Alle Beiträge von Philipp Stoltz

München-Neuperlach, Blick zu den Alpen, 2007 (Bild: buzzard525, CC BY SA 3.0)

50 Jahre unvollendet

Am 11. Mai 1967 wurde in München-Neuperlach der Grundstein gelegt für Europas ehemals größtes Wohnungsbauprojekt. Die autogerechte Entlastungsstadt sollte Wohnraum schaffen in der Metropole, die auch heute wieder aus allen Nähten platzt. Und sie sollte eine moderne Musterstadt werden, ganz nach den damaligen Vorstellungen des Städtebaus: Mit einem augeklügelten Fußwegesystem, vielen Grünflächen und Zentren, etc. und dem Rat von Städtebaukritikern wie Alexander Mitscherlich. Als Herz des Stadtteils plante Bernt Lauter ein großes Zentrum mit Ladenzeilen, Bürgerhaus, Bibliothek und Konzertsälen.

Nur leider verlor die Stadt schnell das Interesse an der Siedlung und widmete seine Aufmerksamkeit wohl lieber den Vorbereitungen auf die olympischen Spiele und dem ebenso ambitionierten Olympischen Dorf. Die Pläne für das Zentrum wurden zusammengekürzt, von der  Infrastruktur blieb nur ein kleines Bürgerhaus und eine Freifläche, die noch heute quasi brach liegt und als Parkplatz genutzt wird. Bernt Lauter zog sich aus dem Projekt zurück und Neuperlach blieb unvollendet. Beinahe hätte Neuperlach sein Zentrum nach 50 Jahren doch noch bekommen, als die Stadt nach einem Standort für das neue Konzerthaus suchte, das aber jetzt am Ostbahnhof gebaut wird. Vielleicht klappt es ja zum 60. Geburtstag? (ps, 11.5.17)

München-Neuperlach, Blick zu den Alpen, 2007 (Bild: buzzard525, CC BY SA 3.0)

Rettung für die Sahneschnitte

Das Cafe Kustermann in München-Solln (Bild: Sophie Anfang)
Süßes Teilchen: das Café Kustermann in München-Solln (Bild: Sophie Anfang)

Eine echte „Sahneschnitte“ der Architektur ist das Café Kustermann aus den 1950er Jahren, darum wird es auch von seinen Stammgästen gerne so genannt. Die mussten vor acht Monaten noch um das außergewöhnliche Café in München-Solln bangen, denn der Pachtvertrag war abgelaufen und die Immobilie stand zum Verkauf. Doch die Rettung ist geglückt: Das Gebäude bleibt erhalten und soll unter Denkmalschutz gestellt werden.

Der schlanke runde Pavillon wurde 1951 nach Plänen von Ludwig Reiber errichtet. Er steht zentral an der Hauptstraße, so wurde er schnell zu einem Wahrzeichen des Viertels. Und schon der Kosename „Sahneschnitte“ deutete an, was es dort alles Leckeres zu holen gab. Um so härter traf die Sollner die Nachricht, dass der Pachtvertrag im April 2016 nicht verlängert und das Gelände neu bebaut werden sollte. Dass nun das Café mit dem runden Eingang erhalten bleibt, ist vor allem einer lokalen Interessensgemeinschaft zu verdanken, die sich mit dem Bezirksausschuss und dem Denkmalschutz zusammentat. Der Pavillon soll jetzt trotz eines Neubaus direkt hinter diesem bestehen bleiben, unter Denkmalschutz gestellt werden und weiterhin als Café genutzt werden. Ob auch der ehemalige Pächter dort wieder einzieht, ist noch offen. (ps, 22.12.16)

Potsdam: Kein „kein Ausverkauf“?

Potsdam, Mercure-Hotel (Bild: Botaurus, gemeinfrei)
Kühle Stimmung in der Potsdamer Mitte (Bild: Botaurus, gemeinfrei)

Die Debatte um das Stadtzentrum von Potsdam läuft schon seit Monaten. Die Stadtverwaltung würde gerne zurück zum Stadtbild aus der Zeit von Friedrich dem Großen. Dagegen wehrt sich die Initiative „Potsdamer Mitte neu denken“, die sich für den Erhalt des ehemaligen DDR-Interhotels Mercure, der Fachhochschule und weiterer Nachkriegsgebäude einsetzt. Knapp 15.000 Unterschriften hatte sie für das Bürgerbegehren „Kein Ausverkauf der Potsdamer Mitte“ gesammelt. Die Forderung: Die Bauten sollen weder verkauft noch mit öffentlichen Mitteln abgerissen werden. Die erfolgreiche Initiative hätte nun in einem nächsten Schritt einen Bürgerentscheid herbeiführen können.

Doch die Stadtverordnetenversammlung kippte das Bürgerbegehren im September als rechtlich unzulässig: Die Fragestellung sei irreführend gewesen. Denn weder das geforderte Verkaufsverbot für die Bauten noch der Verzicht auf den Einsatz von Fördermitteln führten zwangsläufig dazu, dass die Stadt auf den geplanten Abriss verzichten müsse, darum sei es ungültig. Die Potsdamer Neuesten Nachrichten kommentierten: „Die Stadtverwaltung hätte gleich zu Beginn des Bürgerbegehrens zur Potsdamer Mitte prüfen müssen, ob es zulässig ist. Nicht erst, nachdem die Unterschriften abgegeben waren. Denn jetzt ist der Schaden immens, für alle Beteiligten.“ Nun hat die Initiative beim Verwaltungsgericht geklagt: Es bleibt also spannend. (ps, 21.10.16)

Frei Otto: Denken in Modellen

Mannheim, Multihalle (Bild: Hubert Berberich (HubiB), CC BY 3.0)
Im Original gefährdet: Frei Ottos Mannheimer Multihalle (Bild: Hubert Berberich (HubiB), CC BY 3.0)

Am 5. November eröffnet in Karlsruhe die bisher größte Ausstellung zu Frei Otto: Dort werden über 200 Modelle, über 1.000 Fotos, Skizzen, Objekte, Werkzeuge und vieles mehr zu sehen sein. Damit zeigt die Ausstellung umfassend das Werk des Architekten, der mit seinen außergewöhnlichen Konstruktionen eine ganze Stilepoche prägte. Die Ausstellungsmacher wollen zeigen, wie sich Otto frei zwischen Architektur, Kunst und Wissenschaft bewegte: Seine Modelle sind, mit den Worten des Kurators Georg Vrachliotis, mehr dynamische Objekte als klassische Modelle: „Sie verkörpern damit eine ‚operative Ästhetik‘, die sich zwischen der Präzision von wissenschaftlichen Objekten und der Imagination künstlerischer Instrumente bewegt.“

So ist es nur folgerichtig, dass Frei Ottos außergewöhnliche Modelle im Mittelpunkt einer Ausstellung stehen, außerdem die Instrumente, die er für die Berechnung seiner Projekte entwickelte oder seine Forschungen zu pneumatischen Kon. Die Ausstellung wird vom 5. November 2016 bis zum 12. März 2017 im ZKM Karlsruhe gezeigt. Im Januar soll außerdem ein Symposium zum Thema der Ausstellung stattfinden, selbstverständlich gibt es auch einen Katalog. Die Ausstellung ist ein gemeinsames Projekt des Südwestdeutschen Archivs für Architektur und Ingenieurbau (saai) des KIT und der Wüstenrot Stiftung. (ps, 20.10.16)

Warum wird Architektur umgebaut?

Hannover, Kröpcke, Baustelle, 2011 (Bild: Landeshauptstadt Hannover)
Umbau im laufenden Betrieb: „Neugestaltung“ des Kröpcke-Centers in Hannover (Bild: Landeshauptstadt Hannover)

Umgebaut wird, seit gebaut wird – doch vor allem die Architektur der Moderne ist gerade akut von diesem immer rascher wiederkehrenden (gefühlten oder faktischen) Veränderungsdruck betroffen. Zum Thema „Umbau“ veranstaltet das DFG-Graduiertenkolleg 1913 „Kulturelle und technische Werte historischer Bauten“ vom 17. bis zum 18. März 2017 eine epochenübergreifende Tagung.

Zum einen spiegelt Architektur die gesellschaftspolitischen, ästhetischen und stilistischen Vorstellungen ihrer Zeit, dementsprechend wandeln sich die Ansprüche an Architektur mit einer veränderten weltanschaulichen Haltung. Zum anderen können sich auch Funktionsbedürfnisse wandeln und mit ihnen die dazugehörigen Bauwerke. Für die geplante Tagung werden unter dem Titel „Umbauten: Funktionswandel und weltanschauliche Anpassung“ noch Beiträge aus den Fachbereichen der Archäologie, Baugeschichte und Bauforschung, Denkmalpflege, Kunstgeschichte und benachbarten Disziplinen gesucht, die sich über die beschreibendende Analyse von Bauphasen hinaus mit dem Thema des Umbaus befassen. Eingeladen sind alle Studierenden im Master‐ oder Promotionsstudium sowie Post‐Docs, die ihr Forschungsprojekt mit Bezug zum Tagungsthema in einem 20-minütigem Vortrag vorstellen wollen. Sie können ihr Exposé (2.000 bis 3.000 Zeichen) und einen Kurzlebenslauf bis zum 1. November 2016 senden an: elke.richter@b‐tu.de oder anke.bluemm@b‐tu.de. (ps, 6.10.16)