Berlin, Mies-van-der-Rohe-Haus (Bild: Danuta Schmidt, Januar 2019)

Berlin feiert in Bauhaus-Rot

von Danuta Schmidt

Ist dieses energetische Bauhaus-Rot nun ein Signal oder ein Zeichen der Liebe? Oder beides? Auf diese Farbe setzte Museumsleiterin Wita Noack mit ihrem Team zur Eröffnung des Bauhaus-Jahrs im Mies-van-der-Rohe-Haus Berlin. Im Jubeljahr schwimmt die Architektur-Perle in ruhigem Fahrwasser, doch die Vergangenheit war ein Weg mit Trockenperioden, Strömungen, Wellen, unruhigem Wetter. Dazu brauchte es Menschen wie Wita Noack, die Haltung entwickeln – und viel Liebe für diesen besonderen Ort.


Entworfen von Mies van der Rohe

Zur Eröffnung des Jubiläums kamen fast 300 Menschen mit roter Krawatte, Hüten und einer Mainelke. An die belustigten Besucher wurden 150 knallrote Schals mit einer Ideenskizze verteilt, wie man diese tragen könne. Der 160 Quadratmeter große Bau im Bungalowstil platzte am 13. Januar aus seinen feinen Nähten. Durch vier Jahresausstellungen und vier begleitenden Symposien, regelmäßige Sonntagsführungen und zwei Bauhaus-Feste werden jährlich 18.000 Besucher in das das kleine L-förmige Haus weitab der Berliner Mitte gelockt. Denn der gemeine Berlin-Tourist verirrt sich niemals nach Alt-Hohenschönhausen an den Obersee. Dafür aber Kultur-und Kunstinteressierte der Umgebung, Architekturstudenten und -interessierte von Kanada bis Japan. Ein Freundeskreis kümmert sich ehrenamtlich darum, den Glanz der Perle zu erhalten. Immerhin wurde der Bau 1932 als Wohnhaus von Mies van der Rohe entworfen, bevor er 1933 Bauhaus-Direktor wurde und Deutschland 1938 gen USA verließ. Alles am Haus wurde in den Urzustand gebracht, die Originalmöbel stehen im Berliner Kunstgewerbemuseum.


Und erst der Garten!

Vor mehr als 25 Jahren gab Wita Noack dem Architektur-Juwel wieder Licht und Luft. Kaum etwas erinnert heute an das einstige Wohnhaus, auch wenn noch viele originale Bauteile wie Türen, Beschläge und Fenster vorhanden sind. Es blieben die Lage in einem Wohnviertel und die Ausrichtung zum See hin, die wandhohe Verglasung und das Bauen mit der Sonne. Das Ehepaar Martha und Karl Lemke, ein Druckereibesitzer, war sich damals sofort einig mit dem berühmten Architekten: Die Verbindung zwischen Haus und Garten musste erst erarbeitet werden. Und den Garten gestaltete der nicht minder bekannte Staudenexperte Karl Förster.

1952 wurde Lemke enteignet. Zu DDR-Zeiten diente das Ziegelstein-Haus als Wäschedepot und als Hausmeisterwohnung für die Staatssicherheit, während andere Bauten der Moderne bereits als Baudenkmale geschützt wurden. 1977 erkannte man den Wert und stellte das Haus unter Schutz. Wita Noack sah das Haus 1986 zum ersten Mal im Sperrgebiet und rettete es 1992 vor dem Verfall. Zwischen 2000 und 2002 wurde der Bau denkmalgerecht in den originären Zustand gebracht: „Der Standort am Stadtrand in einer Wohnsiedlung war nicht einfach, um daraus ein Konzept für einen öffentlichen Ort zu entwickeln. Heute sind wir hier gesettelt. Dies war aber ein langer Weg.“


Kunst im Geist von Mies

Und sicher ist das Jubiläumsjahr auch förderlich für den Bekanntheitsgrad des kleinen, aber täglich (!) geöffneten Hauses. Dabei währte das Bauhaus nur 14 Jahre und hatte etwa 1.200 Absolventen. „So viele Studenten spuckt die Universität der Künste Berlin wahrscheinlich pro Jahr aus. Und man muss sich da überlegen, welche Strahlkraft diese Kunstströmung hatte“, sagt Wita Noack. Doch dennoch bleibt Noacks Arbeit Akrobatik. Ein Spagat zwischen der Größe des Hauses und der Suche nach Künstlern, die einen Bezug zum Ort, zur Moderne herstellen. „Außerdem kann man hier nicht irgendetwas hinhängen.“ Dazu braucht es ein feines Netzwerk zu internationalen Künstlern, die auch nach Hohenschönhausen kommen wollen. Und es braucht in Zukunft mehr Platz, um den Ansprüchen der heutigen Museumsbesucher gerecht zu werden – die wollen auch mal einen Kaffee trinken, eine Postkarte kaufen und einfach länger verweilen möchten. Kurz: Wita Noack wünscht sich einen ergänzenden Neubau.

Immer wieder begibt sie sich aufs Neue auf die schwierige Suche nach Künstlern der vierten Nach-Bauhaus-Generation. Da ist z. B. der Niederländer Jan van der Ploeg, der seine „Wallpapers“ weltweit ausstellt und sich von der Klassischen Moderne geprägt weiß. „Ich wohnte auch mal eine Zeit lang in Barcelona unweit des Pavillons, den Mies für die Weltausstellung plante. Außerdem schenkte mir mein Vater den Barcelona-Chair von Mies.“ Van de Ploeg entwickelte bereits vor zwei Jahren Wandbilder für das 100-jährige Jubiläum des niederländischen „De Stijl“ – unter anderem für die Villa Mondriaan in Winterswijk. Ab Sonntag sind seine Arbeiten im Berliner Mies-Haus zu sehen. Dazu kommen der Amerikaner Jill Baroff und der Berliner Michael Grommek, der das Thema „Fake“ zur Kunst erhoben hat: Er lackierte quadratische MDF-Platten weiß, um darauf eine neue Schicht MDF zu bringen, das durch Tape gehalten wird. Unter dem Titel „Beglückung der Welt“ schauen sie gemeinsam in den „Rückspiegel der Moderne“ und überführen die radikale Bauhaus-Idee in den heutigen Alltag. (25.1.19)

Bilder: Danuta Schmidt und (Außenbau bei Nacht) René Müller