Neues Bauen am Ural

Fällt der Name Ernst May, denkt man wohl in erster Linie an die Siedlungen des Neuen Frankfurts, vielleicht noch an Hamburg Neu Altona oder die Neue Vahr in Bremen. Mit dem Entwurf prototypischer Arbeitersiedlungen in der UdSSR verbinden ihn jedoch die Wenigsten. Und doch verbrachte der ehemalige Frankfurter Stadtbaurat die Jahre 1930 bis 1934 in der Sowjetunion, wo er mit Unterstützung seiner Kollegen Mart Stam, Grete Lihotzky, Walter Schwagenscheidt und anderen die von Nikolaj Miljutin umrissene Vision des „Sozgorod“ (dt. „sozialistische Stadt“) praktisch umsetzen sollte. Mit großen Kompetenzen ausgestattet, gingen die deutschen Architekten und Stadtplaner daran, auf der grünen Wiese Retortenstädte für die sowjetischen Arbeiter zu entwickeln. Sie befanden sich im Wettlauf mit der rasanten Industrialisierung.

Die ernst-may-gesellschaft in Frankfurt widmet diesem Themenkomplex seit Mitte Mai unter dem Titel „Magnitogorsk – Alte und neue Ansichten einer May-Stadt am Ural“ eine Fotoausstellung. Gezeigt werden historische und aktuelle Bilderpaare mit Motiven der von May geplanten Stadt Magnitogorsk. Die Perspektiven sind die gleichen, der Zahn der Zeit hat dem Motiv aber in der Regel sichtlich zugesetzt. Die Ausstellung ist noch bis zum 31. Juli 2014 zu sehen. (jr, 4.6.14)

Verwaiste Schule in Magnitogorsk, Architekt Wilhelm Schuette (Bild: Mark Escherich)

Heimat auf Trümmern. Lübeck 1942

Dieses Mal ging es nicht um ein hochrangiges militärisches Ziel. Als die Altstadt von Lübeck am 29. März 1942 bombardiert wurde, ging es um die Stadt selbst. Bis heute wird schmerzhaft erinnert und beschrieben, wie die mittelalterliche Marienkirche und das Kaufmannsviertel der Buddenbrocks verloren gingen. Beim Verlag DOM publishers lenkt Jörn Düwel, Prof. für Architekturgeschichte an der HafenCity-Universität Hamburg, nun den Blick auf die weniger bekannten Opfer des Flächenbombardements.

Mit ausgewählten Quellen und Abbildungen beleuchtet Düwel in seiner Publikation „Heimat auf Trümmern“ den Lübecker Städtebau von 1942 bis 1959. Gezeigt werden nicht allein die Planungen für den Wiederaufbau der Altstadt. Düwel untersucht ebenso die lange unbeachteten Orte an den Rändern der Hansestadt: die Lager der Zwangsarbeiter, Vertriebenen und Flüchtlinge. (kgb, 3.6.14)

Jörn Düwel, Heimat auf Trümmern. Städtebau in Lübeck 1942-1959 (Grundlagen 20), DOM publishers, 2013, 280 Seiten, 23 x 21,2 cm, ISBN 978-3869221144.

Nichts war für Lübeck so einschneidend wie das Flächenbombardement von 1942 (Bild: DOM publishers)

Die Kleinmarkthalle Frankfurt wird 60

Sie zählt zu den wenigen bedeutenden Fünfziger-Jahre-Bauten der Frankfurter Innenstadt, die nicht in den vergangenen zehn Jahren der Abrissbirne zum Opfer fielen – nun wird die Kleinmarkthalle in der Hasengasse 60 Jahre alt. Am 29. März 1954 wurde der Bau der Architekten Gerhard Weber und Günther Gottwald eingeweiht, der auf rund 1500 Quadratmetern 64 Feinkost-Händlern Platz bietet und weit über die Grenzen Frankfurts bekannt ist. Die Halle ersetzte seinerzeit – nicht unumstritten – die im Krieg schwer beschädigte alte Kleinmarkthalle von 1879. Ihre Ruine wurde nach der Eröffnung des Neubaus abgerissen.

Seit Jahren ist die denkmalgeschützte Kleinmarkthalle sanierungsbedürftig. Der damalige Frankfurter Planungsdezernent schlug 2005 gar den Abriss vor – mit verheerendem Echo: Die Wellen der Empörung schlugen in der Bevölkerung hoch. Nun ist für 2016 eine Sanierung bei laufendem Betrieb geplant. Ende Mai gab es zum Jubiläum eine Feier, bis zum 24. Juni ist auf der Empore die Ausstellung „60 Jahre Kleinmarkthalle. Ein Stück Frankfurt mit Herz“ zu sehen. Der Eintritt ist während der Markthallen-Öffnungszeiten kostenlos. (db, 2.6.14)

Frankfurt, Kleinmarkthalle (Bild: GraphyArchy, CC BY SA 4.0, 2018)