Keine Zukunft fürs Maison de France?

Der Schwarzwald ist unerwartet reich an 1950er-Jahre-Architektur, doch nicht überall ist ihre Zukunft gesichert. Dem Maison de France in Villingen etwa soll es nach Willen der Stadt an den Kragen gehen. 1955 als bauliche Einheit mit Post und Kino entstanden, ist das ehemalige Offizierskasino der ab 1914 errichteten Mangin-Kaserne (früher Richthofen-Kaserne) bemerkenswert offen in den Stadtraum integriert. Nirgendwo sonst wurde ein von einer Besatzungsmacht übernommener Kasernenkomplex so deutlich auch auf die Zivilgesellschaft ausgerichtet: Das französische Kino stand für Einheimische offen. Ab 1988 wurde im Maison de France gar Fastnacht gefeiert. So dokumentieren die Bauten auch die deutsch-französische Versöhnungsgeschichte.

Im Zuge der Umnutzung des 2014 geräumten Mangin-Geländes könnten die denkmalgeschützten Gebäude aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen, doch Oberbürgermeister Rupert Kubon (SPD) plädiert für den Abriss. Der Sanierungsaufwand sei zu hoch, kein Nutzer zu finden. „Das Maison de France stellt ein gravierendes Hindernis für eine notwendige flächensparende Verdichtung dar.“ Nun muss die Denkmalschutzbehörde in Freiburg entscheiden. Der Kunstverein Villingen erinnert in einem Brief an den Oberbürgermeister derweil daran: Das Haus nahe der Kasernenbauten, die den Geist des kaiserlichen Imperialismus verkörpern, sei eines der Musterbeispiele für ein „neues Architekturverständnis“, das „in seiner Schlichtheit, Klarheit und Transparenz ein neues demokratisches Bewusstsein repräsentiert“. (db 8.11.17)

Villingen, Maison de France (Videostill SWR)

Stammheim: Deutsche Geschichte vor der Zerkleinerung

Der „Deutsche Herbst“ ist dieser Tage 40 Jahre vergangen – und anlässlich des traurigen Jubiläums und Höhepunkts des RAF-Terrorismus wird bekannt, dass das Mehrzweckgebäude der Justizvollzugsanstalt Stuttgart Stammheim abgerissen werden soll. In ihm befindet sich der Gerichtssaal, der in den 1970er Jahren durch die Verfahren gegen Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe weltweit bekannt wurde. Das Gebäude werde nach Fertigstellung eines neuen Prozessgebäudes für das Oberlandesgericht entbehrlich, sagte eine Sprecherin des Finanzministeriums der Deutschen Presse-Agentur, ein Zeitpunkt des Abrisses stehe noch nicht fest.

Der ebenfalls geplante Abriss des 1964 in Betrieb genommenen Hafthochhauses mit den Zellen, in denen sich Terroristen der RAF 1977 das Leben nahmen, wurde im Frühjahr 2017 zurückgestellt, da die Gefängnisse im Land aus allen Nähten platzen. Im geschichtsträchtigen siebten Stock sind heute drei Gruppenräume für schulische und Freizeit-Veranstaltungen untergebracht – auch in den ehemaligen Zellen von Baader und Ensslin. Dazu kommen nach weiteren Angaben der Anstaltsleitung 17 Einzelzellen für erwachsene männliche Untersuchungshäftlinge. In der rund 20 Quadratmeter großen Zelle von Andreas Baader waren zwischenzeitlich bis zu vier Personen inhaftiert. Nur am Rande erwähnt: Eigentlich stehen die 1960-64 errichteten Gebäude der JVA Stuttgart seit 2013 unter Denkmalschutz … (db, 5.11.17)

JVA Stuttgart-Stammheim ( Bild: Manecke, CC BY-SA 3.0)

Ein Baumewerd auf dem Prüfstand

Es mag ein wenig an der familiären Vorbelastung gelegen haben: Dieter Georg Baumewerd (1932-2015), Sohn des Dom- und Diözesanbaumeisters Walter Baumewerd, wurde vor allem für seine modernen Kirchenräume bekannt. Schon während seines Architekturstudiums arbeitete er für und mit Hans Schwippert und Rudolf Schwarz. Baumewerds kirchliches Werk reicht von der betonplastischen Heilig-Geist-Kirche in Emmerich (1963) bis zur streng kubischen Apostolischen Nuntiatur in Berlin (2001).

Eine dieser Kirchen steht gerade auf dem Prüfstand: das Gemeindezentrum Hl. Geist in Emsdetten. Baumewerd hatte den Wettbewerb 1969 gewonnen, die Kirche (Mitarbeit: Klaus Scholz) bis 1972 in einem Bausystem errichtet. Das langgestreckte Ensemble mit der gewölbeähnlichen Decke erhielt später einen Glockenträger. Nun hat die katholische Gemeinde St. Pankratius – mit Blick auf ihren Pastoralplan – auch ihren Baubestand durchforstet. Zwei Kirchen seien „gesetzt“ (St. Pankratius und die Herz-Jesu-Kirche, die zum Pfarrzentrum mit Kirchenraum umgebaut werden soll), drei in ihrer Zukunft unsicher: St. Joseph, St. Marien und eben Hl. Geist. Die Gemeinde will nun in Ruhe über eine Nachnutzung dieser drei Bauten diskutieren, von einer sofortigen Schließung sei nicht die Rede. (kb, 3.11.17)

Emsdetten, Hl. Geist, 2016 (Bild: Hobusch, CC BY SA 4.0)