Richard Zehrfuss. Poesie der Struktur

Halten wir uns nicht mit der Frage auf, wie er korrekt ausgesprochen wird. Konzentrieren wir uns auf das Werk von Richard Zehrfuss (1911-96), denn das lohnt sich. In Paris widmet die Cité de l’Architecture et du Patrimoine/Palais de Chaillot dem franzöischen Architekten mit tunesisch-elsässischen Wurzeln bis zum 13. Oktober 2014 die Ausstellung “La Poétique de la Structure”. In den 1950er Jahren zählte er zu den führenden Vertretern der Gruppe Espace, die bildende und bauende Kunst zusammenbrachte.

Zehrfuss machte sich bereits vor dem Zweiten Weltkrieg einen Namen, schaffte es 1939 bis zum Prix de Rome. Nach Jahren des (Wieder-)Aufbaus in Tunis kehrte er nach Paris zurück, dessen moderne Seite er entscheidend prägte. Zu seinen berühmtesten Bauten zählt hier sicher das UNESCO-Gebäude (mit Marcel Breuer and Pier Luigi Nervi) aus dem Jahr 1953. Doch auch sein Spätwerk, das Musée de la civilisation gallo-romanine in Lyon (1979) ist einen Besuch wert. In der Pariser Ausstellung geben originale Entwürfe, Pläne, Fotografien und Filme einen tiefen Einblick in sein umfangreiches Schaffen. (kb, 10.7.14)

Das Musée de la Civilisation gallo-romaine in Lyon (Bild: Christian Thioc, Copyright:  Musée de la civilisation gallo-romaine)

Graue Architektur

Wiederaufbau fand nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur auf den amtlich dafür vorgesehenen Wegen statt. Jenseits von Genehmigungsprozessen und Geschmacksurteilen wurde vielerorts ganz einfach gebaut – “graue Architektur”, wie sie Benedikt Boucsein in seinem gleichnamigen Buch nennt. Der Schweizer Architekt spürt den Entwurfsprinzipien hinter diesen scheinbar wild gewachsenen Bauten nach. Am Beispiel der Essener Innenstadt zeichnet er zugleich eine Geschichte des “Wiederaufbaus von unten”.

Boucsein würdigt damit eine Leistung, die nach dem Krieg unter großem Zeit- und Finanzierungsdruck entstand. In ganz eigener Weise verbanden diese Bauten traditionelle und moderne Formen. Ihre Besonderheiten zeigt die Publikation sowohl mit historischen Materialien als auch mit rund 50 aktuellen Architekturfotografien aus Essen, Düsseldorf und Köln. Der Leser gewinnt so nicht allein neues baugeschichtliches Wissen. Darüber hinaus gibt Boucsein auch Architekten und Denkmalpflegern eine Entscheidunghilfe für eine Baugattung, die uns in den kommenden Jahren zunehmend beschäftigen wird. (kb, 9.7.14)

Benedikt Boucsein, Graue Architektur. Bauen im Westdeutschland der Nachkriegszeit, Verlag der Buchhandlung Walther König, 2012, 172 Seiten, 25 x 20 cm, ISBN 978-3865607614.

Graue Architektur (Bild: Walther König)

Wie sah der Sozialismus aus?

Die Erinnerung an den Sozialismus verbindet sich heute immer stärker mit dem alltäglichen Leben. Für die Tagung “Visual Cultures of Socialism – A Comperative Approach”, die vom 18. bis zum 20. März 2015 an der Universität Hamburg stattfinden wird, sucht der Fachbereich Geschichte noch nach Vorschlägen zum Thema: Was waren die Bildwelten jenseits der offiziellen politischen Inszenierung?

Geklärt werden soll, was den Sozialismus wiedererkennbar machte: die Bilder und Dinge aus dem Alltagsleben und der Massenkultur des späten Sozialismus. Überregional vergleichend kommen hierfür die Sowjetunion und Osteuropa ebenso in den Blick wie China und Nordkorea. Der DDR und Jugoslawien wuchs als Grenz- und Mittlerländern zum Westen eine besondere Bedeutung zu. Die Konferenzsprache ist Englisch, eine Tagungspublikation ist geplant. Kurze Abstracts (bis max. eine Seite) für eine halbstündige Präsentation sowie ein kurzer Lebenslauf können bis zum 25. Juli 2014 gesendet werden an: monica.ruethers@uni-hamburg.de. (kb, 8.7.14)

Suhl, “Centrum”-Warenhaus (Bild: Bundesarchiv Bild 183-H0913-0023-001, Foto: Dieter Demme, 1969, CC BY SA 3.0)