Die Neurosen der Architekturmoderne

Er ist schon ein merkwürdiger Kauz, dieser Franz Bremen, Hauptfigur in Gerd de Bruyns neuem Roman „Bremens letzte Jahre“. Ein selbsternannter Eremit, der nichts so sehr verabscheut wie die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten seiner Mitmenschen. Zudem plagen ihn gleich mehrere Neurosen und Wahnvorstellungen. Nach dem Tod seiner Frau flüchtet er aus Berlin, dem denkbar schlechtesten Ort für seine Menschenscheu, in die niedersächsische Provinz. In einer Kleinstadt, die sich eines Schnarchmuseums rühmt, müsste man unbehelligt seinen Lebensabend verbringen können – nicht jedoch als Sonderling. Franz Bremens kränklich asketisches Erscheinungsbild sorgt bald dafür, dass er (wider Willen) in die Kreise der Kleinstadtschickeria gerät. Hier erfährt er geballt ein letztes Mal, was ihm an der Gesellschaft anderer Menschen schon immer verhasst war. Nach dem Ableben findet er endlich seine Katharsis – in einer fragmentarischen Schattenwelt ohne soziale Verpflichtungen

Drahtglas (Bild: CC0, PD, via pxhere.com)

Raster (Bild: CC0, PD, via pxhere.com)

Gerd de Bruyns Roman „Bremens letzte Jahre“ erscheint als letzter einer Trilogie, die sich wichtigen Lebens- und Zeitabschnitten widmet. „Das mächtige Häuflein“ drehte sich noch um das selbsternannte Intellektuellenmilieu im Frankfurt der 1980er Jahre. Bei „Erlenbruch“ standen dann adoleszente Bikergang-Träume im Mittelpunkt. Nun geht es um den Lebensherbst und die nüchterne Gegenwart. De Bruyn zeichnet seinen Protagonisten so nicht als entrückte Gestalt, sondern als (wenn auch offenkundig lebensfeindliche) Bezugsperson. Wir verstehen nur allzu gut die Ablehnung, die Franz Bremen all den unsäglichen Oberflächlichkeiten und Possen unseres Alltages entgegenbringt. Dennoch zeigt diese Gesellschaftsstudie mit Hang zum Namedropping gelegentlich Längen.

Raster (Bild: PD, via pixabay.com)

Nichtsdestotrotz sind das komische Potenzial der Geschichte und die Anspielungen auf die Architekturgeschichte für Eingeweihte ein Vergnügen. Das ist nicht verwunderlich, stammt der Roman doch von einem ehemaligen Lehrstuhlinhaber für Architekturtheorie. Gekonnt verpasst er Franz Bremen ein großes „Lebensreformprojekt“: Die Möbel in dessen neuem Domizil sollen von sämtlichen Ornamenten befreit und in eine Flucht gebracht werden – ein treffendes Sinnbild für die Neurosen der Architektur des 20. Jahrhunderts. Am Ende ist es ausgerechnet die hitzige Diskussion um ein modernes Bauwerk, die Bremen endgültig mit seinem Umfeld brechen lässt. Als sein Ordnungszwang öffentlich angeprangert wird, verlassen ihn desillusioniert die Lebenskräfte. (16.9.20, jm)

Bruyn, Gerd de, Bremens letzte Jahre, Skript-Verlag, Neuss 2020, Paperback, 176 Seiten, 12 x 19 cm, ISBN: 978-3-928249-85-0.

Titelmotiv: Raster (Bild: PD, via pixabay.com)

Tirol: Widerstand und Wandel – jetzt noch länger

In Tirol war die Architektur in den 1970er Jahren geprägt von Amtsplanungen und Funktionalismus. Bis weit in die Nachkriegszeit hinein wurden die Region und ihre Zivilgesellschaft ausgezeichnet durch eine starke Heimatverbundenheit, einen ausgeprägten Patriotismus und eine beständige (religiöse) Tradition. Entsprechend schwer hatten es Moderne und Innovation, auch in der Architektur. Bauwerke wurden damals fast ausschließlich von Absolventen der Technischen Universität Wien oder der Akademie der bildenden Künste in Graz entworfen.

Innsbruck, Schule der Usulinen (Josef Lackner, 1979) (Bild: © Günter R. Wett)

Ein erster innovativer Schritt war damals der bundeweite, vom Ministerium für Bauen und Technik ausgelobte Wettbewerb „Wohnen morgen“. 1970 wurde in Innsbruck zudem die Fakultät für Bauingenieurwesen und Architektur gegründet. Nicht zuletzt brachten die Olympischen Winterspiele 1964 und 1976 neue Gestaltungsformen in die Region. Die Innsbrucker Ausstellung „widerstand und wandel. über die 1970er-jahre in tirol“, die aktuell bis zum 24. Oktober 2020 verlängert wurde, spannt im Adambräu-Gebäude einen roten Faden durch die 1970er Jahre – entlang der Architektur Tirols. Begleitend wurden ein Katalog und ein umfangreiches virtuelles Angebot aufgelegt: Coronabedingt sind damit weite Teile von Ausstellung und Buch frei zugänglich online eingestellt. (pl, 10.9.20)

Wörgl, Modellschule (Viktor Hufnagl/Fritz Gerhard Mayr, 1973) (Bild: © Günter R. Wett)

Titelmotiv: Innsbruck, Wohnanlage Mariahilfpark (Franz Kotek, 1973) (Bild: © Günter R. Wett)

Frankfurts 80er

Es ist schon fast eine gute Tradition zu nennen, auf moderneREGIONAL den jeweils nächsten Frankfurter Moderne-Führer vorzustellen. Begonnen hatte Wilhelm Opatz als Herausgeber anno 2015 mit den 1950er Jahren. Seitdem ist das Konzept im Wesentlichen gleichgeblieben: Zehn Bauten für zehn Jahre – in beschreibenden Texten und künstlerisch fotografierten Bildern. Der neue, nunmehr im Hamburger Junius-Verlag erschienene Band widmet sich dieses Mal 13 Beispielen aus den Jahren 1980 bis 1989 – von spät umgesetzten Planungen der 1970er Jahre über technoide Ingenieursentwürfe bis zur verspielten Postmoderne.

Zu den ausgewählten Highlights aus Frankfurt (mit einem Bonus-Bau aus dem Taunus) zählen u. a. die Zwillingstürme der Deutschen Bank und der Umbau des Karmeliterklosters zum Archäologischen Museum. Ergänzt werden die einzelnen Bauporträts durch ein Vorwort von Ursula Kleefisch-Jobst, Generalkuratorin des Museums für Architektur und Ingenieurkunst NRW (M:AI), sowie Fotografien von Georg Dörr und Adrian Seib. (kb, 8.9.20)

Opatz, Wilhelm E. (Hg.), Architekturführer Frankfurt 1980–1989, mit Fotografien von Georg Dörr und Adrian Seib, Junius-Verlag, Hamburg 2020, 24,5 x 21,5 cm, 80 Farbabbildungen, Softcover, ISBN 978-3-96060-525-644.

Titelmotiv: Buchcover (Bild: dkv)