Kirchenbau im Bistum Hildesheim

Die Liturgie bestimmt den Kirchenbau, so eine seit Jahrzehnten zwischen Architekt:innen und Theolog:innen diskutierte These der Moderne. In einer neuen Publikation folgt Roland Baule, Theologe und Leiter des Fachbereichs Liturgie im Bischöflichen Generalvikariat in Hildesheim, eben diesem Leitsatz. Anhand der Kirchenlandschaft seines Bistums beleuchtet er die praktischen Konsequenzen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dabei stellt er die prägenden Verlautbarungen aus Rom und der Diözese ebenso in den Mittelpunkt wie zeitgeschichtliche Marken. Denn gerade in diesem Bistumsgebiet mussten zahlreiche Flüchtlinge katholischen Glaubens in der Diaspora mit Räumen versorgt werden.

Baule fragt nach dem damals wirksamen Kirchen- und Gemeindeverständnis, indem er sich zwei konkreten Beispielen widmet: Ahrbergen bei Hildesheim mit dem Neubau St. Maria, Mutter der Kirche (1968, Eberhard Kleffner, Turm 1978) und die Braunschweiger Weststadt mit dem neuen Gemeindezentrum St. Cyriakus (1973, Bernhard Schneemann/Günther Schniepp). Dabei will der Autor nicht allein eine Quellensammlung, eine theologie- und zeitgeschichtliche Studie liefern, sondern ebenso Empfehlungen für künftige Kirchen(um)bauten ableiten. Hier darf sich das Bistum Hildesheim weiterhin auf stürmische Zeiten gefasst machen, denn (so das erklärte Ziel der Diözese) man will sich mittelfristig von der Hälfte der Immobilien trennen – ein großer Teil davon wird die Diasporakirchen der (nach)konziliaren Zeit betreffen. (kb, 18.9.21)

Baule, Roland, Kirchenbau und gottesdienstliches Leben in Kirchengemeinden des Bistums Hildesheim. Ein Beitrag zur Erforschung der ortskirchlichen Rezeption der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils (Quellen und Studien zur Geschichte und Kunst im Bistum Hildesheim 14), Schnell und Steiner, Regensburg 2020, 44 Schwarz-Weiß-Abbildungen, Hardcover, 592 Seiten, 17 x 24 cm, ISBN: 978-3-7954-3587-5.

Titelmotiv: Wolfsburg, St. Joseph, 1957, Peter Koller, 2015/16 abgegeben an ChristusBrüderGemeinde (Bild: Kirchenfan, CC0 1.0, 2015)

Hamburger Bauhefte

Seit 2012 gibt der Hamburger Schaff-Verlag die wunderbare Bauheft-Reihe heraus. Jüngste Veröffentlichung ist das Hamburger Bauheft Nummer 36 “Drei Standorte, ein Christianeum 1721-2021” . Es bietet einen Überblick über 300 Jahre Entwicklung des architekturhistorisch einzigartigen Schulbaus, angefangen um 1721 mit ersten Gebäuden in der Altonaer Altstadt, über den Umzug 1936 in den neusachlichen Komplex an der heutigen Behringstraße bis zum „funktionalistischen“ Neubau 1971 in Othmarschen nach dem Entwurf von Arne Jacobsen. Die Texte steuerten Dirk Hempel und Dirk C. Schoch bei, die aktuellen Fotografien stammen von Dorfmüller / Klier. Am Tag des offenen Denkmals wird das Heft im Hof des Christianeums vorgestellt: anwesend sind die Autoren, die Einführung geben Irina von Jagow (Stiftung Denkmalpflege Hamburg) und Dr. Jörg Schilling, Leiter des Schaff-Verlags. Termin: Samstag, 11. September in der Otto-Ernst-Straße 34, 22605 Hamburg, 12.00 bis 12.45 Uhr. Sie wundern sich, weil der TofD doch eigentlich am 12. September ist? In Hamburg wird er von Freitag bis Sonntag begangen, ist mithin das Wochenende des offenen Denkmals!

Die Bauhefte beschränken sich im übrigen nicht nur auf Hamburg, es gibt auch diverse Bände zu den Bauten des Architekten Martin Elsaesser, und ein weiterer noch sehr frischer beschäftigt sich mit dem Frankfurter Studierendenhaus (1951) von Otto Apel. Der denkmalgeschützte Bau auf dem Campus Bockenheim wurde zu einer Stätte des künstlerischen Experiments und Schauplatz der 68er Revolte. Nun steht dem Gebäude, das auch das Studierendencafé KOZ beherbergt, eine neue Nutzung bevor: Es soll zu einem soziokulturellen Zentrum und „Offenen Haus der Kulturen“ werden. Das Frankfurter Bauheft 1 bietet Texte von Lothar Augustin / Julia Reusing, Jörg Schilling und Tim Schuster sowie historische Fotografien und aktuelle Aufnahmen von Nicolas Det und kostet studierendenfreundliche 9 Euro. (db, 9.9.21)

Hamburg, Christianeum (Bild: Katharina von Hoefs, CC BY-SA 3.0)

Bildungsmoderne entzaubern

Als sichtbares Zeichen des Umzugs der Frankfurter Universität wurde im Februar 2014 der AfE-Turm (1972) gesprengt – ein Abriss, der unter Einheimischen, ehemaligen Studierenden und Fotofreund:innen gleichermaßen starke Emotionen hervorrief. Noch Jahre später verkaufte man vor Ort Stofftaschen, Anstecker und Siebdrucke des brutalistischen geisteswissenschaftlichen Unihochhauses. Denn die Jahre umfassende Verlegung der Frankfurter Universität aus Bockenheim ins Westend verändert die bauliche Struktur und das Zeichensystem ganzer Stadtteile. Daher begleitete das Künstler:innenduo Sabine Bitter und Helmut Weber diese Entwicklung gemeinsam mit dem Stadtsoziologen Klaus Ronneberger. Der Blick des Teams richtete sich ebenso auf die sozialen Verschiebungen wie deren fotografische Dokumentation. Ein Schwerpunkt lag auf den inzwischen legendären Bauten der ersten Nachkriegsjahrzehnten, errichtet nach Entwürfen von Ferdinand Kramer.

Seit 1994 widmen sich die in Vancouver und Wien lebenden Künstler:innen Sabine Bitter und Helmut Weber dem Wechselspiel von Stadt, Politik und Architektur, dem sie sich in fotografischen und sozial fundieren Recherchen intensiv nähern, bevor sie die Ergebnisse zu Installationen montieren. Ihre Frankfurter Studie ist nun im adocs-Verlag als Buch erschienen. Dabei legen sie den Schwerpunkt auf das große Versprechen der 1960er und 1970er Jahre, dass Bildung für alle auch einen Demokratisierungsschub bedeutet – und den Verlust dieser Ideale mit den Verschiebungen der letzten Jahrzehnte. Die Publikation zum Frankfurter Beispiel ist als Teil einer Serie des Künstler:innenduos zu Bauten der 1960er und 1970er Jahre geplant: Die Reihe “Bildungsmodelle/Educational Modernism” erscheint als Kooperation von Camera Austria mit dem adocs-Verlag Hamburg. (kb, 20.8.21)

Bitter, Sabine/Weber, Helmut (Hg.), Bildungsmoderne entzaubern. Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt, adocs Verlag & Produktion/Camera Austria, Hamburg/Graz 2021, 172 Seiten, ISBN 978-3-943253-41-2.

Frankfurt am Main, Sprengung des Afe-Turms (Bild: Teta, CC BY SA 3.0, 2014)