Streit um den Stadionturm Chemnitz

Streit um den Stadionturm Chemnitz

Chemnitz, Stadionturm um 1950, historische Postkarte, Urh. unbek.
Als das Sportforum noch Ernst-Thälmann-Stadion hieß: Der Chemnitzer Kommandoturm um 1950 (historische Postkarte, Urh. unbek.)

Die Stadt Chemnitz verfällt zusehends, und es scheint, als wolle die Stadtpolitik ihren Teil dazu beitragen: Selbst Bauten, deren Erhalt genug Unterstützer finden dürften, werden zum Abbruch freigegeben. Bald könnte es den denkmalgeschützten, 1938 eingeweihten Kommandoturm des Sportforums erwischen.

Die CDU/FDP-Fraktion hatte in der Haushaltdebatte Anfang März zwar gefordert, eine Dreiviertelmillion Euro für die Bausicherung des Turms freizugeben. Mit den Stimmen der rot-rot-grünen Mehrheit wurde der Antrag aber abgelehnt. 21 Stadträte hatten für die Turmsicherung, 29 dagegen gestimmt. Somit stehen die Zeichen auf Abriss. Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig nennt das NS-Bauwerk „Führerturm“ und erwähnt stets die finstere Entstehungszeit. Dazu ist der Bereich um den Turm abgesperrt, die Fassade eingerüstet und mit Netzen verhüllt – positive Stimmung für den Erhalt verbreiten sieht anders aus. Besiegelt ist das Ende indes noch nicht: Die zuständige Denkmalbehörde in Dresden muss befragt werden, und hier scheint wenig Bereitschaft vorzuherrschen. Wenn die Stadt den Abriss beantrage, werde er umgehend abgelehnt, erklärte Michael Kirsten vom Landesamt für Denkmalpflege auf Anfrage der Freien Presse Chemnitz. Er wertet den Turm als „historisches Zeugnis, wenngleich aus einer dunklen Epoche. Aber auch diese Zeugen gehören zur Geschichte“. (db, 14.3.16)

Blokoshka

Blokoshka

Blokoshka (Bild: designboom.com)
Darauf einen „Gorbatschow“ (oder eine der anderen im kapitalistischen Handel erhältlichen Wodkamarken): das Ostmoderne-Steckspiel „Blokoshka“ (Bild: designboom.com)

Nichts ist so typisch russisch wie Wodka, Trabentenstädte und diese „Wie heißen sie nochmal“-Holzfiguren zum Ineinanderstecken (Matroschka!). Mit „Blokoshka“ lassen sich jetzt zwei davon aufs Schönste verbinden: ostmodernes Systembauen zum Ineinanderschachteln. Denn von den 1950er bis in die 1980er Jahre erlaubte die Vorfabrikkation in den osteuropäischen Ländern eine „Häuserproduktion“ unbekannten Ausmaßes. Es erlaubte nicht nur, einer breiten Bevölkerungsschichte kostengünstig und schnell modernen Wohnungsstandard zu bieten. Die normierte Bauweise wurde auch als Ausdruck eines neuen sozialistischen Menschbilds gefeiert – und blendete fröhlich aus, dass auch der West-Kapitalismus gerne die Vorzüge der Vorfabrikation nutzte.

Von den Plattenbauten Ostberlins über die Wohnblocks Warschaus bis zu den Trabantenstädten Moskaus wurde das gerasterte Wohnen zum Lebensgefühl einer ganzen Generation. Vorfabriziert in Polen, kann man dieses Lebensgefühl mit „Blokoshka“ als Papierbausatz nach Hauses bestellen. Gestaltet von „Zupagrafika“, können vier vor-geschnittene und -gefaltete Häuserblocks zusammengesetzt werden. Das Bastelset im Packmaß von 25 x 25 cm enthält noch kurze Ausführungen zur Entwicklung des ostmodernen Häuserblocks. (kb, 12.3.16)

„Bis auf weiteres geschlossen“

„Bis auf weiteres geschlossen“

Bergisch Gladbach-Frankenhorst, St. Maria Königin (Bild: Emanuel Gebauer)
Solche Bilder von St. Maria Königin in Bergisch Gladbach-Frankenhorst sind (vorerst) Geschichte – aber Detailfotos der Glasfenster von Ludwig Baur und Leonhard Karl gibt es weiter online bei der Stiftung Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jahrhunderts (Bild: Emanuel Gebauer)

„Diese Kirche ist bis auf weiteres geschlossen“, so die Aussage auf der Homepage der Gemeinde St. Johann Baptist Frankenforst in Bergisch Gladbach. Es geht um St. Maria Königin, ein zwischen 1954 und 1959 nach Entwürfen von Bernhard Rotterdam errichtetes und 1988 nochmals erweitertes Ensemble aus Kirche und Gemeindebauten. Hintergrund der Schließung sei, wie die Presse  vergangenes Jahr ausführte, ein Schimmelbefall im Kirchenraum. Somit wäre aktuell eine Nutzung des Inneren unmöglich, da gesundheitsgefährdend.

Der örtliche Pfarrer hat bereits beim Erzbistum Köln einen Antrag auf Profanierung des Bauwerks gestellt. Schon 2008 hatte man beschlossen, den pastoralen Schwerpunkt nicht hier, sondern bei St. Johann Baptist zu legen. Zudem verfügt die inzwischen fusionierte Gemeinde mit St. Elisabeth noch über einen weiteren Kirchenbau. Doch St. Maria Königin steht unter Denkmalschutz. Rotterdam (1893-1974), der für den langgestreckten Kirchenbau mit Satteldach zur Formensprache der gemäßigten Moderne griff, war ein Schüler des Architekten Emil Fahrenkamp, der seinerseits tief  im Neuen Bauen wurzelte. Die Interessengemeinschaft „Rettet die Kirche St. Maria Königin“ setzt sich für die Sanierung und Wiedereröffnung des Bauwerks ein. Man versteht sich als Forum für eine „offene Kommunikation“ über die Zukunft der Kirche – eine Zukunft, die vielleicht, wie bei anderen Beispielen dieser Stilepoche, in einer Umnutzung liegen könnte. Wir drücken die Daumen! (kb, 10.3.16)