Bücher

"Neue Heimat" (Bild: Buchcover, Dölling und Galitz Verlag)

„Neue Heimat“ kann man gar nicht genug haben

Da ist die große Ausstellung in München, da war letztes Jahr die umfassende Publikation aus Berlin – und jetzt erscheint beim Hamburger Verlag Dölling und Galitz ein weiteres Buch zu diesem prägenden Stück westdeutschen Bauens: zur Neuen Heimat, die als größter Wohnungsbaukonzern Europas zwischen 1947 und 1985 Hunderttausende von Wohnungen in der Bundesrepublik errichtet. Aber zum Portfolio gehörten ebenso Universitäten, Kongresszentren, Großkliniken, Hotels, Schulen, Ferien-, Einkaufs- und Sportzentren, Fernsehturm und Seilbahn.

Das Geheimnis: Die Neue Heimat lieferte als Generalunternehmer Komplettangebote zu niedrigen Preisen. Damit wollte man nach dem Krieg die Hoffnung auf ein besseres Leben für Alle umsetzen – bis die Utopie in den 1980er Jahren abgewickelt wurde. Die von Ulrich Schwarz und Hartmut Frank in der Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs herausgegebene Publikation versteht sich als „die erste umfassende Dokumentation der wichtigsten Projekte der Neuen Heimat in Deutschland und im Ausland“. (kb, 23.2.19)

Schwarz, Ulrich/Frank, Hartmut (Hg.), Neue Heimat. Das Gesicht der Bundesrepublik. Bauten und Projekte 1947-1985 (Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs 38), Dölling und Galitz, Hamburg 2019, 38 Seiten, 960 Abbildungen, Hardcover, 23 x 28 cm, ISBN 978-3-86218-112-4.

Chris M Forsyth, Berlin, U-Bahnhof "Richard-Wagner-Platz" 2016 (Bild: Berlinische Galerie, © Chris M Forsyth)

Neues Buch: Der Himmel unter West-Berlin

Es gibt bekanntlich keine Zufälle. Zumindest dürfen wir es als traurig-schöne Fügung werten, dass wenige Tage nach dem Tod des Schauspielers Bruno Ganz auch eine druckfrische Publikation an den legendären Wim-Wenders-Film erinnert: Das Buch „Der Himmel unter West-Berlin“ verspricht überirdisch gute Architektur im Untergrund der einstmals geteilten Hauptstadt. Verena Pfeiffer Kloss hat sich nicht weniger als 58 U-Bahnhöfe zum Thema ihrer Dissertation genommen: die Untergrundstationen des Architekten und Baubeamten Rainer G. Rümmler, die Berlin bis heute prägen.

Am Anfang, zwischen 1960 und 1967, stehen bei Rümmler klare Linien und scharfe Kanten, die er schnell zu skulpturalen Betonformen weiterentwickelt – in der Folge bestimmt Pop-Architektur seine U-Bahnhöfe. Ab dem Ende der 1970er findet Rümmler zur Postmoderne, mit der er im Untergrund Geschichte(n) erzählt. In der Publikation werden die U-Bahnhöfe erstmals auch mit Rümmlers Hochbauten verglichen: von Raststätten über Polizeistationen bis hin zu Bildungsbauten. Neben aktuellen und historischen Fotografien zeigt Pfeiffer-Kloss bislang auch unveröffentlichte Zeichnungen Rümmlers. (kb, 20.2.19)

Pfeiffer-Kloss, Verena, Der Himmel unter West-Berlin. Die post-sachlichen U-Bahnhöfe des Baudirektors Rainer G. Rümmler, urbanophil Verlag, Berlin, 2019, 384 Seiten, ISBN: 978-3982-0586-0-3.

Chris M Forsyth, Berlin, U-Bahnhof „Richard-Wagner-Platz“ 2016 (Bild: Berlinische Galerie, © Chris M Forsyth)

Auf dem Rummelplatz, Berlin, 1969 (Bild: © Roger Melis Nachlass)

Die Ostdeutschen

Roger Melis (1940-2009) gilt als führender Vertreter des ostdeutschen Fotorealismus. Bekannt wurde er in den 1960er und 1970er Jahren vor allem für seine Künstlerporträts – ob Anna Seghers, Heiner Müller, Christa Wolf, Sarah Kirsch oder Wolf Biermann. Mit der Kamera dokumentierte der Berliner Fotograf aber ebenso die unbekannten Bewohner der DDR zwischen dem Bau und dem Fall der Mauer. Über drei Jahrzehnte hielt Melis so ganz unideologisch das Alltagsleben im „Arbeiter und Bauern“-Staat fest.

Die Ausstellung „Roger Melis. Die Ostdeutschen“ ist vom 12. April bis zum 28. Juli 2019 zu sehen in der Berliner Reinbeckhallen (Reinbeckstraße 17). Die Vernissage wird am 11. April um 19 Uhr begangen. Die von der Stiftung Reinbeckhallen ausgerichtete und von Mathias Bertram kuratierte Ausstellung – eine Kooperation mit der LOOCK Galerie und dem Roger Melis Archiv – bildet die bislang umfangreichste Retrospektive der DDR-Fotografien von Roger Melis. Begleitend erscheinen im Lehmstedt Verlag „Die Ostdeutschen“ mit Reportagen und Porträts aus dem Nachlass des Künstlers sowie eine zweisprachige Neuausgabe von „In einem stillen Land“. (kb, 18.2.19)

oben: Auf dem Rummelplatz, Berlin, 1969; unten: Eva-Maria Hagen, Berlin, ca. 1965 (Bilder: © Roger Melis Nachlass)

Dortmund, FH-Gebäude, Fachbereich Architektur (Bild: buero-apfelbaum.de)

Eine Architekturschule baut sich selbst

Ein seltenes Beispiel gebauter Mitsprache: Studierende und Lehrende waren gleichermaßen am Entwurfs- und Planungsprozess bezeiligt, an ihrem Gebäude des Fachbereichs Architektur der FH Dortmund. Sie stellten sich damit bewusst in die Tradition der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als Walter Gropius oder Max Bill die Gebäude, in denen sie lehrten, selbst entwarfen.

Das Architekturgebäude der Fachhochschule Dortmund versteht sich als anspruchsvolle Alltagsarchitektur, die ihren vielfältigen Nutzungserfordernissen mit einer klaren architektonischen Haltung nachkommt. Dabei hat der umgesetzte Entwurf keinen individuellen Autor. Vielmehr ist er das Ergebnis einer kollektiven Anstrengung, an der zahlreiche Personen und Institutionen beteiligt waren – so die These einer neuen Publikation: Das Buch „Eine Architekturschule baut sich selbst“ dokumentiert das Gebäude sowie den Planungsprozess. So soll die Bauform aus seiner wechselvollen Entwurfsgeschichte heraus erklärt werden. Das Buch erscheint nach Auskunft des Verlags Mitte März, ist aber jetzt bereits vorbestellbar. (kb, 16.2.19)

Dortmund, FH-Gebäude, Fachbereich Architektur (Bild: Gabriele Marl, 2002, via buero-apfelbaum.de)

Stabenow, Jörg/Apfelbaum, Alexandra, Eine Architekturschule baut sich selbst. Das Gebäude des Fachbereichs Architektur der FH Dortmund, Kettler Verlag, 128 Seiten, 20 x 26 cm, Softcover, ISBN: 978-3-86206-739-8.

El Lissitzky "Wolkenbügel" (1923-25) (Bildquelle: El Lissitzky, Russland. Die Rekonstruktion der Architektur in der Sowjetunion (Neues Bauen in der Welt). Bd. 1, Wien 1930)

Gibt’s gar nicht!

Selten war Scheitern schöner: Ein 150 Meter hohes Denkmal für Isaac Newton. Eine Glaskuppel über Manhattan. Die Spinnenbeine der „Walking City“ von Archigram – Luftschlösser und Fantasiegebilde gab es zu allen Zeiten. Im „Atlas der nie gebauten Bauwerke“ berichtet der Brite Philip Wilkinson auf 256 sehr kurzweiligen Seiten über 50 gescheiterte Projekte aller Epochen. Dahinter stecken die unterschiedlichsten Geschichten – von schierem Größenwahn, verfrühten Visionen, lähmenden Entscheidungsängsten, technischer Unmöglichkeit oder schlicht von Pech!

So der 1892 begonnene Londoner Wembley Tower, den der exzentrische Eisenbahnmanager Sir Edward Watkin initiierte. Leider ging die Baugesellschaft nach Fertigstellung des Sockels pleite … Das Glashochhaus von Mies van der Rohe, geplant 1921 fürs Berliner Spreedreieck, kam nie über das Entwurfsstadium hinaus. Van der Rohe hatte den Wettbewerb nicht gewonnen. Heute steht an diesem Ort das 2009 fertiggestellte Ernst & Young-Hochhaus von Mark Braun. Bisweilen finden sich heute auch deutliche Zitate bekannter unrealisierter Projekte. Es bedarf nicht viel Fantasie, etwa El Lissitzkys „Wolkenbügel“ (1924) in den 2010 fertiggestellten Kranhäusern des Kölner Rheinauhafens (BRT Architekten) zu erkennen. Fazit: Nicht nur für Modernisten lesenswert! (db, 17.1.19)

Wilkinson, Philip, Atlas der nie gebauten Bauwerke. Eine Geschichte großer Visionen, dtv, München 2018, ISBN: 978-3-423-28976-4.

El Lissitzky, „Wolkenbügel“, 1923-25 (Bildquelle: El Lissitzky, Russland. Die Rekonstruktion der Architektur in der Sowjetunion (Neues Bauen in der Welt 1), Wien 1930)

Vom Bauhaus nach Tel Aviv

Wer gutes Bauhaus sehen will, der fährt nach Tel Aviv. Dazu mögen das mediterrane Klima, die jungen Bewohner und die guten Patisserien beitragen. Doch vor allem die hohe Dichte klassisch moderner Baukunst lockt immer mehr Kunstliebhaber an die israelische Küste. Hier bilden rund 4.000 Häuser im Bauhausstil die sog. Weiße Stadt.

Yigal Gawzes Fotografien zeigen die Spuren, welche die Begegnung des europäischen Bauhauses mit der Kultur des Mittelmeerraums hinterlassen hat. Sie sind eine Hommage an den Bauhaus-Geist, die Avantgarde-Fotografen der 1920er-Jahre und an die gegenwärtige Aktualität der architektonischen Moderne im Städtebau. Das faszinierende Porträt der leuchtenden Stadt offenbart mit überraschenden Detailaufnahmen auch im Fragment das poetische Wesen der Bauhaus-Architektur. (kb, 15.1.19)

Form and light. From bauhaus to tel aviv, Beiträge von Y. Gawze, G. Ophir, M. Jacobson, Hirmer Verlag, München 2019, Deutsch/Englisch, 120 Seiten, 100 Abbildungen in Farbe, 24,1 x 27,9 cm, gebunden ISBN: 978-3-7774-3099-7.

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