Die Tränende wird überholt

Bekannt wurde der Maler und Bildhauer René Graetz (1908-74) mit dem Mahnmal „Befreiung“ für die Gedenkstätte Sachsenhausen. Geboren in Berlin, verbrachte Graetz seine ersten Jahre in der Schweiz, in Südafrika, in Frankreich und in Großbritannien, wo er u. a. von seinem berühmten Kollegen Henry Moore lernte. Nach Kriegsende ließ sich Graetz in Berlin als freischaffender Künstler nieder und prägte mit seinem zumeist gegenständlichen Werk den öffentlichen Raum der DDR.

In Eisenhüttenstadt bereitet gerade eines seiner Werke Kopfzerbrechen: die überlebensgroße Bronzeplastik „Die Tränende“ auf dem Inselfriedhof. Die Bronzeplastik kam in den 1970er Jahren an ihren heutigen Standort – und kam in die Jahre. Sie soll von der Bildgießerei Seiler aus Schöneiche restauriert werden. Beim Abtransport half die Stadt Eisenhüttenstadt mit Bagger und Decken, um dem Kunstwerk zu einer guten Reise zu verhelfen. Bei der Restaurierung sollen, wie die Märkische Online-Zeitung berichtet, alte laienhafte Kittungen entfernt und neu verschweißt, die Schweißnähte abgeschliffen werden. In diesem, spätestens im kommenden Jahr soll die Tränende“ dann runderneuert wieder an ihrem alten Platz stehen. (kb, 10.11.15)

René Graetz in Berlin: Kranzniederlegung vor dem Kaethe-Kollwitz-Denkmal im Mai 1974 (Bildhauer Werner Richter (links), der Maler Ronald Paris (Mitte) und der Bildhauer René Grätz) (Bild: Bundesarchiv_Bild 183 N0524 023, Foto: Horst Sturm, CC BY SA 3.0)

Hamburgs edle Kaffeebörse

Morgens aufwachen umhüllt von Kaffeeduft? Für alle Koffeinjunkies eine traumhafte Vorstellung, der man in Hamburg nun sehr nahe kommen kann. Ein Teil der ehemaligen Kaffeebörse (gut, hier wurde das Suchtgetränk mehr gehandelt als gelagert, aber immerhin) in Hamburgs schick gewordener Speicherstadt wurde zum Hotel umgebaut. Vor seiner Schließung im Jahr 1958 spielte die 1887 gegründete Hamburger Kaffeebörse in einer Liga mit New York und Le Havre.

Als der Krieg im Speicherblock B einen Teil der historischen Kaffeebörse zerstörte, gestalteten 1956 Kallmorgen und Schramm & Ellingus das heutige nachkriegsmoderne Gebäude – und überführten es in eine Büronutzung. Bis 2014 wurde der denkmalgeschützte Bau unter Leitung der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) nun zum Vier-Sterne-Hotel umgebaut. Aus dem Saal der ehemaligen Kaffeebörse wurde ein Raum für Kultur- und Firmenveranstaltung. Und übernachten kann man im Haus natürlich auch. Mitte Oktober zeichnete der Hamburger Architekten- und Ingenieursverein den Bau mit zwei weiteren Schätzchen besonders aus. Könnte jetzt mal bitte jemand einen Teespeicher umbauen? Darjeeling? (kb, 9.11.15)

Hamburg, Speicherstadt, ehem. Kaffeebörse (Bild: Martina Nolte, Projekt Heissluftballon)

Mies neuer Nachbar

Das Seagram Building in New York bekommt Gesellschaft. In unmittelbarer Nachbarschaft des 1958 nach Plänen Mies van der Rohes erbauten Wolkenkratzers plant das Büro Foster + Partners ein Wohnhochhaus. Zumindest hinsichtlich zur Größe stellt es das von Mies entworfene Wahrzeichen der  Moderne in den Schatten: Stolze 220 Meter soll der neue Wolkenkratzer messen, während das Seagram Building „nur“ auf 160 Meter kommt. Ansonsten fügt sich das geplante Hochhaus jedoch zurückhaltend in seine Umgebung ein, so dass kaum die Gefahr besteht, dass es seinem berühmten Gegenüber die Schau stielt.

Der ehemalige Bauhaus-Direktor Mies hatte sich 1939 in den Vereinigten Staaten niedergelassen und gründete ein Architekturbüro in Chicago. Das Seagram-Building war das erste bedeutende Bauwerk Mies‘ in New York. Es wurde zum Vorbild für seine weitere Arbeit und wirkte für Generationen von New Yorker Wolkenkratzern stilbildend. Die künftigen Bewohner des neuen Wohnhochhauses können sich also darauf freuen, bald regelmäßig mit Ausblick auf ein bedeutenes Stück Nachkriegsmoderne zu frühstücken. (jr, 7.11.2015)

Bekommt bald Gesellschaft: Mies Seagram Building (Bild: PD)