Bürgerhaus Emmertsgrund reloaded

Heidelberg, Bürgerhaus Emmertsgrund, kleiner Panoramasaal (Bild: Bürgerhaus Heidelberg)
Heidelberg, Bürgerhaus Emmertsgrund, kleiner Panoramasaal (Bild: Bürgerhaus Heidelberg)

Kein Geringerer als der Sozialpsychologe Alexander Mitscherlich – der mit seinem Buch „Die Unwirtlichkeit der Städte“ zu einer Leitfigur der Umweltbewegung wurde – saß in der Gutachterkommission. Am südlichen Rand von Heidelberg plante man Mitte der 1960er Jahre das Wohngebiet „Emmertsgrund“ für 11.000 Menschen entstehen. Zwischen 1970 und 1975 entstand in den grünen Hängen eine markante Großsiedlung. 1975 zog sich Mitscherlich als Gutachter vom Projekt zurück.

Mit den Jahren wandelte sich das Konzept, man baute Ein- und Zweifamilienhäuser. Nur 1992 wurde noch ein 18-stöckiges Bürohochhaus in die Siedlung gesetzt. Es half alles nichts, langsam rutschte der Emmertsgrund – im Vergleich zum gutbürgerlichen Heidelberg – in den Ruf eines sozialen Brennpunkts. Dieser Entwicklung wirkt nun seit einigen Jahren ein Quartiersmanagement entgegen. Der Emmertsgrund soll im begehrten Lebensraum Rhein-Main mit seinen Stärken – modernes Wohnen in naturnaher Lage – bekannt gemacht werden. Im Zuge dieses Projekts wurde auch das Bürgerhaus Emmertsgrund im Geist der Nachkriegsmoderne renoviert und 2012 eingeweiht. Das Architekturbüro Reichel und Benkeser wurde im Herbst 2014 für seine Arbeit mit dem Hugo-Häring-Preis ausgezeichnet. (kb, 20.10.14)

Bauten für die Wartegemeinschaft

Soviet Bus Stops (Bild: C. Herbig)
Christopher Herbig fotografierte sowjetische Alltagsarchitektur (Bild: C. Herbig)

„Nur wartende Menschen/und nirgendwo ein Bus“, so besangen einst die Toten Hosen die festgefahrene Gesellschaft im Kuba Fidel Castros. Im „Bruderstaat“ UdSSR konnten sich die Wartenden zumindest an ungewöhnlicher Architektur freuen: die sowjetischen Bushaltestellen präsentierten sich nicht standardisiert, sondern bestachen durch Lokalkolorit und teilweise expressive Bauformen. Man könnte fast glauben, hier wollte jemand der spöttisch beschworenen „sozialistischen Wartegemeinschaft“ ein Denkmal setzen.

Der Fotograf Christopher Herwig hat diesem bislang kaum beachteten Stück Architekturgeschichte nun einen eigenen Bildband gewidmet. Für das Projekt legte er eine Strecke von über 30 000 km zurück und bereiste 13 Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: die porträtierten Bushaltestellen präsentieren sich mal als Miniaturmoschee in der kasachischen Steppe, mal als konstruktivistische Betonskulptur. Andernorts trifft man aufs überladene Schmuckkästchen voll sozialistisch-realistischem Kitsch oder auch einen überdimensionierten Mongolenhelm. Wer noch ein Exemplar ergattern möchte, sollte sich beeilen: der durch crowdfunding finanzierte Bildband wurde in einer streng limitierten Auflage von 1500 Exemplaren gedruckt, Restexemplare gibt es nur noch auf Nachfrage! (jr, 19.10.14)

Herwig, Christopher, Soviet Bus Stops. Limited edition photo book by Christopher Herwig, 2014, 128 Seiten, 28,5 x 21,5 cm.

Scharounwohnen

Berlin-Siemensstadt (Bild: D. Antony)
Berlin-Siemensstadt (Bild: D. Antony)

Carsten Krohn erarbeitet aktuell ein Werkverzeichnis des stilprägenden modernen Architekten Hans Scharoun (1893-1972). Dabei dokumentierte Krohn Scharouns Bauten aus heutiger Sicht auch mit der Kamera. Seine fotografischen Entdeckungen – Aufnahmen zu 20 Scharoun-Bauten in Insterburg, Stuttgart, Berlin, Breslau, Löbau, Potsdam, Bremerhaven, Zermützel und Böblingen – wird bis zum 31. Oktober 2014 (Donnerstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr) in der Infostation in der Berliner Siemensstadt ausgestellt. Der eingeschossige Ladenbau, vom Architekten Fred Forbat 1929 in der Goebelstraße/Ecke Geißlerpfad errichtet, wurde von der Wohnungsbaugesellschaft „Deutsche Wohnen“ als Informations-Stützpunkt für Fachtouristen hergerichtet.

Vor Ort soll beispielhaft die Großsiedlung Siemensstadt präsentiert werden, die von namhaften wie Architekten Hans Scharoun oder Walter Gropius oder Hugo gestaltet wurde. Die Infostation bietet Informationsmaterial zum Thema an und ist auch für private Veranstaltungen zu mieten. Für einen ersten Überblick kann man einen Plan der Infostation (Infostation Siemenstadt, Goebelstraße 2, 13627 Berlin, 030/420269612, hier auch die Öffnungszeiten auf Anfrage) herunterladen. Kostenpflichtige Führungen durch diese und andere Siedlungen sind buchbar unter info@ticket-b.de oder Tel. 030/ 420 269 612. (kb, 18.10.14)