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Habens, Wohnungsbau 1933-1945 (Bild: Gebr. Mann-Verlag)

Berlin und der NS-Wohnungsbau

Seit 2008 sind die Siedlungen der Berliner Moderne offiziell als UNESCO-Welterbe anerkannt. Die modernen Wohnhöfe und Zeilenbauten aus den Jahren 1913 bis 1934 sind in der ganzen Stadt verteilt und inzwischen als Symbole des Neuen Bauens weltberühmt – allen voran Bruno Tauts Hufeisensiedlung. Weniger bekannt ist der Wohnungsbau der Jahre der nationalsozialistischen Diktatur 1933 bis 1945. Die jüngst publizierte Dissertation von Michael Haben schließt diese Forschungslücke.

Ein eigenständiges, konsistentes Berliner Wohnungsbaukonzept legten die neuen Machthaber nur in Form propagandistischer Phrasen vor. Wenngleich die Nationalsozialisten auch führende Architekten des Neuen Bauens wie Bruno Taut oder Martin Wagner ins Exil trieben, zeigten sich im Berliner Wohnungsbau doch erstaunliche personelle Kontinuitäten. Quantitativ konnte der Wohnungsbau Nazideutschlands den der Weimarer Republik aller Propaganda zum Trotz nicht erreichen. Die Untersuchung belegt dies einer umfangreichen Bestandsaufnahme des NS-Wohnungsbaus in der Hauptstadt, die sie auf Jahre hinaus zum Standardwerk machen wird. (jr, 17.5.18)

Haben, Michael, Berliner Wohnungsbau 1933-1945. Mehrfamilienhäuser, Wohnanlagen und Siedlungsvorhaben, Gebr. Mann Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-7861-2786-4 .

Hannover, Tankstelle Caltex, Typ 3 (Bild: PD)

Die Tanke ist museumsreif

Sie ist ein, wenn nicht der Ort der Nachkriegsmoderne: die Tankstelle. Unter elegant geschwungenen, weit auskragenden Dächern versprach sie mit ein bis zwei Zapfsäulen neue Energie für die meist ebenso eleganten Gefährte der Wirtschaftswunderjahre. Dank deren sprunghafter Vermehrung schossen in den 1950ern auch die Tankstellen wie Pilze aus dem Boden. Heute sind sie jedoch fast ausnahmslos durch Großbauten mit mehreren Reihen von Zapfsäulen und integriertem Supermarkt verdrängt worden, die in der Erinnerung des Kunden schon bei der Ausfahrt keinen Platz mehr beanspruchen.

Doch gerade weil die klassische Tankstelle nahezu ausgestorben ist, hat das Thema derzeit Konjunktur. Bereits 2015 dokumentierte eine Ausstellung umgenutzte Autostopps der 1950er Jahre. Nun widmet sich das Horex-Museum im Bad Homburg dem Thema. Eine Sonderausstellung zeigt Arbeiten des Fotografen Tim Hölscher, der entsprechende Bauten nicht nur mittels Bildbearbeitung in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Städtischer Kontext, später angebrachte Werbetafeln und moderne Einrichtung müssen weichen, so dass die ursprüngliche Architektur wieder zum Vorschein kommt.  Jüngst erschien mit „Schöner Tanken! Tankstellen und ihre Geschichten“ außerdem ein umfassend bebilderter Band auf dem Büchermarkt, der sich der Großelterngeneration der Autooase widmet. Goldene Zeiten also für Fans der klassischen Tankstelle – sogar für die nicht motorisierten. (jr, 9.5.18)

Hannover, Tankstelle Caltex, Typ 3 (Bild: PD)

Henselmann (Bild Theater der Zeit)

Der Architekt, die Macht und die Baukunst

Hermann Henselmann gehört zu den prominentesten Architekten der DDR. Bis in die 1970er Jahre war er an bedeutenden Projekten des Landes beteiligt. Seine Bauten standen sinnbildlich für die verschiedenen architektonischen Paradigmen, welche die Baukunst der DDR in dieser Zeit bestimmten. Ein neuer, von Thomas Flierl herausgegebener Sammelband verspricht unter dem eindrücklichen Titel „Der Architekt, die Macht und die Baukunst“ tieferen Aufschluss über Leben und Werk Henselmanns.

Während Henselmann zu Beginn der 1950er Jahre u. a. mit dem Hochhaus an der Weberwiese einen Beitrag zum Aufbau des Prestigeprojektes Stalinallee leistete, zeichnete er später für so bekannte Vertreter der Ostmoderne wie das Berliner Haus des Lehrers und die Hochhäuser der Universitäten in Leipzig und Jena verantwortlich. Der neue Sammelband wird am 29. Mai ab 19 Uhr in der Architektenkammer Berlin (Alte Jakobstraße 149, 10969 Berlin) vorgestellt. Neben Thomas Flierl spricht mit Paul Siegel einer der Autoren, dessen Vortrag Henselmann im internationalen Architekturdiskurs verorten soll. Mit von der Partie sind die Experten Gabi Dolff-Bonekämper, Jan Kleihues, Peter Meyer und Jörg Haspel. Zur Buchpräsentation anmelden kann man sich hier. (jr, 25.4.18)

Flierl, Thomas (Hg.), Der Architekt, die Macht und die Baukunst. Hermann Henselmann in seiner Berliner Zeit 1949–1995, Theater der Zeit, Berlin 2018, ISBN 978-3-95749-116-9.

Titelmotiv: Buchcover, Detail, Theater der Zeit Verlag

"Florian Afflerbach. Der Zeichner" (Bild: Buchcover, Schaff Verlag)

Florian Afflerbach. Der Zeichner

In den Pressebildern des Hamburger Schaff Verlags läuft das Cover-Foto der jüngsten Neuerscheinung unter dem Dateinamen „Flobuch“. An dieser liebevoll-vertrauten Abkürzung lässt sich ablesen, dass es sich um ein Herzensprojekt handelt. Der Zeichner, Architekt, Architekturvermittler und Mitgründer des Schaff-Verlags Florian Afflerbach verstarb im Mai 2016 bei einem Verkehrsunfall. Mit dem Buch „Florian Afflerbach. Der Zeichner“ wird nun die ganze Bandbreite seiner besonderen Begabung sichtbar gemacht.

Präsentiert werden über 300 Afflerbach-Freihandzeichnungen: vom Le Corbusier-Haus bis zum NSU Ro 80, von Bleistift bis Aquarell, von Siegen bis São Paolo. Texte seiner Wegbegleiter vervollständigen den Kunstdruck-Band. Florian Afflerbach hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Zeichenkunst, vor allem im Architekturstudium, wiederzubeleben – weil „gerade die spontane und intuitive Freihandzeichnung es vermag, die Gedanken des Entwerfers authentisch auf ein Blatt Papier zu übertragen.“ Er prägte den Satz und das Motto des Buchs: „Man sieht nur mit dem Bleistift gut.“ (kb, 23.14.18)

„Florian Afflerbach. Der Zeichner“ (Bild: Buchcover, Schaff Verlag)

Florian Afflerbach. Der Zeichner, Schaff Verlag, Hamburg 2018,  Hardcover, 304 Seiten, ISBN 978-3-944405-36-0.

Hamburg, Audi Max (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 3.0, 2017)

Hermkes. Schön.

Fragt man die wahren Connaisseure nach Bernhard Hermkes, entweicht vielen von ihnen ein schlichtes überzeugtes „schön“. Wer es ausführlicher in Wort und Bild möchte, dem sei der gerade bei Dölling und Galitz erschienende Band „Bernhard Hermkes. Die Konstruktion der Form“ empfohlen. Der Architekt und Wissenschaftler Giacomo Calandra di Roccolino beschreibt in der reich bebilderten Monographie die Entwicklung des Architekten, der in Hamburg zu einem wichtigen Protagonisten der Nachkriegsmoderne wurde.

Beginnend mit Kindheit, Studium und seiner Zeit im „Neuen Frankfurt “ der 1920er Jahre unter Ernst May, entfaltet das Buch das reiche Werk von Hermkes. Auch im Dritten Reich versuchte er, seine architektonischen Überzeugungen im Industriebau zu bewahren. Schließlich vereinigte er in Hamburg die Einflüsse der Moderne der 1920er Jahre, Skandinaviens und des Internationalen Stils zu einer unverwechselbaren Handschrift. Hier prägte er Ikonen wie die Großmarkthalle am Oberhafen, die elegante Kennedybrücke, den geschwungenen Audimax der Universität, die kühnen Grindelhochhäuser und die skandinavisch anmutende Siedlung Klein Flottbek. Das Buch wird am 25. April 2018 um 12.30 Uhr im Foyer des Hamburger Audimax (Von-Melle-Park 4) vorgestellt. (kb, 9.4.18)

Frank, Hartmut/Schwarz, Ullrich (Hg.), Giacomo Calandra di Roccolino, Bernhard Hermkes. Die Konstruktion der Form, Dölling und Galitz, München 2018, 400 Seiten, 500 Abbildungen, Halbleinenband, 23 x 28 cm, ISBN 978-3-86218-095-0.

Hamburg, Audi Max (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 3.0, 2017)