl mittlerweile kommunaler Sparzwang und überall entstehende Frugal-Papparchitektur eigentlich auch eine andere Formensprache der Straßenmöbel fördern. Tatsächlich gibt es längst eine Menge polierter Edelstahl-Kübel oder in Fifty Shades of Grey lackierte Grauslichkeiten.

Doch neben den aktuellen anthrazit-weißen Wohnkisten säumen noch immer oft organisch geformte Mülleimer in Orange oder Giftgrün die Bürgersteige. Der Grund ist simpel: Gut sichtbare und formal gelungene Behälter werden (positiv) wahrgenommen und infolgedessen auch bereitwilliger genutzt. Sie vermeiden die Vermüllung einer Gegend, das sogenannte „Littering“. Feldforschungen hierzu wurden bereits zu Woodstock-Zeiten in den USA betrieben: In Richmond hatte das Aufstellen von großen, ansprechend designten und deutlich sichtbaren Abfallbehältern entlang der Highways zur einer Reduzierung des Littering um 28,6 Prozent geführt. Eine Untersuchung in Football-Stadien zeigte, dass in bunte Mülleimer mehr als die doppelte Menge Unrat hineingeworfen wurde als in ihre dezent dunklen Pendants.

Das Problem des Littering ist gerade in den vergangenen Jahren, in denen es die Stadtgemeinschaft zunehmend nach draußen zog, wieder zum größeren Problem geworden. Gerade in großen Parks ist es mit bloßen Mülleimern kaum mehr getan, hier werden zunehmend Container aufgestellt. Doch die bunte Pop-Kultur ist dort, wo ein kleiner Kübel ausreicht, noch immer angesagt – sogar aus wissenschaftlich belegbaren Gründen.

Berlin, Mülleimer (Bild: Michael.F.H.Barth, CC BY SA 4.0, 2019)

Immer der Norm nach

Trotz der Farbenpracht muss aber alles seine Ordnung haben. Was wäre unsere Heimat ohne das Deutsche Institut für Normung? Die Beschaffenheit eines Kunststoff-Mülleimers, Fassungsvermögen 50 Liter, Regenschutzhaube und Entriegelung mittels Dreikantschlüssel regelt die DIN 30713. Wer als Nicht-Eingeweihter nachlesen möchte, was genau diese Norm beinhaltet, muss dafür allerdings ordentlich Geld investieren: Der Beuth-Verlag, eine Tochter des Deutschen Instituts für Normung, verwaltet die Niederschriften streng. Wer nicht selbst plant, Mülleimer für den öffentlichen Raum zu entwerfen, kann verzichten. Es ist dann einfach nur beruhigend zu wissen, dass der Eimer, in denen man gerade seinen Starbucks-Becher befördert, diesen kompetent aufzunehmen in der Lage ist. Denn er erfüllt schließlich die DIN 30713.

Apropos Entwurf: Natürlich ist ein Mülleimer nicht unbedingt sexy. Doch angesichts vieler jahrzehntelang bewährter Modelle, deren Anblick jede/r kennt, ist es geradezu grotesk, dass ihre Designer weitgehend unbekannt blieben. So sind also „State Hawaii“, „Push Swinger“, oder „Cubo Galeno“ scheinbar elternlose Geschöpfe aus feuerverzinktem Stahl oder HDPE Kunststoffspritzguss. Und offenbaren damit ihre Nähe zum ebenfalls herkunftslosen Tidyman. Ein Geschmacksmusterschutz scheint gleichfalls nicht zu bestehen, da die Eimer – unter variierenden Namen – von diversen Firmen wie Sulo, Wesco oder Kuka produziert werden, ohne sich auffällig zu unterscheiden. Gemeinsam ist den meisten das Schloss mit dem Dreikant, mit dem sie aus ihrer Wand- oder Masthalterung zwecks Entleerung gelöst werden (Das Schloss ist natürlich genormt, logisch).

Mülleimer Serie 800 (Bild: Firma Thieme)

Mülleimer Serie 800 (Bild: Firma Thieme)

Kaum recherchierbar

Auch wenn die Designgeschichte kaum recherchierbar ist, gibt es doch einen Tipp für Neugierige: Auf der Seite absperr-schilder-technik.de findet man ein Wunderland der Abfallkörbe. Von der Edelstahl-Abfallstation „Munich“, welche unter anderem auf den Bahnsteigen der Deutschen Bahn steht (Preis: 1.611 Euro), bis zum Mülleimer „State Florida“ (halbrund, gelocht, Fassungsvermögen 20 Liter, Preis ab 91 Euro; gerne auf Baumarkt-Parkplätzen positioniert) findet sich dort fast alles, was seit mindestens 60 Jahren produziert wird und das Entsorger-Herz höher schlagen lässt. Viele fast vergessene Müll-Klassiker sind tatsächlich noch heute lieferbar. Klar, ihren Sinn verlieren sie auch nicht. Unrat fällt immer an. Auch wenn die wissenschaftliche Recherche nach Namen, Gestaltern und Herkunft gescheitert ist: Nutzen wir die Kübel nach Kräften. Und seien wir wie der Tidyman!

Titelmotiv: Mülleimer (Bild: Tilo Hauke, CC BY SA 3.0)

Frühjahr 22: Kübel, Poller, Leuchte

LEITARTIKEL: Stilblüten der Stadtgestaltung

LEITARTIKEL: Stilblüten der Stadtgestaltung

Pablo von Frankenberg über die dadaistisch-lyrische Seite der Stadtmöblierung.

FACHBEITRAG: Berlin im Gaslicht

FACHBEITRAG: Berlin im Gaslicht

Nikolaus Bernau über eine verschwindende Leuchtenlandschaft.

FACHBEITRAG: Sinus in der Kurve

FACHBEITRAG: Sinus in der Kurve

Christiane Wachsmann über Ulmer Designschätze der Stadtmöblierung von Walter Zeischegg.

FACHBEITRAG: Die Höhle des Tidyman

FACHBEITRAG: Die Höhle des Tidyman

Daniel Bartetzko über die Kunst des Wegwerfens.

PORTRÄT: Von Pilzen und Chinesenhüten

PORTRÄT: Von Pilzen und Chinesenhüten

Matthias Ludwig über die Vielfalt der modernen Lichtspender.

INTERVIEW: "Vor unserer Haustür"

INTERVIEW: „Vor unserer Haustür“

Julia Novak und Thomas Beutelschmidt – beide haben die „Baudenkmalstiftung Nachkriegsmoderne“ (DSD) initiiert – im Gespräch über eine besondere Wasserpumpe.

FOTOSTRECKE: Immer im Kreis

FOTOSTRECKE: Immer im Kreis

Turit Fröbe und Daniel Bartetzko auf Fotosafari in Absurdistan.

PORTRÄT: Von Pilzen und Chinesenhüten

von Matthias Ludwig (21/2)

Die Erstinfektion muss im heimischen Kinderzimmer stattgefunden haben. Da schimmerte von außen das warme Licht einer hohen bogenförmigen Straßenlaterne herein. Wehe, wenn ihrem Leuchtkopf keine volle Helligkeit entströmte, wenn eine Röhre zu flackern begann, bald nur noch kurzzeitig aufflammte, sich endlich nurmehr ein seitliches Restglimmen zeigte, das dann ganz erlosch … Das hatte Wirkung. Bald wurde jede nicht einwandfrei funktionierende oder beschaffene Straßenleuchte bei Spaziergang oder Autofahrt wahrgenommen, nach und nach verschiedenste ihrer Arten und Formen vermerkt. Es gab elektrische Lampen in langgestreckten, runden oder kastenförmigen Gehäusen, mancherorts (wie in Frankfurt am Main) auch Gaslaternen, und an besonderen Situationen fielen gestalterische Speziallösungen ins Auge – wie Kandelaber mit würfelförmigen Leuchtelementen auf Kassels Königsplatz.

Märklin-Bahnhofsleuchte 7047 (Bild: ebay.de)

Märklin-Bahnhofsleuchte 7047 (Bild: ebay.de)

Bahnhofsleuchten

Viele Orte in Stadt und Land konnte man geradezu an ihren Leuchten erkennen. Besonders eindrücklich waren die noch aus den 1950er Jahren überkommenen, zu Jugendzeiten freilich schon ältlich erscheinenden großen „Pilz“-Laternen auf den innerstädtischen Platzanlagen. In Kassel etwa gab es sie vor dem Hauptbahnhof, am Stände- und Scheidemannplatz. Frankfurt am Main zierte eine große Zahl, unter anderem den Goetheplatz. Im Netz firmieren diese heute als Großflächenleuchten wesentlich der Siemens-Typen „ALQ 510ff.“. Sie konkurrierten mit den – in Kassel z. B. an der „Trompete“ aufgestellten – „Chinesenhüten“ von Vulkan. Daneben gab es, auch in kleineren Städten, etwa tellerartige Aufsätze von D.I.S.C.O. bzw. Rech.

Bald entstanden daraus auch Nachbildungen für die Modellbahn. Hier machte sich mit der „Märklin-Bahnhofsleuchte 7047“ ab 1954 zunächst vor allem eine Vertreterin nach Art des Siemens-Pilz‘ breit. In der äußeren Wirklichkeit ging es jenen freilich schon in den 1970er/80er Jahren an den Kragen. Wohl waren Wartung und Reinigung aufwändig, die Montage aufgrund eines beachtlichen Gewichts schwierig. Effizientere, kleinere, leichtere Aufsätze kamen als Ablösung. So sind die „Großschirmleuchten“ der Siemens-Art, aber auch die Laternen damaliger Konkurrenten sind inzwischen selten. Die Folgemodelle der 1960er Jahre, etwa der nüchtern-schüsselartige Siemens-Typ „ALH 800“, der in Kassel einst am Friedrichsplatz oder vor dem Rathaus zu finden war, hielten ggf. unter technischen Anpassungen wie geänderten Leuchtmitteln länger durch.

Rosenheim, Landesgartenschau 2010, Installation "Leuchtenwald" von Sonja Vordermaier (Bild: Maximilian Dörrbecker, CC BY SA 2.04, 2011)

Rosenheim, Landesgartenschau 2010, Installation „Leuchtenwald“ von Sonja Vordermaier (Bild: Maximilian Dörrbecker, CC BY SA 2.5, 2011)

Pilzleuchten

Im Zeitalter vielfacher Umstellung auf zweifellos notwendig energiesparendere Techniken ist nun aber eine weit größere Zäsur zu beobachten: der umfassende Austausch noch bestehender Leuchten aus den Nachkriegsjahrzehnten. Nicht selten folgt gesichtsloser Ersatz in Form rein technisch in Großserie produzierter, einfallsloser, weit verbreiteter Massenware, die etwa an Schwimmflossen oder Bleistifte erinnert. Der dahinterstehende Umstieg auf LED scheint zukunftsweisend. Doch es sind Zweifel angebracht angesichts einer mindestens ungewissen Nachhaltigkeit, die bisherigen Techniken stehen bei entsprechender Modernisierung und Effizienzsteigerung nicht unbedingt im Nachteil.

Neben entsprechenden Ersparnissen böte dies die Chance, mancherorts Überkommenes, Bewährtes, keineswegs Verschlissenes zu erhalten. Und man könnte so an vorhandenen, einst auch bewusst entwickelten Ästhetiken festhalten. Dies gilt gleichsam für Platzanlagen und Straßenzüge, wie manche Wohnstraßen in Neubauensembles der Nachkriegsjahrzehnte. Stadt- wie Denkmalpflege sollten denn auch aufmerksam machen und werden. Schließlich symbolisierten und prägten die Leuchten jener Zeit geradezu den Aufbruch ins „Wirtschaftswunder“, wie vielfach auf alten Bildern, Postkarten und in Prospekten zu sehen ist.

Dies galt besonders für die großen Pilzleuchten vom Siemens-Typ, den ähnlich auch andere Hersteller (etwa Rech und AEG) im Programm führten. Vielfach wurden sie an den Zentren des Wieder- und Neuaufbaus großer und mittlerer Städte aufgestellt. Dort prägten sie das Stadtbild eindrücklich, nicht zuletzt bei Nacht. Letzte noch vorhandene Exemplare ihrer und anderer zeitverbundener Typen sollte man – insbesondere in ensemblehaften Situationen – denn auch retten, ggf. innerlich an modernere Techniken angepasst in die Zukunft bringen. Und dies am besten im Gleichklang mit ihrem weiteren Umfeld: mit Baubeständen, Platzgestaltungen und weiterer zeittypischer Stadtmöblierung.

 Laternen im Ost-Design bei Dippach/Werra (Bild: Michael Fiegle, CC BY SA 3.0, 2012)

Laternen im Ost-Design bei Dippach/Werra (Bild: Michael Fiegle, CC BY SA 3.0, 2012)

Ostleuchten

Tatsächlich sind bei genauerer Wahrnehmung noch heute leuchtende „Dinosaurier“ der Nachkriegszeit zu finden: in voller Funktion etwa Pilzleuchten der Siemens-Art in Schweinfurts Innenstadt. Oder, liebevoll dokumentiert von Lampenfreund:innen, in Hamburg und Berlin. Wohl sind auch ihre Jahre gezählt. Man beeile sich also, solch heute raren Exemplare noch in Wirkung, Ästhetik und natürlich Lichtentfaltung zu erfassen, vielleicht aber auch für sie zu werben und nachhaltig auf ihren Erhalt hinzuarbeiten …

Mit dem Ende der DDR musste man um den Fortbestand der dort gewachsenen Straßenmöblierung samt -beleuchtung fürchten. Heute, über 30 Jahre nach der „Einheit“, sind bei genauerem Hinsehen indes noch immer zahlreich Vertreterinnen der einst das Straßenbild prägenden Leuchten-Typen erhalten: Die „LBL-0236 …“, „BG“ oder „RSL“ markieren weiterhin eine andere Vergangenheit. Freilich sind die Verluste enorm. Umgekehrt finden sich mittlerweile aber auch den Altbeständen geradezu verblüffend ähnliche Neubauleuchten mit heutiger Technik im einstigen „Ost-Design“, nun auch in westlichen Gebieten …

Straßenlaterne (Bild: gemeinfrei, pixabay.com)

Straßenlaterne (Bild: gemeinfrei, pixabay.com)

Denkmalleuchten

Das Problem der Ästhetik scheint also nicht verborgen, wird vielmehr öffentlich wahrgenommen. Davon zeugen Diskussionen, auch Proteste und Abstimmungen zu Erneuerungsprojekten von Straßenbeleuchtungen. Warum dann nicht gleich bei dem einst auf Qualität und Langlebigkeit ausgelegten Bestand bleiben? Indem man ihn vorsichtig mit energiesparenden Techniken nachhaltig, kostensparend und ressourcenschonend renoviert und weiterentwickelt. Dem Erhalt manch eindrücklicher Situation, nicht nur auf Modellbahn-Ebene, wäre es dienlich.

Titelmotiv: Der „Chinesenhut“ (Bild: historische Werbegrafik, nachträglich eingefärbt)

Frühjahr 22: Kübel, Poller, Leuchte

LEITARTIKEL: Stilblüten der Stadtgestaltung

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Pablo von Frankenberg über die dadaistisch-lyrische Seite der Stadtmöblierung.

FACHBEITRAG: Berlin im Gaslicht

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Nikolaus Bernau über eine verschwindende Leuchtenlandschaft.

FACHBEITRAG: Sinus in der Kurve

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Christiane Wachsmann über Ulmer Designschätze der Stadtmöblierung von Walter Zeischegg.

FACHBEITRAG: Die Höhle des Tidyman

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Daniel Bartetzko über die Kunst des Wegwerfens.

PORTRÄT: Von Pilzen und Chinesenhüten

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Matthias Ludwig über die Vielfalt der modernen Lichtspender.

INTERVIEW: "Vor unserer Haustür"

INTERVIEW: „Vor unserer Haustür“

Julia Novak und Thomas Beutelschmidt – beide haben die „Baudenkmalstiftung Nachkriegsmoderne“ (DSD) initiiert – im Gespräch über eine besondere Wasserpumpe.

FOTOSTRECKE: Immer im Kreis

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Turit Fröbe und Daniel Bartetzko auf Fotosafari in Absurdistan.